Unheilbar fleischig - Stefan T. Gruner - E-Book

Unheilbar fleischig E-Book

Stefan T. Gruner

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Beschreibung

Handlung in einer Großstadt. Es geht um die Liebe eines Therapeuten - der selber drogenabhängig ist - zu einer Drogenabhängigen. Die unterschiedlichen Abhängigkeiten werden weder bewertet noch erklärt. Sie sind - auch wenn sie paradox sind.

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Seitenzahl: 174

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Frühherbstregen. Wasserfiesel. Hunde und Katzen verkrochen verdrückt. Ach verarbeitet seine Dröhnung, spurtet auf die angekippte wundrote Post zu, Regentropfen als Kinderfäuste gegen seine Stirn, seinen Hals.

Die Posttür ist geschlossen: Mittagspause. Schalterschnarcher! Die Uhrzeitzahlen am Anschlag strecken ihm ihre Zunge raus, kichern ... die 4 stößt die 1 schadenfroh in die Rippen. Sie biegen sich vor Vergnügen ... Ach klebt mit dem Rücken an der Tür. Die Regentropfen verlängern sich. Ihm fliegen silberne Löffel um die Ohren ... Die Autos ziehen ihre Lackfarben als Hautfähnchen hinter sich her. Vorn sind sie speiweiß ... Leute gespenstern unter Regenschirmen über den Parkplatz, panikbunt oder katastrophenschwarz ... Da macht sich ein Lastwagenrad selbständig, rollt in Zeitlupe auf ihn zu. Bevor es ankommt, muss er so klein sein, dass er in eine seiner Rillen passt. Aber schrumpfen ist noch schwerer als wachsen ... Sein Herz klopft in einer Blechbüchse. In seinen Lungen rasselt es als atme er Kleingeld. Nie wieder mit der Sonne im Blut im Regen! Die Sohlen lösen sich von seinen Stiefeletten.

Traurige Lederfahnen. Fußsignal und Beinschrei für die Zivis in ihren hochhackigen texanischen Stiefeln, in denen sie Handschellen, Hundemarken, Sprechfunkgeräte verstecken ... Die Jeans pappen, die Jacke ist mit Regenblei gefüttert ... Am hellen Mittag sind seine Pupillen aufgespannt, leuchten verräterisch ... leichte Beute, leicht hetzbar ... Was'n meine Zeile in dem Stück? ... Besorgt läuft er los. Sprachwitz nennt das »Beine unter die Arme nehmen«. Der Einfall kostet ihn fast einen Sturz in den Gully ... Von der Post zu Tschibo liegen genau die dreihundert Meter, die ihn auch von der Milchstraße trennen.

Grita ist ein Passantenstopper ... Es ist nicht ihre Schönheit, es ist der Alarm ihrer Bewegungen, der ihre Schönheit vernichtet. Eine grelle komplizierte Sexualität umflattert ihren Gang.

In ihren Augen küsst die Flammenspitze eines Schneidbrenners einen Zitronenfalter.

Ihr Körper ist scharf, gemein und aufdringlich. Er lässt die Schwänze aus den Augen der Männer springen. Im nächsten Moment ist sie ganz zurückgezogen, verletzt, besudelt: dann weckt sie Schutzengelinstinkte. Dann möchten alle Muttis herbeieilen, um ihre Locken zu streicheln. Sie merken erst an den blutigen Fingern, dass sie in Metallspäne gegriffen haben ...

Grita ist eingerahmt von Müßiggängern mit schweren Lidern, die im CANSAS weinerliche Gespräche führen.

Schnieki, Schnaki, Prahli und Trani, Püppi und Sacharino, sie alle haben, jeder auf seine Art, die Probleme der Welt geschultert, an dieser ihrer Kummertheke, und einige dazu erfunden, damit ihre Nasen noch gewichtiger in die Gläser sinken ... Oh schöne Endzeit ...

Ach sitzt die Suche nach platter Zerstreuung im Nacken.

»Und? Habt ihr mal wieder E.T. gesehen?« fragt er ins Blaue der Runde.

»Nö«. meint Grita.

Die andern sagen erstmal vornehm nix.

»Hör mal, Boxhandschuhgesicht mit Telleraugen in Astralcolor!« fasst Ach nach.

»Ah, ja?« feixt Grita.

»Glühfinger an der Hand eines außerirdischen Watschelpatschels!« lockt Ach.

»Moment! Ist das dies Weltallmärchen für Gehirnamputierte?« forscht Grita streng.

»Exakt« bekennt Ach. Und stürzt beschämt in sich zusammen.

»Na herrlich! Gehn wir!«

Sie gehen, aber fürs Kino sind sie eine Stunde zu früh gegangen.

Sie beschließen, sich im REDWOOD noch ausgiebig anzuschweigen. Im REDWOOD läuft kompromisslos Rock‘n‘Roll aus den Gründerjahren, oldies but boldies, auf Stereo verzerrt und durch schrankhohe Boxen gejagt ... dazu Stahltheke und Eisdielengestühl mit geometrischen Mustern ... Die Seitenbleche eines 58er Buick stecken im Wandputz.

Neben dem Tisch, an dem sie sitzen, ist ein Terrarium in die Holzverkleidung eingelassen. Im rosa Lichteuter hat sich eine Schlange eingerollt, Augen offen, stockstill ... eine Polyesteratrappe mit Glasknöpfen? Ihre Zunge züngelt elektrisch. Wer will, kann sie anfassen. Grita macht durch robustes Hämmern am Schauglas auf sich aufmerksam ... In dem Drahtkäfig über der Theke tanzten früher die Affen. Dann kam der Tierschutzverein. »Jetzt stecken wir böse Gäste rein.«

Grita will ein Koko (Kola mit Korn) nach all den Kakos (Kaffee mit Kognak). Sie nippt, pustet Rauch, guckt leicht beschickert, verflirrt, angetörnt. Augen farbfeindliche Kiesel. Vollendete Wimpern und Brauen. Haar in öligen Kräuseln über Stirn, Ohren, Schulter: sorgfältig um das Gesicht gewühlt, mit der Peitsche ausgebürstet. Ein Gesicht, zum Weinen jung. Ein Profil, das an den Rändern zu brennen beginnt, wenn man es länger betrachtet ... Grita rundum geladen mit einer knappen sturzunglücklichen Vergangenheit, die nach Zuhörern schreit, aber niemanden kümmert.

In einer Anwandlung von Telepathie entdeckt sie bei Ach das Heimkind. Sie tauschen Heimerfahrungen wie Kriegsveteranen Patronenhülsen. Es bringt nichts, löst nichts, tröstet nichts ... aber es erhitzt ihre Lippen. Zwischen den abgefeimtesten Kinderschändungen, die sie sich vorleiern, bemerkt Ach im Ton einer Elfmeteransage »Ich muss dich jetzt küssen«, steht auf und küsst sie, setzt sich wieder und küsst sie wieder, über den Tisch weg, Nase im Rauch ihrer Zigarette.

Grita möchte gern grausam gefühllos unverwundbar sein. Außerdem gerissen abgefackt runtergerieben und berechnend und ähnliche gemütszertrümmernde Sachen ... Irgendwann zahlt sie es ALLEN heim! Wie denn nicht. Noch ein Koko. »Nicht dass du denkst, ich wär breit. Ich bin kein Alki. Nur die Kiemen gut naß.« Noch mehr Küsse. Aufglänzende Augen. Lächeln. Hand in Hand aus dem REDWOOD, durch das Spießrutenbad abschätzender Blicke, unvermeidbar in ihrer Nähe ... und plötzlich auch noch Buddy Hollys »That'Il be the day« an den Hinterkopf gekeult ... raus in den Nieselschnee, über das glimmernde glitschige Pflaster, neondurchzuckte Kacheln, Satans Küche, haut Leute wahllos in die Pfanne, dabei möchte jeder von sich den Eindruck unantastbarer Tiefkühlkost hinterlassen ... Beide sind zu leicht beschuht. Beide laufen im Schneewasser wie mit Saugnäpfen an nackten Sohlen. Dazu die Eiszapfen im Kopf, hüpfend und lachend, mit eingezogenen Schultern, dem Kino entgegen.

Gritas Zottelschopf kerbt sich aus den Lichtwaben der Fußgängerpassage. Ihr Profil steht im Schaufenster mit Säure ans Glas gesprüht. Ihre Figur schlägt Löcher in den Kaufhausmarmor. Über eine Pfütze gespreizt zeigt sie Ach den Riss an der Naht ihrer Jeans im Schritt, wo der Stoff die Form nicht mehr bändigt. Seine Bewunderung tut sie ab mit dem Geständnis von Fettsteiß, Hohlkreuz.

»Schmissiger Krüppel.«

»Weil keiner mehr weiß, was NORMAL ist!«

Ihre Augen saugen sich am Leuchtschild einer Pizzabude fest.

Ein Nagel in ihrem linken Stiefel macht sie streckenweise humpeln; wenn die Spitze des Nagels eine bestimmte Stelle ihrer Ferse trifft, stockt sie und zischt durch geschlossene Zähne Luft ein.

»Wer mir das repariert, den knutsch ich, bis er schielt!«

»Gibs doch zum Schuster.«

»Bist du bescheuert?«

»Tschuldigung.«

Die Schneeflocken schmelzen beim Aufschlag aufs Pflaster. Auf polierten Kühlerhauben verschrumpeln sie augenblicklich zu Gänsehautperlen, die sich unter dem Fahrtwind ducken, aneinanderflüchten, als Zitterfäden an Türen und Seitenfenstern zum Heck kriechen.

Vor den Scheinwerfern strahlen sie sinnentrückenden Glitzer ab. Eh sie im Reißwolf der Reifen verschwinden.

Achs Schritte sind Grita zu lang! Sie läuft in ihrer Steppjacke an den futuristischen Modegeschäften vorbei, Fenster vollgerammt mit Guccis und Puccis und Fuccis, und sie erzählt von einem, der ihr unbedingt einen Pelzmantel kaufen wollte. »Aber in einem Pelz wirst du zur TONNE ... Ich HASSE Pelze ... Die armen TIERE ... « Und so weiter. Erst an der Pizzabude kommt sie wieder zu sich.

Sie kauft zwei quadratische Pizzen der Sonderklasse auf Papptellern. »Du brauchst was auf die Rippen.« Ach verschlingt die heiße Pizza im Gehen, mit dem Rücken zur Schneefallrichtung. Als er ihr seine Geschmackseindrücke mitteilen will, hat sie schon alles weggeputzt. Dann will sie Kola und Zigaretten. Davor will sie wissen, was er von ihr hält. Sie hat vor sich selber Angst. Angetupft von ihren Lippen öffnen sich die Geheimfächer seiner Lust.

Grita hat einen merkwürdig rempelsüchtigen Gang. Die Leute kommen meist nur an ihr vorbei, weil sie ausweichen. Andererseits ist ihre bolzengrade Wut ausgepolstert mit allen Signalen weicher Zudringlichkeit ... Sie bevorzugt knalleng und kreischbunt ... Es ist wie eine schmierige Aura, ein optisches Verhängnis. Das cocacolafabene Haar. Die scheinwerfergelbe Jacke. Die bremslichtroten Jeans. Die matallicweißen Stiefel ... Sogar ihre grüngelben Augen sind je noch Licht und Stimmung Eiterpfützen oder Edelsteine. In einem Moment lauern sie noch glühend unter Wimpernschatten, im nächsten springen sie gehetzt zur Seite und suchen angewidert Versteck ... Grita bewegt sich mit einem schamgeborenen Zeigedrang, den die Männer sofort wittern und nutzen.

An der Kinokasse besteht sie auf diese idiotischen Schokorollos mit Karamellkern, die sie in ihren Fingern zermatscht und an die Kinosessel wischt.

Der Film fließt bruchlos aus den Werbespots von Nordsee-Bohrinselträumen zu Raumschifffantasien ... Es geht weiter mit Maschinengeklimper und rühseligem Technoschrott ... Noch die langweiligste Gürtelschnalle transportiert mystische Rätsel ... Die Farben sind augensengend. Genau passend zu ihrer Flipperstimmung, die von Berührung zu Gegenberührung amok läuft ...

Leider ist Grita kein Fan von Küssen. Ihre Lippen erinnern an gekochte Schnecken. Achs Zunge taucht beim Spaziergang durch ihren Mund überrascht in Frischmilchgeschmack wo er auf Tabakaroma gefasst war. Sie treibt ihm gelassen Honig aus dem Horn ...

Sie rennen zu Achs Auto (Ach kriegt diese auf den Fahrrädern durch die Luft fliegenden Kinder nicht aus dem Kopf). Der rechte Vorderreifen ist hart an den Bordstein gepresst, glänzt lustnass. Motor Licht Scheibenwischer Radio Zigarettenanzünder gehen gleichzeitig an und mit ihnen los ...

.. untergedanklich vor allem, automatisch mechanisch eingeschliffen vorgeführt ... Grita, von nirgendwo aus den Steinritzen Neontürmen Chromsäulen gewachsen, über Ach gerollt geringelt ... Pulssprünge sind die Antwort. Was war die Frage?

BUMSEN, KNALLEN, POPPEN, NAGELN, RAMMELN ... Worte der Kollision, Karambolage. Worte eines zerfetzenden Ineinanderfahrens, bei dem immer einer auf der Strecke bleibt. Vernichtung in der Vereinigung ... Klangbilder von Auffahrunfällen ... Man steckt in Beziehungskisten, fährt auf einen ab ... Der mit seiner Nadel verheiratete Junkie BALLERT ... Er jagt sich die Fäuste, die beim Süffel noch auf Nachbars Nase klatschen, in den eigenen Leib. Seine Enthemmung ist nicht weniger brutal - nur implosiv. Wenn er sich nicht umbringt, wird er zum prächtigen nervenlosen Kriminellen, der kalt bleibt, wo die Gelegenheitsmörder ihre sentimentalen Schübe bekommen, die nicht mal vor Reue haltmachen. Reue ist Schwäche. Liebe ist der Offenbarungseid. Schießen und Schüsse setzen, der Rest hört keine Glocken.

Ach sucht den Ort, wo er uneingeschränkt betrauert wird. Dieser Ort ist aber nicht in seinem Rücken, im Vergangenen - dort stehen alle Türen offen - sondern vorn, wo sie dicht gemacht haben ... »sie«, er weiß auch nicht wer. Sie lachen oder drohen: »Entweder du wirst jetzt erwachsen oder wir stampfen dich ungespritzt in die Erde!« Ach gibt sich gekränkt, weil sie ihm etwas nehmen wollen, was er nie genossen hat. »Habt ihr mich je im Schlaf bewundert?« Sie zeigen ihm den Vogel, schnalzen gelangweilt mit der Zunge. Vor allem versuchen sie ihm ständig eine Schlinge um den Hals zu werfen. Angeblich handelt es sich um eine Krawatte, die er für ein Vorstellungsgespräch tragen soll. In Wahrheit steht er am Ende eines schmalen Bretts, das aus der Mitte der Schuld-und-Schanden-Brücke über eine schwindeltiefe Schlucht ragt. Unten schäumt der Fluss. Alles ist sehr erregt. Sogar die Berggipfel toben. Achs Adern öffnen sich der Sommerluft.

Drei Uhr morgens Kaffee, zu schwarz, zu süß, zu kalt. Vor Müdigkeit entgleiste Sinne. Einen Gaumen aus Kork. Die Augen haltlos umherirrend. Dumpfes im Rumpf, Düsternis außen ... Abwechselnd überscharfe Einzelheiten und ausufernde Weichzeichnungen. Ach hört Grita zu, versteht nichts. Er denkt etwas, auf das sie antwortet, muss also geredet haben, bemerkt umgekehrt ihr Schweigen bei vielen seiner hochinteressanten Äußerungen, vielleicht doch nicht über die Lippen gebracht ... Kopf versagt, Worte verfallen ... Davon unbeschadet ihr Einverständnis, verstärkt sogar, verstärkt oder verlagert, die Sinne umorchestriert ... ihre Lider schwellen zu Kirschbaumästen ... Es ist eine Intensität an der Grenze zur Verwilderung, wo eine Frau, die mit einem frisch gebrochenen Krallenfuß eine Suppe rührt, beim Probieren sagen kann: »Es schmeckt noch nach Krähe!«

Brach eben ein Leberfleck aus ihrem Kinn? Jetzt sondert ihr Hals vom Licht der Strandbar gefärbte Meerschaumwogen ab (seine Augen als Wellenbrecher). Danach verfünffacht sich ihr Haar. Ihre Lippen glänzen unwirklich, teils mit Altöl, teils mit Wutschaum bestrichen. Regenbogen hängen aus ihren Mundwinkeln. Ihre Finger liegen auf der Tischplatte wie schlaffer Spargel ... Jede Veränderung gleitet folgerichtig aus der vorherigen: jede öffnet etwas von ihrer Nachtpersönlichkeit, um dem Tag einigermaßen erträglich entgegenzuwachsen.

Sprechen sie über Liebe oder lieben sie sich? Oder beides, durch die Räume wandernd, einer hinter dem anderen her, mit abwechselnder Führung? Sicher ist nur die brennende Kerze neben dem Bett ... Männer wollen immer sehen, hat sie gehört; sie halten den Wunsch nach Dunkelheit, nach bloßer Tast- und Geruchslust für Scham! Vernageltes Geschlecht! ... Ruhige Enteignung des Gehirns ... Zwei überschwere Plümos (mit Sägemehl gefüllt?). Wenn man reinboxt, bleibt eine anklägerische Delle ... Balgen sie sich mit entflammten Körpern oder liegen sie still mit um sich schlagenden Zungen? Wie berühren sie sich? Können Gedanken keuchen? Stöhnt sie nicht schon auf Verdacht? Es überrascht ihn. Es überrascht ihn nicht. Zu den wenigen Funden heute gehört, dass Fälschungen echter sind als das richtige Ding.

Wohin verflüssigen sich die Bilder, wenn seine Zunge ihre Muschel öffnet, er das Zimmer durquert oder ihr etwas in den Gang nachruft? Sie redet eindringlich, mit echohallenden Effekten ... Egal was sie sagt, er hat es irgendwo schon gehört, meist besser ... »Ich hatte einen Finger in mir, auf dem Bett in meinem Zimmer, oben vom Dachboden riefen die Jungs LUTSCH UNS, unten wimmerte die Mutter HILF MIR, während sich der Vater mit dem Revolver den Kopf kratzte, BLAS UNS EINEN SO HILF MIR DOCH, ich einen Finger in mir, der Vater mit einer Kugel im Kopf auf dem blutüberschwemmten Tisch, ich mit dem Finger in mir alle Fäden haltend, alles zugleich erlebend, für jeden da, weil allein, ungestört mit diesem Finger als Füller und Fühler für die Jungs oben und Mutter unten und Vater über dem Tisch, ja ... komm schon oder komm noch nicht, halt an, steiger dich, beweg dich, ja ... da ist immer ein Vater ein blutendem Kopf zwischen uns, eine wimmernde Mutter, wichsende Jungs, verletzte Kinder, ich hab alles im Griff, beweg dich, gib mir die Schenkeldröhnung, JETZT, oder wart noch, er wächst noch, hart vor Gier ist toll, ich hab alles im Griff, glaub mir nichts ... « Ach glaubt ihr nichts. Ist das wenigste, was er machen kann.

Leichte, inwandig leuchtende Bildbrisen ... Sie beide in Embryonalhaltung frei schwebend, er löffelt sie, aufgelöffelt, zusammengeschweißt (sie ist gekränkt, wenn der Mann sich abwendet; anders herum ist es was anderes, richtig - aber warum richtig?) Blüten in abartiger Fülle rieseln durch seine Augen. Er durchfingert Baumkronen ohne sich abzustützen, ein Raubtierrachen umschließt seine freie Hand wie warmer Honig, er gleitet über Ginsterebenen, Alpentäler, die beim Näherkommen allerdings auch die Klüfte einer Großstadt vom Kaliber Shanghai werden können, beiläufige Grüße von Narziss und Nikotinmund, nie bedrohlich, selbst wenn Messer fliegen ... der Genuss der eigenen Unverwundbarkeit ... ein Hochgefühl mit Wetterleuchten im Haar, prasselnde Lichtblitze ... danach Gliederdehnen. Räkeln. Schlaf ...

Oder doch nicht.

Doch nicht! Scheiß die Wand an. Mach, was du willst. Folter. Sie muss um halb fünf raus. Der Wecker ist unerreichbar unterm Bett versteckt, damit sie ihn nicht sofort zertrümmert, wenn er losgeht. Er geht los, als wolle er seine Zahnräder durch die Matratze ohne Federlesen in ihr Fleisch schlagen. Echtes Alarmgerät. Sie überdösen es.

AIs zweite Sicherung ist um fünf nach halb der telefonische Weckdienst eingebaut.

Hängt der Hörer von der Gabel, was jeden andern Tag passiert, läutet um zwanzig vor der Nachbar auf dem Weg zur Arbeit, bis Grita (nur sie!) öffnet. Andernfalls hat er den Befehl - als Bitte verpackt - die Tür einzutreten.

Also geht Grita öffnen, ruft möglichst klar »ALLES KLAR!« begegnet seiner Blickkontrolle mit einem duschfrischen Augenaufschlag, sagt »WIRKLICH«, wackelt zurück und pennt weiter.

»Ich mach uns frischen Kaffee. Der hier ist zu schwarz, zu süß, zu kalt.«

»Egal. Bleib liegen. Schnorchel noch was.«

»Ich steh auf.«

Sie schleppt sich vor die Tür und klaut Nachbars Brötchen. Wo sie schon draußen ist, sammelt sie gleich die Zeitungen mit ein.

Ach bestreicht knisterfrische Brötchen mit einer Margarine Lichtjahre über dem Verfallsdatum.

»Versuch mal das Rübenkraut.«

»Hast du was Salziges?«

»Am Morgen?«

»Ja.«

»Nein.«

»Gut.«

Sie raucht und sagt etwas zu den Vorhängen. Er bastelt an einigen Variationen zu dem Satz »Sie schliff ihre Worte bis zu dem Punkt ohne Rückkehr«.

Als er wieder zuhört, sagt sie: »Ich schlafe für normal nicht mehr im Bett ... neulich bin ich auf dem Sofa eingepennt, im Schlaf runtergefallen ... gekugelt ... durch die Tür in den Gang gerollt ... vom Gang ins Kinderzimmer, alles im Schlaf ... und aufgewacht bin ich im Kinderzimmer unterm Fenster, mit einem Ohr an der Heizung.«

»Die einen träumen, sie wandern, die andern wandern los, um nicht zu träumen.«

»Aber so kopflos durch die Wohnung rollen, im Tiefschlaf, ich weiß nicht.«

»Manche ziehn sich so an der Dachrinne durch die Nacht.«

»Na ja. Ich muss.«

»Was machst du in dem Krankenhaus?«

»Putzen. Ärsche, Betten, Klobrillen. Für meine Mutter und so bin ich aber PFLEGERIN. Verstehst du?«

»Ja.«

Plötzlich ist sie schroff traurig, rennt zur Straßenbahn, Haare unfrisiert (bewegt wippende Schlafzottel) der Lächerlichkeit ausgesetzt wie ein um Achtung ringender Passant, dem Kinder ein ICH EITERPICKEL Plakat auf den Rücken kleben konnten.

Der neue Tag, furios und sinnfern wie sonst, emsig bewegt, voller Kreishandlungen, Missgriffe, dazwischen herzklopfend ans Telefon, kurzes »lch-denk-andich«, das sich ausweitet, fast ein Gespräch wird. Grita macht den Hörer zu einem pulsierenden Stück ihres Halses. Ach presst sein Ohr dran. Er begleitet sie an der Strippe durch ihr Zimmer, zum Abendessen, in die Badewanne, vors Fernsehen ... am Ende findet er nur deshalb die Kraft aufzulegen, weil er »bis gleich« sagen kann, zum Wagen rennt und zu ihr fährt.

Er segelt heran mit der unbekümmerten Gier des Eroberers, der durch eine hastig in die Küste gerammte Fahne das Neuland für einverleibt hält ... alle Signale des Siegers sind ausgefahren ... Sie kennt diese Angriffe. Winkt freundlich und tritt weich beiseite.

Ach guckt flirr. Er fühlt sich so aufgebrodelt, dass er sich einbildet, in den Fluten der zurückgestauten Lustströme kollabieren zu müssen.

Er japst schon mal für alle Fälle.

Natürlich hat sie recht! Natürlich hat sie die Übersicht und die Klarheit UND das wachere Begehren, während er als minderwertiger Pfingstochse dasteht! Aber die sittlichen Zurufe seiner Hirnzellen werden vor dem Innenohr abgefangen, bis er aufspringen muss und - in Schräglage auf einem Bein hopsend - den Druck des besseren Menschen abzuschütteln versucht.

»Nicht, dass du meinst, ich bin von meinen Hormonen gehetzt. Was ich bin.«

»Das ist jeder.«

»Dos ist NICHT jeder! Das bin jetzt NICHT ich! Gut. Ich bin jetzt ganz ... wir sprechen jetzt ganz ... einfach so.

Oder?«

»Willst du ne Pfeife?«

»Nein.«

»Ich mach was auf Kawumm.«

»Um Gottes willen!«

»Dann dreh ich eine und du ziehst bisschen mit?«

»Gut.«

Sie hockt im Schneidersitz im Safarisessel, in Strumpfhose und T-shirt. Ach in Unterhose und Synthetikhemd ... mit einem Ständer, der nicht abschwillt, halb noch Empörung, halb schon Mahnmal ... jedenfalls eine überpersönliche Standhaftigkeit, über die weg sie sich gelöst anlächeln.

Raucher sind umständliche Leute. Alles soll stimmen, die Umgebung, die Musik, die Partner, die Lichtverhältnisse, die Schwingungen ... für sie zählen die Vorbereitungen zum Vergnügen.

Jeder bildet seine Technik aus. Den in Schnellimbissen und Stehcafés Großgewordenen überrascht die virtuose Saumseligkeit des Kiffers ... nicht die Spur ungeschickt, nein, ausgekochte Trödelei, genussbewußter Hang zum Weitschweifigen ... Die Zeremonien sind gekonnt zerfahren, gedehnt, an eine Unterhaltung gebunden, über die das »Eigentliche« in Vergessenheit zu geraten scheint, sogar aus der Hand gelegt wird, dann aber doch weitergedeiht, immer schön nebenbei, nervenlos langsam.

Zum Drehen hat man Finger und Zunge - Werkzeuge sind Entgleisungen. Will Grita ein Blättchen teilen, faltet sie es, zieht den Kniff durch die angefeuchteten Lippen und löst das Blättchen an der Spucknaht auseinander. Drei Blättchen braucht sie für einen Joint, den Tabak von anderthalb Filterzigaretten (kein Selbstdrehertabak für sie!) Haschklümpchen nach Augenmaß, angewärmt mit der lang gestellten Feuerzeugflamme, vom »Mutterstück« geknetet, in den Tabak massiert (halbherziges Maulen über »zu viel Harz«, das die Arbeit erschwert, doch Qualität verkündet) delikates Flammenspitzenstreicheln des Klumpens in ihrer Hand (Hornhaut über ihrem linken Handteller, den linken Fingerkuppen).

Sie redet und werkelt, leckt und brennt, sie krümelt und rollt, klopft und riecht und horcht (der Unterschied zwischen knisternder Fülle und tonloser Verstopfung) ... sie steckt unten einen Mundpfropf ein, verklebt die Mundspitze, stochert oben nach, zwirbelt zu, schüttelt, holt den Mundpfropf raus, betrachtet ihr Werk, will es gelobt wissen, lobt es, befühlt es, schüttelt es nochmal, strahlt, lacht (Grübchen in den Wangen) entzündet die Wundertüte, als seien die ersten Züge die einzig seligmachenden.

Ihre Augen werden klein vor Wut, wenn einer zu betulich raucht: sie sieht ihre Kostbarkeiten verglimmen und kocht.

Bei gedimmtem Licht, Haut pelzig, die Glieder kaum mehr bewegbar, fast ohne Gewicht, in diesem Gefühl, unter diesem Schutz beginnt sie, Ach einige Dinge auseinanderzulegen. Allem voran ihr Hass auf »Kerle«. Sie will einen Unterschied zwischen »Kerlen« und »Männern« machen, weiß nur nicht, wo. Jedenfalls, die letzten Monate nur mit Kerlen genagelt, wahllos abgeschleppt, wahllos abschleppen lassen, bis sie sich nicht mehr im Spiegel sehen konnte. »Verstehst du?« »Ja.«