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Eine Nacht kann dein ganzes Leben verändern ...
Dean hat seine beste Freundin Kat schon immer geliebt - auf eine rein platonische Art und Weise. Sie war die Eine, mit der er über alles reden und komplett vertrauen konnte - die Eine, die ihn kannte, wie sonst niemand auf der Welt. Deswegen hat er sich alle Gefühle, die über Freundschaft hinausgehen, streng verboten. Bis Kat ihn um etwas bittet, das er ihr einfach nicht abschlagen kann. Und in einer Nacht, in der Dean seine streng gehüteten Emotionen nicht mehr kontrollieren kann, verändert sich sein ganzes Leben ...
"Ich habe jede Minute geliebt! Je mehr ich von Jillian Quinn lese, desto begeisterter bin ich." Misty von REDS ROMANCE REVIEWS
Band 6 der ICE-BREAKERS-Reihe
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Seitenzahl: 245
Veröffentlichungsjahr: 2021
Titel
Zu diesem Buch
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Epilog
Danksagung
Die Autorin
Die Romane von Jillian Quinn bei LYX
Impressum
JILLIAN QUINN
Ice Breakers
DEAN
Roman
Ins Deutsche übertragen von Michael Krug
Eine Nacht kann dein ganzes Leben verändern …
Dean hat seine beste Freundin Kat schon immer geliebt – auf eine rein platonische Art und Weise. Sie war die eine, mit der er über alles reden und komplett vertrauen konnte – die eine, die ihn kannte, wie sonst niemand auf der Welt. Deswegen hat er sich alle Gefühle, die über Freundschaft hinausgehen, streng verboten. Bis Kat ihn um etwas bittet, das er ihr einfach nicht abschlagen kann. Und in einer Nacht, in der Dean seine streng gehüteten Emotionen nicht mehr kontrollieren kann, verändert sich sein ganzes Leben …
Als ich Kat Baldwin zum ersten Mal traf, saß ich in einer kalten Eishalle, hatte verschwitzte Handflächen und Angst davor, mit ihr zu reden. Vor ihr hatte ich mich nie von einer Frau eingeschüchtert gefühlt. Aber Kat ist keine gewöhnliche Frau. Sie ist die Tochter von Nick Baldwin, dem Eishockeyprofi, den ich den Großteil meines Lebens vergöttert habe.
Im Augenblick läuft Kat mit ein paar anderen Frauen im Schlepptau über das Eis und wechselt den Puck auf ihre rechte Seite, als sich die Flügelspielerin auf ihrer linken Seite nähert. Sie prallen gegen die Bande, und Kat kämpft darum, im Besitz des Pucks zu bleiben. Um Abstand zwischen sie zu bringen, rammt sie der Gegnerin den Ellenbogen gegen das Kinn. Zum Glück für Kat bemerkt der Linienrichter den Schlag nicht.
Kat beherrscht nicht nur das Eislaufen und den Umgang mit dem Puck wie ihr Vater, sie besitzt auch die Aggressivität ihrer älteren Brüder. Duke und Austin Baldwin sind zwei der besten Abwehrspieler in der NHL. Ich erkenne viel von ihnen in Kat wieder. Egal, wie viele ihrer Spiele ich mir ansehe, sie beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue. Und ich lächle auf der Tribüne wie ein Idiot, weil sie meine beste Freundin ist … und die einzige Frau, die ich niemals haben kann.
Vor über drei Jahren haben meine Teamkameraden gelacht und mich für verrückt erklärt, weil ich ein Auge auf Kat geworfen hatte. Als ich damals erfuhr, dass es Nicks Tochter in die Damen-Eishockeymannschaft der Strickland University geschafft hatte, musste ich mir mit eigenen Augen ansehen, ob sie dem Namen Baldwin gerecht wurde. Und sie hat mich nicht enttäuscht, kein bisschen. Im Jahr darauf kamen ihre jüngeren Brüder in mein Team und zogen in das Haus, das ich mir mit meinen Teamkameraden teile. Was meine Pläne für Kat verkompliziert hat.
Theo steht auf, steckt sich zwei Finger in den Mund und pfeift. »Komm schon, Kit-Kat.«
Travis, sein eineiiger Zwilling, springt von seinem Sitz auf und klatscht für seine Schwester. Gleichzeitig brüllt er abwertenden Mist über die Gegnerinnen. Obwohl ihn Kat auf dem Eis ohnehin nicht hört. Sie ist voll im Flow, hat den Blick auf den Puck gerichtet und stürmt auf das Tor zu.
Ich lache über die beiden Deppen. Wie ihre zwei älteren Brüder lieben auch sie Kat heiß und innig. Sie sind so überfürsorglich, dass ich bei Kat keine Chance habe. Alle haben überdeutlich klargestellt, dass ich sie nicht anfassen darf. Und schon gar nicht küssen. Oder auch nur unangemessen an sie denken. Zuerst wollte ich von Kat nur Freundschaft. Aber im Verlauf der Zeit ertappte ich mich dabei, dass ich mir von Tag zu Tag mehr von ihr wünschte.
»Oooh«, sagt Travis und rempelt Theo mit dem Ellbogen in den Arm. »Hast du den Schuss gesehen? Verdammt, Kit-Kat.«
Theo legt die Hände an den Mund und brüllt. »Das ist meine Schwester.«
Sie sind so verdammt laut, dass die Leute, die um uns herum sitzen, zu Theo und Travis herüberschauen. Die Baldwin-Zwillinge kommen mit ihrer Größe, ihrem schlanken, muskulösen Körperbau und ihren dunklen Zügen ganz nach ihrem Vater. Ein paar der jungen Frauen mehrere Reihen vor uns spähen immer wieder über die Schultern zu ihnen und lecken sich dabei über die Lippen. Eine hübsche Rothaarige mit üppigem Vorbau winkt Theo zu sich. Er wirft einen Blick zu Travis, der ihm mit einer knappen Kopfbewegung grünes Licht gibt.
»Wir kommen wieder«, lässt Theo mich wissen.
Ein verschmitztes Grinsen krümmt Travis’ Mundwinkel, als er zwinkert.
Wenig später schlängelt Theo den Arm um die Schultern der Rothaarigen. Travis zwängt sich zwischen zwei Blondinen zu ihrer Rechten und zieht eine von ihnen auf seinen Schoß. Wenn Kat hier wäre, würde sie ausrasten. Sie tadelt ihre Brüder ständig dafür, wie sie sich Frauen gegenüber verhalten. Ich soll für sie »auf die beiden aufpassen«. Allerdings werde ich Theo und Travis unter keinen Umständen sagen, dass sie keinen Spaß haben dürfen. Wäre ich nicht so verdammt verliebt in meine beste Freundin, ich wäre längst dort unten bei ihnen.
Nach dem Ende des Spiels warte ich am Eingang zur Eisbahn auf Kat, während die Strickland Senators mit ihren Gegnerinnen abklatschen. Kat war der einzige Grund für diesen Heimsieg. Sie hat jede Sekunde dominiert, die sie auf dem Eis war.
Ich rufe ihr zu, als sie das Eis verlässt. Sie schaut mit schief gelegtem Kopf in meine Richtung und verdreht die Augen, als ich die Hand hebe und ihr mit gekrümmtem Zeigefinger zu verstehen gebe, dass sie herüberkommen soll.
»Hast du mich gerade zu dir beordert?« Sie reißt sich die Handschuhe runter und hält sie an ihr marineblaues und weißes Trikot gedrückt.
Ich stecke die Hände in die Taschen, zucke mit den Schultern und schenke ihr ein schelmisches Lächeln, das es ihr unmöglich macht, wütend auf mich zu werden. »Äh … denke schon.«
»Du solltest inzwischen wissen, dass ich mich nicht wie ein Puck-Bunny behandeln lasse. Ich tanze nicht nach deiner Pfeife, Dean.« Der Hauch eines Grinsens huscht über ihre Züge. Sie liebt es, mich zusammenzustauchen. Sind beste Freunde nicht dafür da? »Du kannst nicht einfach mit dem Finger auf mich zeigen und erwarten, dass ich angetrabt komme«, fügt sie zur Betonung hinzu.
Meine Mundwinkel verziehen sich zu einem verruchten Grinsen. »Trotzdem bist du gekommen«, merke ich an.
»Oh nein, tu das bloß nicht.« Sie schüttelt den Kopf. »Der Dirty Dean zieht bei mir nicht.«
Ich lache über ihren Kommentar.
Sie ist daran gewöhnt, dass Frauen mir mehr Aufmerksamkeit schenken, als ich bewältigen kann. Bei etlichen Gelegenheiten habe ich zu viel getrunken und dummen Mist angestellt, der mir von Kat den Spitznamen Dirty Dean eingebracht hat. Immer, wenn ich mich wie ein Arsch benehme, lässt sie mich prompt wissen, dass ich mein Alter Ego raushängen lasse.
»Komm schon, Baldwin«, ruft Kats Trainer von hinten. »Bewegung.«
Kat schaut über die Schulter zurück und bedeutet ihm, dass sie gleich kommt, bevor sie sich wieder auf mich konzentriert. »Ich muss los, bevor der Coach mich zur Schnecke macht. Wolltest du irgendwas Bestimmtes?«
Ich schüttle den Kopf. »Ne, wollte dir nur zu dem guten Spiel gratulieren. Und dir Bescheid geben, dass du dich vorbereiten sollst. Wir gehen später aus.«
Ihre Augenbrauen heben sich. »Ach, tatsächlich? Ich wusste gar nicht, dass neuerdings du meinen gesellschaftlichen Kalender verwaltest.«
»Was hast du heute Abend vor?«
Sie beißt sich auf die Unterlippe. »Hab darüber nachgedacht, mit meinen Teamkameradinnen abzuhängen. Ein paar der Mädels reden davon, später im O’Shea’s aufzuschlagen.«
Sie nimmt den Helm ab, der ihr langes, blondes Haar bedeckt, und wischt sich die schweißgetränkten Strähnen aus der Stirn. Die so schlichte Geste beschleunigt meinen Herzschlag sprunghaft. Trotz meiner Gefühle für Kat habe ich noch nicht mal versucht, sie zu küssen. Ich schätze unsere Freundschaft zu sehr, um sie dafür aufs Spiel zu setzen.
»Du solltest heute Abend zu der Party bei Delta Sig kommen«, sage ich zu ihr. »Ich gehe mit deinen Brüdern hin. Theo trifft sich dort mit irgendeiner Frau.«
Kat beißt sich auf die Innenseite der Wange, während sie über meinen Vorschlag nachdenkt. »Na dann, okay, würde ich sagen. Ich sollte besser dafür sorgen, dass Theo nicht wieder in Schwierigkeiten gerät.«
»Er braucht dich nicht als Aufpasserin.«
Sie verdreht die Augen. »Wir reden hier von Theo. Er und Travis sind schlimmer als die Weasley-Zwillinge. Irgendjemand muss dafür sorgen, dass sie nichts Dummes anstellen.«
»Du musst sie nicht bemuttern. Komm einfach mit. Wir werden Spaß haben. Viel Zeit bleibt uns ja nicht mehr, bevor wir den Abschluss machen.«
Sie seufzt. »Na schön, aber erst muss ich duschen und essen. Wir treffen uns dann dort.«
Ich zwinkere. »Klingt gut.«
»Wo sind die zwei eigentlich?« Sie sucht die Arena nach ihren Brüdern ab. »Sind sie nicht mit dir zum Spiel gekommen?«
Ich zeige in die Richtung der Zwillinge.
Sie folgt meinem ausgestreckten Finger und seufzt. »Hey, Fred und George«, brüllt sie. »Schwingt die Hufe hierher.«
Kat vergleicht ihre Brüder immer mit den Weasley-Zwillingen aus Harry Potter, weil sie sich andauernd in Ärger manövrieren.
Theo steht als Erster auf. Travis folgt direkt hinter ihm und bringt seinen Bruder zum Stolpern, um es vor ihm durch den Mittelgang herunter zu Kat zu schaffen.
Die beiden leben in ihrer eigenen Welt. Mir ist schleierhaft, wie Kat so viele Jahre mit ihnen zusammenleben konnte, ohne den Verstand zu verlieren. Ich schlafe ein Zimmer von ihnen entfernt in unserem Wohnhaus auf dem Campus und bereue die Entscheidung schon seit dem ersten Tag. In den meisten Nächten halten sie mich entweder mit lauten Diskussionen über albernen Kram, Videospiele oder den Frauen wach, die sie mit nach Hause schleppen.
»Was gibt’s, Kit-Kat?«, fragt Theo, der es trotz allem vor Travis den Gang herunter schafft. Er legt eine Pranke auf ihre gepolsterte Schulter.
Travis drängt ihn aus dem Weg. »Ja, was gibt’s, Schwesterchen? Wir waren eigentlich grade beschäftigt.« Er wackelt mit den Augenbrauen. »Oder wollten es werden … wenn du verstehst, was ich meine.«
Sie schüttelt den Kopf und seufzt. »Ich komme später zu der Party nach. Bitte führt euch nicht wie Ärsche auf.«
Travis legt ihr einen Arm um die eine Schulter, Theo einen um die andere, dann ziehen sie ihre Schwester zusammen in eine Umarmung.
»Würdest du dich ausnahmsweise mal amüsieren, Kit-Kat?«, sagt Theo. »Du bist so ’ne Spaßbremse.«
»Das liegt daran, dass Dad jedes Mal mich anschreit, wenn ihr Ärger kriegt. Ich will nicht von ihm für etwas zusammengestaucht werden, das ich nicht mal getan habe.«
»Ich bin ein total erwachsener Mann«, kontert Travis.
»Ich auch«, kommt von Theo.
Kat verdreht die Augen und lacht. »Ein Kerl, der zu seiner Verteidigung sagen muss ›Ich bin ein total erwachsener Mann‹ verhält sich in der Regel nicht wie einer.«
Theo schmunzelt. Travis gähnt, als wäre die Unterhaltung schier unerträglich langweilig.
Kat knufft beide in die muskulösen Oberarme. »Ich mein’s ernst. Stellt heute Abend keinen dämlichen Scheiß an.«
»Wir zeigen uns von unserer besten Seite.« Travis hält drei Finger hoch. »Pfadfinderehrenwort.«
»Ja«, beteuert Theo. »Wir benehmen uns.« Die beiden sehen sich gegenseitig an und zwinkern sich zu. Kat bemerkt nicht, dass sie beide die Finger überkreuzen. Wäre sie aufmerksamer, würde sie mitbekommen, dass sie lügen wie gedruckt. Die Zwillinge sind so was von unreif. Hat wohl damit zu tun, wie sie aufgewachsen sind. Austin und Duke, die mehr als fünf Jahre älter als Kat sind, haben sie erst verhätschelt, dann bemuttert. Deshalb macht sie dasselbe mit den Zwillingen.
Nachdem wir die Vorkehrungen für später besprochen haben, geht Kat davon. Unterwegs schaut sie noch einmal über die Schulter zu mir, bevor sie zum Umkleideraum steuert. Ich beobachte, wie sie die Eisbahn verlässt, und mein Herz pocht wild in der Brust. Ich komme zu all ihren Spielen wie ein Fan – weil ich auch ihr größter Fan bin.
Auf der Suche nach etwas Vernünftigem zum Anziehen durchwühle ich meinen Schrank. Ich sehe Kleiderbügel mit Jeans, Sweatshirts und langärmelige Hemden durch. Nichts davon passt.
Silvia, meine Mitbewohnerin, schlendert in mein Schlafzimmer und stellt sich hinter mich, während ich die Klamotten sichte. »Bist du sicher, dass du nicht mit uns zu O’Shea’s kommen willst?«
Mit dem Rücken zu ihr schüttle ich den Kopf. »Nein, passt schon. Ich hab Dean versprochen, ihn und die Zwillinge bei Delta Sig zu treffen.« Ich gebe die sinnlose Suche auf und drehe mich um. »Was zieht man überhaupt zu einer Studentenverbindungsparty an? Sind Jeans und ein T-Shirt in Ordnung?«
Sie schüttelt den Kopf. »Ich bezweifle, dass sie dich in dem Aufzug auch nur reinlassen.«
Mit verengten Augen sehe ich sie an. »Wirklich? Was ist verkehrt an Jeans?«
»Jeans kannst du schon anziehen, aber du brauchst dazu ein sexy Oberteil.«
Ihre Äußerung bringt mich zum Kichern. »Ich in etwas, das sexy ist? Wen bitte willst du auf den Arm nehmen?«
»Würde dich nicht umbringen, wenn du dich ausnahmsweise mal wie ’ne Frau anziehst. Außerdem wette ich, Dean hätte nichts dagegen, dich in etwas Engem zu sehen, das zu viel Haut zeigt.« Beim letzten Teil zwinkert sie. »Dean hat die ganze Saison noch kein Spiel verpasst«, merkt Silvia an und reicht mir eine Skinny-Jeans aus meinem Schrank.
Silvia Clark ist seit der Mittelschule meine beste Freundin. Wir sind zusammen von Chicago nach Philadelphia gezogen, um die Strickland University zu besuchen. Im Augenblick nervt sie mich mit ihren Anspielungen über Dean unheimlich. Trotzdem liebe ich sie.
»Was ist schon dabei, wenn er zu meinen Spielen kommt?« Ich nehme die Jeans von ihr entgegen und schlüpfe hinein. »Dean ist mein bester Freund.«
Mit einem irritierten Stöhnen lässt sie sich auf meine Matratze plumpsen und schnaubt. »Und was bin ich? Unsichtbar?«
Rasch knöpfe ich die Hose zu und streife ein schwarzes Tanktop über, bevor ich mich zu ihr drehe. »Ihr seid beide meine besten Freunde«, gebe ich zurück. »Hör auf, dich wie eine Zicke aufzuführen.«
»Ich kenne dich schon viel länger als Dean«, betont Silvia.
Ich runzle die Stirn. »Spielt keine Rolle. Du bist meine beste Freundin, Dean ist mein bester Freund. Was hältst du davon?«
»Ich will damit nur sagen, dass Dean Crawford der totale Fan ist. Er dackelt dir auf dem Campus hinterher wie ein liebeskranker Welpe. Und er ist heiß. Von daher würde ich es total verstehen, wenn deine Zunge in seinem Mund landet.«
»Er dackelt mir nicht hinterher«, entgegne ich. »Dean will mich nur … beschützen.« Ich sehe sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Und hast du gerade gesagt, er ist heiß?«
Sie wirft mir im Spiegel ein verruchtes Grinsen zu, während ich mir das lange, blonde, noch von der Dusche feuchte Haar richte. »Du weißt genau, dass er heiß ist, Süße. Dean ist einer der schärfsten Typen auf dem Campus. Und er hat nicht nur freundschaftliche Gefühle für dich. Ist für Männer und Frauen unmöglich, einfach nur befreundet zu sein.«
Ich lache über ihren Kommentar. »Als ob du so viel Erfahrung damit hättest, mit einem Kerl befreundet zu sein. Du hast ja keine Ahnung, wovon du redest.«
Sie zuckt mit den Schultern. »Ich kenne viele, die es versucht haben und letztlich zusammen im Bett gelandet sind. Du und Dean könnten ein weiterer Eintrag in der Statistik werden.« Sie zwinkert. »Ich bin sicher, mit ihm kann man viel Spaß haben. Du weißt schon, was ich meine.«
Ich verdrehe die Augen, als ich mein Zimmer auf der Suche nach meinem Armband verlasse. »Ich bin froh, dass Dean und ich deine Theorie widerlegen«, meine ich aus unserem gemeinsamen Wohnzimmer.
»Man weiß ja nie, was noch passiert.«
Ich sehe unter den Kissen der Couch nach und stöhne frustriert. »Wir sind seit dem ersten Semester befreundet, und Dean hat nie was versucht.«
»Noch nicht«, sagt Silvia hinter mir. »Aber irgendwann kommt es bestimmt dazu.«
»Warum pflanzt du mir das in den Kopf, bevor ich mich mit ihm treffe?«
Schließlich finde ich mein Armband unter einem Kissen und halte es mit einem triumphierenden Lächeln hoch, als ein Piepton meines Handys im Lederetui eine Textnachricht ankündigt.
»Ich wette, Dean lässt dich den Eintritt bei der Party nicht selbst bezahlen.«
Ich zucke mit den Schultern. »Kann schon sein, aber ich kann’s nicht leiden, wenn er für mich bezahlt. Bei ihm und seiner Mutter ist das Geld ständig knapp. Nachts backt er bei Gio’s Pizzas, damit er ein paar Mäuse nach Hause schicken kann. Er hat es nicht so leicht wie wir.«
»Mir gefällt, dass Dean von der alten Schule ist«, sagt sie. »Heutzutage stehen die Männer auf gleichberechtigte Dates. Es gibt kaum noch welche, die von sich aus anbieten, einen einzuladen.«
»Erstens«, sage ich und hebe einen Finger, »ist Dean nicht mein fester Freund. Und zweitens«, schieße ich hinterher und fügte einen zweiten Finger hinzu, »glaube ich nicht, dass dich alle Männer bei einem Date selbst bezahlen lassen. Nur die Knausrigen.«
Kichernd streicht sie sich das schwarze Haar über die Schulter. »Vielleicht brauche ich einfach besseren Geschmack bei Männern.«
»Dean ist tabu«, warne ich, bevor sie eine weitere Bemerkung über ihn anbringen kann.
»Weil er dir gehört?«, schleudert sie mir mit einem verschmitzten Grinsen hin.
»Nein, Sil. Weil er Dean ist.«
»Wir machen in wenigen Wochen unseren Abschluss. Dann geht Dean wieder nach Florida, und wir kehren zurück nach Chicago für unsere Praktika.«
»Willst du nicht rausfinden, ob da mehr zwischen euch beiden ist, bevor du ihn nie wiedersiehst?«
Was hat sie heute Abend für ein Problem?
»Ich werde Dean wiedersehen. Er wohnt für eine Woche bei meiner Familie, wenn er zum NHL Draft kommt.«
»Aber was ist danach?«
»Er könnte von den Blackhawks ausgewählt werden«, entgegne ich. »Dann wäre er in Chicago bei uns.«
»Oder die Oilers könnten ihn sich schnappen, dann wäre er in einem anderen Land. Was würdest du dann tun? Nach Kanada fliegen, um ihn zu sehen?«
Mit verengten Augen sehe ich sie an. »Warum bist du heute so penetrant?«
Sie stößt einen tiefen Atemzug aus. »Du kriegst nicht mit, was andere sehen, wenn sie in eurer Nähe sind. Duke und Austin schieben deshalb so entschieden einen Riegel zwischen dich und Dean, weil sie es auch sehen.«
Meine älteren Brüder lieben Dean, trotzdem wollen sie nicht, dass wir zusammenkommen. Zu ihrer Verteidigung: Duke und Austin wollen nicht, dass ich mit irgendjemandem zusammenkomme. Sie wären überglücklich, wenn ich mich dafür entschiede, den Rest meines Lebens im Zölibat zu fristen.
Ich habe mich mit Dates schon immer schwergetan. Und seit Theo und Travis an der Strickland University sind, haben sich Dates von nahezu hoffnungslos zu unmöglich gewandelt. Ein überfürsorglicher Vater und vier Brüder, die mit Argusaugen über mich wachen, haben noch jeden Kerl, den ich je mochte, erfolgreich vertrieben. Nur Dean ließ sich von ihrer Einstellung nicht abschrecken.
Ich lege das Armband an und wende mich von Silvia ab, denn ich habe genug von dem Gespräch. »Ich muss jetzt los zu Dean und den Zwillingen. Sicher, dass du nicht mitkommen willst?«
Meine Freundin nickt. »Ja. Ich treffe mich bei O’Shea’s mit den Mädels. Heute Abend kostet jedes Bier nur zwei Dollar.«
»Viel Spaß.« Ich ziehe sie in eine Umarmung, und sie drückt mir einen Schmatz auf die Wange.
»Tu nichts, was ich nicht auch tun würde.«
Lachend steuere ich zur Tür hinaus.
Auf der Veranda des Verbindungshauses von Delta Sigma Phi finde ich Dean entspannt auf einem Stuhl zurückgelehnt. Er nippt an einem Bier und unterhält sich mit seinen Teamkameraden. Wie üblich scharen sich Männer und Frauen um ihn und wetteifern um seine Aufmerksamkeit. Wo immer wir hingehen, steht er im Mittelpunkt.
Dean schaut herüber, und sobald sich unsere Blicke begegnen, springt er mit dem Bier in der Hand auf. »Du bist doch noch gekommen«, sagt er und steigt die Stufen herunter. »Wenn auch spät.«
Ich lache. »Hätte nicht gedacht, dass ich so pünktlich sein muss. Solche Partys dauern in der Regel die ganze Nacht.«
»Ja, aber ich glaubte schon, du versetzt mich.«
»Nein.« Ich schüttle den Kopf. »Wo sind Theo und Travis? Ich dachte, sie wären hier.«
Er sieht sich auf der Veranda und im Vorgarten um, beides übersät von Plastikbechern, Flaschen und Zigarettenstummeln. Dann zuckt er mit den Schultern. »Wer weiß? Sie waren gerade noch hier draußen. Ich glaube, Theo hat was darüber gesagt, dass er Bier für die Mädels besorgen will.«
»Wie viele waren es?«
Dean schaut weg. »Vier.«
Ich lasse ein angewidertes Schnauben vernehmen. »Meine Brüder sind allesamt solche Schweine.«
Er schmunzelt. »Sie sind Männer. Was erwartest du denn?«
»Du bist nicht wie sie.«
Er lacht. »Darüber lässt sich streiten.«
Ich ignoriere seinen Kommentar und wechsle das Thema. »Mein Vater hat mir für nächstes Wochenende eine Suite im Peninsula gebucht. Du kannst bei mir bleiben, wenn du willst.«
Die Herrenmannschaft des Eishockeyteams spielt dieses Jahr in Chicago. Wenn sie gewinnen, werden die Strickland Senators zum dritten Mal in Folge Meister der NCAA Division I. Keiner dieser Idioten sollte trinken, während sie mitten in der Saison noch einen Sieg brauchen. Aber niemand hat behauptet, dass Eishockeyspieler besonders schlau sind.
»Ich sollte eigentlich beim Team bleiben.« Dean legt mir die Hand aufs Kreuz und führt mich ins Haus. »Ich glaube kaum, dass deine Brüder begeistert wären, wenn ich sie hängen lasse, um bei dir in einem schicken Hotel zu schlafen.«
»Wir können beim Zimmerservice was bestellen, uns Filme reinziehen und essen, bis wir nichts mehr runterkriegen.«
Er schnaubt. »Wie soll ich spielen können, wenn ich einen Haufen Mist in mich reinstopfe?«
»Gutes Argument. Dann vielleicht kein Junk Food. Aber du kannst trotzdem rüberkommen und dir Filme mit mir ansehen. Mein Vater lädt uns alle am Samstagabend zum Essen ein. Danach könntest du mich zurück ins Hotel begleiten.«
Dean grinst wie ein Idiot. »Nick wird dort sein!«
Lachend klatsche ich ihm gegen den Arm, als wir das überfüllte Haus betreten. Er versucht nicht einmal zu verbergen, wie sehr er meinen Vater anhimmelt.
Drinnen erweist sich das Wohnzimmer als gerammelt voll mit mindestens hundert verschwitzten, betrunkenen, dicht gedrängten Studenten. Die Sofas hat man nach hinten an die Wände geschoben, um eine improvisierte Tanzfläche zu schaffen. Ein Rap-Song dröhnt aus den Lautsprechern, die an den Winkeln der Decken aufgehängt sind. Ich kann die Vibrationen der Bässe unter den Füßen spüren.
Als wir auf die Küche zusteuern, erstickt mich eine dichte Wolke Zigarettenrauch, die durch die Luft treibt. Dieser Ort ist ein Albtraum. Ich bin kein Fan von Studentenverbindungspartys. Normalerweise meide ich sie. Aber da der Abschluss vor der Tür steht, möchte ich so viel Zeit wie möglich mit Dean verbringen, auch wenn ich dafür mit bescheuerten Verbindungsstudenten abhängen muss.
Dean kennt die meisten Leute in der Küche, unter anderem den Barkeeper. Kurz plaudert er mit ein paar Jungs, wobei er brüllen muss, um die Musik zu übertönen. Schließlich reicht er mir eines der Biere, die ihm der Barkeeper rüberschiebt.
»Können wir irgendwohin, wo’s … ruhiger ist?«
Er legt den Kopf in den Nacken und lacht. »Wir sind auf einer Party. Hier drin soll es laut sein.«
Ich verdrehe die Augen und strecke ihm die Zunge raus.
»Wir können nach unten gehen«, bietet er an. »Dort ist es normalerweise leiser. Aber man muss die Jungs der Verbindung kennen, damit man dort chillen darf.«
»Ja, gehen wir.«
Dean hat bei Delta Sig immer einen VIP-Pass. Wenn ich eine Party besuche, bin ich in der Regel das Mauerblümchen in der Ecke, nippe an einem Bier und versuche, im Hintergrund zu bleiben. Den Großteil meines Lebens habe ich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestanden. Und nicht, weil ich es so wollte. Ich bin damit aufgewachsen, dass Fotografen Bilder von mir und Reporter Interviews mit meinem Vater ergattern wollten. Es war schrecklich.
Deshalb ist es mir als Erwachsener lieber, wenn die Leute keine Notiz von mir nehmen. Ich finde es schön, normal zu sein. Was in Deans Nähe allerdings nicht so einfach ist. Die Frauen werfen sich ihm an den Hals, die Jungs wollen mit ihm chillen. Er ist einer dieser Kerle. Wie mein Vater. Wie meine Brüder. Und dann bin da noch ich.
Als ich mich im Keller neben Dean auf eines der alten, schäbigen Sofas setze, zieht sich mir alles zusammen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich jemand auf den Stoffbezug übergeben hat. Prompt rutsche ich näher zu Dean. Ich bin drauf und dran, auf seinen Schoß zu hopsen, allerdings wäre das zu schräg. Damit würde ich den Leuten auf dem Campus nur noch mehr Gesprächsstoff liefern. Alle glauben nämlich, wir wären zusammen, obwohl wir uns noch nicht mal geküsst haben.
Rauch und der Gestank von Bier, Gras und Zigaretten hängen penetrant in der Luft. Durch den Dunst kann man kaum etwas sehen. Dean hustet ein paarmal. Vom Rauchen hält er genauso wenig wie ich. Wir haben beide den Großteil unseres Lebens trainiert, um Sportler zu werden. Mit Zigaretten oder Drogen hatten wir beide nie etwas am Hut. Mit den Verbindungsstudenten und ihren jüngsten Opfern in diesem feuchten Keller zu sitzen, erinnert mich daran, warum ich mit diesem Mist nie etwas anfangen konnte.
»Spielt ihr mit?«, fragt uns irgendein Typ, der mit dem Finger auf Dean und mich zeigt.
Dean lehnt sich zu mir und flüstert: »Wir können von hier verschwinden, wenn du willst. Wir können auch zu mir nach Hause und dort etwas trinken.«
»Was wird denn gespielt?«
Er nippt an seinem Bier und zuckt mit den Schultern. »Ist ein bisschen albern. So was wie eine erweiterte Version von Flaschendrehen.«
Ich verdrehe die Augen. »Wir sind zwar nicht mehr in der Grundschule, aber das klingt ja recht einfach.«
Seine Züge versteinern. »Ehrlich, wir können auch gehen. Ich will nicht, dass du irgendwas tust, wozu du nicht bereit bist.«
Ich winke ab. »Alles gut. Wir sind ja gerade erst gekommen. Bleiben wir noch ein bisschen, danach können wir zu dir gehen.«
»Wir sind dabei«, lässt Dean den Verbindungsstudenten wissen, der eine dunkle Tätowierung auf dem Bizeps hat.
Im schlimmsten Fall muss ich Dean küssen. Mit einem hatte Silvia schon recht: Mein bester Freund ist zweifellos einer der schärfsten Typen auf dem Campus. Manche Mädels können mich vor lauter Neid auf unsere Freundschaft nicht ausstehen, andere schmeißen sich an mich ran, damit ich für sie ein gutes Wort bei Dean einlege. Er ist groß und gut trainiert, besitzt überall Muskeln, die sich unter dem engen schwarzen Shirt abzeichnen, das sich über seine breite Brust spannt.
Er ist der beste Verteidiger der Liga und einer der Favoriten meines Vaters für den NHL Draft diesen Sommer. Trotz seiner bescheidenen Herkunft hat Dean jede Menge zu bieten. Er hätte nie gedacht, dass sich ihm je die Chance eröffnen würde, Eishockeyprofi zu werden, bis er es in seinem ersten Studienjahr auf Anhieb in die Herrenmannschaft geschafft hat. Sowohl für Dean selbst als auch für seine Mutter hoffe ich, dass ihm bei seiner Karriere der große Durchbruch gelingt.
Mit einem besorgten Ausdruck im Gesicht sieht er mich an. Er fährt sich mit der Hand durchs dunkle, gewellte Haar und schiebt sich ein paar Strähnen aus der Stirn. »Ich will nicht, dass du irgendeinen dahergelaufenen Typen küssen musst«, flüstert er. »Du bist zu gut für diesen Verbindungsquatsch. Das war ’ne dumme Idee. Wir hätten stattdessen zu O’Shea’s gehen sollen.«
Ich lasse ein schiefes Grinsen aufblitzen und setze das Bier in meiner Hand am Mund an. »Hör auf, dir Sorgen um mich zu machen, Dean. Es ist unser letztes Semester am College. In ein paar Wochen sind wir hier weg. Warum also nicht noch einmal ein bisschen Spaß haben? Wir haben ja schon zugesagt, dass wir mitspielen. Lass uns die eine Runde überstehen, danach können wir abdampfen.«
Dean hat mehr Erfahrung als ich. Aber mit Dean an der Seite fürchte ich mich nicht. Er besitzt die Gabe, mich zu beruhigen, ohne ein Wort zu sagen. Mir reicht schon das Wissen, dass er bei mir ist.
Wären wir nicht beste Freunde, Dean wäre genau mein Typ. Verdammt, er ist der Typ für jede Frau. Die perfekte Mischung aus süß und kantig, ein Gentleman, wenn es angebracht ist, und ein harter Kerl gegenüber jedem Mann, der mir unerwünscht zu nah kommt. Ich habe mich immer gefragt, ob seine Gefühle für mich über Freundschaft hinausgehen. Meine Brüder und Silvia nerven mich ständig mit ihren Fragen über unsere Beziehung.
Bis heute Abend habe ich mir nie viel dabei gedacht. Weil er Dean ist. Mein bester Freund. Der Einzige, mit dem ich unbefangen reden kann. Er kennt mich so gut wie Silvia. Ich kann ihm alles anvertrauen und ich selbst sein, wenn ich mit ihm zusammen bin.
Aber jetzt finden wir wegen dieser dummen Verbindungstypen mit ihrem albernen Spiel vielleicht heraus, ob da noch mehr zwischen uns ist. Und was, wenn ja? Mein Herzschlag rast so schnell, dass ich kaum atmen kann. Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn. Das liegt am Bier, rede ich mir ein, obwohl ich weiß, dass es in Wirklichkeit an der Nervosität liegt, die mich durchströmt.
Ich beobachte, wie mit Schnapsgläsern voll Wodka und Wasser eine Variante von russischem Roulette gespielt wird. Wer ein Glas mit Wodka erwischt, muss eine Pflichtaufgabe erfüllen, eine Mutprobe. Natürlich spielt dabei immer etwas Unanständiges mit.
Dean wechselt das Bier in die andere Hand und sieht zu, wie sich das Spiel entfaltet. Daran, wie er besorgt die Stirn in Falten legt, merke ich, dass er einen Rückzieher machen will. Als wir unsere Gläser nehmen – beide mit Wodka gefüllt –, teilt uns einer der Verbindungsbrüder mit, dass wir eine Pflichtaufgabe erfüllen müssen.
Der Bursche auf der Couch uns gegenüber wirft einen Schlüssel auf Deans Schoß. »Oberstes Stockwerk, letzte Tür rechts.«
Was zum …
