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Seid ihr bereit für Kane?
Tyler Kane ist der Captain der Philadelphia Flyers und seit sechs Jahren einer der erfolgreichsten Spieler in der NHL. Doch obwohl er in der Öffentlichkeit steht, gibt es Geheimnisse in seiner Vergangenheit, von denen niemand weiß und die er all die Jahre gut gehütet hat. Geheimnisse, die die kluge und ambitionierte Sportreporterin Kennedy Lockwood zu gerne aufdecken würde. Da Kane seit dem ersten Treffen von Kennedy fasziniert ist, schlägt er ihr einen Deal vor: Sie bekommt ein exklusives Interview mit ihm. Natürlich rechnet Kane fest damit, dass Kennedy ihm am Ende hoffnungslos verfallen sein wird. Doch er hätte nicht mit der starken Verbindung gerechnet, die die beiden spüren, sobald sie sich nahe sind ...
"Jillian Quinn hat mir mal wieder einen Book Boyfriend geliefert, in den ich mich sofort verliebt habe. Kane hat mich von der ersten Seite an gepackt." RED'S ROMANCE REVIEWS
Band 2 der Ice-Breakers-Reihe
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Seitenzahl: 351
Veröffentlichungsjahr: 2020
Titel
Zu diesem Buch
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Epilog
Danksagung
Die Autorin
Die Romane von Jillian Quinn bei LYX
Leseprobe
Impressum
JILLIAN QUINN
Ice Breakers
KANE
Roman
Ins Deutsche übertragen von Michael Krug
Tyler Kane ist der Captain der Philadelphia Flyers und seit sechs Jahren einer der erfolgreichsten Spieler in der NHL. Doch obwohl er in der Öffentlichkeit steht, gibt es Geheimnisse in seiner Vergangenheit, von denen niemand weiß und die er all die Jahre gut gehütet hat. Geheimnisse, die die kluge und ambitionierte Sportreporterin Kennedy Lockwood zu gerne aufdecken würde. Da Kane seit dem ersten Treffen von Kennedy fasziniert ist, schlägt er ihr einen Deal vor: Sie bekommt ein exklusives Interview mit ihm. Natürlich rechnet Kane fest damit, dass Kennedy ihm am Ende hoffnungslos verfallen sein wird. Doch er hätte nicht mit der starken Verbindung gerechnet, die die beiden spüren, sobald sie sich nahe sind …
Jeder Job hat Routine. Der heutige Tag ist nicht anders als gestern oder jeder beliebige Tag davor, abgesehen davon, dass ich ein Interview mit den Capitals geführt habe. Für eine völlig unbekannte Sportreporterin wie mich war das ein Volltreffer, eine Chance, mein Magazin zu einer renommierten Quelle für Sportnachrichten aufzubauen.
Nach der langen Rückfahrt von D. C. nach Philadelphia betrete ich mein Zuhause und werfe meine Kuriertasche auf den Tisch im Esszimmer. Wie üblich ziehe ich als Erstes meinen BH aus und feuere ihn auf die Couch. Meine beiden Ladys hassen die Busenzwangsjacke, und es war ein verdammt langer Tag.
Ich fühle mich befreit, als ich in die Küche der Einzimmerwohnung marschiere, in die ich vergangenen Monat eingezogen bin. Die Farbe blättert von den Schränken ab, und wenn man den Boden genauer betrachtet, stellt man fest, dass sich die Linoleumfliesen lösen. Ich habe die Wohnung über eine Anzeige in Craig’s List gefunden. Allerdings hat sie auf den Bildern besser ausgesehen. Anfangs schien auch alles so weit in Ordnung zu sein – bis ich ausgepackt habe und sich das Alter der Geräte und Armaturen gezeigt hat.
Das Einzige, was richtig funktioniert, ist die Kaffeemaschine. Und das auch nur, weil ich sie von zu Hause mitgebracht habe. Alles andere pfeift aus dem letzten Loch oder ist nicht mehr zu retten. Sogar das warme Wasser reicht gerade mal für ungefähr zwei Minuten, bevor es eiskalt wird, sodass ich regelmäßig unter der Dusche aufschreie.
Nachdem ich den Filter in die Kaffeemaschine gesteckt und Pulver eingefüllt habe, drücke ich ein paar Knöpfe, und die Maschine legt los. Dann gehe ich ins Schlafzimmer und ziehe mich um – rosa Tanktop und Männershorts. Ich wohne allein, der Platz reicht gerade so aus, um meinen Kram unterzubringen.
Obwohl ich in einem großen Haus aufgewachsen bin, ist mir die Behaglichkeit lieber, die mir diese kleine Wohnung bietet. Ich wünschte nur, sie läge in einer besseren Gegend. Mein Dad würde mich glatt umbringen, wenn er wüsste, dass ich in diesem Gebäude oder auf dieser Seite der Stadt lebe. Ich belüge meinen Vater und erzähle ihm, ich würde im Zentrum wohnen, was ich mir jedoch nicht leisten kann. Damit erspare ich mir Diskussionen, die wir sonst jede Woche führen würden. Betrüger haben unser Familienvermögen verprasst, und mein Dad hatte die Hand dabei im Spiel. Jetzt sitze ich in dieser Bruchbude und lebe vorwiegend von Fastfood und Kaffee.
Ich rühre Sahne und zwei Stück Zucker in meinen Becher, bevor ich damit zu meinem Schreibtisch gehe. Mein Esszimmer ist nicht nur mein provisorisches Büro, sondern auch mein Wohnzimmer. In einem Apartment dieser Größe gehen die Räume fließend ineinander über. Abgesehen von der Lampe, die von der Decke über dem Esszimmertisch hängt, besteht kein Unterschied zwischen ihnen.
Durch das Fenster sehe ich auf die Straße, allerdings wird mich niemand um diese Aussicht beneiden. Sogar in der Dunkelheit wirkt die Straße, die von verwahrlosten Reihenhäusern gesäumt ist, deprimierend und heruntergekommen.
Nachdem ich mich auf meinem Stuhl niedergelassen habe, rufe ich meine beste Freundin an, Sydney Carroway. Meine alltäglichen Gewohnheiten ändern sich nie, und dazu gehört, dass ich Sydney anrufe, wenn ich mich hinsetze, um zu arbeiten.
Ich drücke die Kurzwahl, und Sydney geht beim ersten Klingeln ran.
»Ich brauche ein anderes Wort für Schwanz«, verkündet Sydney in ernstem Ton.
Was ein Außenstehender vermutlich für das schrägste Gespräch seines Lebens halten würde, ist tatsächlich eine völlig gewöhnliche Unterhaltung mit meiner besten Freundin.
Kichernd wechsle ich das Handy zum linken Ohr und versuche, mein zerschrammtes MacBook zu öffnen, um meine Notizen von dem Interview abzutippen. »Du bist echt so was von pervers, Syd … aber wenigstens auf liebenswerte Weise.«
»Lach nicht!« Ihre Stimme klingt ein wenig schrill am anderen Ende der Leitung. »Das ist für Recherchezwecke.«
»Um Schweinkram zu schreiben«, scherze ich, ohne zu lachen.
»Hey, der Schweinkram bezahlt meine Rechnungen, Schätzchen!«
Sydney schreibt erotische Liebesromane. Außerdem ist sie meine Co-Bloggerin bei Long Sticks and Hard Shots, dem sportorientierten Sexratgeber-Blog, den wir zusammen betreiben. Ich berichte dabei von meinen Erfahrungen mit Eishockeyprofis und meiner Vorliebe für ihre Stöcke. Sydney setzt ihr Geschick im Umgang mit Worten und ihre Sexbesessenheit ein, um unsere Leserinnen zu unterhalten.
Diskussionen über die richtigen Ausdrücke sind da an der Tagesordnung. Immerhin verdient sie ihren Lebensunterhalt damit, Schnulzen zu schreiben, und ihre Gedanken kreisen den lieben langen Tag um Sex. Von daher muss man bei Sydney immer auf Gespräche mit anzüglichem Inhalt vorbereitet sein. Sie besitzt zudem die Gabe, ungezwungen über Themen zu reden, die den meisten Menschen unangenehm wären. Irgendwie bringt sie unsere Leserinnen dazu, sich zu öffnen und auf einen Dialog einzulassen.
»Vielleicht solltest du eine Umfrage unter unseren Followerinnen starten. Mal sehen, wie viele Wörter für Schwanz ihnen einfallen. Ich hab leider keine Zeit, hier rumzusitzen und all die versauten Ausdrücke runterzuleiern, die dein Schmuddelhirn hören will. Manche von uns müssen für ihr Geld richtig arbeiten.«
»Womöglich muss ich unsere Freundschaft überdenken«, witzelt sie und schnaubt ins Telefon. »Was ist aus dem Grundsatz Sister vor Mister geworden? Wir sind ein Team – deine Eishockeytypen können warten.«
Ich verdrehe die Augen, muss aber schmunzeln. »Ich arbeite nicht nur mit Eishockeyspielern. Das ist bloß zufällig mein Lieblingssport.« Da ich weiß, dass sie mich nie vom Haken lassen wird, bevor ich ihre Frage beantwortet habe, lehne ich mich auf dem Stuhl zurück. »Na schön. Ich geb dir einen Schubs in die richtige Richtung, aber dann muss ich zurück an die Arbeit. Im Gegensatz zu dir brauche ich länger als zwanzig Minuten, um ’ne gute Story zu scheiben.«
»Lass dir gesagt sein, dass wesentlich mehr als zwanzig Minuten nötig sind, um eine Geschichte zu schreiben. Ich stecke mein Herz und meine Seele in diese heißen Romane.«
»Stimmt.« Ich nippe an dem extragroßen Kaffeebecher mit der Aufschrift Ich bin versaut und weiß es. Er ist eines der zahlreichen eigenartigen Geschenke, die ich von Sydney im Laufe der Jahre bekommen habe. In der Mitte des Bechers ist sogar ein rosa Lippenstiftabdruck. »Aber weißt du, nur weil ich die Besitzerin eines Sportmagazins bin, heißt das noch lange nicht, dass ich mir einfach einen Tag freinehmen kann. Nach allem, was mit der Firma meines Vaters passiert ist, kann ich mich kaum über Wasser halten.«
»Schon klar, Schätzchen, ich weiß, und das tut mir ja auch alles schrecklich leid. Ich bin sicher, für dich geht’s bald bergauf. Du musst nur bei den richtigen Leuten den Fuß in die Tür kriegen.«
»Du hast leicht reden. Du schreibst ein Buch und verkaufst davon in einer Woche zehntausend Exemplare.«
Sie lacht. »Was soll ich sagen? Guter Sex zieht nun mal. Ich gebe meinen Lesern bloß, was sie wollen.«
Ich spähe zu der Uhr, die vor mir an der Wand hängt – neben dem Kaffeekocher eins der wenigen Dinge, die in dieser Wohnung funktionieren. »Ich muss diese Frist einhalten, also unterhalten wir uns lieber später über Schwänze.«
Wieder schnaubt Sydney und tut verärgert, eine Taktik, die sie jedes Mal einsetzt, wenn ich auflegen und sie lieber weiter mit mir quatschen will. »Sports Buzz gehört dir. Es ist ja nicht so, als müsstest du auf Biegen und Brechen den Redaktionsschluss schaffen. Außerdem ist es ein Onlinemagazin.«
»Schon richtig, ich bin die Besitzerin, nur meinem Bankkonto geht’s deswegen nicht besser.« Das stimmt leider. Wenn ich diesen Monat nicht noch ein paar Interviews an Land ziehe und mit dem Magazin mehr Aufmerksamkeit errege, muss ich auf die spärlichen Reste meiner Ersparnisse zurückgreifen. Ich habe bisher noch keinen müden Cent mit Sports Buzz verdient, weil es nur so vor sich hin dümpelt.
In meinem Ohr macht sich ein anderer eingehender Anruf mit einem Piepton bemerkbar. Ich werfe einen Blick auf das Display, sehe die Ortsvorwahl 215 und bin mir nicht sicher, ob ich um diese Zeit noch rangehen soll. Aber schließlich könnte es um die Arbeit gehen, und ich kann es mir nicht leisten, eine Story sausen zu lassen.
»Hey, Syd, es kommt grad ein Anruf rein. Da muss ich rangehen.«
»Ach, Quatsch«, brummt sie gespielt verärgert. »Du versuchst bloß, mich abzuwimmeln, weil du meine Frage nicht beantworten willst.«
»Nein, tu ich nicht. Hör mal, ich ruf dich später zurück. Versprochen.«
»Aber ich stecke mit dieser Szene echt fest und brauch deine Hilfe«, jammert sie. »Ich brauch ein neues Wort für Schwanz. Man kann dieselben Wörter nicht beliebig oft verwenden, irgendwann fangen sie an, alle gleich zu klingen. Hilfst du mir jetzt bei der Szene oder nicht? Ich bin so nah dran, die Geschichte von Nate und Ashlyn zu einem tollen Ende zu bringen, und ich brauch dafür den Kennedy-Touch.«
Sydney macht das jedes Mal, wenn sie eine knappe Frist bei ihrer Lektorin einhalten muss. »Ein Mann und eine Frau begegnen sich, haben heißen Sex und verlieben sich. Ende. So, bitte. Schreib das.«
»Pah! Das ist scheiße! Gott sei Dank schreibst du keine Liebesromane. Du hast überhaupt keine Ahnung davon.«
Das Klingeln des anderen Anrufs endet, weil Sydney einfach weiterplappert und mich nicht auflegen lässt. Aber wer immer der Anrufer sein mag, er ist hartnäckig, denn ich höre erneut das Anklopfzeichen, und diesmal will ich unbedingt rangehen.
»Ich verspreche dir, dass ich dich gleich zurückrufe. Wir müssen ohnehin über die nächsten Themen für den Blog reden, und ich bin sicher, in der Zwischenzeit hast du Besseres zu tun. Du könntest dir zum Beispiel fünf verschiedene Arten überlegen, wie Männer die Eierstöcke einer Frau zum Schmelzen bringen.«
»Ha-ha! Na schön, dann spiel du eben die Erwachsene. Bis später, K.«
Ich wechsle zur anderen Leitung, bevor der Anrufer wieder auflegt, und halte Stift und Notizblock bereit. »Hallo, hier ist Kennedy Lockwood.«
»Hi, Kennedy«, ertönt eine kraftvolle, selbstbewusste Stimme. »Hier spricht Alex Parker. Wir haben uns vor einer Weile im Umkleideraum im Wells Fargo Center kennengelernt. Du hast mir deine Karte gegeben und gemeint, ich solle anrufen, falls ich etwas berichtenswert finde.«
Ich bin erleichtert, zugleich jedoch ein bisschen nervös. Vielleicht kann ich ein Exklusivinterview mit dem ehemaligen König der Skandale kriegen. Das würde helfen, ein bisschen Geld in die Kasse zu spülen, um Sports Buzz zumindest einen weiteren Monat über Wasser zu halten, bevor ich noch mehr von meinen Ersparnissen in dieses sinkende Schiff pumpen muss.
»Richtig. Was kann ich für dich tun, Alex?« Ich achte auf einen ruhigen, aber heiteren Ton und hoffe, dass er etwas Spektakuläres für mich hat, über das ich schreiben kann.
»Ich weiß, dass du mich für Charlotte Coachman im Auge behältst. Das hat sie mir letzte Nacht gestanden.« Er lacht ins Telefon. »Mein Mädel passt auf mich auf.«
Echt jetzt? Ist ja gar nicht peinlich.
»Ich bin mir nicht sicher, worauf du hinauswillst, Alex.«
Ein paar Herzschläge verstreichen, bevor er verkündet: »Ich hätte da ’ne Story für dich und hoffe, du hast morgen Nachmittag Zeit.«
»Was für eine Story? Über dich?«
»Ja … gewissermaßen. Charlotte ist Mitveranstalterin eines Basketballcamps für Jugendliche mit Philly Clean, um Geld für Drogenaufklärung und für Forschungszwecke zu sammeln. Aber ich hab vor, sie bei der Veranstaltung zu überraschen.«
Ich stütze einen Ellbogen auf den Schreibtisch, während ich mir das Telefon ans andere Ohr halte, und fange an, mir Notizen über Charlotte und die Veranstaltung zu machen. »Inwiefern überraschen? Ihre Wohltätigkeitsveranstaltungen sind in der Regel ja schon berichtenswert, nur bin ich mir nicht sicher, wie ich dabei ins Bild passe. Du könntest es beim Philadelphia Inquirer oder bei der Northeast Times versuchen.«
»Nein, ich denke, du bist perfekt dafür. Sports Buzz ist das einzige Magazin, das mich noch nicht in der Luft zerrissen hat, und ich weiß, dass du eine Übereinkunft mit Charlotte hast. Sie scheint dich zu mögen. Bestimmt weißt du, dass ihr Boss und mein Pate, Mickey Donoghue, uns seit Monaten auf Abstand halten wegen seiner Regel, dass es keine persönlichen Beziehungen zu Klienten geben darf. Tja, ich hab einen Weg gefunden, um seine Regel auszuhebeln, und ich hol mir mein Mädchen zurück. Ich will, dass ausnahmsweise mal jemand einen vernünftigen Artikel über mich schreibt und nicht einen weiteren Skandal ausschlachtet. Außerdem verschafft das ihrem Camp und der Spendenaktion mehr Medienaufmerksamkeit. Es ist eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.«
Ich weiß, dass Charlotte alias Coach eine Schwäche für Alex hat. Das wurde mir klar, nachdem sie mich gebeten hat, ein Auge auf ihn zu haben und dafür zu sorgen, dass er sich aus Ärger heraushält. Aber ich wusste bislang nicht, dass die Sache zwischen ihnen so ernst ist. Ich war der Meinung, sie würde mich darum bitten, weil sie seine Agentin ist – das ist bei Starspielern keineswegs ungewöhnlich. Alex Parker gilt in der Welt des Eishockeys als König der Skandale – zumindest war es so, bevor er Coach kennenlernte. Beim letzten Zwischenfall, in den Alex verstrickt war, titelten die Medien reißerisch Puck der Schande. Und der Mann besitzt seinen Ruf zu Recht, keine Frage.
Aber wenn ich von Sydney etwas gelernt habe, dann dass sogar versaute Bücher ein Happy End haben. »Klar, ich helfe dir gern, Alex. Wann und wo ist die Veranstaltung?«
Er seufzt förmlich in die Leitung und klingt erleichtert. »Danke, Kennedy. Das Camp beginnt morgen Vormittag im Veranstaltungszentrum auf dem Campus der Strickland University. Ich habe vor, Charlotte am Nachmittag zu überraschen, aber wenn du vorher Zeit hättest, meine Teamkameraden Tyler Kane und Carter Donovan kennenzulernen, wäre das super. Sie helfen mir, mit Charlottes Klienten alles zu organisieren. Wenn du nichts dagegen hast, gebe ich ihnen deine Nummer.«
Tyler Kane ist der Star-Center der Philadelphia Flyers. Außerdem ist er der höchstbezahlte Spieler in der NHL – mit einem dazu passenden Ego und Aussehen. Er ist ein Mega-Sahneschnittchen – kurzes blondes Haar, sonnengebräunt und große blaue Augen, die einen bei jedem Interview förmlich anspringen. Ich bin fasziniert von ihm, seit ich ihn bei einem Spiel in Aktion gesehen habe. Auf dem Eis weiß er unbestreitbar, wie man es krachen lässt, deshalb frage ich mich, wie er wohl im Schlafzimmer ist.
Und Carter Donovan ist auch nicht zu verachten. Er ist kräftiger, durchtrainierter und größer als Tyler Kane, strahlt aber mit seinem wilden dunklen Bart und seinem kantigen Aussehen genauso viel Sexappeal aus. Er pflegt diesen Holzfäller-Look schon den Großteil der Saison. Viele der Jungs tun das aus Aberglauben, obwohl ich die Taktik dahinter nie verstanden habe.
Alex ist neu in der Mannschaft, aber innerlich erlebe ich einen beinah hysterischen Fangirl-Moment, als ich höre, dass Alex mich seinen Teamkameraden vorstellen will. Ich schmelze förmlich dahin und bin derart aufgeregt, dass ich einen Augenblick lang Mühe habe, Worte zu artikulieren.
»Ja, das kann ich einrichten.« Meine Stimme klingt ruhig, gefasst – was so gar nicht dem entspricht, was in mir vorgeht. »Sag Donovan und Kane einfach, sie sollen mich anrufen, um eine Uhrzeit für unser Treffen zu vereinbaren.«
In Gedanken quieke ich verzückt. Nach einem so langen Tag unterwegs ist die Aussicht darauf, dass mich einer der beiden anruft, zu viel, um cool zu bleiben. Nicht auszudenken, dass ich die Chance beinah verpasst hätte, weil Sydney unbedingt über Schwänze fachsimpeln wollte.
»Und nur zu deiner Information: Charlottes gesamter Klientenstamm wird da sein. Du kannst uneingeschränkt Exklusivinterviews führen, mit wem du willst.«
Bei manchen Spielern ist es fast unmöglich, sich ihnen auch nur auf anderthalb Meter zu nähern. Seit über einem Jahr bin ich so was von scharf auf ein Interview mit NBA-Senkrechtstarter Dante West. Aber obwohl ich Coach bei Alex ausgeholfen habe, ist es mir bisher nicht gelungen, an ihn ranzukommen. Natürlich ist es wenig hilfreich, dass er für die Chicago Bulls spielt und nur wenige Male im Jahr in der Stadt ist. Und ich kann es mir definitiv nicht leisten, zu ihm zu fliegen, um ihn zu stalken. Die Gelegenheit, die Alex mir bietet, kommt für eine Sportreporterin einem Lottogewinn gleich.
»Ich bin dabei.« Man hört die kindliche Aufregung deutlich in meiner Stimme.
»Großartig. Ich danke dir, Kennedy. Tja, dann will ich dich mal nicht länger aufhalten. Immerhin ist es Freitagabend, ich bin sicher, du hast Pläne.«
Weit gefehlt. In der Hinsicht geht es bei mir zu wie bei einer Sechzigjährigen. Mein Leben besteht nur noch aus Arbeit. Den einzigen Sex in den letzten Monaten hatte ich mit einem Vibrator oder habe ihn nur in Sydneys Büchern erlebt. Sie schreibt tatsächlich ziemlich heißes Zeug.
»Danke, Alex. Ich freu mich schon auf die Veranstaltung. Schönen Abend noch.«
Nachdem ich mich von Alex verabschiedet und aufgelegt habe, schreibe ich mir ein paar Fragen auf, die ich morgen stellen will. Diese Veranstaltung wird das Gesprächsthema schlechthin in der Welt des Sports sein. Da man Sports Buzz mittlerweile als TMZ des Sports bezeichnet, braucht mein Magazin dringend ein bisschen Rückenwind. Ich nehme meine Karriere ernst, deshalb kränken mich solche Vergleiche mit einem billigen Boulevardblatt. Ich habe nicht vier Jahre Journalismus an der Uni in New York studiert, um das erworbene Wissen zu vergeuden.
Obwohl es schon spät ist, koche ich noch eine Kanne Kaffee, weil ich mit meinen Artikeln bis morgen früh fertig werden muss. Für jemanden, der vom Schreiben lebt, ist es das Schlimmste, wenn einem die richtigen Worte fehlen. Manchmal starre ich stundenlang auf den Bildschirm, bis ich in Schwung komme, und die Gedanken an die Veranstaltung morgen lenken mich gerade ziemlich ab.
Ich schalte das Radio ein, mache es mir auf dem hohen Lehnsessel bequem und starre aus dem Fenster auf die laute Straße hinaus.
Aus der Wohnung meiner Nachbaren ein paar Türen weiter dröhnt Musik. Diese Leute sitzen entweder jeden Abend auf den Eingangsstufen und verticken Drogen, oder sie schmeißen wilde Partys. Wäre ich schlau, hätte ich mir die Wohnung abends statt am Tag angesehen. Ich hatte echt keine Ahnung, was mich erwartet, bis ich die erste Nacht in dieser Gegend verbracht habe. Meistens singen mir die Sirenen von Streifen- und Krankenwagen ein Gute-Nacht-Lied, wenn ich schlafen gehe.
Mit der Miete und den Betriebskosten für die Wohnung komme ich gerade so über die Runden. Mein neuer Lebensstil ist völlig anders als der, an den ich mich als Kind gewöhnt hatte. Meist hört man ja Geschichten vom sozialen Aufstieg. In meinem Fall ging es eher steil bergab, auch wenn in meiner Garderobe Prada und Chanel hängen – zumindest noch so lange, bis ich die Designerklamotten verkaufen muss, um Rechnungen bezahlen zu können.
Nachdem ich einige Minuten lang Kaffee getrunken und meine Notizen durchgelesen habe, finde ich endlich die richtigen Worte für meinen Artikel und gebe der Story meine persönliche Note. Viele Artikel in Magazinen sind ziemlich langweilig, aber ich bemühe mich, sie aufzupeppen und gebe mein Bestes, damit sie sich weniger trocken lesen. Über einen Spieler mit einer gerissenen Rotatorenmanschette oder den Trainingsbericht der Sixers zu schreiben, ist wahrlich kein Highlight meiner Karriere.
Wirklich glänzen kann ich, wenn ich für unseren Blog schreibe. Unsere Leserschaft ist begeistert von unseren Inhalten und liebt beispielsweise die Live-Fragerunden. Dabei können sie uns Fragen über Liebe und Sex schicken, die Sydney auf Facebook und YouTube beantwortet. Fans ihrer Bücher und die Followerinnen und Follower unseres Blogs sind hin und weg von der Gelegenheit, sich bei einer Liebesromanautorin Sexratschläge zu holen.
Als ich mit meiner Story fertig bin und sie für Montag einstelle, klingelt mein Handy erneut. Da es inzwischen nach Mitternacht ist, glaube ich zu wissen, wer es ist und gehe ran, ohne aufs Display zu schauen.
»Syd, ich hab dir doch gesagt, dass ich den Artikel fertigkriegen muss. Wenn du andere Bezeichnungen für ›Schwanz‹ haben willst, wirst du eben googeln müssen.«
Ein Mann lacht am anderen Ende der Leitung. »Ich denke, dabei kann ich helfen. Man kann mit dem Offensichtlichen anfangen – Penis, Glied, einäugiges Monster …«
»Schon gut, das reicht. Wer zum Geier ist da?«, fauche ich irritiert ins Telefon. »Man leiert solche Wörter nicht vor einer Lady herunter.«
»Redet denn eine Lady mit Wildfremden am Telefon über Schwänze?«
Da hat er mich wohl erwischt.
»Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Wer ist da? Raus damit, oder ich lege auf.«
»Tyler Kane. Da du Sportreporterin bist, dürftest du von mir gehört haben. Parker hat mir deine Nummer gegeben.«
In seiner Stimme schwingt so viel Arroganz mit – die er auch damit beweist, dass er mich auf Anhieb duzt –, dass ich ihm am liebsten durch die Leitung eine scheuern würde. Als ich tief durchatme, wird mir klar, dass er mich nervös macht. Ich habe mich schon mehr als einmal Fantasien über Tyler hingegeben, wenn ich mir ein Spiel mit ihm angesehen habe.
Was soll ich zu ihm sagen?
Irgendwie bringe ich die Worte schließlich raus, die mir im Hals feststecken, und ich spreche sie bewusst provokant aus. »Ja, ich weiß, wer du bist, Tyler«, duze ich ihn zurück. »Warum rufst du so spät noch an?«
»Weil ich im Begriff bin, mich hemmungslos zu besaufen, und ich morgen länger schlafen will. Ich dachte mir, wir sollten das gleich hinter uns bringen, bevor ich mir eine Flasche Whiskey reinziehe.«
»Verstehe«, meine ich schnaubend. »Ihr habt eure Wildcard für die Play-offs verloren. Herber Rückschlag. Schätze, da sind ein paar Drinks verständlich.«
Er seufzt. »Wow, schönen Dank auch für die Erinnerung. Eigentlich versuch ich ja krampfhaft, das zu vergessen.« Ich bemerke den verärgerten Unterton in seiner Stimme und hoffe, dass er meine Worte nicht in den falschen Hals bekommt, aber er erholt sich rasch davon. »Wir werden’s nächstes Jahr schaffen, ein Schritt nach dem anderen. Wie auch immer, heute Abend feiern wir, dass Parker einen Weg gefunden hat, wieder mit Coach zusammen zu sein. Parker wechselt jetzt wohl endgültig auf die dunkle Seite.«
Ich lehne mich auf dem Stuhl zurück, lege die Füße auf den Schreibtisch und überlege, wie ich die Wogen dieser Unterhaltung glätten kann. Dank Sydney und ihrer dämlichen Frage hatten wir einen denkbar peinlichen Start.
Der Niedergang der Firma meines Vaters hängt wie ein Damoklesschwert über mir – mein Magazin gehört zu den letzten verbliebenen Teilen von Sentry Publications, dem millionenschweren Unternehmen, das mein Großvater aus dem Nichts erschaffen hat, während mein Vater unser Familienerbe ruinierte, indem er sich auf Geschäfte mit den falschen Leuten einließ.
»Dann viel Spaß. Ich muss arbeiten«, murmle ich in mich hinein.
»Du könntest mitkommen … wenn du willst. Ein paar meiner Teamkameraden und ich gehen in den neuen Klub unten am Fluss. Ist ziemlich cool.«
»Danke für das Angebot, aber es ist schon ziemlich spät. Ich hab noch zu tun, und du kennst mich nicht mal.«
»Warum muss ich dich kennen? Wenn dein Körper zu deiner sexy Stimme passt, könnten wir beide heute Nacht eine Menge Spaß haben.«
Ich muss heftig den Impuls unterdrücken, ins Telefon zu würgen. »Ja, weißt du, lieber nicht. Ich muss jetzt auflegen. Wann und wo treffen wir uns morgen?«
»Spaßbremse.« Er schnauft vernehmlich. »Ich warte um zwei am Hintereingang vom Veranstaltungszentrum auf dem Campus der Strickland University.«
»Klingt gut.« Ich hebe die Füße vom Schreibtisch und stehe mit dem Becher in der Hand auf, denn diese Unterhaltung rechtfertigt einen Schuss Alkohol in meinem Kaffee. Ich muss die Wodkaflasche suchen, die ich irgendwo versteckt habe. »Dann bis morgen.«
Bevor er noch etwas sagen kann, lege ich auf und öffne den Kühlschrank, in dem ich den Wodka vermute. Nach diesem Gespräch mit Tyler rechne ich damit, dass morgen ein langer Tag wird. Aber ich brauche die Medienaufmerksamkeit, wenn ich das Magazin retten will.
Wir haben schon wieder gegen dieselben Penner verloren, die unsere Mannschaft immer aussehen lassen, als wären wir noch in der Jugendliga und würden versuchen, uns mit den Profis zu messen. Nur sind wir in Wirklichkeit professionelle Eishockeyspieler, die in der Lage sein sollten, auf demselben Niveau dagegenzuhalten. Als wir zum letzten Spiel angetreten sind, wussten wir schon, dass wir raus aus den Play-offs sind, allerdings macht das die Niederlage nicht besser. Von mir als Teamkapitän wurde erwartet, dass ich eine motivierende Ansprache halte, die Stimmung verbessere und allen das Gefühl gebe, wir wären nicht die gesamte Saison über lausig gewesen.
Jedes Wort aus meinem Mund war bloß heiße Luft. Vorhin hätte Gretzky höchstpersönlich in unserer Umkleide eine Rede über Teamwork halten können, und die Jungs hätten sich trotzdem trübselig in ihre jeweiligen Winkel verzogen. Die Stimmung nach dem Spiel war gedämpft, um es harmlos auszudrücken.
Was hätte ich denn sagen sollen, um uns aus unserem Motivationsloch zu reißen?
Manchmal nervt es ziemlich, der Teamkapitän zu sein. Die Jungs erwarten von mir Führung, obwohl ich genauso wenig weiß, wie wir den Karren aus dem Dreck ziehen können.
Bevor wir das Glück hatten, dass Alex Parker nach einem weiteren Skandal von den Capitals zu den Flyers gewechselt ist, hatten wir eine Niederlagenserie von zehn Spielen hintereinander. Wir hatten null Aussicht darauf, es überhaupt in die Play-offs zu schaffen, geschweige denn, uns den Pokal zu holen. Mit Alex haben wir nächste Saison vielleicht eine echte Chance. Aber den Großteil dieser Saison hat er sich in seiner Depression wegen Coach gesuhlt. Sein Spiel hat darunter gelitten. Unsere Stimmung hat darunter gelitten. Jeglicher Teamgeist, den wir je hatten, ist die verfluchte Toilette runtergerauscht.
Da ich im Süden von New Jersey aufgewachsen bin, habe ich schon immer jedes Spiel der Flyers verfolgt. Mein Leben hat aus Essen, Schlafen und Eishockey bestanden. Ich bin der Junge von hier, der sich den Arsch aufgerissen hat, und mit etwas Glück habe ich einen Agenten gefunden, der mich direkt nach der Highschool bei dem Team unterbringen konnte, das ich schon mein Leben lang liebe. Nur konnte mir dieser Agent keinen Sponsorenvertrag beschaffen, also musste ich ihn durch Coach ersetzen, die Agentin, die auch Parker managet. In unserem ersten gemeinsamen Jahr habe ich selbst versucht, bei Coach auf persönlicher Ebene zu landen. Allerdings hatte sie damals noch eiserne Regeln. Erst Parker ist es gelungen, sie zu überreden, ihre Regeln zu brechen. Verfluchter Glückspilz.
Jetzt sind wir im Club Rave, um zu feiern, dass Parker seiner Holden seine Kronjuwelen auf einem Silbertablett serviert, und ich gebe mir alle Mühe, eine weitere Niederlage in Alkohol zu ertränken. Ich hebe das Glas an die Lippen und beobachte die jungen Frauen, die in den Käfigen tanzen, die von der Decke hängen. Dann stürze ich den dritten Whiskey Cola hinunter, seit ich mit dieser Sportreporterin mit der sexy Stimme telefoniert habe.
»Was machst du hier?«, ruft mir Donovan über das Wummern der Bässe zu. »Ich such schon seit ’ner Stunde nach dir.«
»Bin rausgegangen, um die Reporterin für Parker anzurufen. Auf dem Rückweg bin ich irgendwie abgelenkt worden.« Ich zeige auf die jungen Frauen, die in nuttigen Kostümen auf der Theke vor mir tanzen, dann wandert mein Blick höher zu den Käfigen darüber.
Mein Teamkamerad und bester Freund, Carter Donovan, nickt verständnisvoll. »Oh, alles klar, kann ich nachvollziehen.« Er leckt sich über die Lippen und stellt Blickkontakt mit einer Frau her, die das lange dunkle Haar zu Zöpfen geflochten hat und eine katholische Schulmädchenuniform trägt. »Wir haben schon gedacht, du wärst gegangen. Da Parker jetzt nicht mehr trinkt, komm ich wie ein Säufer rüber, wenn ich der Einzige bin, der sich Drinks reinzieht. Lass uns ins VIP-Zimmer zurückgehen. Die nächste Show fängt gleich an.«
»Wenn sie diesmal wieder nur tanzen, ohne sich auszuziehen, dann bleib ich lieber hier.«
Er legt mir seine schwere Pranke auf die Schulter und drückt mich nieder. Donovan ist ein Koloss. Obwohl ich selbst eins achtundachtzig bin, wirke ich neben ihm klein. »So ’n Klub ist das hier nicht, Kumpel. Wir können nachher runter ins Scores gehen, wenn Parker weg ist.«
»Schon okay, wir können ruhig hierbleiben.«
Mein Handy vibriert in meiner Tasche zu den wummernden Bässen aus den Lautsprechern. Da ich damit rechne, dass es die Reporterin von Sports Buzz ist, werde ich glatt ein wenig aufgeregt, als ich das Telefon hervorhole – bis ich auf das Display schaue.
In dem Moment sackt mir das Herz in den Magen wie ein Anker auf den Meeresboden. Die einzige Person, die in der Lage ist, mir auf einen Schlag die Nacht zu vermiesen, hat den Nerv, mir ausgerechnet jetzt zu schreiben. Was will sie jetzt wieder?
In ihrer Nachricht steht: Nur zur Info. Die Hudsons haben gesagt, wir können nächsten Samstag statt Sonntag kommen, um Blake zu sehen. Ich hab deinen Eltern vorhin über die Änderung Bescheid gegeben.
Am liebsten würde ich das Handy zu Boden werfen und es in tausend Stücke zerstampfen. Sie hat mir das angetan. Sie hat mich so werden lassen. Sie hat mir das verdammte Herz gebrochen und einen Teil von uns weggegeben, den ich nicht wirklich weggeben wollte. Ich hasse sie. Ich hasse es, dass ich sie immer noch liebe. Und ich hasse mich, weil ich mich von ihr habe überzeugen lassen, dass wir nicht das Richtige für uns, für meine Karriere sind. Jetzt habe ich nur noch Eishockey und den Schmerz, den ich wegen ihrer Hinterhältigkeit mit mir herumschleppe.
»Alles okay, Mann?«, fragt mich Donovan mit besorgter Miene.
Ich schüttle den Kopf und kann ihm dabei nicht in die Augen sehen, weil ich mich schäme. Jedes Mal, wenn sie sich meldet, jedes Mal, wenn wir uns zusammen im selben Raum aufhalten müssen, reißt sie alte Wunden auf.
»Das war Payton. Also nein, es ist nicht alles okay.«
Donovan legt mir seine Pranke auf den Rücken und schiebt mich zur Bar. Dann ruft er die heiße Barkeeperin in schwarzem Lack und Leder zu uns. Ihr Vorbau quillt förmlich aus dem Korsett.
»Kann ich ’ne Flasche Johnnie Walker und zwei Gläser kriegen?«
Die Frau sieht ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Flaschenservice haben wir nur in den VIP-Räumen. Du musst einen buchen, wenn du eine Flasche bestellen willst.«
Donovan zückt die Brieftasche und schiebt mit einem Finger seine American Express Black Card über die Theke zu ihr. »Bekomm ich jetzt vielleicht ’ne Flasche?«
Ein verhaltenes Lächeln breitet sich auf ihren vollen Lippen aus. »Klar. Kommt sofort.« Sie nimmt seine Kreditkarte, zieht sie durch die Registrierkasse und verrechnet eine Flasche des teuersten Whiskeys, den der Laden zu bieten hat. Dann steigt sie auf einen Hocker, verwöhnt uns mit einem herrlichen Ausblick auf ihren perfekten Hintern und holt eine Flasche vom obersten Regal.
Ich wette, in Gedanken zählt sie bereits das fette Trinkgeld, als sie wieder vom Hocker steigt. Sie stellt zwei Gläser vor uns. Ihr Busen hüpft dabei verheißungsvoll auf und ab. Wir schütten die gelbliche Flüssigkeit auf Ex in uns hinein, hämmern die Gläser auf die Theke und warten darauf, dass die Frau uns die nächste Runde einschenkt.
Nach der Nachricht könnte ich mir die ganze Flasche reinziehen, und es würde immer noch nicht reichen, um Payton aus meinem Hirn zu löschen.
Ich lehne mich über die Theke, damit mich die Barkeeperin besser hören kann. »Was hast du später noch vor?«
»Die Bar schließen und nach Hause gehen.«
»Du solltest mit zu mir kommen«, schlage ich vor, fahre mir mit den Fingern durch das blonde Haar und schenke ihr mein bestes schiefes Lächeln, das Frauen in der Regel dazu bringt, ihre Hemmungen genauso wie ihre Unterwäsche abzulegen.
Sie schaut zu Donovan und beißt sich auf die Unterlippe, bevor ihr Blick zu mir zurückkehrt. »Kommt drauf an, ob ihr beide dort sein werdet …«
Ich beuge mich so nah zu ihr, dass sie meinen Atem auf den Lippen spüren kann. »Nein, nur ich.«
»Schade«, meint sie und streicht sich die Haare von der Schulter. »Aber ich schätze, du wirst auch reichen.«
»Worauf du dich verlassen kannst«, erwidere ich herausfordernd.
Sie tritt einen Schritt von der Theke zurück und zwinkert mir zu. Dann schwenkt ihre Aufmerksamkeit zum anderen Ende, wo Gäste ihre Getränkebestellungen rufen. »Ich muss wieder an die Arbeit. Wir können uns gegen drei am Hintereingang treffen, wenn du Lust hast.«
»Ich werde da sein.«
Nachdem sie davongegangen ist, reicht mir Donovan ein weiteres Glas Whiskey, und wir stoßen lautstark an.
»Auf die Frauen, die uns die Herzen brechen«, sagt er. Donovan hat seine eigenen Probleme.
»Und auf die Frauen, die uns helfen, sie zu vergessen.«
Wir stürzen unsere Drinks hinunter. Der Alkohol brennt meine Kehle hinab, aber es fühlt sich gut an. Schon bald werde ich mein Gesicht nicht mehr spüren und zu betrunken sein, um mich einen Dreck um Payton und die Scheiße zu scheren, die sie mir angetan hat. Ich will sie vergessen – wenn auch nur vorübergehend.
Ich wache auf, weil mein Handywecker klingelt, habe aber zuerst keine Ahnung, woher der nervige Lärm kommt. Als ich ein Auge öffne, sehe ich die junge Frau neben mir. Ihr langes Haar umrahmt ihr Engelsgesicht, und bei dem Anblick, wie sie mit hochgestrecktem Hintern auf dem Bauch liegt, bekomme ich einen Ständer. Aber ich kann das verdammte Klingeln des Weckers nicht ertragen. Ich sehe mich im Zimmer um, krieche aus dem Bett und suche auf dem Nachttisch und auf dem Boden, auf dem unsere Kleidung verstreut liegt. Schließlich entdecke ich meine Hose auf dem Lehnsessel in der Ecke.
Ich krame das Handy aus der Jeanstasche und schalte den Wecker aus. Es ist erst neun Uhr morgens – viel zu früh für mich, um richtig zu funktionieren, nachdem ich mich halb ins Jenseits gesoffen habe. Die vergangene Nacht ist mir nur verschwommen in Erinnerung geblieben. Wir haben die Flasche Johnnie Walker kurz vor der Sperrstunde mit der Hilfe einiger unserer Mannschaftskameraden geleert.
Die Frau dreht sich mit weit gespreizten Beinen auf den Rücken. Ihre Nippel weisen in meine Richtung, als sie sich mit dem Handrücken die Augen reibt. »Was war das für ’n Lärm?«
»Nur mein Wecker, Süße.« Ich wünschte, ich könnte mich an ihren Namen erinnern, aber auch der liegt tief im Nebel der vergangenen Nacht verborgen. »Ich muss los. Hat Spaß gemacht.«
Ich spule meine übliche Routine ab, laufe durch das Schlafzimmer der Frau, sammle meine Klamotten ein und ziehe sie so schnell an, dass ich beinahe stolpere und auf ihr Bett falle. Zuneigungsbekundungen sind nicht mein Ding, genauso wenig wie Dates oder irgendetwas sonst, das eine Frau auf die Idee bringen könnte, ich wäre an etwas anderem als Sex interessiert.
Daraus mache ich kein Hehl. Ich gebe keine Versprechen. Ich bereue nichts. Nach dem, was zwischen Payton und mir gelaufen ist, kenne ich keine andere Lebensweise mehr. Denn eine einzige Sache bereue ich sehr wohl: Ich habe zugelassen, dass sie mich zerstört.
Ich gehe, ohne nach der Telefonnummer der Frau zu fragen, weil ich weiß, dass ich sie ohnehin nicht anrufen werde. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass es um Sex und sonst nichts geht, und sie stimmt kein Gezeter an, als ich zur Tür hinaus verschwinde.
Der grelle Sonnenschein zwingt mich, das Gesicht mit dem Arm abzuschirmen, als ich auf der verkehrsreichen Straße nach meinem Auto Ausschau halte.
Wo bin ich?
Die Straßen sehen hier alle gleich aus, und ich befinde mich obendrein zwischen zwei Häuserblocks, weit und breit kein Straßenschild in Sicht. In der Einbahnstraße ist fast jeder Parkplatz besetzt, und ich kann meinen BMW nicht finden. Dabei sticht er normalerweise aufgrund seines San-Marino-Blau aus der Masse hervor.
Wo zum Geier ist die Karre?
Entweder bin ich noch zu betrunken, um drei Meter weit klar zu sehen, oder von meinem Wagen fehlt wirklich jede Spur. Einfach großartig. Mit wackligen Schritten setze ich mich in Bewegung, hole den Schlüssel aus der Tasche und drücke in der Hoffnung auf die Alarmtaste, dass sie mir hilft, mein Auto aufzuspüren. Nichts passiert. Ich höre nur die Geräusche der an mir vorbeirauschenden Fahrzeuge.
Ich krame mein Handy hervor und drücke die Kurzwahl für Donovan.
»Alter, ich hoffe für dich, es ist dringend«, antwortet er nach mehrmaligem Klingeln. Seine Stimme klingt rauer als sonst.
»Ich find mein Auto nicht, und sei bloß nicht so ein Arschloch. Dafür bin ich nicht in der Stimmung.«
»Bist du noch bei der Barkeeperin?«
»Nein, bin grad raus aus ihrer Wohnung.«
»Tja, ihr habt ihr Auto genommen. Du warst eh zu betrunken, um selbst zu fahren. Hast du’s vergessen, du Idiot? Ihr habt ihr Auto genommen. Dein Wagen steht noch auf dem Parkplatz beim Klub.«
»Dann komm mich abholen«, gebe ich gereizt zurück.
»Geht nicht. Ruf dir ’n Uber.«
Im Hintergrund lacht eine Frau, und prompt begreife ich das Problem. Ich bin stinksauer darüber, dass er irgendein Mädchen mir vorzieht, also lege ich auf wie ein bockiges Kind, stampfe in meiner Wut fest auf und verursache mir dabei mehr Schmerzen als beabsichtigt.
»Scheiße!«, fluche ich und raufe mir die Haare. Als ich die Kreuzung erreiche, hocke ich mich auf den Randstein, rufe am Smartphone die Uber-App auf und gebe die Daten ein.
Zehn Minuten später hält ein junger Bursche in einem schwarzen Honda Accord neben mir. Ich steige hinten ein und wechsle eine knappe Begrüßung mit ihm, dann fährt er größtenteils schweigend, bis wir uns dem Club Rave nähern. Unterwegs späht er immer wieder in den Rückspiegel, und seine Züge hellen sich auf, als ihm letztlich klar wird, wer ich sein muss.
»Sind Sie es wirklich?« Seine Stimme zittert, und er verstummt kurz, bevor er hinzufügt: »Sind Sie Tyler Kane? Sie sehen ihm nämlich verdammt ähnlich.«
Ich nicke. »Ja, das bin ich.«
Aufgeregt klatscht er mit der Hand aufs Lenkrad. »Ich halt’s nicht aus! Meine Freunde werden so was von neidisch sein, wenn ich denen erzähle, dass ich Sie im Auto hatte. Wow! Das muss der beste Tag meines Lebens sein. Das glaubt mir kein Mensch.«
Dank meiner Fans sind Niederlagen etwas leichter zu verkraften. Jeder Profisportler, ganz gleich wie erfolgreich, hatte als Kind zumindest einen Spieler, zu dem er aufgeschaut hat. In meinem Fall war das natürlich Gretzky – ich meine, wer würde nicht so sein wollen wie er? Und da ich auf derselben Position spiele wie er früher, wollte ich erst recht so werden wie er.
»Man wird dir glauben, wenn du ’nen Beweis hast«, sage ich zu dem jungen Burschen.
Er schaut verwirrt. »Was zum Beispiel?«
Ich habe nichts Vernünftiges bei mir, was ich ihm geben könnte, es sei denn, ich unterschreibe auf einem Kondom oder dem zerknitterten Hunderter, den ich in der Brieftasche habe. Aber für ein Autogramm bräuchte ich außerdem einen Stift. »Wie wär’s mit einem Foto?«
Als er auf den Parkplatz am Club Rave rollt, werden seine Augen so groß, wie sein Lächeln breit ist. »Ja, das wäre super. Darf ich’s auf Facebook posten?«
»Klar. Du kannst es posten, wo du willst.«
Wir steigen beide aus und werfen die Türen hinter uns zu. Er stellt sich neben mich, ich rücke näher an ihn ran und starre in die Kamera seines Smartphones, während er ein paar Selfies schießt.
»Mann, das ist so was von spitze! Sie haben mir den Tag, ach was, die Woche, den Monat versüßt.« Er fährt sich mit der Hand durch sein zotteliges braunes Haar und betrachtet kurz das Display seines Handys, bevor er wieder zu mir aufschaut. »Das können Sie sich gar nicht vorstellen.«
Ich hatte mal, als ich jünger war, genauso einen Fanmoment mit einem ehemaligen Spieler der Flyers. Es war der beste Tag meines Lebens, zumindest hat es sich so angefühlt, bis mich die Flyers später in der ersten NHL-Rekrutierungsrunde nach der Highschool ausgewählt haben.
»Gern geschehen.« Ich zücke die Brieftasche und gebe ihm den Hunderter. Das Kondom hebe ich mir für später auf. »Schönen Tag noch.«
Er dankt mir mehrmals, bevor ich zu meinem mutterseelenallein auf dem Parkplatz stehenden Auto gehe. Ich schätze mich glücklich, dass es die Polizei nicht in der Nacht abgeschleppt hat.
»Auf geht’s, Flyers!«, ruft der Typ noch, als ich den Wagen erreiche.
Ich drehe mich um und strecke die zur Faust geballte Hand in die Luft. »Auf geht’s, Flyers!«
Er steigt lächelnd wieder ins Auto, und das erinnert mich daran, dass Fans immer noch das Beste am gesamten Spiel sind.
Für mich ist es an der Zeit, nach Hause zu fahren, um zu duschen und mich zu rasieren, damit ich bei Coachs Basketballcamp am Nachmittag einigermaßen vorzeigbar bin. Die Veranstaltung bedeutet sowohl Coach als auch Parker zu viel, als dass ich es mir erlauben könnte, das zu versauen. Außerdem treffe ich mich ja mit der Reporterin, von der ich hoffe, dass sie so sexy aussieht, wie sie klingt. Denn ich könnte auch für die nächste Nacht gut ein wenig Zerstreuung gebrauchen.
Sydney steht hinter mir und schaut mir über die Schulter, als ich unserem neuesten Blogeintrag den letzten Schliff gebe und auf Veröffentlichen klicke. Ihr süßliches Parfum steigt mir in die Nase, als sie die langen schwarzen Locken über die Schulter zurückwirft. Sie ist heute Morgen in einem knappen Rock und engen Oberteil – ihrem Outfit von vergangener Nacht – bei mir aufgeschlagen. Dabei hat sie auf dem Weg von irgendeinem Kerl, den sie aufgerissen hat, zu mir Frühstück mitgebracht. Das hat dazu geführt, dass ich mich nicht wie geplant auf die großen Interviews heute Nachmittag vorbereitet habe, sondern mit ihr zusammen an unserem wöchentlichen Beitrag gearbeitet habe.
Sydney legt den Kopf in den Nacken und lacht so laut, dass mir beinahe die Trommelfelle platzen. »Das ist echt gut geworden, K. Könnte einer deiner besten Artikel überhaupt sein. Was meinst du? Soll ich ihn live für unsere Facebookfans vorlesen?«
Ich zucke mit den Schultern. »Wie du willst. Es könnte uns eine Menge Likes einbringen, aber du weißt, dass ich mich nicht vor die Kamera stelle.«
Dann werden ihre Augen groß, und ihr Mund klappt auf. »Also, wie wäre es damit … Was hältst du davon, wenn wir nachstellen, was unserer Followerin passiert ist?«
»Das würde doch ein Porno werden. Außerdem, wer sollte es nachstellen? Ich bin pleite, schon vergessen? Ich hab keine Kohle, um Schauspieler zu engagieren.«
