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Zwei sportbegeisterte Nerds, eine Hochzeit - ein Hindernis
Jameson O'Connor hat zwei Seiten: Eis-Hockey-begeisterte Sportskanone bei Tag - Technik-Genie und Gamer bei Nacht. Der attraktive Nerd hat ein Herz aus Gold und ist eigentlich der Traum vieler Frauen. Aber er schafft es trotzdem nicht, für die Hochzeit seiner besten Freundin ein Date zu finden. Denn für oberflächliche One-Night-Stands ist er nicht zu haben. Doch dann rauscht Regan Turner in sein Leben. Die toughe und sportbegeisterte Tochter einer Eis-Hockey-Legende ist alles, was Jameson sich bei einer Frau erträumt. Doch Regan hält den Nerd mit dem Körper eines Sportlers für einen weiteren oberflächlichen Profi-Spieler, der nur das Eine von ihr will. Mit dieser Sorte Mann hat sie bereits schlechte Erfahrungen gemacht und daher das Daten aufgegeben. Diese Regel will sie auch für Jameson nicht brechen - egal wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlt...
"Jameson ist der heißeste Nerd aller Zeiten! Also lasst ihn eure Herzen erobern!" PAYTON'S BOOK THOUGHTS
Band 4 der ICE-BREAKERS-Reihe
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Seitenzahl: 305
Veröffentlichungsjahr: 2020
Titel
Zu diesem Buch
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Epilog
Danksagung
Die Autorin
Die Romane von Jillian Quinn bei LYX
Impressum
JILLIAN QUINN
Ice Breakers
JAMESON
Roman
Ins Deutsche übertragen von Michael Krug
Zwei sportbegeisterte Nerds, eine Hochzeit – ein Hindernis
Jameson O’Connor hat zwei Seiten: Ice-Hockey-begeisterte Sportskanone bei Tag – Technik-Genie und Gamer bei Nacht. Der attraktive Nerd hat ein Herz aus Gold und ist eigentlich der Traum vieler Frauen. Aber er schafft es trotzdem nicht, für die Hochzeit seiner besten Freundin ein Date zu finden. Denn für oberflächliche One-Night-Stands ist er nicht zu haben. Doch dann rauscht Regan Turner in sein Leben. Die toughe und sportbegeisterte Tochter einer Ice-Hockey-Legende ist alles, was Jameson sich bei einer Frau erträumt. Doch Regan hält den Nerd mit dem Körper eines Sportlers für einen weiteren oberflächlichen Profi-Spieler, der nur das Eine von ihr will. Mit dieser Sorte Mann hat sie bereits schlechte Erfahrungen gemacht und daher das Daten aufgegeben. Diese Regel will sie auch für Jameson nicht brechen – egal wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlt …
Sie verarscht mich doch. Das muss ein kranker Witz sein, den sich Alex ausgedacht hat, um zu sehen, ob ich darauf hereinfalle.
»Willst du mein Brautzeuge sein?«, fragt Charlie mit einem strahlenden Lächeln, das fast wie ein Grinsen rüberkommt.
Mein bester Freund ist eine Frau. Und nicht irgendeine Frau. Sie ist eine der besten Sportagentinnen der Branche und seit gestern Abend mit dem Top-Verteidiger der NHL verlobt. Für ihre Spieler ist sie Charlotte Coachman alias Coach. Aber für mich wird sie immer Charlie sein, das Mädchen von nebenan, als wir noch Kinder waren. Jetzt wird sich alles ändern.
Aber was zum Geier macht ein Brautzeuge? Was genau erwartet sie von mir? Ich stelle mir diese Fragen mehrmals und versuche herauszukriegen, was Charlie von mir verlangt. Den Begriff habe ich noch nie gehört. Ich kenne mich mit Hochzeiten nicht aus und bin alles andere als ein Experte auf dem Gebiet.
»Jameson«, sagt Charlie und schnippt mit den Fingern vor meinem Gesicht. »Lass mich nicht hängen. Du hast Alex ja schon die Erlaubnis erteilt, mich zu heiraten. Ich versteh nicht, warum du dich so komisch aufführst, nur weil ich dich als Brautzeugen haben will. Ist doch nichts dabei.«
»Ich weiß einfach nicht, was ich dazu sagen soll. Erwartest du von mir, dass ich … ein Brautjungfernkleid trage oder so?« Kopfschüttelnd schaue ich mit gerunzelter Stirn zu Alex Parker, der verdammt noch mal über mich lacht. Mistkerl. »Halt die Klappe, Parker«, herrsche ich ihn an und werfe ihm ein Kissen von der Couch an den Kopf.
Natürlich duckt er sich, und ich fege einen von Charlies signierten Basketbällen von seinem Ständer. Charlie hat im Wohnzimmer einen Schrein mit Erinnerungsstücken von ihren Klienten und anderen berühmten Sportlern. Einige der Teile würden bei einer Versteigerung wahrscheinlich genug einbringen, um sich damit ein Haus zu kaufen. Sie ist eine echte Sammlerin und liebt den Sport.
»Oh Kacke, nicht ausgerechnet der MJ-Ball.« Alex macht sich über mich lustig. An manchen Tagen kann ich ihn echt nicht leiden. Dieser Ball bedeutet Charlie mehr als alles andere in diesem Apartment.
Alex hält sich die Hand vor den Mund. Seine Augen weiten sich entsetzt, als er auf den Basketball hinabblickt, den Michael Jordan signiert hat, der Held unserer Heimatstadt und Charlies Idol.
Ich bin nach der Highschool mit Charlie von Chicago nach Philadelphia gezogen. Einerseits wollten wir hier aufs College gehen, andererseits den Pflegefamilien entkommen, in denen wir aufgewachsen waren. Unsere Beziehung ist immer rein platonisch gewesen.
Und jetzt will sie, dass ich ihr Brautzeuge werde …
»Verdammt, Jamie.« Charlie steht von der Couch auf und die Kissen geben federnd nach. Sie klapst mir auf den Hinterkopf – leicht und mit einem Lächeln im Gesicht. Selbst wenn Charlie sauer auf mich ist, wird sie nie richtig wütend. »Du hättest auch einfach Ja sagen können, ohne Streit mit Alex anzufangen. Gott, manchmal könnt ich schwören, ihr seid Zwillinge, die man bei der Geburt getrennt hat. Jetzt hör auf, dich so kindisch zu benehmen, und beantworte endlich meine Frage.«
Jahrelang hat es nur uns beide gegeben. Wir waren ein Team – bis Alex in ihr Leben geschneit ist und Charlie im Sturm erobert hat. Am Anfang konnte ich Alex nicht ausstehen. Ich dachte, er wäre schlecht für sie. Niemand ist je gut genug für Charlie gewesen; deshalb war ich ziemlich überfürsorglich. Aber Alex hat uns beiden eine andere Seite von sich gezeigt und bewiesen, dass er nicht der Frauenheld ist, als den ihn die Medien darstellen.
Ihre Beziehung hatte einen holprigen Start. Die Washington Capitals hatten Alex nach einem weiteren seiner legendären Puck-Bunny-Skandale an die Philadelphia Flyers abgegeben. Charlie hat den Transfer eingefädelt und sich seiner erbarmt, nachdem er in die Stadt gezogen war. Er hat es sogar geschafft, Charlie in einen seiner Skandale zu verwickeln, was meine Abneigung gegen ihn noch verstärkt hat. Aber ich habe gelernt, dass sich Menschen ändern können und die Dinge nicht immer so sind, wie sie zu sein scheinen. Alex ist tatsächlich ein anständiger Kerl. Ich hätte keinen besseren Mann für Charlie aussuchen können.
Mit der Zeit ist mir Alex ans Herz gewachsen, vor allem nach seiner so großen Geste letztes Jahr, um sie zurückzugewinnen. Deshalb habe ich Ja gesagt, als er mich gefragt hat, ob er Charlie heiraten könne. Ich wusste, dass Alex der Mann ist, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen will. Und ich will immer nur, dass Charlie glücklich wird. Das hat sie nach all der Scheiße verdient, die wir als Kinder durchgemacht haben.
Ich gehe zu Charlie hinüber, ziehe sie in meine Arme und drücke sie innig. »Ja, ich mach für dich den Brautzeugen. Was immer das genau bedeuten mag. Aber ich werd keinen Fummel tragen, da zieh ich die Grenze. Das wird auf keinen Fall passieren.«
Sie lacht mir ins Ohr. Ich bin knapp 1,86 Meter groß, und Charlie ragt fast genauso hoch auf. Damals am College hat sie Basketball gespielt und war auf dem besten Weg zum Profisport, bis sie sich verletzt hat. Das war für uns beide ein genauso lebensverändernder Tag wie dieser. Meine beste Freundin heiratet demnächst. Und ich muss rausfinden, was ein Brautzeuge zu tun hat.
Gott sei Dank gibt’s Google.
»Du trägst ’nen Anzug, Jameson.« Charlie streckt mir die Zunge heraus, weil sie weiß, dass ich Jamie wesentlich lieber mag als meinen vollständigen Namen.
Jameson erinnert mich bloß an meine Eltern, die mich nach irischem Whiskey benannt haben. Und was sie angeht, lasse ich die Vergangenheit lieber dort, wo sie hingehört.
»Also muss ich keinen Frauenquatsch machen?« Ich bin immer noch verwirrt, brauche mehr Hinweise. Aber ich kann auch einfach im Internet recherchieren, wenn ich zu Hause bin. Abschlagen hätte ich Charlie die Bitte ohnehin nicht können. Sie ist die einzige Familie, die ich noch habe. Die einzige Familie, die ich je wirklich hatte.
»Na ja, ich kann dir nicht versprechen, dass gar kein Frauenkram vorkommt, aber wir reden hier von mir.« Charlie ist alles andere als eine mädchenhafte Frau. Das gehört zu den Dingen, die ich immer an ihr geliebt habe. Komme, was wolle, sie bleibt sich immer treu und gibt nie vor, etwas zu sein, das sie nicht ist.
»Vielleicht überlegst du es dir anders«, meine ich scherzhaft.
»Du weißt, dass ich solchen Kram überhaupt nicht abkann.« Charlotte verdreht die Augen. »Und ich weiß, dass es nicht einfach für dich wird, weil kein Mann gern Klamotten kaufen geht und Torten aussucht. Aber wegen den vielen Eishockeyterminen wird Alex nicht so oft da sein, wie ich’s gern hätte. Außerdem bist du mein bester Freund, und ich brauch dich.«
Das sind die einzigen Worte, die ich hören muss. Die einzigen Worte, die zählen, und sie zaubern ein Lächeln auf meine Lippen.
»Ich erwarte, dass du mir hilfst, mein Kleid auszusuchen, und dass du ähnlichen Kram mit mir erledigst«, fügt sie hinzu. Ihre Miene ist dabei ein Spiegelbild meiner eigenen. »Das gehört zu den Aufgaben einer Brautzeugin, also sind es als Brautzeuge auch deine. Wenn dir der Titel nicht passt, können wir dich auch anders nennen. Aber hör nicht auf Alex oder seine Freunde. Das sind Idioten.«
Ich nicke zustimmend, und sie fährt fort.
»Ich dachte mir, wir könnten in der Boutique anfangen, die Sydney in der Stadt entdeckt hat. Sie ist überzeugt davon, dass mir die Kleider dort super stehen würden.«
Ich bemühe mich, nicht skeptisch dreinzuschauen, und scheitere kläglich. »Kleid kaufen gehen. Mit Sydney.«
Alex klatscht mir mit der offenen Hand kräftig auf den Rücken und schmunzelt. »Viel Glück damit, Mann. Charlotte wird all den Mist, auf den sie keine Lust hat, auf dich abladen.«
Charlie stupst Alex mit dem Ellbogen in den Arm. »He, gar nicht wahr.«
»Oh doch, ist es, und das weißt du genau«, kontere ich. »Wie ich dich kenne, würdest du dir lieber die Augen auskratzen, als ein Kleid kaufen zu gehen.«
Schulterzuckend lehnt sie sich an Alex. Er zieht sie in seine Arme und küsst sie auf die Stirn. »Für den da«, sagt sie und pikt Alex mit dem Finger in die Brust, »mach ich ’ne Ausnahme. Alex will ’ne große Hochzeit mit allem Drum und Dran. Deshalb brauchen wir auch eine richtige Hochzeitsgesellschaft. Und zu deinem Pech bedeutet das, dass du mir bei den Mädels und bei dem Kram helfen musst, den man eben so macht, wenn man heiratet.«
Ich lache, weil ich es toll finde, dass Charlie genauso wenig Ahnung von Hochzeiten hat wie ich. Obwohl wir im Verlauf der Jahre bei mehreren Hochzeiten der von Charlie vertretenen Spieler gewesen sind, ist das alles für uns selbst völlig neu.
»Schätze, wir haben noch ’ne Menge zu lernen. Habt ihr euch schon ein Datum ausgesucht?«
Charlie beißt sich auf die Unterlippe und sieht Alex an. »Willst du immer noch beim Geburtstag deines Vaters bleiben?«
Alex vergräbt das Gesicht in ihrem Haar und nickt. Er hält sie mehrere Sekunden lang fest. Nach dem Tod seines Vaters vor einigen Jahren ist Charlie zur Lebensbegleiterin geworden, die Alex gefehlt hat. Sie hat die von seinem Vater hinterlassene Lücke gefüllt. Ich weiß, dass er innerlich leidet. Genauso wie Charlie darunter leidet, dass ihr Vater nicht da sein wird, um sie zum Altar zu führen.
Beide haben keine Familie, die sie einladen könnten, abgesehen von Mickey Donoghue, Alex’ Patenonkel und Charlies Boss bei DMG. Mittlerweile betrachten wir alle Mickey wie einen Angehörigen. Natürlich haben sie auch noch mich. Ich weiß nach wie vor nicht, wen von uns beiden Charlie bitten wird, sie zum Altar zu führen. Ich hoffe zwar, die Entscheidung wird auf mich fallen, denn es wäre mir eine Ehre. Aber ich weiß, dass sie Mickey ohne Weiteres den Vorzug gegenüber mir gegen könnte.
Charlie lässt ein breites Grinsen in meine Richtung aufblitzen. »Sieht so aus, als würden wir am fünfzehnten Juli heiraten. Markier’s dir im Kalender, Brautzeuge. Wir haben viel Arbeit und nicht viel Zeit dafür.«
»Glaubst du wirklich, dass sich ’ne riesige Hochzeit in nur wenigen Monaten planen lässt, noch dazu, wenn Alex ständig mit der Mannschaft unterwegs ist? Und was, wenn sie’s in die Playoffs schaffen?«
»Und ob wir’s in die Playoffs schaffen.« Alex’ Ton ist wie immer selbstbewusst. »Das steht außer Frage. Sydney und Kennedy können helfen, gar kein Problem. Sydney lebt für solchen Mist, und sie wird Kennedy überreden mitzumachen.«
Der Umgang mit Carter Donovan und Tyler Kane ist eine Sache, aber ihre Freundinnen in die Gleichung einzubringen, ist eine völlig andere. Genau wie Alex machen mir seine Mannschaftskameraden oft das Leben schwer. Als wäre es ach so schräg, eine Frau als besten Freund zu haben. Sie reißen Witze darüber, dass ich zu Charlies Frauenrunde gehöre. Charlie zuliebe ignoriere ich den Scheiß, den sie labern. Und jetzt werde ich bei dieser Hochzeit doch wie eines der Mädels mitmischen. Das werden mir die Jungs ewig aufs Brot schmieren.
»Also werden Sydney und Kennedy Brautjungfern?« In gewisser Weise bin ich etwas erleichtert, denn das bedeutet, dass ich den ganzen Frauenkram nicht allein mit Charlie machen muss. Natürlich will ich sie unterstützen, nur verstehe ich nicht das Geringste von Kleidern oder davon, wie man Partys plant. Ich will keinen Fehler machen, der ihr den großen Tag ruiniert.
Kennedy und Sydney sind grundsätzlich nett, man kann gut mit ihnen auskommen. Allerdings wird es schwer sein, Charlie ohne den Einfluss der beiden zu Entscheidungen zu bewegen. Wenn sich Sydney in einem Raum aufhält, beherrscht sie alles darin – auch die Menschen. Ich sehe bereits vor mir, wie sie Charlie zu Dingen überredet, die sie zum eigenen Vergnügen nie tun würde. Ist wahrscheinlich am besten, wenn ich dabei bin, um sie vor Sydneys ausgefalleneren Ideen zu bewahren.
»Ja, ich hab Kennedy und Sydney gebeten, meine Brautjungfern zu sein. Ich bin sicher, dass sie den Großteil übernehmen, auf den du keine Lust hast. Trotzdem hätte ich dich gern als moralische Stütze dabei, falls du verstehst, was ich meine.« Mit den Händen in den Taschen ihrer Jeans entfernt sich Charlie ein Stück von Alex. »Vergiss nicht, wir sind ein Team. Deshalb brauch ich dafür meinen Flügelmann.«
»Hey«, wirft Alex ein und tut so, als wäre er gekränkt. »Ich dachte, ich wär dein Flügelmann.«
»Bist du auch.« Sie grinst ihn an. »Aber Jamie war schon der Goose für meinen Maverick, lang bevor ich dich überhaupt kennenglernt hab.«
»Warum musst du immer Maverick sein?«, frage ich und stemme gespielt verärgert die Hände in die Hüften. Seit wir uns kennen, haben wir diese Diskussion schon mindestens hundertmal geführt, immer mit dem gleichen Ergebnis.
»Hör endlich auf, so ’n schlechter Verlierer zu sein, Jamie. Ich hab das Maverick-Recht fair und anständig gewonnen.«
»Weil du ’nen besseren Crossover hinbekommen hast als ich? Wir waren damals noch Kinder.«
»Ich kann dich jetzt genauso schwindlig dribbeln.« Sie zwinkert mir zu, und ich schüttle lachend den Kopf. »Ich könnte dich mit einem geschlossenen Auge, auf einem Bein hopsend und mit einer Hand hinter dem Rücken gefesselt schwindlig dribbeln.«
»Ist trotzdem nicht fair, dass du Maverick bist und Goose draufgeht!«
Sie hält sich eine Hand über den Mund und kichert, bevor sie die Hand zurück in die Tasche steckt.
So, wie Charlie Basketball beherrscht, würde ich wetten, dass sie alles tun könnte, was sie gerade beschrieben hat, und tatsächlich den Boden mit mir aufwischen würde. Ich war damals derjenige, der sie zu Basketball ermutigt hat. Am Tag unserer ersten Begegnung ist Charlie zu der Pflegefamilie gekommen, bei der ich schon ein paar Monate war. Sie hatte einen Basketball unter dem Arm und einen Rucksack voll Kleidung über der Schulter. Schon zu der Zeit war sie stark und hat nie zugelassen, dass sie jemand weinen gesehen hat. Der Ball war praktisch Charlies Heiligtum, denn er war das Einzige, was sie noch als Erinnerung an ihren Vater hatte.
Bevor sie in das Haus eingezogen ist, war ich kurz davor, den Verstand zu verlieren. Unsere Pflegeeltern gehörten zu den übelsten Menschen, die ich je kennengelernt hatte. Sie haben uns jeden Tag zur Hölle gemacht und uns wie Sklaven behandelt. Aber durch Charlie wurde es erträglich. Dank ihr habe ich die schlimmsten Jahre meines Lebens überstanden. Und der Basketball, den sie mitgebracht hatte, war nur der Beginn unserer Freundschaft. Basketball wurde ein bedeutender Teil unserer Vergangenheit. Und unserer Zukunft.
Sie nimmt die Hände aus den Taschen und umarmt mich. »Wie wär’s dann mit Jobs und Wozniak, mein kleiner Computerfreak?«
Den Vergleich der Gründer von Apple bringe sonst immer ich, wenn sie Goose und Maverick oder sogar Pippen und Jordan ins Feld führt. Während mein bester Freund eine coole, selbstbewusste, knallharte Sportagentin ist, bin ich Computerprogrammierer. Aber ich bin auf andere Weise knallhart. Ich habe einen Abschluss von der Drexel University in Technischer Informatik und leite mittlerweile meine eigene Denkfabrik mit Super-Nerds für ein globales Technologieunternehmen mit Hauptsitz in der Innenstadt von Philadelphia.
»Beschimpfst du mich jetzt auch noch? Du bewegst dich auf dünnem Eis, Charlie.«
»Du bist echt so ein Nerd, Jamie.« Charlie zerzaust mir mit den Knöcheln die Haare, wie sie es immer getan hat, als wir noch Kinder waren. Manche Dinge ändern sich nie. »Aber ein unheimlich liebenswerter Nerd.«
»Ich dachte, gerade das magst du an mir.«
»Tu ich auch. Du bist einer der Männer, die Frauen für ihren Verstand bewundern. Du bist ein verdammtes Genie. Im Gegensatz zu Alex …«
»Was im Gegensatz zu Alex?«, will Alex wissen und kommt mit vor der Brust verschränkten Armen näher.
Sie zupft am Saum seines T-Shirts, zieht ihn zu sich und hält ihn mit einem Schraubstockgriff fest. »Du bist einer der Männer, die Frauen für ihre steinharten Bauchmuskeln und ihr sexy Lächeln bewundern.«
»Na toll, einfach spitze«, kontert Alex trocken. »Jamie ist der Schlaue, und ich bin bloß die minderbemittelte Sportskanone?« Er lacht, als er den Satz beendet.
Charlotte veralbert ihn ständig, weil er mir andauernd wegen irgendetwas blöd kommt. Ich glaube, ein kleiner Teil von Alex ist eifersüchtig darauf, was ich mit Charlie habe. Gelegentlich scheint ihm das unter die Haut zu gehen. Er versteht nicht, dass sich unsere Freundschaft über so viel von unserem Leben erstreckt und niemand die Verbindung durchbrechen kann, die zwischen uns entstanden ist. Nicht einmal er.
»Du weißt, dass ich dich aus anderen Gründen liebe.« Sie rümpft die Nase und sieht ihn mit einer albernen Miene an. »Du bist auf andere Art schlau. Man muss schon ziemlich clever sein, um die Situationen auf dem Eis deuten zu können. Deshalb bist du so gut, Alex. Du kannst ein Spiel lesen. Ähnlich, wie Jamie wahrscheinlich die NSA hacken könnte.«
»So gut bin ich auch wieder nicht«, werfe ich ein und spüre, wie sich meine Mundwinkel leicht heben.
Charlie umklammert Alex nach wie vor, als sie ihm zuflüstert: »Ich würd dich nicht heiraten, wenn ich dächte, du wärst ein Trottel.«
Als sie sich gegenseitig in die Augen sehen, teilen sie einen so intensiven Moment, dass ich mich dabei fast unwohl fühle. Nicht unbedingt auf unangenehme Weise. Eher so, als sollte ich mich schleunigst vom Acker machen, bevor sie anfangen, es vor mir zu treiben. Alex senkt den Kopf und murmelt an ihren Lippen etwas, das ich nicht hören kann. Mir wird es zu intim, hier rumzustehen und die beiden zu beobachten.
»Bis später dann.« Ich greife mir meine Schlüssel und die Wasserflasche, die ich auf der Kücheninsel abgestellt habe, und gehe zur Tür.
»Warte«, bremst mich Charlie in eindringlichem Ton. »Ich hab vergessen zu erwähnen, dass wir morgen anfangen.«
Ich drehe mich zu ihr um. »Was fängt morgen an?«
Sie wirft mir einen verlegenen Blick zu. »Sydney hat ein paar Fäden gezogen und uns für morgen nach der Arbeit einen Termin in der Boutique verschafft. Ich bezweifle ja, dass ich dort was finde, das mir gefällt, aber kommst du trotzdem mit?«
Ich nicke. »Klar. Ich hol dich von der Arbeit ab, dann fahren wir zusammen hin.«
Sie grinst so breit, dass ich ihr Zahnfleisch sehen kann. »Danke, Jamie. Ich werd versuchen, es so kurz und schmerzlos wie möglich zu halten, versprochen.«
»Mach dir um mich keine Sorgen, Charlie. Ich steh das schon durch. Hab schon Schlimmeres überstanden, als dir beim Anprobieren von Kleidern zu helfen. Das wird ein Kinderspiel.«
Sie bedankt sich noch einmal, bevor ich mich verabschiede und das glückliche Paar allein lasse, damit die beiden ordentlich feiern können.
Auf dem Weg zum Aufzug ereilt mich eine Erkenntnis. Ich gehöre nicht nur zur Hochzeitsgesellschaft, ich brauche dafür auch eine Begleitung. Und ich kann nicht mit einer Fremden bei der Hochzeit meiner besten Freundin aufkreuzen. Nein, das würde nicht funktionieren.
Frauen tun sich schwer damit zu akzeptieren, dass mein bester Kumpel eine Frau ist. Dabei ist es ja nicht so, als hätten wir das so geplant. Es hat sich einfach ergeben. Und ich muss für meine Freundschaft mit Charlie immer wieder büßen. Wenn ich Frauen kennenlerne, gehen sie zunächst mal davon aus, Charlie wäre ein Mann. Und bei der ersten Begegnung mit ihr wissen sie dann nicht, wie sie reagieren sollen. Charlie beherrscht jeden Raum, in dem sie sich aufhält. Durch diese Dominanz ist sie eine der besten Sportagentinnen der Branche. Aber sie kommt dadurch auch verdammt einschüchternd rüber.
Frauen vermuten immer, dass Charlie und ich Gefühle füreinander oder zumindest Sex haben. Ich weiß noch, dass Alex am Anfang denselben Verdacht hatte.
Dabei sind wir nie auch nur so weit gegangen, uns auf die Lippen zu küssen. Es sei denn, man zählt einen Schmatz der Art, wie man ihn einem Angehörigen geben würde. Wir hatten nie sexuelles Verlangen nacheinander. Und selbst wenn wir es gehabt hätten, brauchen wir uns gegenseitig zu sehr, um das, was wir haben, für schnöden Sex zu opfern.
Da Charlie in meinem Leben allgegenwärtig ist, tue ich mich schwer damit, Frauen bei mir zu halten. In der Regel verscheucht Charlie sie gleich nach der ersten Begegnung. Unabsichtlich. Absichtlich würde sie das nie tun. Es sei denn, sie kann die Frau, die ich ihr vorstelle, auf den Tod nicht leiden. Auch das ist schon ein paarmal vorgekommen.
Wie also finde ich für die Hochzeit eine Begleitung, ohne dass Charlie sie verschreckt? Ich brauche jemanden, der genauso stark, selbstbewusst und einschüchternd ist wie sie. Eine Frau, die sich behaupten kann. Irgendwie muss ich ein solches Exemplar finden.
»He, du da!« Ich schreie über den überfüllten Parkplatz und stürme auf den Idioten zu, der sich nicht darum schert, die Anweisungen des Parkwächters zu befolgen.
Der schlaksige junge Penner, vielleicht knapp über zwanzig, hat dunkle, hinter die Ohren geklemmte Haare und dreht mir den Kopf zu, ein Grinsen im Gesicht. Am liebsten würde ich es ihm sofort aus der dämlichen Visage schlagen.
Er zeigt mit dem Finger auf seine Brust. »Redest du mit mir?«
»Ja, und ob, du jämmerlicher Vollpfosten.« Stinkwütend stapfe ich auf ihn zu. »Was fällt dir ein, dich auf ’nen VIP-Platz zu stellen, obwohl dir der Parkwächter schon gesagt hat, du sollst da rüberfahren?« Ich zeige auf den Abschnitt, in dem er seine Schrottkarre hätte parken sollen.
Er zupft an seinem Flyers-Trikot und verzieht verächtlich die Lippen, während er zu mir aufschaut. »Ich nehm keine Befehle von Weibern an. Warum gehst du nicht einfach weiter und kümmerst dich um deinen eigenen Scheiß?«
»Das ist mein Scheiß, und der Platz ist reserviert. Entweder du verziehst dich mit deiner Rostlaube, oder ich lasse sie abschleppen. Deine Entscheidung. Wird allerdings wesentlich teurer für dich, den Wagen auszulösen, wenn ich ’nen Abschleppwagen rufen muss. Und die fünf Minuten Fußmarsch, die du dir sparen gerade willst, wären völlig umsonst, weil du dann zur Broad Street latschen musst, um die Karre vom Abschlepphof zu holen.«
Er knurrt mich an. »Das würdest du nicht wagen.«
»Und ob«, entgegne ich. »Das werde ich, wenn du nicht sofort wieder einsteigst und dort parkst, wo man’s dir gesagt hat.«
Lenny, der Parkwächter, war viel zu beschäftigt mit ankommenden Gästen, um sich um diesen Idioten zu kümmern. Eigentlich sollte ich so kurz vor dem Bully der Flyers gar nicht mehr draußen sein, aber ich hatte mein Trikot im Auto vergessen. Ich habe den seltsamen Aberglauben, dass ich der Mannschaft Pech bringe, wenn ich mir ein Spiel ohne mein Trikot ansehe. Ist eine alberne Gewohnheit aus der Zeit, als mein Vater noch Profispieler war.
So lange ich zurückdenken kann, habe ich bei jedem Spiel mit meinem Trikot im Wohnzimmer meiner Eltern auf dem Boden gesessen, das Gesicht so nah am Fernseher, dass meine Mutter fürchtete, ich könnte blind werden. Natürlich trug ich immer die Nummer meines Vaters. Schon damals war das Trikot viel zu groß für meinen zierlichen Körper. Ist es heute noch. Da ich unbedingt sein altes Trikot tragen wollte, das er früher bei Spielen anhatte, sah ich entsprechend lächerlich aus. Aber es hat nach meinem Vater gerochen und mich an ihn erinnert, wenn er unterwegs war.
Mein Vater hat sein Büro vollgepflastert mit peinlichen Fotos von mir in diesem Trikot. Einige Spieler der Mannschaft machen sich deswegen sogar lustig über mich. Mike Turner mag nicht wie der Name einer Eishockey-Legende klingen, aber das ändert nichts daran, dass er eine ist. Und ich trage immer noch sein Trikot, und sei es nur, um seine Mannschaft zu unterstützen. Nach seinem Rücktritt hat er sich als Sportmoderator versucht und es gehasst. Mittlerweile ist er Geschäftsführer der Flyers. Man könnte wohl sagen, ich bin seine Assistentin – oder so ähnlich.
Der Kerl seufzt, als er endlich begreift, dass er bei dem Streit nur den Kürzeren ziehen kann. Ich habe kein Problem damit, schon aus Prinzip unseren hauseigenen Abschleppdienst im Wells Fargo Center zu rufen und seine Karre vom Gelände entfernen zu lassen.
Wütend fegt er ohne ein weiteres Wort an mir vorbei. Ich bin vielleicht zierlich, aber kein kleines Mädchen, mit dem man sich ungestraft anlegen kann. Das gehört zu den Dingen, die mir mein Vater eingebläut hat – sich nie etwas von irgendjemandem gefallen lassen. Wenigstens hat dieser Kerl genug Grips, um Leine zu ziehen, bevor ihn das Sicherheitspersonal vom Gelände verbannt. Es gibt haufenweise betrunkene Idioten, die bei jeder Veranstaltung im Wells Fargo Center die gleiche Masche abziehen.
Heute Abend ist nichts anders als sonst. Der einzige Unterschied ist, dass die Flyers gegen die Penguins spielen. Und ich muss schleunigst wieder hinein, wenn ich es rechtzeitig zum Bully schaffen will.
Meine Zähne klappern in der winterlichen Kälte. Ich umklammere das Trikot mit beiden Händen, halte es mir ans Gesicht und beschleunige meine Schritte über den überfüllten Parkplatz. Ich liebe es, wenn ich mich mal alleine über das Gelände bewegen kann. Wenn mein Vater dabei ist, behandeln mich alle anders. Im Moment bin ich bloß Regan, eine gewöhnliche junge Frau mit dem Trikot ihres Lieblingsspielers in den Händen. Zufällig ist dieser Spieler mein Vater. Was jedoch niemand weiß. Jedenfalls nicht, bis ich Kevin Murphy sichte, den alle Murph nennen. Damit endet schlagartig meine kurze Auszeit, in der ich so tun konnte, als wäre ich ein Niemand.
Als ich den Nebeneingang des Gebäudes erreiche, wartet Murph mit dem Rücken an der Tür und hält sie mit einem trägen Grinsen für mich auf. Er bewundert meinen Vater und lässt mir immer eine Sonderbehandlung angedeihen. Manchmal wünschte ich, er würde damit aufhören und mich behandeln, als wäre ich eine ganz normale Frau, die er auf der Straße kennengelernt hat. Nicht selten fühlt sich das Vermächtnis meines Vaters wie eine schier unerträgliche Bürde an.
»Mach hin, Regan, ich frier mir hier draußen die Eier ab.« Murph reibt sich die Hände. »Beeil dich, Mädel.«
Lachend schüttle ich den Kopf. »Du weißt, dass du nicht hier draußen für mich stehen musst, Murph. Ich komme sehr gut allein zurecht, vielen Dank auch.«
»Ja, aber dein Vater wär stinksauer, und ich will’s mir nicht mit ihm verscherzen.«
»Kluger Mann«, meine ich zu ihm, als ich das geheizte Gebäude betrete. Das Trikot halte ich mir weiter vors Gesicht, bis die Kälte aus meinen Knochen abfließt.
Der Lärm des Jubels, der durch die weitläufigen Gänge hallt, wärmt mein Innerstes. Ich liebe die Atmosphäre, wenn das Spiel komplett ausverkauft ist. Das erinnert mich nämlich an meine Kindheit. Ich liebe das Stimmengewirr und die kreischenden Fans, die die Halle so lebendig machen. Wenn ich tagsüber durch die Gänge laufe, ist es still, und ich kann meinen Gedanken nachhängen. Aber wenn ein Spiel läuft, herrscht diese spezielle Energie, die auf mich überspringt und durch meine Adern brandet. Die Aufregung ist förmlich spürbar und knistert in der Luft um mich herum.
»Ich kann’s nicht gebrauchen, dass du mir Daddy auf den Hals hetzt, wenn ich dich hängen lasse«, sagt Murph, während wir zusammen durch die Korridore gehen.
Kichernd stupse ich ihn in den Bizeps. »Als ob mir das je einfiele. Er steckt seine Nase auch so schon in genug meiner Angelegenheiten. Du hast ja keine Ahnung, wie’s ist, ständig unter Beobachtung zu stehen. Das ist gruselig.«
Er hebt die Hand an den Mund und lacht. »Niemand beobachtet dich ständig, Regan. Du bist bloß paranoid.«
»Nein, Mann. Du machst dir keine Vorstellung. Ich komm mir vor wie ein Fisch in ’nem riesigen Goldfischglas. Sobald die Leute herausfinden, wer ich bin, ändert sich alles. Ich hab nie ein normales Leben gehabt.«
»Dein Vater ist …« Unwillkürlich lächelt er beim Gedanken an meinen Vater. »Na ja, dein Vater ist ein bedeutender Mann. Als Kind hab ich zu ihm aufgeschaut. Weißt du, ich hab nie auch nur ein einziges Spiel verpasst, als dein Vater noch in der Liga war.«
Zu hören, dass mein Vater einen solchen Einfluss auf Murphs Leben hatte, lässt mich lächeln. Das ist etwas, das mich nie stört. Die Fans sind das Beste am Sport. Das hat mein Vater immer gesagt. Er meint, ohne seine Fans hätte er keine Zuschauer gehabt. Und ohne ihre Unterstützung wäre er nur ein Kind mit einem Traum geblieben, und sein Talent wäre verkümmert. Daran glaube ich von ganzem Herzen.
»Ich hab fast den Eindruck, du liebst meinen Vater vielleicht mehr als ich«, scherze ich.
»Schon möglich. Dein Vater ist ein toller Typ. Er ist der Grund, warum ich diesen Job überhaupt wollte.« Murph legt mir die Hand in den Rücken und führt mich die Stufen hinunter zu meinem Sitz.
Ich streife mir das Trikot über den Kopf und ziehe es mir bis zu den Knien runter, bis es wirkt, als trage ich ein Kleid. Ist mir schnuppe, dass ich in dem Outfit total bescheuert aussehe. Es gehört mit zum Spaß, meinen Teamgeist ohne Rücksicht auf persönliche Eitelkeit auszuleben.
Ich ziehe Murph in eine Umarmung und beuge mich vor, um ihm einen Schmatz auf die Wange zu drücken. Allerdings muss ich ihm den schimmernden Glanz meines transparenten Lippenstifts abwischen, nachdem ich mich von ihm gelöst habe. Sonst sähe es aus, als hätte er in irgendeinem Nebengang mit einer Frau rumgemacht. So könnte ich ihn nicht zurück zu meinem Vater in den Bürotrakt schicken. Das würde beim obersten Boss nicht gut ankommen.
Die Ränge im Wells Fargo Center sind gerammelt voll. Da die Flyers gegen Pittsburgh spielen, ist die Arena ein Meer aus Orange, Gold und Schwarz. Es ist so kalt, dass meine Brustwarzen Löcher durch meinen BH zu stanzen drohen. Da ich praktisch in Eishallen aufgewachsen bin, sollte man meinen, dass ich an Minusgrade gewöhnt bin.
Aber ich arbeite hier fast jeden Tag der Woche, auch dann, wenn die Eisbahn zu einem Basketballplatz oder einer Konzerthalle umgebaut wird. Meinem Vater ist es gelungen, mich zu überreden, ihn zu unterstützen. Das hat sich zu einer Vollzeitstelle entwickelt, durch die ich zu einer festen Einrichtung im Gebäude geworden bin. Wenn wir Konzerte veranstalten oder wenn die Sixers Basketball spielen, ist es nicht so kalt. Im Gegenteil, an solchen Abenden ist es in der Halle durch die Wärme all der dicht gedrängten Körper geradezu tropisch.
»Wir sehen uns später«, sagt Murph und drückt mir zum Abschied die Schulter. »Arbeitest du morgen?«
Ich lasse ein sarkastisches Schmunzeln in seine Richtung aufblitzen. »Ich arbeite jeden Tag. Privatleben hab ich keins.«
»Passt mir prima. Dann sehen wir uns morgen.«
Ich nicke und er lässt mich los. »Verlass dich darauf.«
Nachdem Murph auf dem Weg zurück zu den Verwaltungsbüros in der Menge verschwunden ist, lasse ich mich auf meinem Sitz in der ersten Reihe nieder, ungefähr in der Mitte der Bahn. Die Ehefrauen und Freundinnen der Spieler sitzen meist in diesem Sektor. Meinem Vater wäre lieber, wenn ich oben bei ihm in einer Loge wäre, aber ich bin gern mitten im Geschehen.
Ich will sehen, wie der Mundschutz aufs Eis fällt, wenn die Handschuhe ausgezogen werden und es richtig zur Sache geht. Ich will so nah dran sein, dass ich den Schweiß auf den Stirnen der Spieler sehen und ihre Technik beim Führen des Stocks beobachten kann. Aus einer Loge kriegt man nicht den besorgten Gesichtsausdruck eines Spielers mit, wenn die letzte Minute angebrochen ist und noch ein Tor erzielt werden muss. Nein, ich brauche das volle Programm.
Die Männer auf dem Eis bewegen sich auf ihren Schlittschuhen so anmutig, dass es trotz ihrer riesigen, muskelbepackten Körper mühelos erscheint. Es fällt mir schwer, den Blick von der Eisbahn zu lösen. Wenn ich beobachte, wie sie beim Aufwärmen für das Spiel übers Eis gleiten, muss ich daran denken, wie ich früher meinem Vater aus der Menge zugewunken habe, als er mit seiner Mannschaft dasselbe getan hat.
Jetzt merke ich anfangs nicht mal, dass ich neben Candice sitze, der Frau von Gerard Spencer. Bis ich ihr versehentlich den Ellbogen in die Rippen ramme, als ich auf dem Sitz das Gewicht verlagere. Die Rückenlehne ist steinhart, und egal, wie sehr ich hin und her zappele, es wird nicht bequemer.
»Regan«, sagt die Blondine neben mir mit ihrem langen lockigen Haar und legt die Finger um mein Handgelenk. »Ach du meine Güte, Liebes. Ist ja ewig her, dass ich dich zuletzt gesehen hab.« Ihr Südstaatenakzent dringt deutlich durch. »Wie geht’s dir so, Liebes?«
Ohne zu zögern löse ich den Blick vom Eis und drehe mich meiner Sitznachbarin zu. Dabei befreie ich unauffällig mein Handgelenk, indem ich auf dem Sitz das Gewicht verlagere. »Candice«, sage ich und heuchle Herzlichkeit, so gut ich kann. Meine Stimme klingt dadurch mehrere Oktaven höher als sonst. »Gut so weit. Und dir? Spence macht sich dieses Jahr fantastisch. Er spielt unheimlich gut.«
Mit offenem Mund hebt sie die Hand ans Herz. »Ach, vielen Dank. Das ist unglaublich nett. Spence wird sich so freuen, das zu hören.«
Candice betrachtet alles, was sie aus meinem Mund hört, als Worte meines Vaters. Ist in gewisser Weise auch recht nah dran, immerhin teilt er mir seine Meinung zu allem mit. Da ich für die Öffentlichkeitsarbeit des Teams zuständig bin, habe ich mehr Einblick in die Gedanken meines Vaters als die meisten Menschen. Er teilt mir haargenau mit, welche Botschaft ich für die Organisation vermitteln soll. Aber das ist nicht meine einzige Aufgabe. Irgendwie habe ich es geschafft, auch die gesamte Veranstaltungsplanung den anderen Aufgabenbereichen meiner Stellenbeschreibung hinzuzufügen.
»Wir haben Glück, dass wir ihn in der Mannschaft haben.« Der Teil stammt aus meiner persönlichen Erfahrung mit Spence. Er ist ein großartiger Spieler und wie die meisten Jungs der Mannschaft unterbewertet, weil es die Flyers nie in die Playoffs schaffen.
Das wird sich dieses Jahr ändern. Wir haben in dieser Saison einen Lauf, walzen die Gegner praktisch platt. Nur die verdammten Penguins und Capitals, die immer an der Spitze unserer Liga stehen, sind verdammt schwer zu schlagen. Mein Gott, ich kann sie echt nicht leiden. Meinen Vater höre ich oft genug über sie klagen.
Candice drückt meine Hand und lächelt. Dabei entblößt sie perlweiße Zähne. Der rote Lippenstift wirkt wie mit Airbrush aufgesprüht. Sie gehört zu den Frauen, bei denen nie auch nur ein Härchen in Unordnung ist. Im Gegensatz zu mir. Ich bin das Musterbeispiel eines Wildfangs. Mein Gesicht ist völlig frei von Make-up, ich trage kein einziges Schmuckstück, und das blonde Haar habe ich zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden, um es mir aus dem Gesicht zu halten. Ich putze mich nur dann heraus und schlüpfe in eine Rolle, wenn ich vor die Presse treten muss, für das Team an speziellen Veranstaltungen teilnehme … oder wenn ich ein Date habe. Was in letzter Zeit so gut wie überhaupt nicht mehr vorkommt.
»Weil wir gerade so nett plaudern, darf ich dich was fragen?« Wieder fällt mir ihr ausgeprägter Akzent auf. Sie ist wirklich der Inbegriff einer Südstaatenschönheit. Würde mich nicht überraschen, wenn sie in jüngeren Jahren ein paar Schönheitswettbewerbe gewonnen hätte. »Spence hat sich seit Wochen auf dieses Spiel gefreut. Und ich weiß, es liegt nicht bei dir. Aber könntest du deinen Vater wohl fragen, ob er ihm ein bisschen mehr Spielzeit geben kann? Das würde Spence unheimlich viel bedeuten.«
Sie benutzt den Nachnamen ihres Ehemanns wie alle anderen, die ihn persönlich kennen.
»Das hat mein Vater nicht in der Hand. Wenn der Trainer ihn anders einsetzen will, ist das allein seine Entscheidung.«
»Aber dein Vater hat das Sagen.«
Und einfach so lässt Candice diesen Moment zwischen uns unangenehm werden. Den Großteil des vergangenen Jahrs saß Spence wegen einer Verletzung auf der Bank. Wenngleich er auf dem besten Weg zurück zu seiner alten Höchstform ist, gibt es nichts, was ich tun kann, um ihm mehr Zeit auf dem Eis zu verschaffen.
»Tut mir leid, aber ich hab wirklich keine Kontrolle über die Spielzeit, und mein Vater auch nicht. Er kümmert sich um das Management. In Trainerangelegenheiten mischt er sich nicht ein.«
Gelegentlich äußert mein Vater zwar schon seine Meinung über bestimmte Spieler oder unterbreitet dem Coach Vorschläge. Aber grundsätzlich hält er sich aus solchen Entscheidungen heraus. Mikromanagement gehört nicht wirklich zu seinen Stärken.
