Ice Breakers - Ethan - Jillian Quinn - E-Book

Ice Breakers - Ethan E-Book

Jillian Quinn

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Beschreibung

Wer kann einem heißen Eis-Hockey-Mitbewohner schon lange widerstehen?

Ethan Waters muss sich eigentlich gerade voll und ganz auf seine Eis-Hockey-Karriere konzentrieren: Seine Mannschaft hat es endlich in die Play-Offs geschafft und die Meisterschaft ist zum Greifen nahe. Doch sein Privatleben macht es ihm schwer, nur noch Eis-Hockey im Kopf zu haben. Denn nachdem sein Apartment durch einen Wasserrohrbruch unbewohnbar wurde, hat sein bester Freund ihn kurzerhand bei seiner Schwester Mia untergebracht. Was Ethan's Freund nicht weiß: zwischen ihm und Mia knistert es schon seit Jahren gewaltig und nur mit größter Anstrengung ist es ihm bisher gelungen, der Versuchung nachzugeben. Doch wie soll Ethan die Anziehung, die zwischen ihm und Mia herrscht ignorieren, wenn sie jeden Tag aufeinandertreffen?

"Ethan wird euer Herz erobern und euch weiche Knie bescheren!" REDS ROMANCE REVIEWS

Band 5 der ICE-BREAKERS-Reihe

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MOBI

Seitenzahl: 310

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

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Epilog

Leserhinweis

Die Autorin

Die Romane von Jillian Quinn bei LYX

Impressum

JILLIAN QUINN

Ice Breakers

ETHAN

Roman

Ins Deutsche übertragen von Michael Krug

Zu diesem Buch

Wer kann einem heißen Eis-Hockey-Mitbewohner schon lange widerstehen?

Ethan Waters muss sich eigentlich gerade voll und ganz auf seine Eis-Hockey-Karriere konzentrieren: Seine Mannschaft hat es endlich in die Play-Offs geschafft und die Meisterschaft ist zum Greifen nahe. Doch sein Privatleben macht es ihm schwer, nur noch Eis-Hockey im Kopf zu haben. Denn nachdem sein Apartment durch einen Wasserrohrbruch unbewohnbar wurde, hat sein bester Freund ihn kurzerhand bei seiner Schwester Mia untergebracht. Was Ethan’s Freund nicht weiß: Zwischen ihm und Mia knistert es schon seit Jahren gewaltig und nur mit größter Anstrengung ist es ihm bisher gelungen, der Versuchung nicht nachzugeben. Doch wie soll Ethan die Anziehung, die zwischen ihm und Mia herrscht ignorieren, wenn sie jeden Tag aufeinandertreffen?

1

Ethan

Es ist dunkel, als ich in meine Einfahrt biege. Meine Eltern haben sich nicht mal die Mühe gemacht, das Licht brennen zu lassen. Und warum auch? Es kümmert sie nicht mehr, ob ich nach Hause komme. Nicht nach dem, was ich getan habe.

Vom zu harten Training plagen meinen Körper Schmerzen, die tief in den Knochen pulsieren. Jedes Mal, wenn der Phantomschmerz aus meiner Vergangenheit auftaucht, bemühe ich mich, das pochende Gefühl zu ignorieren, das sich meinen Oberschenkel hinunter ausbreitet. Aber wenn es passiert, gewinnt immer die Dunkelheit. Ich kämpfe nie dagegen an. Denn ich liebe es, dem nächsten High und dem herrlichen Adrenalinschub hinterherzujagen, der dann durch meine Adern fließt.

Ich brauche die Erinnerung daran, dass ich noch lebe, obwohl ich mich fühle, als wäre ich schon vor langer Zeit gestorben.

Und das hätte ich sollen.

Es hätte mich treffen sollen.

So bleiben mir die Schuldgefühle, die Schmerzen und als ständige Erinnerung, wie sehr ich es verbockt habe, die Narbe über der linken Augenbraue. Bei jedem Blick in den Spiegel muss ich mich meiner Vergangenheit stellen. Wenn ich mich nur mit ihr abfinden könnte, bevor sie mich von innen heraus auffrisst.

Ich blinzle ein paarmal, um klarer zu sehen, bevor ich aus dem Mustang steige. Es handelt sich um einen Fastback aus den späten 1960ern, den mir mein Großvater in seinem Testament vermacht hat. Ich wurde in eine reiche Familie des alten Geldadels geboren. Das Auto ist nur eines von vielen Spielzeugen, die ich zusammen mit einem beträchtlichen Treuhandfonds von meinem Opa Joe geerbt habe. Es heißt ja, mit Geld könne man kein Glück kaufen. Davon kann ich ein Lied singen. Denn kein Geld der Welt kann die Teile meines Lebens auslöschen, die ich am liebsten vergessen würde.

An die Tür gelehnt betrachte ich das alte Haus im Kolonialstil, in das ich letztes Jahr mit meinen Eltern gezogen bin. Nach den Ereignissen in Boston haben sie mich gezwungen, meine Freunde zu verlassen und nach Lower Merion zu übersiedeln, einem gepflegten Vorort von Philadelphia.

Ausnahmsweise brennt im Arbeitszimmer meines Vaters kein Licht, obwohl er zu Hause ist. Eine Premiere. Wahrscheinlich hat er sich in den Schlaf getrunken. Das hoffe ich zumindest. Wenn es im Haus still ist, schleiche ich mich meist durch die Hintertür rein, um meinem Vater aus dem Weg zu gehen. Er hasst mich wegen all des Ärgers, den ich verursacht habe. Auch wenn er es nicht ausspricht, weiß ich, dass er wünschte, ich wäre an der Stelle meines Bruders gewesen.

Ich kann kaum noch die Augen offen halten. Die Last des Tages und seiner Begleiterscheinungen bricht unverhofft über mich herein. Nachdem ich mich durch den Spalt in den hohen Hecken um das Grundstück gezwängt und den Garten betreten habe, schaue ich hinüber zum Haus der Romans. Es hat dieselbe Backsteinfassade und dieselben bemalten Fensterläden wie unseres, nur zeugt bei ihnen die an manchen Stellen abblätternde blaue Farbe von jahrelangem Verschleiß und von einer Vernachlässigung, die mein Vater nie dulden würde.

Aus den Augenwinkeln nehme ich eine Bewegung wahr. Ich schaue zum oberen Stockwerk hinauf und entdecke Mia, die gerade die Vorhänge ihres Schlafzimmerfensters aufzieht. Sie hört immer das Schnurren des Motors meines Mustangs, wenn ich um die Ecke biege. Die kleine Schwester meines besten Freunds wartet jedes Mal auf mich, wenn ich nach Hause komme. Und obwohl ich mich dafür schäme, dass ich unsere gemeinsamen Nächte geheim halte, bereue ich keine Sekunde, die ich mit Mia Roman verbringe.

Sie setzt sich aufs Fensterbrett und lächelt zu mir herab. Mia ist das einzig Gute in meinem Leben. Ich ertappe mich oft beim Gedanken, wie es wohl wäre, sie zu küssen. Dann fällt mir ein, dass Will, ihr älterer Bruder und mein bester Freund, mich allein für diese Fantasie umbringen würde. Eine so zarte junge Frau sollte sich von einem Monster wie mir fernhalten.

Aber sobald ich in ihre hübschen blauen Augen blicke, die jedes Mal aufleuchten, wenn sie mich sehen, ist es um mich geschehen. Es fällt mir unheimlich schwer, mich von meinem kostbaren Lämmchen fernzuhalten. Sie ist die Einzige, die all die Dunkelheit in mir sieht und sie akzeptiert. Mia urteilt nie über mich, und ich muss mich nie vor ihr verstecken.

Meine Sicht verschwimmt ein wenig, während ich zu ihr hinaufschaue, und ich fühle mich etwas wackelig auf den Beinen. Verdammt, wie viel von dem Scheiß hab ich eingeworfen? In Nächten wie diesen ist es mir egal, solange nur die Schmerzen verschwinden.

Mia hebt die Hand und winkt mir verhalten zu. Ich erwidere die Geste und sie deutet mit dem Kopf in Richtung des Schuppens im Garten. Was zunächst mit Plaudereien am Gartenzaun begonnen hat, hat sich inzwischen dahin gewandelt, dass wir die meisten Nächte miteinander verbringen. Wir treffen uns an der Schaukel auf der Rückseite des alten Schuppens ihrer Eltern. Dort ist unser Platz für den Rückzug aus der Welt. Wenn ich nur den Mut hätte, ihr alles zu erzählen. Aber ich fürchte, sie würde mich dann hassen wie alle, die über meine Vergangenheit Bescheid wissen. Und das könnte ich nicht ertragen.

Ich nicke ihr kurz zu, um zu bestätigen, dass ich mich später mit ihr treffe. Sie muss warten, bis Will eingeschlafen ist, bevor sie sich aus dem Haus schleichen kann. Ich winke noch einmal, vermittle ihr das Versprechen, sie nachher zu sehen, und hole mein Handy aus der Tasche. Im Licht vom Display schiebe ich den Schlüssel ins Schloss und stemme die Schulter gegen die Tür. Das verdammte Ding klemmt, wenn es draußen heiß ist, was es schwieriger gestaltet, meinen Eltern auszuweichen.

Zum Glück brennt in der Küche kein Licht. Ich schleiche mich durch die Dunkelheit zur Treppe. Im Haus herrscht geradezu gespenstische Stille. Jetzt unerwünschte Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, würde mir einen Haufen Scherereien einbringen. Im Großen und Ganzen ist mein Vater harmlos. Meist brüllt und flucht er bloß rum, lässt seinen Ärger an mir aus.

Ich steige die Stufen hinauf und bin dankbar, als ich es ohne Zwischenfälle in den zweiten Stock schaffe. Aber mein kleiner Sieg ist nur von kurzer Dauer. Als ich meine Zimmertür öffne, sitzt mein Vater mit einem Kästchen in der Hand auf meinem Bett. Handgeschnitzt aus Holz aus der Hütte meines Großvaters. Das Kästchen enthält alle meine Geheimnisse – Erinnerungen an Großvater Joe und an Erik, alte Familienfotos aus glücklicheren Zeiten … und die eine Sache, die mein Vater nie finden sollte.

Tief unter dem Samtfutter verbirgt sich mein größtes Geheimnis – das mein Vater jetzt kennt. Warum sollte er sonst hier sein?

Er seufzt, als er meine Schritte hört. Dann schaut er langsam mit Tränen in den Augen zu mir auf. Sein Gesicht wirkt verquollen, als hätte er schon eine Weile geweint.

»Das also ist der Grund?« Er hält mir das Kästchen entgegen, und ich nehme es an mich, entreiße es ihm förmlich.

Mit zitternden Händen klappe ich den Deckel auf und durchsuche den Inhalt.

Er schüttelt den Kopf. »Du ziehst aus. Ich will dich aus meinem Haus und aus meinem Leben haben.«

Nach Bourbon und Zigarren miefend erhebt er sich von der Matratze und baut sich vor mir auf. Trotz meiner Größe und meiner Statur hat er mir die Autorität des Alters voraus.

Manchmal erdulde ich, dass er seine Aggressionen an mir auslässt. Ich verdiene es. Alles.

Meine Lippen zittern genauso wie der Rest meines Körpers. »Ich ziehe nicht aus.«

»Doch, das tust du, Ethan. Ich will kein Wort mehr hören. Deine Großmutter erwartet dich. Whitmore auch.«

Bei der Erwähnung der Schule zieht sich in mir alles zusammen. Auf keinen Fall werde ich dorthin gehen.

»Ich bin achtzehn. Du kannst mich nicht zwingen.«

Er legt den Kopf in den Nacken und lacht. »Oh doch, das kann ich. Dein Großvater hat in dein Erbe eine Klausel eingebaut. Ich verwalte den Fonds, bis du fünfundzwanzig bist. Und ich würde zu gern sehen, wie weit du ohne einen Cent von mir kommst.«

Unbeeindruckt von seiner Drohung zucke ich mit den Schultern. »Dann rede ich mit Oma.«

Er setzt ständig das Geld meiner Großeltern als Druckmittel gegen mich ein. Wir hatten diesen Streit schon öfter, als ich zählen kann, und ich bin es leid.

»Denk lieber noch mal nach.« Er schmunzelt. »Sie wird genauso wenig nachgeben wie ich.«

»Dann such ich mir ’nen Job.« Ich trete ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber, so nah, dass sich unsere Nasen fast berühren. »Ich brauche weder dich noch dein Geld.«

»Mag schon sein, aber du brauchst meine Verbindungen. Ein einziger Anruf von mir, und deine Karriere als Eishockeyprofi ist vorbei. Willst du das? Denn ich kann dir im Handumdrehen alles nehmen, was du dir je gewünscht hast.«

Er muss es nicht laut aussprechen. Ich weiß, was ihm durch den Kopf geht. Weil ich ihm alles genommen habe.

»Nein«, murmle ich. Das Wort dringt im Flüsterton von meinen Lippen.

Egal, für wie schlau ich mich halte, er ist mir immer einen Schritt voraus. Er ist noch schlauer.

»Ich soll im Herbst mit Will an die Strickland University gehen. Der Coach erwartet uns.«

Mein Vater schiebt die Hände in die Hosentaschen und tritt einen Schritt zurück, damit er mir in die Augen sehen kann. »Nicht mehr. Ich hab die Schule angerufen und deinen Studienplatz abgelehnt. Der Trainer war zwar enttäuscht, dass du Will nicht begleitest, aber du musst dich um wichtigere Dinge kümmern. Such dir Hilfe, Ethan. Du hast sie bitter nötig.«

Ich brauche wirklich Hilfe, so ungern ich zugebe, dass mein Vater recht hat. Ausnahmsweise bleibt er ruhig, statt mir mit der Streitlust zu kommen, an die ich mich in den vergangenen zwei Jahren gewöhnt habe. Alle meine schlechten Eigenschaften habe ich von ihm. Wir ähneln uns in vielerlei Hinsicht, und doch tun wir so, als hätten wir nichts gemeinsam. Ich bin nicht Erik. Werde ich auch nie sein. Das ist alles, was für ihn zählt.

Ein letztes Mal schüttelt er den Kopf. Enttäuschung und Abscheu sprechen deutlich aus seinen Zügen, als er das Kästchen in meinen Händen betrachtet. »Du gehst. Ende der Diskussion. Pack deine Koffer und mach dich bereit. Nach dem Abschluss verschwindest du.«

Kurz spiele ich mit dem Gedanken auszureißen. Aber wie weit würde ich ohne Geld kommen? Meinem Auto würde das Benzin ausgehen, bevor ich den nächsten Staat erreicht hätte. Ich bin total von ihm abhängig, und das ist allein meine eigene Schuld. Meine einzigen echten Freunde sind die Romans gleich nebenan. Bei ihnen könnte ich vielleicht unterkommen. Allerdings will ich nicht, dass sie von meinem alten Leben erfahren. Diesen Scheiß schließe ich zusammen mit den Geheimnissen weg, die ich in diesem Kästchen verberge.

Vielleicht erzähle ich eines Tages Will davon – er sollte wissen, wen er als seinen besten Freund bezeichnet. Aber Mia? Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass sie mich anders ansehen könnte, als sie es derzeit tut. Selbst wenn ihre Gefühle für mich nur eine Teenagerschwärmerei sind, ist mir das egal. Die Stunde, die wir jede Nacht zusammen verbringen, bringt auf Anhieb all die lausigen Teile meiner Tage in Ordnung.

Nachdem mein Vater mein Zimmer verlassen hat, setze ich mich auf die Matratze und schaue aus dem Fenster. Mias Zimmer liegt meinem gegenüber. An das erste Mal, als ich sie sah, erinnere ich mich noch, als wäre es gestern gewesen. Damals sang sie in eine Haarbürste und trug dabei nur einen gelben Bikini mit weißen Tupfen. Sie ist so unschuldig und rein, hat blasse Haut und hellblondes, fast weißes Haar. Deshalb nenne ich sie mein Lämmchen.

Jetzt muss ich ihr das Herz so brechen, wie meines gerade bricht. Ich muss mich von ihr verabschieden.

2

Mia

Als ich mich zur Hintertür hinausschleiche, halte ich den Atem an und hoffe das Beste. Das mache ich jede Nacht. Wenn mein älterer Bruder je herausfindet, dass ich mich mit seinem besten Freund im Garten hinter unserem Haus treffe, bringt er uns beide um. Ich verbringe seit Monaten hinter dem Rücken meines Bruders Zeit mit Ethan Waters. Wir warten bis nach Mitternacht, und wenn in unseren Häusern Stille herrscht, trinken wir zusammen Limo, essen Junkfood und erzählen uns von unseren Tagen.

Das ist das Einzige, worauf ich mich noch freue. Da ich weiß, dass Ethan auf mich wartet, rast mein Herz so schnell, dass sich mir der Kopf dreht. Jeder Nerv in meinem Körper erwacht bei der Aussicht darauf, ihn wiederzusehen, zum Leben. Wir wissen beide, wie falsch es ist, was wir tun. Aber kümmert uns das? Nicht wirklich. Und es ist nicht so, als hätten wir je die Grenze überschritten – trotz des nagenden Verlangens, Ethan zu küssen, das ich jedes Mal verspüre, wenn er sich mir auf weniger als sechs Meter nähert.

Sollte Will je von unserer geheimen Freundschaft erfahren, würde er durchdrehen. Mein Bruder unterhält die strenge Regel, dass seine Freunde mich kaum ansehen dürfen, geschweige denn, mit mir abhängen. Seit Ethan letztes Jahr von Boston nach Lower Merion gezogen ist, schwebt zwischen uns der Gedanke, ein Paar zu werden. Einige Male dachte ich sogar schon, er würde mich küssen. Stattdessen hat sich Ethan immer zurückgehalten, die Lippen nur Zentimeter von meinen entfernt, während sein Atem meine Haut wärmte.

Je näher Ethans Abschluss an der Highschool rückt, desto nervöser werde ich wegen unserer Beziehung. Wir sind Freunde geworden, und an manchen Tagen brauche ich ihn wesentlich mehr als er mich. Ich lebe für die Nächte, in denen wir diese besondere Zeit für uns allein haben. Da mein Bruder immer in der Nähe ist, komme ich sonst nie nah an Ethan ran.

Ich schließe die Tür hinter mir und bemühe mich, dabei kein Geräusch zu verursachen. Meine Eltern haben vor zwanzig Minuten das Licht ausgemacht. Dann musste ich noch auf Will warten. Aber er schläft nie. Sobald ich höre, wie er seine PlayStation einschaltet und der Lärm detonierender Bomben durch die Wand zwischen unseren Zimmern dringt, schleiche ich die Hintertreppe hinunter. Das wiederholt sich fast jede Nacht.

Ein kleiner Teil von mir genießt das Risiko, diese Sache mit Ethan geheim zu halten. Es ist aufregend. Zeit mit Ethan zu verbringen, ist anders als jede andere Erfahrung, die ich bisher mit Jungs hatte. Na ja, er ist auch kein Junge mehr. Ethan ist inzwischen ein Mann.

Er behandelt mich nie wie Wills kleine Schwester. Und er weiß besser als jeder andere, dass mein Bruder entschieden zu sehr auf mich aufpasst. Einmal hat Will Ethan dabei ertappt, wie er länger als normal auf meine Lippen gestarrt hat, und Will ist völlig ausgerastet. Seither hat mich Ethan nie wieder so angesehen – zumindest nicht vor Will.

Als ich den Schuppen erreiche, sitzt Ethan auf seiner üblichen Schaukel und starrt auf seine Füße. Mein Herz zieht sich bei dem Anblick schmerzhaft zusammen. Er sieht so deprimiert aus. Instinktiv kauere ich mich vor ihm hin und warte darauf, dass er den Kopf hebt. Unsere Blicke begegnen sich, und das elektrisierende Knistern zwischen uns jagt mir einen wohligen Schauer über den Rücken.

»Hey«, murmelt er leise. Seine Augen sind gerötet und glasig.

»Auch hey.« Ich stütze mich an seinen Knien ab, und Ethan legt die schwieligen Hände um meine Handgelenke. Ein Anflug von Hitze tänzelt mir über die Haut. Schon von dieser so harmlosen Verbindung zwischen uns wird mir schwindlig.

Ich atme seinen männlichen Duft ein, nehme einen Hauch von Waschmittelgeruch wahr, vermischt mit Nelken, während ich ihm tief in die grünen Augen blicke. Eine Strähne zottiger brauner Haare fällt ihm in die Stirn und verleiht ihm den draufgängerischen Look, den ich so zu lieben gelernt habe. Er ist der heißeste Typ in der Gegend. Verdammt, Ethan Waters ist der heißeste Kerl in der Stadt. Und er ist ausgerechnet hier bei mir.

»Warum so niedergeschlagen?«

Er zuckt mit den Schultern, hält mich weiter fest. »Mein Vater. Du weißt schon, das Übliche.« Als Ethan den Kopf zur Seite dreht, betont das Mondlicht seine sonnengebräunte Haut genau richtig. Er lässt mich los und berührt die Narbe über seiner linken Augenbraue. Dabei zuckt er zusammen. Das macht er immer wieder, als würde ihn immer noch heimsuchen, was immer diese Narbe verursacht hat.

Ethan und seine Eltern haben Probleme miteinander. Das weiß ich. Nicht jedoch, weshalb. Er scherzt gern über unangenehme Situationen. Ich hingegen neige eher dazu, mich zu verschließen. Manchmal hören meine Familie und ich, wie sich die Waters auf der anderen Seite des Zauns gegenseitig anschreien. Mr Waters ist ein erstklassiger Arsch. Wenn Ethan nur einmal beim Eishockeytraining nicht voll bei der Sache ist, ein Spiel verliert oder in der Schule etwas Schlechteres als eine Eins bekommt, erwartet ihn Saures von seinem Vater. Etwas anderes als Perfektion ist für ihn inakzeptabel.

Ethan meint, sein Vater wolle ihn nur abhärten. Ich sehe das anders. Aber ich bin hier, um zuzuhören, nicht um Ethan zu sagen, was er tun soll. Deshalb funktioniert unser Arrangement auch so gut. Er spricht über Eishockey, die Schule und seine Eltern, ohne dass ich über ihn urteile. Das Einzige, worüber wir nie reden, sind Frauen, und das ist mir auch lieber so, weil ich sonst den Verstand verlieren würde. Ich würde durchdrehen, wenn ich erführe, dass sich mein Schwarm für jemand anderen als mich interessiert.

Ich richte mich aus der kauernden Haltung vor Ethan auf und setze mich auf die Schaukel neben ihm. »Ich bin hier, falls du über was reden willst.«

Er dreht den Kopf so, dass sich unsere Blicke begegnen, und der Ansatz eines Lächelns blitzt auf. »Ich würde lieber was von deinem Tag hören. Erzähl mir was Schönes.«

Ethan beginnt unsere Gespräche immer auf dieselbe Weise. Egal, wie schlimm der Abend für ihn ist, er will immer mehr von mir erfahren. Ich liebe es, dass er mich an die erste Stelle setzt. Eigentlich liebe ich alles an Ethan. Aber er ist tabu. Mein Bruder würde unsere Beziehung nie verstehen, und meine Eltern würde angesichts des Altersunterschieds von drei Jahren zwischen uns glatt der Schlag treffen.

Gelegentlich lässt meine Mutter Bemerkungen darüber fallen, wie ich Ethan ansehe. Noch besorgter ist sie darüber, wie er mich ansieht – immer so, als wäre ich die Einzige weit und breit. Früher fand ich die Schule zum Kotzen, genau wie die gehässigen Mädchen, die mich täglich gepiesackt haben. Bis sich Ethan für mich darum gekümmert hat.

Als wir das erste Mal zusammen abgehangen haben, hat es sich zufällig so ergeben. Ich saß damals weinend auf der Schaukel, als Ethan wutentbrannt herausgestürmt kam. Er hatte wieder mal einen Streit mit seinem Vater, der sturzbetrunken war und wüst zur Tür herausgebrüllt hat. Ethan hat gehört, wie ich schniefend gegen die Tränen kämpfte, und er wollte wissen, warum ich weinte.

Er war so süß, so gar nicht der raubeinige, harte Eishockeyspieler, als er mich in die Arme nahm und an seiner Brust heulen ließ. Ich gestand ihm die Schwierigkeiten, die ich in der Schule mit den anderen Mädchen hatte – die mich nach jener Nacht nie wieder belästigt haben. Plötzlich war Ethan nicht mehr bloß der beste Freund meines älteren Bruders. Nein, er wurde so viel mehr für mich.

Als ich nicht sofort antworte, wiederholt er: »Erzähl mir was Schönes.«

»Schöner, als hier bei dir zu sein?«

Schlagartig erröte ich von Kopf bis Fuß um mindestens zehn Schattierungen.

Was stimmt nicht mit mir? Ich bin sonst nie so kokett. Aber die Worte sind mir rausgerutscht, bevor ich mich davon abhalten konnte, sie laut auszusprechen.

Ethan schenkt mir ein jungenhaftes Grinsen, das mein Herz einen Schlag aussetzen lässt. »Nur, damit du’s weißt, Mia: Ich rede auch unheimlich gern mit dir. Manchmal hab ich das Gefühl, dass du die Einzige bist, die mich versteht.«

Ich halte mich an den Metallseilen der Schaukel fest, und in meiner Brust flattert es nervös. »Was ist mit meinem Bruder? Sprichst du nicht mit ihm?«

»Keine Ahnung. Jedes Mal, wenn ich mit Will über meine Eltern reden will, sagt er dämlichen Quatsch, der mir nicht weiterhilft. Und du weißt ja, wie er sich aufführt, wenn’s um Hockey geht.«

»Als wär er zu gut für alle anderen.« Ich lasse es zwar wie einen Witz klingen, meine es aber durchaus ernst.

Ethan grinst schief und zwinkert mir zu. »Genau. Er ist so ein großspuriger Mistkerl.«

»Du bist besser als er, E. Aber verrat ihm bloß nicht, dass ich das gesagt hab.«

Was damit begonnen hat, dass ich »M + E« in mein Notizbuch geschrieben habe, wurde schon bald zu seinem Spitznamen. Ethan korrigiert mich nie, wenn ich ihn E nenne. Manchmal nennt er mich umgekehrt sein Lämmchen, weil er sich mit einem Wolf vergleicht, obwohl ich ihn nicht im Geringsten beängstigend finde. Ich liebe diese besondere Verbindung, die ich zu ihm habe.

Er sieht mich mit hochgezogener Augenbraue an. »Meinst du?«

Ich nicke bestätigend. »Ich weiß es. Und das sag ich nicht nur, weil ich dich mag und mein Bruder mir das Leben schwer macht. Ich hab mir letztes Jahr alle eure Spiele angesehen und war bei ein paar eurer Trainings dabei. Du und mein Bruder, ihr werdet zusammen Profis. Kein Zweifel.«

Ethan seufzt. »Du wirst mir fehlen, Mia.«

Seine Worte treffen mich wie ein Schlag in die Magengrube. Warum? Weil er im Herbst mit meinem Bruder aufs College geht? Die Strickland University liegt nur dreißig Minuten entfernt. Da mich die Vorstellung bestürzt, ihn nicht mehr jede Nacht zu sehen, ziehe ich es vor, seine Bemerkung zu ignorieren. Was uns an Zeit noch bleibt, ist kostbar.

Ethan ergreift meine Hand und hält sie fest. »Ich ziehe direkt nach dem Abschluss weg.«

Das Herz sackt mir in die Kniekehlen, als ich nachrechne. Also haben wir nur noch vier gemeinsame Tage. Plötzlich kann ich nicht mehr atmen. Übelkeit steigt mir in den Hals und droht mich zu ersticken. Das kann er mir nicht antun.

Nein. Bitte. Verlass mich nicht.

All das will ich zu Ethan sagen, aber die Worte dringen nicht aus meinem Mund.

Ethan drückt noch einmal meine Hand und lächelt. »Erzähl mir von deinem Tag. Ich will alles darüber hören. Gib mir die schlimmsten und die besten Momente.«

Ich atme tief ein und halte die Luft viel zu lange an, bevor ich sie ausblase. Der schlimmste Teil meines Tages dreht sich jetzt um Ethan, aber ich kann mich nicht dazu durchringen, ihm die Wahrheit zu sagen. Wir haben noch vier gemeinsame Tage. Die darf ich nicht ruinieren.

»Na ja, einen der Höhepunkte hab ich ja schon aufgezählt.«

Er schmunzelt. »Wenn Zeit mit mir es unter die Top Five deiner Liste schafft, will ich mir gar nicht ausmalen, was das Schlimmste sein könnte.«

Ich lächle trotz der schmerzlichen Angst davor, Ethan zu verlieren, und hoffe, dass unsere letzte gemeinsame Nacht eine wird, an die ich mich für immer erinnern werde.

3

Ethan

Ich bin ein Arsch. Ich sollte umkehren und mich von Mia verabschieden. Aber das kann ich nicht. Es ist besser, wenn sie nicht weiß, warum ich gehen und vor dem neuen Leben davonlaufen muss, das ich mir in Pennsylvania aufgebaut habe. Sie würde mich hassen, wenn sie die Wahrheit wüsste. Deshalb ist es besser so. Dadurch kann sie mich aus einem völlig anderen Grund hassen.

Schon bald wird Mia neue Freunde finden und mich vergessen. Beim Gedanken, dass sie einen festen Freund haben wird, zieht sich alles in mir zusammen. Ich kann sie zwar nicht haben – aber das ändert nichts daran, wie sehr ich sie will.

Unterwegs auf der I-95 wechsle ich die Fahrspur, um den Schleicher zu überholen, der für einen Rückstau auf der linken Spur sorgt. Meine Gedanken pendeln zwischen Mia und meinem neuen Ziel hin und her. Will habe ich gesagt, ich müsste mich um meine kranke Großmutter kümmern, die in Boston lebt. Zumindest ein Teil der Lüge ist wahr. Ich habe eine Großmutter, die in Boston lebt – obwohl sie wahrscheinlich besser in Form ist als die meisten Frauen ihres Alters und einen messerscharfen Verstand besitzt.

Es war die beste Ausrede, die mir eingefallen ist, als ich Will die Nachricht mitgeteilt habe. Er hat gesagt, er verstehe, warum ich unsere Eishockeypläne über den Haufen werfen muss und dass die Familie immer an erster Stelle käme. Jetzt komme ich mir noch mehr wie ein Stück Dreck vor, weil ich mich seit einem Jahr nach seiner kleinen Schwester verzehre.

Schon ein einschneidender Fehler kann ausreichen, um alles zu ruinieren. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass eine einzige Nacht mein Leben verändern würde. Ist aber so. Jetzt ist es an der Zeit, sich den Konsequenzen zu stellen.

4

Mia

Zehn Jahre später

Nach einem weiteren miesen Tag beim Philadelphia Inquirer komme ich nach Hause in meine Wohnung, in der es wie in einem chinesischen Restaurant riecht. Mein Magen knurrt beim Duft von frischen Frühlingsrollen, der aus dem Erdgeschoss aufsteigt. Ich fasse in meine Tasche, krame drei Dollar heraus und seufze, als ich feststelle, dass ich mir nicht mal ein Abendessen leisten kann. Wenigstens ist am Freitag Zahltag.

Ich lehne mich an die Wand neben der Eingangstür und schlüpfe aus den Schnürstiefeln. Ich beginne an den Knien und ziehe am Material, bis sich eine Reihe der Schnürsenkel nach der anderen löst und der Druck nachlässt. In den vergangenen acht Stunden habe ich vor dem Rathaus gestanden und auf einen Kommentar des Bürgermeisters von Philadelphia zu dem neuen Gesetz gewartet, das alle in der Stadt tätigen Unternehmen verpflichtet, Bargeld gegenüber Kreditkarten vorzuziehen. Es war ein langer Tag, um es harmlos auszudrücken. Stundenlang habe ich Cola geschlürft und genascht, während ich die Sekunden herunterzählt habe, bis ich endlich nach Hause konnte.

Erschöpft schleppe ich mich in die Küche und öffne das Gefrierfach. Mangels Auswahl greife ich mir die Flasche Wodka und ein Fertiggericht, das ich auf die Arbeitsplatte lege. Wenn ich Glück habe, halte ich bis zum Ende der Woche durch, ohne mir von meinem großen Bruder Geld pumpen zu müssen. Bei dem Gedanken daran verziehe ich das Gesicht. Einen weiteren brüderlichen Vortrag von Will über meine aktuelle Lage ertrage ich nicht.

Als ich das Gefrierfach schließe, lässt mich ein unerwartetes Hämmern im Geschoss unter mir zusammenzucken. Das Leben in der Großstadt mit all den hupenden Autos und dem sonstigen Lärm ist gewöhnungsbedürftig. Meine Eltern sind im Ruhestand nach Arizona gezogen und haben meinen Bruder und mich zurückgelassen. Ich habe mir diese Bruchbude im Zentrum von Philadelphia in der Hoffnung gemietet, dass es nur eine vorübergehende Lösung sein würde. Das war vor drei Jahren.

Da ich immer noch schreckhaft und nervös bin, entfährt mir ein spitzer Aufschrei, als plötzlich mein Handy klingelt. Ich hole das Gerät aus der Tasche und betrachte die Anruferkennung. Es ist mein großer Bruder.

»Was willst du?«

»Hi, Schwesterchen«, brüllt Will leicht lallend ins Telefon. »Ist das ’ne Art, jemanden zu begrüßen, der dir früher bei den Hausaufgaben geholfen hat?«

Ich lache. »Damit würde ich mich nicht zu sehr brüsten. Sieh dir nur an, wie weit es mich gebracht hat.« Der Lärm von Rap-Musik bestürmt mein Trommelfell und gestaltet es zusammen mit den um Will herum grölenden Kerlen schwierig, ihn zu verstehen. »Wo steckst du?«, brülle ich, um den Radau zu übertönen.

Eine Pause von einigen Herzschlägen entsteht. Ich lausche, wie ein neuer Song beginnt, bevor Will wieder das Wort ergreift. »Ich muss ein Weilchen bei dir einziehen. Mein Apartment steht unter Wasser. Jetzt bin ich obdachlos, bis die Hausverwaltung den Schaden behoben hat. Ich konnte mir gerade noch ’ne Tasche mit Klamotten schnappen und abhauen, bevor ein Teil der Decke eingestürzt ist.«

»Du nimmst mich auf den Arm, oder?« Klingt nach einem der vielen Bären, die Will mir im Laufe der Jahre aufgebunden hat, um mich zu verarschen. Er behauptet, ich würde auf alles hereinfallen. Und Will steht drauf, meine Schwäche auszunutzen.

»Ne, diesmal nicht. Die alte Dame über mir ist in der Badewanne eingeschlafen und hat das Wasser laufen lassen. Kann ich jetzt bei dir wohnen oder nicht?«

Unsere Eltern sind über dreitausend Kilometer weit weg. Hab ich eine Wahl?

»Ja, klar. Wann kommst du?«

»Bin gerade bei McFadden’s zur Happy Hour.«

»Warum trinkst du? Ich dachte, ihr hättest es in die Playoffs geschafft.«

»Haben wir auch. Aber unser erstes Spiel ist erst nächste Woche. Ich bin mit ein paar Jungs aus dem Team zum Feiern unterwegs.«

»Verstehe.« Ich seufze. »Aber tanz gefälligst hier an, bevor ich ins Bett gehe. Ich hatte ’nen höllischen Tag und werd sicher nicht die ganze Nacht wach bleiben und warten, bis du besoffen aufkreuzt.«

»Geht klar, Boss. Wir sind in ein paar Stunden da.«

Erst nachdem ich aufgelegt habe, wird mir bewusst, dass Will »wir« gesagt hat, als hätte er vor, jemanden mitzubringen. Der Mist kommt für mich nicht infrage. Ich habe zugestimmt, meinen Bruder bei mir übernachten zu lassen, nicht einen seiner One-Night-Stands. Wegen unseres Nachnamens – Roman – und der Tatsache, dass Will ständig irgendeine andere Frau an der Seite hat, haben ihm die Medien den Spitznamen »Romeo« verpasst. Und er wird dem voll und ganz gerecht.

Obwohl ich zwei Schlafzimmer habe, ist die Wohnung winzig, kaum groß genug für mich allein. Und Will kann sich abschminken, dass ich morgen früh die Drecksarbeit für ihn erledige. Ich werd sicher nicht das Puck-Bunny rauswerfen, das er anschleppt.

Stunden vergehen, bevor mich ein Klopfen an der Tür aus meinem Nickerchen auf der Couch reißt. Ich schaue zur Digitaluhr auf dem Beistelltisch und seufze. Wie üblich hat Will sein Versprechen nicht gehalten. Er wird noch zu spät zu seiner eigenen Beerdigung kommen.

Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen und wanke in einer rosa gepunkteten Pyjamahose, schwarzem Tanktop und flauschigen Hausschuhen zur Eingangstür. Einige weitere Schläge hämmern so heftig auf das Holz ein, dass die gesamte Tür erzittert.

»Ich komm ja schon«, rufe ich. »Beruhig dich.«

Als ich die Tür öffne, verschlägt mir der Anblick von Ethan Waters neben meinem Bruder den Atem. Er hat mich vor zehn Jahren verlassen, ohne mit der Wimper zu zucken. Und ich hasse ihn immer noch dafür.

Will hat er erzählt, er müsste sich um seine kranke Großmutter in Boston kümmern. Aber er hat nicht mal einen schlichten Anruf geschafft oder eine E-Mail, um mir sein plötzliches Verschwinden zu erklären. Ich kaufe ihm seine Ausrede immer noch nicht ab. Mittlerweile arbeite ich für den Philadelphia Inquirer und verfüge über einige Ressourcen, die es mir ermöglichen, in der Vergangenheit von Menschen zu stöbern.

Seine Großmutter war nie krank. Tatsächlich ist sie quicklebendig, erfreut sich bester Gesundheit und arbeitet nach wie vor als Beraterin in der von ihrem Mann gegründeten Firma. Die Waters haben haufenweise Geld, und Reichtum dieser Art erleichtert es, Leichen im Keller zu vergraben.

Ethan verbirgt etwas, obwohl ich immer noch nicht herausgefunden habe, was so viel Geheimhaltung rechtfertigt. Seine Familie hat etliche Verbindungen, durch die es nahezu unmöglich ist, den Grund für sein Verschwinden zu ermitteln. Vor drei Jahren ist er wieder aufgetaucht, als er von den Oilers an die Flyers verkauft wurde. Und er gibt sich immer noch so, als wäre nichts geschehen, hat mir keine einzige Erklärung geliefert.

Bei seiner Rückkehr war er großspurig, richtig arrogant. Völlig anders als der Junge, den ich früher gekannt habe. Seit unserer letzten Nacht auf der Schaukel behandelt Ethan mich nicht mehr wie damals. Er ist andauernd unhöflich und führt sich auf wie der reiche Schnösel, der er ist. Bei seinem Anblick auf meiner Schwelle breitet sich ein heißes Kribbeln über meine Haut aus und ich schnaube wütend.

Ich zeige auf Ethan, während ich mich an Will wende. »Was will der hier? Ich hab gesagt, du kannst kommen, nicht dieser Idiot.«

»Lass mich rein«, lallt Ethan und drängt sich an mir vorbei in die Wohnung. Dabei stolpert er über seine eigenen Füße, findet jedoch irgendwie das Gleichgewicht wieder.

Seit ich aus dem Haus meiner Eltern ausgezogen bin, habe ich Ethan um jeden Preis gemieden. Dadurch verbringe ich automatisch auch weniger Zeit mit meinem Bruder. Gelegentlich kommt Ethan mit Will vorbei, wenn sie nicht mit den Flyers unterwegs sind. Ich versuche, mich dann in das Apartment zu schleichen, das sie sich teilen, wenn ich weiß, dass Ethan nicht da ist. Ich brauche Zeit und Abstand von ihm. Wovon ich im Moment gern etwas mehr hätte.

»Du bist der unerträglichste Kerl, der mir je untergekommen ist«, herrsche ich ihn an und verziehe angewidert das Gesicht. »Ausgerechnet du musst mit Will aufkreuzen. Da wär mir sogar eines seiner Puck-Bunnys lieber gewesen.«

»Mach dir nicht gleich ins Hemd«, zischt Ethan mit einem offenen Auge. »Sonst muss ich’s dir vom Leib reißen.« Er entfernt sich von mir und geht in die Küche. Natürlich folge ich ihm.

»Widerlich«, presse ich knurrend hervor. »Als ob ich mich von dir anfassen lassen würde.«

»Könnt ihr euch wohl für fünf Minuten vertragen?«, sagt Will hinter mir. »Diese Situation ist beschissen, aber wir müssen das Beste daraus machen.«

Ich sehe meinen Bruder mit zusammengekniffenen Augen an. »Warte mal, du glaubst, der Kerl kann hier übernachten?«

»Er kann sonst nirgendwo hin.«

»Er hat Kreditkarten, einen Treuhandfonds und einen Vertrag bei den Flyers. Ich konnte mir heute nicht mal ein Abendessen leisten. Ich sollte bei euch wohnen, nicht umgekehrt. Will, ich hab zugesagt, dass du hier schlafen kannst – nicht Spieler eures Teams, der sich durch sämtliche Betten von Philadelphia schläft.«

Und ist mein Bruder eigentlich besser? Nicht wirklich. Tatsächlich könnte er sogar noch schlimmer als Ethan sein. Meistens landet Will auf den Seiten meiner Zeitung, jedes Mal mit einer anderen Frau an der Seite.

Ethan stapft auf mich zu. »Du hättest mich gern für dich selbst, Prinzessin. Verbitterung steht dir nicht gut zu Gesicht.«

»Ich hasse dich!«, schreie ich ihn an, ohne meine Wut wirklich zu bemerken.

»Nein, tust du nicht.« Ethan stemmt die Hände in die Hüften, wodurch er meine Aufmerksamkeit auf seine breite Brust und seine muskulösen Arme lenkt.

Warum muss jemand, der so attraktiv ist, so verdammt unausstehlich sein? Nach all den Jahren, die ich den verfluchten Ethan Waters schon hasse und er sich mir gegenüber wie ein Arsch verhält, kann ich seinen Anblick kaum noch ertragen. Er hält sich für Gottes Geschenk an die Frauenwelt. Und das ist er auch, wofür ich ihn nur noch mehr hasse.

Will und Ethan versuchen eine Weile, meinen Kühlschrank zu plündern, bis sie merken, dass er nichts zu bieten hat.

»Apropos Kreditkarten.« Ethan starrt in meinen praktisch leeren Kühlschrank, der nur Gewürze und ein paar Behältnisse mit alten, halb aufgegessenen Gerichten zum Mitnehmen enthält, die ich dringend wegwerfen muss. »Warum benutzt du nicht deine, um dir Essen zu kaufen?«

Ich verschränke die Arme vor der Brust und starre zu Ethan hoch. Für wen zum Teufel hält er sich eigentlich? Was ich mit meinem Geld anstelle, geht ihn überhaupt nichts an.

»Weil ich Studiendarlehen habe, Miete zahlen und ein Auto finanzieren muss und keinen Rahmen mehr auf der Kreditkarte übrig habe«, kontere ich. »Wenn ihr zwei hierbleiben wollt, könnt ihr zumindest selbst für euer Essen zahlen. Ich kann’s mir nicht leisten, euch durchzufüttern.«

»Wir besorgen dir morgen was zu essen«, murmelt Will. »Ich hasse es, dich so leben zu sehen.« Er schüttelt den Kopf. Haare so weißblond wie meine fallen ihm in die Stirn. »Warum hast du nichts gesagt, Mia? Ich hab Geld. Du musst nicht so leben.«

»Essen wäre prima«, erwidere ich schlicht. »Genug jetzt von mir. Ich brauch keinen weiteren brüderlichen Vortrag.«

Will greift nach der Wodkaflasche, die ich wieder ins Gefrierfach gelegt habe, aber ich schnappe sie ihm weg. »Du hast für heute genug getrunken.« Damit verstaue ich die Flasche wieder an ihrem Platz und schließe das Gefrierfach. »Ich hab das Bett im Gästezimmer für dich vorbereitet. Warum legst du dich nicht schlafen? Ich muss morgen früh für die Arbeit raus.«

»Ich auch.« Will legt eine große Hand auf meine Schulter. Der viele Alkohol, den er intus hat, beeinträchtigt eindeutig seinen Gleichgewichtssinn. »Wir haben morgen früh ein Interview mit deiner Zeitung.«

Ich lasse Ethan in der Küche zurück und führe Will ins Gästezimmer, das ungefähr so groß wie ein begehbarer Schrank ist. Mein Bruder stolpert in den dunklen Raum und läuft prompt gegen das Bettgestell aus Metall, schlägt sich kräftig das Schienbein an.

»Scheiße!«, flucht er, fällt auf die Matratze und umklammert mit beiden Händen sein Bein.

Ich setze mich neben ihn und schalte die Nachttischlampe ein. Das gedämpfte Licht wirft einen Schatten auf sein Gesicht. Drei Jahre trennen uns, aber wir sehen mit den weißblonden Haaren und den hellblauen Augen beide unserer Mutter sehr ähnlich.

»Soll ich dir ein Glas Wasser und Schmerztabletten holen?«