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"Mutig war ich immer." Uwe Kröger ist der Inbegriff des Musicaldarstellers: Er begeisterte als Originalbesetzung in 4 Weltpremieren: "Elisabeth", "Mozart!", "Rebecca", "Der Besuch der alten Dame", in 6 deutschsprachigen Erstaufführungen: "Miss Saigon", "Sunset Boulevard", "The Wild Party", "3 Musketiere", "Rudolf", "The Addams Family". Er war 1988 erster deutscher Rusty im Bochumer "Starlight Express", 1997 das Biest in der deutschen Erstaufführung von "Die Schöne und das Biest", 2000 Titelfigur in "Napoleon" am Londoner Westend und 2007 Professor van Helsing bei der österreichischen Uraufführung von "Dracula". Als gefeierter Charakterdarsteller bleibt er unvergessen in Musicalwelthits wie "Les Miserables", "Hairspray", "Sound Of Music" oder "La Cage Aux Folles". Er urteilte als Juror in der ZDFShow "Musical Showstar 2008" und überzeugte 2011 im ORF als "Dancing Star". Doch es gibt auch einen anderen Uwe Kröger abseits der großen Showbühne. Den nachdenklichen Menschen, den schüchternen Romantiker, den guten Freund, den ambitionierten Modeexperten oder den liebenden Lebensgefährten, der bislang kaum hinter private Kulissen blicken ließ. Anlässlich seines 50. Geburtstags resümiert er seine wichtigsten Lebensstationen, ergänzt von Familie, Kollegen und Freunden wie Pia Douwes, Michael Kunze, Sylvester Levay oder Peter Weck. "Ich bin, was ich bin" gewährt Einblick in das Phänomen Uwe Kröger und zeichnet das berührende Lebensbild eines großen Künstlers.
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Seitenzahl: 375
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Uwe Kröger
Ich bin, was ich bin.
Ich bin, was ich bin.
Mein Leben.
Aufgezeichnetvon Claudio Honsal
Mit 137 Abbildungen
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www.amalthea.at
www.fechter-management.com
© 2014 by Amalthea Signum Verlag, Wien; Fechter Management & Verlag GmbH
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker, OFFBEAT
Umschlagfotos:
© Sabine Hauswirth (Cover),
© Vereinigte Bühnen Wien (hinten rechts),
© Starlight Express Theater Bochum (hinten links)
Herstellung und Satz: Alexander Schuppich
Gesetzt aus der Slimbach und Gotham
Printed in the EU
ISBN 978-3-85002-884-4
eISBN 978-3-902998-06-4
Prolog
Die Initialzündung
Wie mich ein Zufall zum Musical brachte
In Hamm begann ich, vom Broadway zu träumen
Frühe Statements
Ich weigerte mich, mit der Waffe dem Vaterland zu dienen
Mein Zivildienst in der Jugendpsychiatrie
Familienleben
Meine Kindheit in Hamm
Ich war ein kreatives Kind
Ich hasste die jagdgrüne Lagerfeuerromantik
Ich wollte nie so wie mein Vater sein
Papa ist gestorben, als ich den Tod spielte
Gleich nach dem Begräbnis bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten
Erste Schritte im Showbusiness
Saitensprung – sozialkritischer Folkrock
Berlin wurde zu meinem Lebensmittelpunkt – in jeder Hinsicht
Marlène Charell und ein Job als Kellner brachten mich über die Runden
Beziehungen gestern und heute
Mein Outing besorgten die Medien für mich
Ich war ein schüchterner Frauenversteher
Erste homophile Erfahrungen machte ich beim Zivildienst
Ein Australier war der erste Mann an meiner Seite
Mitten ins Herz: Mein Lebensmensch ist Kardiologe
Unsere romantische Verlobung am Wasserturm
Christopher musste mich in den USA verleugnen
An 9/11 bangte ich um Christopher
Los Angeles – eine Traummetropole ganz nach meinem Geschmack
Endlich vereint – unser neues Zuhause in Wien
Gegensätze ziehen sich an
Von kleinen Eifersüchteleien und großen Kochkünsten
Das leidige Thema Hochzeit
Hochzeit: ja; Adoptivkinder: nein
Christophers Coming-out war ein Leidensweg
Krisenstimmung in der Langzeitbeziehung
Meine Lebensphilosophie
Richtig glücklich durch Lebenserfahrung
Die Altersweisheit hat mich sanft gemacht
Geld ist nichts anderes als eine Form von Energie
Ein Deutscher in Österreich
Wien, Wien, nicht nur du allein
Nichts trennt uns mehr als die gemeinsame Sprache
An der Donau lebt man Gemütlichkeit und Toleranz
Freundschaften
Sarah und Pia – zwei Ausnahmeerscheinungen
Differenzieren erspart Enttäuschungen
Ich bilanziere nicht über Menschen, die mir nahestehen
Vorsicht ist die Mutter der Freundschaftskiste
Mondrean L. A.: Wenn aus Freundschaft eine Geschäftsidee entsteht
Unsere Vision: ein Stück L. A. mitten in Wien
Wenn ich in NYC oder L. A. mal kurz zum Shoppen gehe
Begegnungen
Prominent ist man heutzutage schnell
Auf Augenhöhe mit meinen großen Stars
VIPs sind auch nur Menschen
Meine Fans
Wenn man zum Fanobjekt wird
Der Fankult ist ein typisch österreichisches Phänomen
Klaustrophobische Zustände
Mein eigener Fanclub begleitet mich seit Jahrzehnten
Es war eine lautstarke Schlacht der einzelnen Fanclubs
Beim alljährlichen Fantreff geht es hoch her
Man glaubt es nicht, ich habe ein eigenes Magazin
Wenn Gummi-Entchen zur Plage werden
Die Anerkennung des Publikums ist das größte Geschenk
Meine Hexe und ihre Visionen
Wenn Transzendentes zur Realität wird
Alles Hokuspokus – bis meine Hexe kam
In einer Vision wurde ich zu Napoleon
Eine zukunftsträchtige Entscheidung
Das Rätsel um Dürrenmatts Gummistiefel
Proben, Kostüme und Parfumflakons
Mein Zugang zu neuen Rollen
Was will der Autor, was will das Stück?
Schöner als die Premiere ist für mich die Probenzeit
Gut verkleidet ist die halbe Rolle
La Cage aux Folles – im Minutentakt zur Frau
Ich muss eine Rolle auch riechen können
Der Traum von der Intendanz
Ich hatte ein fertiges Konzept in der Schublade
Internationale Größen im Musicalbusiness
Ein höchst kreatives Trio: Struppeck, Gergen, Kröger
Lob, Trost und harte Worte
Die Mächtigen der Branche sind oft die Liebsten
Direkt vom Broadway kam er nach Klagenfurt
Michael Kunze & Sylvester Levay – die Wegbereiter meines Durchbruchs
Meine wichtigsten Premieren
Elisabeth
In Elisabeth als Tod zum Superstar
Mit dem „letzten Tanz“ an die vorderste Front
Was Kunze und Levay mit dem Tod ausdrücken wollten
So wurde Pia zu meiner Elisabeth
Was macht Harrison Ford bei Elisabeth?
Der Tag meiner ersten Weltpremiere – ein Meilenstein
Euphorisches Publikum – vernichtende Fachkritiken
Elisabeth wird zum globalen Exportschlager
Napoleon
Facebook gab es nicht, dafür eine Vision
Der Wermutstropfen kam mit dem Vertrag
London calling!
Am West End kocht man auch nur mit Wasser
Legenden zum Angreifen und das bittere Ende
Der Besuch der alten Dame
Zweitpremiere und doch ein neues Stück
Ein Tag wie jeder andere. Am Abend ist eben Premiere
Das alltägliche Sterben vor dem Wahnsinn nach der Premiere
Kritiken sind interessant, ein gutes Frühstück ist wichtiger
Nach der Dernière ist vor der Premiere
Konzerte, Tourneen & Co.
Life is live – ganz besonders auf der Konzertbühne
Mein Auftritt auf einem anderen Stern
Fernsehen – ein wichtiges Medium für das Musical und seine Darsteller
Für den Nebenjob TV-Moderator fehlte mir die Zeit
Als TV-Juror setzte ich mein Pokerface auf
Mein letzter Tanz bei Dancing Stars kam in Runde
Mein Musical-Universum
Anhang
Rollenverzeichnis
Solo- und Cast-Alben
DVDs
Personenregister
Bildnachweis
Ich bin, was ich bin,
und was ich bin, ist ungewöhnlich.
Komm, schau mich nur an,
akzeptier dann mich ganz persönlich.
Ich lebe, und ich will mich nicht dafür genieren,
lebe, und will keinen Augenblick verlieren.
Es hat keinen Sinn, wenn man nicht sagt:
Hey, Welt, ich bin, was ich bin!
Ich bin, was ich bin,
ich will kein Lob,
ich will kein Mitleid.
Ich lebe für mich,
ich bin kein Snob,
will meine Freiheit!
Wen stört es,
dass ich Federn liebe, Glanz und Flitter?
Ich mag’s so,
sonst wär mein Leben trüb und bitter.
Es hat keinen Sinn, wenn man nicht sagt:
Hey, Welt, ich bin, was ich bin!
Ich bin, was ich bin,
und was ich bin,
ist kein Geheimnis!
Ich stehe für mich,
wünsche mir nur ein wenig Fairness.
Ein Leben kann man ohnehin nur einmal leben,
warum soll es für mich keine Chancen geben?
Es hat keinen Sinn, wenn man nicht sagt:
Hey, Welt, ich bin, was ich bin!
Gerald Herman
Worte, Gedanken, Emotionen – ein Liedtext. Für mich ist es nicht irgendein Lied. Doch wo soll ich anfangen?
Im Jahr 1983, als ich die Originalfassung erstmals im Radio gehört habe, weil Gloria Gaynor mit „I Am What I Am“ gerade die Charts eroberte? Nein, mein Zugang beginnt später, während meiner Studienzeit in Berlin mit einem Besuch im Theater des Westens. La Cage aux Folles stand auf dem Spielplan, der großartige Helmut Baumann, als Zaza in der Rolle seines Lebens, intonierte „Ich bin, was ich bin“, und ich habe Rotz und Wasser geheult. Dieses Lied sollte mich ein Leben lang begleiten – den Musicaldarsteller und den Mensch. Es ist nicht nur irgendein Text, es ist eine Bitte, eine Aufforderung, eine Selbsterkenntnis, aber vor allem ein Statement und ein Credo.
Was Gerald „Jerry“ Herman 1983 ursprünglich als Hauptmotiv seines Musicals auf die Broadway-Bühne gebracht hat, ist längst zur Hymne für Toleranz und Freiheit geworden. Ein Statement, das auffordert, das Individuelle, das Anderssein zu akzeptieren. Ein Lied, das Mut machen soll in Situationen, in denen es einem beschissen geht. Eine Botschaft, die jeden Menschen betrifft, egal ob schwarz oder weiß, arm oder reich, homo oder hetero.
Das, was ich bin, das bin ich eben, und du wirst nichts anderes bekommen – bitte lebe damit!
Fairness, Freiheit und Chancengleichheit sind die Eckpfeiler, die jeder Mensch einfordern darf und muss, in Beziehungen und in alltäglichen Situationen. Eine fundamentale Hoffnung in direkter Kommunikation mit sich selbst, mit dem Partner, mit Freunden, mit den Menschen. Eine Botschaft, eine Einstellung, die ich unbewusst seit Kindertagen lebe und seit meinem Debüt als Zaza in La Cage aux Folles auf der Bühne noch intensiver hinterfrage. Es ist also nicht irgendein Liedtext, der mich mein ganzes Leben begleitet hat und begleiten wird, denn „Leben und leben lassen“ lautet mein Credo. „Ich bin, was ich bin“ sind die Details dazu.
Warum ich geworden bin, wie und was ich bin, möchte ich auf den folgenden Seiten schildern.
An dieser Stelle möchte ich mich vorab bei allen bedanken, die direkt oder indirekt an diesem Buch beteiligt waren: Bei meinem Management Herbert Fechter und Nicole Hoffmann, die mir schon vor fünf Jahren diese Buchidee ans Herz gelegt haben. Bei den entzückenden Damen vom Amalthea Verlag. Und mein ganz besonderer Dank gilt natürlich dem Autor, Claudio Honsal, der mich nach vielen intensiven Gesprächen mit Kollegen, Freunden und meiner Familie mit interessanten und spannenden Statements über das, was ich bin, und warum ich es aus deren Sicht bin, überrascht hat und diese elegant in meine Lebensgeschichte integriert hat.
Wäre ich in Hamm damals nicht auf diese Theatergruppe aufmerksam geworden, wer weiß, wie sich meine berufliche Zukunft gestaltet hätte. Immer wieder habe ich darüber nachgedacht. Unweigerlich tauche ich dann in meine Vergangenheit ein, in jene Zeit, als ich noch nicht auf den Bühnen dieser Welt stand und es nicht einmal im Traum für möglich hielt, einmal ein gefeierter Musicalstar zu sein.
Man schrieb das Jahr 1985, das Kulturangebot bewegte sich in meiner Heimatstadt gegen null. Es gab kein eigenständiges Theater, Laienproduktionen fanden in Turnsälen oder Vereinsheimen statt, Musikbands, die mir aus Bravo oder dem Rundfunk bekannt waren, machten höchstens mal im nahen Münster auf ihren Tourneen Station. „Wild Boys“ von Duran Duran führte die deutsche Hitparade zwar an, aber ein gewisser Hans Hölzl, den ich viel, viel später einmal kennenlernen durfte, sorgte mit „Amadeus“ auch bei uns in Deutschland fürs Hinhören.
Aus meinem uralten, quietschenden Kassettenrekorder leierten ganz andere Lieder. Songs von John Denver, Crosby Stills, Nash & Young oder Joan Baez. Kino war noch das größte kulturelle Vergnügen, das wir uns in der westfälischen Provinzstadt ab und zu gönnten.
Ich leistete gerade meinen Zivildienst ab und verbrachte den Großteil der Tage als Pfleger in der Jugendpsychiatrie. Ich liebte diese verantwortungsvolle Tätigkeit und ging richtig auf im Ersatzdienst. Mein Privatleben war kaum existent. Von Zeit zu Zeit verbrachte ich einen Abend mit meinen Schulfreunden oder hatte Probentermine mit unserer alternativen Amateurband Saitensprung. Doch auch die wurden immer seltener, ebenso wie die Arbeit im Getränkevertrieb meines Vaters.
Da passierte etwas, das mein Leben nachhaltig verändern sollte: die Initialzündung meiner schlummernden Leidenschaft. Eine ehemalige Schulkollegin sprach mich auf offener Straße an und gab mir einen Tipp. Sie machte mich auf ein Plakat der Laientheatergruppe Backstage aufmerksam. Annette Brückner, die damalige Leiterin der ortsansässigen Tanzschule, und Peter Gestwa hatten diese Gruppe ins Leben gerufen und sich mit einigen anderen Kulturinteressierten zusammengetan, um in meiner Heimatstadt etwas Kulturelles auf die Beine zu stellen. Das allein war schon eine Sensation. Nun suchten sie für eine Musicalrevue in Hamm Sänger.
Mein Name soll damals immer wieder beim ambitionierten und durchwegs ehrenamtlich tätigen Leading Team rund um Annette gefallen sein. Durch meine, wenn auch seltenen, öffentlichen Auftritte mit der Band Saitensprung hatte ich offensichtlich einen gewissen Ruf erlangt in den musikaffinen Kreisen meiner Heimatstadt. Mir ging damals ständig ein Film durch den Kopf, den ich erst kurz davor im Kino gesehen und der mich schwer beeindruckt hatte: Fame. Die rührselige Story rund um den Ehrgeiz der jugendlichen Darsteller und ihr unablässiges Bestreben, in die Highschool of Performing Arts aufgenommen zu werden, ließ mich nicht los. Ein schönes Märchen, das im fernen New York spielte. Leroy, Doris, Montgomery – alle wollten sie den Weg zum Ruhm finden. Durchaus möglich, dass mich gerade dieser Film unbewusst beeinflusst hat, den Schritt zum Casting zu wagen, es zu probieren.
Von Musical, Tanz oder Schauspiel hatte ich – wie ganz Hamm – keine Ahnung, während in Wien zeitgleich Cats schon riesige Erfolge feierte. Ja, Musik machte ich gerne, Geschichten wollte ich immer erzählen, auch schon mit Saitensprung. Aber mit der Stimme und nicht mit dem ganzen Körper. Männer interessierten sich damals nicht für Tanz, Ballett, ästhetische Bewegung. Sie hatten sich nicht dafür zu interessieren. Und die gesungenen Liedtexte unserer Band, die mussten deutlich, hart und sozialkritisch sein. Das entsprach der allgemeingültigen Philosophie der Jugendszene rund um Hamm, in der ich aufgewachsen bin.
Dreams on Broadway hieß die Produktion, und ich träumte von Anfang an meinen Lebenstraum. Vielleicht etwas naiv und amateurhaft, aber mit unglaublichen Ambitionen im Hinterkopf. Mein Ehrgeiz, den ich schon als Kind, beim Schneidern, beim Geschichten schreiben und später bei der Mitarbeit im väterlichen Getränkevertrieb hatte, kam mir nun zugute: 200 Prozent Einsatz, die ich immer leisten wollte und auch heute noch gebe, wenn ich sehe, dass eine Aufgabe es verdient.
Ich war ein Einzelgänger und nicht gewohnt, mich in eine Horde von gleichgesinnten Schauspiel- und Gesangsamateuren einzufügen. Aber ich lernte, mich anzupassen. Was blieb mir anderes übrig? Ich hasste Vereine, nie zuvor war ich in einem Mitglied gewesen, weder im Fußballclub noch bei irgendwelchen Neigungsgruppen der örtlichen Turnvereine. Außerdem fehlten mir während meiner Schulzeit die Zeit und sicherlich auch die Muße. Erst beim Zivildienst, durch diesen gravierenden Cut nach dem Abitur, lernte ich, mir meine spärliche Zeit besser einzuteilen, mein eigenes Leben zu leben – im Wohnheim der Angestellten neben der Psychiatrie, wo ich untergebracht war, weit weg von der Familie. Ich war eben anders als viele meiner Altersgenossen. Erst jetzt wird mir das bewusst: Ich war immer schon, was ich war.
Für das in meinen Augen ungemein große Projekt, dieses Neuland an Erfahrungen, die ich sammeln konnte, das Ausleben meiner verkappten Leidenschaften, nutzte ich vornehmlich die Wochenenden – um zu lernen, zu probieren, und für Warm-ups im Turnsaal der Schule. In simplen Jogging-Klamotten studierte ich die Schritte, die Bewegungen und Lieder ein, Tanzdressen kannte man damals noch nicht. Zumindest nicht in Hamm, hier war eben alles sehr amateurhaft. Angetrieben von der ungewohnten Atmosphäre und meinem inneren Ehrgeiz hatte ich Blut geleckt. Ein Metier, das ich nicht kannte, eine Beschäftigung, die mir körperliche und geistige Befriedigung verschaffte, so habe ich jene Wochen des Trainings in Erinnerung.
Mit jedem Gedanken an diese Zeit wird die Erinnerung klarer. Mein Ziel war es, das zu perfektionieren, was jeder der 30 jungen Menschen perfektionieren wollte. Es gab keinen Star, keinen Solisten unter uns, wir waren gleichwertig. Ambitionierte Anfänger und Neo-Musicaldarsteller gaben sich die Türklinken in die Hand. Es war wie in einem Affenstall, einem Zirkuszelt, einem im Chaos versinkenden Ameisenhaufen.
Die Räumlichkeiten waren ebenso klein wie ungeeignet. Vom Zimmer, in dem wir Gesang übten, ging es in den Raum, in dem wir die richtige Körperhaltung trainierten, weiter zu den Atemtechnikübungen und zum Sprechunterricht. In einem kleinen Turnsaal unternahmen wir die ersten Gehversuche in Tanz und Ballett. Jeder Einzelne von uns durchlief diese Stationen, Wochenende für Wochenende.
Ich wollte besser sein – nicht vor den anderen, aber als ich es bisher gewesen war. Und so fragte ich Annette Brückner, ob sie mir zusätzlich privaten Tanzunterricht erteilen würde. Sie antwortete: „Ja, warum nicht!“ Sie mochte mich, glaubte, ein Talent entdeckt zu haben, das es wert sei, gefördert zu werden. Und ich wollte schon damals nicht sinnlos Zeit verplempern. Ich war sehr froh und dankbar, dass Annette sich meiner annahm, denn auch ihre Zeit war knapp.
Disziplin war nun mein oberstes Gebot, und so erhielt ich auch an so manchem Wochentag nach meinem anstrengenden Dienst noch spät in der Nacht Einzelunterricht. Das am Tag hart Verdiente steckte ich fast zur Gänze in zusätzliche Lerneinheiten, um noch besser zu werden, noch schneller voranzukommen. So konsequent wie ich waren freilich nur wenige der 30 Frischlinge im Showgeschäft, was mich ziemlich ärgerte. Wenn man schon so eine Chance bekam, musste man sie doch nutzen. Jede Sekunde! Da durfte man nicht zu spät kommen oder gar fernbleiben. Auch wenn wir keinen Pfennig für unsere Mühen bekamen, war es doch eine Chance! Der Turnsaal, die Aula, sämtliche benötigten Räumlichkeiten der Schule wurden samstags und sonntags kostenfrei zur Verfügung gestellt, die Choreografin und das ideengebende Team arbeiteten ehrenamtlich. Der Sache wegen und weil sie mit dieser Musical-Revue etwas mehr Kultur und Zeitgeist nach Hamm bringen wollten.
Während der Probenzeit geisterten immer wieder Szenen aus Fame durch meinen Kopf. Ich war mitten drin in diesem Movie, das meinen beruflichen Weg später bestimmen sollte. Zu diesem Zeitpunkt allerdings in einer noch simplen und dilettantisch anmutenden Bühnenversion dieses legendären Filmklassikers. Aus schulhaften, gruppendynamischen Situationen entwickelten wir die einzelnen Songs, die wir bei der Galavorstellung präsentierten.
Einer davon war „Aquarius“, das wohl bekannteste Lied aus dem Musical Hair. Man wählte mich aus, den Song zu interpretieren – meine Stimme, mein Auftreten, das Gesamtpaket passte –, obwohl ich doch astrologischer Schütze bin. Es gab nur ein ganz kleines Problem: Ich hatte weder von diesem Lied noch vom dazugehörigen Musical je zuvor gehört. Eine VHS-Kassette musste her. Ich studierte den Song Hunderte Male, sog ihn förmlich auf, und obwohl „Aquarius“ in der Originalversion für eine weibliche Stimme vorgesehen war, sollte ausgerechnet ich damit bravourös reüssieren.
Nach drei Monaten intensivem Gesangstraining, Ballett-, Tanzunterricht und den Proben in der Schule feierte die bunte Musical-Revue schließlich ihre Premiere im Saalbau von Bockum-Hövel, einem Ortsteil von Hamm. Über 400 Gäste saßen im Publikum, vornehmlich jene passionierten Theatergeher, die stets nach Essen, Münster oder noch weiter weg fahren mussten, um ihren Kulturhunger stillen zu können. Interessierte Kulturpendler, die man durchaus als kritisches Publikum einzuschätzen hatte, das war uns allen bewusst. Und genau vor diesem Auditorium feierte unsere Laieninszenierung Dreams on Broadway einen grandiosen Erfolg.
Ich war überglücklich und stolz. Annettes Prognose sollte sich als richtig erweisen. Meine Interpretation von „Aquarius“ wurde am lautesten beklatscht. Es war mein erster Hit!
Nur noch ein weiteres Mal führten wie im Rahmen einer Gala diese Musical-Revue auf, doch der Traum von der großen Bühne sollte mich von nun an nicht mehr loslassen.
Schon Jahre, bevor ich mit dem Thema Bundeswehr, also dem von Männern zu leistenden Dienst für Volk und Vaterland, konfrontiert wurde, war mir klar, dass ein Dienst mit der Waffe für mich niemals in Frage kommen würde. Gewalt hasste ich immer schon, war es im Sandkasten, im Kindergarten oder in der Schule. Die zeitgeistige Friedensbewegung, die den meisten von uns aus der Seele sprach und wichtige Denkanstöße gab, hatte das Übrige dazu beigetragen, dass ich den Militärdienst verweigerte. Es war die Zeit des Kalten Krieges, in den Klassenzimmern hingen Poster mit der provokanten Frage: „Bundeswehr, wozu? Es genügt ein Knopfdruck auf die Atombombe!“ Waffen, Krieg, Bundeswehr waren mir zuwider, passten schon damals nicht in meine Welt. Im Deutschland der 1980er-Jahre mussten Verweigerer allerdings noch sehr überzeugende Argumente vorbringen, um die strenge Kommission zu beeindrucken. Wer nicht überzeugen konnte, wanderte ins Gefängnis.
So wäre es wohl auch mir ergangen. Beim Gedanken daran läuft mir heute noch ein Schaudern über den Rücken. Für mich war es alles andere als eine alltägliche Situation, als ich in Hamm der Richterin, die in wenigen Momenten über Zivildienst oder Haftstrafe entscheiden würde, gegenübersaß und sie von meiner Anti-Kriegs- und Anti-Gewalt-Gesinnung überzeugen musste. Wochen zuvor hatte ich die schriftliche Version meiner Einwände schon abschicken müssen. Damit hatte ich kaum Probleme gehabt, da hatte ich meine Argumente schwarz auf weiß und wohlüberlegt zusammengefasst. Aber face to face mit der Richterin übermannte mich die Nervosität. Vor einem Gericht zu sitzen, das hatte etwas mit Verbrechen, mit Straftaten zu tun, obwohl ich doch nur meine humanistische Überzeugung zum Ausdruck bringen wollte.
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