Beschreibung

"Dieser neue islamische Terror übersteigt unser menschliches Verständnis von Grausamkeit und Leid in einem nie dagewesenen Ausmaß. " Prof. Dr. Dr. Jan Kizilhan Shirin wollte gerade ihr Abitur ablegen und anschließend Jura studieren, als Milizen des "Islamischen Staates" in ihr Dorf einfallen und sie zusammen mit anderen jesidischen Frauen und Kindern entführen. Sie wird ins Zentrum des IS verschleppt, mehrfach an IS-Kämpfer als Braut verkauft und als Sexsklavin gehalten, ehe ihr mithilfe ihres letzten "Ehemanns" die Flucht aus der Terroristen-Hölle gelingt. Sie lebt heute in Deutschland, wo sie im Rahmen eines einzigartigen Projekts für misshandelte IS-Opfer Hilfe bekommt. Alexandra Cavelius hat Shirins erschütternde Geschichte aufgezeichnet, die tiefe Einblicke in das Leben im "Islamischen Staat" und in die Psyche einer schwer traumatisierten jungen Frau gewährt. "Meine Brüder, vergessen wir die politischen Querelen. Ich spreche zu euch im Namen der Menschlichkeit. Rettet uns! Wir werden abgeschlachtet. Wir werden ausgelöscht. Unsere Religion ist dabei, von der Erdoberfläche getilgt zu werden. Ich flehe euch im Namen der Menschlichkeit an. Rettet uns! " Auszüge aus der Rede der jesidischen Abgeordneten Vian Dakhil im irakischen Parlament im August 2014 Shirins Leidensgeschichte spiegelt den Schrecken wider, der vom sogenannten Islamischen Staat ausgeht. Dieses Terrorregime ist nicht mit bisherigen islamisierten Organisationen zu vergleichen. Vielmehr verfolgt es eine totalitär faschistische Ideologie, bedient sich islamischer Symbole und erweitert seinen Terror über die ganze Welt. Dieses System kennt kein Mitleid mit Menschen, die sich ihm nicht unterwerfen. Im August 2014 richtete der IS seine Aggression gegen die alteingesessenen religiösen Minderheiten im Irak, insbesondere gegen die Jesiden. Männer wurden in großer Zahl ermordet, abertausend Frauen und Kinder verschleppt und gezielt auch sexueller Gewalt ausgesetzt.

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1. eBook-Ausgabe 2016

© 2016 Europa Verlag GmbH & Co. KG, Berlin · München

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich,unter Verwendung eines Motivs von

© Nicolas Asfouri / AFP Creative / Getty Images

Satz: BuchHaus Robert Gigler, München

eBook-Herstellung und Auslieferung:Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

eBook-ISBN 978-3-95890-035-6

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

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Alle Rechte vorbehalten.

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INHALT

DEUTSCHLAND: Uns sicher zu fühlen – das müssen wir erst wieder lernen

HEIMAT: Kinder des Lichts

DER ÜBERFALL: August 2014

GEFANGENSCHAFT: Über Bomben, gestohlene Spielsachen und geraubte Jungfrauen

ZWANGSKONVERTIERUNG: Vom Leben einer Haussklavin

VERKAUFT: Vom Überleben unter Kopfabschneidern

FLUCHT: Eine Braut in Schwarz

HEILUNG: Baba Sheikh und die heilige Zamzan-Quelle

OHNE CHECKPOINTS: Vom Leben in Freiheit

NACHWORT von Prof. Dr. Dr. Jan Kizilhan

Mehrere Tage lang hat die Autorin Alexandra Cavelius »Shirin« interviewt. Auf Basis dieser Gespräche hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben.

DEUTSCHLAND:

Uns sicher zu fühlen – das müssen wir erst wieder lernen

VOM LEBEN IN DEUTSCHLAND

Wenn sich im Fernsehen zwei Menschen küssen, streicheln oder einander näherkommen, raste ich aus. Ich will weglaufen. Mich würgt es, solchen Intimitäten zusehen zu müssen. Die anderen Mädchen halten mich dann fest und schalten schnell das Gerät aus. Wir alle sind von den Truppen des sogenannten Islamischen Staates (IS) gefangen genommen, vergewaltigt und versklavt worden. Manchen unter uns ist die gefährliche Flucht über das Sindschar-Gebirge (kurdisch: Şingal) nahe der syrischen Grenze gelungen. In ihrer Panik konnten die Menschen nichts mitnehmen. Wer es noch schaffte, sammelte die Kinder um sich und lief los. Innerhalb weniger Stunden waren über 400000 Menschen aus Sindschar aufgebrochen.

Seit einigen Monaten lebe ich mit 16 anderen Jesidinnen in einem mehrstöckigen Wohnhaus in Baden-Württemberg. Etwa die Hälfte davon sind Kinder. Anderthalb Jahre alt ist die Jüngste, 43 Jahre die Älteste. In den ersten zehn Tagen haben wir uns nicht vor die Tür getraut. Wir fürchteten, dass wir dort sofort angegriffen oder entführt würden und dass Leute uns beschimpften: »Was habt ihr hier zu suchen!?« Unsere Angst hat zuerst noch alles andere überwogen. Wir sind abgelegen untergebracht, in einem kleinen Ort am Waldrand.

Nach etwa zwei Wochen hat uns eine freiwillige Helferin ein paar Brocken Deutsch beigebracht und gleichzeitig versucht, uns ein wenig mit der neuen Umgebung vertraut zu machen. Man trifft auch auf Leute, die einem den Rücken zukehren, einen kaum grüßen und herablassend anblicken. Andererseits besuchen uns Kursleiterinnen erst seit wenigen Tagen, doch es fühlt sich so an, als ob wir sie schon seit zehn Jahren kennen würden – weil sie so herzlich und so offen sind. Das ist wunderschön. Ich besuche so gerne diesen Deutschkurs.

Langsam, ganz langsam haben wir uns daran gewöhnt, allein ein paar Schritte auf der Straße zu laufen. Das haben wir zuerst nur in der Gruppe geschafft. Vor allem hat uns dabei geholfen, dass die Menschen um uns herum immer wieder betonen: »Du bist sicher in Deutschland.«

Unsere Gruppenleiterin ist der Ansicht, dass ich so etwas wie eine Anführerin unter den Frauen sei. Mir selber ist das gar nicht richtig aufgefallen. Es stimmt aber schon, dass die Mädchen zu mir kommen und mich um Rat fragen. Sie hören auf meine Worte; selbst die 43-jährige Jesidin möchte von mir wissen, wie man zum Beispiel Zug fährt. Diese Aufgabe, für die anderen Verantwortung zu übernehmen, ist mir nicht unbedingt angenehm, aber gut, es ist jetzt nun mal so. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich besser Englisch spreche als die Frauen; deshalb kann ich für sie übersetzen und ihre Anliegen aufschreiben.

Zu Hause im Nordirak stand ich kurz vorm Abitur, wollte danach Jura studieren und mich für die Rechte anderer starkmachen. Alle jesidischen Mädchen und Frauen freuen sich in Deutschland sehr auf die Schule, doch ich glaube, dass ich mich ganz besonders darauf freue. Ich würde so gerne möglichst rasch diese fremde Sprache lernen, nur in meinem Kopf stecken noch so viel Wut und so viel Hass, dass es mir schwerfällt, all die neuen Informationen im Gedächtnis zu behalten.

Fortwährend kreisen meine Gedanken um dieselben Dinge. Leben meine Geschwister noch? Wo ist meine Mutter? Dann sehe ich sie wieder bei unserem Abschied vor mir. Das traditionelle weiße Tuch leicht um ihr dunkles Haar gelegt, steht sie in ihrem langen Rock vor mir und schickt mich weg. »Rette dich, Shirin!« Wieder höre ich an ihrer Stimme, dass sie nicht weinen will, weil ich sonst nicht fortgegangen wäre. Erneut spüre ich, wie ich mir im Auto den Hals nach ihr verrenke, bis ich ihren Blick verloren habe …

Eines Tages möchte ich meine Liebsten zu mir nach Deutschland holen. Ich hoffe, dass sie überleben. Ich hoffe, dass sie überhaupt noch leben. Mein Herz brennt für sie. Doch ich sollte mich auf das Schlimmste gefasst machen. Zurück will ich nicht mehr. Wohin auch? Alles liegt in Schutt und Asche.

FRIEDEN

Vor allem eines möchten wir in Deutschland: in Frieden leben. Das empfinde ich als großartiges Geschenk! Täglich tauschen sich die Mädchen und Frauen untereinander über das aus, was passiert ist. Und wenn ich versuche, sie zu stoppen: »Hört auf damit! Ich will das nicht hören«, reden sie trotzdem weiter darüber. Alle möchten diesen Horror loswerden, aber wir werden ihn nicht los. Immer wieder müssen wir daran denken. Irgendetwas in unseren Köpfen scheint außer Kontrolle geraten zu sein.

Manche aus unserer Gruppe haben auch zu viel Ballast von ihrer Gefangenschaft beim IS mit hierhergeschleppt. Unter uns lebt beispielsweise ein Dreijähriger, der uns Frauen beißt, kneift und sein Spielzeug zertritt. Seine Mutter hat keine Kraft mehr, seine Aggressionen abzuwehren. Oft starrt sie mit leeren Blicken an die Wand. Sobald der Junge das Wort »Gebet« hört, wirft er sich nach Art der Muslime zum Beten hin und fängt an, Koransprüche zu murmeln.

So viele Mädchen in diesem Wohnheim zusammengetroffen sind, so viele unterschiedliche Geschichten gibt es auch. Und jede von ihnen erzählt, was ihr widerfahren ist, was sie gesehen oder mitbekommen hat. Von Gefangenen, die lebendig verbrannt worden sind. Von abgeschnittenen Brüsten und aufgeschlitzten Bäuchen schwangerer Frauen. Alle berichten, wie lange sie versklavt waren oder wie viele Familienmitglieder sie verloren haben. Das ist schwer auszuhalten. Wir haben überlebt, aber immer wieder fühlen wir uns, als ob wir tot wären.

Die ersten Tage in Deutschland ging es mir erstaunlicherweise noch viel schlechter als im Irak. Ich hatte gar nicht registriert, wie anstrengend die letzten Monate gewesen waren, die ich hinter mir gelassen hatte. In den Flüchtlingslagern im Nordirak hatte ich sogar bei einer deutschen Hilfsorganisation mit angepackt, aber als ich hier zur Ruhe gekommen bin, hat sich in mir so ein merkwürdiges Taubheitsgefühl breitgemacht. Ich fühlte nur, dass ich nichts mehr fühlte. Als ob ich durch eine Traumwelt wandelte und gar nicht mehr wirklich vorhanden wäre. Ich träume in so einem Augenblick davon, dass meine ganze Familie aus den Fängen dieser Killertruppe befreit wird. Dabei weiß ich genau, dass das nicht der Fall sein wird, weil einige längst ermordet worden sind.

Nachts schlafe ich erst sehr spät ein, zwischendurch wache ich oft auf. Morgens bin ich um sechs auf den Beinen, obwohl ich hundemüde bin. Ich weiß nicht, ob ich nachts träume. Meine Mitbewohnerinnen behaupten, dass ich im Schlaf laut sprechen und schreien würde. Davon würden sie aufwachen. Sie seien sehr erschrocken über meine Worte.

Nach außen hin sieht man mir nichts an. Gut, die Haare fallen mir aus, aber sie fallen uns fast allen aus. Kastanienbraune Locken. Büschelweise. Das liege am Stress, hat uns ein Arzt erklärt. Obwohl ich Schmerzen habe, fehlt mir organisch nichts. Nur psychisch betrachtet, bin ich sehr labil. Dieses seltsame Taubheitsgefühl verlässt mich manchmal gar nicht mehr. Dann denke ich, dass der Tod eine Erlösung sei, dass es eine Erleichterung wäre, aus dem Leben zu scheiden. Und ich verstehe nicht, warum man mir den Tod nicht zum Geschenk machen möchte.

»Durch gezielte Psychotherapie können wir bewirken, dass die Frauen die Kontrolle über die Erinnerung gewinnen, dass sie wieder einkaufen, Deutsch lernen oder zur Schule gehen können. Viele bekommen die Bilder ihrer schrecklichen Erlebnisse sonst nicht mehr aus ihrem Kopf. So berichtete eine 26-jährige, mehrfach vergewaltigte Mutter von einem IS-Emir, der sie zwang, jeden Tag den Koran zu lesen. Da sie aber nicht Arabisch beherrschte und Fehler beim Lesen machte, steckte der Terrorist zu ihrer Bestrafung ihre zweijährige Tochter Lozin in eine Blechbox. Sieben Tage lang war das kleine Mädchen bei einer Temperatur von 50 bis 60 Grad dort eingesperrt. Abends durfte sie etwas essen, was sie aber sofort erbrach. Sie lebe nur noch, sagte die junge Frau zu mir, wegen ihrem fünfjährigen Sohn und ihrer siebenjährigen Tochter, die alles mit ansehen mussten. Bis heute sieht die Mutter die Leiche ihrer kleinen Tochter vor sich auf dem Boden. Sobald die 26-Jährige auf der Straße oder in einem Supermarkt andere Kinder im Alter ihrer zweijährigen Tochter sieht, beginnt der Albtraum für sie von vorne.«(Jan Kizilhan)

Vor den Mädchen in der Unterkunft reiße ich mich zusammen. Ich versuche es zumindest. Weiter bemühe ich mich, sie zu bestärken und ihnen Mut zu machen. Wenn ich jedoch selber anfange, mich über mein Leid zu beklagen, dann habe ich kein Recht mehr, ihnen kluge Ratschläge zu erteilen. Sie werden mir sonst vorhalten: »Wieso sagst du, dass wir nicht weinen sollen, wenn du es selber tust?« Wenn ich also weine, dann weine ich allein. Manchmal merke ich jedoch gar nicht, dass die Tränen wie von selber aus mir herausfließen. Ich nehme es überhaupt nicht wahr, dass ich mich in diesem Augenblick wieder an all das Unerträgliche erinnere.

Eine meiner Mitbewohnerinnen, deren Cousine wie meine kleine Schwester gerade neun Jahre alt und in die Klauen der IS-Kämpfer geraten ist, hat letztens in der Runde geäußert: »Den Frauen und den Mädchen, die jetzt noch gefangen sind, wünsche ich den Tod.« Da habe ich ihr entgegengehalten: »Gut, wenn sie dort nicht herauskommen, ist der Tod besser als alles andere. Aber wenn sie frei sind, dann glaube mir, wollen sie wieder leben.« Leider schaffe ich es nicht immer, mich selbst auf meine Empfehlung zu besinnen.

»Während ich die 26-jährige Mutter im Nordirak untersuchte, kam die siebenjährige Tochter mit einem Smartphone in der Hand und zeigte mir darauf ein bildhübsches Mädchen. ›Das ist Lozin‹, sagte sie. Der fünfjährige Sohn versteckte sich zitternd hinter seiner weinenden Mutter. Nach sieben Tagen hatte der IS-Emir Lozin aus der Blechbox geholt, das Mädchen in eiskaltes Wasser getunkt und es danach so geschlagen, dass sein Rückgrat gebrochen war. Zwei Tage später ist es gestorben ist. Vor den Augen der Mutter und der Geschwister hob er die kleine Leiche in die Luft und ließ sie auf den Boden fallen. ›So müssen alle Ungläubigen sterben!‹, rief er.«(Jan Kizilhan)

UNS SICHER ZU FÜHLEN – DAS MÜSSEN WIR ERST WIEDER LERNEN

In den ersten Monaten gab es für uns noch keine psychologische Hilfe. Wir wollten gerne Medikamente verschrieben bekommen, um uns zu beruhigen und auch wieder schlafen zu können. Unsere Betreuerin empfiehlt bei Beschwerden: »Trinkt ein bisschen Wasser oder geht spazieren.« So richtig kann ich die neue Umgebung noch nicht genießen, weil das Wichtigste in meinem Leben fehlt: meine Familie. Ohne sie fühle ich mich manchmal so verloren und weiß nicht, woran ich mich noch festhalten kann.

Unsere Gefühle schwanken ständig. In einem Augenblick lachen wir. Im nächsten erlischt das Lachen schon wieder wie auf Knopfdruck. Dann sind die Gesichter um mich herum abwesend. Ganz plötzlich haben sich nämlich Zweifel in unsere Köpfe eingeschlichen. Wie können wir lachen, während unsere Angehörigen leiden? Wie können wir in Frieden leben, während sie einen Albtraum durchleiden? Werden wir es überhaupt schaffen, unsere Zukunft allein anzupacken?

»Misshandelte Frauen leiden typischerweise unter Albträumen, ständig wiederkehrenden Erinnerungen und Ängsten, wieder in die Hände des IS zu fallen. Typisch sind Freudlosigkeit, Interesselosigkeit, Verlust von Vertrauen in die Menschen und die Menschheit, ständiges Misstrauen gegenüber Personen und erhöhte Aufmerksamkeit, da sie plötzlich ein schlimmes Ereignis erwarten. Dazu kommen körperliche Beschwerden wie Kopf-, Rücken-, Bauch- und Magenschmerzen, Antriebslosigkeit, die Neigung zum Grübeln, Schlafstörungen und Vermeidung von Situationen, die als Gefahr erlebt werden.«(Jan Kizilhan)

Das sind die Momente, in denen ich nicht mal mehr meinen geliebten Deutschkurs besuchen will, in denen ich mein Zimmer nicht mehr verlassen möchte und den Kopf einziehe. Dann kommt jedes Mal eines der Mädchen zu mir und spricht ganz sanft: »Ich bin doch wie eine Schwester für dich, und all die anderen Frauen hier sind es auch. Hör auf zu weinen. Wir sind doch alle für dich da.« Dafür bin ich so dankbar. Ich fühle mich hier gut aufgehoben.

Als wir Frauen in unserer Unterkunft eintrafen, kannten wir einander kaum. Alle stammen aus unterschiedlichen Dörfern. Alle waren ein bisschen fremd, aber hier haben wir uns angefreundet, gerade weil wir dasselbe Schicksal teilen. Wir sind wie eine kleine Ersatzfamilie geworden. Nur wissen wir nicht, wie es weitergehen soll. Was ist unsere Perspektive? Ob wir uns selbst eine Wohnung suchen dürfen? Wir würden gern arbeiten und Geld verdienen, denn das, was wir bekommen, ist zu wenig zum Leben. Das Einzige, was wir bislang auf unsere Fragen gehört haben, ist der Satz: »Ihr habt zwei Jahre Zeit, dann könnt ihr entweder zurückgehen oder bleiben.«

Was aber soll in diesen zwei Jahren mit uns geschehen? Was folgt danach?

Wir würden so gerne mit Doktor Kizilhan, der uns aus dem Irak hierhergeholt hat, über unsere weitere Zukunft sprechen, aber er ist sehr beschäftigt. Er muss noch viele andere Frauen aus dem Irak retten.

»Als Traumaexperte pendele ich zwischen meiner Heimat Baden-Württemberg und dem Nordirak hin und her. In meinem Büro in Dohuk höre ich mir die Geschichten der Überlebenden an, von Frauen und Kindern, die vom IS verschleppt und misshandelt wurden. Es ist eine schwierige Aufgabe, denn wir dürfen nicht alle mitnehmen, aber fast alle wollen fort. Das Land Baden-Württemberg hat sich bereit erklärt, bis Ende 2014 1000 schutzbedürftige Frauen und Kinder aufzunehmen und zu behandeln. Dies ist eine Hilfsaktion, die es in Deutschland so noch nie gab.«(Jan Kizilhan)

EINE ISIS-FLAGGE IM VORGARTEN

Ein großes Problem für uns Neuankömmlinge war anfangs die Verständigung. Uns stand zuerst nur ein Dolmetscher zu Verfügung. Ausgerechnet ein Mann. Und ein Muslim noch dazu. Wir wurden fast alle im Namen des Islam vergewaltigt. Unser Vertrauen in Männer ist grundsätzlich zerstört. Sogar vielen jesidischen Männern können wir nicht mehr ohne Argwohn begegnen. Unserem Dolmetscher stellen wir nur Fragen zum Alltag, zum Beispiel bezüglich des Geldes oder zu Unternehmungen. Aber was uns widerfahren ist, was wir gesehen und erlitten haben, das möchten wir mit keinem Mann besprechen.

Auf unseren ersten Ausflügen sind wir regelrecht vom Pech verfolgt worden. In einem Laden stießen wir auf einen Araber und einen Kurden. Beide Muslime wollten wissen, woher wir kämen. Meine Freundin antwortete: »Wir sind Jesiden.« Draußen vor der Tür habe ich sie zusammengestaucht: »Wie konntest du das bloß verraten?« Ich hatte so große Angst, dass diese Männer uns suchen und entführen könnten.

Das nächste Mal haben wir bei einem Spaziergang in der Nähe unserer Unterkunft eine schwarze IS-Flagge mit dem charakteristischen Siegelring und dem islamischen Glaubensbekenntnis in einem Vorgarten entdeckt. Wir waren schon öfter an diesem Häuschen vorbeigelaufen, aber uns war nie etwas Merkwürdiges aufgefallen. Sofort habe ich mit meinem Handy ein paar Bilder geschossen, die ich Jalil, einem jesidischen Bekannten in Frankfurt, geschickt habe. »Wir haben die ISIS entdeckt«, habe ich ihm per »WhatsApp« geschrieben. »Die ist in Deutschland verboten«, tippte er zurück. Wieder hatten uns die alten Ängste gepackt, dass die Terroristen mitten unter uns lebten.

Unser Bekannter verständigte die Polizei, woraufhin uns die Beamten in unserer Unterkunft aufsuchten. Sie beruhigten uns, dass sie mit den Anwohnern gesprochen hätten und die Flagge augenblicklich entfernt worden sei. Die Polizisten zeigten sich selbst sehr erstaunt. Es sei das erste Mal, dass man überhaupt eine IS-Flagge in Deutschland entdeckt habe. Hierzulande gelte ein Verbot für diese Symbole. Die Uniformierten klärten uns auf, dass tatsächlich einige dieser radikalen Muslime in Deutschland lebten. Doch diese Leute trauten sich nicht, ihre Verbrechen in diesem Rechtsstaat zu verüben. Ob sich diese Sichtweise nach den Anschlägen des IS im November in Paris verändert hat?

Die Polizisten wiesen auch darauf hin, dass viele dieser sogenannten »Gotteskrieger« nach Syrien oder in den Irak in den »Heiligen Krieg« zogen. Mir leuchtet bis heute nicht ein, warum man Tausende Kilometer reist, um sich dann erschießen zu lassen. So oder so erwartet diese Leute der Tod. Die IS-Kämpfer akzeptieren weder Kritik noch eine eigene Meinung, geschweige denn einen kleinen Fehler. Sie radieren jeden aus, dessen Nase ihnen nicht passt. Jesiden, Kurden, Schiiten, Christen, ja sogar Sunniten und jede Art von Andersdenkenden. Wer nicht redet, wird so lange von ihnen gefoltert, bis er das erzählt, was sie hören wollen.

»Dieser neue islamische Terror übersteigt unser menschliches Verständnis von Grausamkeit und Leid (…) In nie da gewesenem Ausmaß töten die Attentäter sich selbst bei Anschlägen oder misshandeln, vergewaltigen, verkaufen junge Mädchen, köpfen vor laufender Kamera Menschen und stellen sie über Netzwerke zur Schau. Der Terrorismus dehnt seinen Radius auf die ganze Welt aus. Er bedient sich zunehmend neuer Mittel; die Zahl potenzieller Täter und Unterstützer ist enorm.«(Jan Kizilhan)

Zum Glück fahren die Polizisten jeden Abend die Straßen in unserem Ort ab. Und wenn ich heute einen von dieser Mörderbande sehen würde, würde ich nicht mehr davonlaufen. Das liegt an der Sicherheit und am Rückhalt, den ich in diesem Land spüre. Ich habe hier keine Angst mehr. Selbst wenn meine Freundinnen behaupten, dass ich jede Nacht schreien würde.

Inzwischen verbringe ich tagsüber schon mehrere Stunden allein außer Haus. Dieses Gefühl von Sicherheit hier – das ist wunderbar. Doch ich muss das erst wieder lernen. Selbst in Deutschland fühlen wir Mädchen uns geborgener, wenn wir zu viert oder zu fünft in einem Zimmer liegen, obwohl der Raum eigentlich nur für zwei Personen gedacht ist.

»Je jünger die Menschen sind, desto höher sind die Chancen, dass Heilung und Integration gelingen. Ich glaube, dass 90 Prozent derjenigen, die im Rahmen des Projekts hierherkommen, in Deutschland völlig integriert werden. Vor allem die Schule wirkt für die Kinder wie eine Psychotherapie.«(Jan Kizilhan)

DIE WELT MUSS HELFEN!

Als meine Mitbewohnerinnen und ich zum ersten Mal in unserem Wohnort einen Bus sahen, haben wir uns schleunigst in den Schatten der Büsche gedrückt. »Das sind die Busse der IS-Truppen!«, durchfuhr es mich. In genau solchen Bussen, mit abgedunkelten Scheiben, hat man uns Frauen und Kinder im August 2014 entführt.

In meinem Heimatdorf Hardan hatte es zuvor weder Busse, Züge noch asphaltierte Straßen gegeben. Unsere Häuser bestanden größtenteils aus Lehm. Es war kinderleicht für die IS-Kämpfer, sie zu zerstampfen, so als habe eine Riesenfaust daraufgeschlagen. Es belastet mich, über meine Zeit in der Gefangenschaft zu sprechen, das ruft jede Einzelheit in mir wieder wach.

Wenn ich zurückblicke, sehe ich nichts außer Finsternis. Und Angst. Nichts Menschliches darin. Vieles ist durcheinandergewirbelt in meinem Kopf. Ich habe noch niemandem zuvor meine ganze Geschichte erzählt. Manches habe ich tief in mir vergraben. Ich weiß nicht, ob ich alles wiederfinde. Vielleicht will ich das auch gar nicht.

Ich schäme mich für das, was mir diese Terroristen angetan haben. Ich schäme mich, dass ich nicht die Kraft besessen habe, mich gegen sie zu wehren. Doch wir hatten gar keine Chance. Längst weiß ich, dass es nicht die Opfer, sondern die Täter sind, die Schuld auf sich geladen haben. Trotzdem glimmt die Scham in mir wie eine Glut, die jederzeit durch einen Windhauch wieder auflodern und zu einem Feuer entfacht werden kann. Vielleicht liegt das daran, dass sich diese sogenannten »Gotteskrieger« selber als Menschen betrachten. Und dass das Wort »Mensch« dadurch zu einem schlimmen Schimpfwort verkommt. Für solche Leute ist es genauso leicht, jemanden zu töten, wie eine Tasse Tee zu trinken.

Dies ist der 73. Genozid an unserem Volk, aber diesmal ist es schlimmer als je zuvor. Meine Landsleute sind vogelfrei. Es geht um das Überleben meines Volkes. Weltweit gibt es noch knapp eine Million Jesiden, die meisten davon leben im Nordirak. Wir sind auf die Hilfe der internationalen Gemeinschaft angewiesen. Wir schaffen das nicht mehr allein. Die Welt muss von diesem Völkermord im Irak erfahren. Das, was die Zurückgebliebenen dort durchleiden, ist nicht die Hölle. Das ist schlimmer als die Hölle. Das ist nicht nur ein irakisches Problem, sondern eine humanitäre Katastrophe. Eine internationale Krise. Deshalb ist es wichtig, dass ich spreche. Egal, wie sehr mich die Erinnerung quält.

Wir Jesiden sind so etwas wie eine Minderheit in der Minderheit. Von der Nationalität her zählen wir zu den Kurden. Von der Religion her zum Jesidentum, nicht wie die anderen mehrheitlich zu den Muslimen. Wir haben eine friedliche Religion, sie ist älter als das Juden- und Christentum und deutlich älter als der Islam. Da wir keine heiligen Bücher wie den Talmud, die Bibel oder den Koran haben, gelten wir unter radikalen Muslimen als Ungläubige. Unsere heiligen Bücher »Kitaba Resh« (Schwarzes Buch) und »Kitaba Jilve« (Buch der Offenbarung) sind verschwunden.

»Im Jesidentum verschmelzen verschiedene Strömungen miteinander. Historisch betrachtet, gehört das Jesidentum zu den iranischen Religionen wie der Zorasthrismus. Man findet darin aber auch Elemente des Christentums und des Islam sowie des Sufismus und des Schamanentums. Alle Kinder werden getauft, die Jungen beschnitten.«(Jan Kizilhan)

Da ich weiß, dass jedes Interview von mir das Todesurteil für meine Verwandten in der IS-Gefangenschaft bedeuten könnte, berichte ich unter Pseudonym. Ich bin 18 Jahre alt. Und ich lebe noch. Dafür möchte ich Gott danken.

DER HÄSSLICHSTE FLECK IM SCHÖNEN SINDSCHAR-GEBIRGE

In der Region Sindschar und in der Gegend um Mossul leben seit jeher mehrheitlich die Jesiden. Sindschar ist auch der Name einer Stadt und eines heiligen Gebirges, das einen rund 60 Kilometer langen und knapp 1500 Meter hohen Bergrücken bildet. Ob ich gerne zurück an meine Heimat in Hardan denke? Nein! Mir fällt nichts Schönes mehr ein, wenn ich heute den Namen meines Dorfes höre. Genau genommen, handelt es sich um den hässlichsten Fleck in der wunderschönen Sindschar-Ebene.

Das liegt daran, dass wir Jesiden umgeben von Arabern lebten. Wir hatten sie als unsere Freunde betrachtet. Unsere Söhne aus Hardan saßen bei ihnen auf dem Schoß, als sie beschnitten wurden. Diese Ehre wird nur Menschen zuteil, denen wir uns tief verbunden fühlen. Wir haben unseren muslimischen Freunden unsere Kinder und unser Leben anvertraut, aber was haben sie damit angefangen? Sie haben uns ein Messer in den Rücken gerammt. Diesen Menschen klebt das Blut Tausender unschuldiger Jesiden an den Händen! Heute verbinde ich mit Hardan vor allem Verrat und Tod.

Von unserem Haus ist nur ein Steinhaufen übrig geblieben. Damit wir nicht zurückkehren, haben die IS-Truppen Sprengfallen gelegt und Zufahrtswege vermint. Auf »Youtube« sieht man die wackeligen Kameraaufnahmen der mittlerweile mit deutschen Waffen ausgerüsteten Peschmerga-Kämpfer bei der Rückeroberung Hardans im Dezember 2015. Strommasten hängen schief. Zwischen Mauerresten ist ein Mann mit abgerissenen Beinen hingestreckt. Arabische Schriftzüge wie »Allah ist groß« sind auf Wände gesprüht. Mein Dorf Hardan gehört nun den Toten, es ist ein Geisterort. Überall wandern die Seelen, und man hört aus jeder Ecke ihre Schreie. Ihre Schreie um Hilfe. Wer möchte schon einen Ort mit Toten teilen?

Diese Terroristen haben mir das Heiligste geraubt: meine Familie. Aus all diesen Gründen ist meine Heimat heute der hässlichste Fleck im wunderschönen Sindschar-Gebirge.

HEIMWEH

Als Kind habe ich diese Bedrohung um mich herum gar nicht wahrgenommen. Wir fühlten uns in unserem Dorf gut behütet. So frei. So glücklich. Gemeinsam mit unseren arabischen Nachbarn haben wir gefeiert. Noch vor einem Jahr war Hardan ein kleines beschauliches Örtchen in der Wüste. Hier und da grüne Flecken, darauf zottelige Schafe mit dürren Beinchen und zwischendrin ein kleines Bäumchen.

In meinem Dorf lebten etwa 200 Familien, insgesamt vielleicht 1800 Einwohner. Nur diejenigen, die genug Geld besaßen, bauten sich stabile Häuser aus Stein. Es kam auch schon mal vor, dass wir einen Stromausfall hatten, aber wir waren an diese Umstände gewöhnt.

Das Leben im Nordirak kann man mit dem in Deutschland nicht vergleichen. In meinem Dorf kannte jeder jeden beim Namen. Wir waren wie eine riesengroße Familie. Unsere Mütter mussten sich nicht um uns Kinder sorgen, wenn es abends mal spät geworden ist. Wir haben alle aufeinander aufgepasst. Unsere heiligen Feste hat das ganze Dorf zusammen gefeiert, Brot und Wasser haben wir miteinander geteilt.

Das Leben war einfach und schön. Ja, einfach schön. Unser Lehmhäuschen bestand aus zwei Zimmern, einer Küche und einem Bad. Als ich noch nicht auf der Welt war, schöpfte Mutter das Wasser noch aus dem Brunnen. In meiner Generation waren Dusche, Kühlschrank oder Handy bereits eine Selbstverständlichkeit. Es war so gemütlich bei uns. Die ganze Familie hat abends eng aneinandergekuschelt geschlafen. Etwa mit acht Jahren habe ich mich in ein anderes Zimmer zu meiner drei Jahre älteren Schwester Felek zurückgezogen und meine beiden kleinen Geschwister nach und nach zu mir geholt. Sie waren für mich wie Babys. Leyla ist neun Jahre und Kemal sechs Jahre jünger als ich.

In Deutschland, so habe ich manchmal das Gefühl, leben die Menschen mehr aneinander vorbei. Jeder ist für sich. In Hardan hatten wir zwar sehr wenig, aber wir hatten doch einander – und das reichte, um erfüllt zu sein. All das zusammen ist Hardan. Nein, das war Hardan. Die Landschaft, die Häuser, alles, selbst der Wind ist anders bei euch. Hier kann ich nicht so frei atmen wie daheim. Der Wind – das war für mich der Duft der Freiheit und des Friedens. Ich denke so oft zurück. An meine Heimat, wie sie einmal war.

Um das Sindschar-Gebirge herum ist es vor allem kahl und karg. Ockergelb mit viel Gestein. Dafür aber grünt, plätschert und blüht es in unserer Tempelstadt Lalisch, dem Heiligtum des Jesidentums. Der Legende nach soll dort die Arche Noah beim Abklingen der Sintflut das erste Mal festen Boden berührt haben, bevor sie zum Berg Ararat weitergetragen wurde. In Lalisch ruhen seit 1162 die Gebeine von Sheikh Adi, unserem wichtigsten Scheich. Diese Region, die der heilige Mann damals entdeckt hatte, war von so großer Schönheit, dass er dort den Rest seines Lebens verbringen wollte. So wie die Muslime nach Mekka pilgern, sollte jeder Jeside mindestens einmal in seinem Leben in Lalisch gewesen sein.

Lalisch liegt in einem abgelegenen Tal, nur 60 Kilometer nordöstlich von Mossul, aber sehr weit von unserem Dorf entfernt; mit dem Auto sind es bestimmt sieben Stunden Fahrzeit. Deswegen sind die IS-Truppen bisher noch nicht dorthin gelangt. Als kleines Kind bin ich einmal da gewesen. Nach der Gefangenschaft noch mehrmals. Das hat mir bei der Heilung geholfen.

Wenn ich heute in Deutschland die Obstbäume und Gärten blühen sehe, beißt mich das Heimweh. Dann denke ich an die bunten Wildblumen in Kurdistan. An Wassermelonen, Datteln, Feigen und Tomaten, die einige Dorfbewohner hinter den Mauern in ihren Gärten angepflanzt und auf den Märkten verkauft haben.

»Früher waren die Eziden gefürchtete Rebellen und Räuber, die sich gegen alle Übergriffe und Gewalttaten der anderen unerschrocken wehrten. Ihre Treue dem gegebenen Wort gegenüber und ihre Loyalität wurden auch von ihren Feinden anerkannt. Sie sind fleißige Land- und Gartenbauer und Viehzüchter, die ihren Nachbarn an Geschicklichkeit überlegen sind …«(Handwörterbuch des Islam, Wensinck & Krämer 1941, 806–811)

Unsere eigene Familie besaß keinen großen Garten, dafür aber die Nachbarn und auch unser Onkel. Ich wollte Vaters Bruder ständig in seinem Dorf besuchen, aber Papa hatte nicht die Zeit, uns zu ihm zu bringen. Wir besaßen auch kein Auto. Sobald aber die Sommerferien anfingen, hat uns der Onkel mit seinem Wagen selbst abgeholt. Im Schatten der Bäume haben wir uns mit ausgestreckten Beinen hingesetzt und genüsslich diese besonders großen und saftigen Früchte verspeist. Mir erschien das wie eine kleine Oase mitten in der steinigen Wüste.

Der Wind, der in Deutschland weht, lässt sich nicht mit dem in der Heimat vergleichen. Im Heimatwind rieche ich meine Familie. Wenn ich in Deutschland versuche, tief Luft zu holen, habe ich das Gefühl, als ob die Zeit hier langsamer verginge. Bei einem Spaziergang habe ich neulich Schafe, Kühe und Kälber auf einer Weide entdeckt und dabei kurz den Duft unseres früheren Dorflebens wieder in der Nase gehabt. Für ein paar Minuten habe ich mich wie zu Hause gefühlt. In Hardan haben die Bauern mit Vieh ihr Geld verdient. Letztens bin ich vor lauter Heimweh in den Zoo gelaufen und habe mir, glücklich lächelnd, Ziegen, Tauben und Esel angesehen.

Wenn in Hardan morgens die Sonne aufging und die Hähne krähten, die Schafe blökten und der Bäcker seine Brotlaibe in Form schlug, freute ich mich auf den Tag. Selbst das Bellen der Straßenhunde am Abend klang in meinen Ohren wie eine vertraute Melodie. Wenn ich mein Gesicht an die warme Haut meiner Mutter gedrückt habe, dann spürte ich Heimat. Das war der Ort, an dem ich verstanden wurde. Ich habe schreckliches Heimweh.

HEIMAT:

Kinder des Lichts

HARDAN

Am ersten April 1996 bin ich auf Mutters Bett in Hardan zur Welt gekommen. Meine Oma mütterlicherseits unterstützte sie dabei als Hebamme. Alle meine Geschwister sind zu Hause geboren worden. Wenn ein Baby zur Welt kommt, möchten die Verwandten es als Erstes vor den bösen Blicken anderer schützen. Ist das Kind besonders reizend, zieht man es bloß nicht zu hübsch an, damit es nicht noch schöner wird. Sonst könnte das den Neid anderer erwecken. Zum Glück war ich ein ganz normal aussehendes Baby.

Meine ältere Schwester Felek kennt ihr Geburtsdatum bis heute nicht. Zu ihrer Zeit war das weder besonders noch wichtig. Erst bei den Kindern in meinem Alter hat man angefangen, Geburtstage zu feiern. Eine Torte steht auf dem Tisch, und drum herum sitzt die ganze Familie und feiert. Traditionen verändern sich manchmal. Aus meiner Sicht zum Guten hin.

Für verheiratete Frauen aus der Generation meiner Mutter und Großmutter galt es beispielsweise noch als Pflicht, nach der Eheschließung vornehmlich blütenweiße Kleider zu tragen. Dazu eine schwarze Strickjacke und meistens, locker umgelegt, ein helllilafarbenes oder weißes Kopftuch. In unserer Generation trägt keine Frau mehr Kopftuch. Und selbst Ehefrauen ziehen sich heute gerne farbenprächtig an.

Meine Freundinnen liefen alle mit wehenden offenen Haaren herum. Unter uns Jesiden findet man alle Haartypen und Haarfarben. Es gibt eine Ortschaft im Sindschar-Gebirge, da sind alle blond und blauäugig. Manche sind auch rothaarig und grünäugig. Während einige Familien vom Teint her eher dunkel sind, erscheinen andere Jesiden so hellhäutig wie Europäer. Ich habe dieselben goldbraunen Augen wie meine Mutter.

»(…) Die Yezidi sind ein schöner, langgelockter Menschenschlag, mit dem Selbstwertgefühl des unabhängigen Bergbewohners, von meist gewaltigem Körperbau. Die unverschleierten Frauen sind von eigenartiger Regelmäßigkeit der Gesichtszüge.«(Handwörterbuch des Islam, Wensinck&Krämer 1941, 806–811)

Jede Familie ist ihrem eigenen Sheikh zugeordnet. Dessen Aufgabe ist es, Zeremonien durchzuführen und Streit zu schlichten. »Wir Jesiden regeln die Dinge lieber untereinander als vor Gericht«, begründete Mutter uns das. Es ist der Sheikh, der den kleinen Jungen spätestens im elften Monat drei Locken abnimmt. Erst ab da dürfen die Eltern dem männlichen Nachwuchs die Haare schneiden. Zwei Locken werden den Eltern gegeben, eine behält der heilige Mann. Mit der Haarbeschneidung wird der Sohn offiziell Mitglied unserer Religion.

Wir Shingalen-Mädchen dürfen uns die Haare nicht schneiden. Meine Mutter hat mir das verboten, und zwar mit den Worten: »Das ist eine Sünde.« Als Mädchen habe ich mein hellbraunes Haar immer zu einem langen Pferdeschwanz zusammengeflochten. Erst wenn jemand aus der Familie stirbt, schneidet man den Zopf ab und legt ihn auf das Grab. In der ISIS-Gefangenschaft habe ich meinen Zopf abgeschnitten und einem meiner Vergewaltiger vor die Füße geschmissen. Heute fängt das Haar an, wieder nachzuwachsen. Bis zur Schulter reicht es schon.

In den kalten Monaten haben wir in unseren Häusern geschlafen. Die Lehmwände haben die Wärme darin gut gespeichert. Unser Winter ist aber von seinen milden Temperaturen her nicht einmal mit eurem Herbst zu vergleichen. Wir Jesiden-Mädchen haben uns in Deutschland alle gewundert: »Oh, wie kalt das hier schon im September ist. Wie wird das erst im Winter sein?«

Ebenso haben wir über die Zentralheizungen gestaunt, an denen man nur drehen muss, damit es warm wird. In unserem Lehmhäuschen heizte ein bullerndes Holzöfchen die Zimmer. Im Nordirak regnet es zwar im Winter fast jeden zweiten Tag, aber der Regen ist warm, sodass man trotzdem spazieren gehen kann.

Unsere Sommertage sind unglaublich heiß, mit Temperaturen bis zu 50 Grad. Es herrscht eine solche Bruthitze, dass die Männer zur Mittagszeit die Arbeit liegen lassen und im Haus ein Nickerchen einlegen, weil es draußen nicht zum Aushalten ist. Je heißer es am Tag war, umso schöner ist es dann in der Nacht. Draußen im Hinterhof haben meine Schwestern und ich unsere Betten aufgebaut.

Auf dem Rücken liegend, blickten wir in den Sternenhimmel. Wenn ich die Augen schließe, erscheint dieser Teppich aus silbrig-weißem Licht wieder vor mir. Eine Sternschnuppe nach der anderen zieht ihren Schweif am nachtschwarzen Himmel entlang. Die Sterne leuchteten so klar, dass meine kleine Schwester Leyla mit beiden Händen versucht hat, sie vom Himmelszelt herunterzupflücken. Kein Fleck ohne Sterne. Es fühlte sich an, als atmeten wir das Licht und die Farbe des Himmels in uns ein. Ja, als wäre der Himmel in einem selber und wir in ihm. Über uns die Unendlichkeit, unten um uns herum der sanfte nächtliche Wind.

Tagsüber flirrte die Luft zwischen den Häusern von den hohen Temperaturen. Hinter den Mauern, die unsere Häuser umschlossen, begannen Wüste und Berge. Hatte sich dort draußen zwischen den kahlen Felsen versehentlich ein Bäumchen ausgesamt, so dauerte es meist nicht lange, bis es wieder verdorrte. Wären unsere Berge so bewachsen wie eure in Deutschland, dann wären nicht so viele Menschen bei der Flucht im letzten Sommer an Hunger, Durst und Schwäche elendig zugrunde gegangen. In der Not haben sich die Vertriebenen von den Blättern der dornigen Sträucher ernährt. Sicher gibt es da oben schattige Höhlen, aber man findet in dieser Steinwüste keine Quelle weit und breit. Und überall lauerten Gefahren: Steinschlag, Skorpione, Scharfschützen …

»ICH HOFFE, GOTT SCHENKT DIR EINEN SOHN«

Wir Kinder sind in Freiheit aufgewachsen. Stundenlang haben Mädchen und Jungen draußen gespielt. Bis zu einem gewissen Alter wenigstens. Etwa ab acht Jahren haben uns die Mütter zur Seite genommen. »So, du wächst langsam zu einer Frau heran und musst dich in der Gesellschaft entsprechend benehmen. Mit den Jungen darfst du nicht mehr spielen.« In unserer Gesellschaft wurden die Jungen höher wertgeschätzt als die Mädchen. So wünschten die Leute einer Schwangeren: »Ich hoffe, Gott schenkt dir einen Sohn.«

Wenn Gott einem Paar aber sechs Töchter hintereinander schenkte, freute sich der Vater immer noch und hoffte unverdrossen weiter auf männlichen Nachwuchs. Schließlich sorgten die Männer für Geld und Nahrung, die Frauen für Haushalt und Kinder. Falls dem Vater etwas passierte, brauchte man einen Ersatz. Es gab viele Witwen im Ort, weil die meisten Männer zum Militär geschickt und dort getötet worden waren. Wenn der Vater nicht mehr da war, musste der älteste Sohn dessen Aufgabe als Ernährer übernehmen. Es verhält sich aber nicht so, dass die Frau dem Mann untergeordnet ist. Beide haben die gleichen Rechte und Pflichten.

Mittlerweile hat es sich fast im ganzen Sindschar-Gebirge herumgesprochen, dass Bildung einen hohen Wert hat – auch für Mädchen. Meine Mutter musste zu ihrem eigenen Bedauern die Schule abbrechen, um ihrer Mutter im Haus zu helfen.

Mein Vater war als Bauarbeiter in regelmäßigen Abständen mehrere Monate außerhalb des Dorfes beschäftigt. In seiner langen Abwesenheit hat Mutter dafür gesorgt, dass zu Hause alles seine Ordnung hatte. Mein Bruder Dilshad schimpfte mit uns, wenn wir Geschwister mal wieder miteinander gestritten hatten. Er war nur ein Jahr älter als ich.

In unserem Haus ging es meist sehr lebhaft und lustig zu. Wir hatten oft Besuch von Freunden oder aus unserer großen Verwandtschaft. Meine Großeltern väterlicherseits habe ich nicht so gut gekannt, sie sind früh gestorben. Auf diese Weise blieb ihnen das Grauen im Sommer 2014 erspart.

UNTERSCHIEDE ZWISCHEN JESIDEN UND ARABERN GAB ES NICHT

Meine schönsten Erinnerungen habe ich an die Schulzeit. Dabei hat es gar nicht gut angefangen … In Schuluniform, das heißt mit schwarzem Rock und weißer Bluse, bin ich den zehnminütigen Fußweg plärrend zur Schule gestolpert. Ich hatte Angst vor den großen Hunden, die mich unterwegs angekläfft haben, und vor diesem riesigen Menschenauflauf. So etwas war ich nicht gewohnt. Ich hatte meine drei Jahre ältere Schwester Felek an der Seite, aber sie war zwei Klassen über mir und ließ mich mitleidlos allein im Gedränge zurück.

All diese Leute, das laute Gerede, dieses Durcheinander. Und auf einmal saß ich zwischen 71 Schülern, denn die erste und zweite Klasse waren zusammengelegt worden. Um mich herum jede Menge fremder Gesichter. Zu allem Überfluss stapfte auch noch so ein Lehrer herein und wollte einen unterrichten. Vor Entsetzen habe ich gleich wieder angefangen, wie ein Wolf zu heulen, und nach meiner großen Schwester verlangt. Da es dem Lehrer unmöglich war, bei mir den »Aus-Schalter« zu finden, hat er nach ihr rufen lassen. »Bring mich nach Hause! Ich möchte nie mehr in die Schule!« Felek hat mich leicht abschätzig gemustert und an der Hand genommen.

Erst nach einer Woche habe ich mich beruhigt und begriffen, wie wichtig die Schule für mich ist. »Je besser du lernst, desto mehr Einfluss kannst du später mal im Leben haben«, hatte Mutter mir zugeredet. Die Idee fand ich gut. Von da an wollte ich auch nicht mehr mit meiner großen Schwester zur Schule laufen. Das war peinlich. Stattdessen haben sich meine neuen Freundinnen bei mir untergehakt. Später hat mich Mutter oft damit aufgezogen, wenn ich mich vor meinen kleinen Geschwistern wichtiggemacht habe, weil sie zu schüchtern waren, im Unterricht den Mund aufzumachen. »Na, kannst du dich noch daran erinnern, wie ängstlich du selber mal als kleines Kind warst?«

Bis zur vierten Klasse waren Mädchen und Jungen in einer Klasse gemischt, darunter Araber und Jesiden. Die Araber haben überwiegend »Kurmandschi« gesprochen, also unseren kurdischen Dialekt, weil sie mit uns Jesiden groß geworden sind und die Lehrer an dieser Schule auch fast alle Jesiden waren. Es gab natürlich auch eine Schule, in der nur auf Arabisch unterrichtet worden ist; da aber diese Kinder unsere Sprache gelernt hatten, haben sie in der Regel auch unsere Schule besucht. Als die Dschihadisten des IS später hier eingedrungen sind, haben sie genau diese Tatsache gegen uns ausgenutzt. Sie haben uns die Schuld dafür gegeben, dass ihre Kinder ihre eigene Sprache vergessen hätten.

Aus Erzählungen wusste ich, dass manche tiefgläubigen Muslime, ob Araber oder Kurde, aus unseren Händen nichts Essbares annehmen wollten. Die Speise galt durch unsere Finger quasi als beschmutzt. Auch die Kurden untereinander sind sehr zerrissen. Sie sind nicht nur auf verschiedene Länder verteilt, sondern es gibt auch unterschiedliche Religionen, Dialekte, Clans und politische Parteien. Über Jahrzehnte haben sie aneinander Verrat geübt oder sich die Treue geschworen. Wir Jesiden sind eine verfolgte Gruppe innerhalb einer verfolgten Gruppe. Ich selber aber hatte nie solche Probleme oder Vorurteile erlebt. Muslimische Kurden, Araber und Jesiden gehörten für mich wie eine große Familie zusammen. Erst als die Terroristen die Macht ergriffen haben, wollten unsere Nachbarn plötzlich nicht mehr mit uns gemeinsam das Brot teilen.

Unter meinen Freundinnen waren viele Araberinnen. Unsere Eltern hatten uns gegenseitig zur Aufrichtigkeit, Toleranz und Gerechtigkeit gegenüber jedem Menschen erzogen. Die Gebete der Jesiden ermahnen die Gläubigen zur Bescheidenheit: »O Antlitz Ali Muhammads, gesegnet seiest du! Erlöse die Völker, helfe allen Menschen und öffne auch unseren Kindern eine Tür!« Wir wären überhaupt nicht auf die Idee gekommen, Unterschiede zu machen, bloß weil jemand eine andere Religion hat.

»Die Geschichte der Jesiden ist eine Geschichte von Verfolgung und Zwangsislamisierung.« Das riefen die Alten uns Kindern ins Gedächtnis und blickten dabei schmerzvoll in die Ferne, als sähen sie dort noch heute das Blut der Toten im Sand. »Von Türken und Arabern wurden wir unterdrückt, weil wir Kurden sind. Und von den Muslimen, weil sie uns für Ungläubige halten.«

Heute erstreckt sich unser Siedlungsgebiet vom Nordirak über die Türkei bis nach Syrien und in Teile der ehemaligen Sowjetunion. »Diese Massaker können sich jederzeit wiederholen«, glaubte Vater und zupfte sich dabei mit sorgenvoller Miene an seinem schwarzen Schnauzer.

»Der Konflikt um die Jesiden ist mehr als 1000 Jahre alt; ihre Geschichte wird auf mehr als 4000 Jahre geschätzt. Durch die Islamisierung der kurdischen Gebiete im Irak, in Iran, Syrien und der Türkei seit 637 hat eine unglaubliche Odyssee der Kurden stattgefunden, die bis heute anhält. Ich gehe davon aus, dass in den letzten 700 Jahren ca. 1,8 Millionen Jesiden im Nahen Osten zwangskonvertieren mussten und ca. 1,2 Millionen von ihnen umgebracht worden sind.«(Jan Kizilhan)

Unser Volk trägt die Angst vor Verfolgung in sich. Schon allein deshalb war für uns ein Gefühl der Verbundenheit mit anderen Minderheiten selbstverständlich. Ob Kakai, Shabak, Mandäer, Aleviten, Schiiten oder Christen, die heute die IS-Milizen in Syrien und im Irak bekämpfen.

»Die Jesiden (…) sind edlen Charakters und gastfreundlich. Dies wurde offenbar bei ihrer Aufnahme der Christen, um sie vor den Verfolgungen und den Blutbädern zu retten; sie gaben sogar ihr Leben für die Christen und ertrugen die Plünderungen ihrer Häuser, um die Christen zu schützen. Dadurch hinterließen sie große Liebe und Wertschätzung in den Herzen aller Christen.«(aus Quarabash, Aabed Mschiho Na’man: Vergossenes Blut. Geschichten der Greuel, die an den Christen in der Türkei verübt wurden, Losser-Holland 2002)

Im Religionsunterricht waren wir zwar getrennt von den arabischen Klassenkameraden, aber das spielte keine Rolle. Wenn die Muslime ihre Feiertage begingen, haben sie uns Jesiden gerne zu sich eingeladen. Wir haben zusammen getanzt und uns aneinander gefreut. Es war ein enges Miteinander. Einige jesidische Mädchen aus unserem Dorf haben auch lieber die arabische Schule besucht. Meine Mutter aber wollte, dass ich neben Arabisch auch Englisch lernte, und das war nur an unserer kurdischen Schule möglich.

In den nächsten Jahren war ich auf jeden Fall eine etwas vorlaute und manchmal zu lebenslustige Schülerin. Gelegentlich hat mich im Unterricht auch mal ein Lachkrampf geschüttelt. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören zu lachen. Das Gesumme der Lernenden um mich herum verstummte, meine Nachbarin stimmte kichernd mit ein, und schließlich hielten sich alle in der Klasse die Bäuche. Der Lehrer dachte wahrscheinlich, dass ich den Verstand verloren hätte, und führte mich hinaus. »Wenn du fertig bist, darfst du wieder hereinkommen.«

Der Höhepunkt war, wenn ich ein Schuljahr erfolgreich bestanden hatte und mich bereits auf die nächste Klasse freute. Zum Abschluss des Jahres haben meine Eltern mir jedes Mal eine Kleinigkeit geschenkt. Es war immer etwas, das mein Herz höher schlagen ließ. Ein neues Paar Schuhe oder eine Strickjacke, manchmal habe ich auch einen Strauß Blumen von meinem ältesten Bruder bekommen. Das sollte mir die nötige Motivation schenken, um so fleißig weiterzumachen wie bisher.

Wissbegierig saugte ich den Lernstoff auf und erledigte in meiner schönsten Handschrift die Hausaufgaben. »Einst war Mesopotamien die Wiege der menschlichen Kultur. Das Zweistromland liegt zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris, von denen die Christen erzählen, sie würden im Paradies entspringen.« Mein Vater war mächtig stolz auf mich, weil sogar den Leuten im Dorf aufgefallen war, dass ich so gute Noten hatte. Selbst mein arabischer Mathematiklehrer Ibrahim ging auf ihn zu und lobte ihn: »Deine Tochter macht sich hervorragend. Sie ist sehr intelligent.«

Vater stolzierte dann hoch erhobenen Hauptes durch das Dorf. Er war kein großer Mann, aber er hatte ein beeindruckendes Erscheinungsbild: volles schwarzes Haar, große Augen und eine karamellfarbene Haut, weder zu dunkel noch zu hell. Seine Lippe schmückte ein prächtiger schwarzer Schnauzer. Ein guter Jeside sollte seinen Oberlippenbart nicht rasieren. Vater war ein Jeside wie aus dem Bilderbuch. Meist trug er Hemd, Hose und noch eine Weste dazu.

Sobald der Freitag kam, habe ich meine Schultasche in die Ecke gestellt und bin hinausgelaufen. Dort habe ich das Nachbarsmädchen an der Hand gefasst, und wir sind zum nächsten Haus gegangen; da hakte sich die Nächste ein und noch eine und noch eine. So sind wir plappernd und lachend durch den Ort gezogen. Unsere Eltern saßen in verschiedenen Grüppchen draußen zusammen und haben die Köpfe zusammengesteckt, bis es tiefer Abend war. Das Vertrauen untereinander war sehr groß.

TEUFELSANBETER, DIE AN KEINEN TEUFEL GLAUBEN

Im Gegensatz zu vielen anderen Religionen wird unser Glaube nur mündlich weitergegeben. Die Alten schrieben unsere Lieder und Gebete nicht nieder, weil sie fürchteten, dass die Bücher verbrannt und die Gläubigen verfolgt werden könnten. Die zehn Gebote und der besondere Respekt vor der Natur gehören unter anderen zu den Inhalten dieser Überlieferung. »Jeside« bedeute so viel wie »von Gott erschaffen«, setzte Vater uns Kindern auseinander. »Jeside« wird man nur durch Geburt, wobei beide Eltern jesidischer Abstammung sein müssen. Gott ist allmächtig. Er schuf die Welt und sieben Engel aus einem Licht.

Die sieben Erzengel, die auch im Judentum, Christentum und Islam erwähnt werden, folgen Gott und werden in unsere täglichen Gebete mit einbezogen. Der Überlieferung nach hat Gott einst Adam eine Seele eingehaucht und dann alle Engel aufgefordert, vor dem Menschen niederzuknien. Nur Taus-i Melek weigerte sich, den Befehl auszuführen. »Mein Schöpfer, ich habe deine Worte zuvor nicht vergessen, niemand anderen als Dich anzubeten.« Gott hat ihm vergeben und Taus-i Melek daraufhin für seine Treue zum obersten Engel ernannt. Diese Geschichte aber weist Ähnlichkeiten zum gefallenen Engel »Iblis« aus dem Koran auf. Im Islam verkörpert er den Satan und schmort für seinen Ungehorsam in der Hölle, während wir ihn als Engel verehren.