Ich dachte, das sei mein Ende... - Gudrun Gloth - E-Book

Ich dachte, das sei mein Ende... E-Book

Gudrun Gloth

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14,99 €

Beschreibung

"Der Mensch ist haltbar!", lautete das lapidare Fazit eines der Interviewpartner zum Thema Zweiter Weltkrieg. Das "Tausendjährige Reich" war es zum Glück nicht. Über Jahrzehnte befragte die Journalistin Gudrun Gloth Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kunst, wie sie persönlich die Jahre bis zum Zusammenbruch des "Dritten Reiches" erlebt hatten. Einschneidend und prägend war diese Zeit für sie alle, dennoch belegen die unterschiedlichen Erzählungen, dass der Krieg für jeden von ihnen sein eigenes Gesicht hatte: als hässliche Fratze direkt an der Front oder in der noch "heilen Welt" der Heimat, bis auch diese im Feuersturm unterging. Hier erstmals in Buchform veröffentlicht, fügen sich diese individuellen Lebensberichte zu einem lebendigen Stück Zeitgeschichte. Zeitzeugen-Gespräche mit Berthold Beitz, Claus Biederstaedt, Dieter Borsche, René Deltgen, Josef Ertl, Helmut Fischer, Sepp Herberger, Gustav Knuth, Hans-Joachim Kulenkampff, Erich Mende, Inge Meysel, Horst Naumann, Josef Neckermann, Günter Pfitzmann, Carl Raddatz, Annemarie Renger, Max Schmeling, Beate Uhse, Günther Ungeheuer, Richard von Weizsäcker.

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EPUB

Seitenzahl: 451

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www.herbig-verlag.de

Für die Originalausgabe und das eBook: © 2015 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel

Satz und eBook-Produktion: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

ISBN 978-3-7766-8223-6

Inhalt

Einführung und Widmung

RICHARD VON WEIZSÄCKER

Wortloser Abschied

DIETER BORSCHE

Ohrenzeuge der Kanonade bei Kriegsbeginn in Danzig

MAX SCHMELING

»Ich dachte nicht, dass Hitler so dumm sei, einen Krieg zu beginnen!«

CARL RADDATZ

»Hiiinein mit Sack und Flöte!«

ANNEMARIE RENGER

»Auf mich hat man keinen Wert gelegt!«

GÜNTHER UNGEHEUER

»Ein Briten-Bomber stürzte ab wie ein feuriger Kometenschweif!«

JOSEF ERTL

»Ich dachte, das sei mein Ende!«

HANS-JOACHIM KULENKAMPFF

»Das langsame Verrecken an der Front ist entsetzlich!«

JOSEF NECKERMANN

Ein Leben auf Messers Schneide

CLAUS BIEDERSTAEDT

»Auf dem Nullpunkt meiner Existenz!«

ERICH MENDE

Vier Sommer und vier Winter in Russland an vorderster Front

HORST NAUMANN

»Beim Untergang Königsbergs rannte ich um mein Leben!«

BEATE UHSE

In letzter Stunde der Schlacht um Berlin entkommen

GÜNTER PFITZMANN

Beim Kampf an der Oder-Front schwer verwundet

HELMUT FISCHER

»Meine Mutter schrie: ›Dieser Hitler, dieser Verbrecher!‹«

BERTHOLD BEITZ

»Man hing doch damals im Handumdrehen an einem Baum!«

SEPP HERBERGER

Im Krieg war er wie ein General, dem man seine Armee genommen hat

INGE MEYSEL

»Matka und ich haben am 8. Mai 1945 vor Glück geheult wie Schlosshunde!«

RENÉ DELTGEN

»Mein Nachbar war Reichsführer-SS Heinrich Himmler!«

GUSTAV KNUTH

»Der Mensch ist haltbar!«

Nachwort

Einführung und Widmung

Zwei kurze Sätze haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich werde sie bis zum Lebensende nicht vergessen.

Es war Karfreitag, 30. März 1945. Das Dorf Dielheim bei Wiesloch, nahe Heidelberg, lag wie ausgestorben. Die Einwohner saßen in den Kellern oder in selbst gebauten Erdbunkern, um angesichts der immer näher rückenden Front Schutz vor Angriffen zu finden. Ich stand allein auf der Landfriedstraße vor der Metzgerei der Familie Rausch, bei der ich zu Besuch war, als sich ein Motorrad näherte. Darauf ein junger Wehrmachtsangehöriger im grauen Ledermantel, Stahlhelm auf dem Kopf. Offenbar ein Kradmelder. Er hielt an und sagte zu mir: »Ich bin hier der letzte deutsche Soldat. Jetzt kommen die Amerikaner!«

Damals war ich 13 Jahre, 8 Monate alt, »Jungmädel«, also Mitglied der weiblichen »Hitlerjugend«, und in gläubiger Erwartung des deutschen »Endsiegs« aufgewachsen. Der Kradmelder fuhr weiter, seiner kampflos abgezogenen Einheit nach. In einem Hohlweg entschwand er meiner Sicht. Für mich aber war gerade die Welt untergegangen.

Großdeutschland am Ende! So viel hatte ich begriffen. Doch die Zukunft konnte ich mir nicht vorstellen. Würde es überhaupt eine Zukunft geben für Deutschland und die Deutschen? Gewissheiten existierten nicht mehr. Ein Geschichtsbruch war eingetreten. Was auf uns zukam, hatte nichts mehr zu tun mit allem, was vorher gewesen war.

Zu diesem Zeitpunkt verharrte die US-Army noch am linksrheinischen, dem pfälzischen Ufer. Das rechtsrheinische Ufer in dieser Region war für zwei Tage Niemandsland geworden. Alle Regeln und Gesetze lösten sich zusehends auf. An manchen Obstbäumen entlang der Straßen in diesem fruchtbaren Landstrich hingen Leichen von Soldaten und Zivilisten, auf der Brust ein Schild mit Aufschriften wie »Ich bin ein fahnenflüchtiger Feigling« oder »Ich bin ein Verräter«. Gestern noch waren unsere Soldaten für uns unantastbare Helden. Und nun das! Wie sollte man eine so brutale Umwertung als junger Mensch begreifen?

Ausländische Zwangsarbeiter, damals »Fremdarbeiter« genannt, streiften nun frei umher. Gerüchte über Plünderungen in Wiesloch kursierten. Ich wollte das Unerhörte mit eigenen Augen sehen, setzte mich auf mein Rad und fuhr zu dem drei Kilometer entfernten Städtchen. Weiter als bis an Wieslochs Stadtgrenze kam ich nicht. Ein Mann, dessen Sprache ich nicht verstand, stoppte mich und riss mein Rad an sich. Mich dagegen zu wehren erschien mir nicht ratsam. Unter Wuttränen ging’s zu Fuß nach Dielheim zurück.

Wenig später setzte plötzlich heftiges Artilleriefeuer ein. Die Amerikaner bereiteten ihre Rheinüberquerung mit Granatenbeschuss aus allen Rohren vor. Auch Dielheim wurde getroffen. Als ich in einer Feuerpause auf die Straße trat, sah ich eine Staubwolke in der Nähe des kleinen Bahnhofs über den Dächern aufsteigen. Ich rannte dorthin, um vielleicht helfen zu können. Doch der jungen Frau, die in einer riesigen Blutlache auf dem Küchenboden des getroffenen Hauses lag, war nicht mehr zu helfen. Ein Granatsplitter hatte ihre Halsschlagader aufgerissen.

Am 31. März, Karsamstag, überquerten die Amerikaner dann den Rhein. Wiesloch wurde ihnen am Ostersonntag, dem 1. April 1945, kampflos übergeben. Auch Karlsruhe, meine Heimatstadt, wurde an Ostern ’45 von der 257. Volksgrenadierdivision, die die Fächerstadt eigentlich verteidigen sollte, mit Rücksicht auf die noch verbliebene Bevölkerung kampflos geräumt. Hier zogen französische Truppen ein, die leider sofort schlimm zu hausen begannen.

Josef Werner, langjähriger Leiter der Lokalredaktion bei der Karlsruher Tageszeitung Badische Neueste Nachrichten und Verfasser einiger zeithistorischer Bücher, darunter Karlsruhe 1945: Unter Hakenkreuz, Trikolore und Sternenbanner, der am 19. Dezember 2014 seinen 100. Geburtstag begehen konnte, hat darüber Folgendes geschrieben:

»Praktisch ohne Gegenwehr fiel die Stadt am Mittwoch nach Ostern, es war der 4. April, den französischen Truppen in die Hände … Nach der ›Eroberung‹ der Stadt durch die Franzosen brach in Karlsruhe jegliche Ordnung zusammen. Einheimische plünderten die Geschäfte, französische Soldaten raubten aus den Wohnungen der Besiegten, was ihnen gefiel. Um für einen Film Kampfhandlungen vorzutäuschen, steckten die Franzosen mehrere große Gebäude in der Innenstadt in Brand. Den Siegern wehrlos ausgeliefert, wurden in der Osterwoche zahlreiche Mädchen und Frauen vergewaltigt. Allein in der Landesfrauenklinik gab es in den folgenden Wochen 267 Schwangerschaftsabbrüche nach Vergewaltigung durch zumeist nordafrikanische Kolonialfranzosen. Auch zwei Nonnen vom Kindergarten St. Konrad gehörten zu den Opfern.«

Vor solchen Erlebnissen hatte mich mein Vater bewahren wollen, als er mich nach Dielheim schickte mit den Worten: »Wenn die Franzosen hier einmarschieren, ist meine Tochter nicht hier!« Vater hatte den Frontverlauf anhand der Heeresberichte genau verfolgt, ahnte, wo die US-Truppen einmarschieren würden, nämlich bei Heidelberg, und wo die Franzosen. Er war keiner der vielen badischen »Franzosenfresser«, die aufgrund von Generationen umfassender Erfahrungen mit marodierenden französischen Truppen nichts Gutes vom französischen Nachbarn erwarteten. Frankreich hatte sich ja unter dem »Sonnenkönig« Ludwig XIV. nicht nur das Elsass und Teile des deutschsprachigen Lothringens (wie Metz) einverleibt. Des Königs Marschälle Turenne und Mélac, die rechts des Rheins so verhasst waren, dass man früher Hofhunde nach ihnen benannte, drangen auch in die Pfalz und nach Baden ein, brannten Residenzen wie das Heidelberger Schloss sowie die Dörfer und Städte des gesamten badischen Landstrichs nieder. Unter Kaiser Napoleon litt dann nicht nur Baden schwer, sondern ganz Europa bis hin nach Moskau. Mein Vater war kein »Franzosenfresser«, sondern Realist.

Als die US-Artillerie am 31. März ihr Trommelfeuer schlagartig beendete, trat in der badischen Ebene eine Weile gespannte Stille ein. Dann kamen die Amerikaner. Über Wiesloch sickerten die G.I.s geradezu gemächlich in Dielheim ein. Auf leisen Sohlen, in Schützenreihe rechts und links der Straße, immer sichernd nach allen Seiten blickend und in Deckung der Häuser, sah ich sie kommen. Dann schlug einer mit dem Gewehrkolben gegen die Tür. Mein Schulenglisch prädestinierte mich als Türöffner. Ein langer Lulatsch in fremder Uniform musterte mich, grinste breit und durchsuchte dann mit einigen Kameraden das Haus nach verborgenen Waffen und versteckten deutschen Soldaten, die es freilich bei uns nicht gab. Kaugummi kauend zogen sie weiter. In unserer Gegend war der Krieg aus.

Im Osten dagegen wurde verbissen weitergekämpft und sinnlos gestorben, gemäß dem berühmt-berüchtigten NS-Marschlied »Es zittern die morschen Knochen« mit dem vermessenen Schlussvers: »Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt, denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.« Nun gehörte uns gar nichts mehr. Hans Baumann, von dem Text und Melodie dieses Lieds stammen, wies nach dem Krieg darauf hin, dass er im Urtext geschrieben habe: »Heute, da hört uns Deutschland …«. Unstrittig ist jedoch, dass bei der »Hitlerjugend« »Heute gehört uns Deutschland …« gesungen wurde.

Von der »Götterdämmerung« im Osten erfuhren wir kein Wort, da wir im besetzten Westen von allen Nachrichten aus dem Restreich abgeschnitten waren. Dabei spielten sich nun unbeschreibliche Tragödien dort ab. So kam es Ende April 1945 im »Kessel von Halbe« zu einem schrecklichen Blutbad. Das Städtchen Halbe liegt im Südosten Berlins in der Mark Brandenburg. Das Umland: ein ländlicher Raum, einst kaiserliches Jagdrevier, bedeckt von ausgedehnten Wäldern, dazwischen Ackerland, Seen und kleine Ortschaften wie Halbe. Hier wurden die Reste der 9. Armee von den Russen eingeschlossen.

In ihrem Buch Der Kessel von Halbe – 1945 – Das letzte Drama schreiben die Autoren Richard Lakowski und Karl Stich:

»Mit in den Kessel geriet eine unbekannte Zahl von Evakuierten aus den Gebieten beiderseits der Oder und Neiße, von Flüchtlingen aus Orten, die die Front überrollt hatte, von Angehörigen des Wehrmachtsgefolges sowie von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und Häftlingen des Dritten Reiches. ›Gerechte‹ und ›Ungerechte‹ wurden, ohne ihr Los beeinflussen zu können, in den Strudel des Untergangs mitgerissen.«

Der Todeskampf der 9. Armee, die sich aus der russischen Umklammerung zu befreien versuchte, endete am 2. Mai 1945. Es hatte sieben Tage gedauert, ehe es einem Rest der Truppe gelungen war, aus dem Kessel bei Halbe aus- und zur 12. Armee durchzubrechen.

Ein überlebender Offizier schrieb später in dem oben genannten Buch: »Im Kessel waren etwa 10000 bis 14000 deutsche Soldaten aller Waffengattungen und dazu an die 20000 Zivilisten mit Viehherden, Einzelvieh, Hausgerät, Familien, Frauen mit Kindern, teils zu Fuß, teils mit bespannten Fahrzeugen, Handkarren. Dies alles unter andauerndem Artillerie-, Granatwerferbeschuss und Schlachtfliegerangriffen der Russen. Etwas trafen sie immer. Der Zustand im Kessel war grauenhaft. Soldaten, Zivilisten, Kinder, Frauen und Fahrzeuge bewegten sich im Kreise, um dem Beschuss zu entgehen, wie ein tausendfüßiger Riesenwurm, sich selbst in den Schwanz beißend. Es erschossen sich Offiziere, Soldaten, Zivilisten mit ihren Familien, ganze Gruppen deutscher Menschen. Erschüttert, fassungslos, hilflos stand ich diesem Geschehen gegenüber.«

Rund 30000 deutsche Soldaten, dazu geschätzte 10000 deutsche Zivilisten sowie viele Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge starben bei Halbe. Als am 8. Mai 1945 die Waffen endgültig schwiegen, bot die Landschaft ein Bild des Grauens und der Verwüstung. Überall Leichen, so, wie sie gefallen waren. Unendlich viele konnten nicht mehr identifiziert werden, weil sie von Granaten zerrissen, verbrannt oder von Panzern zermalmt worden waren. Alle wurden nach und nach auf dem großen Waldfriedhof von Halbe bestattet, einer der größten Kriegsgräberstätten des Zweiten Weltkriegs.

Nach Mauerfall und deutscher Wiedervereinigung habe ich diesen Friedhof besucht und dabei meiner zwei gefallenen Cousins Herbert und Werner gedacht. Beide waren die einzigen Söhne ihrer Familien. Herbert ist in den Weiten Russlands verschollen. Werners Spuren verloren sich im Kampf um Berlin. Vielleicht war er einer der unbekannten Soldaten, die auf dem Waldfriedhof von Halbe ihre letzte Ruhe fanden.

Der Spiegelschrieb am 31.1.2005 in der Serie Als der Krieg nach Deutschland kam:»1945 wurde zum Schicksalsjahr der deutschen Geschichte. ›Wir können untergehen‹, hatte Hitler zu Beginn dieses entscheidenden Jahres verkündet, ›aber wir werden eine Welt mitnehmen.‹ Und so geschah es. Von Januar bis Mai 1945 starben mehr Deutsche als in den fünf Jahren zuvor.«

Was für Verbrechen deutscherseits im Verlauf des Kriegs begangen worden waren, kam erst nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 nach und nach ans Licht. Gerade der Massenmord an den Juden unterlag ja nicht umsonst strengster Geheimhaltung. Die Verantwortlichen in der Reichsführung, die in der berüchtigten Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 die »Endlösung der Judenfrage« beschlossen hatten, befürchteten gefährliche Unruhe in der Bevölkerung, wenn mitten im Krieg die Wahrheit bekannt würde.

Dass eine Mehrheit der damaligen deutschen Bevölkerung vom Holocaust nichts gewusst hat, wird gerade bei den nachgeborenen Generationen immer wieder bezweifelt. Lucian Hölscher, der an der Universität Bochum Neuere Geschichte und Theorie der Geschichte lehrt, erklärt das mit der »Fremdheit zwischen den Generationen«. Er sagt: »Alles Verstehen dieser Zeit ist deshalb trügerisch – geht es doch von Kenntnissen, Wertungen und Weltbildern aus, die damals noch nicht bestanden.«

Oft habe ich Äußerungen gehört mit dem Tenor: »Man brauchte doch nur aus dem Fenster zu schauen, um zu sehen, wie die Juden abgeholt und in die Vernichtungslager transportiert wurden.« Dass man nicht wusste, wohin die Züge fuhren und was dort geschah, wird dabei nicht bedacht. Ich selbst habe als Kind hautnah miterlebt, wie eine solche Deportation durchgeführt wurde, und dennoch erst nach 1945 erfahren, wie grauenhaft sie endete. Deshalb hoffe ich, mit der Schilderung meines zeitgenössischen Erlebens etwas zum Verständnis der Nachgeborenen beizutragen.

Ich bin in der Karlsruher Kapellenstraße 72 aufgewachsen, einem vierstöckigen Mietshaus aus dem 19. Jahrhundert, das der jüdischen Familie Hess gehörte. Bereits meine Großeltern väterlicherseits waren mit dieser Familie befreundet. Mein Vater Willi Ernst, Sportjournalist, kam in diesem Haus zur Welt und wuchs zusammen mit Carl Hess, dem ältesten Sohn des Hausbesitzers, auf.

Als die Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung im »Dritten Reich« beängstigende Formen annahm, erkannte mein Vater die nahende Gefahr. Er war 1914 als 16-jähriger Gymnasiast und Kriegsfreiwilliger in den Ersten Weltkrieg gezogen und nach vier Jahren als Frontsoldat im Westen zum entschiedenen Kriegsgegner geworden. Als durch und durch politischer Mensch hatte er Hitlers Mein Kampf genau gelesen. Seine frühzeitige Schlussfolgerung: »Hitler plant einen Krieg, und die Juden haben von ihm das Schlimmste zu erwarten.« Daher beschwor er seinen Freund Carl Hess und dessen Bruder Siegfried im Frühjahr 1938, Deutschland mit ihren Familien schnellstmöglich zu verlassen. Er sagte: »Der Krieg steht vor der Tür. Wir werden ihn wieder verlieren. Dann könnt ihr zurückkehren.«

Mit meinen Eltern im Jahr 1946

© Privatarchiv Gudrun Gloth

Im Sommer 1938, noch bevor die Synagogen brannten, folgten sie seinem Rat. Schweren Herzens, denn sie mussten Hab und Gut zurücklassen und reisten, ohne ein Wort Englisch zu sprechen, mit dem Ziel Amerika in eine ungewisse Zukunft. Am Tag ihrer Abreise nahm mich mein Vater mit in Carls Wohnung im ersten Stock, damit ich mich auch von meiner Freundin Marion, Carls Tochter, verabschieden konnte. Dann lagen sich die beiden Männer schluchzend in den Armen. Ich war verstört, hatte ich doch meinen Vater noch nie weinen gesehen. Verstanden habe ich mit meinen sieben Jahren rein gar nichts von dem, was sich da aus Schmerz und Seelennot Bahn brach. Aber vergessen habe ich’s nie.

Nun standen in unserem Haus plötzlich drei Wohnungen leer. Sie wurden schnell wieder belegt mit anderen jüdischen Familien, denn für die Behörden galt die Kapellenstraße 72 nun als »Judenhaus«, in dem man bevorzugt weitere Juden konzentrierte. Was damit bezweckt wurde, erfuhren wir zwei Jahre später.

Im Parterre, wo sich zuvor die Büros der Firma Hess befunden hatten, zogen die Hochherrs ein, die Eltern der beiden Schwestern Ilka und Hilde, die mit den Brüdern Hess verheiratet waren. Im ersten Stock, vormals Carls und Ilkas Wohnung, kamen drei betagte, unverheiratete jüdische Geschwister unter, Berta, Sofie und Josef Jost, die bis dahin die »Pension Geschwister Jost« in der Adlerstraße geführt hatten. Drei eingeschüchterte Menschen, seit Erlass der »Nürnberger Gesetze« aller Rechte beraubt. Sie mussten wie alle Juden den »Judenstern« gut sichtbar auf der Kleidung tragen. Der Besuch von Theatern, Kinos, Museen, öffentlichen Bädern, Sportplätzen und den meisten Restaurants war Juden nicht mehr erlaubt. Sie durften nicht einmal ein Radio besitzen. So verließen Josts kaum noch das Haus. Ich besuchte sie häufig, denn sie hatten einen Lesezirkel abonniert, in dem ich u.a. meine Lieblingsillustrierte, Die Koralle, lesen konnte. Bei Josts durfte ich auch Matzen knabbern, das ungesäuerte jüdische Brot. Ich mochte die drei freundlichen alten Menschen sehr.

Im zweiten Stock, dem vormaligen Heim von Siegfried und Hilde Hess, zog für wenige Monate eine Familie Gärtner ein. Diese Wohnung besaß eine Dachterrasse. Ich war fasziniert, als die Gärtners im Herbst eine große Hütte aus echten belaubten Baumzweigen darauf errichteten. Mein Vater erklärte mir, das sei eine Laubhütte für Sukkot, das sieben Tage dauernde Laubhüttenfest. In ihr nahmen gläubige Juden während dieser Zeit dann ihre Mahlzeiten ein und feierten. Wenig später verließen die Gärtners wieder unser Haus. Näheres erfuhren wir nicht. Statt der Gärtners zog eine alte Dame ein, Frau Ransenberg, die Witwe des früheren Besitzers des bekannten »Café Roland« in der nahen Kreuzstraße.

Am 22. Oktober 1940 kam es dann völlig überraschend zur ersten Deportation der Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland. Um acht Uhr morgens hielt vor unserem Haus ein Lastwagen. Ich habe keine Erinnerung daran, ob es Polizei, Gestapo oder Militär war, die unverzüglich mit der Räumungsaktion begannen. Im Haus brach Chaos aus. Die Bewohner wurden ja von dieser Gewaltaktion total überrascht. Wieder einmal hatte die Geheimhaltung eines perfiden Plans perfekt geklappt. Die Betroffenen hatten nur zwei Stunden Zeit, um das Nötigste zu packen. Dann mussten sie abfahrbereit sein. Erlaubt war lediglich Handgepäck und Proviant für zwei Tage. Sammelpunkt: Hauptbahnhof. Ziel der Reise: unbekannt.

Meine mutige und äußerst praktisch veranlagte Mutter Elisabeth ging sofort zur Wohnung der Geschwister Jost hinunter und half ihnen beim Packen. Einer der Uniformierten, die in jeder zu räumenden Wohnung Wache hielten, fuhr sie an: »Was wollen Sie hier? Sie sind doch keine Jüdin.« Meine Mutter erwiderte: »Sie sehen doch, dass diese alten Leute am ganzen Leib zittern und gar nicht in der Lage sind zu tun, was Sie von ihnen verlangen.« Da ließ er sie gewähren.

Inzwischen war ich zehn Jahre alt und soeben als Jungmädel in die »Hitlerjugend« aufgenommen worden. Seit am 25. März 1939 die »Jugenddienstpflicht« gesetzlich eingeführt worden war, konnte die Mitgliedschaft in der »Hitlerjugend« auch gegen den Willen der Eltern polizeilich erzwungen werden. Aber mir machte es ohnehin Spaß, dass ich nun wie die Buben Uniform tragen, Geländespiele mitmachen und so feierliche Lieder singen durfte wie »Heilig Vaterland in Gefahren.«

Das schreiende Unrecht, das ich bei der Deportation unserer Hausbewohner miterlebt hatte, wurde bald von neuen Erlebnissen überdeckt. Die Ereignisse seit Beginn des Krieges überschlugen sich ja. Da waren zuerst die deutschen Blitzsiege über Polen, Holland, Belgien und Frankreich, die vor allem die unerfahrene Jugend begeisterten. Man schwärmte nicht mehr für Kinostars, sondern für Ritterkreuzträger. Auch ich sammelte die Porträts von Helden wie Kapitänleutnant Prien oder Jagdfliegern wie Oberst Mölders oder Hauptmann Hans-Joachim Marseille. Wenn sie dann fielen, flossen Tränen bei Jungen und Mädchen. Meine Eltern duldeten meine naive Gläubigkeit, weil sie wussten, dass ich noch lange nicht reif war für Hinterfragen von Propaganda und unabhängiges Denken.

Aber sie selbst warteten dringlichst, jedoch lange vergebens auf Nachricht von den verschwundenen Freunden, Bekannten und Mitbewohnern. Als schließlich eine Postkarte aus Gurs in Südfrankreich eintraf, fiel ihnen ein Stein vom Herzen. Es handelte sich um eine vorgedruckte Benachrichtigung, wie sie später auch unsere Kriegsgefangenen in Russland nach Hause schrieben und worin sie in wenigen Worten mitteilen konnten, dass sie lebten, aber irgendwo in der Sowjetunion hinter Stacheldraht saßen. In unserem Fall lautete die Nachricht: »Wir sind gut in Gurs angekommen, Geschwister Jost.« Meine Eltern waren beruhigt. Die Karlsruher Juden befanden sich also wohlauf im schönen Südfrankreich. Kein Grund zur Sorge, nahmen sie an.

Die Wirklichkeit sah anders aus. Erst durch die Forschung von Historikern und Journalisten kam Jahrzehnte nach der Katastrophe die ganze Wahrheit ans Licht. Als die verschleppten Juden nach dreitägiger Zugfahrt ans Ziel gelangt waren, kamen sie ins größte Internierungslager des besiegten Frankreichs, ins Camp de Gurs am Rande der Pyrenäen. Es bestand aus 428 primitiven Baracken auf sumpfigem Ödland ohne sanitäre Anlagen. Die Unglücklichen wurden von Läusen, Ratten, Hunger und einem bald einsetzenden harten Winter gequält. Viele der älteren Gefangenen starben in diesem Lager sehr schnell an Seuchen und Entkräftung.

Dass die überlebenden Verschleppten im Sommer 1942 in Viehwaggons von Gurs, quer durch Europa, nach Theresienstadt oder gleich nach Auschwitz-Birkenau verbracht wurden, erfuhren wir nicht. Viele fanden noch am Tag ihrer Ankunft dort den Tod in der Gaskammer. Andere wurden noch weiter verschleppt. Zurückgekehrt sind nur wenige. Keiner unserer ehemaligen Hausbewohner kam wieder.

Selbstredend ahnten wir schon gleich nach Kriegsende, dass alle tot waren. Aber Gewissheit erhielten wir erst 1988 durch ein weiteres Buch des bereits genannten Autors Josef Werner. Titel: Hakenkreuz und Judenstern, herausgegeben durch die Stadt Karlsruhe/Stadtarchiv. Im darin befindlichen Register ermordeter Karlsruher Juden fand ich die Namen unserer ehemaligen Hausbewohner mit ihrer alten Adresse Kapellenstraße 72:

Die Hochherrs, teils schon in Gurs verstorben, teils nach Theresienstadt weiterdeportiert und dort gestorben.

Geschwister Jost am 06. März 1943 von Gurs nach Lublin-Majdanek deportiert. Verschollen.

Die Gärtners bereits am 28. Oktober 1938 nach Polen ausgewiesen, weil die Eltern um die Jahrhundertwende von dort eingewandert waren. Ihr Sohn, 1913 in Karlsruhe geboren, flüchtete 1939 über die Schweiz nach Italien. Er holte seine Eltern 1942 aus Polen nach. Alle drei wurden am 15. Februar 1944 von Belluno nach Auschwitz deportiert. Verschollen.

Frau Ransenberg, am 30. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert. Für tot erklärt.

Überlebt hatten nur unsere Freunde Hess in New York. Noch während wir französisch besetzt waren, entsandten sie einen befreundeten US-Soldaten nach Karlsruhe, um herauszufinden, ob mein Vater und die Seinen sowie ihr Haus (das ihnen bald zurückerstattet wurde) den Krieg überstanden hatten. Sie halfen uns mit CARE-Paketen über die nun hereinbrechenden Hungerjahre hinweg. Aber auch sie hatten durch den Judenmord über vierzig enge Familienmitglieder verloren, die in Deutschland zurückgeblieben waren.

Für mich hatte die Stunde der Erkenntnis gleich nach dem Einmarsch der Amerikaner geschlagen. Schon in Dielheim schockierten mich große Plakate der Amerikaner. Sie zeigten Berge ausgemergelter Leichen, die zum Entsetzen der Welt in deutschen Vernichtungslagern entdeckt worden waren. Zuerst hielt ich die Fotos für Fälschungen der »Feindpropaganda«, vor der Goebbels immer gewarnt hatte. Doch nach und nach erkannte ich, dass diese Bilder grausame Wahrheit waren. Eine zweite Erkenntnis, die ich schwer verkraften konnte, weil sie alles umstürzte, woran ich geglaubt hatte: Es brauchte Zeit, bis ich vom »völkischen Hochmut« geheilt war.

Seit damals hat mich die Erinnerung an diesen beispiellosen Vernichtungskrieg, der weltweit über 55 Millionen Menschen das Leben gekostet hat, nicht losgelassen. Ich wurde Journalistin und begegnete durch meinen Beruf vielen prominenten Menschen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst. Wenn sich die Gelegenheit dafür bot, befragte ich immer wieder Zeitgenossen zu ihren Erlebnissen in den Kriegsjahren, die in Deutschland zwei Generationen fürs ganze Leben geprägt hatten. Viele meiner Interviewpartner waren bei Kriegsbeginn 1939 noch jung und unbekannt. Als sie mir Rede und Antwort standen, kannte jeder in Deutschland ihren Namen. Manche erzählten sehr ausführlich und prägnant. Andere eher Episoden in Kurzform. Zusammen ergeben ihre Stimmen einen Chor der Erinnerungen, der durch seine Vielfalt die Vergangenheit lebendig werden lässt, zugleich aber auch eindringlich vor Augen führt, was Menschen an Angst, Qualen und Grausamkeiten aushalten können. Gustav Knuth, der unvergessliche Schauspieler mit dem großen Herzen, kam Ende des Zweiten Weltkriegs zu einer Erkenntnis, die er lapidar in einem Satz zusammenfasste: »Der Mensch ist haltbar!«

Ich widme dieses Buch allen Toten und Überlebenden des Zweiten Weltkriegs sowie den Nachgeborenen, die sich oft so schwer in das damalige Geschehen einfühlen können. Vielleicht helfen ihnen diese authentischen Erlebnisberichte aus erster Hand, ein Leben in Frieden nicht für selbstverständlich zu halten, sondern als unermessliches Glück wertzuschätzen.

Meinem Lebensgefährten Franz-Georg Schulze danke ich für seine große Hilfe beim Recherchieren des historischen Kontextes und der technischen Umsetzung des Manuskripts – sowie für seinen ständigen Ansporn bei der beiderseitigen Arbeit.

Gudrun Gloth

Berlin, im Frühjahr 2015

DR. JUR. RICHARD KARL FREIHERR VON WEIZSÄCKER

Dr. jur. Richard Karl Freiherr von Weizsäcker (* 15. April 1920 in Stuttgart, † 31. Januar 2015 in Berlin), von 1981 bis 1984 Regierender Bürgermeister von Berlin, von 1984 bis 1994 sechster Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.

Wortloser Abschied

Schon 1979 – der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs jährte sich zum 40. Mal – gab mir Richard von Weizsäcker ein erstes Interview zu diesem Thema. Zu jener Zeit war er noch Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei in Bonn, Mitglied der CDU-Fraktion im Deutschen Bundestag, ein außerordentlich fähiger Politiker, der sich bereits über alle Parteigrenzen hinweg Respekt und Ansehen erworben hatte.

Nun wollte ich von ihm wissen, wie er persönlich den Kriegsausbruch erlebt hatte. Er war zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt. Sein Vater, der Diplomat Ernst von Weizsäcker, war Staatssekretär im Auswärtigen Amt unter Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop. Sohn Richard hatte das Abitur am Berliner Bismarck-Gymnasium bereits als 17-Jähriger bestanden, danach in Oxford und Grenoble studiert, bevor er zuerst den Reichsarbeitsdienst absolvierte und ab 1938 seine Militärausbildung beginnen musste. Rekrutiert wurde er vom traditionsreichen Potsdamer Infanterie-Regiment 9, im Volksmund »Infanterie-Regiment Graf Neun« genannt, weil so viele Adelssöhne darin dienten.

Dazu gab Richard von Weizsäcker gleich zu Beginn unseres Gesprächs den Hinweis: »Es hat keinen anderen Truppenteil gegeben, der so viele Opfer nach dem 20. Juli 1944, dem fehlgeschlagenen Attentat Claus von Stauffenbergs auf Hitler, zu beklagen hatte wie dieses Regiment.« Dann fuhr er fort: »Im August 1939 befand ich mich am Ende des ersten Jahres meiner militärischen Ausbildung. Meine Kompanie war auf dem Truppenübungsplatz, als mich eine akute Blinddarmentzündung erwischte. Ich wurde operiert und danach in den Genesungsurlaub nach Hause entlassen.

In der Dienstwohnung meines Vaters, Berlin-Tiergarten, Admiral-von-Schröder-Straße (heute Köbisstraße), erhielt ich dann telefonisch den Befehl, sofort zu meinem Truppenteil nach Potsdam zurückzukehren. Der Grund: Mobilmachung

Wir wurden noch in der Nacht ausgerüstet, im dunklen Morgengrauen nach Berlin transportiert, und dort marschierten wir bei eben beginnendem Morgenlicht durch Straßen, an die ich mich nicht mehr erinnere, zu einem Verladebahnhof. Was ich aber heute noch weiß, ist, dass wir in einer ernsten, gedrückten Stimmung, beinahe heimlich, durch die Berliner Straßen zogen. Einige wenige Angehörige von uns Soldaten waren noch zur Verabschiedung da. Wenn man sich jedoch an die Erzählungen vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs erinnert, wo die Soldaten gewissermaßen mit dem begeisterten Zuspruch der Bevölkerung am 1. August 1914 ins Feld zogen, so stand demgegenüber der Abmarsch an die Front unmittelbar vor dem 1. September 1939 im Zeichen der allseitigen Erwartung einer schlimmen Entwicklung, denn nach dem Hitler-Stalin-Pakt war klar, dass der Druck Hitlers auf Polen sich verstärken würde und dass die Polen unvermindert allen Forderungen Hitlers Widerstand leisten würden, im Bewusstsein insbesondere der britischen Beistandsgarantie an Polen, des sogenannten Blankoschecks.«

Wusste er als Sohn eines ranghohen Diplomaten damals schon früher als andere von der drohenden Kriegsgefahr?

Die Antwort: »Mein Vater war zusammen mit ausländischen Diplomaten sowie einigen Freunden im Auswärtigen Dienst und bei der Wehrmacht in diesen ganzen letzten Wochen und Monaten wirklich verzweifelt bemüht gewesen, noch etwas dafür zu tun, um zu einer Konferenz zu kommen. In Berlin war er bekannt als einer, der sich ganz besonders dafür einsetzte, dass es nicht zum Einmarsch und damit zum Ausbruch eines Krieges kam. Das ist später im sogenannten Wilhelmstraßen-Prozess in Nürnberg auch ausdrücklich festgestellt worden. Dank der Informationen durch meinen Vater war ich mir der kaum noch aufzuhaltenden Folgen bewusst, die der Hitler-Stalin-Pakt nach sich zog. Der war ja die Voraussetzung dafür, dass Hitler nun seinen Druck auf Polen ohne jede Zurückhaltung verstärkte. Und mein Vater glaubte zu wissen, dass England und auch Frankreich unter allen Umständen Polen zu Hilfe kommen würden, während Hitler das ja nicht glauben wollte.

Also, Sie haben vollkommen recht, wenn Sie vermuten, dass mein Informationsstand nicht einer war, wie man ihn überall haben konnte. Bei uns zu Hause herrschte kein Zweifel daran, dass es Krieg geben würde. Darüber wurde gar nicht mehr geredet, als ich zur Truppe gerufen wurde. Es war ein wortloser Abschied.«

Ohne sein Koppel wegen der noch frischen Blinddarmnarbe feldmarschmäßig umschnallen zu können, wurde der junge Grenadier Weizsäcker in die Grenzmark Posen-Westpreußen in die Nähe von Schlochau transportiert.

Weiter erzählt er: »Am 1. September sind wir über die deutsch-polnische Grenze in die Tucheler Heide einmarschiert. Das Schießen fing für uns am 2. September an, und gleich bei diesem ersten Gefecht sind fünf Leute aus unserem Bataillon gefallen, darunter mein Bruder Heinrich. Er war drei Jahre älter als ich, Leutnant der 1. Kompanie desselben Bataillons, in dessen 4. Kompanie ich damals noch als Grenadier diente. Nur wenige Hundert Meter von mir entfernt, traf ihn ein Schuss in die Halsschlagader. Er war auf der Stelle tot. So kurz nach Kriegsbeginn stand ich schon am Grab meines Bruders. Ich habe ihn noch mit beerdigt, musste dann jedoch mit meinem Truppenteil weiterziehen.«

Vor zehn Jahren interviewte ich Richard von Weizsäcker noch einmal zum Thema Zweiter Weltkrieg. Diesmal über Fortgang und Ende des sechsjährigen Ringens aus seiner persönlichen Sicht. Er empfing mich am Berliner Kupfergraben 7, dem historischen Magnus-Haus, einem 1760 errichteten Bürgerpalais, das von 1911 bis 1921 von dem berühmten Theater- und Filmregisseur Max Reinhardt bewohnt wurde. Dort lag, mit Blick auf Museumsinsel und Pergamonmuseum, das Büro dieses großen Bundespräsidenten.

Zuerst wollte ich wissen, welches Kriegsereignis ihn am tiefsten geprägt habe.

»Es waren zwei«, antwortete er. »Erstens der Tod meines Bruders Heinrich am zweiten Kriegstag. Zweitens das Scheitern des Attentats Claus Stauffenbergs. Beides hat sich mir unauslöschlich eingeprägt.«

Richard von Weizsäcker als Soldat des Infanterie-Regiments »Graf Neun«

© Privatarchiv Richard von Weizsäcker

Er war in diesem Moment so bewegt, dass er eine Weile schwieg. Ich wusste: Auch er zählte damals zum Kreis der in die Attentatspläne eingeweihten Offiziere. Einer seiner nach eigener Auskunft »urältesten Freunde« war Axel von dem Bussche, der sich freiwillig für ein Selbstmordattentat auf Hitler gemeldet hatte. Dessen Opfertod wurde jedoch durch einen Luftangriff vereitelt. Diesen Zwei-Meter-Mann beschrieb mir Richard von Weizsäcker (sonst alles andere als ein Freund großer Worte) als »wahren Helden«. Das nahm er allerdings gleich wieder als »furchtbar dummen Ausdruck« zurück. Aber er sagte: »Ich hab’ Axel immer als das glaubwürdigste Mitglied meiner Generation empfunden. Er wurde in Russland ungefähr sechsmal verwundet und hatte alle denkbaren Kriegsauszeichnungen. Bei einem Angriff im Oktober 1941 an der Desna stand dieser schlaksige Kerl einfach auf, hatte irgend so einen Knüppel in der Hand und lief seinem Zug vorneweg in ruhigem Schritt in Richtung auf den Feind. Natürlich kein Wunder, dass er immer wieder verwundet wurde. Aber so war der Kerl. Ich habe das selbst miterlebt, wurde damals ebenfalls durch einen Oberarmdurchschuss verwundet. Ein Wunder war nur, dass Axel den Krieg überlebt hat.«

War es Richard von Weizsäcker selbst, der seinen Eltern die Nachricht vom frühen Tod seines Bruders Heinrich überbrachte?

»Nein. Dazu hatte ich gar keine Möglichkeit«, antwortete er. »Aber die Erinnerung an dieses Geschehen hat mich mein Leben lang nie verlassen. Als ich Jahrzehnte später in einem Buch diese Erfahrung schilderte und bei einer Lesung in Berlin-Mitte vortrug, meldete sich ein Student mit der Frage: ›Wenn Sie durch den Tod Ihres Bruders am zweiten Kriegstag so erschüttert wurden, warum sind Sie dann nicht in den Zivildienst übergetreten?‹«

Lachend erkundigte ich mich, wie er solcher Ahnungslosigkeit begegnete.

Darauf Richard von Weizsäcker: »Viele im Auditorium mussten – genau wie Sie eben – spontan lachen. Aber ich habe ernsthaft und dankbar darauf reagiert. Ich sagte: ›Es ist ein wahres Glück, dass wir doch weitergekommen sind und einen Zivildienst haben, dass das Gewissen eine Stimme hat und nicht einfach die Befolgung von Befehlen erzwungen wird.‹

Im Polenkrieg zogen wir dann weiter, bis wir nach Ostpreußen kamen. Dort wurden wir, man kann es nicht anders sagen, mit großem Jubel der ostpreußischen Bevölkerung empfangen, weil für sie die Verbindungmit dem Reich, die durch den sogenannten Polnischen Korridor unterbrochen war, nun wiederhergestellt schien. Von dort wurden wir nach kurzen Kämpfen in der Nähe von Warschau an die luxemburgische Grenze in der Eifel verlegt. Ich erwähne das nur, weil der Kontrast der Stimmung in der Bevölkerung nicht größer hätte sein können. In den dortigen Dörfern wurden wir zwar freundlich als Menschen und Soldaten empfangen, zugleich wurde uns jedoch gesagt, dass esder dortigen Eifelbevölkerung völlig egalsei, ob sie Deutsche, Luxemburger, Belgier oder Franzosen seien. Das Allerwichtigste sei für sie, dass es nicht zu einem Krieg über die Grenze käme. Die schrecklichen Leiden des Ersten Weltkriegs waren bei den Menschen dort nicht vergessen.« Richard von Weizsäcker, inzwischen zum Hauptmann der Reserve befördert, wurde dann bei den schweren Rückzugskämpfen am Frischen Haff in Ostpreußen durch einen Granatsplitter zum zweiten Mal verwundet. Er sprach nicht gern über das Grauen des Winters 1944/45, als der Krieg, der von Deutschland ausgegangen war, an seinen Ursprung zurückkehrte. Umso beredter die Schilderung des letzten soldatischen Einsatzes Hauptmann von Weizsäckers aus der Sicht seines damaligen Regimentskommandeurs, die erhalten geblieben ist. Darin heißtes:

»Am 27.3.1945 sammelte sich das Grenadier-Regiment9, durch die schweren Kämpfe gegen die überlegenen Gegner stark angeschlagen, an der Frischen-Haff-Küste bei Balga, um verladen zu werden. In schwerstem Artilleriefeuer suchten Tausende Soldaten vergeblich Schutz. Da sammelte Hauptmann von Weizsäcker die Männer seines zerschlagenen Regiments, schloss sich dem Angriff der Kampfgruppe von Knebel an. Der Russe überschüttete ihn mit Feuer aller Kaliber. Trotz dessen riss Weizsäcker die letzten Männer seines Regiments durch sein leuchtendes Beispiel immer weiter vor. Durch diesen todesmutigen Einsatz wurden Tausende gerettet (mit Schiffen in Sicherheit gebracht). Sein freiwilliger, beispielhaft schneidiger Einsatz ist besonders hoch zu bewerten, da die Masse der betreffenden Soldaten und viele Führer zu einer kämpferischen Haltung nicht mehr die Kraft hatten. Ich halte Weizsäcker für die Nennung im Ehrenblatt des Deutschen Heeres für ganz besonders würdig.«

Das las ich dem Bundespräsidenten vor. Sein trockener Kommentar: »Da können Sie mal sehen!«

»Stimmt das so, obwohl Sie mir das nicht erzählt haben?«, bohrte ich nach.

Seine Antwort: »Es ist eine Sprache, die mir nicht liegt. Aber die Kämpfe waren so. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Mit meiner Granatsplitterverwundung wurde ich jedenfalls über das Haff rüber auf die Nehrungund dann per Schiff von Pillau aus nach Kopenhagen transportiert. Von dort aus ginges mit dem Zug zurück in die Heimat, nach Potsdam. Nach einiger Zeit bekam ich einen Genesungsurlaub in Lindau am Bodensee bewilligt. Am 14. April habe ich Potsdam verlassen, vier Stunden vor dem einzigen Luftangriff auf diese Stadt, der sie aber völlig verwüstete. Vom Anhalter Bahnhof in Berlin aus habe ich noch das ungeheure Flak-Feuer, das diesen Nachtangriff begleitete, miterlebt. Am 15. April, meinem 25. Geburtstag, lag ich dann irgendwo in einem Graben neben unserem Zug, der von Jagdbombern angegriffen wurde, und dachte, das sei doch eine komische Art, Geburtstag zu feiern. In Lindau kam ich schließlich in einem Bauernhaus unter, in dem damals auch meine Schwester wohnte. Dort war ich der einzige Mann unter 15 Frauen. Die Franzosen erließen zwar einen Befehl, dass sich alle männlichen Bewohner im Alter zwischen 18 und 50 oder so ähnlich melden sollten. Das habe ichabernicht gemacht. So bin ich der Gefangenschaft entgangen, allerdings auch nie aus der deutschen Wehrmacht entlassen worden.«

So pathosfrei wie dieser herausragende Bundespräsident, ein Edelmann im wahrsten Sinne des Wortes, mir sein persönliches Kriegsende schilderte, so entspannt pflegte er sich im Alltag unters Volk zu mischen. Nicht als Würdenträger in herausgehobener Position, sondern als Bürger unter Bürgern. Man traf ihn nicht nur häufig bei Konzerten in der Berliner Philharmonie auf seinem Stammplatz: 8. Reihe, Block links, sondern auch auf der Tennisanlage des Clubs »Rot-Weiß« im Grunewald, dessen Ehrenmitglied er war. Als leidenschaftlicher Schwimmer durchpflügte er im Sommer die Havel oder das 100-Meter-Becken im Olympiastadion, im Winter nahm er mit den öffentlichen Bädern der Hauptstadt vorlieb. Bis ins weit fortgeschrittene Alter trieb er Sport, errang auch zehnmal das Goldene Sportabzeichen.

Völlig verblüfft war ich allerdings, als ich ihn erstmals – ganz ohne Sicherheitsbeamte und nur mit einem Handtuch bekleidet – in der gemischten Sauna des »Bristol Hotel Kempinski« am Kurfürstendamm traf. Doch diese Begegnungen wiederholten sich über Jahre und wurden so zur lieb gewonnenen Plaudergelegenheit über ganz alltägliche Dinge. Dieser große Mann war bei aller kultiviert-zurückhaltenden Art seines Auftretens ein erstaunlich nahbarer Mensch.

Vor 30 Jahren, am 8. Mai 1985, hat er als Bundespräsident jene denkwürdige Rede gehalten, die in der ganzen Welt Beachtung und Zustimmung fand, speziell in Deutschland aber eine Tür zur Aussöhnung mit der eigenen Geschichte öffnete. In der damaligen Gedenkstunde zum 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation, die im Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Bonn abgehalten wurde, sagte er eingangs:

»Viele Völker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Seinem Schicksal gemäß hat jedes Volk dabei seine eigenen Gefühle. Sieg oder Niederlage, Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder Übergang zu neuer Abhängigkeit, Teilung, neue Bündnisse, gewaltige Machtverschiebungen – der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa.«

In einer späteren Passage betonte er:»Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.«

Richard von Weizsäckers Fazit aus dem Kriegserlebnis stellte er als zeitlos gültige Bitte an die nachgeborene Jugend ans Ende seiner großen Rede. Sie lautete: »Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß. Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander … Ehren wir die Freiheit. Arbeiten wir für den Frieden. Halten wir uns an das Recht. Dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit.«

Richard von Weizsäcker war ein großer Vorausdenker. Seine Worte bleiben Mahnung und Auftrag zugleich. Gerade auch für folgende Generationen.

DIETER BORSCHE

Dieter Borsche (* 25. Oktober 1909 in Hannover, † 5. August 1982 in Nürnberg) war mit über 100 Hauptrollen in Kinofilmen, darunter »Königliche Hoheit«, »Die Barrings« und »Königin Luise«, einer der berühmtesten, beliebtesten und erfolgreichsten Stars des deutschen Nachkriegsfilms. Trotz schwerer Krankheit blieb er bis zuletzt auf großen deutschen Bühnen in Berlin und München präsent. Auch im Fernsehen spielte er immer wieder große Rollen.

Ohrenzeuge der Kanonade bei Kriegsbeginn in Danzig

Dieter Borsches erster Nachkriegsfilm, Die Nachtwache (1949), machte ihn sofort zum Idol von Millionen. Ab da erzielten die meisten seiner Filme Rekordsummen. Privat war er ohne Allüren, ein kultivierter, gebildeter, musischer Feingeist, zur Selbstkritik fähig, voller Humor. Dabei litt er an einer früh erkannten, lange geheim gehaltenen Krankheit, die schließlich auch zu seinem Tod führte: an unheilbarem Muskelschwund.

Uns verband eine dauerhafte Freundschaft. Ab 1971 saßen wir immer wieder tagelang zusammen und sprachen über sein Leben, denn ich sollte und wollte seine Biografie schreiben. Sein trotz der schweren Krankheit überraschender Tod durchkreuzte den Plan. Doch seine Erinnerungen, die als Recherche komplett bei mir vorliegen, erlauben es mir, mit seinen eigenen Worten zu beschreiben, wie er den Kriegsausbruch erlebte und warum er das kommende Unheil bereits lange zuvor geahnt hatte.

Dieter Borsche erzählte mir: »Ich wurde 1939 ans Danziger Theater engagiert und fuhr mit meiner Frau Uschi und unserem erstgeborenen Sohn Kai Ende August, als die Spielzeit begann, in die Stadt an der Weichsel. Die deutsche Presse war seinerzeit schon voll von Nachrichten über allerlei Provokationen, die angeblich durch Polen dem ›Großdeutschen Reich‹ gegenüber verübt worden waren. Leute wie ich, die aus einer links oder gewerkschaftlich orientierten Familie kamen, waren sich klar darüber, dass es Krieg geben würde.

In Danzig-Langfuhr bezogen wir das Erdgeschoss einer sehr schönen, hochherrschaftlichen Villa, die einer baltischen Adligen gehörte. Diese Dame bewohnte die Etage über uns, und wir kamen schnell miteinander ins Gespräch. Dabei zeigte sich, dass wir uns in unseren politischen Ansichten sehr nahestanden. Auch unsere Hauswirtin war der Meinung, dass es eigentlich bald zu einer Explosion kommen müsste.

Am 1. September, morgens um 4 Uhr 45, fielen wir alle aus dem Bett durch eine ungeheure Kanonade. In der bekannten Rede, die Hitler dann am Vormittag, 10 Uhr 10, in der Berliner Kroll-Oper hielt, sagte er zwar: ›Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen!‹ – aber das war ein Fehler seinerseits, der seither als historischer Irrtum durch die Kriegsliteratur geistert. Die ersten Schüsse, die das deutsche Schulschiff ›Schleswig-Holstein‹ auf die Westerplatte abfeuerte, fielen genau eine Stunde früher, wie ich mit eigenen Ohren gehört hatte.

Wie vermutlich die meisten Danziger stürzte auch ich im Schlafanzug aus der Wohnung hinaus. Im Stiegenhaus traf ich auf unsere Hauswirtin. Sie stand im Nachthemd auf dem oberen Treppenabsatz, und als sie meiner ansichtig wurde, sagte diese feine Dame aus altem Adel: ›Jetzt haben wir die Scheiße!‹ Auch für mich war Deutschlands Schicksal mit diesen Schüssen entschieden. Ich zweifelte keine Sekunde daran, dass der Krieg so ausgehen musste, wie er fünfeinhalb Jahre später ausgegangen ist.«

Borsche hatte seine Bühnenkarriere in den frühen 30er-Jahren in seiner Heimatstadt Hannover (von den großen Ausdruckstänzern Yvonne Georgi und Harald Kreutzberg ausgebildet) als Tänzer begonnen. Aber bald genügte ihm der Tanz als Ausdrucksmittel nicht mehr. Er sagte: »Ich brauchte das Wort. Also nahm ich zusätzlich Schauspielunterricht bei Julius Arnfeld, damals Oberspielleiter am Schauspielhaus Hannover. Er war ein hervorragender Mann, den ich sehr verehrte und von dem ich enorm viel lernte. ›Nebenbei‹ war er ein international berühmter Tierfotograf.

Als die Nationalsozialisten 1933 ans Ruder kamen, wurde Arnfeld in Hannover rausgeschmissen, denn er war Jude. Er ging nach Berlin. In den ersten Jahren erhielt er noch eine Sondererlaubnis, im Berliner Zoo zu fotografieren. Er war von morgens bis abends dort. Dann kam die Zeit, in der der Judenstern getragen werden musste, und auch der Zoo wurde Arnfeld verboten.

Gudrun Gloth im Gespräch mit Dieter Borsche

© Nobel-Press/F.-G. Schulze

Ich meinerseits trat 1933 ein neues Engagement am Nationaltheater Weimar an. Dort erhielt ich gleich einen tiefen Einblick in die neue Zeit. Mein Vater Willi Felix Borsche, Königlich Hannoverscher Kammermusiker und Bratschist an der dortigen Oper, zugleich aber überzeugter Sozialist und Gewerkschafter, hatte nämlich in Weimar einen langjährigen Freund und Kollegen, der ebenfalls Gewerkschafter war. Bei ihm und seiner Familie sollte ich als Untermieter einziehen. So war es verabredet. Doch diesen Mann hatte man am Morgen meiner Ankunft in Weimar verhaftet und mit dem Schild ›Ich bin ein Schwein‹ um den Hals durch die Stadt geführt. Nun saß er im Gefängnis, und keiner wusste, ob und wann er je wieder herauskommen würde.

Geschockt beschloss ich, meinen Vater durch ein Telegramm zu warnen. Ich schrieb: ›Höchste Gefahr! Walter verhaftet.‹ Als ich diesen Text dem Postbeamten am Schalter überreichte, sagte der in bestem Thüringisch: ›Sie, junger Mann, nähm’ Sie das Telegramm gleich zurück. Des kann ich nisch uffgebn. Da wern Sie ja verhaftet. Um Goddes willn, was is denn bloß?‹ Ich antwortete: ›Ich weiß nicht. Ich wollte meinen Vater nur warnen. Er ist nämlich Gewerkschafter, genau wie sein hiesiger Freund, den man heute verhaftet und – als Schwein bezeichnet – durch die Innenstadt geführt hat.‹ Darauf der Beamte: ›Also das Telegramm können Sie keenesfalls hier abgäbn. Des hab ich nisch gesehn. Schreibn Sie was andres.‹ Ich schrieb dann etwas Verklausuliertes, das meinem Vater Warnung sein sollte. Aber vier Tage später wurde auch er abgeholt. Er kam zwar wieder frei, seine Posten war er jedoch los. Damit stand er plötzlich vor dem Nichts. Das erzähle ich nur als Erklärung für meine früh geweckte Abneigung gegen das neue Regime.

Mit meinem verehrten Mentor Arnfeld in Berlin hielt ich weiterhin Kontakt. Ich lernte auch seine Tochter kennen, eine überzeugte Zionistin, die wenig später nach England emigrierte, weil sie nicht daran zweifelte, dass Hitler wirklich im Sinn hatte, die Juden auszurotten. Ihr Vater dagegen hielt das für unmöglich. Er hatte im Ersten Weltkrieg als Offizier für Deutschland gekämpft, das EK 1 erhalten und blieb Patriot.

Kurz vor Ausbruch des Krieges besuchte ich Arnfeld nochmals in Berlin. Er wohnte nun in einem ›Judenhaus‹, einem großen alten Mietshaus in der Nürnberger Straße, das geräumt worden war. Darin lebten früher vielleicht 20 Familien. Jetzt hatte man dort mindestens die zehnfache Zahl an jüdischen Menschen zusammengepfercht. Etwa vier in jedem Zimmer. Deshalb wollte Arnfeld mich auf der Straße treffen. In einen Park konnten wir nicht gehen. Auf allen Bänken prangte ja ein unübersehbares Schild: ›Für Juden verboten!‹ Und Arnfeld war durch einen Judenstern auf dem Mantel gebrandmarkt. Also gingen wir über den Tauentzien beim KaDeWe. Mitten im Gespräch sagte Arnfeld plötzlich: ›Diese schnellen Erfolge der Wehrmacht in Polen – ist das nicht toll? Wo gibt es das sonst noch, dass eine Armee so klug und präzise zuschlägt! Grandios!‹

Er hatte dieses deutsche Militärgefühl noch immer so sehr in sich, dass er diesen Feldzug als unglaubliche Leistung empfand. Doch dann schaute er plötzlich auf die Uhr und sagte erschrocken: ›Um Gottes willen! Es ist schon halb acht!‹ Das Haus wurde nämlich um 8 Uhr abgeschlossen. Wer dann nicht zurück war, riskierte, sofort abgeschoben zu werden. Also hastete der alte Herr nun im halben Dauerlauf zur Nürnberger Straße. Ich junges Kerlchen hinterher, wobei ich die Entsetzlichkeit dieses Vorgangs deutlich empfand. Erstmals wurde ich so mit der Nase auf die Auswirkungen der Rassengesetze gestoßen. Mir wurde bewusst, wie weit die Diffamierung der jüdischen Mitbürger schon gediehen war. Hier widerfuhr gerade einem Mann, der mir verehrungswürdig war und der mir nahestand, etwas Unmenschliches. Dieses Erlebnis hat mich nicht mehr losgelassen. Ich war misstrauisch geworden und beobachtete kritisch die weitere Entwicklung.

l942 wurde ich ans Breslauer Theater verpflichtet. Zuerst reiste ich ohne Frau und Söhne in Breslau an, um mich nach einer Wohnung umzusehen. Wie der Zufall es wollte, traf ich dort schon in der Bahnhofshalle einen Bekannten aus meiner Kieler Theaterzeit, der mich herzlich einlud, bei ihm zu wohnen, bis ich etwas Passendes für mich und die Meinen gefunden hätte.

Er brachte mich dann in eine riesengroße, feudal eingerichtete Wohnung, was mich schon erstaunte. Es stellte sich heraus, dass mein Gastgeber inzwischen eine hohe Funktion innehatte, das heißt, er war Kommissar für die Evakuierung der Juden aus Breslau. Wie er mir mitteilte, war er ›verantwortlich für deren Fortschaffung, den Abtransport‹. Ich fragte: ›Was heißt das? Abtransport – wohin?‹ Seine Antwort: ›Irgendwohin.‹ Mir dämmerte, dass Arnfelds emigrierte Tochter vielleicht auf der richtigen Spur gewesen sein könnte.

Dann kam es zu diesem entsetzlichen Gastspiel in Auschwitz, über das ich schon gleich nach Kriegsende offen gesprochen habe. Dennoch gab es danach immer wieder Fehlinterpretationen meiner Erzählungen oder falsche Zitate. Vielleicht aus Ignoranz, vielleicht aus bösem Willen. Deshalb wiederhole ich in aller Deutlichkeit nochmals, was ich seinerzeit erlebt habe.

Das Breslauer Theater wurde 1942 für eine Aufführung im KZ Auschwitz verpflichtet. Es war eine Aufführung für die Bewachungsmannschaften. Ich kann ehrlich sagen, dass 90 Prozent oder mehr meiner Kollegen nicht wussten, wohin sie fuhren. Ich gehörte zu den miesen 10 Prozent, die ahnten, was dort geschah. Nämlich, dass dort Menschen völlig unwürdig und unmenschlich behandelt wurden. Von Gaskammern haben wir allerdings nichts geahnt. So etwas konnte man sich einfach nicht vorstellen.

Ich schätze, dass zu dieser Zeit ungefähr 2000 bis 3000 SS-Angehörige in Auschwitz als Bewachungsmannschaft dienten.

Wir Theaterleute wurden in einem Gästehaus untergebracht, das direkt vor dem Haupteingang lag. Dort wurden wir von Bibelforschern bedient, die ebenfalls in Auschwitz inhaftiert waren. Zuvor hatten wir einen Revers unterschreiben müssen, wonach jedes Gespräch mit Häftlingen verboten war und Zuwiderhandeln die eigene Inhaftierung bedeuten konnte.

Von unseren Zimmern aus konnten wir das kolonnenweise Aus- und Einmarschieren der Häftlinge in ihrer gestreiften Sträflingskleidung beobachten. Sie trugen im tiefsten Winter Holzpantinen an den bloßen Füßen.

Trotz Revers sprach ich einen Bibelforscher an, der mir warmes Wasser aufs Zimmer brachte. Er antwortete nicht, wohl weil er fürchtete, ich sei vielleicht ein Spitzel. Ich versuchte auch, diesen Bibelforschern etwas zu geben. Sie haben nichts angenommen. Ihre Angst war stärker. Es herrschte eine unglaubliche, unvorstellbare Atmosphäre. Selbstverständlich nicht im riesigen Festsaal, in dem wir dann irgendeinen Quatsch spielten, Die kupferne Hochzeit oder so etwas Ähnliches. Unser Publikum, die SS-Mannschaften, amüsierte sich königlich. Danach wurde im Kasino aufgetischt. Die Ordonanzen, die bedienten, trugen blütenweiße, schicke Uniformjacken. Und wirklich, es war ganz ungeheuerlich, aber es hat einer ganzen Reihe meiner Kollegen sehr gut geschmeckt. Sie haben bei der Rückfahrt nach Breslau auch geschwärmt, wie hervorragend der französische Cognac gewesen sei, der beim Festmahl in Strömen floss. Ich sage das nicht als Anschuldigung, sondern beschreibe nur, wie gedankenlos Menschen oft reagieren, auch wenn sie mit offensichtlichem Elend konfrontiert werden. Manch einer von den Kollegen mag sich beim Anblick der Häftlingsmarschkolonnen mit dem Gedanken beruhigt haben, das seien vielleicht alles Schwerverbrecher. Eine Kollegin, zwei Kollegen und ich stellten im Kasino ein paar Fragen, um nähere Informationen zu bekommen. Die erhielten wir auch, und zwar in der Form, dass sie entweder nicht beantwortet oder ins Lächerliche gezogen wurden. Die Kollegin fragte zum Beispiel: ›Wir haben einen Zug von Häftlingen in Drillichanzügen gesehen. Draußen herrschen 12 Grad Kälte. Haben die Leute etwas darunter?‹ Worauf der zweite Kommandant antwortete: ›Aber gewiss, gnädige Frau, die Haut.‹ Das sollte witzig klingen, war aber die Wahrheit.

Das Breslauer Theater wurde zweimal zu einem Gastspiel nach Auschwitz kommandiert. Mich hat es nur ein einziges Mal getroffen. Ich musste beim zweiten Mal – Gott sei Dank – nicht mit. Eine Möglichkeit, sich zu weigern, gab es ja nicht. Eine Weigerung hätte nur bedeutet, selbst in Auschwitz eingeliefert zu werden. Und so viel Heldentum kann man von keinem Menschen verlangen.«

Borsches Mentor Arnfeld überlebte den Krieg in Theresienstadt. Nach der Befreiung holte ihn seine Tochter zu sich nach England. Von dort fahndete er sofort nach Dieter Borsche und erneuerte den Kontakt mit ihm in alter Verbundenheit. Aber wiedergesehen haben sich die beiden, zu Borsches größtem Bedauern, vor Arnfelds Tod nicht mehr.

Als die Front Ende 1944 immer näher rückte, das Breslauer Theater – wie alle anderen im Reich ebenfalls – geschlossen und die Stadt zur Festung erklärt wurde, erhielt Dieter Borsche den Gestellungsbefehl. Bis dahin war er UK gestellt, d.h. als unabkömmlich bezeichnet. Das war die militärrechtliche Kennzeichnung von Personen, die wegen ihrer zivilen Tätigkeit vom Wehrdienst freigestellt waren, z.B. Facharbeiter, Landwirte, Ingenieure, Wissenschaftler oder auch Künstler, deren Wirken zur »Stimmungsaufhellung« der Bevölkerung beitragen konnte.

Alles Weitere in Dieter Borsches eigenen Worten:

»Ich hatte in Breslau-Bischofswalde für meine Familie ein zauberhaftes Reihenhaus in einer Gartensiedlung gekauft mit einem hübschen Garten und Obstbäumen drin. Meine Frau Uschi hatte es liebevoll eingerichtet mit schönen Antiquitäten wie uralten Danziger Schränken und Truhen. Bevor ich also an die Front musste, wollte ich noch meine Frau und unsere drei kleinen Söhne – Kai, geboren 1937 in Kiel, Peter, geboren 1940 in Danzig, und Michael, geboren 1944 in Breslau – in das Dorf Wölsau bei Marktredwitz im Fichtelgebirge bringen, wo auf einem Bauernhof ein Quartier für sie vorbereitet worden war. Für eine kurze Übergangszeit, dachten wir. Viel mitnehmen aus unserem Haus konnten wir natürlich nicht. Nur das Nötigste. Aber wir wollten ja nach Kriegsende zurückkehren, hatten deshalb das Häuschen auch gut abgeschlossen. Die Schlüssel haben wir lange aufgehoben. Wie ich später erfuhr, hat das Haus den Krieg gut überstanden, aber wir sahen es nie wieder.

Mit Ruth Leuwerik in dem Film Königliche Hoheit (1953)

© Privatarchiv Dieter Borsche

Eine kurze militärische Ausbildung hatte ich schon zu Friedenszeiten erhalten. Die aber lag schon Jahre zurück. Ich hatte noch nie eines der neuen Gewehre in Händen gehabt. Aber das spielte nun keine Rolle mehr. Wir waren ›das letzte Aufgebot‹. Mein Fronteinsatz verlief kurz, doch nicht schmerzlos. Wir wurden in Güterwagen nach Düren bei Aachen verfrachtet. Es war Abend, als wir ausstiegen, um noch ein paar Kilometer bis zur Front zu marschieren. Es wurde Nacht, und plötzlich stießen wir auf Amerikaner. Die erschraken offenbar genauso wie wir. Es kam zu einer wilden Schießerei. Alles brüllte durcheinander. Dann zogen sich beide Seiten zurück.

Ungefähr vier Wochen später sahen wir amerikanische Panzer anrollen. Wir hatten in unserer Einheit keine telefonische Verbindung mehr nach hinten. Ich erhielt den Befehl, als Melder zurückzulaufen, um einen Artillerie-Beobachter in seinem Kübelwagen vom bevorstehenden Angriff zu verständigen. Die Amerikaner sahen mich wie einen Hasen über freies Feld rennen und feuerten mit Granaten auf mich. Ich hatte Glück, wurde nur durch Splitter verletzt und fiel direkt vor den Kübelwagen des Ari-Beobachters. Der wollte nichts wie weg, hätte mich aber dabei überfahren müssen. Das tat er nicht, sondern schmiss mich – tschak – in seinen Wagen und brauste mit Karacho durch das unter Beschuss liegende und brennende Dorf und von dort weiter, bis wir in Sicherheit waren.

Ich war einer der wenigen Überlebenden dieses Angriffs, denn zu dieser Zeit wurde auch bei den Amerikanern im Hürtgenwald hin und wieder kurzer Prozess gemacht. Man hielt sich nicht lange mit Gefangenen auf. Ich aber kam ins Lazarett, wurde zweimal operiert und konnte als Genesender zu meiner Familie zurückkehren.«

MAX SCHMELING

Max Schmeling (* 28. September 1905 in Klein Luckow bei Prenzlau in der Uckermark, † 2. Februar 2005 in Hollenstedt/Nordheide) ist eine deutsche Legende. Er war Deutschlands berühmtester und beliebtester Boxer, wurde als Weltmeister im Schwergewicht auch international zum Begriff.

»Ich dachte nicht, dass Hitler so dumm sei, einen Krieg zu beginnen!«

Die 100 hätte Max Schmeling gerne noch erreicht. Aber diesen letzten Wunsch hat ihm der liebe Gott, von dessen Existenz er nicht ganz überzeugt war, leider abgeschlagen. Deutschlands größtes Sportidol, längst zum lebenden Denkmal geworden, ist neun Monate zuvor im Alter von 99 Jahren gestorben.

Die Nationalsozialisten wollten ihn gerne vereinnahmen. Aber das ließ er nicht zu. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms gelang es ihm, auf dem schmalen Grad zwischen Selbsterhaltungstrieb und verdecktem Widerstand gegen das gewalttätige Regime die Balance zu halten. Sprich: ein anständiger Mensch zu bleiben, dem verfolgte Freunde viel verdankten.

Schmeling, der Uckermärker, ein untadeliger Sportsmann, der nie einen Tropfen Alkohol trank oder gar rauchte, war schon 1926 Deutscher Meister im Halbschwergewicht geworden, 1927 Europameister im Halbschwergewicht. Am 4. April 1928 schlug er im Sportpalast den Deutschen Meister in der Schwergewichtsklasse, den Berliner Franz Diener, nach Punkten. Damit hatte er die Deutschen Meisterschaften aller Klassen errungen. Der Weg ins Boxer-Mekka USA stand ihm offen.

Schmeling nahm sich drüben Joe Jacobs als Manager, Sohn jüdischer Einwanderer aus Ungarn, der ihn der New Yorker Presse als »Der schwarze Ulan vom Rhein« vorstellte und »Maxe« einschärfte: »Du musst jeden Tag in der Zeitung stehen.« Jacobs verschaffte ihm am 23. November 1928 seinen ersten Kampf in Amerika. Dabei schlug Schmeling den Gegner Joe Monte in der 8. Runde k. o.. »What a right hand!«, hieß es nun bewundernd in der US-Presse. Schmeling verdankte seine Siege ja nicht nur seiner intelligenten Technik, sondern – vielleicht sogar vor allem – der ungeheuren Kraft seiner schnellen, treffsicheren rechten Hand.

1930 errang er erstmals den Titel eines Weltmeisters in der Schwergewichtsklasse. Die US-Presse nannte ihn respektvoll »The German Killer«. In der Heimat entdeckte man den Modellathleten als Filmstar. Die Terra Filmkunst gab ihm ohne Talentprobe die männliche Hauptrolle in Liebe im Ring. Die schauspielerischen Aufgaben waren bei seinen berühmten Partnerinnen Renate Müller und Olga Tschechowa in guten Händen. Aber der gerade 25-jährige und blendend aussehende »Maxe« machte auch auf der Leinwand gute Figur. Kühn gab er im Film sogar das eigens für ihn komponierte Lied »Das Herz eines Boxers« zum Besten, allerdings eher als frühen »Rap«, denn Schmeling sprach mehr, als er sang. Auch die Schallplatte mit seinem Song verkaufte sich wie geschnitten Brot.

Aber der mächtige Boxverband NYSAC akzeptierte den Deutschen nicht als Boxweltmeister, weil er den Sieg durch Disqualifikation seines Gegners errungen hatte. Doch schon ein Jahr später verteidigte Schmeling seinen Titel bei einem weiteren Kampf in den USA. Er war nun unangefochtener Weltmeister aller Klassen. Der erste und einzige Deutsche, dem das je gelungen ist.