Ich kann, du kannst, Erkan - Inga Liebig - E-Book

Ich kann, du kannst, Erkan E-Book

Inga Liebig

4,8
8,99 €

Beschreibung

"Winter, Winter, Winter, Sommer", zählt Ibrahim die vier Jahreszeiten auf, und beim Versuch "Kirsche" und "Kirche" unterscheidbar auszusprechen, lachen sich alle schlapp. In der Deutschklasse von Frau Liebig sind die Nationalitäten bunt gemischt. Und wenn hünenhafte Metallarbeiter und Ü50-Kopftuchmuttis die Sprache der neuen Heimat lernen, erfährt man nicht nur sehr viel über die Geflüchteten selbst, schnell geht es auch um die heiklen Dinge des Lebens wie Religion, Politik oder Swinger-Clubs. Sie lachen, sie diskutieren und sie wundern sich über das Leben in der neuen Heimat. Nur langweilig wird es nie, denn wenn Kulturen aufeinandertreffen ist immer was los.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 308




Inhalt

CoverTitelImpressumEinleitung Das fliehende KlassenzimmerLektion 1 »Ist das was Sexuelles?«Lektion 2 Von Strebern, Mauerblümchen und UnruhestifternLektion 3 Viele Essen, viele LiebeLektion 4 Deutsche Sprache ist wie MathematikLektion 5 Fastenbrechen mit Snickers und BananeLektion 6 Fragen wir mal GottLektion 7 Diktatoren im UnterrichtLiteraturverzeichnisDanke

INGA LIEBIG

Ich kann, Du kannst, Erkan

MIT FLÜCHTLINGEN IM KLASSENZIMMER

BASTEI ENTERTAINMENT

Deutsche Erstausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Die Urheberin oder den Urheber des Zungenbrechers auf S. 188–189 konnten wir trotz sorgfältiger Recherche nicht ausfindig machen. Wir freuen uns, wenn sie oder er sich beim Verlag meldet.

Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titelillustration: © www.buerosued.de

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Datenkonvertierung E-Book:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-3073-1

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Einleitung Das fliehende Klassenzimmer

Wenn ich abends von der Arbeit nach Hause komme, bin ich einmal um die Welt gereist und habe dabei nur Deutsch gesprochen. In meinen Integrationskursen sitzen Menschen aus Syrien, Indien, China, Brasilien, Äthiopien, Polen und anderswo, die nach sechs Monaten als möglichst voll integrierte Zuwanderer von der Schule abgehen sollen. In dieser Zeit bringe ich ihnen die deutsche Sprache bei, und sie bekommen einen Crashkurs in deutscher Geschichte und gesellschaftlichen Normen.

Manchmal habe ich das Gefühl, bei null anfangen zu müssen. Als ich einmal eine Klasse Pakistanis unterrichtete, sprang ein Schüler am dritten Tag zornig auf und machte mir radebrechend klar, dass ich doch hätte sagen müssen, dass sie mitschreiben sollen. Jetzt wären sie bei den Hausaufgaben aufgeschmissen. Ich war perplex. Manche, das wurde mir schnell klar, hatten noch nie in ihrem Leben eine Schule besucht, geschweige denn systematisch eine Fremdsprache erlernt. Inzwischen habe aber auch ich kapiert, dass ich meine Schüler behandeln muss wie am ersten Schultag in der Grundschule. Ich lobe und kontrolliere, lasse sie Verhaltensregeln aufstellen, schlichte Streits. »Bitte schreiben Sie das jetzt auf!« ist ein Standardsatz von mir geworden.

Die Integrationskurse werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) finanziert. Es gibt sie überall in Deutschland, denn alle Empfänger von Sozialleistungen, die zu schlecht Deutsch sprechen für den Arbeitsmarkt, müssen teilnehmen. Derzeit sitzen viele Kriegsflüchtlinge in solchen Kursen, zu einem großen Teil bestehen sie aber auch aus EU-Bürgern, Spätaussiedlern oder Menschen aus Südamerika, Afrika oder Asien, die wegen des Studiums, der Arbeit oder der Liebe nach Deutschland gekommen sind. Einige meiner Schüler sind auch Selbstzahler, zahlen also einen Anteil des Kursentgelts aus eigener Tasche, weil sie Deutsch lernen wollen. Bis vor Kurzem mussten Flüchtlinge oft mehrere Jahre darauf warten, einen Deutschkurs belegen zu dürfen, weil abgewartet werden musste, wie der Asylbescheid ausfällt. Inzwischen hat man eingesehen, dass die Behörden mit der Abarbeitung dieser Entscheidungen hoffnungslos überlastet sind, weshalb beispielsweise Flüchtlinge aus Syrien – solche mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit – relativ rasch nach ihrer Ankunft eine Eingliederungsvereinbarung unterschreiben und dann in meinen Kursen landen.

Das Interessante an meinem Job ist, dass ich mit Menschen zu tun habe, die oft ganz andere Biografien haben als jemand, der in Deutschland aufgewachsen ist, und die unser Land daher auch ganz anders wahrnehmen. Neue Eindrücke verlangen danach, dass man über sie spricht. Das geht jedem von uns so, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, und das geht insbesondere den Menschen so, die vor einem Krieg ohne absehbares Ende aus ihrer Heimat geflüchtet sind und sich nun in einer unbekannten Gesellschaft wiederfinden, die sofortige Assimilierung verlangt, aber kaum bereit ist, über diesen Prozess zu diskutieren.

In einer Zeit, in der lieber übereinander als miteinander gesprochen wird, halte ich es für nützlich, einen kleinen Einblick in meine und die Welt vieler Neuangekommener in Deutschland zu geben. Mit »Ich kann, du kannst, Erkan« soll der sehr dogmatischen Debatte über Integration ein bisschen Humor hinzugefügt werden.

Lektion 1»Ist das was Sexuelles?«

»Ich gehe in die Museum!« Hameds dunkle Augen strahlen mich an. Ein Lächeln von Ohr zu Ohr.

Kaum merklich ziehe ich die Augenbrauen hoch. Das ist schon so eine Art Code, den alle meine Schüler verstehen: der Artikel!

»Ich gehe in den Museum!?«, schiebt Hamed hinterher, noch genauso laut und bestimmt, aber doch mit einem Anflug von Unsicherheit in der Stimme.

»Hamed«, sage ich und gehe rückwärts zur Tafel. »Mu-se-um«, dabei betone ich langsam jede einzelne Silbe. »Zu welcher Gruppe gehört das Nomen?«

An der Tafel stehen drei Wörter:

Das Tumchenmamentumlein

Die Heitungkeiteischafttionitätik

Der Iglingorismus

Was wohl kaum ein deutscher Muttersprachler ohne Stottern über die Lippen bekommen würde, können die Ausländer, die ich unterrichte, auswendig. Diese sogenannten Quasiwörter haben sich inzwischen genauso in ihren Wortschatz eingebrannt wie »Aufenthaltserlaubnis« oder »Sehenswürdigkeit«. Wenn man sie auseinandernimmt, bestehen Tum-chen-ma-ment-um-lein, Heit-ung-keit-ei-schaft-tion-ität-ik und Ig-ling-or-ismus aus lauter Suffixen, also Endsilben, anhand derer man sich zumindest ein bisschen im Dschungel der deutschen Artikel orientieren kann. Mu-se-um zum Beispiel, sage ich und tippe dabei auf die Tafel, genau auf die Silbe -um im Tumchenmamentumlein, gehört zur neutralen Gruppe. Das Tumchenmamentumlein eben.

»Ah ja«, sagt Hamed. »Also einfach, ich gehe in das Museum!«

Nachdem Hamed begriffen hat, welcher Artikel zu Museum passt, und es zur Pause geklingelt hat, kommt Yasmin, eine junge Türkin, zu mir und fragt mich mit roten Wangen und niedergeschlagenem Blick, ob sie kurz unter vier Augen mit mir sprechen könne.

»Na klar«, antworte ich. »Was gibt es denn?«

»Mein Mann …« Sie druckst herum. »Er hat eine SMS von einer Arbeitskollegin bekommen. Sie startet mit: ›Mein lieber Deniz …‹«

»Ja?«, frage ich unsicher nach, weil sie schweigt und ich nicht verstehe, worauf sie hinauswill.

»Mein lieber Deniz«, flüstert sie, und ich merke, dass es ihr sichtbar unangenehm ist. »Ist das … ist das was Sexuelles?«

»Nein, was denkst du?« Ich lache auf, fange mich aber gleich wieder. »Im Ernst, das ist eine ganz normale, freundschaftliche Anrede in Deutschland.«

Integrationskurse sind nicht einfach Sprachkurse. Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern ist ein anderes als an »normalen« Schulen. Wir verbringen viel Zeit miteinander, fast jeden Tag bis zu fünf Stunden, und sprechen nicht nur über die Sprache, sondern über alle möglichen Dinge, über Beziehungen, Probleme mit Behörden oder mit der Familie. Daher erfahre ich oft Dinge über meine Schüler, die viele Deutsche nur ihren engsten Freunden anvertrauen würden.

Mein Klassenraum ist ein kultureller Schmelztiegel. Hier belehrt der Tunesier die Bulgarin darüber, dass Nicken in Deutschland »Ja« bedeutet, und eine Brasilianerin diskutiert mit einer Türkin die Angebote der aktuellen Unterwäschekollektionen in den KiK- und C&A-Prospekten.

Nachdem ich Yasmin beruhigt habe und nach der Pause die Artikel von Haltung, Eigenschaft, Aktion, Lehrling und Eigentum abgefragt habe, schlägt das Lehrbuch »Joghurt« vor.

»Ich esse hmhmhm Joghurt«, rufe ich, wobei »hmhmhm« oder auch wahlweise ein singendes »lalala« den Schülern verdeutlichen soll, dass sie an dieser Stelle ein Wort einsetzen sollen. »Wer will? Igor?« Igor ist gut bei Artikeln, da kann ich mir relativ sicher sein, dass es ohne Probleme abläuft und ich schnell weitermachen kann.

»Ich esse den Joghurt«, antwortet er dann auch, aber zu früh gefreut. Ich glaube, Yasmin hat nur darauf gewartet, denn kaum hat Igor seinen Satz beendet, schreit sie: »Aber mein Nachbar sagt immer das Joghurt!«

»Stimmt«, antworte ich. »Man kann beides sagen. Aber der Joghurt ist richtiger.«

Warum sich Yasmin mit ihrem Nachbarn immer über Joghurt unterhält, würde mich allerdings auch mal interessieren.

Die vielen Regionen in Deutschland mit ihren Dialekten sind beim Erlernen der Sprache ein Fluch.

Wir Muttersprachler können eventuell diese zwei Varianten noch akzeptieren, für Deutschlernende sind sie unverständlich und verwirrend. Früher habe ich bei solchen Problemen oft gesagt: »Deutsch ist nicht immer logisch. Aber keine Panik, wir schaffen das schon.« Bis mir Hamed, der kluge syrische Kommunikationsingenieur aus meinem Kurs, nahelegte, auf diesen Spruch besser zu verzichten, womit er total recht hat. »Deutsch ist nicht immer logisch«mag zwar richtig sein, sendet aber eine negative Botschaft aus. »Keine Panik« verstärkt noch die Verwirrung, denn was kommt von diesem Satz an, was bleibt hängen? Panik! Viele unbedarfte Aussagen können die Schüler regelrecht verschrecken. Dabei gefiel mir das Wort Panik so gut, weil es ein internationales Wort ist und deshalb leicht verständlich, auch auf A1-Niveau.

Als ich nun mit Dutzenden Beispielen erklärt hatte, wie nützlich es sei, sich das Tumchenmamentumlein zu merken, guckt Yasmin einige Minuten sinnend auf die Tafel und sagt: »Und was ist mit Irrtum?«

Ja, was ist mit dem Irrtum? Da ist den Machern des Tumchenmamentumleins beim Erdenken dieses schönen Wortes natürlich kein Irrtum unterlaufen. Nicht jede Abweichung findet Platz in solchen Regeln. »Deutsch hat immer Ausnahme«, grummelt Igor, womit alle anderen Schüler offenbar augenblicklich ruhiggestellt sind. Keiner fragt mehr nach, keiner stellt meine Lehrmethoden aufgrund Yasmins Einwurf infrage. Es ist, als hätten sie alle innerlich genickt und sich gesagt: »Ja, Deutschlehrerin zu sein, das ist auch wirklich nicht einfach!«

Wenn man korrekt ist, bin ich allerdings gar keine Deutschlehrerin. Zumindest nicht so eine Lehrerin, wie man sie aus der Schule kennt. Ich bin DaF-Lehrerin, das heißt, ich habe Deutsch nicht auf Lehramt studiert, um dann später Kinder zu unterrichten, sondern Deutsch als Fremdsprache (DaF), eine Qualifikation, um erwachsenen Ausländern Deutsch beizubringen. Damit kann man beim BAMF einen Antrag einreichen, um zur Integrationskursleiterin ernannt zu werden, eine »wichtige Aufgabe«, die, wie das Ministerium nicht müde wird zu betonen, »eine Schlüsselrolle bei der Integration von Zuwanderern« darstellt.

Ich zitiere diese Stellen aus meinem Zulassungsschreiben nicht aus Eitelkeit, sondern um zu verdeutlichen, wie weit Anspruch und Wirklichkeit für uns Lehrer auseinanderklaffen. Viel davon hängt mit der gefühlten Geringschätzung unserer Arbeit zusammen, aber auch inhaltlich hat uns kein Studium auf das vorbereitet, was auf uns zukommt. Ich weiß noch, wie ich vor etwa fünf Jahren voller Enthusiasmus meinen Uni-Abschluss in den Händen hielt. Ich würde keinen 08/15-Job machen, dachte ich mir. Ich würde Flüchtlingen helfen, ihnen bei der Eingliederung zur Seite stehen und dazu noch das machen, was ich liebte: Deutsch unterrichten. Dafür fühlte ich mich gut ausgebildet. Heute glaube ich nicht mehr, dass das Studium so besonders hilfreich war.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich ein Referat über die Stellung des Verbs in der deutschen Sprache ausarbeiten musste. Ich ging zur Tafel und sprach in einem irren Tempo, ohne Luft zu holen, folgende Worte: »Das Verb steht immer an Position zwei, außer wenn das Verb trennbar ist, dann kommt das Präfix ganz an den Schluss des Satzes, sollte der zu bildende Satz jedoch ein Nebensatz sein, kommt das ganze Verb ans Satzende, dann bleiben trennbare Verben natürlich auch zusammen, allerdings gibt es auch Nebensätze, bei denen das Verb doch an Position zwei kommt, etwa wenn die Sätze mit Konnektoren und Konjunktionen beginnen, dann rückt das Verb eine Stelle nach hinten, weshalb man diesen einfach die Position null gibt, dann steht das Verb wieder an zwei, wo es hingehört, das geht aber nicht mit allen Konnektoren, manche müssen einfach an Position eins, dann ist das Verb eh auf Position zwei …«

Dabei tippte ich mit dem Zeigestab hektisch nacheinander auf die vorbereiteten Sätze an der Tafel:

Ich trinke Rotwein.

Ich trinke den Rotwein aus.

Ich bin froh, wenn ich Rotwein trinke.

Ich bin traurig, weil meine Freundin den Rotwein alleine austrinkt.

Ich bin unglücklich, denn sie trinkt den Rotwein viel zu oft alleine.

Trotzdem trinke ich mehr Rotwein als sie.

In der letzten Reihe kicherte Julia vor sich hin, mit der ich mir am Abend zuvor leicht angetrunken diese Beispielsätze ausgedacht hatte.

»… beim Imperativ und Ja/Nein-Fragen steht das Verb zudem immer am Satzanfang, und zu guter Letzt gibt es auch noch die Modalverben, die zwar auch an Position zwei stehen, aber noch einen Infinitiv am Satzende brauchen.«

Wieder tippte ich rasch auf die vorbereiteten Sätze, in der Hoffnung, dass ich diesen peinlichen Auftritt bald hinter mir haben würde.

Trink den Wein alleine!

Trinkst du den Wein alleine?

Sie muss den Wein alleine trinken.

Inzwischen bin ich mitten im wirklichen Lehrerinnendasein angekommen, in dem sich diese und andere akademische Weisheiten nur als zeitfressende Farce herausgestellt haben. Was mir damals im wissenschaftlichen Kontext so klar und einleuchtend erschien, führt im Alltag zu den größten Schwierigkeiten. Natürlich kann ich meiner Klasse diese Verbstellungen nicht alle auf einmal beibringen. Selbst wenn ich das Stück für Stück, Tag für Tag mache, stöhnen sie und fühlen sich an der Nase herumgeführt, was ich auch irgendwie verstehen kann. Es gibt einige wissbegierige Schüler in meinem Kurs, die wirklich alles ganz genau wissen wollen – was die Sache nicht immer einfacher macht.

In meinem Vormittagskurs, den ich drei Mal die Woche von 8.30 Uhr bis 13 Uhr unterrichte, sitzen Menschen jeden Alters und aller möglichen Nationalitäten. Vorne rechts neben meinem Pult sitzt Igor, der Russe. Nach seinen eigenen Worten ist er Soldat gewesen und außerdem Psychologe. Sein Oberkörper ist muskulös, die Haut kalkweiß, geradezu transparent, und auf der Stirn seines Glatzkopfs sehe ich jeden Morgen den Abdruck der Wollmütze. Igor ist ein Überkorrekter, was man unter anderem daran merkt, dass er die Fehler, die ich manchmal in seinem Heft anstreiche, so ausradiert oder mit dem Tintenkiller löscht, dass man weder den Fehler ahnen noch meinen Kommentar erkennen kann. Wenn ich in den Unterricht komme, sitzt er da und schaut auf seine Uhr. Ich erklärte nämlich einmal im Unterricht, zu welcher Uhrzeit man welche Begrüßung benutzt.

»Morgens sagt man ›Guten Morgen‹«, dozierte ich und schrieb dabei die Grußformel an die Tafel.

»Tagsüber sagt man ›Guten Tag‹«, fuhr ich fort, »und abends dann ›Guten Abend‹.«

»Was sage ich um 17 Uhr?«, wollte Igor daraufhin mit seinem schweren russischen Akzent wissen.

Ich überlegte ein bisschen und sagte dann: »Guten Tag.« Es war schließlich zu dem Zeitpunkt auch Sommer, draußen war es heiß und vor allem um 17 Uhr noch sehr hell. Außerdem schreibt mein Lehrbuch es so vor. Für die ganz Genauen liefert es die exakten Zeiten mit. Ab 11 Uhr ist es vorbei mit dem Guten-Morgen-Gruß, und ab 18 Uhr sagt man laut Buch »Guten Abend«. Eigentlich sind wir Deutschen da flexibel. Man sagt, wonach man sich fühlt, im Norden kann auch um 18 Uhr gern noch mit »Moin Moin« gegrüßt werden, und wenn es nach meiner lieben Oma geht, sagt man ab 15 Uhr schon »Guten Abend«. Das wird im Buch natürlich nicht so klar, aber Igor war glücklich – er hatte ein Schema, an das er sich halten konnte.

Zwei Wochen später kam die Polin Beata wie so oft zu spät in den Unterricht.

»Guten Morgen, Beata«, grüßte ich sie. Es war an diesem Tag dunkel und ungemütlich draußen, und Beata sah aus, als wäre sie eben erst aus ihrem Bett gekrochen.

Igor schaute auf seine Armbanduhr, fixierte mich und korrigierte bestimmt: »Guten Tag!« Es war schon nach 11 Uhr.

Seitdem guckt Igor immer demonstrativ auf die Uhr, wenn jemand zu spät in die Klasse kommt und von mir begrüßt wird, als würde er nur darauf warten, dass ich wieder einen Fehler mache. Denn mich in Verlegenheit bringen, das kann er wirklich gut. Einmal nahm mich Frau Lemberg, die Sekretärin der Schule, zur Seite und sagte:

»Frau Liebig, gerade komme ich mit Igor aus dem Aufzug.« Sie hat so einen meckernden Tonfall, wie ihn Menschen leicht bekommen, die ihr ganzes Leben alleine in einem Büro sitzen und die es im Grunde nur mit Beschwerden und unzufriedenen Schülern und Lehrern zu tun haben.

»Ja?«, fragte ich interessiert zurück, weil ich mir Igor und Frau Lemberg wirklich sehr gut zusammen im Aufzug vorstellen konnte. Miss Piefig und Rambo, ein Traumpaar.

»›Wie geht es Ihnen, Igor?‹, habe ich ihn gefragt. Und wissen Sie, was er geantwortet hat?«

»Nein?«

»›Alles in Butter!‹, hat er gesagt«, dabei machte Frau Lemberg Igors Akzent so perfekt nach, dass wir beide darüber lachen mussten. »Was bringen Sie Ihren Schülern überhaupt bei?«

Von mir hatte er das zwar nicht, aber das überschritt Frau Lembergs Vorstellungskraft. Später fand ich heraus, dass sich Igor eine App heruntergeladen hat, die ihn stets mit Redewendungen füttert. Dank der modernen Kommunikationstechnik antwortet mein Musterschüler also fast nur noch in Floskeln.

Neben Igor, größer könnte der physische Unterschied gar nicht sein, sitzt Sami, ein etwa einen Meter fünfzig großer Tunesier, der immer ein frisch gebügeltes Hemd anhat und sich die Haare scheitelt, sodass er trotz seiner nicht einmal dreißig Jahre aussieht wie ein veritabler Bankberater. Jeden Tag baut er auf seinem Tisch geradezu eine Festung aus seinem Rucksack auf, aus der er mich mit seinem breiten Lächeln anschaut. Mit Igor hat er gemein, dass er immer alles ganz genau wissen will. Lange wusste ich über sein Privatleben nur, dass er eine Freundin hatte, die Deutsche war und von Zeit zu Zeit in seinen Erzählungen vorkam. Weil er immer so bestimmt von seiner »Freundin« sprach, war ich ziemlich überrascht, als er eines Tages gewissermaßen zugab, verheiratet zu sein, als das Thema mal wieder darauf kam, dass ich noch keinen Ehemann habe. Es ist der Klasse generell ein großes Anliegen, mich endlich unter die Haube zu bringen, ich bin ja auch schon knapp über dreißig. In den Gesellschaften, aus denen meine Schüler zumeist kommen, also schon eine steinalte Jungfer.

»Sie sind schön. Warum haben Sie kein Mann? Ich würde Sie heiraten«, kräht Yasmin von rechts hinten mal wieder ohne jeden Anlass. Das macht sie öfter, wenn sie Zeit schinden will oder schlicht keine Lust auf den Unterricht hat und sich lieber über Interessanteres, Privateres unterhalten will.

»Ich heirate nie«, antworte ich, »allein schon, weil ich kein Geld ausgeben will, wenn ich mich scheiden lassen sollte.«

Augenblicklich stehen in meiner Klasse alle Münder offen. Nur Igor sitzt versteinert da und brummelt »Wo sie hat recht, sie hat recht«.

Über den Anlass der Verwunderung habe ich mich allerdings getäuscht.

»Scheidung kostet Geld?«, schaltet sich Beata entsetzt ein. »Ich dachte, in Deutschland kann sich jeder scheiden lassen.«

Bevor ich antworten kann, ergreift Sami das Wort.

»Man muss in Deutschland ungefährlich 2000 Euro zahlen, wenn man sich scheiden lassen will. Gericht, Anwälte …«, dabei dreht er sich zur Klasse um und hebt seinen Zeigefinger. »Normalerweise teilen sich beide das, oder, Frau Inga?« Statt zu warten, stellt er dann aber schnell die Frage, die ihn anscheinend schon länger beschäftigt hat: »Aber was ist, wenn sich nur einer scheiden lassen will?«

Ich bin baff, wie präzise sich Sami plötzlich ausdrücken kann, und antworte, so gut ich es weiß. Bei den vielen Themen, die im Unterricht angesprochen werden, kann ich unmöglich alles wissen. Ich müsste mehrere Leben gleichzeitig führen, um im Detail zu wissen, wie genau eine Scheidung abläuft, wo man in Deutschland eine traditionell bengalische Hochzeit organisieren kann, welcher Telefonseelsorger Farsi spricht oder bei welchem Professor an der Uni man am ehesten einen HiWi-Job bekommt. Um die Beantwortung all dieser Fragen musste ich mich tatsächlich schon kümmern.

»Ich glaube, das mit den zweitausend Euro stimmt«, schließe ich, woraufhin ein lautes Buhen durchs Klassenzimmer geht.

»Und oft«, setzt Sami nach, »verliert man dann Aufenthaltserlaubnis.« Dabei senkt er seine Augen. In der Klasse setzt nun eine allgemeine Diskussion ein, die in allen möglichen Sprachen zeitgleich geführt wird.

»Moment mal«, rufe ich mit meiner lauten Lehrerinnenstimme. »Was Sami sagt, stimmt natürlich nur, wenn man einen deutschen Partner hat und weniger als zwei Jahre verheiratet ist.«

Wieder einmal bin ich, ohne es zu wollen, in eine unglückliche Beziehung eingeweiht worden: Sami legt los und plaudert aus dem Nähkästchen, dass er seine Frau während ihres Urlaubs in Tunesien kennengelernt hat und beide sehr verliebt waren und am Anfang auch noch alles prima gelaufen ist. Jedenfalls so halb prima, denn seine Schwiegermutter lernte er ebenfalls während des Urlaubs kennen, und die war wenig begeistert von der Liebelei, wollte sie doch in erster Linie ein paar schöne Tage mit ihrer Tochter verbringen. Damit er keine Probleme mit dem Visum bekam, heirateten die beiden Verliebten sofort, und Sami zog nach Deutschland, wo die Probleme dann losgingen: Die böse deutsche Schwiegermutter, die von Anfang an gegen die Heirat gewesen war und nicht mal zur Hochzeit kam, obwohl sie laut Sami »so viel Geld hat«, die fehlenden Freunde, die westliche Kultur, das Fleischverbot zu Hause, da seine Frau Vegetarierin ist, ihre Aufforderung, er solle doch auch während des Ramadan etwas essen, weil sie nicht allein essen wolle und man hier doch schließlich in Deutschland sei.

Einmal in Fahrt, kann Sami so leicht nichts mehr stoppen, er will das alles mal loswerden. Viele andere Gesprächspartner hat er nicht. Auch seine Familie will nichts mehr von ihm wissen, seit er eine Christin geheiratet hat. So kommt er vom Hundertsten ins Tausendste, und die Mitschüler stacheln ihn durch gezielte Nachfragen an, immer weiterzuerzählen, weil sie auf keinen Fall mehr Grammatik büffeln wollen. Also erläutert Sami, dass das junge Paar schließlich zu einer »Therapistinnenfrau« ging, was ihm zuerst gar nicht passte.

»Aber jetzt«, erklärt er, »ich finde es gut. Wenn Probleme in Tunesien, niemand ist da. Hier spricht Therapistinnenfrau. Und die sagt, dass meine Freundin schuld ist.«

In der Pause kann ich selten ungestört meinen Kaffee trinken. Oft kommt Beata zu mir, die lebenslustige, hübsche Polin, die mit ihren hauptsächlich roten Kleidern immer für einen Farbklecks in der ansonsten recht einfarbig-beigen Klasse sorgt, oder Kelly, die Brasilianerin, die aussieht, als würde sie direkt von der Copacabana kommen, und meist auch in etwa so viel anhat, heult, weil ihr neuer deutscher Freund doch nicht so toll ist wie erwartet: »Zu wenig Passione … äh, wie sagt man auf Deutsch? Leidenschaft!« Kelly hat blonde Haare und große Brüste und ist nicht unbedingt die Klügste im Kurs. Auch nach zwei Wochen im A1-Kurs sagte sie noch »Ich heiBe Kelly«, weil ihr der Buchstabe ß vollkommen unverständlich war. Oft versucht sie, portugiesische Wörter einfach deutsch auszusprechen, in der Hoffnung, dass es schon so passen wird.

Das genaue Gegenteil ist Ipek Günes, die gerne hinten im allerletzten Eck sitzt und über die ich einfach überhaupt nichts in Erfahrung bringen kann. Ipek spricht nämlich auch nach drei Monaten kein Wort Deutsch, und damit meine ich wirklich kein Wort. Ipek hat ein kleines Baby, das sie ursprünglich mit in den Kurs nehmen wollte, was aber verboten ist. Daher nimmt sie zu jedem Unterricht ihre Cousine mit, die dann die ganze Zeit über mit dem Baby vor der Tür warten muss. Wenn das Kind anfängt zu schreien, rennt Ipek schnell raus und kümmert sich darum.

Peinlicherweise habe ich sie in der Anfangszeit des Kurses mit Günes angesprochen, weil ich irgendwie dachte, dass auf meiner Liste Vor- und Nachname vertauscht sind. Bis nach ein paar Wochen, pünktlich zum neuen Modul, Erkan zum Kurs stößt. Es kommt oft vor, dass ich mitten im Kurs neue Schüler bekomme. Arbeitslosigkeit, Asylantrag und Krankheit richten sich nun einmal nicht nach den offiziellen Schulzeiten. Die Neuankömmlinge machen dann einen Einstufungstest und werden von der Sekretärin Frau Lemberg in den entsprechenden Kurs gesetzt.

Nachdem ich Erkan begrüßt und etwas ausgefragt habe, wende ich mich kurz Günes zu.

»Günes«, sage ich zu ihr, »wie geht es Ihnen?«

Immer wenn ich sie etwas frage, lächelt sie mich mit ihren rehbraunen Augen nur an und sagt: »Baby!« Das ist ungelogen das einzige Wort, das ich je aus Günes’ Mund gehört habe, egal was ich sie auch frage. Einmal traf ich sie in der Pause vor der Schule und fragte: »Günes, warum sind Sie so spät?«

Als Antwort kam nur: »Baby!«

Aber diesmal kommt Günes gar nicht dazu, »Baby!« zu sagen, weil Erkan laut losprustet.

»Was ist so komisch?«, frage ich ihn.

»Sie heißt nicht Günes«, antwortet er. »Günes ist kein Name.«

Es dauert einen kurzen Moment, bis ich verstehe, dass sich Erkan nicht über mich lustig machen will.

»Heißt sie etwa Ipek?«, frage ich, und Erkan nickt. Also habe ich sie bislang immer falsch angesprochen, ohne dass jemand etwas gesagt hat. Nicht einmal Yasmin, die ja ebenfalls Türkin ist und es eigentlich hätte wissen müssen! Ich merke, dass ich knallrot werde, aber Günes scheint es nicht zu interessieren. Als ich sie um Verzeihung bitte, sagt sie nur: »Baby!«

Der Kurs mit Yasmin, Erkan und Sami ist mein erster im Wedding. Nach meinem Umzug nach Berlin hatte ich nur im beschaulich-bürgerlichen Wilmersdorf unterrichtet, aber da ich dort keine Festanstellung bekam, musste ich mir noch einen zweiten Auftraggeber suchen, damit mir das Finanzamt nicht wegen Scheinselbstständigkeit auf die Pelle rücken konnte. Dabei träume ich oft davon, wie viel einfacher alles wäre, wenn sich meine ganze Lehrtätigkeit nur an einer Schule abspielen würde.

Die Schule im von Migranten geprägten Arbeiterbezirk Wedding befindet sich im selben Haus mit einer Moschee, einer Physiotherapiepraxis, einem Frauenladen und einem Kindergarten. Treppenhaus und Klassenzimmer machen einen verlebten Eindruck. An meinem ersten Tag eröffnet mir die Sekretärin gleich, dass es so viele Anmeldungen gibt, dass sich die Schule entschieden hat, zwei Kurse zu bilden. Dadurch ändern sich allerdings die vorher abgesprochenen Zeiten für mich.

Mist, denke ich, hoffentlich kann ich mit meiner Kollegin in Wilmersdorf Kurse tauschen, sonst habe ich ein Problem, weil ich zur selben Zeit an zwei verschiedenen Schulen eingeteilt bin. Die ständige Planerei der Woche zehrt manchmal schon an den Nerven. Einen Kurs unterrichtet man hier in Berlin nicht allein, wie ich es vorher an einer kleinen Schule in Bayern machte. Hier teilen sich zwei Lehrer einen Kurs, was eine Übergabe an den Kollegen bzw. die Kollegin erforderlich macht: Welche Aufgaben wurden erledigt, wie ist man vorangekommen, was waren die Hausaufgaben? Das ist Zeit, die man irgendwie noch in seinen Arbeitstag einplanen muss und die einem niemand bezahlt. Aber das Zwei-Lehrer-Prinzip halte ich für gut, schließlich sollen sich die Schüler an verschiedene Stimmen und Sprechgeschwindigkeiten gewöhnen. Auch für die Lehrer ist ein bisschen Abwechslung wirklich ganz gut, und man hat nicht das Gefühl, die Verantwortung allein zu tragen, wenn man den Schülern mit den Briefen des Jobcenters hilft oder sie auf die Prüfungen vorbereitet.

Bei gleich zwei A1-Kursen an einer Schule schwant mir jedoch bereits im Vornherein nichts Gutes. Und so ist es schließlich auch: Ich sitze vor fünfzehn Schülern, meine Kollegin vor neun. Dabei wurden fast fünfzig angemeldet. So etwas passiert manchmal. Manche haben in der Zwischenzeit Arbeit gefunden, andere sind umgezogen, ein paar sind krank, wieder andere haben keinen Bock, und viele kommen erst am nächsten oder übernächsten Tag. Das allerdings ist ein Problem, denn wer am ersten Tag nicht unterschreibt, der braucht gar nicht wiederzukommen, das hat das BAMF entschieden. Nur eine Krankmeldung kann helfen. Sollte man tatsächlich am ersten Tag krank sein und aus Unwissen kein ärztliches Attest vorweisen können, muss man also gleich sechs Wochen warten, bis ein neuer Kurs anfängt. Das ist nicht nur für die Schüler blöd, vor allem ist es auch für die Schule nachteilig: Denn je weniger Schüler im Kurs sind, desto weniger Geld gibt es vom BAMF. Um dem vorzubeugen, sind einige der privatwirtschaftlich arbeitenden Schulen dazu übergegangen, Kurse – ähnlich wie Airlines ihre Flugzeuge – zu überbuchen oder es mit dem ersten Fehltag nicht ganz so genau zu nehmen. Bis vor ein paar Jahren war es noch so, dass die Integrationskursleiter selbst eintrugen, welche Schüler anwesend waren, was sie aus Rücksicht auf die Schüler und die zu erwartenden Leistungskürzungen wohl manchmal auch taten, wenn diese gar nicht da waren. Inzwischen ist es so, dass die Schüler selbst jedes Mal auf einer Anwesenheitsliste unterschreiben müssen, was die Situation aber nicht unbedingt verbessert hat. Oft verrutschen sie in der Zeile, oder vergessen es, die Liste weiterzugeben, sodass ich nach dem Kurs eine leere Liste habe, wenn ich nicht aufpasse. Das ist mir allerdings nur anfangs passiert, inzwischen bin ich wachsam wie ein Fuchs. Auch kommt es vor, dass sich Schüler im Lauf des Kurses eine neue Unterschrift überlegen, was man dem BAMF dann irgendwie erklären muss. Denn gerade Personen, die sich die lateinische Schrift als zweite Schrift angeeignet haben, oder Analphabeten entwickeln erst nach und nach eine Unterschrift, weil sie sich erst einmal in der neuen Schrift zurechtfinden müssen. Das BAMF vergleicht tatsächlich alle Unterschriften miteinander und geht bei kleinsten Unregelmäßigkeiten gegen die Schulen vor. Es ist nämlich so, dass der Träger für jeden Teilnehmer pro Unterrichtseinheit 3,10 Euro bekommt. Das rechnet sich für die Schule nur bei zwanzig Unterschriften pro Klasse pro Tag. Wer krank ist und folglich nicht unterschreiben kann, für den zahlt das BAMF keinen Stundensatz, außer er legt ein Attest vor. Diesem Attest muss die Schule dann hinterherrennen, weil es dem Schüler wenig wichtig ist, es ordnungsgemäß vorzulegen. Manchmal fehlen die Schüler auch unentschuldigt, etwa wenn die Kita streikt oder wenn sie Behördengänge erledigen müssen. Zudem bin ich angewiesen, Fehlzeiten minutengenau anzugeben, etwa, wenn jemand zu spät kommt oder etwas früher geht.

An diesem Tag habe ich Glück: Die beiden Kurse werden zusammengelegt, und ich und mein Kollege Christian bekommen ihn zugeteilt. Die Kollegen aus dem Parallelkurs schauen in die Röhre und sind ein für sicher gehaltenes Einkommen wieder los. Freiberufliche DaF-Lehrkraft zu sein ist so gesehen auch immer ein Risiko. Bekommt man keinen Kurs, verdient man auch nichts. Hat man aber zu viele Kurse und verdient »zu viel«, sind die Abgaben so hoch, dass sich der Mehraufwand nicht rechnet und der Steuerberater einem empfiehlt, weniger zu arbeiten. Man muss also immer einige Asse im Ärmel haben und alles gut planen – inklusive Plan B und C. Selbst wenn man eine Schule verlässt, weil es hinten und vorne hakt und der Unterricht darunter leidet, sollte man es sich mit der Leitung nicht verscherzen.

Im Wedding geht es deutlich lauter zu als bei meinen Abendkursen in Wilmersdorf. Hier sind alle sehr aufgeregt, Stimmen schwirren umher, man versucht, sich untereinander die fremden Wörter zu übersetzen, kaum einer meldet sich, bevor er etwas sagt. Dass sich viele einbringen wollen, ist tendenziell ein gutes Zeichen und sicherlich viel besser als Kurse, in denen man es mit Schülern zu tun hat, die überhaupt keinen Bock haben. Dafür muss ich hier damit kämpfen, alles in geordneten Bahnen zu halten und eine gute Balance zu erreichen zwischen Redenlassen und Korrigieren, zwischen den vorgegebenen Unterrichtszielen und einer kreativen Atmosphäre, die die Schüler in ihren persönlichen Bedürfnissen ernst nimmt.

Gerade, wenn ich das Gefühl habe, vor einer lebhaften Klasse zu stehen, versuche ich am Anfang immer, ganz besonders ruhig zu wirken. Ich spreche dann immer sehr langsam und übertrieben artikuliert:

»Guten Tag, mein Name ist Inga Liebig, ich bin Ihre Lehrerin. Herzlich willkommen im Integrationskurs!«

Das Ganze wiederhole ich gleich noch einmal und schreibe es dabei an die Tafel. Meist kann man schon an den Reaktionen sehen, wer bereits Grundkenntnisse hat. Das sympathisch wirkende junge Mädchen mit dem schwarz-weiß gemusterten Kopftuch vorne links antwortet direkt mit »Guten Morgen, Frau Lehrerin«. Das nenne ich gut vorbereitet. Der Großteil der anderen Schüler nickt nur stumm oder grüßt verhalten mit »Hallo«. In anderen Gesichtern meine ich gar so etwas wie Angst oder zumindest großen Respekt vor der kommenden Aufgabe zu erkennen.

»Wie heißen Sie?«, frage ich das Mädchen, das tatsächlich noch sehr jung wirkt.

»Ich heiße Aaliyah al-Alwani«, antwortet sie.

So gehe ich dann langsam durch die Reihen. Durch das ständige Wiederholen ergibt sich die Bedeutung und Aussprache des Satzes ganz von selbst. Manchmal stößt man dabei natürlich auch auf einen Namen, der sehr ungewöhnlich klingt.

Ich gehe zu einem jungen Mann mit einem stylishen Undercut. Er trägt eine große, rote Kastenbrille und einen grob gestrickten Pullover. Seine Beine stecken in Röhrenjeans. Schon ganz wie ein Berliner Hipster, denke ich und frage ihn nach seinem Namen.

»Ich heiße Mohannad Kalasi«, antwortet er lächelnd.

»Wie bitte?«, frage ich nach, weil ich glaube, ihn nicht verstanden zu haben.

»Ich heiße Mohannad Kalasi«, wiederholt er.

Ich bin etwas irritiert. Gibt es wirklich einen solchen Namen, Mohannad? Zusätzlich zu den mir bereits bekannten Mohammads und Mohammeds?

»Mohannad«, frage ich nach, er nickt.

»Das habe ich noch nie gehört«, erkläre ich entschuldigend. »Ist das ein verbreiteter Name? Heißen viele Menschen Mohannad?«

»In Syrien, ja, natürlich«, antwortet er. Aus der Klasse kommen in etwa genauso viele Jas wie Neins von den syrischen Schülern. Es scheint also zumindest ein bekannter Name zu sein. Später lerne ich, dass Hipster-Mohannad in Deutschland studieren will und den Integrationskurs braucht, um seinen Sprachnachweis zu erbringen.

Als Nächstes bewege ich mich auf einen verlebt wirkenden Mann zu, geschätzt um die 40, fettige Haare, speckige Kunstlederjacke, wässrige Augen und süßlicher Alkoholatem.

»Wie heißen Sie?«, frage ich ihn.

»Mein Name ist Nejeb«, antwortet er.

Das war nicht ganz die Antwort, die ich hören wollte. Ich deute auf mich und sage: »Ich heiße Inga Liebig. Und wie heißen Sie?« Dabei deute ich auf ihn.

»Nejeb«, antwortet er wieder.

Zur Verdeutlichung gehe ich zurück zur Tafel und zeige auf meinen Namen: »Inga, Vorname, Liebig, Nachname.« Dann gehe ich wieder zu ihm und sage: »Nejeb, Vorname, Nachname …«

»Nejeb«, kommt es wieder zurück. »Ich heiße Nejeb.«

Langsam fühle ich mich veräppelt: »Ihr Nachname, wie ist Ihr Nachname?«, frage ich noch einmal nach. Nejeb schweigt, anscheinend ist er unschlüssig.

Also noch mal von vorne, ganz langsam:

»Ich heiße Inga«, spreche ich vor.

»Ich heiße Nejeb«, spricht er nach.

»Mein Name ist Inga Liebig.«

»Ich bin Nejeb Nejeb«, gluckst Nejeb, und die Klasse lacht laut auf.

Ich kann es nicht fassen, aber ein Blick auf die Teilnehmerliste auf meinem Pult bestätigt, was ich eben gehört habe. Der Kerl heißt tatsächlich Nejeb Nejeb. Muss ich noch erwähnen, dass sich ihm das Konzept von Vor- und Nachname nicht so schnell erschlossen hat? Für ihn sind Hans und Müller zwei verschiedene Personen – klar, sind ja auch zwei verschiedene Namen. Dazu finde ich bald heraus, dass Nejeb Nejeb bereits seit 13 Jahren in Deutschland lebt und den Anfängerkurs zum dritten Mal wiederholt.

In meinen Kursen verwende ich immer das Hamburger Sie, wenn ich mit meinen Schülern rede. Das heißt, dass ich sie konsequent sieze, obwohl ich sie mit ihrem Vornamen anspreche, meine Schüler sich untereinander duzen und mich ebenfalls mit der etwas seltsamen Form »Frau Inga« betiteln. Das Siezen, auch wenn es bei uns inzwischen etwas aus der Mode gekommen ist, ist jedoch noch immanent wichtig, gerade bei Behördengängen und Gesprächen mit Vorgesetzten, also den Szenarien, denen meine Schüler am ehesten ausgesetzt sind. Deshalb möchte ich, dass ihnen die Höflichkeitsform in Fleisch und Blut übergeht. Es wäre ja wirklich blöd, wenn sie einen Job nicht bekommen würden, weil sie beim Bewerbungsgespräch konsequent auf du setzen. Und auch Sachbearbeiter im Amt können sehr empfindlich reagieren. Deutsche merken so etwas kaum, weil wir ganz automatisch in die Höflichkeitsform wechseln, wenn es angebracht ist.

Neben Nejeb sitzt ein arabisch aussehender Mann mit glänzender Stirn, einem kleinen Bauchansatz und einer kleinen, runden Brille mit Stahlrahmen auf der Nase.

»Wie heißen Sie?«, frage ich ihn.

»Mein Name ist Mohammad«, antwortet er.

»Oh, jetzt haben wir nicht nur einen Mohannad, sondern auch einen Mohammad«, stelle ich fest und überlege schon, wie ich die Namen auseinanderhalten soll.

»Ich heiße Mohammad Hassan al-Hussain, Hassan auch gut.«

Und grinsend fügt er hinzu: »Hassan bedeutet ›der Schöne‹.«

Daraufhin hört man ein potenziell ironisch gemeintes, schmachtendes »Ooooh« von Kelly, der Brasilianerin. Hassan lacht und gibt ihr ein Daumen-hoch-Zeichen.

Plötzlich klopft es an der Tür. Ein junger, schlaksiger Mann mit silbrig-grauem Haar tritt ein.

»Wollen Sie zu uns?«, frage ich. »In den A1-Kurs?«

Er nickt.

»Wie heißen Sie?«, frage ich.

»Mein Namen ist Mohannad al-Shakr«, sagte er etwas gestelzt auswendig gelernt.

»Mohannad?«, frage ich amüsiert. Die Klasse bricht in schallendes Gelächter aus. Mohannad wird rot und schaut sich unruhig um, bis man ihn auf Arabisch darüber aufklärt, was gerade so witzig ist. Dann lächelt auch er. Jetzt habe ich also innerhalb kürzester Zeit gleich zwei Mohannads kennengelernt.

Nun lasse ich die Schüler selbst etwas übereinander herausfinden. Dafür bekommt jeder ein Blatt Papier, in das er den Namen, das Herkunftsland und die Sprachen eintragen kann, die seine Sitznachbarn sprechen. Jetzt kann jeder durch den Raum gehen und die anderen kennenlernen. Und sie machen es wirklich gut, es macht ihnen gleich Spaß, ihre minimalen Deutschkenntnisse auszuprobieren. Es wird gelacht. Einige kommen auch zu mir und notieren sich eifrig meine Angaben.

Mit »Wie heißen Sie?«, »Woher kommen Sie?«, »Welche Sprachen sprechen Sie?« und den dazugehörigen Antworten hat man schon ziemlich viel gelernt und kann eine kleine Konversation halten. Die Frage »Wo wohnen Sie?« kann allerdings schon manchmal unangenehm werden, wie im Fall des Syrers Nidal, der darauf trocken antwortet: »Ich wohne im Lager.«

Das drückt die Stimmung immer ein bisschen, da sich viele an ihre erste – unschöne – Zeit in Deutschland erinnert fühlen. Natürlich heißen die Flüchtlingsunterkünfte nicht offiziell »Lager«, aber viele Flüchtlinge, NGOs und Wohlfahrtsorganisationen nennen sie dennoch so, weil die Lebensumstände in den Containerdörfern, den Baracken oder Turnhallen stark daran erinnern – jedem Flüchtling stehen sieben Quadratmeter »Wohnraum« zu, auch wenn von Privatsphäre bei den vielen Menschen und der Enge kaum die Rede sein kann. In Notunterkünften oder Abschiebelagern gibt es gar keine Richtlinien für individuellen Wohnraum.