Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein recht junger Mann sitzt im gemütlichen Sessel des heimischen Wohnzimmers und denkt über die Anschaffung eines neuen Segelbootes nach. Vieles geht ihm dabei durch den Kopf: Wie soll er die Ehefrau von seinen Plänen überzeugen, wie groß soll es werden, das neue Boot, wo findet er das Optimum für seinen nicht zu großen Geldbeutel? Und er erinnert sich an den Kauf seines ersten Bootes, damals in Griechenland: an die unvergessliche Motorradtour dorthin, an die aufwendige Vorbereitung der Überführungsreise des Bootes in die Heimat und an die lebensgefährliche, dramatische Segeltour von Korfu nach Deutschland und daran, wie er unverschuldet in die Läufe entsicherter italienischer Maschinenpistolen schauen musste. Nach etlichen erfolglosen Besichtigungen findet er sein Traumboot, kauft es von einem schwierigen emsländischen Apotheker, mit dem er sich zu allem Überfluss langwierig gerichtlich auseinander setzen muss und lässt den Leser auf häufig zynisch erzählte Weise an seinem nunmehr zwanzigjährigen Leben mit dieser Segelyacht teilhaben. Kurz gesagt: In diesem Buch werden runde vierzig Jahre Bootsleben durchaus kurzweilig und mit einer ordentlichen Prise selbstironischen Humors versehen, ausgebreitet.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 422
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Zu diesem Buch:
Ein recht junger Mann sitzt im gemütlichen Sessel des heimischen Wohnzimmers und denkt über die Anschaffung eines neuen Segelbootes nach. Vieles geht ihm dabei durch den Kopf:
Wie soll er die Ehefrau von seinen Plänen überzeugen, wie groß soll es werden, das neue Boot, wo findet er das Optimum für seinen nicht zu großen Geldbeutel? Und er erinnert sich an den Kauf seines ersten Bootes, damals in Griechenland: an die unvergessliche Motorradtour dorthin, an die aufwendige Vorbereitung der Überführungsreise des Bootes in die Heimat und an die lebensgefährliche, dramatische Segeltour von Korfu nach Deutschland und daran, wie er unverschuldet in die Läufe entsicherter italienischer Maschinenpistolen schauen musste.
Nach etlichen erfolglosen Besichtigungen findet er sein Traumboot, kauft es von einem schwierigen emsländischen Apotheker, mit dem er sich zu allem Überfluss langwierig gerichtlich auseinander setzen muss und lässt den Leser auf häufig zynisch erzählte Weise an seinem nunmehr zwanzigjährigen Leben mit dieser Segelyacht teilhaben.
Kurz gesagt: In diesem Buch werden runde vierzig Jahre Bootsleben durchaus kurzweilig und mit einer ordentlichen Prise selbstironischen Humors versehen, ausgebreitet.
Viel Freude bei der Lektüre!
Peter Thiemt wurde 1954 in Bad Rothenfelde geboren und lebt nach wie vor im kleinen Melle bei Osnabrück. Bis Ende 2016 war er runde 40 Jahre selbstständig unternehmerisch tätig.
Seit Übergabe der Geschäfte an seine Nachfolger genießt er einen ganz und gar nicht langweiligen Ruhestand und widmet sich vielfältigen Hobbys. Mit Segelbooten, anfangs waren es kleine Jollen, ist der Autor seit seinem 20ten Lebensjahr unterwegs.
Gewidmet ist dieses Buch in großer Dankbarkeit dem mir leider nicht namentlich bekannten russischen Frachterkapitän, der meine drei Kameraden und mich im Mai 1984 in Süditalien aus größter Seenot rettete.
Kapitel 1: Basteleien und die Grundlagen für eheliche Harmonie
Kapitel 2: Träume vom neuen Boot und Segelübungen
Kapitel 3: Frühere Träume und eine Motorradreise
Kapitel 4: Ein hässlicher Schwan auf Korfu
Kapitel 5: Endlich – das neue Boot
Kapitel 6: Es gibt Streit
Kapitel 7: Eingewöhnung auf der ›Kohinoor‹
Kapitel 8: Es wird weiter gestritten
Kapitel 9: Wer reinfällt ist nicht immer tot und der Schwan wird verkauft
Kapitel 10: Wie aus dem ›Swan of Durgerdam‹ eine ›Gallipoli‹ wurde
Kapitel 11: Das kurze Leben mit ›Gallipoli‹
Kapitel 12: Reise- und Bastelgeschichten
Kapitel 13: Allein auf Reisen und noch mehr basteln
Kapitel 14: Zurück in die Vergangenheit
Kapitel 15: Auf Korfu
Kapitel 16: Korfu ade – Italien, wir kommen
Kapitel 17: Reparaturen in Gallipoli
Kapitel 18: Weiter gegen den Wind
Kapitel 19: Reggio, viel Wind und holländische Kartoffellaster
Zugegeben, ungewöhnlich ist er schon, der Titel für dies Buch. Doch sicher ist eines: Diese Worte wurden real gesprochen und sind seitdem ›geflügelt‹ in unseren Kreisen, wie man so schön sagt. Ähnlich wie folgender Satz aus gleichem Munde: ›Wie konnte denn das passieren?‹
Aber bis wir soweit sind obiges Rätsel aufzulösen, ist es noch 'ne Weile hin, der Spannungsbogen will fein säuberlich mit allerlei Kunstgriffen versehen gespannt sein, der geneigte Leser soll vorsichtig, aber doch unaufhaltsam in Richtung skeptischen Interesses, dann verhaltener Zustimmung und zu guter Letzt unverhohlener Begeisterung getrieben werden, ein hoher Anspruch – noch mal zugegeben.
Nun erwartet man sicherlich zu Recht von einem Druckwerk, das sich im weitesten Sinne mit der Segelei beschäftigt, weniger die Benutzung der Vokabel Angst, als vielmehr Berichte über heldenhaftes Handeln, sichere Seemannschaft und das Abwettern diversester Stürme von acht Beaufort an aufwärts vor meist fremder, unbekannter Küste. Selbstverständlich ohne das übliche Kartenwerk und nachdem alle elektronischen Navigationshilfen längst ausgefallen sind.
Aus diesem Garn zumindest sind die Geschichten gestrickt, die wir so häufig während der Saison zu hören bekommen, meist ungewollt natürlich, erzählt nie von uns selbst, sondern immer am Nachbartisch beliebiger Marinarestaurants in beliebigen Hafenstädten der nördlichen Hemisphäre. Wie es in der südlichen aussieht, weiß ich offengestanden nicht. Vermutlich ähnlich.
Da werden mit Schiffen unglaublicher Dimensionen Monsterseen bezwungen, die bislang noch keinen Menschen wieder freigegeben haben, geschweige denn ein Schiff. Da werden bei Wind gegen Strom Seegatten durchsegelt, derweil man zumindest an Steuerbord die Muscheln im Schlick zählen konnte. Und unter Vollzeug gegenangebolzt, während alle anderen schon längst den Rettungskreuzer angefunkt haben oder aber zumindest vor Topp und Takel ablaufen.
Ja, das sind die Geschichten, die wir hören wollen, die unseren Erfahrungsschatz erweitern und die auch gerade deshalb gern erzählt werden. Nie eigentlich, um den Erzähler als besonders fähigen Skipper auszuweisen, denn soviel ist sicher: Bescheidenheit, Zurückhaltung und Hilfsbereitschaft sind die Tugenden, die in der heutigen Seefahrergeneration besonders groß geschrieben werden. Und eben ausschließlich jene Hilfsbereitschaft führt dazu, dass diese Geschichten erzählt werden.
Übrigens – und auch das ist erwähnenswert: Aus obenerwähnten Giganten der Meere werden im Hafenmeisterbüro beim Bezahlen des Liegegeldes gern kleine, unkomfortable Jollenkreuzer mit Abmessungen, die kaum ein Übernachten an Bord zulassen – alles eine Frage von Perspektive und Situation.
Das vorliegende Büchlein allerdings, dies sei gleich zu Beginn erwähnt, beschäftigt sich vorwiegend mit den kleinen anderen Dingen; denen, die häufig nicht besprochen werden, weil sie doch keinen Menschen interessieren. Und insofern, leider, wird vermutlich kaum eine größere Leserschar zusammenkommen um die Schreibarbeit zu rechtfertigen, die hier geleistet wird. Sei's drum, ich tu's trotzdem!
Die Geschichten sind dann eher von folgendem Kaliber, völlig unspektakulär und alltäglich. Aber – und das ist das Schöne – sie passieren immer nur anderen. Trotzdem sei diese hier, genauso wie der Rest des Buches, in der Ich-Form erzählt:
In einem früheren Sommer, lange Jahre liegt er schon zurück, alle bezeichneten ihn als völlig verregnet und wenig segelgeeignet, saßen wir auf unserem für diesen Urlaub zum Hausboot umfunktionierten Schiff in Maasholm, einem wirklich wunderschönen Dorf am Schleieingang.
Die Restfamilie machte einen Jollensegelkurs in der ortsansässigen Segelschule und war insofern ausgelastet und wenig an Bord. Ich meinerseits genoss die Stunden völliger Ruhe, die mir eine gute Woche lang beschert war und verbrachte meine Zeit mit Lesen und allerlei Bastelarbeiten, die auf Schiffen jeder Größenordnung und jeden Alters ständig anfallen.
Hin und wieder setzte ich mich zur Entspannung ins Beiboot, warf den Zwei-PS-Außenborder an und fuhr raus auf die Schlei, um der Familie bei ihren Segelübungen zuzusehen. Und selbstverständlich auch, um mich von der positiven Wirkung eines Nichtfamilienmitglieds als Segellehrer auf die Schüler zwischen elf und gut vierzig Jahren zu überzeugen.
Meine Frau hatte mich diesbezüglich schon vor Jahren belehrt:
››Du, das hat keinen Zweck. Wenn du mir das erklärst, versteh ich es doch nicht.‹‹
Unausgesprochen bedeutete das nichts anderes als: Pädagogisch bist du bestenfalls 'ne Null!
Ich selbst sehe die Sachlage anders, bin ich doch der Meinung, dass ich als langjähriger Kenner meiner Frau und Kinder am besten in der Lage bin, auf individuelle Schwächen einfühlsam einzugehen und sie besser als jeder andere fördern zu können. Immer abhängig von ihren Anlagen selbstverständlich.
Trotzdem hatte ich natürlich verhalten begeistert zugestimmt, als mir meine liebe Frau im Frühjahr eröffnete, sie würde es für gut und auch dem Ehefrieden dienlich halten, wenn sie und die Kinder einen Segelkurs in einer professionellen Segelanstalt absolvieren würden.
Aber ich schweife ab und eigentlich war ich ja gar nicht so beleidigt - wahrscheinlich hatte sie ja Recht, unsere Große fährt schon nicht mehr mit und das wird Gründe haben, die möglicherweise im Versagen der Schiffsführung zu suchen sind. Möglicherweise – nicht sicher.
Nun gut, zurück zum Thema. Ich konnte schon recht stolz auf mich sein, hatte ich doch in den vergangenen Tagen unter anderem dafür gesorgt, dass aus unserem spiritusbetriebenen Herd nicht immer wieder unkontrollierbare Stichflammen entwichen, eine meistens völlig ungefährliche Erscheinung. Dennoch hatte genau diese Eigenschaft des Herdes, ohne den sonst üblicherweise einsetzenden Gewöhnungseffekt, schon Mitreisende aus mir unersichtlichen Gründen zu panischer Flucht von Bord veranlasst. Gerade auf See kein empfehlenswertes Handeln, sind die Folgen gerade dann doch nur schwer kalkulierbar.
Es gab auch Situationen, die selbst mich aufgrund größerer Mengen aus dem Drucktank ausgelaufenen Spiritusses, der sich dann gemeinsam mit der Vorwärmflamme zu entzünden pflegte, zum Feuerlöscher hatten greifen lassen. Als letztes Mittel, gewissermaßen. So manchen Brand aber und darauf bin ich stolz, habe ich ganz ohne Verschwendung wichtiger Feuerlöschressourcen bekämpfen können.
Immer allerdings war solch ein Vorkommnis auf einen Bedienungsfehler zurückzuführen – meist von Fremdpersonal.
Ich habe also dieses System von druckbetrieben auf elektrisch umgebaut. So ist für die Zukunft dafür gesorgt, dass bei Bildung ungewöhnlich großer Flammen die Spirituszufuhr sofort unterbrochen werden kann. Sofern man denn eingeweiht ist und in der Lage, den entsprechenden, selbstverständlich versteckt eingebauten Schalter zu bedienen.
Nach solch gravierenden Erfolgserlebnissen fällt es mir oft schwer, die Arbeit einzustellen. Es drängt mich nach weiteren positiven Erfahrungen. So auch an diesem späten Nachmittag. Trotz Rückkehr meiner Lieben wollte ich eben noch unser zweites Ladegerät reparieren, es arbeitete nun schon seit zwei Jahren nicht mehr. Wir brauchen es nicht wirklich, aber es ist schön, wenn man zwei hat.
Ein echter, guter Grund für ein zweites Ladegerät sei hier erwähnt und relativiert die eben gemachte Aussage: Hin und wieder landet man in Häfen, deren Betreibergesellschaften eine ihrer vordringlichen Aufgaben darin zu sehen scheinen, für Bewegung und sportliche Aktivität ihrer Gäste zu sorgen. Diese selbstgestellte Aufgabe lösen sie virtuos, indem sie zum einen zwar Landanschlussdosen zur Verfügung stellen, in Einzelfällen perfiderweise sogar gratis, zum anderen aber diese mit Sicherungen von nur zwei Ampere Belastbarkeit versehen. Rechnen wir mal schnell: Das macht eine Entnahmemöglichkeit von ziemlich exakt 260 Watt. Kaffee kochen also ausgeschlossen, föhnen ebenso und meist auch das Aufladen der Bordbatterien, nehmen doch unsere modernen getakteten Ladegeräte sehr viel mehr Leistung auf, als eben diese 260 Watt.
Davon, dass mit uns ein grausamer Spaß getrieben werden soll, ahnen wir nach dem Anlegen nichts. Freuen uns über den Gratisstrom, ziehen unser Landstromkabel im schlimmsten Fall mit drei Verlängerungen fünfzig Meter weit zur nächsten freien Steckdose, überprüfen den Leitungsweg selbstverständlich auf mögliche Stolperstellen und kehren nach getaner Arbeit auf unser Schiff zurück. Ein Blick auf's Amperemeter sagt uns: Alles Prima, Ladestrom 25 Ampere.
Mehr zufällig sehen wir wenige Minuten später noch mal hin. Ladestrom Null. Kurz überlegen und feststellen, dass an Bord alles in Ordnung ist. Also ab, nochmal zur Steckdose. Die Sicherung wird aus irgendwelchen Gründen rausgesprungen sein. Ist so! Sicherung wieder reindrücken und zurück an Bord. Mit Glück liegen wir direkt am Steg. Dann ist der Weg erträglich. Aber als Vierter im Päckchen?
Kein Mensch kommt auf die Idee, mal auf die Sicherung zu schauen, kein Mensch. Ich jedenfalls nicht. Alles wieder okay, entspanntes Zurücklehnen, lesen oder einfach so dasitzen und dösen. Aber leider nur genau so lange, bis es aus dem Bad tönt:
››Du, Schatz, der Föhn geht nicht.‹‹
Irritierte Frage zurück:
››Wieso geht nicht? Ging doch gestern noch.‹‹
››Ja, jetzt geht er aber nicht!‹‹
Kurzer Blick zum Amperemeter:
››Wie oft hab ich dir schon gesagt, du sollst ihn nur auf kleiner Stufe benutzen. Immer das gleiche Theater.‹‹
››Und nun? Was soll ich machen? Hab völlig nasse Haare. Und du weißt doch, dass meine Frisur nur sitzt, wenn ich sie föhne.‹‹
››Iss ja gut, ich geh schon, aber stell verdammt noch mal den Föhn jetzt auf halbe Leistung. Bitte!‹‹
Im schlimmsten Fall läuft man fünf bis sechs Mal, bevor die Erkenntnis reift, dass hier etwas oberfaul ist. Und erst jetzt wirft man den schon längst fälligen Blick auf den Sicherungsaufdruck. Der Hafenbetreiber hat sein Ziel erreicht und noch viel mehr – die harmonische Grundstimmung zwischen den Eheleuten ist zumindest temporär eingetrübt!
Es sei denn, man verfügt noch über so ein altes Schätzchen, wie wir es als Zweitladegerät an Bord haben. Acht bis zehn Ampere Ladestrom, entspricht einer Aufnahme von rund 150 Watt. Damit schlägt man jedem geizzerfressenen Hafenbetreiber ein Schnippchen. Und kann allen gewohnten Komfort aufrechterhalten. Nun gut, föhnen nicht, brauch ich aber auch nicht bei meinem Kurzhaarschnitt. Nur funktionieren muss es. Und darum werde ich es jetzt eben reparieren.
››Ja mach mal, find ich gut‹‹, sagt meine liebe Frau, ››wir sind sowieso kaputt heute und setzen uns erst mal in die Plicht. Dass es nur nicht so lange dauert.‹‹
Und auf Nachfrage weiter:
››Ja ja, das mit dem Herd hast du prima gemacht. Wenn's dann auch funktioniert.‹‹
Da schwillt die stolze Brust ganz schnell ab, oder?
Es dauert tatsächlich nicht lange. Das Gerät, im Schrank unserer Heckkajüte eingebaut, ist schnell aufgeschraubt, zu Testzwecken werden die Sicherungen durch größere ersetzt, natürlich nur vorläufig, wirklich kaputt scheint nichts zu sein. Raus aus dem Schrank, war doch verdammt eng da drinnen und das Ding am Schaltpaneel eingeschaltet. Es lädt! Siehste, ging doch fix. Kurz Pause machen vor dem wieder Zuschrauben und im Salon schnell eine rauchen. Nur Sekunden später kommt von oben aufgeregt:
››Du, das stinkt ja bestialisch hier, und qualmen tut es wie verrückt.‹‹
Ein Sprung und ich bin wieder im Schrank. Alles voller Rauch. Einige Kabel glühen noch. Feine Rußpartikel schweben durch die Luft. Das war's dann wohl endgültig mit unserem Ladegerät.
Eine gute Stunde später sind alle sichtbaren Schäden beseitigt, das Gerät ist wieder zugeschraubt, als sei nichts gewesen, Schrank und Heckkajüte sind gesaugt und gelüftet, an die kleine Panne erinnert für die nächsten Tage nur noch der süßliche Geruch verbrannter Elektronikbauteile. Wir können essen gehen. Was bleibt, ist der bittere Nachgeschmack einer weiteren Niederlage im ewig erfolglosen Kampf mit der Schiffstechnik.
Wo mein Fehler lag? Ich weiß es nicht. Hab nicht mehr danach gesucht.
Bis vor Kurzem übrigens verfügten wir neben dem von mir zerstörten und wenig später ersetzten kleinen Ladegerät zusätzlich über einen leistungsfähigen Wechselrichter, der uns die häufig gewünschten 230 Volt produziert. Zu geringe Absicherungen der Stegsteckdosen konnten uns seitdem nicht mehr schrecken. Wir luden kontinuierlich mit dem kleinen Gerät und bezogen, sofern notwendig, bis zu drei Kilowatt über den Wechselrichter aus den Bordbatterien. Diese Anschaffung hat das eheliche Klima während der Saison nachhaltig verbessert. Geföhnt werden konnte jetzt immer. Und Kaffee gekocht werden auch. Zumindest wenn man mit Augenmaß vorging.
Denn, und das ist wichtig zu ergänzen: Das Ganze funktioniert nur, solange die Batterien über genügend Saft verfügen. Wird zu exzessiv geföhnt, oder werden ganze Reisegruppen mit Kaffee verwöhnt, stößt man bald an die Grenzen der Physik – dramatisch bemerkbar an vollständig entleerten Bordbatterien. Um einem solchen GAU vorzubeugen, haben wir vor zwei Jahren noch einen draufgesetzt und zusätzlich ein kleines Blockheizkraftwerk an Bord genommen. Es produziert uns warmes Wasser, Strom und bei Bedarf auch Wärme. Seitdem sind wir, wenn wir es denn wollen, gänzlich autark – das ist ein schönes Gefühl und hat die eben erwähnte eheliche Harmonie zusätzlich gestärkt.
Eigentlich war mein Plan, weit früher in der Vergangenheit anzusetzen. Betrachten wir also das Vorstehende als kleine Einleitung oder besser noch als Vorgeplänkel.
Ein anderes Boot sollte her. Groß genug sollte es sein, nicht so beengt, wie wir eines hatten. Und schön, natürlich schön. Und bezahlbar sollte es sein. Das waren die Ansprüche.
Vor nicht zu langer Zeit hatte ich mein Café verkauft. Ein wenig Geld war also da. Eigentlich geplant fürs Alter. Bis dahin aber, bis dahin ist es ja noch lange hin – sagte ich mir damals. Es müsste also gehen.
Sicher, für ein neues Schiff würde es nicht reichen – in der gewünschten Größe. So gut waren die Preise nicht für benutzte Cafés. Außerdem bekommt man wenig, wenn man neu kauft. Ein Schiff – ja. Aber Ausrüstung? Kaum. Höchstens ein paar Festmacher sind inklusive. Alles andere fehlt. Ist aufpreispflichtig. So zumindest war es damals. Ob es heute anders ist? Ich weiß es offengestanden nicht. Viel wird sich nicht geändert haben. Oder?
Alles kostet extra – Navigationsausrüstung, Funkgerät, Log, Heizung, Warmwasserbereiter, Leinen, Schwimmwesten und wovon man sonst noch träumt. Sorry, so ist das. Schnell wird aus dem verlockenden Schnäppchenangebot auf der Bootsmesse, in der Werft oder in bunt bebilderten Magazinen ein schwer finanzierbares Abenteuer, eines, das leicht ruinöse Züge annehmen kann.
Man braucht die Dinge aber, die gemeinhin fehlen auf einem neuen Schiff. Wer käme heutzutage noch auf die Idee, nur mit einem Kompass in See zu stechen? Wohl ausschließlich Extrempuristen. Nicht einmal die würden vermutlich auf einen Anker verzichten.
Wie ich auch rechnete damals: Für ein neues Schiff in der gewünschten Größenordnung und vor allen Dingen Qualität, genügten die Mittel nicht. So viel Geld war nicht im Vorrat. Der Vorrat aber sollte reichen. Geborgt werden durfte nichts. Kein Pfennig. Nicht das kleinste bisschen. Da war ich eisern mit mir.
Was blieb übrig? Ein Kasko? Und den dann ausbauen. Gott bewahre. So ähnlich hatte ich es schon. Früher mal. Davon war ich geheilt. Auf Dauer.
Gab es Alternativen? Natürlich, den Gebrauchtbootmarkt. Da musste doch was möglich sein. Da gab es sicher interessante Angebote.
Und bei Licht betrachtet: So ein gebrauchtes Schiff ist häufig ein ordentlich ausgerüstetes, eines, das schon über viele Accessoires verfügt, die man sich bei einer Neuanschaffung qualvoll vom Munde absparen müsste. Vieles wird geboten, was quasi ohne Aufpreis miterworben wird. So zumindest hörte ich von Menschen, die sich auskannten und las es auch hin und wieder in einschlägigen Ratgebern.
Irgendwann im ausgehenden letzten Jahrhundert waren wir, so um 1996 herum, als mich die Idee von einem neuem Schiff umtrieb. Anfangs träumte ich nur so vor mich hin, abends bei Musik von Bob Dylan oder von dem kleinen Engländer, wie heißt er doch gleich? Rod Stewart, natürlich. Zur Musik genehmigte ich mir gern ein Gläschen Roten und hin und wieder auch eines mehr. Die Restfamilie schlief dann schon selig. Ich hatte es urgemütlich – niemand störte. Und ich konnte so ganz in Ruhe vor mich hinfantasieren. Manchmal pochte die Ehefrau an die Wand zwischen Schlaf- und Wohnzimmer. Sie war ungehalten ob zu lauter Musik, wie sie dann am nächsten Morgen streng bemängelte.
Der Familie erzählte ich noch nichts in dieser Phase. Besonders meine liebe Ehefrau hätte mich für völlig verrückt erklärt. Wir hatten ja ein Schiff. Nicht groß, aber es ging so grade für uns fünf. Genutzt wurde es nicht so reichlich, wie ich es mir erträumt hatte, als es endlich fertig war und schwamm. Das lag nur wenige Jahre zurück. Darum auch meine Aversion gegen einen Kasko. Denn dieses Schiff hatte ich mit Hilfe des einen und zeitweise anderen Freundes über etliche Jahre hinweg komplett restauriert. Als ich es kaufte, war es nichts weiter als ein Wrack. In den Augen derjenigen, die etwas davon verstanden – beileibe nicht in meinen. Und so waren einige Jahre ins Land gegangen zwischen Ankauf und der ersten Nutzung als schwimmende Familienunterkunft. Ganz abgesehen davon, dass die Welt sich während dieser Zeit kontinuierlich weiterdrehte, gab es Familienzuwachs in dieser Zeit. Und den gleich doppelt: In Form eines liebreizenden Zwillingspärchens nämlich.
Einerseits eine erfreuliche Entwicklung, die Eltern waren glücklich und froh, andererseits eine, die mir deutlich machte, dass ich gewaltig zu klein gekauft hatte, meine Planungen für den Schiffsausbau sahen im allerhöchsten Fall zwei Kinder vor. Und diese beengten Verhältnisse führten dann auch zu einer Nutzungsrate unserer ›Gallipoli‹, die weit hinter meinen Wünschen und Vorstellungen zurückblieb.
Im Grunde waren die häufig von meiner lieben Frau erhobenen Einwände für mich nicht nachvollziehbar, hatten wir doch in früheren Urlauben schon kleinste Schiffe gesehen, aus denen heraus durchaus Vater, Mutter und bis zu fünf Kinder auf den Steg turnten. Und diese Boote waren nicht nur in meiner Erinnerung deutlich kleiner als unsere ›Gallipoli‹ gewesen. Gelegentlich hatten wir Kontakt mit solchen Crews. Regelmäßig machten sie einen durchaus gelassenen Eindruck und beklagten sich nur selten über Platzmangel. Jeder ist halt anders.
Ja, und so fuhr ich dann häufig allein zu unserem Boot, verbrachte dort so manches Wochenende mit verschiedensten Pflege- und so manches Mal auch Reparaturtätigkeiten. Das wiederum war meiner lieben Frau auch nicht immer Recht; ich könne mich doch besser etwas mehr in die Familie einbringen, in der Woche würde ich ja eh nur arbeiten und sei kaum zuhause, außer zum Essen.
Ein Vorwurf, der nicht völlig aus der Luft gegriffen war. Ich hatte tatsächlich viel zu tun, die Firma verlangte mir einiges ab, sie war noch jung und es machte Spaß, sie nach vorne zu bringen – ich arbeitete gern, war aber auch gern auf dem Schiff. Und so war nicht immer alles völlig harmonisch bei uns in diesen Jahren.
Diese nicht ausschließlich erfreuliche Situation könne ich heilen, so ging es mir damals durch den Kopf, durch die Anschaffung eines Bootes mit mehr Platz für die Familie. So kam es zu den vorhin von mir beschriebenen Träumen.
Zum Glück bin ich nicht völlig frei von realistischer Einschätzungsfähigkeit. Weil das so ist, wurde mir bei meinen Überlegungen schnell klar, dass es eine gravierende Klippe zu umschiffen galt. Und diese Klippe drohte meinen Träumereien durchaus ein fixes Ende zu bereiten. Sie bestand, der geneigte Leser wird es ahnen, in meiner lieben Frau. Die galt es zu überzeugen von meinen Plänen und Ideen. Nicht leicht würde das werden, nahezu unmöglich eigentlich. Aber – mir würde sicherlich etwas einfallen, etwas, das sie überzeugte, die gute Ehefrau. Nach Möglichkeit etwas, das dieses Projekt zu ihrem eigenen machen würde. Das wäre das Beste.
So saß ich also weiter in meinem Sessel, trank manchmal guten, so manches Mal auch weniger guten Rotwein und blätterte in Magazinen, die eine ihrer vordringlichen Aufgaben darin sehen, interessierten Menschen die Möglichkeit einzuräumen, ihre gebrauchten Schiffe anzubieten und gleichzeitig die Bedürfnisse derjenigen Menschen zu erfüllen, die geneigt sind, eines der dort angebotenen Objekte zu erwerben. Nebenher aber kreisten meine Gedanken immerzu um das Hauptproblem – die erwähnte Klippe.
Ganz ähnlich war die Situationen vor Jahren schon einmal gewesen. Damals war ich in Holland, bei meinem Cousin Karel zu Besuch. Er hatte vor langer Zeit mit leidlichem Erfolg versucht, mir das Segeln beizubringen. Wir waren, es ist wirklich lange her, mit kleinsten Jollen unterwegs. Nicht immer, es wird sich daran nichts geändert haben, sind das die stabilsten Boote gewesen.
So fielen wir hin und wieder um. Wie das so ist beim Jollensegeln. Einmal, es war nicht zu spät im Jahr, kalt und windig, in meiner Erinnerung ist es April gewesen, kenterten wir nicht wirklich, ich aber fiel einfach raus aus unserem Boot. Weil ich eine Bö völlig falsch eingeschätzt hatte. Ich war Vorschoter und hatte somit auch für den Trimm zu sorgen. Was mir auch gelang, als die heftige Böe einfiel. Es gelang mir nicht mehr, als der steife Wind ganz plötzlich nachließ. Das Boot neigte sich für mich viel zu schnell auf die Seite, auf der ich weit nach außen hing, erreichte nach wenigen Sekunden einen Winkel von deutlich 45 Grad zur Senkrechten und ich lag, schwupps, im Wasser. Gemeinsam mit meinen Gummistiefeln, dickem Pullover, zwei Hosen und ordentlicher Regenbekleidung, die ich sonst zum Motorradfahren nutzte. Für eine Schwimmweste hatte es bei den vielen Plünnen nicht gereicht. Mein Gefühl sagte mir nach Sekundenbruchteilen, dass nun wohl mein letztes Minütlein geschlagen habe – so sehr ich auch strampelte, ich konnte den Kopf kaum über Wasser halten, so zumindest war mein subjektiver Eindruck. Beunruhigt, wie ich war, fing ich kräftig an zu schreien:
››Hilfe, Hilfe‹‹, was wiederum meinen Cousin nervös machte. Bei ihm zeigten sich ob meines Gebrülls gravierende Koordinationsmängel, diese führten dazu, dass er unser Boot nach meiner Auffassung nicht ausreichend schnell in meine Richtung manövrierte. Voller Panik schloss ich ab mit meinem Leben. Viel zu früh, nach meiner Meinung.
Die Situation entspannte sich nachhaltig und ganz in meinem Sinne, als ein mit Höchstgeschwindigkeit heraneilender Motorbootfahrer sich meiner annahm und mir eine temporäre Heimstatt auf seiner Badeplattform anbot. Ich nahm die Einladung dieses freundlichen Menschen wirklich gerne und voller Dankbarkeit an, zerbrach ihm allerdings ohne jede Absicht seinen Flaggenstock, als ich mich mit wirklich letzter Kraft aus dem Wasser schleppte. Seit dieser Erfahrung weiß ich genau, wie schwer mit Wasser gesättigte Kleidung ist, wenn man versucht sie gemeinsam mit dem eigenen Körper aus dem unglaublich kalten Nass eines im April daliegenden Sees herauszuhieven.
Dieses wenig erfreuliche Erlebnis hat nicht dazu geführt, dass ich für die Zukunft auf Besuche bei meinem Cousin verzichtete. Es hatte ja auch noch mal jutjejangen und er konnte wenig für meinen Fehler. Und die Segelei machte mir nach wie vor Freude. Weniger das In-den-Bach-fallen.
So war ich wenig später wieder mal zu Besuch in dem ein bisschen heruntergekommenen Reihenhaus aus den frühen dreißiger Jahren, erbaut in typisch holländischem Arbeiterstil: Dünne Wände aus harten, rotgebrannten Ziegeln, Holzbalkendecken, in jedem Raum ein Gaskamin. Im Winter verbreitet er angenehm zischende Wärme. Es war heimelig gemütlich dort und wir verstanden uns gut. Im frühen Sommer 1983 ist das nach meiner Erinnerung gewesen und ich studierte den immer herumliegenden niederländischen ›Waterkampion‹, eine Wassersportzeitschrift mit ausführlichem Gebrauchtbootmarkt. Karel machte irgendwas – ich war allein in der großen hohen Wohnküche.
Und wie ich so lese in dem spannenden holländischen Blatt, blieb ich bei einer Anzeige hängen, die in etwa ins deutsche übersetzt wie folgt lautete:
Teileigentum an Yachten
u.a. Dogger Van der Stadt
Preis Teileigentum Hfl. 1.700,00
Gesamtkaufpreis Hfl. 13.000,00
Telefonnummer: soundso
Hm, dachte ich so bei mir selbst. Was bitte soll das denn wohl heißen? Teileigentum? Kann das für dich was sein? Und wo, wo gibt's dieses Teileigentum? 13.000 für ein ganzes Schiff? Nicht teuer! Einige Fragen schossen mir durch den Kopf. Aber ich konnte den Fall verdrängen, las weiter, studierte einige andere Anzeigen und kümmerte mich um den redaktionellen Teil des ›Waterkampion‹.
Verdrängen konnte ich das Gelesene genau so lange, bis wir abends beieinandersaßen und eine Flasche aufgezogen hatten:
››Du, sag Karel, ich hab da diese Anzeige gesehen, schau hier. Was bitte bedeutet das?‹‹
››Tja, weiß ich auch nicht. Iss es denn wichtig für dich? Wahrscheinlich wollen die irgend'ne alte Krücke verkaufen und wie es scheint auch nur in Teilen.‹‹
››Nö, nicht wirklich wichtig, ich mein ja nur. Und solche richtige Yacht, mit Kiel und so, die kippt ja auch nicht um. Könntest du da anrufen und fragen?‹‹
Der Abend wurde länger – ich ließ nicht locker. Nach zwei weiteren Flaschen hatte ich ihn weichgeklopft:
Ja, er würde anrufen! Damit ich Ruhe gäbe. Die Sache sei doch völliger Quatsch, aber bitte, er würde das machen für mich.
Dafür war ich dankbar. Ich spreche leidlich Niederländisch, ein unter Umständen kompliziertes Telefonat traute ich mir allerdings nicht zu. Nach der dritten Flasche gingen wir ins Bett. Oder erst nach der vierten? Es war jetzt wirklich spät.
Frühstück gab es für uns nicht in aller Herrgottsfrühe, eher gegen Mittag. Und danach wurde telefoniert.
Ein holländischer Yachtvercharterer bot Anteile an seinen Mietschiffen an. Und obendrein hatte er, so formulierte er sehr werbewirksam, noch ein echtes Schnäppchen an der Hand. Nämlich jene in der Anzeige genannte Dogger. Sie läge bei ihm, sei aber nicht im Charter, er würde sie am liebsten in Gänze verkaufen, darum der geringe Preis. Ein sehr stabiles Schiff sei das, eine ›Van der Stadt 33‹ aus Stahl. Wie gemacht für weite Seereisen. Der Name des Bootes laute
›Swan of Durgerdam‹,
ein schöner Name sei das, oder? Einziger Haken an der Geschichte: Seine Charterbasis sei in Griechenland, genauer auf Korfu. Auch deshalb der geringe Preis. Man solle es sich gut überlegen. Das Angebot sei nahezu einmalig.
Au, scheiße, dachte ich, Griechenland. Hatte aber Blut geleckt. Ein eigenes Boot in Griechenland. Das hätte was.
›› Sollte man sich ansehen. Oder? Was meinst du?‹‹
››Was ich meine?‹‹, reagierte Karel mit merkbar scharfem Unterton, ››dass du komplett verrückt geworden bist. Ohne mich, ganz sicher.‹‹
››Ich fahr da hin. Guck mir das an. Im Urlaub, im späten Sommer. Zusammen mit Conny. Wir haben eh noch nichts Konkretes vor.‹‹
Eine Weile sprachen wir noch, einer Meinung waren wir nicht, zumindest nicht zu diesem Thema. Überdies war Karel der Auffassung, dass Conny mir was husten würde, ganz sicher aber nicht mit mir nach Griechenland führe.
››Wir werden sehen – wart's ab.‹‹
Zumindest aber telefonierte er ein zweites Mal für mich und signalisierte gegen seine Überzeugung und deutlich in meinem Namen Interesse an der Dogger.
››Schön‹‹, sagte der Vercharterer, ››wir bleiben in Kontakt.‹‹
Im sehr späten Sommer fuhren wir tatsächlich. Die Vorarbeiten waren nicht leicht für mich. Ich bin kein Diplomat. Ich musste wirklich kämpfen:
››Spatzerl, was hältst du von Urlaub in diesem Jahr?‹‹
››Toll, natürlich, haben wir noch gar nicht drüber gesprochen, was meinst du, wohin soll es gehen? Ich fände Holland wieder ganz schön. Vielleicht nehmen wir uns ein Häuschen? Und eventuell kommt noch jemand mit. Lass uns mal fragen.‹‹
››Och, ich dachte eigentlich an Griechenland‹‹
››Was? Griechenland? Super Idee. Aber du fliegst doch nicht gern.‹‹
››Nee, nich fliegen.‹‹
››Ja wie denn?‹‹
››Ich dachte wir könnten die Honda nehmen.‹‹ Bislang waren wir höchstens sonntags ein paar Stunden unterwegs gewesen. Bei bestem Wetter.
››Bist du bekloppt? Die Honda? Bei meinem Rücken? Die ganze Strecke? Ich da hinten drauf? Kann ja wohl nicht wahr sein. Das meinst du nicht ernst, oder?‹‹
Da hatte ich nun wahrlich keinen Treffer gelandet und war ja bei weitem noch nicht fertig. Ich malte die Sache aus – in den schönsten mir zur Verfügung stehenden Farben. Wir waren noch nicht lange verheiratet damals. Und gerade jetzt sah es nicht gut aus für die Zukunft. Diplomatischer hätte ich vorgehen müssen.
››Du‹‹, fing ich an, ››wir machen es uns ganz gemütlich. Nur wir zwei. Drei Wochen kann ich mich bestimmt freimachen. Und wir fahren nur kurze Strecken jeden Tag. Oder auch nicht jeden Tag. Ganz wie du möchtest. Zuerst könnten wir Dorle besuchen, in München. Die hat uns doch schon lange eingeladen. Und dann ganz langsam weiter. Ich stell mir das toll vor. Du wirst sehen.‹‹
Dies und noch viel mehr erzählte ich. Wie schön die Alpen seien. Wie wundervoll die Küste Jugoslawiens. Und erst Griechenland. Unvorstellbar! Bis Jugoslawien konnte ich aus eigener Anschauung schwärmen, bis dahin war ich schon gewesen. Was Griechenland anging, musste ich die Fantasie spielen lassen.
Langsam, ganz langsam wurde es was.
Ja vielleicht, hieß es, vielleicht doch keine so schlechte Idee. Aber leider, der Rücken, das müsste ich verstehen. Der Rücken würde das nicht mitmachen, sie könne sich das nicht vorstellen.
››Hasilein, deine Rücken-OP ist doch nun schon einige Jahre her und es geht doch ganz gut. Idee von mir: Wenn wir fahren, legst du dein Korsett an, das hat dir doch damals dieser widerliche Orthopäde verschrieben, du solltest es immer tragen, sagte er. Zum Glück hast du das nicht gemacht und nur deshalb ist deine Rückenmuskulatur wieder recht ordentlich.‹‹
››Ja, ich versuch es‹‹, hieß es nach Tagen, ››vielleicht doch gar nicht so blöd, die Idee. Ein bisschen Abenteuer. Gar nicht so schlecht für mich. Okay!‹‹
Ja, ich hab schon eine tolle Frau.
Jetzt fehlte nur noch die Sache mit der Bootsbesichtigung. Wie sollte ich das nur hinkriegen, ohne das es einen Mord gab, einen, der sicherlich einen sehr gnädigen Richter gefunden hätte?
Ich will es nicht ewig ausmalen, zu viel Zeit haben wir ja auch nicht in so einem Buch. Darum nur kurz: Einige Tage später erzählte ich so beiläufig wie eben möglich, dass ich da doch zufällig, wirklich rein zufällig diese Anzeige gelesen hätte, wo, wüsste ich schon gar nicht mehr. Jemand würde ein Boot anbieten in Griechenland. Wenn wir doch schon mal da wären, könnten wir es doch eben anschauen. Es liege auf Korfu. Das wäre zwar nicht unbedingt unser Plan gewesen, ein schönes Ziel sei es aber, oder?
››Korfu? Da war ich schon vor etlichen Jahren. Zusammen mit Heike. Das find ich klasse. Aber bild dir keine Schwachheiten ein. Gekauft wird das Ding nicht. Was soll es überhaupt kosten?‹
››13.000 Mark‹‹, antwortete ich. Ich wollte die Wahrheit sagen. Und: ››Eventuell kann man am Preis noch was machen.‹‹
››Nein Quatsch. Wenn wir segeln gehen wollen, mieten wir uns ein Boot. Haben wir ja schon häufiger gemacht.‹‹
Tatsächlich waren wir im Mai noch losgewesen mit einigen Bekannten, zu siebt auf einer Wibo von gut neun Metern. Heute schier unvorstellbar für mich.
Ich schwieg stille, sagte nichts mehr. Was für ein Erfolg. Keine Diskussion. Ein Volltreffer. Ich bin ein Glückspilz. Und nicht immer die ehrlichste Haut auf Erden.
Im September stand unser Motorrad gepackt vor dem Haus. Gern legte ich jetzt ein Foto hinzu. Eine 500er, die kleine Schwester der legendären 750er Honda. Ein schönes robustes Maschinchen. Nicht zu groß. Zuverlässig und gut. Wohl schon etwas älter, Baujahr 1976. Stolz beladen stand es da mit Tankrucksack, zwei Seitenkoffern, einem Seesack auf dem Gepäckträger und oben drauf noch so einiges an Kleinigkeiten in blauen Plastiktüten. Als letztes ganz oben sauber verzurrt ein Igluzelt.
Ich hatte die Maschine gut durchgesehen und eine Windschutzscheibe montiert. Nicht schön, aber gut gegen den Fahrtwind und vielleicht würde es ja mal regnen. Gerade heute war das Wetter nicht so dolle.
Verdammt, eigentlich saß ich doch in meinem Sessel und dachte über ein neues Schiff nach – das aber muss einen Moment Zeit haben. Gleich sind wir zurück. Diese Geschichte ist jetzt wichtig und sie spielt ja auch viel früher im Leben.
Also, die Maschine war startklar. Wir freuten uns. Beide. Auf den Urlaub. So lange waren wir noch nie zusammen weggewesen, nur wir zwei. Die Stellung in der Firma hielt meine Mutter. Für ganze drei Wochen. Sie war eine Pfundsfrau. Danke!
Es war genau der 10. September 1983 und es regnete – nicht sofort, aber ab kurz vor Paderborn. Mit wenigen Unterbrechungen bis München.
In Kassel machten wir die erste Rast. Meine Handschuhe waren völlig durch. Die Stiefel schon recht schwer. Der Rest ging. Dank Windschutzscheibe.
››Willst du abbrechen?‹‹, fragte ich Conny.
››Nein, geht schon. Mal Regensachen an und weiter. Kann ja nicht die ganze Zeit schütten.‹‹ Sie saß hinten vergleichsweise trocken und wollte die Sache jetzt durchziehen. Für den Abend waren wir in München bei Dorle und zugehörigem Mann angemeldet.
Für unsere Stiefel erbettelte ich in der Kasseler Raststätte vier Plastiktüten. Plastiktüten waren das Beste gegen nasse Stiefel. Man stülpte sie einfach über das Schuhwerk. Zum Dichten oben nutzte man Weckglasgummibänder. Die hatten wir selbst. Blöd nur: Meine Stiefel waren schon nass. Deutlich nach Einbruch der Dunkelheit kamen wir an. Nicht in München selbst, sondern in einem kleinen Ort an der Peripherie. So eine knappe halbe Stunde über München hinaus. Dort lebte Dorle.
Alles an uns war durch. Wir trieften. Unter uns bildeten sich ansehnliche Pfützen. Im Haus, wir landeten nahezu nackt in einem großen sympathischen Wohnraum, verstrahlte ein riesiger verputzter Kachelofen wohlige Wärme. Ach wie schön nach sieben Stunden Regen. Natürlich war auch das gesamte Gepäck durchnässt. In Minuten glich das Wohnzimmer einer wenig aufgeräumten Kleiderkammer. Dorle und Mann drapierten alles, aber wirklich alles, was wir transportiert hatten, um den Kachelofen herum auf Wäscheständern und Stühlen. Ein echter Hingucker war das von dem wenig sympathischen Orthopäden verschriebene fleischfarbene Korsett. Es regte zu deftigen Kommentaren an. Wir schlürften warmen Tee.
Bald gab es Abendbrot und später ein wohlig warmes Bett. Wir blieben ganze zwei Tage und genossen die herzliche Gastfreundschaft der beiden. Das Wetter hatte sich erholt. Es ging weiter in Richtung Alpen. Auf der alten Brennerpasstrasse erwischte uns dichtes Schneegestöber bei knappen Minustemperaturen. Wir mussten gewaltig mit dem Tempo runter. Das gefiel der Honda nicht. Der Motor verlor an Temperatur. Die Elektrik wurde feucht. Die Maschine begann zu stottern, lief immer unrunder und irgendwann sagte sie sich: Das wars jetzt. Der Kerl fährt so langsam, da kann ich auch ganz stehenbleiben. Da hingen wir dann fest im dicksten Schneematsch. Die Straße war inzwischen schmutzigweiß, die Sicht schlecht. Die Karre sprang ums Verrecken nicht wieder an, egal, wie ich mich anstrengte. Rechts von uns ahnten wir ein Gebäude, ein wenig unterhalb der Straße. Schien ein Gasthof zu sein. Ganz sicher waren wir nicht. Ein schmaler Weg führte zu dem Haus. Dahin rollten wir, langsam und vorsichtig.
Gott sei Dank – es war ein Gasthaus, geöffnet war es auch. Mit freundlicher, hilfsbereiter Bedienung. Unser Moped durften wir unter einem Vordach abstellen. Da war es trocken. Auch dort im Gastraum ein Kachelofen. Auch er in Betrieb, so wie bei Dorle in München. Mit Ofenbank. Die belegten wir. Und bekamen wunderschön warmen Kakao und Apfelkuchen mit Rosinen gebracht. Weder Zimt noch Sahne fehlten.
Ja, solche plötzlichen Wetterumschwünge hätten sie hier häufiger um diese Jahreszeit. Es würde sich aber wahrscheinlich schnell umkehren. Vermutlich eine Stunde oder zwei maximal, dann könnten wir weiter, machte die Wirtin Mut. Sie schenkte uns ihre Zeit, saß bei uns am Ofen und wir unterhielten uns über unsere Pläne. Außer uns Zweien gab es keine Gäste im Lokal.
››Wenn wir die Kiste da draußen wieder zum Laufen bringen, ja, dann schaffen wir es vielleicht noch bis zum geplanten Ziel heut Abend‹‹, war mein nicht völlig überzeugter Kommentar. Nach einer guten Stunde war der Spuk tatsächlich vorbei. Der Himmel brach auf und wurde vereinzelt blau. Und die Honda tat uns den Gefallen, sie sprang an. Zögerlich zwar, aber sie lief. Nicht rund, sie stotterte, fing sich aber immer wieder. Und es wurde besser. Die Restwärme des Motors hatte wohl gereicht um die total nassen Kerzenstecker weitgehend zu trocknen. Es ging weiter. Am frühen Abend erreichten wir Ljubljana, übersetzt Laibach im damaligen Jugoslawien.
Während der nächsten Tage machten wir die jugoslawische Küstenstraße, fuhren nie zu lange und kehrten abends in kleinen Hotels oder Pensionen ein. Freundliche Wirtsleute betüdelten uns, luden nicht selten auf einen Schnaps ein, wir verständigten uns mit Händen und Füßen, manchmal, wenn wir richtig Glück hatten, auch in unserer Heimatsprache. Wir saßen am Meer, schauten aufs ruhig daliegende Wasser, ich träumte von Booten, eigentlich überwiegend von einem. Ruhige, beschauliche Tage im damaligen Jugoslawien. Seit wir den Alpenkamm überquert hatten spielte das Wetter uns in die Hände: Sonnig, nicht zu heiß.
Wir kamen durch Dubrovnik. Unseren Durst löschten wir tagsüber aus am Straßenrand sprudelnden Quellen, dann mussten wir links ab, streng nach Norden, Richtung Titograd. Wir befanden uns, jedem ist es natürlich bewusst, in Montenegro. Albanien musste umfahren werden. Niemand durfte dort hinein, kein Mensch, bis auf ganz wenige vielleicht. Wir gehörten nicht dazu. Albanien war Steinzeitkommunismus zu jener Zeit. Dagegen war Jugoslawien das liberalste Land auf Erden und innerhalb des sogenannten Ostblocks war es das wohl tatsächlich. Nach Titograd wurden die Straßen schmaler, kurvenreich waren sie auch an der gesamten Küste gewesen. Das Fahren machte richtig Freude, rein in die Kurve mit ordentlich Schräglage und im Kurvenscheitel das Gas wieder auf. Herrlich. Die Honda lief wie eine Eins, trotz Gepäck und unser beider Last, ich war schon damals kein Hungerhaken. Conny hielt sich toll. War sie anfangs hin und wieder unsicher gewesen – nichts mehr davon. Kurvenlage und Tempo spielten keine Rolle. So manches Mal nickte sie ein da hinten auf ihrer kurzen Bankhälfte.
Das ginge prima, sagte sie, sie könne sich wunderbar an das Gepäck lehnen und schlummern.
Die Straßen schmaler, ich sagte es, der Straßenzustand wurde zunehmend grausam, die Landschaft bergig zerklüftet. Manch kleiner Pass war zu überqueren und dann war Ende. Seit einiger Zeit waren wir schon auf einer Schotterpiste unterwegs und nun endete sie im Nirwana. Unsere Landkarte hatte das nicht hergegeben. Nichts ging mehr! Intensives Kartenstudium und langsam zurück. Wir schafften es nach Pec, wohl nicht in der vorgesehenen Zeit und hatten damit den Kosovo erreicht. Schon während des ganzen Tages fuhren wir durch beeindruckende Landschaft, die Orte waren kleiner geworden und ärmlicher; Lehmhütten, Vieh auf den Straßen. Jungen und Mädchen in lumpiger Kleidung, die die Tiere hüteten. Die Stadt war ein Alptraum offensichtlicher Armut, unbeschreiblich. Sie liegt auf 550 Metern Höhe und hatte etwa 50.000 Einwohner. Zwei Hotels gab es im Ort. Eines sollte unseres werden für die Nacht. Beide Häuser lagen zentral an einem staubig steinigem Platz. Sie machten nicht den Eindruck, als hätten sie sich jemals um auch nur um einen Stern bei einer der bekannten Klassifikationsgesellschaften beworben. Wir wählten das Hotel mit einem rund dreißig Meter langen überdachten Zugang, der sich an rund zehn Treppenstufen anschloss. Es dämmerte langsam, unsere Lederkombis waren staubig stumpf. So marschierten wir in das erste oder zweite Haus am Platz, welchen Rang es einnahm, war nicht ersichtlich. Drinnen ein aufgebrachter Rezeptionist, der uns mit den Armen fuchtelnd bedeutete, dass wir sofort das Haus verlassen müssten. Sofort, unmittelbar!
Wir konnten es nicht fassen. Jede Diskussion erschien zwecklos. Der Mann hielt schon die Tür auf und deutete nach draußen. Was blieb uns übrig – wir setzten uns in Bewegung, marschierten an ihm vorbei, schauten uns an und empfanden den Empfang nicht als Ausgeburt von Gastfreundschaft. Der Mann folgte. Wir blieben stehen, blickten uns um nach ihm. Vielleicht erwarteten wir ein Messer in seiner Hand, vielleicht einen durchgeladenen Revolver? Schnell schritt er an uns vorbei. Zeichen machend, dass wir folgen sollten, bitte schnell. Am Motorrad blieb er stehen. Deutete auf die Maschine und schüttelte energisch den Kopf. Seine Arme machten schaufelnde Bewegungen. Richtung Treppe.
Was wollte der Mann? Wir verstanden ihn nicht. Bis er auf das Gepäck wies und Richtung Hoteleingang zeigte. Energisch und unmissverständlich. Dann auf die Honda. Die Finger richteten sich wieder auf das Hotel.
Wir begannen zu begreifen. Er traute seinen Landsleuten offensichtlich nicht recht über den Weg – war nicht sicher, ob wir in fünf Minuten noch Gepäck hätten in sein Haus tragen können. Wir lächelten und verneigten uns dankbar. Zwei weitere Männer kamen herbei. Wir luden unsere Sachen ab und wollten damit Richtung Tür.
Nein, wurde uns bedeutet, nein, wir brauchten nichts zu tragen, dafür seien die Kollegen da. Koffer, Taschen, Plastiksäcke und Zelt wurden ins Haus getragen und zum Schluss die Honda zehn Stufen hochgehievt und ins Foyer gerollt. Dort musste ich sie aufbocken, da wollten die Männer nicht ran. Das war Facharbeit, die war unbedingt vom Besitzer des Fahrzeugs zu verrichten. So machten es die Männer deutlich.
Wir standen an der Rezeption, hinter ihr nun wieder der Retter unseres Gepäcks in dunklem, nicht ganz taufrischem Anzug und schräg an der verputzten Wand unser staubiges Motorrad.
Ein Zimmer? Das sei kein Problem. Für zwei Personen, auch kein Problem. Hier bitte sei der Schlüssel. Essen könnten wir gern unten im Restaurant. Dort drüben sei es.
Diese Unterhaltung fand nicht ganz so flüssig statt wie hier beschrieben, aber, und das ist wichtig, wir kamen miteinander zurecht und waren gegenseitig ausgesprochen höflich. Das Gepäck wurde uns vorangetragen und vor der Zimmertür abgestellt. Die beiden Herren Kollegen verschwanden wortlos nickend.
Wir eilig ins Zimmer. Erstmal duschen. Der ganze Staub musste runter. So schnell wie möglich. Ich war vorausgegangen ins Zimmer. Es war halbdunkel. Reflexartig zog ich die Nasenflügel hoch, atmete mehrfach ruckartig ein – hier stimmte etwas nicht. Wo ist Licht? Da. Der Schalter. Es roch. Nicht gut. Kloakenartig, muffig. Das Licht sprang an, wir standen in einem üblich kurzen Hotelzimmerflur. Links das Bad, die Tür war halboffen, vorne das Schlafzimmer. Völlige Sprachlosigkeit. Conny zur Salzsäule erstarrt. Unter uns Teppichboden, ehemals sicherlich bunt geblümt. Jetzt starrend vor Dreck. Er klebte an unseren Stiefeln. Drei vorsichtige Schritte ins Schlafzimmer, die Gardinen hingen in Fetzten vor den Fenstern, die Tapeten weitgehend nicht vorhanden, das, was noch als Tapete erkennbar war, war schmierig dunkelocker verfärbt. Feuchtigkeit? Oder schlimmer? Wir wollten das nicht ergründen. Das Bett – zerwühlt und voller Flecken, seit Wochen nicht bezogen. Oder seit Monaten? Insgesamt bot das Zimmer wenig Repräsentatives, es lud nicht zum Verweilen ein. Wir gaben noch nicht auf, wendeten uns zum Badezimmer. Die Tür vorsichtig auf. Licht an. Es war tatsächlich gefliest. Vom Spiegel existierte nur der Rahmen, ehemals war er verchromt, jetzt blätterte in weiten Bereichen das darunterliegende Kupfer ab, warf Blasen. Die Fliesenfugen gräulichschwarz vor Schimmel, die Toilettenschüssel war üblich europäisch aus Porzellan gefertigt, gereinigt allerdings hatte man die Keramik nie. Nicht ein einziges Mal seit der Installation. Das zeigten deutlich die verschiedenen, sowohl innen als auch außen befindlichen unterschiedlich braunen Ablagerungen und Streifen. Die Badewanne war in vergleichbar gutem Zustand, wohl völlig stumpf von Kalk und Seifenresten. Gemessen an den übrigen Umständen ein Lichtblick.
Conny: ››Hier bleib ich keine Minute länger.‹‹ Die gesamte Besichtigung hatte runde zwei Minuten gekostet. Für die Gegebenheiten eine lange Zeit.
Ich konnte sie verstehen, war da völlig bei ihr.
››Die müssen uns ein anders Zimmer geben, sofort‹‹, sagte meine liebe Frau mit ekelerregter Stimme.
Also zurück zur Rezeption.
Ob etwas nicht in Ordnung sei? Ob wir vielleicht nicht völlig zufrieden wären?
Wir erklärten die Lage, fühlten uns allerdings nicht ganz verstanden. Kein Wunder bei unseren so unterschiedlichen Muttersprachen. Wir gestikulierten, der Herr Rezeptionist möge uns bitte folgen. Das verstand er, so wie wir vorhin ihn verstanden hatten.
Im Zimmer zeigten wir auf die Dinge, die wir für nicht vollig in Ordnung hielten. Der Mann war erstaunt. Offensichtlich war er es nicht gewohnt, dass man mit seinen Unterkünften nicht zufrieden war. Aber, und das musste man ihm hoch anrechnen, er blieb ausgesprochen höflich und erklärte wortreich, dass dies sein bei weitem bestes Zimmer sei. Zumindest interpretierten wir seine Gesten so.
Um seine Behauptung zu belegen schloss er den nächsten Raum auf und den übernächsten auch und noch einige weitere. Der Mann hatte Recht. Gemessen an dem, was wir sahen, hatten wir es regelrecht feudal getroffen. Zugegeben, nach unseren Maßstäben war es nicht dolle, die aber müssen ja nicht überall auf der Welt Gültigkeit haben. Hier in Pec hatten sie definitiv keine Gültigkeit.
Und genau jetzt übersprang meine liebe Frau ihren eigenen Schatten. Mehrfach sogar und zu meiner völligen Verblüffung.
››Wir bleiben‹‹, äußerte sie, ››Lass uns einfach ein paar Handtücher unterlegen, die haben wir ja mit. Irgendwie muss es gehen.‹‹ Vielleicht war diese überaus mutige Entscheidung ein kleines wenig ihrer Müdigkeit geschuldet.
Wir aßen mit spitzen Zähnen im Hotelrestaurant nach meiner Erinnerung wenig schmackhaft Undefinierbares. Die dazu gereichten Getränke waren hingegen superb. In einem Saal, direkt neben dem Restaurant, wurde Hochzeit gefeiert. Für unsere Ohren war das eine schmerzhafte Veranstaltung.
Beim Auschecken am nächsten Morgen waren wir gehörig verblüfft. Der verlangte Preis für die Übernachtung erschien nicht überzogen. Trotz der wenig komfortabel verbrachten Nacht. Nur ganz wenig der Landeswährung mussten wir abgeben. Auf Frühstück im Hause verzichteten wir. Unser Motorrad schwebte wieder von drei Männern getragen die Treppenstufen hinunter und wir fuhren langsam durch die Stadt, auf der Suche nach einem Café oder ähnlichem. Wir suchten vergeblich, so etwas hatte es nicht in dieser Stadt, zumindest nicht für uns sichtbar. Was wir fanden, waren aus rohen Brettern zusammengenagelte Stände entlang der Straße, an denen Fladenbrot, Würste und Käse gehandelt wurden. Davon kauften wir uns reichlich für ganz wenig Geld, fuhren aus der Stadt und fanden ein wunderschönes Plätzchen in den Bergen vor Tetovo. Eine idyllische kleine Lichtung, die von einen leise murmelnden Bach geteilt wurde. Das Frühstück war ausgiebiger Höhepunkt unserer bisherigen Reise, der Bach spendete glasklares Wasser für eine ordentliche Morgenwäsche und für den Kaffee, den wir uns in unserm Kochgeschirr auf einem winzigen Spiritusbrenner zauberten.
Durch wildes, gebirgig zerklüftetes Gelände führte unsere Reise weiter zum Ohrid See. Die Straßen wurden wieder befahrbarer und machten es möglich, ein wenig mehr Gas zu geben. Kurz vor dem See überquerten wir mit schon wieder ordentlichem Tempo eine Hügelkuppe: Dahinter, für mich erst unmittelbar vor dem Kamm mit sofort schreckgeweiteten Augen zu sehen, in wenigen Metern Entfernung eine durchaus ansehnliche Kuhherde. So um die 25 schwarzbunte Tiere mögen es gewesen sein. Verteilt auf der ganzen Straße. Und dem Randstreifen. Eng beieinanderstehend. Wie unsere definitiv mitreisenden Schutzengel es schafften, die Maschine entgegen aller physikalischen Gesetze unmittelbar vor den mit gesenktem Köpfen in unsere Richtung stierenden Tieren zu stoppen, haben wir nie erfahren. Einige quittierten unser plötzliches Erscheinen mit einem gelangweilt klingenden ›Böh‹. Unendlich dankbar waren wir und überquerten Hügelkämme aus sicherlich nachvollziehbaren Gründen ab sofort mit erheblich reduzierter Geschwindigkeit.
Die griechische Grenze erreichten wir an einem späteren Abend. Unwirklich lag sie da, wieder am Ende einer dunklen Schotterpiste. Die Größe der Anlage war durch nichts zu rechtfertigen, ganz sicher nicht durch den zu ihr führenden Feldweg. Taghell erleuchtet das gesamte Abfertigungsareal. Wir wurden sowohl aus Jugoslawien freundlich verabschiedet, als auch sehr herzlich in Griechenland aufgenommen. Die Zöllner beider Nationen unterbrachen die Kontrolle eines einsam wartenden Lkw gern für einen kurzen Moment, um sich die beiden Exoten anzusehen, die da mit schwer beladenem Motorrad in der Dunkelheit eintrafen. Mit Durchfahren des Schlagbaums rollten wir wieder auf Asphalt. Wenige Kilometer hinter den Grenzanlagen sahen wir auf einem Hügel ein warm beleuchtetes Hotel. Einige Tage war für uns keine anständige Körperpflege möglich gewesen – schon deshalb zog es uns auf den Hügel. Ein Haus wie im Bilderbuch fanden wir vor. Alles hell, alles sauber, ein perfekt deutsch sprechender, freundlicher junger Mann hinter dem Rezeptionstresen und ein Zimmer mit gestärkter Bettwäsche und scharfen Bügelfalten. Im Badezimmer flauschige weiße Handtücher. Das WC-Becken glänzte in reinstem, hellen Porzellan. Ein Paradies. Frisch geduscht schliefen wir lange und selig.
Die Weiterreise bot auch hier spannendes, karg bewachsenes gebirgiges Gelände, wir machten einen Abstecher zu den Meteora-Klöstern in Kalambaka und aus purer Lebensfreude knüppelte ich irgendwo auf der Strecke abseits der Straße eine langsam immer steiler ansteigende Bergwiese hoch. Das musste sein, ich konnte nicht anders. Dort oben eine Rast – das hätte was! Die Honda nahm mir das gehörig übel. Ich hatte ihre bergsteigerischen Fähigkeiten erheblich überschätzt. Bald kam der Moment, da ging es nicht weiter. Das Ding stand stille, neigte sich langsam, aber doch schneller als ich reagieren konnte, auf die Seite und fiel um. Unter sich begrub es meine liebe Frau, die so gar keine Chance gehabt hatte, adäquat zu reagieren und sich zu retten. Ich befand mich unverletzt rittlings über Frau und Maschine, trat fix einige Schritte beiseite und konnte mich vor Lachen nicht mehr auf den Beinen halten, zu drollig war der Anblick der verschreckt dreinblickenden Ehefrau unter Gepäck und Motorrad. Es dauerte eine lange Weile – dann konnte sie nicht anders – sie lachte mit.
Glücklicherweise gab es keinerlei Schäden an der Frau und nur kleinste am Transportgerät. Die waren mit wenigen Handgriffen gerichtet. Drastisch gelitten hat allerdings mein Ansehen als versierter Zweiradfahrer, mitleidsvoller Zeitgenosse und Ehemann. Das von mir so spontan geplante Picknick fand später andernorts statt.
Dicker Regen erwischte uns noch, später eisig windige Kälte auf gut 1700 Metern Höhe und dann lag der Fährort Igoumenitsa vor uns an der Küste. Korfu konnten wir von hier schon sehen. Langgestreckt hügelig lag es nicht zu weit entfernt im Wasser. Wir setzten über, meine Spannung stieg minütlich. Wie würde es aussehen, das Schiff? Wie wäre der Zustand? Das einzige Foto, das ich aus dem ›Waterkampion‹ kannte, sagte nicht zuviel aus – der Optimist ahnte klassische Linien der fünfziger Jahre und einen dunkellackierten Rumpf.
Beinahe bis Korfu sind wir gereist, es trennen uns nur noch ein, zwei Meilen von unserem Ziel. Andererseits sitze ich ja immer noch im heimischen Wohnzimmer in meinem Sessel, denke und träume. Sie werden sich natürlich erinnern und vermutlich mehrfach gefragt haben, wann denn nun bitte ich mein Versprechen einlösen werde und jenen Handlungsstrang fortführen. Ich hab tatsächlich darüber nachgedacht und mich gut beraten lassen. Nach reiflicher Prüfung des ›Für‹ und ›Wider‹ habe ich mich entschieden: Wir machen diese Korfu-Geschichte erst fertig, dann ist das schon mal erledigt, abgehakt.
