Identität in Beziehung leben - Frank Wecker - E-Book

Identität in Beziehung leben E-Book

Frank Wecker

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Das Buch verbindet die Themen eigene Identität und Partnerschaft. Wieviel ICH will und kann ich im WIR leben? Es geht um die Frage, was mit meiner Persönlichkeit in meiner Beziehung passiert: Nach einer angeleiteten Selbsterkundung bekomme ich einen Eindruck von der Vielfalt meiner eigenen Identität. Des Weiteren erfahre ich, wie das Einbringen und Ausleben meiner Identität in Partnerschaften beeinflusst wird. Welche Resonanz bekomme ich? Welchen Einfluss nimmt mein Partner? Wie kann ich stärker der Mensch werden, der ich sein will?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 243

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Sandra Puls Frank Wecker

Identität in Beziehung leben

Wer ich in meiner Beziehung sein und werden kann

© 2022 Sandra Puls, Frank Wecker

www.BeziehungsReich-online.de

ISBN Softcover:

978-3-347-56954-6

ISBN Hardcover:

978-3-347-56955-3

ISBN E-Book:

978-3-347-56956-0

Druck und Distribution im Auftrag der Autoren: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany Cover-Bild: iStock.com/kikkerdirk

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte sind die Autoren verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autoren, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

In einer wirklich beglückenden Beziehung findet man nicht nur den anderen - sondern auch sich selbst

Inhalt

Einleitung

I. Meine Identität

A. Das Identitätsmodell

B. Identität durch Prägungen

1) Erfahrungen

2) Zugehörigkeiten und Rollen

3) Überzeugungen

4) Kompetenzen und Interessen

5) Selbstausdruck

6) Auswertung

C. Identität durch Eigenschaften

D. Banner

E. Monster

F. Mein Identitäts-Haus

G. Besonderheiten der Identität

1) Bewusstheit

2) Homogenität

3) Identitäts-Treue

4) Stabilität

H. Reflexion

II. Identität in die Beziehung einbringen

A. Die Grenzen des Einbringens

B. Die Einbringtypen

C. Meine sichtbare Identität

III. Resonanz und Identität

A. Resonanz als Beziehungsziel

B. Die Resonanz-Stufen

C. Die Resonanz-Skala

D. Resümee

IV. Partnereinfluss und Identität

A. Die Partnereinfluss-Skala

B. Qualitativer Partnereinfluss

C. Resümee

V. Veränderungen im Beziehungsverlauf

A. Das Identitäts-Entwicklungs-Modell

B. Entwicklung des Einbringens

C. Entwicklung von Resonanz

D. Entwicklung von Partnereinfluss

E. Entwicklung von Identität

F. Resümee

VI. Strategien zur Veränderung

A. Optimierung des Einbringens

1) Einbringen erweitern

2) Übertreibung des Einbringens

3) Grenzen des Einbringens

B. Erweiterung der Resonanz

1) Partner-Resonanz erhöhen

2) Grenzen des Resonanz-Managements

3) Eigenresonanz entdecken

4) Resonanz durch andere

5) Andere Resonanzquellen

C. Optimierung von Partnereinfluss

1) Vermisste Einflussnahme

2) Dominanz als Belastung

VII. Meine Identitäten

A. Ich-Identität und Beziehung

B. Paar-Identität

C. Abschlussbetrachtung

VIII. Ausblick

Einleitung

Identität und Beziehung

Warum verbinden wir diese beiden Begriffe - und damit zwei Themen, die für sich alleine schon beträchtliches Gewicht haben?

Beziehungen, so dachten wir am Beginn dieses Projektes, werden gewachsene Identitäten sicherlich beeinflussen und verändern. Aber wie tun sie das und wie fühlt sich das an? Träumen wir nicht alle von dem einen Partner, der uns mit allen Aspekten unserer Identität annimmt? Aber was hat das mit der Realität zu tun? Verlieren wir uns oder werden wir bereichert? Wie sieht unsere Bilanz aus, heute, in dieser Beziehung?

Wenn wir mal genauer darüber nachdenken, sind nur die wenigsten von uns ohne unsere gewachsene Identität in ihrer Beziehung. Vielleicht die Scharlatane, Heiratsschwindler oder die psychopathologisch Auffälligen. Wir meinen aber Menschen in dauerhaften, emotionalen Liebesbeziehungen, die gerne ihre Identität einbringen wollen. Die es als Bereicherung erleben, sich in Kontakt mit dem anderen auch selbst zu spüren. Das eigene Sein auch beim anderen lassen zu können. Sich dem Partner zeigen zu können, sich von ihm angenommen zu fühlen.

Aber wie viel und welchen Teil unserer Identität bringen wir in unsere Beziehung ein? Welchen Teil haben wir in früheren Beziehungen eingebracht? Was können wir dem anderen unmöglich von uns zeigen? Was dürfen wir nicht ausleben? Was dürfen wir an Akzeptanz, Interesse oder Begeisterung von unserem Partner erwarten?

Um der Beantwortung dieser Fragen näher zu kommen, müssen wir erst mal selbst einen Blick auf unsere Identität werfen. Aber wie macht man das? Wie blickt man mal so eben in sich hinein oder von oben auf sich selbst? Wer ist der Mensch, mit dem mein Partner da zusammen ist?

Wir laden Sie daher im ersten Kapitel unseres Buches ein, erst mal ganz in Ruhe einen Blick darauf zu werfen, was denn diesen einen Teil der Beziehung, nämlich Sie, als Person ausmacht. Wir nennen diesen Kern Ihrer Person Identität. Wir möchten Sie dabei unterstützen, Ihre Identität systematisch zu erkunden und sie Ihnen damit bewusster zu machen.

Dazu werden wir Ihnen eine Menge Fragen stellen und das Modell eines Identitäts-Hauses vorschlagen, um die gewonnenen Einblicke zu sortieren und übersichtlich darzustellen. Denn wir wollen neue Zusammenhänge so verdeutlichen, dass Sie damit etwas anfangen können.

Ausgestattet mit diesen Selbst-Erkenntnissen wollen wir im zweiten Kapitel dann verfolgen, wie Sie sich mit dieser Identität in Ihre Beziehung einbringen, was Sie also tatsächlich von sich zeigen - und was vielleicht lieber nicht. Wir werden gemeinsam herausfinden, dass dieser Prozess gar nicht so einfach und widerspruchsfrei ist, wie man es vielleicht meinen könnte.

Im dritten Kapitel rückt die Reaktion unseres Partners auf unsere Identität in den Mittelpunkt: Die Resonanz. Wie erlebe ich den Raum, der sich dort für meine Persönlichkeit, für mein Sein in meiner Beziehung auftut? Das Beziehungsleben kann sich nämlich ganz unterschiedlich anfühlen - je nachdem, auf welche und wie viele Anteile von mir ich eine Antwort bekomme.

Resonanz ist aber nicht der einzige Faktor, mit dem mein Partner die Entwicklung meiner Identität prägt. Der Partnereinfluss hat auch mit der relativen Durchsetzungskraft der beteiligten Persönlichkeiten zu tun. Mit diesen Aspekten der gegenseitigen Prägung befasst sich das vierte Kapitel.

Das fünfte Kapitel eröffnet eine weitere Perspektive: Hier schauen wir uns die miteinander verwobenen Prozesse in ihrer zeitlichen Dynamik an. Angelehnt an den zeitlichen Verlauf einer Liebesbeziehung betrachten wir die Entwicklungen der zuvor besprochenen Faktoren.

Und wo Entwicklung passiert, kann es auch geplante Veränderung geben - gerade auch in die persönlich gewünschte Richtung: So öffnet sich im sechsten Kapitel der Weg zur selbstgesteuerten Einflussnahme: auf das Einbringen, die Resonanz und den Partnereinfluss.

In einem bilanzierenden siebten Kapitel wird dann die Identität noch einmal in den Mittelpunkt gerückt; wir erweitern unseren Blick um eine neue Perspektive: die Paar-Identität.

Wir sind am Ende - hoffentlich zusammen mit Ihnen - sehr gespannt, wohin Sie die Betrachtung des Zusammenhangs zwischen Ihrer Identität und Ihrer Beziehung geführt hat.

Was Sie vorweg noch wissen sollten

• Wir werden wir Ihnen keine fertigenWahrheiten über Sie oder Ihre Beziehung verkaufen. Wenn wir - auf der Basis Ihrer Fragebogen-Ergebnisse - Fragen stellen, Vermutungen formulieren oder Anregungen geben, stellt dies keine psychologische Diagnostik oder fachliche Beratung dar. Natürlich sollten Sie auf der Grundlage dieses Textes keine weitreichenden persönlichen Entscheidungen treffen. Wir kennen Sie nämlich gar nicht, und das alles wäre auch gar nicht unser Ziel bzw. Anspruch. Wir liefern Ihnen lediglich den Rahmen und die Struktur für Ihre Erkundungen einiger spannenden Fragestellungen. Ohne Ihr aktives Einbringen bleibt dieses Buch ein leeres, kaltes Gerippe ohne großen Nutzwert. Ausgestaltet mit Ihren individuellen Inhalten kann ein lebendiges und funktionales Gebilde entstehen, das man gerne und stolz anschaut bzw. nutzt.

• Wir beziehen uns nicht auf Statistiken oder Untersuchungsbefunde; wir zitieren auch keine anderen klugen Menschen. Wir bieten Ihnen ein selbst entworfenes, plausibles und handhabbares Konzept, das den großen Vorteil hat, aus einem Guss zu sein. Sie und wir werden den Roten Faden nicht aus den Augen verlieren, weil es unser Faden ist.

• Wir haben uns die Frage des Genderns nicht leichtgemacht. Im Vordergrund unserer Überlegungen stand ein gut lesbarer Text ohne sprachliche Erschwernisse. Unschöne Kunstworte (Partner*in, Partner: in, Partner/in) bzw. nervige Doppelungen (Partner bzw. Partnerin; er bzw. sie; ihn bzw. sie) wollten wir vermeiden. Wir haben uns daher für das traditionelle generische Maskulinum entschieden: Wenn wir von Partner sprechen, meinen wir immer männliche und weibliche Partner. Mit anderen (nicht-binären) sexuellen Identitäten kennen wir uns nicht aus und üben uns deshalb an diesem Punkt in Bescheidenheit.

• Wir bieten Ihnen einen umfangreichen Service im Netz: Sie finden dort nicht nur vorbereitete Listen bzw. Tabellen zum Download, sondern können alle Fragebogen-Tests direkt online durchführen und auswerten lassen (den Zugangscode finden Sie auf der letzten Seite dieses Buches). Auf Wunsch erhalten Sie sogar eine individuelle Interpretation aller Ihrer Ergebnisse in einer Zusammenschau. Ein öffentliches Forum zu den Themen dieses Buches bietet die Möglichkeit zum Austausch mit uns und anderen Leser/innen. Natürlich können Sie uns Ihre Meinungen und Anregungen auch persönlich zumailen. Für all das gibt es einen gemeinsamen Zugang: beziehungsreich-online.de.

• Dieses Buch können Sie vollständig für sich alleine durcharbeiten. Wenn Sie es zusammen mit Ihrem Partner tun sollten, ist das eine gute Voraussetzung für zusätzliche Erkenntnisse und intensive Gespräche. Wir können uns aber gut vorstellen, dass Sie insbesondere die Fragebogen (zunächst) unbeobachtet beantworten möchten, da Sie sich dann keine Gedanken darüber machen müssen, wie Ihre Antworten bzw. Ergebnisse auf Ihren Partner wirken könnten. Entscheiden Sie erst dann, ob und in welcher Form Sie Ihre Inhalte mit Ihrem Partner teilen wollen. Sie haben mit Sicherheit mehr von diesem Buch, wenn Sie von Ihrer ungeschönten Perspektive ausgehen - und nicht von dem, was Ihr Partner erwartet oder gerne hören würde. Kritische Themen können Sie auch in allgemeinerer Form ansprechen, ohne gleich jede - vielleicht kränkende - Einzelantwort offenzulegen.

Unser Beispiel-Paar: Rainer und Tanja

Bei allem Respekt vor unseren eigenen Darstellungs- und Erklärungskünsten: Wir wollen auf Nummer Sicher gehen und Ihnen das Mitarbeiten so leicht wie möglich machen. Wir stellen Ihnen deshalb ein (fiktives) Paar an die Seite, das Ihnen alle Schritte - also alle Fragebogen und Übungen - exemplarisch vorführt. So haben Sie immer eine anschauliche Idee, worauf wir hinauswollen.

Wir würden Sie gerne schon jetzt miteinander bekannt machen. Wenn man so viel Persönliches voneinander erfährt, möchte man ja gerne wissen, mit wem man es eigentlich zu tun hat: Rainer ist 52 Jahre alt und leitender Verwaltungsangestellter; mit der Sozialpädagogin Tanja, 47 Jahre, ist er seit 19 Jahren kinderlos verheiratet.

In gewisser Weise werden Sie die beiden am Ende dieses Buches vermutlich besser kennen als Ihre engsten Freunde. Wir versprechen Ihnen aber, dass dieser datenschutzmäßig bedenkliche Einblick in die Privatsphäre nur in diese eine Richtung verläuft.

Genug der Vorrede: Auf Sie wartet die Erkundung der komplexen und facettenreichen Wechselwirkung zwischen Identität und Beziehung. Lassen Sie sich einladen, an die Hand nehmen und ein wenig führen. Da Sie die Kontrolle über Inhalte und Tempo behalten werden, können Sie sich sicher fühlen.

I. Meine Identität

Identität ist ein schillernder Begriff, der aus so spannenden Wissenschaften wie Soziologie, Philosophie oder Psychologie in unsere Alltagssprache vorgedrungen ist. Da wir praktisch veranlagt sind und mit Ihnen ja ganz konkrete Ziele verfolgen, werden wir uns diesen unterschiedlichen semantischen Herkünften nicht widmen.

Andererseits haben wir viel vor mit Ihnen; dafür brauchen wir eine solide Basis. Wir wählen den Weg der Gründlichkeit, der vielleicht nicht gerade einen Schnellstart verspricht, dafür aber das Risiko von Fehlversuchen verringert.

Bevor Sie sich also - mit unserer fürsorglichen Begleitung - zu Ihrem Persönlichkeitskern aufmachen, wollen wir das Begriffsfeld erkunden, in dem wir uns in diesem Buch bewegen werden. Nach einer Grundorientierung lässt es sich sehr viel leichter wandern; daher beginnen wir mit einer Definition der wichtigsten Begriffe. Dabei geht es uns nicht um theoretische Sprachakrobatik, sondern um eine gemeinsame Basis für unsere Reise. Am Ende unserer kleinen Einführung haben wir uns ein Modell geschaffen, das uns durch das ganze Buch begleitet.

Zunächst dient es in diesem Kapitel als Grundlage für einige Aufgaben, Übungen und Fragebogen, mit deren Hilfe Sie selbst sich ein Bild von dem Menschen machen können, der mit Ihrem Partner in einer Beziehung lebt, also von Ihnen selbst.

A. Das Identitätsmodell

Identität ist schon für sich alleine ein komplexer und aufgeladener Begriff; noch schwieriger wird es, wenn man sich umschaut und mit Erschrecken feststellt, dass sich in der Nähe eine ganze Menge ähnlicher Bezeichnungen tummeln. Einige davon sind uns allen bekannt: das Ich, das Selbst, die Persönlichkeit, die Eigenschaften; andere Begriffe haben wir noch hinzugefügt: das Banner und die Monster. Aber wir gehen noch einen Schritt weiter und schaffen ein eigenes Modell für all die Bestandteile, die unsere Identität ausmachen.

Stellen wir uns unser Sein als ein bebautes Grundstück vor, Garten mit einem Haus. In dem folgenden Modell wollen wir die relevanten Bestandteile in diesem Bild darstellen.

Das ICH

Wir betrachten das ICH als den umfassendsten Begriff. Das ICH ist also das Grundstück, zusammen mit dem Haus. Es umfasst alles, was zu uns gehört, was uns ausmacht - egal wie sehr es uns bewusst ist oder für wie wesentlich wir es halten. Durch unser ICH werden wir eine unterscheidbare Person, ein Individuum, ein Selbst (diese Begriffe könnten also auch als Synonyme eingesetzt werden). Im ICH werden alle Aspekte unseres Seins als Einzelwesen zusammengefasst und - wenn alles gut läuft - irgendwie zusammengehörig und zusammenpassend gefühlt. Wir erleben unser ICH auch als den Ort unseres Bewusstseins, unseres Planen, Entscheidens und Handelns. Aber auch unseres äußeren Erscheinungsbildes.

Was für uns hier am wichtigsten ist: Unser ICH beherbergt auch das Haus, also unsere Identität.

Identität

Unsere Identität füllt nicht das ganze ICH aus; es ist nur der bebaute Anteil, das Haus. Was ist der Unterschied?

Wir betrachten die Identität als den Teil des ICHs, der für unsere Selbstwahrnehmung und unsere Außendarstellung besonders relevant ist. Identität ist das, was uns im Kern wirklich ausmacht; was übrigbleibt, wenn man die Verzierungen (den Garten) weglässt. Unsere Identität ist uns nicht immer in allen Facetten bewusst; sie ist aber unserer Selbstreflexion grundsätzlich zugänglich. Eine nie gespürte oder bewusste Identität ist keine Identität.

Das ist übrigens auch der Grund, warum wir die Identität als den zentralen Ausgangspunkt für unsere Überlegungen gewählt haben. Denn wir wollen ja über das Verhältnis zwischen uns und unserer Beziehung nachdenken; dabei helfen uns weder unbekannte, unbewusste, noch unwichtige Anteile. Die Identität ist der Bereich von uns, den wir pflegen, den wir bewohnen und - auch in Beziehungen - verteidigen wollen. Und es ist auch der Teil, dessen Einschränkung oder Verlust uns am meisten zu schaffen macht.

Wenn ein Teil meines Hauses durch Wasser-, Sturm- oder Feuerschaden unbewohnbar wird, kann das z.B. bedeuten, dass mein Partner von mir erwartet, liebgewonnene Leidenschaften, Interessen oder auch bestimmte Eigenschaften für ihn abzulegen. Im Folgenden kommt es also drauf an, wie identitätsspezifisch die Anteile sind, die mich ausmachen, mich beschäftigen und interessieren.

Damit ist auch klar, dass wir uns für die individuelle, psychologische Identität interessieren; die heiß diskutierten Zugehörigkeiten zu bestimmten sozialen Identitäten (Nation, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Religion, Hautfarbe) sind in unseren Betrachtungen nur einige von vielen Teilaspekten.

Persönlichkeit

Jetzt wird es erstmal Zeit, uns einem Begriff zu widmen, der in unser Modell nicht aufgenommen wurde, aber sehr verbreitet ist: die Persönlichkeit.

Persönlichkeit wird umgangssprachlich weitgehend mit dem ICH gleichgesetzt; in der wissenschaftlichen Psychologie ist Persönlichkeit Gegenstand eines Forschungszweiges, der Menschen auf der Basis eher stabiler Merkmale (Dimensionen) zu beschreiben und zu unterscheiden versucht.

Für uns ist dieser Begriff nicht optimal. Das hat einerseits damit zu tun, dass manchmal der gesamte Mensch und manchmal das Profil seiner Eigenschaften gemeint ist; zum anderen ist nicht ganz klar, ob es eher um die (erlebte) Innensicht oder die (beschreibende, analysierende) Außensicht geht. Uns interessiert aber eine Beurteilung oder Einordnung durch andere nicht; es geht nicht darum, wie andere unsere Persönlichkeit einschätzen oder erleben.

Deshalb bleiben wir bei der Identität, denn die können wir ganz für uns betrachten. Denn nur wir haben den Haustürschlüssel. Allerdings benutzen wir im Text hin und wieder den Begriff Persönlichkeit als Synonym für Identität - aus Gründen der sprachlichen Abwechslung.

Prägungen

Unsere Identität ist kein einheitliches Gebilde. Genauso wie ein Haus mit seinem Grundriss, seinen Zimmern und deren Ausstattung und Möblierung setzt sich unsere Identität aus einer ganzen Reihe von Bestandteilen zusammen, die einerseits die Quellen, auf der anderen Seite auch die Ausdrucksformen unserer Identität darstellen.

Für unsere Zwecke haben wir eine Zweiteilung der Identitäts-Inhalte vorgenommen: Wir beschreiben zunächst sieben Einzelaspekte, deren Gemeinsamkeit darin liegt, dass sie sich (in der Regel) nicht auf einfache Eigenschaftsbegriffe reduzieren lassen. Sie beschreiben komplexere Inhalte bzw. Prozesse: Erfahrungen, Zugehörigkeiten, sozialen Rollen, Überzeugungen, Kompetenzen, Interessen und Selbstausdruck. Wir nennen sie Prägungen. Ein Vater, eine Chefärztin oder ein Fußballfan zu sein, definiert keine Eigenschaft, kann aber durchaus die eigene Identität entscheidend bestimmen.

In unserem Haus finden sich diese Aspekte an wesentlichen Stellen: Sie bilden einen Teil der tragenden Wände - stabil, aber bei klug berechneter Statik auch veränderbar.

Fast von selbst erklärt sich an dieser Stelle, dass es natürlich auch Prägungen gibt, die nicht Teil der Identität sind - weil z.B. die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft nur noch rein formal besteht und keinerlei Auswirkungen auf das Selbsterleben und das Verhalten hat. Das könnte z.B. die Mauer eines Anbaus sein, der seit Jahren nicht mehr benutzt wird.

Eigenschaften

Der Eigenschaftsbegriff ist gerade schon im Sinne einer Abgrenzung genannt worden. So wie den Konkurrenzbegriff der Persönlichkeit scheinen die Eigenschaften im üblichen Sprachgebrauch auch die Identität fast vollständig zu dominieren. Tatsächlich beschreibt die Identität in weiten Teilen, wie wir sind.

Die uns selbst bekannten und (potentiell) bewussten Eigenschaften bilden tatsächlich einen wesentlichen Teil unserer Identität - soweit sie von uns als bedeutsam für unsere Besonderheit angesehen werden. Dass jemand z.B. intelligent und extrovertiert (gesellig) ist, wird ihm vermutlich wichtig vorkommen und somit ein Teil seiner Identität werden. Die Tatsache, dass dieser jemand leicht reizbar ist, wird möglicherweise eher von seinen Mitmenschen wahrgenommen bzw. als charakteristisch beurteilt und findet in der eigenen Identität vielleicht keinen Platz. Diese Merkmale wären also in gewisser Weise ein Teil des ICHs, aber nicht der Identität, und deshalb für uns hier nicht weiter interessant (es sei denn, sie wären Monster; s.u.).

In unserem Haus kann man sich die Eigenschaften ebenfalls als Wände vorstellen, die zwar prinzipiell recht stabil sind, sich dem ein oder anderen Durchbruch nicht entziehen bzw. durch Anbauten ergänzt oder ersetzt werden können.

Das Banner

Unser Haus hat zwar (in der Regel) feste Mauern, ermöglicht aber auch Einblicke nach innen. Die Ausstattung mit - mehr oder weniger großen bzw. blickgeschützten - Fenstern entscheidet darüber, wieviel von unserem Innenleben für andere sichtbar wird. In unserem Modell gehen wir davon aus, dass die Fenster vor allem diese Aufgabe haben: unser Inneres in einem bewusst gewählten Ausschnitt und Umfang zu zeigen. In diesem Sinne würden die Fenster dann als eine Art Banner fungieren.

Mit dem Banner führen wir eine in diesem Kontext wenig gebräuchliche Begrifflichkeit ein, die uns aber hilfreich bzw. nützlich erscheint. Wir meinen damit den Teil der Identität, der besonders betont wird, der sozusagen vor sich hergetragen wird: „So bin ich!“ Diese Botschaft richtet sich sowohl nach innen („So sehe ich mich“) als auch nach außen („Seht mal her: Das bin ich!“).

Da die meisten Menschen dazu neigen, sich eher positiv und im Einklang mit ihren Wünschen darzustellen, beinhalten deren Banner auch einen Anteil von Zielen oder Idealen: „So will ich sein!“ (z.B. umweltbewusst, zumindest möglichst oft...). Leider gibt es auch den umgekehrten Fall: Menschen mit ausgeprägten Selbstwertzweifeln tragen oft ein Banner vor sich her, das überwiegend aus negativen Zuschreibungen besteht („Ich bin ein Looser", oder: „Ich bin zu dick und deshalb nicht liebenswert“).

Im Internet-Zeitalter hat das Banner eine enorme Bedeutungssteigerung bekommen: Social-Media-Accounts haben in einem Umfang Bannerfunktionen übernommen, wie dies vor zwei Jahrzehnten noch undenkbar erschien.

Auch in unserem Haus achten wir in der Regel gut darauf, welchen Bereich wir für die Öffentlichkeit freigeben. Wie viele und welche Fotos poste ich aus dem Urlaub, von der letzten Shoppingtour oder der Partynacht? Welche Gardine lupfe ich wie weit? Oder habe ich gar keine Vorhänge vor den Fenstern? Freie Sicht bis auf die letzte Wand? Oder habe ich vielleicht ausschließlich eine Dachluke und von mir erfährt niemand etwas?

Monster

Es gibt ein Art Gegenstück zu unserem Banner: die Monster.

Auch hier führen wir einen (in diesen Zusammenhang) selbstgeschaffenen Begriff ein, der die Bereiche unserer Identität bzw. unseres ICHs beinhaltet, die ganz bestimmt nicht auf dem Banner landen, sondern eher im Keller versteckt werden. Da, wo die eigenen Monster nun mal hausen. Das können sowohl sehr unbeliebte - und daher verborgene - Eigenschaften sein (z.B. ein extrem ausgeprägter Neid) oder auch gut verborgene Teilaspekte der eigenen Biografie (eine kriminelle Phase in der Jugend). Damit ist schon deutlich geworden, dass der Keller unseres Hauses der natürliche Aufenthaltsbereich unserer Monster ist.

Während es einige Monster in meine Identität geschafft haben, werden andere möglicherweise so gut versteckt sein, dass sie sich dem bewussten Zugriff entziehen: So könnte für mich durchaus bewusst und bedeutsam sein, dass ich eine starke Sucht-Neigung oder einen tiefsitzenden Schwulenhass in mir trage. Nicht zu meiner Identität gehört aber möglicherweise der Umstand, dass ich meinen Bruder bei der Erbschaftsregelung damals nicht so ganz fair behandelt habe.

Monster könnten also auch außerhalb der Alltags-Identität lauern und wären in unserem Modell dann im ICH-Bereich angesiedelt (den wir hier nicht weiter beachten wollen). Möglicherweise ist die diffuse Ahnung von solchen abgespaltenen Monstern für einige Menschen ein Grund, sich in eine Psychotherapie zu begeben (oder es gerade nicht zu tun).

Eins ist klar: Der Keller gehört in der Regel nicht zu einer Standard-Hausführung für neue Bekannte - es sei denn, Sie haben Ihre Hausbar dort eingerichtet.

Das komplette Identitäts-Modell

Damit ist unser Modell und unser Haus komplett. Sie können jetzt unseren weiteren Ausführungen folgen und sicher sein, dass wir von den gleichen Dingen reden. Unser Ziel ist es, dass Sie am Ende dieses Abschnittes dieses Haus mit Ihren eigenen Identitäts-Anteilen bestücken können.

B. Identität durch Prägungen

Nachdem Sie unser Modell in einem Schnelldurchgang kennengelernt haben, beginnen wir die Erkundung unseres Hauses mit den Identitätsbestandteilen, die keine Eigenschaften sind, also den Prägungen. Wir haben es schon gesagt: Unsere Identität besteht - wie vielleicht erwartet - nicht nur aus für uns typischen Eigenschaften. Das wird Ihnen sofort mithilfe eines kleinen Experimentes einleuchten:

Stellen Sie sich mal vor, Sie müssten sich beschreiben, ohne folgende Aspekte zu erwähnen:

• Ihre bisherige Lebensgeschichte mit allen Erlebnissen und Erfahrungen

• Ihre Zugehörigkeiten zu verschiedensten Gruppen und die darin gelebten Rollen

• Ihre Überzeugungen, Meinungen und Werte

• Ihre Kompetenzen und Ihr Wissen, Ihre Interessen und Hobbys

• Ihr Selbstausdruck, insbesondere hinsichtlich ihres körperlichen Seins und Ihres Lifestyles

Ohne alle diese Aspekte bliebe Ihre Identität doch ziemlich blutleer - selbst, wenn wir uns noch so viele Eigenschaftsbegriffe zur Kennzeichnung zuschreiben würden.

Natürlich haben wir diese Aufzählung hier nicht willkürlich so gewählt. Die genannten Punkte weisen auf die folgenden Kapitelüberschriften, die uns eine Struktur für die weitere Erkundung Ihrer Identität geben sollen.

Sie werden schnell merken, dass die verschiedenen Bereiche sich zum Teil überlappen; es gibt daher Wiederholungen und Unschärfen. Das ist kein Problem. Was wir hier tun, ist kein Versuch einer streng logischen oder sprachanalytischen Betrachtung. Wir sammeln gemeinsam Material, um Ihre Identität inhaltlich zu füllen. Dabei achten wir sowohl auf die Vollständigkeit als auch auf die Gewichtung der einzelnen Anteile - aber die Herkunft ist letztlich unwichtig. Denn am Ende wollen wir nur mit dem Kern Ihrer Identität weiterarbeiten. Das Haus soll aus tragenden Mauern bzw. Wänden bestehen; wir müssen nicht alle Maße und alle benutzten Baustoffe auswendig kennen.

Was sind Sie für ein Haus?

Zum Vorgehen

Sie ahnen es schon: Natürlich wollen wir mit Ihnen die einzelnen Identitäts-Aspekte nach und nach erkunden. Nach einer kurzen Beschreibung des jeweiligen Bereichs stellen wir Ihnen ein paar Fragen, die Ihnen den Zugang erleichtern sollen. Zusätzlich gibt es zwei weitere Hilfestellungen: Den Fragen haben wir ein paar exemplarische Antwort-Inhalte beigefügt; darüber hinaus haben wir als Orientierung die Antworten von unserem Beispielpaar Rainer und Tanja eingefügt. Deren fiktive Identität kreieren wir schrittweise zu jedem Kapitel, um Ihnen den Weg zu Ihrem eigenen Identitätsmodell zu erleichtern.

Schreiben Sie also stichwortartig die Dinge auf, die Ihnen in den einzelnen Zeilen zu sich als wesentlich und aussagekräftig einfallen. Die Zeilen der Tabellen (mit ihren Fragen und Beispielen) stellen unterschiedliche Zugangswege zu dem jeweiligen Bereich dar. Sie werden oft zu den gleichen persönlichen Inhalten führen. Natürlich müssen Sie nicht alles doppelt oder dreifach notieren - aber Sie können die Hinweise auf die Bedeutsamkeit dieser Punkte für Ihre Identität nutzen.

Da wir uns Ihre Eigenschaften (z.B. klug, ängstlich, kommunikativ) später noch genauer anschauen, geht es uns hier bei den Prägungen insbesondere um Anteile und Facetten, die sich nicht auf einen Eigenschaftsbegriff komprimieren lassen.

1) Erfahrungen

Unser gesamtes Leben - und damit auch unser gesamtes ICH - besteht aus Erfahrungen (wenn man einmal unsere genetische Ausstattung außer Acht lässt). Letztlich setzen sich natürlich auch unsere Überzeugungen oder Zugehörigkeiten (und alle anderen Prägungen) aus Erfahrungen zusammen. Wie will man da eine Grenze ziehen?

Gehen wir es ganz pragmatisch an: Wir wollen hier Erfahrungen betrachten, die sich nicht besser in den anderen Kategorien unserer Prägungen abbilden lassen.

Der Fokus soll auf bedeutsamen Erfahrungen und Erlebnissen in der Biografie liegen, die uns so langfristig geprägt haben, dass sie ein Teil unserer Identität geworden sind. Im Extremfall könnten das frühe traumatische Erlebnisse sein (z.B. Gewalt- oder Missbrauchserfahrung), aber auch besonders einprägsame erste positive Bindungs- oder Liebeserfahrungen. Bei den meisten Menschen werden bestimmte Erfahrungen in der Herkunftsfamilie langfristige Wirkung hinterlassen haben, fast immer wird auch die Jugendzeit als sehr prägend erlebt.

Es wird nicht überraschen, dass uns bedeutsame Erfahrungen in Partnerschaft und Liebe besonders interessieren - soweit sie identitätsrelevant geworden sind.

In dieser und den folgenden Tabellen haben Rainer und Tanja schon ihre als bedeutsam empfundenen Inhalte zu den fünf vorgegebenen Erfahrungsbereichen eingetragen. Für Sie stehen die entsprechenden Tabellen in unserem Download-Bereich zur Verfügung (beziehungsreich-online.de).

Welche Erfahrungen haben Ihre Identität von heute geprägt?

Nr.

Bereich

Antwort (zuerst Rainer, dann Tanja)

1

Kindheit und JugendBindungen, Schutz, Sicherheit, Überforderung, Verantwortung, Herausforderungen, Einsamkeit, etc. Was haben Sie überwiegend erfahren? Was hat Sie so geprägt, dass es heute noch spürbar ist?

konventionelle, wenig emotionale Erziehung im Kleinstadt-Milieu

andauerndes Gefühl, verantwortlich für andere zu sein; will intensiv eingebunden und zugehörig sein

2

emotionale HypothekenKrisen, Mobbing, Erkrankungen, Belastungen, Gewalt-/Missbrauchserfahrung, Ängste, Vernachlässigung, Enttäuschungen, etc. Gibt es eine emotionale Schwere, die Sie noch heute mit sich tragen? Etwas, das Ihre Identität bis heute beeinflusst?

-

Trauer über meine Kinderlosigkeit

3

soziale Beziehungenzu Gleichaltrigen, Freunden, in bestimmten Subkulturen oder anderen Gruppierung Gab es Grenzerfahrungen oder Drogenerfahrungen in der Peergroup? Haben Sie Solidarität und Teamspirit erlebt? Oder gar Ausgrenzung, Mobbing oder ein eigenes Machtbedürfnis gespürt? Welche Beziehung, hat Sie in welche Richtung geprägt?

solidarische Erfahrungen im Sportverein

soziale Anerkennung erfahren; sich um andere kümmern; Angenommensein in Subkultureher als in Familie, wo ich untergegangen bin

4

Partnerschaft, Liebe und Erotik(unklare) sexuelle Orientierung, Bindungssicherheit, Betrogen-/Verlassenwerden, viele kurze Beziehungen, die große Liebe schon früher erlebt, Vielfalt und Qualität sexueller Erfahrung Welche Beziehungserfahrung ist heute noch für Sie relevant? Was bedeutet es für Sie, Beziehungen zu führen? Was macht Sie als Partner aus? Verbinden Sie mit Sexualität Genuss oder Verunsicherung?

in Beziehungen muss man loyal sein; um das „schwache Geschlecht“ muss „Mann“ sich kümmern

habe mich für den anderen immer zurückgenommen

5

MusterMir wurde immer gesagt, dass ich… Mein Vater, meine Mutter, meine Geschwister haben auch immer… Ich hatte immer ein schwieriges Verhältnis zu … Ich möchte kein Kind mehr sein, weil… Was wiederholt sich bis heute? Welche Aussagen gelten auch jetzt noch? Was werden Sie niemals vergessen?

traditionelles Frauenbild vom Vater übernommen; Kompetenz von Frauen wird in Frage gestellt; schwierige Beziehung zu meiner Familie

ich musste immer warten bis alle anderen dran waren; familiäre Abhängigkeit, Suche nach Aufmerksamkeit

2) Zugehörigkeiten und Rollen

Wir alle sind Teil von ganz verschiedenen Gruppen, Institutionen oder Systemen. In manche dieser Gruppierungen werden wir schon hineingeboren (Familie, Nation, Geschlecht, Religion), andere Zugehörigkeiten entstehen durch Entwicklungsanforderungen (Schule, Ausbildung) oder durch eigene Entscheidungen (Berufsgruppe, Firma, Verein, Partei). Mit einschließen wollen wir auch Zugehörigkeiten, die durch das Bekennen zu bestimmten öffentlichen Personen (Stars, Idolen, Vorbilder) entstehen.

An dieser Stelle soll es einerseits um die Bedeutung der Zugehörigkeit selber gehen: Wie wichtig ist es für mich (für meine Identität), dass ich aktuell Teil dieser Gruppe bin oder mich die frühere Zugehörigkeit weiter entscheidend prägt?

Über den individuellen Rahmen hinaus können Gruppen-Identitäten auch eine gesellschaftliche bzw. politische Bedeutung haben, wenn z.B. bestimmte Merkmale (Geschlecht, sexuelle Orientierung, Hautfarbe) zu Diskriminierung führen. Die Bewältigung solcher Erfahrungen bzw. der Kampf gegen die entsprechenden Strukturen kann dazu beitragen, dass die Zugehörigkeit zum zentralen Identitäts-Inhalt wird.

Aber das Dazugehören ist nicht alles: Oft übernehmen wir in diesen Gemeinschaften auch spezielle Rollen. Gemeint sind hier die Verhaltensmuster, die mit einer (gesellschaftlichen) Zuschreibung verbunden sind: als Vater/Mutter, Lehrer, Vorgesetzter, Trainer, Pfarrer, Karnevalsprinz oder Animateur.

Solche Rollen sorgen dafür, dass wir einen Teil unserer Individualität beiseitelegen und stattdessen in die Skripts wechseln, die für die entsprechende Position vorgesehen sind.

Denkt man darüber nach, wird schnell deutlich werden, dass heutzutage insgesamt die Klarheit und Verbindlichkeit von Rollenvorschriften im Vergleich zu früher deutlich flexibler und liberaler geworden sind: Vor 50 Jahren wären Lehrer noch nicht im T-Shirt zum Unterricht gekommen und ein 70jähriger Großvater hätte nicht gemeinsam mit seinem Enkelkind bei einem Stones-Konzert abgerockt.

Aber diese Aufweichung von Vorschriften und Erwartungen haben die sozialen Rollen nicht aufgehoben. Denken sie an Ihre Erwartungen an einen Chefarzt, einen Bestatter oder einen Türsteher vor dem Club.

Welche Zugehörigkeiten und damit verbundenen Rollen haben Ihre Identität von heute geprägt?

Nr.

Bereich

Antwort (zuerst Rainer, dann Tanja)

1

Stabile GemeinschaftenNation, Hautfarbe, Region, Religion, Partei Wo haben Sie Stolz und Verwurzelung erfahren? Was hat Ihr Temperament und Ihre Sprache geprägt? Wo haben Sie vielleicht ein Überlegenheitsgefühl, Minderwertigkeit oder eine Machtposition erlebt? Wer konnten oder können Sie sein? Welche Rolle ist am bedeutungsvollsten und warum?

Nachbarschaft, wichtig dazuzugehören; Selbstbewusstsein tanken über Verein und Sport

Wohnort, Familie, gebraucht sein und Engagement zeigen

2

Rollen und Funktionenin Familie und Beruf In welcher Rolle oder Funktion haben Sie Autorität, Fürsorge, Verantwortung oder Unterordnung erfahren? Wo konnten Sie persönliche Aufwertung, Bedeutsamkeit, Selbstwirksamkeit oder Einflussnahme erleben? Wer konnten oder können Sie sein? Welche Rolle ist am bedeutungsvollsten und warum?

Abteilungsleiter; übernehme gerne Verantwortung; inhaltlich kompetent; man verlässt sich auf mich

lebe familiäres System als Tante mit Nichten und Neffenwill Erwartungen anderer erfüllen, im Beruf soziale Ader ausleben, mit Kindern arbeiten

3

Soziale KontakteNachbarschaft, Gemeindeleben, Clique, Sportverein, Subkultur, Fanszene Mit wem haben Sie Bestätigung, Solidarität, Spaß, Kräftemessen oder gemeinsame Ziele erlebt? Wer konnten oder können Sie sein? Welche Rolle ist am bedeutungsvollsten und warum?

Fitnessstudio, Fußballverein, Nachbarschaft; fühle mich bestätigt (s.o.)