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Was bleibt von einer Liebe, wenn der Körper bleibt – aber die Seele gegangen ist? Ein Kampf gegen Vergessen, Schmerz und eine Wahrheit, die nicht ertragen werden kann. In einer Welt voller Magie, Macht und tiefer Wunden steht eine Gefährtin vor der Entscheidung. Will sie sich erinnern? An alles? Oder nimmt sie eine neue Chance wahr?
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Seitenzahl: 813
Veröffentlichungsjahr: 2025
Splitter der Erinnerung
1. Auflage,
© J. Fenrir – alle Rechte vorbehalten
Diese Geschichte bewegt sich in einem düsteren, erotischen Setting, das explizite Inhalte und Machtgefälle thematisiert. Bitte beachte dies, bevor du weiterliest.
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
Tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin.
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Zu erreichen unter: J. Fenrir, Im Huckschlage 5, 58675 Hemer, Germany
Seitdem ich in meinem eigenen Körper wieder erwacht bin, sind bereits einige Tage vergangen. Doch in mir fühlt es sich an, als wäre es eine Ewigkeit gewesen. Die Zeit hat sich gedehnt, gedehnt bis sie fast zu zerrinnen drohte. Und während der äußere Schmerz, das Zerren und Reißen in meinen Gliedern, langsam nachließ, wurde ich mit einem neuen, viel tieferen Schmerz konfrontiert – einem Schmerz, der in der Leere meines Herzens wucherte.
Es begann direkt nach meiner Rückkehr. Kate war nicht mehr die gleiche. Etwas an ihr hatte sich verändert.
Kate… die Frau, die mir einst all ihre Liebe und Wärme geschenkt hatte, die mich im Angesicht des Abgrunds nie im Stich gelassen hatte, ist nicht mehr die gleiche. Sie ist nicht stumm, nicht ruhig – aber die Wärme, die sie früher ausstrahlte, ist wie weggeblasen. Ihre Augen, die einst von Leben und Mitgefühl sprühten, sind jetzt leer und kalt. Keine flimmernde Wärme, die ihre Seele erleuchtet, kein Licht, das ihre Augen durchdringt. Nur tiefe, unergründliche Kälte. Und in diesem leeren Blick liegt etwas, das ich nie erwartet hätte.
Ich erinnere mich genau an den Moment, als Lilien es mir erklärte. Ich war gerade dabei, meine ersten Schritte nach der Rückkehr in meinen Körper zu machen, verwirrt, orientierungslos. Aber sie trat zu mir, in ihrer typischen, ruhigen Art, ihre Augen immer scharf, immer beobachtend, und sprach die Worte, die alles veränderten. „Das Dunkel ist vertrieben, Christiano. Kate hat Daemon besiegt und den Fluch des Blutmondes durchbrochen. Aber der Preis dafür...“ Ihre Stimme zitterte, als sie weitersprach. „Der Preis war Kates Seele. Sie hat alles gegeben, um dich zurückzuholen. Du bist wieder du, aber sie... ist nicht mehr dieselbe.“ Die Worte hallten in meinem Kopf, aber sie wollten keinen Sinn ergeben. Wie konnte das sein?
„Sie ist noch hier“, fügte Lilien hinzu, „aber sie ist verloren. Die Essenz, die sie ausmachte, ihre Seele ist fort. Es gibt keine Rückkehr von diesem Preis.“
Ich wünschte, ich hätte diese Worte damals nicht gehört. Sie brannten sich in meinen Geist, setzten sich fest wie ein nie verheilendes Trauma.
Sie ist nicht mehr die sanfte Kate, die für mich gekämpft hat, die sich in meinen Armen zusammenrollte, die mich in den dunkelsten Momenten zum Lächeln brachte. Sie ist härter geworden, grober, als ob jede Faser ihres Wesens von dem Opfer, das sie gebracht hat, verbrannt wurde. Ihre Bewegungen sind nicht mehr weich und fließend, sondern scharf, wie die einer Jägerin, die auf die Jagd geht. Und es ist genau das, was sie tut. Sie jagt – nicht mehr mit der sanften Entschlossenheit, die sie früher an sich hatte, sondern mit einer Wut, die sich wie ein kaltes Feuer in ihr entfaltet.
Jeder Blick, den sie mir zuwirft, ist jetzt von einer fernen, fast eisernen Qualität. Sie sieht mich an, als würde sie mich nicht wirklich sehen. Als würde sie durch mich hindurch schauen, als würde ich nur ein weiteres Hindernis auf ihrem Weg sein. Ein Hindernis, das sie nicht mehr auf die gleiche Weise respektiert, wie sie es früher tat. Ihre Loyalität zu mir ist noch immer da – in dem Wissen, dass sie die Alphagefährtin ist und dies ihre Rolle ist. Doch in ihrem Inneren ist sie kalt, funktionierend statt lebend.
Und ich weiß, dass ich die Ursache dafür bin. Denn ich bin zurück. Ich bin hier, aber sie ist es nicht mehr. Ihre Seele ist nicht mehr die, die ich einmal gekannt habe. Ich sehe es in jedem ihrer Schritte, in jeder Geste, die sie macht. Es gibt keinen Funken der Sanftheit, die sie früher hatte, keine der Zärtlichkeiten, die unser Band immer gestärkt haben.
Der Gedanke, dass sie mich in ihrem Inneren vielleicht schon längst nicht mehr als den Mann sieht, den sie einst liebte, schmerzt. Aber der Schmerz ist nicht nur, weil sie sich verändert hat, sondern weil ich weiß, dass ihre Veränderungen aus einem Opfer resultieren, das sie nicht hätte bringen müssen. Ein Opfer, das sie mir aus der tiefsten Liebe gegeben hat, aber das sie selbst zerstört hat.
Es zerreißt mir das Herz, sie so zu sehen. Denn ich weiß, dass ich der Grund dafür bin. Sie hat sich verändert, weil sie mich zurückgeholt hat. Wird sie für immer diese kalte Hülle bleiben? Oder wird sie mich irgendwann wieder erkennen, mich als denjenigen, der sie vor all dem bewahren wollte? Vielleicht irre ich mich, aber ich fürchte, dass wir nie wieder dieselben sein werden.
Die Sonne steht tief über den Hügeln, als wir uns versammeln – still, mit gebeugten Köpfen und offenen Herzen. Der Wind weht kühl über das Plateau, auf dem wir Gevran zum letzten Mal Ehre erweisen. Kein Prunk, keine großen Worte. Nur wir, das Volk der Skinwalker, vereint in Trauer und in Stolz.
Gevran war einer von uns.
Durch Blut, durch Taten, durch Überzeugung, durch das Opfer, das er brachte. Er hat für seine Freunde eingestanden. Und am Ende hat er dafür sein Leben gegeben, für seinen Freund, seinen Waffenbruder, für die Hoffnung auf Rettung. Das ist so viel mehr, als ein jeder erwarten darf.
Ich stehe zwischen Kain, mit Leora an seiner Seite und Kate. Bronn, Diane, Taron und Idis neben uns. Ich spüre Lilien nur wenige Schritte entfernt, wie sie ein Bündel getrockneter Kräuter zwischen den Händen reibt. Der Geruch von Wacholder und Salbei liegt in der Luft, vermischt mit Erde, Rauch und Erinnerung. Ein uraltes Ritual. Ein stiller Gesang beginnt, tief, kehlig, aus unseren Reihen – eine Melodie, die in uns lebt. Wie Gevran jetzt auch.
Wir betten ihn nicht in kalte Erde, wir geben ihn zurück an die Elemente.
So wie es unsere Art ist.
Sein Körper ruht auf einem Gerüst aus Ästen, umwoben mit Stoffen, Zeichen und alten Schnitzereien. Die Flammen warten nicht – sie züngeln ehrfürchtig, als Lilien mit ruhiger Hand das Feuer entfacht. Kein loderndes Inferno. Sondern ein leiser Tanz, ein warmes Leuchten. So wie Gevran war. Beständig. Ruhig. Entschlossen.
Ich spüre, wie sich meine Kehle zuschnürt. Es ist nicht nur der Rauch, es ist mehr. Es ist der Kloß aus Schuld und Dankbarkeit. Ich habe überlebt. Kain auch. Leora. Vielleicht nur, weil Gevran nicht gezögert hat. Weil er das getan hat, was sein Instinkt ihm riet, ohne jedwede Garantie für die Rückkehr meiner Seele in meinen Körper, ohne die Gewissheit, dass sein Tod Daemon am Emde bezwingen würde.
Aber wir wissen es. Wir vergessen es nicht.
„Er war einer von uns.“ sage ich leise, doch meine Stimme trägt über das Plateau.
Ein Murmeln der Zustimmung geht durch die Reihen. Bronn senkt den Kopf. Kain legt eine Hand an sein Herz. Auch die anderen sprechen kein Wort, aber die Tiefe in ihren Blicken ist Antwort genug.
Wir glauben, dass die Seelen unserer Gefallenen weiterziehen – nicht fort, sondern hinein in das, was wir sind. In den Wind. In das Fell eines wandernden Tieres. In die Flamme eines Feuers, das Wärme schenkt. Und so wird Gevran in uns weiterleben. In unseren Liedern. In unseren Taten. In jeder Entscheidung, die wir von heute an mit Mut treffen.
Als die Flammen höher steigen und der Rauch aufsteigt, strecken wir die Hände nach oben, Finger weit gespreizt – ein altes Zeichen der Verbundenheit, der Übergabe, der Ehrerbietung. Keine Tränen. Nur Ehrfurcht.
„Mögest du friedlich und mit Gewissheit unserer Verbundenheit und unseres Respektes in die nächste Welt, dein nächstes sein übertreten.“, gebe ich ihm unseren Wunsch mit auf den Weg, während eine leise Melodie des Clans meine Worte begleitet. Der Himmel nimmt ihn auf, das Feuer trägt ihn. Und wir – wir tragen ihn in uns.
Gevran ist nicht mehr.
Aber was er war, wird bleiben.
Kapitel 1
Die Dämmerung kriecht wie dünner Nebel durch das hohe Fenster unseres Gemachs.
Ich wache auf, bevor der erste Lichtschein den Boden erreicht. Neben mir liegt Kate – ihr Körper ruhig, die Züge entspannt, als würde sie schlafen. Doch ich weiß es besser. Sie schläft nie wirklich tief. Nicht mehr.
Ich drehe mich zu ihr und strecke die Hand aus. Meine Finger streifen sacht über ihren Arm, dort, wo ihre Haut immer warm war, lebendig.
Jetzt ist sie nur noch... Haut. Kein Flimmern, keine Reaktion, kein kleines Zittern unter meiner Berührung. Nur Stille. Sogar ihre Ranken auf der Haut sind verschwunden. Langsam dreht sie sich zu mir um. Ihre Augen treffen meine, klar, ungerührt. Keine Spur der Weichheit, die einst zwischen uns glühte.
„Soll ich meinen Pflichten als Gefährtin nachkommen?“, fragt sie, so nüchtern, als würde sie fragen, ob ich Brot zum Frühstück möchte.
Ich kann nicht antworten. Nicht wirklich. Ich schüttele nur den Kopf, fast unmerklich.
Sie dreht sich wieder weg. Und mir reißt es das Herz heraus. Wie jeden Morgen.
Denn ich sehe ihren Körper. Ihre Gestalt.
Aber es ist nicht mehr Kate.
Nicht die, die mich geliebt hat. Nicht die, deren Nähe mich getragen hat.
Ich teile mein Bett mit ihrer Hülle – während ihre Seele, die sie ausmachte, längst fort ist.
Ich erhebe mich schweigend, kleide mich an. Und als ich mich noch einmal zu ihr umdrehe, sitzt sie bereits am Bettrand. Ihre Bewegungen sind mechanisch. Sicher.
Nicht vertraut. Nur vertraut gewordene Fremdheit.
Gemeinsam verlassen wir das Gemach – wie jeden Tag. Der Alpha und seine Gefährtin.
Der Clan erwartet Stärke, Einheit. Und das bekommen sie. Was niemand sieht: wie tief der Riss in mir wirklich geht.
Die Routine übernimmt. Berichte, Patrouillen, Entscheidungen. Kate steht neben mir – unerschütterlich, klug, distanziert. Wenn sie spricht, dann klar, präzise, wie eine Waffe. Nie ein Zögern. Nie eine Frage, ob etwas auch richtig ist – nur, ob es effizient ist.
Später, auf dem Trainingsplatz, beobachte ich sie dabei, wie sie die Jungen anleitet. Kein Lächeln, keine Nachsicht. Sie ist hart. Manchmal gnadenlos.
Und ich frage mich, ob sie weiß, wie viele von ihnen früher zu ihr aufgeschaut haben – als Hoffnung. Jetzt sehen sie eine gnadenlos harte Kriegerin. Nicht mehr die Frau, die sie mit einem Blick ermutigen konnte. Ich spreche kaum. Es würde nichts ändern.
Als die Dämmerung erneut fällt, kehren wir zurück ins Gemach. Unsere Bewegungen sind abgestimmt, gewöhnt. Ich lege meine Kleidung ab, wasche mich.
Kate tut es ebenso.
Kein Wort.
Im Bett liege ich nah bei ihr. Meine Hand sucht manchmal ihren Rücken. Nur ein Hauch. Ein stilles Bitten.
Manchmal bleibt sie reglos, manchmal dreht sie sich zu mir, stellt dieselbe Frage wie jeden Morgen – „Soll ich meinen Pflichten nachkommen?“
Und ich breche innerlich, auch wenn ich schweige.
Ich liebe sie noch immer.
Aber sie ist nicht mehr hier.
Nicht wirklich.
Und doch bin ich nicht dazu im Stande sie los zulassen, genauso wenig wie ich sie zurück holen kann.
Der Mond wächst. Ich spüre ihn unter meiner Haut, in den Knochen, in der Stimme des Clans, die langsam lauter wird. Bald wird er voll sein.
Und ich frage mich, ob der Wandel sie noch einmal erreichen wird – oder ob selbst der Vollmond sie nicht mehr rufen kann.
Der Tag beginnt wie jeder andere. Die Sonne klettert träge am Himmel empor und färbt die Welt in schummriges Licht, das alles weich erscheinen lässt. Doch für mich gibt es keine Weichheit mehr. Jeder Augenblick fühlt sich wie eine scharfe Kante an, die sich in mein Herz gräbt, wie ein Riss, der nicht heilen will. Kate geht durch den Tag wie eine fremde Hülle, ihre Schritte sind gleichmäßig und sicher, doch in ihren Augen brennt kein Feuer mehr. Sie spricht wenig, handelt mehr, wie eine Maschine, die ihren Lauf hält, ohne zu hinterfragen, was sie antreibt. Heute zeigt sie sich sogar mir gegenüber unaufgeregt, als wir uns gemeinsam mit den anderen in den großen Empfangsraum begeben. Dort treffen wir auf Kain und Leora. Als Kate und ich eintreten, greift sie mir, wie jeden Tag, routiniert unter den Arm, ihre Hand ist kalt, wie immer. Und doch – der Moment bleibt für mich hängen, als Leora ihren Blick auf Kate richtet. Ihre Augen füllen sich mit einer Trauer, die so dicht ist, dass sie beinahe greifbar wird. Ein Blick, der nach ihrer geliebten Freundin sucht und sie nicht finden kann.
Kate scheint es nicht zu bemerken. Sie nickt Leora zu, spricht mit einer Stimme, die so glatt ist wie ein Stein, bevor sie sich wieder in Bewegung setzt. Aber in Leoras Blick bleibt eine Melancholie, die mir zu Herzen geht.
„Sie ist nicht mehr sie“, flüstert der Gedanke in meinem Kopf, doch ich sage nichts. Ich merke, dass auch Kain den Blickwechsel zwischen Leora und Kate bemerkt. Die Stille, die folgt, ist fast erdrückend.
Irgendwann, als der Tag weiterzieht, finde ich mich alleine mit Kain wieder. Es ist später, als die Sonne schon fast hinter den Hügeln verschwunden ist, der Raum wird von der sanften Dämmerung durchzogen. Kain tritt mit seinem ernsten Blick auf mich zu, und in seinen Augen liegt etwas, das ich nicht sofort deuten kann.
„Wie geht es dir, Christiano?“, fragt er leise. Die Frage schneidet durch die Stille, als hätte sie die Schärfe eines Messers. „Fängst du dich wieder? Oder...“
Er stockt, als würde er nach den richtigen Worten suchen, die er nicht finden kann. Und ich verstehe. Was soll er sagen? Wie kann er mir helfen, wenn der Schmerz nicht nur in mir, sondern auch in Kate lebt – oder vielmehr: in dem, was von ihr übrig geblieben ist? „Hast du irgendwo einen Funken der echten Kate gefunden?“, fragt er, fast schon verzweifelt. „Irgendwas, das uns Hoffnung geben könnte?“
Ich schüttele den Kopf, ohne zu zögern. „Nichts“, murmle ich. „Nichts, was uns helfen würde.“
Kain sieht mich an, seine Lippen verkrampfen sich, und ich sehe, wie er sich zusammenreißt. Er will etwas sagen, etwas tun, aber er weiß nicht, was. Ein Moment der Stille, dann beißt er sich auf die Lippe, wie er es immer tut, wenn er innerlich mit sich ringt. „Es muss doch etwas geben... etwas, das wir tun können. Etwas, das sie zurückbringt.“
Ich fühle das Gewicht seiner Worte, und gleichzeitig ist da diese unausgesprochene Frage, die er mir immer wieder stellt: Wie hältst du das aus, Christiano? Und ich sehe es in seinem Blick – er weiß, was es bedeutet, wenn man die Gefährtin verliert, wenn sie da ist, man sie aber nicht berühren kann.
„Du hattest Leora zwar beinahe verloren, aber sie war noch bei dir, nur unberührbar.“, sage ich leise, fast wie eine Entschuldigung. Kain nickt, doch die Trauer in seinem Blick bleibt, nicht nur für sich selbst, sondern auch für mich. „Es ist... fast ironisch, oder?“, sage ich mit einem trockenen Lächeln, das mehr eine leise Bitterkeit ist. „Du konntest deine Gefährtin sehen aber nicht berühren, und ich... Kate ist hier, ich kann sie berühren. Aber sie ist nicht mehr meine Kate, meine kleine Flamme.“
Kain schließt für einen Moment die Augen, und ich sehe, wie er sich innerlich zusammenzieht. Dann, nach einem Augenblick der Stille, atmet er tief ein. „Vielleicht gibt es noch Hoffnung. Vielleicht gibt es noch etwas, das wir tun können.“ Ich schüttele den Kopf. „Ich weiß nicht, ob es das noch gibt. Und wenn, dann... kann ich es nicht alleine finden.“ Er nickt, und für einen Moment bleibt er einfach bei mir, so wie wir es schon immer getan haben – in der Stille, die mehr sagt als Worte. Doch in diesem Moment kann ich fühlen, dass auch Kain nicht weiß, wie er diesen Schmerz bezwingen kann. Und das schlimmste daran ist: Ich weiß es auch nicht. Kains Blick haftet sich auf einem Punkt in der Ferne. „Manchmal frage ich mich...“, flüstert er und sein Ton ist ungewöhnlich vorsichtig. „Ob es leichter gewesen wäre, wenn sie..., wenn Kate nicht mehr zurückgekommen wäre. Wenn wir hätten trauern müssen. Wenn es... abgeschlossen wäre.“ Ich hebe den Kopf, fahre erschrocken zusammen. Die Worte treffen wie ein Schlag, auch wenn sie leise gesprochen werden. Ich will widersprechen, etwas sagen, irgendetwas – aber mein Hals schnürt sich zu.
Kain weicht meinem Blick nicht aus. Aber ich sehe, dass er selbst mit dem hadert, was er ausgesprochen hat. Das er selbst diesen Gedanken kaum erträgt.
„Nicht, weil ich ihr den Tod wünsche. Götter, nein“, sagt er. „Aber... vielleicht wäre es ehrlicher. Weniger... grausam. Wir hätten einen Abschied. Einen Punkt, an dem der Schmerz beginnt – und irgendwann, vielleicht, endet.“ Ich schlucke hart. Die Worte hallen in mir nach, lassen mich brennen. Ist es leichter, jemanden zu verlieren, den man liebt, oder jeden Tag zu sehen, dass er verloren ist – und dennoch da? „Ich glaube nicht“, murmele ich rau. „Ich... ich liebe sie. Immer noch. Auch wenn ich jedes Mal zerbreche wenn sie mich ansieht.“ „Ich weiß.“ Kain lässt die Schultern sacken. „Immer wenn ich sie sehe gibt es den ersten Moment von nicht mal einem Atemzug indem ich mich freue Kate zu sehen, indem ich erwarte die kleine trotzköpfige Katze mit den funkelnden Augen zu erleben. Und im nächsten Moment erinnere ich mich daran, dass es nicht sie ist, die ich sehe.“
Ich senke den Blick, starre auf den Boden, als könnte ich dort eine Antwort finden. „Es ist absurd“, murmele ich schließlich. „Selbst wenn wir... selbst wenn wir es ändern könnten. Wenn es einen Weg gäbe, sie nicht zurückkehren zu lassen – ich weiß nicht, ob ich ihn gehen könnte.“
Kain sieht mich an und runzelt die Stirn. „Warum nicht?“ Ich atme tief ein, meine Stimme bricht beinahe. „Weil ich es nicht ertragen könnte, sie zu verlieren. Noch einmal. Nicht ganz.“ Ich sehe ihn an, suche in seinen Augen das Verständnis, das nur jemand haben kann, der selbst so tief liebt, dass es ihn beinahe zerreißt.
„So wie sie jetzt ist... es tut weh, jeden Tag. Aber sie ist hier. Ich sehe sie. Ich kann ihre Stimme hören, ihren Körper spüren – auch wenn darin nichts mehr von ihr zu sein scheint.“ Ich schüttle den Kopf, langsam. „Wenn ich diesen letzten Rest auch noch verliere..., wenn ich sie gar nicht mehr sehe, nicht mehr höre... ich glaube nicht, dass ich das überleben würde.“ Kain nickt langsam, und in seinem Blick liegt nichts als Verständnis. Und Trauer.
„Ich verstehe das“, sagt er leise. „Mehr, als ich sagen kann. Ich... ich glaube, ich könnte es auch nicht. Ich glaube, wenn Leora so vor mir stünde – körperlich da, aber innerlich... fort – ich würde auch jeden Tag mit ihr leben, auch wenn es mich zerreißt, einfach nur um noch einen Zipfel von ihr festzuhalten.“
Er lehnt sich zurück, fährt sich durch das Haar, wirkt erschöpft von der Schwere des Gesprächs, von all den Gedanken, die unausgesprochen zwischen uns stehen.
Dann, nach einem Moment der Stille, sieht er mich wieder an, fester diesmal.
„Ich habe den größten Respekt vor dir, Christiano“, sagt er. „Nicht nur, weil du sie bei dir hältst – sondern weil du es tust, als wäre nichts geschehen. Du gibst niemandem auch nur einen Hauch von Zweifel. Du trägst sie an deiner Seite wie immer. Du beschützt sie mit jedem deiner Atemzüge. Selbst jetzt.“ Er zögert kurz, fährt dann fort: „Ich weiß, du musst das – wegen deiner Rolle, wegen der Verantwortung, die du trägst. Kate ist nicht nur deine Gefährtin. Sie ist schwanger mit deinem Kind. Und sie ist... dein Schild, dein Spiegel. Euer Band ist nicht zu lösen.“ Seine Stimme wird leiser. „Aber ich weiß auch, was es kostet. Und ich sehe es dir an, auch wenn du es gut verbirgst.“ Ich lache leise, bitter. „Du bist einer der Einzigen, der es überhaupt sehen darf.“
Ich hebe die Schultern, lasse sie dann wieder sinken. „Es ist nicht nur der Clan. Es ist... ich selbst. Ich muss sie an meiner Seite haben. Für die Stabilität. Für die Sicherheit. Für mich. Wenn sie nicht bei mir ist, fühlt sich alles noch brüchiger an. Ich weiß nicht mehr, was wahr ist, was noch ganz ist. Sie zu sehen, auch so wie sie jetzt ist, ist mein letzter Halt.“
Ich sehe ihn ernst an. „Und ich... ich wage es kaum, sie aus den Augen zu lassen. Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich es tue. Ich weiß nicht, was sie tut – oder was ihr getan wird.“
Kain nickt langsam, seine Stirn ist in tiefe Falten gelegt. Dann flackert ein anderer Gedanke über sein Gesicht, und er wirkt plötzlich unsicher.
„Der Vollmond“, sagt er schließlich. Fast flüsternd. Ich reagiere nicht sofort. Spüre nur, wie sich meine Schultern anspannen.
„Wir wissen beide was er bedeutet.“, fährt er fort, vorsichtig, beinahe tastend. „Und ich... ich sage das nicht, weil ich mich einmischen will. Ich weiß, das steht mir nicht zu. Aber... ich möchte, dass du weißt, dass ich jede deiner Entscheidungen verstehen würde.“
Er senkt den Blick, seine Stimme ist brüchig. „Wenn du es selbst tust – um bei ihr zu sein, um... sie zu schützen, zu halten, sie zu berühren, damit niemand anderes sie berührt, selbst in dieser verzerrten Form – dann verstehe ich das. Und wenn du es nicht kannst..., wenn es zu sehr schmerzt, weil du es nicht ertragen kannst so wie sie jetzt ist..., dann verstehe ich auch das. Es gibt... kein richtig in dieser Sache. Nur Überleben.“ Ich antworte nicht sofort. Meine Gedanken taumeln, taumeln wie Laub im Wind. Schließlich sage ich leise: „Selbst wenn ich es ertragen würde, wenn jemand anderes... sie ist mein, nach wie vor.“
Ich blicke zum Fenster. Die Schatten werden länger. Und irgendwo draußen, jenseits der Mauern, beginnt der Himmel, sich in silbernes Licht zu hüllen.
„Der Mond kommt näher“, sage ich. „Und ich werde einfach versuche nicht zu zerbrechen.“
Für einen Moment schauen wir beide in dieselbe Ferne, obwohl wir beide wissen, dass dort keine Antwort liegt. Nur Licht. Und Schatten. Und dann legt er seine Hand für einen Moment schwer auf meine Schulter.
„Wenn du fällst“, sagt er, „halte ich dich. Nicht für sie. Für dich.“ Ich sehe ihn an, nicht mit Dank, sondern mit dem stillen Blick dessen, der weiß, dass Worte im Angesicht des unausweichlichen Schmerzes nichts mehr retten können. Aber ich nicke. Einmal. Nur das. Und er versteht.
Als er gegangen ist, bleibt die Stille zurück. Und der Gedanke, dass das, was mich zerbricht, auch das Einzige ist, was mich noch zusammenhält.
Ich bleibe noch einen Moment allein. Der Raum um mich wirkt leer, wie ausgeatmet, als hätte selbst die Luft erkannt, dass Worte heute keine Erlösung bringen. Draußen hüllt die Nacht den Hof in sanftes Dunkel, und die ersten silbernen Schleier des Mondes legen sich über das Pflaster wie Frost.
Dann höre ich Schritte. Leise. Zielstrebig.
Ich muss nicht aufsehen, um zu wissen, wer es ist.
Kate betritt den Raum, so ruhig, so kontrolliert. Ihr Gang ist geschmeidig, anmutig – und doch liegt darin keine Weichheit mehr. Nur Effizienz. Zweck. Der Blick in ihren Augen ist klar, aber leer. Kein Erkennen. Kein Bleiben. Nur Anwesenheit. Ihre Augen streifen mich, berühren mich, aber sie sehen mich nicht wirklich. Und doch ist sie schön. So sehr, dass es mir weh tut. „Es ist spät“, sagt sie nur, sachlich, beinahe dienstlich. Keine Frage. Keine Wärme. Nur eine Feststellung.
Ich nicke langsam. „Ja.“
Kate geht neben mir her, als wir den Saal verlassen. Seite an Seite, wie so oft, wie es die anderen gewohnt sind. Unsere Bewegungen sind abgestimmt, vertraut. Niemand, der uns jetzt sähe, würde ahnen, was zwischen uns liegt. Oder vielmehr: was nicht mehr da ist.
Der Flur ist still. Nur unsere Schritte auf dem Steinboden hallen leise, fast feierlich. Ich werfe ihr einen kurzen Seitenblick zu, sehe das Profil, das ich in- und auswendig kenne. Und trotzdem erscheint es mir fremd, wie in Nebel getaucht.
Wir erreichen unsere Tür. Unser Gemach. Ich öffne sie, lasse sie zuerst eintreten. Ein kurzer Moment, ein Schatten früherer Rituale.
Drinnen ist alles wie immer. Aufgeräumt. Still. Nur der flache Lichtschein vom Kamin flackert an den Wänden und gibt allem eine trügerische Wärme.
Ich ziehe langsam die Weste aus, lege sie über den Stuhl. Kein Blick zu mir. Kein Wort.
Als wir schließlich unter die Decke gleiten, ist alles still. Nur das Knacken des Holzes im Kamin begleitet uns. Unsere Körper liegen nebeneinander – vertraut nah, doch nicht verbunden. Ich spüre ihre Wärme, ihre Gegenwart. Aber nicht ihre Seele.
Dann spricht sie, ohne sich umzudrehen:
„Ich bin bereit. Wenn du es willst.“
Keine Betonung. Keine Erwartung. Nur ein nüchternes Angebot – als sei ihr Körper eine Pflicht, die sie zu erfüllen gedenkt. Ich antworte nicht sofort. Schaue an die Decke. Zähle innerlich die Herzschläge, die zwischen uns liegen.
„Nein“, sage ich schließlich leise. „Nicht heute.“ Sie sagt nichts. Regt sich nicht. Und ich weiß nicht, ob sie enttäuscht ist, erleichtert oder einfach leer. Ich wende mich leicht zu ihr, ohne sie zu berühren. „Schlaf gut, Kate.“
Ein Hauch von Zärtlichkeit in der Stimme, auch wenn ich weiß, sie hört ihn vielleicht nicht mehr.
„Gute Nacht“, sagt sie. Neutral.
Dann drehen wir uns beide zur Seite.
Der Morgen bricht grau und kühl an, als wolle selbst der Himmel das Herz nicht heben. Nebel liegt schwer über dem Land, als hätte sich die Welt selbst in Schweigen gehüllt. Ich wache früh auf, weil der Schlaf mich nur in flachen Wellen berührt hat. Kate liegt noch neben mir, die Decke ordentlich über sich gezogen, als hätte sie sich im Schlaf nicht einmal bewegt.
Ich beobachte sie einen Moment. Ihr Gesicht ist ruhig, vollkommen. Aber zu ruhig. Kein Muskel zuckt, kein Ausdruck wechselt. Wie eine Statue. Eine Hülle aus Fleisch und Erinnerung. Ich stehe leise auf, wasche mich und ziehe mich an, mit jenen langsamen, methodischen Bewegungen, die sich in meinen Tagen festgesetzt haben, seit ich versuche, Kontrolle durch Wiederholung zu gewinnen. Draußen im Flur ist es noch dämmrig. Die Dienenden sind bereits bei der Arbeit, verhalten und respektvoll wie immer. Ein stummes Nicken hier, ein kurzes Murmeln da – niemand spricht mehr laut in diesen Tagen.
Der große Saal ist noch leer, als ich ihn betrete. Ich bin gern früh hier. Nicht aus Pflichtbewusstsein – obwohl ich mir das selbst oft genug sage – sondern weil ich die wenigen Minuten der Stille brauche, bevor die Welt beginnt, von mir zu fordern. Ich setze mich auf denselben Platz wie gestern. Die Stelle, von der aus ich alles überblicken kann. Auch den Eingang. Und tatsächlich – nicht lange danach erscheint sie. Kate tritt ein, allein. Sie trägt das gleiche ruhige Gesicht wie immer, dieselben fließenden Bewegungen. Sie sieht mich, kommt herüber, setzt sich neben mich, ohne ein Wort. Ein Schatten früherer Nähe. Manchmal frage ich mich, ob irgendein Teil von ihr sich an diese Gesten erinnert, oder ob es nur die Routine ist, die ihr Körper gespeichert hat.
„Der Morgen ist kühl“, sagt sie schließlich.
Ich nicke. „Ja.“
Mehr folgt nicht. Und doch ist es einer dieser Momente, die ich mir abspeichere wie ein schwaches Echo – als hätte sie mich wirklich angesprochen, nicht nur die Luft gefüllt.
Bald darauf betritt die Gruppe den Raum – zuerst Kain und Leora, die fast gleichzeitig die Tür öffnen. Sie treten ein wie ein gut eingespieltes Team, ihre Bewegungen synchron und doch irgendwie in einem stillen Gegensatz zueinander. Kain bleibt still, sein Blick ernst, doch in seinen Augen liegt die Sorge um Kate und den kommenden Vollmond. Leora hingegen schaut sich mit ruhigem, fast distanziertem Blick um, doch wer sie kennt, erkennt die Anspannung in ihrer Haltung.
Kurz hinter ihnen folgt Bronn, an der Seite von Diane, die in ihrem üblichen, herausfordernden Wesen keinen Schritt hinter ihm zurückfällt.
Dann kommt Lilien, die eng an Taron anlehnt, als hätten sie sich in den letzten Wochen noch mehr als sonst zusammengefunden. Ihre Nähe zueinander ist unübersehbar – ein stilles, doch starkes Band, das in den letzten Tagen vielleicht sogar noch gewachsen ist. Lilien sieht sich um, ihre Augen strahlen eine Mischung aus Besorgnis und Frustration aus, und Taron, der wie immer in seiner Ruhe verharrt, streicht ihr fast unmerklich über den Rücken, als wolle er sie beruhigen. Liliens Blick findet den von Kate und wird augenblicklich von Schuld und Trauer durchflutet.
Die Tür fällt leise hinter der letzten von ihnen ins Schloss. Für einen Moment ist nur das Knacken des Holzes zu hören, das sich in der Morgendämmerung ausdehnt. Dann herrscht Stille – jene dichte, schwer atmende Ruhe, in der unausgesprochene Gedanken lauter sind als Worte.
Alle finden sich auf ihren üblichen Plätzen ein, Kain und Leora neben Kaite, Bronn mit Diane an seiner Seite gegenüber von den beiden und Taron mit Lilien schließen die Lücke zwischen mir und Bronn.
Doch aller Blicke – ob offen oder verstohlen – wandern immer wieder zu Kate.
Sie sitzt an meiner Seite, aufrecht, ruhig, mit jenem leeren Ausdruck, der mich jedes Mal auf neue Weise trifft. Es ist nicht Gleichgültigkeit, die da in ihrem Gesicht liegt – sondern die gänzliche Abwesenheit von ihr selbst. Und doch... sie ist hier. Und allein das scheint für manche schon genug, um an Hoffnung festzuhalten.
Ich stehe langsam auf, mein Blick schweift einmal durch den Raum. „Wir alle wissen, was uns bevorsteht“, beginne ich. „Der Clan beobachtet uns. Wartet auf Antworten. Auf Stabilität. Auf ein Zeichen, dass wir noch eine Einheit sind – und es bleiben.“
Ich sehe Kate an. Direkt. Ich zwinge mich dazu, auch wenn es mir das Herz aus dem Leib reißt.
„Kate“, sage ich, meine Stimme ruhiger als ich mich fühle, „bist du bereit, deine Rolle an meiner Seite weiterhin auszufüllen? Vor den Augen aller. Für die Sicherheit des Clans.“ Sie sieht mich an. Ohne ein Zögern. Ohne ein Blinzeln. „Ich tue das die ganze Zeit“, sagt sie. „Und ich werde es weiterhin tun.“
Ihre Stimme ist klar. Unerschütterlich. Aber sie trägt keine Wärme. Kein Echo von Erinnerung. Kein Funken von dem, was wir einst teilten.
Es ist, als hätte jemand ein Messer in meinen Brustkorb gelegt – nicht um zu töten, sondern um mich gerade lang genug am Leben zu halten, um jeden Herzschlag damit zu spüren. Ich nicke dennoch. Äußerlich unbewegt. Innerlich zersplittert. „Gut“, sage ich. „Dann steht unser Fundament.“
Ich wende mich an Kain. „Du bleibst meine rechte Hand. Mein Stellvertreter, wenn du dazu bereit bist.“
Er nickt, ernst, beinahe feierlich. Es ist keine neue Rolle für ihn – aber jetzt trägt sie ein anderes Gewicht.
„Taron – die Sicherheitsvorkehrungen liegen in deiner Verantwortung. Wir können keine Unachtsamkeit mehr dulden.“ „Natürlich.“, sagt er knapp, seine Stimme wie gewohnt fest und ruhig. Lilien wirft ihm einen kurzen, dankbaren Blick zu. „Bronn“, fahre ich fort, „du wirst das Training der Kämpfer weiter übernehmen. Mit Diane gemeinsam.“
Beide nicken. Bronn mit einem kleinen, bestätigenden Laut, Diane mit einem kaum verhohlenen Funkeln in den Augen. Dann wende ich mich Leora zu. Sie hat bis jetzt geschwiegen, ihre Augen zwischen Kain und Kate schweifen lassen wie ein stummer Beobachter eines Krieges, der längst begonnen hat. „Leora“, sage ich, „ich will, dass du Kain zur Seite stehst. Ebenso stellvertretend für diese Burg. Deine Stimme hat Gewicht – und deine Gegenwart noch mehr.“
Sie neigt leicht den Kopf, ihr Blick hart, doch zustimmend. „Wie du es wünschst.“
Zuletzt wende ich mich Lilien zu. Ich lächle beinahe – oder das, was von einem Lächeln in mir noch übrig ist. „Lilien... es ist lange her, dass wir eine Schamanin dauerhaft unter uns hatten. Deine Fähigkeiten, deine Art – sie gehören hierher. Ich würde mich freuen, wenn du bei uns bleibst. Als Teil dieses Clans.“ Ihre Augen weiten sich einen Moment, dann huscht ein zögerndes, aber ehrliches Lächeln über ihre Züge. „Ich... ja. Ich würde das gerne. Danke.“
Doch noch bevor der Moment ganz verhallen kann, wirft sie einen Blick zu Kate – und in ihren Augen liegt ein stilles Eingeständnis. Das Kate diesen Preis gezahlt hat hält sie für ihre Schuld und in ihrem Blick liegt die Entschlossenheit etwas dagegen zu unternehmen.
Ich blicke in die Runde. Alle haben ihre Rollen. Alle tragen etwas – einen Teil dieser zerbrechlichen Ordnung.
„Dann lasst uns diesen Tag nutzen“, sage ich. „Solange wir noch Licht haben – innen wie außen.“
Kate und ich verlassen gemeinsam den Ratssaal. Ihre Schritte sind ruhig, federnd wie einst, und doch wirkt es wie ein Schauspiel auf einer Bühne, die nur wir wirklich verstehen. Die Sonne hat sich inzwischen durch die bleichen Wolken geschoben und taucht den Hof in weiches, spätes Licht, als wir uns gemeinsam zeigen – Seite an Seite, ganz so, als sei nichts geschehen.
Ihr Arm liegt in meinem, leicht, aber bewusst. Eine Pose der Nähe, vertraut und vertraut gemacht, die nur geübte Augen hinterfragen würden. Mein eigener Arm hält sie eng an mich, nicht zu fest, nicht verkrampft – doch es ist mehr als Pflicht. Es ist ein verzweifelter Versuch, die Illusion zu wahren – nicht nur für die anderen, sondern auch für mich selbst.
Wir schreiten durch die Gänge der Burg, durch Innenhöfe, Flure, Säle, und zeigen uns. Als Einheit. Als Paar.
Kate nickt hier und da. Ihre Bewegungen sind anmutig, kontrolliert. In ihrer Haltung liegt dieselbe unnahbare Eleganz wie früher – aber kein Funke. Kein Lächeln. Kein Flüstern im Vorübergehen. Doch sie weicht keinen Moment von meiner Seite, als wäre sie fest verankert an mir, und ich an ihr. In den Gängen begegnen wir Kain und Leora, die sich in ein Gespräch über Vorräte und Patrouillen vertieft haben. Beide blicken kurz auf, als wir an ihnen vorbeigehen. Kains Augen verharren einen Moment zu lang auf Kate, dann sieht er zu mir – und nickt stumm. Leora senkt nur leicht den Blick, als würde sie die Fassade ehren, die wir errichtet haben.
Später, in der großen Halle, sind wir erneut präsent. Wir stehen beisammen, wie früher bei Empfängen oder Versammlungen – nah, vertraut, uneinnehmbar für Blicke von außen. Als Kate ihre Hand leicht auf meinen Arm legt, neige ich den Kopf zu ihr, wie um etwas zuzuflüstern, obwohl ich nichts sage. Es genügt, dass es so aussieht. Es genügt, dass wir zusammen gesehen werden. Und dennoch: Ich spüre jeden leeren Blick von ihr wie einen kalten Windzug durch meine Knochen. Ich kenne ihre Haut, ihre Haltung, ihre Stimme – aber sie ist eine fremde Bewohnerin dieses Körpers geworden, die Rolle spielt, weil ich es brauche. Weil der Clan es braucht.
Als der Tag sich neigt und die Schatten länger werden, beobachten viele uns noch immer. Und sie sehen ein Paar, das stark steht. Das sich hält. Gemeinsam.
Der Alpha mit seiner Gefährtin an seiner Seite.
Das Licht, das über die Burg fällt, wird matter, golden und fern, als hätte es längst vergessen, wie es wärmt.
Kate und ich haben den Tag auf den Gängen verbracht – zwischen Gesprächen, stummen Gesten, stillen Rollen. Als der Abend naht, ziehen wir uns langsam zurück. Unsere Schritte hallen auf dem Steinboden wie ein Echo vergangener Tage. Wir erreichen unser Gemach, ohne ein Wort. Die Wachen an den Türen verbeugen sich, blicken uns kurz an, lange genug um zu sehen, was wir ihnen zeigen wollen – und nicht länger. Die Tür schließt sich hinter uns mit einem Laut, der fast zu laut wirkt in der Stille, die folgt.
Der Raum ist warm. Gedämpftes Licht fällt durch die hohen Fenster, der Kamin knistert leise, als hätte jemand ihn schon vorbereitet. Alles ist wie immer – und doch ist alles anders.
Kate steht kurz still, löst dann den Mantel von ihren Schultern, als würde sie ein Gewicht abstreifen, das ihr nicht gehört. Ich sehe ihr dabei zu, sehe die Eleganz in jeder Bewegung, die mir so vertraut ist, dass sie fast schmerzt. Doch sie ist leer. Als hätte jemand das Feuer entfernt und nur die Form zurückgelassen. Ich strecke eine Hand nach ihr aus, berühre leicht ihren Arm – und sie lässt es zu. Es ist nicht Ablehnung, nicht Widerstand. Es ist Akzeptanz. Als wäre sie ein Teil eines Rituals, das wir beide kennen, auswendig, ohne Gefühl.
„Wir sollten ruhen“, sage ich schließlich.
Kate antwortet nicht, sondern bewegt sich lautlos zum Bett, löst das Haar aus dem Knoten. Ihre Bewegungen sind so sanft, so geübt, dass sie mir plötzlich fremd erscheinen. Wie etwas, das ich aus der Erinnerung kenne, aber nicht mehr greifen kann. Ich folge ihr. Nicht als Mann, nicht als Liebender – sondern als Partner in einem zerbrechlichen Gleichgewicht.
Wir legen uns nebeneinander. Der Raum ist still, nur das Knacken des Holzes und das leise Rauschen des Windes draußen erinnert daran, dass die Welt sich weiterdreht.
Ich spüre ihre Wärme neben mir, das sanfte Heben und Senken ihres Brustkorbs. So nah. Und doch so weit entfernt. Mein Blick fällt zur Decke. Gedanken kreisen wie Raubvögel über mir. Ich weiß nicht, was die kommenden Nächte bringen. Ich weiß nur, dass ich diesen Körper halte, in dem das Echo einer Seele wohnt, die ich geliebt habe. Und noch immer liebe. Und dass ich, solange ich atme, nicht aufhören werde, diese Hülle zu schützen – in der Hoffnung, dass irgendwann ein Funke zurückkehrt.
Der nächste Tag beginnt in der gleichen Stille wie der vorherige. Ein leiser, harter Übergang vom Dunkel der Nacht zum sanften, bleichen Licht des Morgens.
Ich wache auf, nicht mit einem erfrischten Gefühl, sondern mit der schweren Last des gestrigen Abends und der Sorgen, die mich wie Ketten an diesen Ort binden. Der Blick fällt zuerst auf Kate. Ihr Körper liegt ruhig an meiner Seite, die Haare verstreut über das Kissen, der Atem gleichmäßig. Aber das leise Rauschen ihrer Brust ist nicht genug, um die Leere zu füllen, die von ihrem inneren Fehlen ausgeht.
Die Morgendämmerung hat das Zimmer in ein fahles Licht getaucht. Kaum ein Sonnenstrahl bricht durch die Wolkendecke draußen, doch das Grau und Blau des frühen Tages schaffen eine seltsame Art von Ruhe, die sich nicht wirklich beruhigend anfühlt. Ich kann den Anstieg der Spannung förmlich in der Luft spüren. Kate bewegt sich nicht. Der Moment zieht sich.
Ich erhebe mich schließlich aus dem Bett, ein leises Rascheln in der Stille. Der Raum scheint selbst zu atmen – jedes Geräusch, das ich mache, hallt zu laut.
Ich schlüpfe in meine Hose und gehe zum Fenster. Der Wind ist kalt, aber nicht beißend. Nur das Versprechen von etwas, das in der Luft liegt – ein Druck, der sich anfühlt wie der beginnende Sturm.
Kate folgt mir nicht, auch nicht mit ihren Augen. Doch ich spüre, dass sie wach ist, auch wenn sie nicht reagiert. Sie spürt es – wie jeder von uns, dass etwas unaufhaltsam näher kommt. Der Vollmond.
Es ist, als ob der Tag selbst eine Pause einlegt, als ob alle um uns herum den Atem anhalten. Die wenigen Gespräche, die wir führen, sind von einer scharfen, fast gequälten Ruhe durchzogen. Jeder Blick zu Kate, jeder Blick zwischen uns, lässt das Unausgesprochene hängen – wie eine unerhörte Frage, die ich nicht zu stellen wage.
Ich sage wenig, gehe viel. Die Führung, die ich ausüben muss, erfordert es. Kain ist immer an meiner Seite, seine Augen abwechselnd auf Kate, dann auf mich gerichtet. Leora, Bronn, Taron, Diane – alle sprechen in kurzen, präzisen Sätzen, die der Moment verlangt. Aber keiner von ihnen spricht von dem, was in dieser Nacht geschehen wird.
Am frühen Abend, als die Dunkelheit sich bereits über die Burg legt und das große Tor hinter uns geschlossen wird, wird es Zeit, sich vorzubereiten.
Kate bewegt sich von ihrem Platz, schließt sich mir an, und bevor sie ein Wort spricht, legt sie ihren Arm in meinen, ein stiller Akt der Nähe, der weder Zuneigung noch Zurückweisung zeigt. Es ist die Geste eines Versprechens, oder vielleicht eines Aufgebens. Ihr Körper lehnt sich leicht an mich, und wir gehen gemeinsam durch die Gänge der Burg, als ob wir erneut ein Stück dieser verflossenen Normalität zurückerobern könnten. Die Schritte hallen in den leeren Fluren, aber keiner von uns spricht, keiner wagt es, das unausgesprochene Gewicht zwischen uns zu benennen.
Als wir unser Gemach erreichen, öffne ich die Tür und trete mit ihr in den Raum. Die Dunkelheit ist bereits eingetreten, aber in diesem Moment wirkt sie weniger wie eine Hülle des Ungewissen und mehr wie ein vertrauter Freund. Sie schließt sich hinter uns, der Raum ist still. Nur das leise Knacken des Kamins und das unmerkliche Rauschen des Windes im Außenhof füllen die Stille.
Kate bleibt stehen, ein paar Schritte entfernt, als würde sie den Raum messen, sich selbst darin verorten. Dann dreht sie sich zu mir. Ihre Augen, so leer wie der Raum um uns, bohren sich in meine. „Soll ich bleiben?“, fragt sie, ihre Stimme ist ruhig, fast zu ruhig, als ob sie den Ausgang aus dieser Nacht bereits in ihren Händen hält, selbst wenn sie sich nicht erinnern kann, was sie mit mir und von mir geteilt hat.
Ich zögere. Was soll ich sagen? Was kann ich sagen? Meine Antwort verhallt, noch bevor sie ihren endgültigen Klang erreicht. „Ich... kann dich nicht gehen lassen.“
Kaum ein Atemzug, und sie tritt einen Schritt näher. Ihre Nähe, ihr Blick, ihre Worte schneiden tief in mich. „Du brauchst keine Angst zu haben“, sagt sie leise. „Keine Hemmungen. Ich bin immer noch Kate. Ich erinnere mich an all unsere Nächte. Du kannst dich mir hingeben ohne Reue oder Zurückhaltung.“
Sie steht jetzt direkt vor mir, ihre Hand fährt leicht über meinen Arm, wie ein ruhiger, fast mechanischer Akt. Die Worte sind wie ein Messer, das sich in mein Herz bohrt. „Ich erinnere mich. Aber... ohne es zu fühlen.“ Es ist das Zugeständnis einer Wahrheit, die ich nicht hören will, aber die unaufhaltsam ist.
Ein weiterer Moment der Stille, in der sie mich beobachtet, als würde sie jedes noch so kleine Zucken meines Gesichts lesen. Schließlich sagt sie, fast beiläufig: „Du kannst es einfach geschehen lassen, Christiano. Ist Ok, es ist kein Betrug an dir oder mir.“ Ihre Worte schweben in der Luft, so leicht und doch so schwer. „Die Nacht könnte so viel mehr für dich bereithalten, wenn du es nur akzeptieren würdest.“
Und dann – dieser Moment, der mich wie ein Schlag trifft. „Die Nacht könnte so viel mehr für dich bereithalten..., wenn du es nur akzeptierst.“ Ihre Stimme, die Worte, die sie spricht, sind meine eigenen. Die Erinnerung an eine der ersten Nächte, die wir gemeinsam verbracht haben. Als sie mir noch trotzig und unwillig gegenüber stand, mich nicht wollte, sich nicht eingestehen wollte was nötig war, was sie wollte.
„Kate“, flüstere ich, der Schmerz in meiner Stimme ist unverkennbar. „Du... du bist nicht mehr die, die du warst.“ Und sie lächelt. Kein echtes Lächeln. Ein leerer, fast trauriger Ausdruck, der ihre Augen nicht erreicht. „Vielleicht. Aber du bist es immer noch. Und das ist alles, was zählt, oder?“
Der Raum scheint sich zu verengen, je näher Kate kommt. Die Luft zwischen uns ist elektrisch, gespannt wie eine Saite kurz vor dem Zerreißen. Und ich spüre beides gleichzeitig: den Sog des Mondes, dessen kalte Macht durch mein Blut zieht, mich innerlich aufreißt – und den anderen, tieferen Sog, der von ihr ausgeht. Etwas in ihrer bloßen Präsenz wirkt wie ein uraltes Versprechen, süß und gefährlich. Die Nymphennatur, die durch sie pulsiert, ist ein Aphrodisiakum, das selbst durch die tiefste Abwehr dringt. Jeder Blick, jeder Atemzug in ihrer Nähe ist berauschend – ein Gift, das wie Honig schmeckt.
Aber ich kenne sie. Ich kannte sie. Und was jetzt vor mir steht, ist... nicht nur Kate. Vielleicht noch ein Teil von ihr – oder ein Echo. Und obwohl mein Verstand sich dagegen stemmt, meine Sinne schreien nach ihr.
Sie tritt näher, langsam, wie ein Raubtier, das seine Beute nicht verschrecken will. Dann lässt sie die letzte Kleidung an sich hinabgleiten, wortlos, als wäre es nur eine alte, müde Haut, die sie abstreift. Ihr Körper ist vertraut – obwohl die feinen Rankenmuster, die sie geziert haben vollständig verblasst und verschwunden sind- so sehr das es schmerzt. Der Blick, den sie mir schenkt, ist offen, einladend – und doch liegt darin etwas Fremdes, etwas, das mich nicht ganz erreicht.
Sie hebt ihre Hand und legt sie an meine Wange. Die Berührung ist weich, warm... vertraut. Zu vertraut. Und mein Körper, dieser Verräter, erkennt sie. Reagiert. Wie oft war es genau diese Hand, genau diese Nähe, die mich gehalten hat, getröstet – oder in den Wahnsinn getrieben?
„Du kannst mich ansehen“, sagt sie leise, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. „Dein Körper weiß es doch. Er kennt mich. Er erinnert sich.“
Ich schließe die Augen. Nicht aus Scham. Aus Angst. Weil ich nicht weiß, was wahr ist – oder was ich will. „Es ist nichts Schlechtes daran“, flüstert sie, „wenn du es einfach genießt.“ Ihre Finger gleiten von meiner Wange an meinen Nacken. Kein Druck. Nur die bloße Einladung. Ein Teil von mir glaubt ihr kein Wort. Der andere Teil… will nichts sehnlicher, als dass es wahr ist. Dass sie es ist. Dass irgendetwas davon noch echt ist.
Doch am Ende ist es nicht sie, die entscheidet. Auch nicht ich. Es ist der Mond.
Er greift in mich hinein, zieht an den Fäden meines Wesens. Ich spüre, wie mein Atem schneller wird, wie der Blick sich klärt – nur um sich im nächsten Moment wieder zu trüben. Der Mond weckt meine inneren Triebe und lässt sie nach mehr verlangen. Sie allein sind kontrollierbar. Doch der Mond weckt auch Kates innere Natur. Sie wirkt wie ein reiner, unverdünnter Rausch. Ihre Präsenz allein verändert die Chemie meines Blutes. Der Geruch ihrer Haut – kaum mehr als eine Ahnung von Wald, Nachtblumen und Regen – brennt sich tief in mein Gehirn wie eine Droge, gegen die es kein Gegengift gibt. Selbst mein Atem passt sich an den ihren an, ungewollt, aber unausweichlich. Es ist mehr als Begierde. Es ist eine Sehnsucht, die sich in Schichten legt – körperlich, geistig, seelisch. Ihre Aura wickelt sich um mich wie feiner Rauch, zieht mich tiefer, will, dass ich vergesse, wer ich bin, solange ich bei ihr bin. Etwas urtümliches erwacht in mir, etwas, das nicht fragt, nicht zögert.
Meine Hand schließt sich um ihren Nacken – nicht grob, aber bestimmt. Die Hitze ihrer Haut unter meinen Fingern ist wie ein Funke, der einen alten Brand erneut entfacht. Ich ziehe sie zu mir, der Abstand zwischen uns löst sich in einem einzigen, klaren Moment auf – und dann küsse ich sie. Nicht zaghaft. Nicht vorsichtig. Sondern so, als könnte ich durch diesen Kuss herausfinden, ob sie noch da ist. Ob Kate... irgendwo unter all dem noch lebt.
Kate erwidert meinen Kuss ohne Zögern, als hätte es nie eine Pause gegeben, keinen Riss, kein Dazwischen. Ihre Lippen drücken sich mit einer Entschlossenheit gegen meine, die keinen Raum lässt für Zweifel – und doch so viel Raum für Schmerz. Ihre Hände gleiten an meinen Nacken, finden dort Halt, ziehen mich näher, als wolle sie mit jeder Faser ihres Seins die Distanz überwinden, die uns mehr trennt als Wände oder Worte je könnten. Ihre Haut ist warm, weich, vertraut – wie ein Lied, das ich auswendig kann, auch wenn die Melodie bricht. Ihr Körper drückt sich an mich, nicht fordernd, sondern selbstverständlich, wie eine Antwort auf eine Frage, die ich nie laut stellen musste. Und ich will glauben, dass es echt ist. Ich will – wenigstens für diesen einen Moment – glauben dürfen, dass es nicht nur ihre Natur ist, die mich lockt. Nicht nur diese uralte Kraft, die durch ihre Adern fließt und mich wie ein Netz aus Sehnsucht umschlingt.
Meine Hände gleiten über sie, vorsichtig zuerst, tastend, wie um zu prüfen, ob Erinnerung und Realität noch übereinstimmen. Und sie tun es. Ihre Kurven, ihre Wärme, sogar die leichten Zuckungen dort, wo ich sie einst immer zum Lächeln bringen konnte – sie sind da. Alles ist da. Nur das Lächeln fehlt.
Ich schließe die Augen, weil ich es sonst nicht ertrage. Beschwöre das Bild vor mir herauf, wie sie damals war – wie sie mich ansah, mit diesem Blick, der mich mehr ankommen ließ als jede Berührung es je könnte. Ich klammere mich an dieses innere Bild, nicht aus Täuschung, sondern aus verzweifeltem Wunsch. Weil ich hoffen will. Für einen einzigen, kostbaren Moment. Und in dieser Hoffnung verliert sich der Widerstand. Der Mond pocht durch mein Blut. Ihre Aura schmiegt sich um meinen Geist wie Seide um nackte Haut. Und ich – ich bin nur noch ein Mann, der liebt. Trotz allem.
Ein leises Zittern geht durch meine Finger, als sie weiter über ihre Haut gleiten.
Alles an Kate ruft nach mir. Ihre Wärme, ihre Nähe, ihr Duft – ein verführerischer Schleier aus Erinnerung und Verlockung, durchtränkt von der Magie, die tief in ihr wohnt. Sie ist ein Lied – weich, lockend, durchdringend. Und ich kann nicht anders, als mich in ihrem Rhythmus zu verlieren.
Ihr Blick sucht meinen, offen, direkt – nicht flehend, nicht verführerisch, sondern ehrlich. Und genau das macht es so gefährlich. Weil ich in diesem Blick erkenne, was einst war, und was ich mir so verzweifelt zurückwünsche. Und zugleich weiß ich, dass es nicht mehr ganz echt ist. Doch das Wissen verblasst, verliert an Bedeutung unter der Wucht des Verlangens. Meine Kontrolle, sonst eiserner Schild, beginnt zu bröckeln unter der Verführung des Mondes und der verzweifelten Sehnsucht nach Kate.
Kate presst sich an mich, ihre Finger fest in meinem Nacken, und ich höre meinen eigenen Atem schneller werden. Ein Knurren, tief aus der Kehle, mischt sich unter ihn – nicht aggressiv, sondern rau, voller Hunger und Drang. Sie lächelt schwach. Fast schmerzlich. „Du darfst“, flüstert sie. „Es ist in Ordnung.“ Und ich weiß nicht mehr, ob sie es ist, die spricht, oder ob es das Echo der Erinnerung ist. Vielleicht macht es keinen Unterschied mehr.
Ich greife nach ihr, fester jetzt. Keine Zurückhaltung mehr. Keine Angst vor dem, was es bedeutet. Der Mond, der Trieb, das uralte Band – alles entfesselt sich in diesem Moment.
Mit einem tiefen, rauen Laut, halb Knurren, halb Seufzen, ziehe ich sie näher an mich. Mein Kuss trifft ihre Lippen, fordernder nun, getrieben von einer Mischung aus Begehren und Erinnerung. Unsere Körper sprechen dieselbe alte Sprache, und ich lasse sie gewähren, als ihre Hände mein Hemd öffnen – langsam, fast andächtig. Ihre Finger gleiten über meine Brust, erkunden jeden Zentimeter.
Wir sinken gemeinsam ins Bett, schwer und doch geführt von etwas, das älter ist als Worte. Ich bin über ihr, meine Stirn an ihre gelehnt, während ich mich in die Erinnerung versenke – nicht an ein Bild, sondern an ein Gefühl. An das, was sie einst für mich war, und was ich nun verzweifelt in ihr zu finden hoffe. Meine Hände folgen vertrauten Wegen über ihre Haut, suchen die Orte, an denen sie einst lachte, zitterte, flüsterte. Als ich mein Gewicht absenke und in sie eindringe ist es tief und hart. Auf der verzweifelten Suche nach meiner Kate. Ihr Körper reagiert auf jede meiner Berührungen wie damals. Es ist, als würde ihre Haut sich erinnern, als würde jeder meiner Fingerzüge längst vertraute Spuren wiederbeleben. Ihre Atmung beschleunigt – nicht hastig, sondern rhythmisch, als würde sie sich dem alten Takt fügen, den nur wir beide kennen. Der Klang davon, dieses leise, stockende Einatmen, das fast ein Zittern ist, geht mir durch Mark und Bein. Es ist, als ob ihr Körper mehr weiß als ihr Verstand – oder als ob sie beides bewusst zulässt.
Für einen Moment verliere ich mich in dieser Illusion. Bewege mich in ihr vertraut und intensiv.
Jeder vertraute Laut von ihr, jede Bewegung unter meiner Berührung wirkt wie ein Widerhall jener Nächte, in denen alles einfacher schien.
Kate bäumt sich unter mir auf. Ihre Bewegungen sind entschlossen, selbstbestimmt, fordernd. Sie begegnet mir in gleicher Leidenschaft wie ich ihr, ebenbürtig. Und in diesem Moment geschieht etwas Unerwartetes: Ich höre auf, nach Unterschieden zu suchen. Ich höre auf, in ihr die Spuren der Veränderung zu suchen, die Leere, die mir Angst macht. Stattdessen sehe ich sie. Spüre sie. Und was ich empfinde, ist nicht Misstrauen – es ist Vertrautheit. Die Linie zwischen Erinnerung und Gegenwart verschwimmt. Vielleicht, denke ich, ist es egal, wie sehr sie sich verändert hat, wenn sich dieser Augenblick anfühlt wie ein Echo all jener, die wir einst geteilt haben. Vielleicht ist es genug, dass meine Hände wissen, wohin sie gehören, dass ihr Körper auf meine Berührungen antwortet, als hätte es nie einen Bruch gegeben. Ich verliere mich in ihr – und sie sich in mir.
Wir finden uns in einem verzehrenden Rausch wieder. Der Höhepunkt überrollt uns, als ein letztes intensives Ziehen, welches uns in den Abgrund stürzt. Der Scherz, die Lust, die Hoffnung, alles vereint sich in einem wilden Aufschrei von Lust aus unseren Kehlen.
Nachdem der Moment sich langsam gelegt hat, finden wir uns nebeneinander wieder, die Luft zwischen uns immer noch elektrisch geladen. Ihr Kopf ist auf das Kissen gesenkt, den Blick ins Dunkel der Decke gerichtet.
Wir liegen nebeneinander, doch der Abstand zwischen uns fühlt sich wie ein unüberwindbarer Graben an. Früher hatte sie sich immer in meinen Arm gekuschelt, hatte sich an mich gelehnt, als gehörte sie nur mir. Doch jetzt bleibt sie einfach neben mir liegen, ein harter, unsichtbarer Raum zwischen uns. Ihre Wärme ist noch spürbar, aber sie ist nicht mehr die vertraute Nähe, die einst alles heilte.
Unsere Vereinigung, so wild und vertraut in ihrem Moment, glimmt in mir nach. Doch anstatt mir Trost zu spenden, verstärkt sie nur die Leere, die mich umhüllt. Eine Sehnsucht nach der Kate, die ich kannte, die ich liebte, zieht sich tief in mir zusammen. Es ist, als ob ich immer noch auf der Suche nach etwas bin, das ich nicht mehr erreichen kann – wie eine Erinnerung, die sich immer weiter entfernt, je mehr ich versuche, sie festzuhalten. In meinem Inneren bleibt ein fader Beigeschmack zurück. Der Schmerz ist intensiver als zuvor, stärker als die körperliche Nähe, die wir noch teilen. Es ist, als ob der Raum zwischen uns nie wirklich gefüllt werden kann, egal wie nah wir uns sind. Langsam ohne ein Wort zu sagen, drehe ich Kate den Rücken zu. Die Stille die sich zwischen uns legt wird immer schwerer. Ich ertrage ihre Nähe und gleichzeitige Distanz kaum mehr.
Ich spüre, wie mein Körper sich anspannt, als ob er sich auf den Schmerz vorbereitet, den ich nicht mehr aufhalten kann. Der Schmerz, der sich in mir aufbaut, ein zäher, lähmender Knoten, der mir die Brust zuschnürt. Ich kann ihn nicht vertreiben, kann ihm nicht entkommen. Es ist der Schmerz der Erkenntnis, dass sie nicht meine Kate ist, nicht mehr.
Es fühlt sich an als habe ich mit jemand anderen geschlafen, als hätte ich meine Werte verraten. Und Kate. Doch gleichzeitig war es doch Kate die ich gespürt habe.
Ich kann ihr nicht einmal einen Vorwurf dafür machen, dass sie jetzt so ist, der einzige den ich dafür hassen kann bin ich selbst. Weil sie mich gerettet hat, wurde sie zu der Frau die jetzt hinter mir liegt.
Ich schließe die Augen, und lasse den Schmerz zu. Ich lasse ihn kommen, den Schmerz. Er ist alles, was mir bleibt. Ich atme tief ein, atme den Schmerz ein und ertrage ihn, während ich mich von ihr abwende, als würde ich mich selbst aus dieser Erinnerung herausziehen wollen.
Der Schlaf kommt spät und flüchtig. Zwischen uns liegt mehr als nur Laken – eine Leere, die jede Berührung untergräbt. Ich spüre ihre Wärme, aber sie reicht nicht mehr bis zu mir. Stattdessen liege ich wach, den Blick zur Decke gerichtet, als könnte ich dort eine Antwort finden.
Kate bewegt sich kaum. Ihre Atmung ist ruhig, fast zu ruhig. Ich frage mich, ob sie schläft oder einfach so tut. Ob sie, wie ich, darauf wartet, dass etwas gesagt wird – oder ob sie hofft, dass das Schweigen bleibt.
Ich drehe mich nicht um. Ich will sie nicht ansehen. Ich weiß nicht, wen ich sehen würde.
Als der Schlaf dann endlich kommt umhüllt er mich in Unruhe, in Albträume.
Ich stehe im Innenhof unserer Festung. Schnee fällt, obwohl der Himmel nicht zu sehen ist – nur Grau, bodenlos und lautlos. Um mich sind Menschen, Silhouetten, vertraute Gestalten, doch keiner sieht mich an. Ich rufe, doch kein Laut verlässt meine Lippen. Die Stille ist überwältigend.
Dann sehe ich Kate.
Sie steht auf der anderen Seite des Hofes, leicht erhoben auf der steinernen Treppe. Sie trägt das Kleid, das sie am Tag unserer Gefährtenbindung trug. Aber ihr Blick ist fremd. Leer. Nicht feindlich – schlimmer: gleichgültig. Ich will zu ihr, doch meine Schritte versinken im Schnee. Jeder Schritt wird schwerer, die Kälte dringt durch meine Haut. Ich rufe ihren Namen. Keine Antwort.
Dann taucht eine zweite Gestalt neben ihr auf.
Sie sieht aus wie Kate – bis auf die Augen. Diese sind schwarz wie Tinte, reglos. Und sie lächelt mich an. Zieht Kate zur Seite. Ihre Hand greift nach meiner echten Kate – und diese lässt es zu. Regungslos. Als hätte sie längst aufgegeben. „Du hast mich ersetzt“, sagt Kate. Ihre Stimme klingt wie zerbrechendes Glas.
Ich will widersprechen. Will ihr erklären, dass es nicht so war, dass ich sie gesucht habe, dass ich sie spüren wollte – sie, nur sie. Aber meine Worte zersplittern, kaum gedacht.
„Du hast meinen Namen geflüstert“, sagt die andere, „und deinen Blick mir geschenkt.“
Dann stürzen die Mauern um uns ein. Langsam, mit einem Dröhnen, das durch meinen Schädel schneidet. Der Hof wird zu Trümmern, zu Schutt, zu einem Ort ohne Wiederkehr. Und ich stehe mittendrin – stumm, nackt, leer. Die andere Kate steht nun hinter mir. Ihre Arme legen sich um mich. Warm. Fest. Wie eine Fessel.
„Ich bin nicht Kate“, flüstert sie. „Aber das ist dir egal, oder?“ Ich schreie. Und erwache.
Ich habe sie betrogen. Ich habe uns betrogen. Mich. Sie. Die Erinnerung an das, was war.
Die Dunkelheit um mich ist real, doch sie fühlt sich nicht weniger beklemmend an als der Traum. Mein Atem geht stoßweise, mein Körper ist schweißnass, als hätte ich gerade eine Schlacht geschlagen. Neben mir bewegt sich etwas. Dann höre ich sie. „Was ist los?“ flüstert Kate. Ihre Stimme ist schläfrig, aber besorgt. Ich drehe mich nicht sofort zu ihr. Meine Gedanken hängen noch in jenem Hof aus Stein und Schnee, in dem ihre Augen mich nicht mehr kannten. Ich spüre, wie sie sich aufrichtet, sich mir zuwendet. Ihre Hand legt sich sanft auf meinen Arm. Die Berührung ist leicht, tastend, so wie Kate es immer getan hat. Langsam, wie durch Wasser, wende ich den Kopf. Unsere Blicke treffen sich. Ihre Augen suchen in meinen, finden dort aber nichts als Verwirrung und Kälte. Ich bin noch nicht ganz hier.
„Ein Albtraum?“ fragt sie leise.
Ich nicke kaum sichtbar. Mein Hals ist wie zugeschnürt. „Ich könnte dir helfen, wieder einzuschlafen“, sagt sie dann – ein schwaches, fast verschmitztes Lächeln umspielt ihre Lippen, doch ihre Stimme trägt etwas anderes in sich. Etwas, das tastet, zögert, vielleicht sogar hofft.
„Ich weiß schon, was dir helfen könnte.“
Ich blinzele. Ihre Worte erreichen mich, aber mein Verstand braucht zu lange, um sie zu fassen. Ich bin zu benommen, zu müde, zu aufgewühlt. Meine Lippen öffnen sich, doch kein Ton kommt heraus.
Doch sie wartet nicht auf meine Antwort.
Stattdessen gleitet ihre Hand langsam meinen Bauch hinab – sanft, aber zielgerichtet, mit einer Entschlossenheit, die mich überrumpelt. Ihre Fingerspitzen hinterlassen eine warme Spur auf meiner Haut, doch in mir breitet sich eine seltsame Kälte aus. Ich bin noch halb in meinem Albtraum gefangen, und ihre Berührung fühlt sich an wie etwas Fremdes, wie ein Echo, das nicht ganz zu mir gehört.
Ich reagiere nicht. Nicht weil ich nicht könnte, sondern weil ich nicht weiß, wie. Ihre Offenheit trifft mich unvorbereitet – ja, beinahe wie ein Übergriff. Nicht roh, nicht feindlich, aber fordernd. Und ich bin zu zerrissen, um zu begreifen, ob es Trost ist, den sie mir schenken will, oder eine Flucht, die sie selbst sucht.
Unter der Decke angekommen, verharrt ihre Hand einen Moment – als lausche sie auf mein Inneres, auf ein Zeichen von mir. Doch ich liege da, reglos, atme flach. In meinem Kopf dröhnt noch das Echo ihres leeren Blicks aus dem Traum, der Vorwurf, den ich nicht widerlegen konnte.
Und gleichzeitig glimmt die Sehnsucht nach ihr, nach Kate und ihrer Berührung tief in mir, drängt mich selbst zu täuschen, nur für einen winzigen weiteren Moment.
Mein Körper reagiert bereits erneut auf sie, auf ihren Duft, ihre Berührung, ihre Wärme und Nähe.
Es ist falsch, das weiß ich. Und dennoch lasse ich es geschehen. Sie weiß genau, was sie tut.
Jede Bewegung ist berechnet, die Berührung ein langsames Spiel mit meiner Beherrschung. In ihren Händen flammt das Verlangen erneut auf, roh, ungeschützt.
