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Eigentlich glaubt Lotta weder an Urlaub noch an die Liebe. Doch dann wird die junge Polizeikommissarin zwangsweise beurlaubt und fährt zum Ausspannen auf die ostfriesische Insel Borkum. Mit der Ruhe ist es dort rasch vorbei, denn auf der idyllischen Ferieninsel ist ein Mord geschehen. Lotta kann sich nicht bremsen und ermittelt auf eigene Faust, während sie sich gleichzeitig über ihre Gefühle klar werden muss, als sie den attraktiven Moritz trifft…
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Seitenzahl: 660
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Fee-Christine Aks
Im Schatten des Deiches
Roman
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung - Wahlspruch - Vorbemerkung
Prolog
Freitag, 19. Dezember 2014.
Samstag, 20. Dezember 2014.
Sonntag, 21. Dezember 2014.
Montag, 22. Dezember 2014.
Dienstag, 23. Dezember 2014.
Mittwoch, 24. Dezember 2014.
Donnerstag, 25. Dezember 2014.
Freitag, 26. Dezember 2014.
Samstag, 27. Dezember 2014.
Sonntag, 28. Dezember 2014.
Montag, 29. Dezember 2014.
Epilog
StrandtGuth (Über die Serie)
Mehr von der Autorin?
Impressum neobooks
Für Michaela und Matthias
Mediis tranquillus in undis
(Borkums Wahlspruch „Ruhend inmitten der Wogen“)
Vorbemerkung
Borkum, die westlichste der ostfriesischen, zu Deutschland gehörenden Inseln, ist ein Juwel. Die Autorin hält sich gern dort auf, zur Erholung, zur Entspannung, zu jeder Jahreszeit und so oft wie möglich. Es ist undenkbar, dass dort so etwas Schlimmes wie ein Mord passieren kann – das kann nur der unbändigen Phantasie von Schriftstellern entspringen.
Dennoch bietet die Insel eine hervorragende Kulisse für einen Roman, weshalb die Autorin sich die künstlerische Freiheit erlaubt hat, einen Krimi auf Borkum spielen zu lassen. Selbst wenn Orte, Straßen o.ä. aus dem Inselalltag genannt werden, so ist dies jedoch ausdrücklich keine wahrhaftige Aussage über die Insel oder ihre Bewohner.
Diese Geschichte ist frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind zufällig und unbeabsichtigt.
Freitag, 10. Januar 1992.
Die Katze schrie. Es klang beinah menschlich, wie sie jammerte und klagte. Der Mann sah, wie sie sich bemühte, das Benzin aus ihrem Fell zu lecken, bevor das Feuer ihre Schwanzspitze erreichen würde.
Doch die Spur aus Schwarzpulver, das er mühsam aus Silvesterknallern gekratzt hatte, schwelte langsam, quälend langsam, sodass das verängstigte Tier genug Zeit haben würde, sich von den Fesseln los zu beißen. Der Mann lächelte vor sich hin, zufrieden und in dem Wissen, dass seine Arbeit getan war.
Er wusste, dass die Bewohner des Hauses noch mindestens drei Stunden in ihren Betten liegen würden – genug Zeit, damit das Feuer vom Dachboden über das Treppenhaus auf die unteren Stockwerke zugreifen konnte. Sobald die Katze den Dachboden verließ, würde es kein Entkommen mehr geben, denn wie so viele alte Häuser in dieser Stadt wurden die Wände von Fachwerk gehalten. Sie würden einstürzen, sobald das Feuer an den mit Benzin bespritzten Wänden empor leckte.
In seinem Kopf sah er es bereits und lachte zufrieden in sich hinein. Seine Falle würde zuschnappen, bevor jemand den Rauch bemerken würde. Sie würden brennen, alle, die ihm sie – seine große Liebe – hatten verwehren wollen. Und erst recht jener, der sie ihm hatte wegnehmen wollen.
Er wandte sich von der Dachluke ab, die er der besseren Durchlüftung wegen einen kleinen Spalt breit offen ließ, bevor er vorsichtig und umsichtig mit dem leeren Kanister in der linken Hand über das Dach zum anschließenden Nebenhaus kletterte. Eine weitere Dachluke ließ ihn ein und durch die offene Tür zum Boden ins Treppenhaus zum Hinterhof gelangen, sodass er bereits auf Höhe des ersten Stockwerks war, als nebenan auf dem Dachboden die ausgeklügelte Zündvorrichtung die Schwanzspitze der Katze erreichte.
*****
Es ist dunkel. Sie schließt die Augen. Ihr Kopf tut weh. Sie spürt Erde, feucht und kalt. Sie hat Angst. Sie ist einsam, allein. Alles tut weh. Sie wird sterben. Sie will schreien. Sie kann es nicht. Sie hört ein Geräusch. Da ist ein Gesicht. Da ist eine Frau. Es ist die Frau, die nette.
„Es ist gut.“
Die Frau sagt das. Die Frau ist da. Es ist nicht dunkel. Sie muss nicht schreien. Sie sitzt. Weich und warm. Nicht kalt und feucht. Hier ist es warm und gut. Hier ist keine Angst. Hier ist es sicher. Sie trinkt, langsam. Die Frau, die nette, ist da. Sie hört die Frau sprechen. Sie sieht den Mund der Frau. Der Mund bewegt sich. Sie liest. Sie lauscht. Sie nickt.
Die Frau fragt etwas. Sie zögert. Die Frau fragt noch einmal. Sie wiegt den Kopf, nicht nein, nicht ja. Sie öffnet den Mund. Sie will antworten. Sie will es sagen. Sie kann es nicht.
„Hast du etwas gesehen?“
Die Frau stellt die Frage. Die Frage fragen alle. Die Frage ist schwer. Die Frage tut weh. Sie wiegt den Kopf, mühsam. Sie will antworten. Sie kann es nicht. Sie hasst es.
„Du weißt es nicht mehr?“
Ihr Körper zuckt, unkontrolliert. Ihr Kopf gehorcht ihr nicht. Ihr Mund ist offen. Es kommt kein Wort heraus. Sie will sprechen. Sie kann es nicht. Die Worte gehorchen ihr nicht.
Sie will sprechen, mit der Frau. Die Frau ist nett zu ihr. Die Frau meint es gut. Die Frau wiederholt die Frage. Sie nickt. Sie keucht. Ein heiserer Laut dringt aus ihrem Mund, kein Wort, kein Ton. Sie schüttelt den Kopf. Sie weiß es nicht mehr. Sie erinnert sich nicht. Sie will sich nicht erinnern. Die Erinnerung tut weh. Sie hasst die Erinnerung.
„Hat er etwas gesagt?“
Die Frau fragt das. Die Frau fragt gut. Die Augen der Frau blicken sie an. Die Frau sieht es. Sie kann es nicht verstecken. Sie muss antworten. Sie will es nicht. Die Antwort tut weh. Die Antwort ist Erinnerung.
„Hat er etwas gesagt zu dir?“
Die Frau sieht sie mit großen Augen an. Die Frau nimmt ihre Hand. Die Hand ist warm und angenehm. Die Hand ist sicher. Die Hand tut gut. Die Frau tut gut. Sie will antworten. Sie kann es nicht. Die Erinnerung tut weh.
Sie will nicht antworten. Sie zögert. Sie muss antworten. Sie schluckt. Ihr Mund ist trocken. Ihr Kopf ist leer. Ihr Kopf ist nicht leer. Da ist ein Wort, ein Name. Der Name tut weh. Der Name ist Erinnerung. Die Erinnerung tut weh. Ihr Kopf tut weh. Sie weint.
Die Frau weiß die Antwort. Die Frau sagt ein Wort, einen Namen. Die Augen der Frau füllen sich mit Tränen. Sie drückt die Hand der Frau, vorsichtig. Sie weint. Sie sieht die Frau an. Die Frau öffnet den Mund. Die Frau sagt ein Wort, einen Namen. Sie nickt.
*****
Der kalte Abendwind frischte auf. Hier oben auf der Strandpromenade wehte der mitunter eisige Nordwest mit aller Macht, während er die schäumenden Wellen unten zwischen den dunklen Buhnen gewaltsam an den Strand trieb.
Eine dünne Mondsichel blitzte zwischen den düsteren Wolkenfetzen hindurch und warf unstete Schatten auf den asphaltierten Weg, auf dem bei diesem fast orkanartigen Wind und zu so später Stunde kaum noch jemand unterwegs war.
Einzig der große kräftige Mann im halblangen schwarzen Wintermantel stand oben auf der Deichkrone am Ende eines gewundenen Fußpfades, der in den dunklen Kurpark hinunter führte, und genoss mit tief in die Stirn gezogener schwarzer Wollmütze und hochgeschlagenem Kragen die kalte Abendluft und die steife Brise um seine gerötete Nasenspitze.
Wenngleich er den Kragen hochgeschlagen hatte, feste schwarze Winterschuhe trug und seine kräftigen Hände in warmen Handschuhen aus schwarzem Leder steckten, fröstelte er leicht. Nur einen Schritt weiter, und der Wind würde wie mit mächtigen Händen nach ihm greifen.
Doch obwohl er wusste, dass er dieser Macht widerstehen konnte, blieb der Mann, wo er war, und schaute stumm hinaus auf die aufgewühlte Nordsee. Dann wandte er den Blick nach links und ließ seinen Blick die Promenade entlang schweifen bis zum fernen Ende, wo hinter der ‚Heimlichen Liebe‘ der Südstrand begann, von dem nur der Deich den Garten seines Hauses trennte.
Auch wenn es zu weit entfernt war, sah er die Stelle in allen Einzelheiten vor seinem geistigen Auge: den Fuß des neuen Deiches, nah am schmalen Fußweg, der zum Südbad führte.
Dort war es gewesen; heute war es eine seiner Lieblingsstellen auf Borkum, der alten Insel, die seit langem den Naturgewalten trotzte und längst zu seiner Heimat geworden war, auch wenn er auf dem Festland geboren worden war.
Er hatte nie wirklich hierher gehört, aber er hatte sich arrangiert; genau wie er sich immer arrangiert hatte, mit jeder neuen Situation. Ein leiser Seufzer hob die breite Brust des Mannes, während er sich langsam umwandte und den Fußpfad hinunter ging.
Er humpelte leicht, doch war es längst nicht mehr so schlimm wie vor achtzehn Jahren, an jenem Tag, an dem diese Frau seinem bisherigen Leben ein Ende bereitet hatte. Diese schrecklich neugierige Frau war es auch gewesen, die ihm heute diesen Schock versetzt hatte. Sie wusste es. Er musste sie loswerden, ein für alle Mal. Sie war an allem schuld.
Er spürte, wie Wut und Rachedurst in ihm zu brodeln begannen. Warum nur hatte sie ausgerechnet zu jener späten Stunde dort vorbeigehen müssen, wo er gerade dabei gewesen war, seine Spuren zu verwischen? Warum nur hatte er damals gezögert und sich nicht gleich auf sie gestürzt?
Wie so oft schob er es auf die unerträglichen Schmerzen, die ihn in Sicherheit hatten kriechen lassen. Aber im Nachhinein schalt er sich einen Dummkopf, nicht an Ort und Stelle diese lästige Zeugin beseitigt zu haben. Dann hätte es das kurze Gespräch heute nicht gegeben. Sie wäre nicht allein in den frühen Abend hinausgegangen, während er ihr tatenlos hinterher sah. Er hatte nichts tun können, vor aller Augen in dem gemütlichen kleinen Café. Denn er musste unauffällig bleiben, damit niemand außer dieser Frau auf die Idee kommen würde, dass er…
Er musste handeln, umgehend. Auf die alten Teedosen und die Einweckgläser konnte er nun nicht mehr hoffen, das dauerte zu lange. Er musste sie beseitigen, so schnell es ging. Er war gut darin, im Beseitigen von Beweisen. Seit mehr als zwanzig Jahren war er ein Meister im Verwischen von Spuren und im Davonkommen.
Nie war ihm jemand auf die Schliche gekommen. Er war ein geachtetes Mitglied der Gemeinde, vielleicht nicht geschätzt, aber immerhin geduldet und mit dem nötigen Respekt behandelt. Erst gestern wieder hatte der Junge von Bakker ihm Achtung gezollt, als er ihm den Tannenbaum ins Haus gebracht und im Wohnzimmer aufgestellt hatte. Und der junge Henry stand seinem Vater in Ansehen und materiellem Besitz in kaum etwas nach. Sein Respekt war schwer erworben, aber hoch geschätzt.
Seufzend zwang der Mann sein heißer gewordenes Blut zur Ruhe, ging langsam den Pfad entlang, bog rechts ab und schlug den Weg direkt hinter dem Deich ein, seinen Lieblingsweg.
Auch hier hatte er bereits erfolgreich Spuren verwischt und hatte der Polizei ein Schnippchen geschlagen. Er kicherte innerlich, als er an dem grünen Behälter vorbeiging, der jetzt im Winter zum Aufbewahren von Streusalz genutzt wurde. Im Sommer war es jedoch nichts mehr als ein großer grüner Behälter, leer, wie er nur zu gut wusste.
Gedankenverloren musterte er den dicken Ast, den jemand offenbar erst vor kurzem vom Weg geräumt und an den grünen Behälter gelehnt hatte. Mit nachdenklich gerunzelter Stirn nahm der Mann den dicken Ast auf und wog ihn prüfend in den Händen. Eine perfekte Form, beinah eine Keule…
Gerade als er wieder auf den Weg treten wollte, klirrte etwas leise zu seinen Füßen. Er bückte sich und tastete im dürren Gras umher, bis das Leder seiner Handschuhe an etwas Hartes stieß, das sich beim näheren Befühlen als kleiner Anker aus Metall mit einem gebrochenen Ring daran herausstellte.
Wenn er sich nicht sehr täuschte, dann war es einer der Anhänger, wie er sie an den Schlüsseln zu den Ferienwohnungen von ‚Haus Nordstern‘ gesehen hatte. Möglicherweise war es aber auch der Junge Jaan gewesen, der ihn beim Wegräumen des Astes verloren hatte.
Andererseits trieb der Junge sich meist am Südstrand herum, zumindest hatte der Mann ihn schon des Öfteren und mit leichter Besorgnis dort gesehen. Bisher war es jedoch nicht nötig gewesen, den Jungen zu verscheuchen; nicht solange er nicht anfing, an einer bestimmten Stelle herumzulungern...
Mit einem leisen Klingeln ließ der Mann den kleinen Anker zurück ins trockene Gras gleiten und überlegte einen Moment lang, was den Jungen wohl immer wieder dorthin ziehen mochte. Ahnte er etwa, dass sich das Schicksal seiner heute schwachsinnigen Mutter dort ganz in der Nähe gewendet hatte?
Aber nein, er konnte es nicht wissen. Niemand war ihm je auf die Schliche gekommen, auch wenn es gerade damals nur sein unendlich großes Glück und sein eiserner Wille gewesen waren, die ihn vor Entdeckung gerettet hatten.
Langsam ging der Mann weiter, vorbei an dem grünen Streusalzbehälter, den Weg hinab. Den Ast nahm er mit und schwang ihn gelangweilt neben sich her. Eine Handvoll graubraune Wildkaninchen hoppelten über den schmalen, sauber gepflasterten Weg und verschwanden lautlos zwischen den winterlich kahlen Büschen rechts und links des Weges.
Gelangweilt sah der Mann ihnen hinterher, sah gleichgültig, wie sie mit den dürren Zweigen verschmolzen und eins zu werden schienen mit dem Dickicht, auch an jener Stelle, an der er jedes Mal im Vorbeigehen unwillkürlich einen Blick über die Schulter warf, bevor er sich ein leises Lächeln erlaubte.
Dies war eine von ‚seinen‘ Stellen, im Schatten des Deiches, und das gleich im zweifachen Sinne. Hier hatte sein unbeschwertes Leben als respektierter Mann begonnen, das er bis zu Lenas Verrat glücklich und zufrieden geführt hatte.
Genau wie drüben am Südstrand war dies aber auch ein Ort seines Triumphes und ein Beispiel für sein Geschick, der Polizei nicht aufzufallen und trotzdem zu tun, was er wollte. Sie hatte sich nicht gewehrt, weil er ihr überlegen gewesen war; denn genau wie Lena war Sabinchen vor allem eines gewesen: ein widerspenstiges Frauenzimmer, das bestraft werden musste…
Gerade wollte er sich ein Lächeln gestatten und mit verlangsamten Schritten dort vorbeigehen, wo er im fahlen Licht des sichelförmigen Mondes einen, von geblümtem Stoff kaum bedeckten zierlichen Körper hinter dem Gestrüpp zu erkennen glaubte, da hörte er ein Geräusch.
Unwillkürlich blieb er stehen, genau dort vor ‚seiner‘ Stelle, und lauschte. Es mussten Schritte sein, die sich stetig näherten. Sie kamen den Weg herauf, langsam und von einem leicht schleppenden Geräusch begleitet. Er kannte diese Schritte, da war er sich sicher.
Einen schrecklichen Augenblick lang glaubte er, es wären ‚jene‘ Schritte, die er schon einmal hier gehört hatte, damals vor zweiundzwanzig Jahren. Kam sie zu ihm, im fahlen Mondlicht, um ihn zu sich zu holen?
Fast meinte er, die hagere Gestalt zwischen den kahlen Büschen auftauchen zu sehen. Doch sie war es nicht, konnte es nicht sein. Das wusste er; keiner wusste es so gut wie er, dass sie nicht hier sein konnte. Schließlich lag sie dort draußen, im tieferen Wasser irgendwo weit entfernt hinter einer Sandbank, die man vom Südstrand aus gerade noch so mit bloßem Auge erkennen konnte. Vielleicht hatte aber auch die Ebbe sie noch weiter hinaus getragen, hinaus in die offene See. Er wusste es nicht. Und es kümmerte ihn nicht, wichtig war nur, dass sie weg war, ein für alle Mal. Er hatte dafür gesorgt, dass sie seinem Glück nicht im Wege stehen konnte. Er hatte sich befreit, für ein Leben mit ihr, seiner großen Liebe, seiner Lena.
Die Schritte kamen näher, sodass er zwischen den kahlen Zweigen der Büsche undeutlich eine kleine Gestalt im dicken Daunenmantel ausmachen konnte. Eine Frau, der Figur nach zu urteilen. Aber nicht irgendeine Frau. Der schäbige grüne Filzhut mit der Möwenfeder, den sie auf ihren silberdurchwirkten goldbraunen Locken trug, war nicht zu verkennen.
Unwillkürlich verspürte er einen Schmerz zwischen den Beinen, auch wenn das, was ihm damals den Schmerz verursacht hatte, nicht mehr da war. Es war ihre Schuld. Und dafür musste sie bezahlen, das hatte er sich bereits geschworen an jenem Tag, an dem er herausgefunden hatte, dass sie es damals gewesen war, die geschrien und ihn damit beinah enttarnt hatte.
Der Mann schloss mit einem stummen Seufzer die Augen und spürte, wie in ihm die aufgestaute Wut und der Rachedurst erneut emporbrodelten. Dies war seine Chance, jetzt und hier. Es war eine Fügung des Schicksals, dass er sie hier traf, ausgerechnet hier. Es war an der Zeit.
Mit einem zufriedenen Lächeln schob er den Arm mit dem Ast außer Sicht hinter seinen Rücken und wartete. Sie kam auf ihn zu, und sie konnte ihm nicht entkommen. Diesmal nicht.
*****
Meine liebe Märit,
wenn du diese Zeilen liest, heißt das, dass es schlimm ausgegangen ist. Es ist nur eine ganz einfache Frage, die ich stellen muss; aber sie entscheidet alles. Dafür brauche ich weder einen Doktor, noch geistlichen Beistand. Wenn meine Schlussfolgerungen richtig sind, dann werde ich dem grässlichen Spuk heute ein Ende bereiten, ein für alle Mal.
Es ist riskant, ja. Er ist ein gefährlicher Mann. Aber ich muss es dennoch tun. Das bin ich ihr schuldig; ihr, den Mädchen und auch unserer Kleinen. Sie wird es verstehen. Versprich mir, dass du ihr diesen Brief geben wirst, wenn du zu Weihnachten nichts von mir hörst. Sag ihr, dass ich sie von Herzen lieb hab, so als wäre sie mein eigenes Kind. Und, in gewissem Sinne, ist sie das ja auch, nicht wahr?
Sag ihr, sie soll sich in Acht nehmen; denn wenn ich scheitere, dann wird es an ihr sein, das Geheimnis zu enthüllen. Es tut mir in der Seele weh, aber ich weiß, dass sie es schaffen wird. Sie ist eine Kämpferin, genau wie ihre Mutter.
Sag ihr, sie soll die Geschichte lesen, die vom Hauke Haien; sie wird wissen, wo sie zu suchen hat. Im Schatten des Deiches steht sein Haus.
Doch sie soll sich vorsehen, sag ihr das.
Zuviel Neugier, zu viele Fragen können mehr Gefahr als Antworten bringen. Erinnere dich an Jane Eyre und wie sehr es dich gegruselt hat, ihre Geschichte zu lesen. Auch wenn es hier bei uns etwas beschaulicher zugeht, so unterschätzt doch niemals die Urgewalten, die auf der Insel herrschen. Wir sind wahrlich „Ruhend inmitten der Wogen“.
Falls wir uns nicht mehr hören, wünsche ich euch ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest.
Alles Liebe,
M
P.S.: Ich sehe ihn kommen. Es ist seine gewohnte Zeit, nachmittags um viertel nach fünf, wie immer zum Tee im Stübchen bei Windbeuteln mit Schlagsahne. Es ist an der Zeit, ihm die Frage zu stellen…
*****
Pelle zieht und zieht. Keuchend stemmt sich Karl Jostermann gegen den kalten Sturmwind, der hier oben auf der Strandpromenade mit ungehinderter Wut bläst, und versucht, die lederne Hundeleine nicht aus den klammen Fingern zu verlieren. Zwar ist Pelle nur ein Rauhaardackel, aber mit seinen vier Jahren stark genug, um einen schmal gewordenen, leicht humpelnden alten Mann wie ihn selbst nach Belieben durch die Gegend zu ziehen.
„Nun bleib doch, Pelle“, murmelt Karl in seinen Mantelkragen. „Wir haben es doch gleich geschafft.“
Wie jeden Abend nach dem Abendessen haben sie das kleine Häuschen nahe der Bahnschienen verlassen, sind die Süderstraße hinunter gegangen bis zur Heimlichen Liebe und haben ihre übliche Runde gedreht: dem Sturm zum Trotz die Strandpromenade entlang bis zum Gezeitenland und dann durch den Kurpark, Lüderitz und Deichstraße zurück zur Süderstraße.
Von Minute zu Minute wird der Sturm stärker. Vielleicht hätten sie doch eher losgehen sollen. Was zehn Minuten für einen Unterschied machen können. Aber Karin hat sich einfach nicht kürzer fassen können. Karl schüttelt stumm den Kopf, als er das Gespräch mit seiner Tochter im Geiste noch einmal Revue passieren lässt.
Dass Enkelsohn Mats mit seinen dreiundzwanzig Jahren nicht unbedingt Lust auf Inselweihnachten beim Großvater hat, hätte er sich denken können. Und auch die mäßige Begeisterung von Kai ist zu erwarten gewesen, der mit seinen einundzwanzig Jahren am liebsten über die Feiertage mit seinen Kumpels ein Häuschen in Dänemark gemietet und sich zwei Wochen lang überwiegend von Hochprozentigem ernährt hätte.
Aber dass auch der kleine Sonnenschein, die neunzehnjährige Linda, gemeutert haben soll, ist schwer vorstellbar. Nach dem Drama im Sommer, als sie sich unsterblich in diesen Straßenköter-blonden Surflehrer Sebastian verliebte, hat nicht nur Karl erwartet, dass sie deutlich mehr Zuneigung für die gute alte Insel empfinden würde.
So wird es bestimmt ein gezwungen fröhliches Beisammensein werden, wenn die Familie Hagelstein-Jostermann morgen mit der Fähre aus Emden auf der Insel eintrifft.
„Nun zieh nicht so, Pelle. Ich komme ja schon.“
Seufzend wirft Karl einen letzten Blick auf die sturmgepeitschten Wogen, die mit weißen Schaumkronen den Strand hinaufrollen. Dann biegt er in den zwei-Mann-breiten Weg ein, der zum Wellnesstempel hinaufführt. Wenige Meter später zweigt ein anderer, sauber gepflasterter Weg nach rechts ab, der direkt hinter dem Deich am Kletterpark vorbei bis zur Von-Frese-Straße verläuft.
Karl biegt ein, den japsenden Dackel an der Leine vorweg, und wendet sich gleich darauf nach links, wo ein weiterer Weg zur Kulturinsel hinüberführt. Doch Pelle beschnüffelt an der Abzweigung die Pflastersteine und folgt nicht.
„Komm schon, Pelle. Es wird kalt. Lass uns nach Hause gehen. Kaninchen kannst du ein anderes Mal jagen.“
Karl erlaubt sich ein amüsiertes Grinsen in den Kragen seines Mantels. Wie oft schon ist der Dackel mit flatternden Ohren und weit heraushängender Zunge hinter den Langohren her gelaufen, natürlich ohne jemals eines zu erwischen? Aber Hunde lernen es wohl nie. Kaninchen sind für sie wie Mäuse für Katzen.
„Komm jetzt, Pelle“, wiederholt Karl leicht genervt, als der Dackel aufgeregt an der Leine zieht und den Weg hinter dem Deich hinunterlaufen will.
Gerade will Karl zum Schelten ansetzen, da reißt sich Pelle los und hoppelt laut kläffend im schönsten Dackelgalopp den Weg hinunter. Karl blickt ihm einen Moment lang verdutzt hinterher. Dann wendet er sich ärgerlich um und geht mit raschen Schritten hinterher. Einmal pfeift er, zweimal. Pelle hört nicht.
„Verdammt nochmal, Pelle! Komm augenblicklich her! Herrchen ist sehr böse.“
Doch der Hund reagiert nicht. Leise in seinen Kragen fluchend geht Karl den dunklen Weg im Schatten des Deiches hinunter, auf dem nicht das geringste Anzeichen eines Dackels zu sehen ist.
„Pelle! Jetzt ist aber mal gut! Komm her, mein Freund!“
Der Hund reagiert immer noch nicht, auch wenn Karl nun unter dem heulenden Wind ein leises Jaulen vernehmen kann. Hat der Dackel sich etwa wehgetan? Womöglich hat er ein Kaninchen erwischt oder sich, mit weitaus höherer Wahrscheinlichkeit, selbst in einem engen Kaninchenbau gefangen. Was tut man nicht alles als Hundehalter, letzten Endes ist man immer Lebensretter.
Seufzend stapft Karl den dunklen Weg entlang, bis er plötzlich zwischen zwei Büschen ein großes unförmiges Ding sieht. Im ersten Moment zuckt er vor Schreck zusammen, weil er das Ding für ein riesiges kauerndes Tier hält. Dann erkennt er den Behälter für Streusalz, der unschuldig am Wegesrand steht.
Irgendwo dahinter ist das leise Jaulen zu vernehmen, das in ein jammerndes Fiepen übergeht. Offenbar hat der vorwitzige Dackel sich wirklich verletzt, und zwar schwer genug, um nicht aus eigener Kraft auf den Weg zurückkehren zu können. Besorgt geht Karl näher und starrt angestrengt in die Dunkelheit.
„Pelle?“ ruft er leise. „Gib Laut, Kleiner! Wo bist du denn?“
Als Antwort hört er von vorne links hinter dem Behälter ein zaghaftes Fiepen, das wie ein leiser Klagelaut klingt. Vorsichtig geht Karl näher und schaut um den Behälter herum. Dahinter ist nichts als totes Gras, der Fuß des Deiches, über den der Sturm hinweg heult. Schon will Karl zurück auf den Weg gehen und weiter unten nach dem Dackel sehen, da fällt sein Blick auf den dichten Busch, der neben dem Behälter den Weg säumt.
Die dürren Zweige sind winterkahl, aber so ineinander verfilzt, dass sie geradezu eine natürliche Wand zwischen Weg und Deich bilden. Die Dunkelheit ist hier besonders undurchdringlich im Schatten des Deiches. Dennoch nimmt Karl die zitternde Bewegung wahr. Es ist der Dackel, der dort auf dem trockenen toten Gras kauert und mit traurigen Hundeaugen zu ihm aufsieht.
Karl geht näher und erwartet, dass Pelle den Kopf hebt, aufsteht und langsam mit eingekniffenem Schwanz auf ihn zu gewackelt kommt. Doch der Dackel regt sich nicht. Stumm und stocksteif hockt er mit einem leisen traurigen Fiepen auf dem harten Boden und sieht Karl entgegen.
Vorsichtig geht Karl in die Hocke und streckt die Hand nach Pelle aus. Doch noch bevor seine Fingerspitzen die Hundeschnauze erreichen, fällt seinen Blick auf das längliche dunkle Bündel, das hinter dem Dackel liegt. Beinah ganz vom Busch verborgen liegt dort etwas, das beim flüchtigen Hinsehen nur ein kurzer dicker Baumstamm sein könnte – wären da nicht die dünnen Beine in weißen Strumpfhosen über winterlichen Lederschuhen, in denen sich bleiches Mondlicht spiegelt.
Mit einem entsetzten Schrei fährt Karl hoch, was der Hund im Angesicht des Todes mit einem stummen vorwurfsvollen Blick würdigt. Es dauert mehrere Augenblicke lang, bis Karl sich wieder so weit gefasst hat, dass er noch einmal hinsehen kann. Sein Herz rast.
„Hallo? Hören Sie mich?“
Es ist eine Frau im Daunenmantel, die dort am Fuße des Deiches liegt. Sie antwortet nicht. Sie kann gar nicht antworten, das wird Karl schlagartig bewusst, als er den dicken Ast sieht, der neben der Frau im toten Gras liegt. Ist das etwa Blut, was dort am einen Ende im fahlen Mondlicht schimmert?
„Pelle!“ keucht Karl leise. „Bleib hier. Wache hier, bis ich zurückkomme. Ich geh die Polizei holen. Bleib, Junge!“
Der Dackel reagiert nicht, folgt Karl aber traurig mit den Augen, als Karl sich langsam rückwärtsgehend zurückzieht. Er atmet einmal tief durch, bevor er sich zwingt einen Fuß vor den anderen zu setzen und den Weg hinabzugehen.
Wer wohnt am nächsten? Wen kann er herausklingeln um diese Zeit? Warum hat er nur keines dieser modernen tragbaren Telefone? Ob er es bis zur Polizeistation schafft, bevor er vor Schock zusammenklappt?
‚Eine tote Frau!‘ rasen die Gedanken durch seinen Kopf. ‚Offenbar ein Mord. Und das hier bei uns auf Borkum! Das darf doch nicht wahr sein!‘
Während er den Weg hinunterhastet und schließlich an der Bahnschranke anlangt und seinen Blick ratlos über die dunklen Häuser ringsum schweifen lässt, sieht er alles erneut deutlich vor seinem inneren Auge.
Eine Frau im Daunenmantel mit weißen Strumpfhosen und blanken Winterschuhen. Ein blutbeschmierter Ast neben ihr und etwas seltsam Unförmiges neben der Stelle, die ein Kopf mit dunklen Haaren sein könnte.
‚Wer tut so etwas?‘ wirbelt es ihm im Kopf herum, während er links abbiegt und auf den Neuen Leuchtturm zu eilt. ‚Herr Gott nochmal, ein Mord! Wir sind hier auf Borkum. Das darf doch nicht wahr sein!‘
Als er schließlich die Strandstraße erreicht, sieht er im Schein des sich stetig drehenden Leuchtfeuers eine dunkle Gestalt, die im Windschatten der Polizeistation von einem Fuß auf den anderen tritt. In gewissen Abständen glüht ein kleiner rötlicher Punkt in der Dunkelheit auf.
„Hallo!“ ruft Karl außer Atem. „Bist du das, Gerrit?“
„Wer ruft?“ ertönt eine erstaunte tiefe Stimme als Antwort. „Geben Sie sich zu erkennen. Augenblicklich!“
„Ich bin es“, antwortet Karl und eilt näher. „Karl Jostermann. Schnell, du musst mitkommen, Gerrit.“
„Moment, Moment“, erwidert der untersetzte Mann, der widerwillig aus dem Schatten des Hauses tritt und den Zigarettenstummel mit der Schuhspitze ausdrückt. „Ganz ruhig. Was ist denn los, Karl?“
„Sie ist tot! Schnell, komm mit mir!“
„Was? Tot? Wer ist tot?“
„Eine Frau. Im Kurpark. Hinterm Deich. Schnell.“
„Du lieber Himmel! Warte, ich sag rasch Claas Bescheid…“
Gerrit verschwindet für wenige Augenblicke im Inneren der Polizeistation, dann steht er wieder draußen vor der Tür und zieht den Reißverschluss seiner dicken schwarzen Lederjacke zu.
„Okay, Karl. Los, gehen wir.“
Schweigend hasten die beiden Männer an den Bahnschienen entlang bis zum großen Parkplatz unterhalb von Wellnesstempel und Kulturinsel. Mit heftigem Stechen in den Seiten eilt Karl voraus den schmalen Weg entlang bis zu der Stelle, an der er Pelle zurückgelassen hat.
„Pelle!“ ruft er leise. „Gib Laut, Junge. Wo bist du?“
Voraus in der Dunkelheit hört er das leise Fiepen des Dackels. Gerrit zieht eine starke Stabtaschenlampe aus der Jacke und leuchtet den Weg ab. Nach nur wenigen Metern erfasst der weiße Strahl den grünen Behälter mit Streusalz.
„Hier ist es“, keucht Karl und deutet auf den Busch links von dem Behälter.
Gerrit macht zwei große Schritte auf den Streusalzbehälter zu, Karl folgt etwas langsamer. Das Licht der Taschenlampe streift den Dackel, der immer noch mit traurigem Blick am Boden kauert. Entsetzt erkennt Karl das verkrustete Blut, das Pelles braungraues Fell hinter dem linken Ohr verklebt.
„Oh mein Gott, Pelle! Wer hat dir das angetan?“ flüstert er bestürzt und kniet neben seinem Hund nieder.
Der Dackel hebt mühsam den Kopf und macht Anstalten, den ausgestreckten Armen entgegen zu robben. Doch Karl ist schneller und hebt ihn vorsichtig vom kalten Boden auf, um den kleinen zitternden Körper sanft im Arm zu wiegen.
Gerrit leuchtet kurz den Hund ab, um sicherzugehen, dass Pelles Verletzung nur oberflächlich und nicht lebensbedrohlich ist. Dann gleitet der Lichtstrahl die weißen Strumpfhosen hinauf zum dunkelgrauen Daunenmantel und dem silbrig durchzogenen Haar, das unter dunkelgrünem Filz hervorquillt. Es ist ein Hut, den Karl sofort wiedererkennt.
„Großer Gott!“ flüstern beide Männer. „Margit!“
*****
Carlotta Strandt verspürt ein unangenehmes Ziehen in der Magengrube. Der Matjesteller zum Mittagessen ist vielleicht doch keine so gute Idee gewesen. Ein Brötchen mit Nordseekrabben hätte es sicherlich auch getan. Aber nach der langen Bahnfahrt von Hamburg über Bremen bis nach Emden-Außenhafen hat sie so gewaltigen Kohldampf gehabt, dass sie während des Wartens beinah schon die Papierservietten im Bordrestaurant der Autofähre verspeist hätte.
Nun ist es zu spät. Nun protestiert der marinierte Hering in ihren Gedärmen, sodass Lotta bei jeder schwankenden Bewegung des großen Schiffes ein paar Tropfen Galle zu schmecken bekommt. Die MS Ostfriesland kämpft sich tapfer durch den Sturm und rollt im freien Fahrwasser, seit sie die Osterems verlassen und Kurs auf Borkum Hafen genommen hat, sodass das halbvolle Cola-Glas vor Lotta bedenklich über den Tisch rutscht. Hin und her, hin und her.
Ob das wirklich eine so gute Idee gewesen ist, dem nett gemeinten Vorschlag ihres Chefs Folge zu leisten und den Weihnachtsurlaub frühzeitig anzutreten? Gewiss, sie hat in den vergangenen Monaten so viele Überstunden gesammelt wie andere in einem ganzen Jahr. Aber immerhin ist sie die Neue und muss sich reinknien in die Arbeit, um ihren Platz zu finden.
So frisch von der Polizeischule kommend ist sie als zierliche Frau von gerade einmal zweiundzwanzig Jahren sowieso eine Kuriosität, sodass ein Kollege schon gewitzelt hat, man müsse rasch eine Kinderuniform aus der Mottenkiste hervorkramen. Derselbe Kollege hat wenige Stunden später wie alle anderen Bauklötze gestaunt, als Lotta den flüchtenden Sparkassenräuber mit einem gut gezielten Fersendrehtritt an der Straßenecke gestellt und von seiner Schusswaffe getrennt hat. Ihre erste Verhaftung.
‚Karate-Maus‘ hat der verblüffte Kollege Jacob Herms sie danach sofort getauft. Sie hat es ignoriert, obwohl sie ihn eigentlich hätte verbessern müssen. Immerhin ist sie Schwarzgurt-Trägerin im Taekwondo, und hat den Flüchtenden mit einem lehrbuchreifen Pandae-Dollyo-Chagi gestellt. Aber egal. Wichtig ist nur, dass sie sich Respekt verschafft hat, gleich am ersten Tag. Und das nicht nur, weil sie die dunkelblaue Uniform der Hamburger Polizei mit Dienstwaffe, Schlagstock, Handschellen und Funkgerät am Gürtel trägt.
Sie macht ihre Arbeit gern und hat auch ihre Eltern, die aktuell mit irgendeiner Aida auf Kreuzfahrt in der Karibik unterwegs sind, mit ihrer Begeisterung für den Berufsweg im Dienste von Stadt und Staat anstecken können. Die unvermittelte Zwangsbeurlaubung so kurz vor Weihnachten, verbunden mit der halb ernsten Drohung, ja erst nach Neujahr wieder auf der Wache zu erscheinen, ist jedoch überraschend gekommen.
Als gute Arbeitnehmerin und Angestellte mit geringer Aussicht auf Beamtenlaufbahn hat Lotta sich zuerst zu weigern versucht und vorgerechnet, dass ihre sechsmonatige Probezeit noch nicht um sei. Doch der Chef hat nichts davon wissen wollen, sondern sie mit Nachdruck und einem väterlichen Lächeln in den Urlaub verabschiedet. Ob sie irgendwo hinfahren und mal ausspannen könne, hat er gefragt.
Es hat ein paar Augenblicke gedauert, bis Lotta an das Haus ihrer Großmutter Marlies gedacht hat. ‚Haus Westwind‘ heißt es und steht irgendwo im alten Dorfkern auf der ostfriesischen Insel Borkum, der westlichsten der deutschen Nordseeinseln. Die Großmutter, die sie – mit acht oder neun Jahren – nur ein einziges Mal persönlich getroffen hat, soll seit ihrer eigenen Kindheit in dem alten Rotklinkerhaus gewohnt haben. Das hat Mama jedenfalls erzählt, die stets von dem alten Haus und der idealen Lage – fünf Minuten zum Deich, fünf Minuten zum Bahnhof, fünf Minuten zum Supermarkt – geschwärmt hat.
Seit Großmutter Marlies im vergangenen Sommer an Lymphdrüsenkrebs gestorben ist, gehört das alte Haus Mama; bisher hat sie es jedoch noch nicht geschafft, dort einmal nach dem Rechten zu sehen.
Genau das ist es, was Lotta sich nun vorgenommen hat. Sie kann einfach nicht stillsitzen und die Hände in den Schoß legen. Sie muss etwas zu tun haben. Und so ein altes Haus wird, selbst wenn es den Umständen entsprechend noch gut in Schuss ist, einiges an Arbeit verursachen. Und da ihre Eltern nach dem Stopp auf Jamaica (oder war es Antigua?) bis in drei Tagen, wenn sie die nächste Insel anlaufen, nicht erreichbar sein werden, hat niemand Lotta hindern können, einfach einen Koffer zu packen, ein Bahnticket zu kaufen und gen Westen aufzubrechen. Der Schlüssel zu ‚Haus Westwind‘ soll bei einem Nachbarn liegen, hat Mama vom Notar erfahren.
„Meine Damen und Herren“, dringt die tiefe Stimme des Kapitäns aus den Lautsprechern und reißt Lotta aus ihren Gedanken. „Wir erreichen gleich die offene See. Zu Ihrer eigenen Sicherheit, nehmen Sie bitte Platz und geben Sie gut Acht auf Ihre Speisen und Getränke.“
Automatisch greift Lotta nach dem Cola-Glas und hält mit der anderen Hand den leeren Matjesteller fest. Ihre Reflexe sind beeindruckend. Das hat auch der große Autoschieber erfahren dürfen, den sie vorige Woche nach stundenlanger Verfolgung auf einem Rastplatz an der A7 gestellt haben. Natürlich, man kann der Verhaftung entgehen, indem man sich das vermeintlich schwächste Glied der Kette aussucht und die zierliche Jungkommissarin Carlotta Strandt über den Haufen rennt. Man kann es zumindest versuchen.
Beim Gedanken an das verdutzte dumme Gesicht des grobschlächtigen Mannes muss Lotta erneut in sich hinein grinsen. Sie sieht ihn wieder vor sich im Dreck hocken, noch ganz benommen von ihrem Yop-Chagi, einem seitlich gedrehten Tritt nach vorne, durch den sie mit der Fußaußenkante seinen Solarplexus so hart getroffen hat, dass er wie vom Blitz geschlagen zu Boden ging.
Ähnlich verhält es sich nun am Tisch schräg gegenüber, auf der anderen Seite des Ganges, wo eine Familie mit drei erwachsenen Kinder sitzt und blitzschnell über den Tisch langt, dann aber wie gelähmt dem wie von einem plötzlichen Schlag getroffenen Mobiltelefon hinterher sieht, das unaufhaltsam auf die Tischkante zu rutscht.
„Verdammt, Kai!“ schreit das Mädchen wütend, das offenbar die Jüngste der Geschwister ist, und funkelt ihren Bruder an, der am Ende des Tisches sitzt, aber dennoch das Telefon nicht mehr erreichen kann. „Halt es doch fest. Das ist ein nagelneues iPhone 6, verdammt nochmal!“
„Du sollst nicht fluchen“, mischt sich die Mutter ein. „Wie oft hab ich dir das schon gesagt, Linda? Kai, nun beeil dich doch, bevor es runterfällt.“
Doch bevor der Junge das elegante Mobiltelefon erwischen kann, rollt das Schiff auf die andere Seite, sodass alles in die entgegengesetzte Richtung rutscht. Triumphierend greift der ältere Bruder das Mobiltelefon und hält es seiner Schwester mit einem „Wer ist dein Lieblingsbruder?“ unter die Nase.
„Ach, Mats“, lacht sie. „Du bist genauso schlimm wie er.“
Sie deutet auf ihren anderen Bruder, muss sich aber wie der Rest der Familie das erleichterte Lachen verkneifen. Als das Schiff erneut auf die andere Seite rollt, hält das Mädchen ihr teures Mobiltelefon fest in der Hand und tippt weltvergessen darauf herum, ohne ihre Umgebung auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen.
Lotta wendet sich wieder ihrem Geschirr zu, das bei den Schiffsbewegungen merklich gerutscht aber nicht wirklich in Gefahr gewesen ist. Kurzerhand trinkt sie die Cola aus und stellt das leere Glas fest auf den Teller, den sie damit auf dem Tisch geradezu fixiert.
Ein junger Mann, der offenbar die warnende Ansage des Kapitäns ignoriert hat, schwankt mit verkrampfter Miene den schmalen Gang zwischen den Tischen im Bordrestaurant entlang. Offenbar von der Essensausgabe kommend, hält er sich so gut es geht mit ausgestreckten Armen fest und blickt starr geradeaus, über die Köpfe der Familie hinweg, in Richtung der rückwärtigen Kabinentür, die auch zu den Toiletten führt.
Trotz seiner etwas unbeholfenen Bewegungen kommt Lotta nicht umhin zu bemerken, wie gut er aussieht. Er ist etwa in ihrem Alter, vielleicht zwei, drei Jahre älter, sportlich schlank und muss mindestens einen Meter achtzig groß sein, da er immer wieder den Kopf unter den tief hängenden und heftig hin und her schaukelnden Deckenlampen einziehen muss. Sein daumenlanges Straßenköter-blondes Haar ist verstrubbelt und fällt ihm in glatten Strähnen sorgsam unfrisiert in die Stirn.
„Oh, Entschuldigung“, murmelt er, als eine erneute Bewegung des Schiffes ihn unerwartet zur Seite wanken, gegen Lottas Tisch stoßen und auf die freie Bank ihr gegenüber fallen lässt. Warme braune Augen werfen ihr einen treuherzigen Blick zu, den Lotta so formvollendet sonst nur von Hunden kennt.
„Schon okay“, antwortet sie neutral und wischt sich unwillkürlich eine ihrer kurzen kastanienbraunen Locken hinters Ohr. „Bleiben Sie meinetwegen sitzen, bis wir anlegen. Wir sind eh gleich da.“
„Na, so ein Glück“, antwortet er mit einem vorsichtigen Lächeln und wirft einen Blick in Richtung des Tisches, an dem die fünfköpfige Familie sitzt. Nun haben auch die Jungen ihre Mobiltelefone hervorgezogen und tippen gelangweilt auf den Displays herum, während sich die Eltern mit einem amüsierten Lächeln ansehen und leise unterhalten.
„Wieso?“ fragt Lotta mit einem leisen Kichern in der Stimme. „Sind Sie etwa seekrank?“
„Nicht doch“, erwidert der junge Mann und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Augenwinkel. „Ich bin schließlich Surfer. Wasser ist mein Element.“
„Na, dann bin ich ja beruhigt“, antwortet Lotta halbernst. „Hatte schon befürchtet, ich müsste auf die Suche nach einer ‚Notfall-Tüte‘ gehen, wie es sie im Flugzeug immer gibt.“
„Haha“, murmelt der junge Mann mit gespielt beleidigter Miene, bevor er mit einem breiten Lächeln fortfährt: „Ich merke, Sie fahren nicht zum ersten Mal auf die Insel.“
„Falsch. Es ist tatsächlich mein erster Besuch auf Borkum.“
„Tatsache? Ich hätte gedacht, Sie wohnen da.“
„Wie kommen Sie denn da drauf?“
„Nur so ein Gefühl.“
„Falls es Sie wirklich interessiert“, antwortet Lotta, bevor sie sich bremsen kann, „ich komme aus Hamburg. Kennen Sie vielleicht, das ist diese schöne Hanse- und Weltstadt an der Elbe, berühmt für den Hafen, die Reeperbahn und die Franzbrötchen…“
„Kommt mir bekannt vor“, erwidert der junge Mann mit gespielt grüblerischer Miene. „Wenn’s eine Hansestadt ist, dann scheint sie mir verwandt zu sein mit Bremen. Da komme ich nämlich her. Oder, um genau zu sein, aus dem netten kleinen Örtchen Lilienthal, das dort in der Nähe ist.“
„Freut mich, ‚Mister Lilienthal‘“, frotzelt Lotta und erkennt durch das Fenster bereits den Leitdamm, der zur Hafeneinfahrt von Borkum führt. „Dann nehme ich an, Sie sind nicht zum ersten Mal auf der Insel?“
„Stimmt genau, ‚Fräulein Hamburg‘. Ich war im Sommer schon mal hier. Uns hat es so gut gefallen, dass wir jetzt über die Feiertage wiederkommen.“
‚Uns?‘ durchzuckt es Lotta enttäuscht. ‚Wie schade.‘ Aber, ehrlich gesagt, sie hat nicht wirklich damit gerechnet, dass so ein Typ noch nicht in festen Händen ist. Einen Ring trägt er zwar nicht, aber was heißt das heutzutage schon. Wahrscheinlich hat er eine hochschwangere Verlobte dabei, etwa so wie Christian, den Lotta per Zufall vor wenigen Tagen auf dem Weihnachtsmarkt an der Petri-Kirche getroffen hat.
Auch wenn es Lotta selbst gewesen ist, die sich vor fünf Jahren von dem egozentrischen Anwaltssohn getrennt hat, so ist es doch schmerzhaft gewesen, ihn Arm in Arm mit dieser Vanessa zu sehen, an deren Ringfinger ein Hochkaräter mit der Weihnachtsdekoration um die Wette geblitzt hat.
Christian ist immerhin ihre erste große Liebe gewesen, und die vergisst eine Frau nie; selbst nicht, wenn sie wie Feuer und Wasser gewesen sind und nie ernsthaft eine Zukunft gehabt hätten.
Die drei nichtssagenden Lückenbüßer, mit denen sie nacheinander bis kurz vor den Abschlussprüfungen an der Polizeischule zusammen gewesen ist, hat sie ohnehin aus ihrem Gedächtnis verdrängt. Sie kann sich kaum an ihre Namen erinnern, so austauschbar sind sie gewesen. Und ohnehin kommt sie gut allein zurecht und stirbt nicht am Single-Dasein.
So gesehen ist sie seit dem letzten Versuch vor einem guten Jahr nicht mehr auf der Suche nach ‚Prince Charming‘ oder ‚Mr Right‘. Sie stürzt sich lieber in ihre Arbeit, um gar nicht erst auf düstere Gedanken zu kommen, die nur ein einfühlsamer Mann mit Traumkörper, Humor und der nötigen Portion Grips erhellen könnte. ‚Mann-los glücklich‘, hat ihre beste Freundin Sanna gesagt, ‚nein, das könnte ich nicht. Aber du, Lottchen, du schaffst das. Du bist so viel stärker als ich.‘
Offiziell glaubt Lotta das auch und lebt diese Unabhängigkeit, in der sie auf niemanden außer sich selbst Rücksicht nehmen muss. Sie hat ihre kleine Zwei-Zimmer-Dachgeschosswohnung in einem westlichen Hamburger Stadtteil, ihren zukunftssicheren Job, Sanna und ihre Eltern. Mehr braucht sie nicht, offiziell gesprochen.
Wenn sie aber ehrlich ist, dann wünscht sie sich insgeheim doch einen starken Mann an ihrer Seite, einen, der sie nach einem harten Arbeitstag auch einfach mal nur in den Arm nimmt, ohne ihr immer gleich an die Wäsche zu gehen.
Rein optisch würde ihr Gegenüber, der sie aus seinen warmen braunen Augen freundlich anlächelt, gut passen. Aber Christian war auch gutaussehend, wobei der schöne Schein getrogen hat und die anfängliche heiße Verliebtheit mit der rosaroten Brille schnell in Enttäuschung umgeschlagen ist.
„Wenn Sie noch nie auf Borkum waren“, fährt ‚Mister Lilienthal‘ nachdenklich fort, „dann brauchen Sie vielleicht Hilfe, sich dort zurecht zu finden? Im Winter soll es etwas ruhiger zugehen als im Sommer, hat man mir gesagt. So hat zum Beispiel mein Lieblingscafé nur während der Saison auf, weil es ein Strandcafé ist. Aber, wenn Sie möchten, führe ich Sie gern mal ins Teehaus aus. Dort kann man gut essen.“
„Soll das ein Date werden?“
Die Frage rutscht Lotta unbeabsichtigt laut heraus. Erst denken, dann reden. Oberste Regel. Verdammt, als Polizistin hätte sie sich beherrschen müssen. Aber stattdessen sitzt sie hier vor diesem ausgesprochen hübschen Exemplar männlichen Geschlechts und lässt sich von seinem Charme einspinnen wie ein Backfisch, während die Fähre in den Hafen von Borkum einfährt. Ein Mädchen mit einer großen quadratischen Plastikwanne eilt routiniert durch die Gänge und sammelt das schmutzige Geschirr ein.
„Wenn Sie möchten, gern“, erwidert er nach einer Sekunde des Erstaunens über ihre Direktheit, bevor er mit treuherzigem Augenaufschlag hinzusetzt: „Wo wir uns jetzt schon so gut kennen, sollten wir uns vielleicht mit richtigem Namen anreden, was meinst du? Ich heiße Sebastian, Sebastian Pfeiffer, mit drei „f“ natürlich.“
„Angenehm“, will Lotta erwidern, doch da stoppt das Schiff mit einem harten Ruck und schleudert sie mit der Bauchdecke gegen die Tischkante, sodass ihr kurz der Atem wegbleibt.
„Und das dort drüben ist Momo“, ergänzt Sebastian und deutet zu einem Tisch rechts von der Tür, durch die bereits Fahrgäste zu den Gepäckablagen strömen. „Moritz Antonius Guth, heißt er richtig.“
Er hebt den Arm und winkt. Lotta wendet den Kopf, folgt seinem Blick und reißt die Augen auf. Sie merkt kaum, dass ihr die Kinnlade herunterklappt. Der junge Mann, der sich dort drüben gerade erhebt, ist in etwa genauso alt und groß wie Sebastian, ebenfalls blond, aber noch weitaus besser aussehend. ‚Beinah schon Model für Männerunterwäsche‘, denkt Lotta und spürt, wie ihr das Blut in die Wangen schießt.
‚Lieber Himmel, Lotta! Reiß dich zusammen!‘ schimpft sie in Gedanken mit sich selbst und drückt sich mit einer Hand den Unterkiefer nach oben, während sie mit dem anderen Handrücken einen dünnen Speichelfaden aus ihrem Mundwinkel wischt. ‚Wie peinlich!‘
*****
Ungeduldig wirft Moritz einen Blick auf seine sportliche Armbanduhr. ‚Nur kurz das Geschirr zurückbringen‘, hat Basti gesagt, bevor grinsend durch den Gang in Richtung Essensausgabe verschwunden ist. Eine Entfernung von höchstens vier Metern. Wieso braucht man für diese Aktion mehr als fünf Minuten?
Nachdenklich lässt Moritz seine grün-grauen Augen über die anderen Fahrgäste an Bord der MS Ostfriesland schweifen. Viele von ihnen sind bereits leicht grün im Gesicht, da das rollende Auf- und Niederstampfen der Autofähre beständig zunimmt, je weiter sie sich von Emden entfernen.
An den meisten Tischen sitzen Rentner oder junge Mütter mit Kleinkindern. Im Winter nimmt die Zahl der Grauköpfe offenbar überproportional zu, wenn nicht mehr Familien-Strandurlaub angesagt ist, sondern Kur und Wellness. Es wird herrlich ruhig sein in der gemütlichen Ferienwohnung im Dachgeschoss der alten Signalstation, die sie bereits im Sommer bewohnt haben.
Zwei Wochen Urlaub, eine Woche Erholung und den Rest der Tage Lernen für die Prüfungen, die Ende Januar anstehen. Warum nur hat er Mathe als zweites Hauptfach gewählt? Nicht, dass Basti mit Biologie einfacher dran wäre, aber irgendein ‚Laberfach‘ als Ergänzung zu Sport hätte es auch getan. Aber im Nachhinein ist man ja immer klüger.
So ist es mit allem, auch mit Frauen. Meistens hat er erst festgestellt, dass sie nicht zueinander gepasst haben, nachdem endgültig Schluss war. Nicht, dass sich jemals eine von ihm getrennt hätte. Dazu muss er nur einen Blick in den Spiegel werfen, um das ausschließen zu können. Aber sie sind alle langweilig geworden, mal früher, mal später, aber mit unausweichlicher Gewissheit. Sie sind austauschbar gewesen wie Barbie-Puppen. Ein bezauberndes Lächeln, ein makelloser Modelkörper, aber ohne Geist und Verstand.
Im Grunde genommen hat er mit keiner von ihnen mehr als drei zusammenhängende Sätze gewechselt. Wenn ihm oder ihr nichts mehr eingefallen ist, sind sie stets wie Tiere über einander hergefallen, um in körperlicher Ekstase den Ersatz für die Leere und Langeweile zu finden, die ihr Zusammensein mit sich gebracht hat. Aber er weiß, dass dies nicht alles sein kann.
Ohne es sich selbst oder Basti jemals offen eingestanden zu haben, sehnt er sich nach einer Frau, mit der er wirklich sein Leben teilen kann. Eine Frau, die ihn fasziniert, überrascht, begeistert und gleichermaßen erregt. Eine Frau, mit der er reden kann, wenn ihm danach ist, und die ihn nach einer langen Nacht des Lernens für einen herrlich langen Moment sanft in den Arm nimmt und zärtlich auf die Stirn küsst, wenn sie das gemeinsame Bett verlässt, um zur Uni oder zur Arbeit zu gehen.
‚Wunschträume!‘ schimpft Moritz in Gedanken mit sich selbst. ‚So eine Frau gibt es nicht, Momo. Die müsstest du dir schon selber backen…‘‘
Mit einem Seufzen denkt er zurück an den vergangenen Sommer, den er mit Basti auf Borkum verbracht hat. Sechs herrliche Wochen lang haben sie in der gemütlichen Ferienwohnung gewohnt und den Sommer genossen. Basti hat als Surflehrer gejobbt, Moritz selbst als Surf- und Segellehrer. Er hat es aufgegeben zu zählen, wie oft sie die Bucht am Hauptstrand hinauf und hinunter gekreuzt sind, vorbei an der Seehundbank und mit ausreichendem Sicherheitsabstand zur Badezone.
Er hat es ebenfalls aufgegeben zu zählen, wie viele Mädchenherzen sie in ihrer Rolle als coole Wassersportlehrer entflammt und dann am Ende der Ferien gebrochen haben. Besonders dieses eine Mädchen (hieß sie Lina oder Linda?) hat an Basti gehangen wie Fliegen an einem Löffel mit Honig. Es ist beinah schon amüsant gewesen, wie dämlich sie sich benommen und sich ihm schamlos an den Hals geworfen hat. Wenn Basti gewollt hätte, wäre sicherlich mehr daraus geworden. Aber neben Maja Lundqvist, der hübschen langbeinigen Schwedin, die ein wahres Naturtalent auf dem Surfbrett gewesen ist, hat sich jede andere verstecken müssen. Moritz kann verstehen, dass Basti sich sofort Hals über Kopf in die sonnengebräunte blonde junge Frau verliebt hat. Für einen Urlaubsflirt hält die Geschichte schon ziemlich lange, immerhin hat Basti bereits drei Wochenenden bei Maja in Stockholm verbracht.
Nachdenklich lässt Moritz seinen Blick weiter wandern, streift den kastanienbraun gelockten Hinterkopf einer zierlichen jungen Frau, die rechts an einem der Fenstertische sitzt, und fällt schließlich auf einen Tisch schräg davor am Gang, in dem soeben Basti aufgetaucht ist. Offenbar hat er eine Runde um die Kombüse gedreht und kommt nun durch den anderen Gang zurück, um die junge Mutter, die ihr strampelndes Kleinkind im Gang auf der linken Seite zum Stillsein ermahnt, nicht noch mehr zu stressen.
Im ersten Moment glaubt Moritz seinen Augen nicht zu trauen. Dann fällt ihm ein, dass viele zur Weihnachtszeit ihre Verwandten auf Borkum besuchen. Und, wenn er sich recht erinnert, dann hat Linda dort einen Großvater.
Hektisch reißt Moritz einen Arm hoch, um Sebastian zu bedeuten, nicht weiterzugehen. Noch hat Linda ihn nicht gesehen. Ein Glück, dass sie sich den Tisch ganz hinten genommen haben, hinter dem immens beleibten Rentnerehepaar, das mit Sicherheit zur (Abmagerungs-)Kur auf die Insel fährt. Warum sie das ausgerechnet über Weihnachten machen, muss niemand verstehen.
Sebastian hat alle Hände voll zu tun, auf dem schwankenden Schiff nicht hinzufallen. Doch er sieht Moritz und braucht zwar ein, zwei Augenblicke, um zu begreifen, dann aber hat er Linda und ihre Familie gesehen. Moritz erwartet, dass sein Freund nun schleunigst den Rückzug antreten und zurück um die Kombüse herum gehen wird. Stattdessen sinkt Sebastian, offenbar von den Bewegungen des Schiffes unterstützt, auf die freie Bank am Tisch der jungen Frau mit den kurzen kastanienbraunen Locken.
Grinsend beobachtet Moritz, wie sein Freund seinen ganzen Charme spielen lässt, um bis zum Ende der Fahrt nicht in Lindas Blickfeld geraten zu müssen. Denn dann wäre nicht nur Holland in Not. Dann wäre es vor allem dahin mit der Ruhe, auf die sie sich bei einem Besuch auf der winterlichen Insel so freuen.
Als die Fähre schließlich an der Hafenmole anlegt und alle Passagiere hektisch aufstehen und zu ihrem Gepäck in den Ablagefächern rennen, wartet Moritz mit abgewandtem Blick, bis Linda samt Familie an ihm vorbei zum hinteren Gepäckbereich gegangen ist. Dann steht er rasch auf und blickt zu Basti hinüber, der ihm fröhlich zuwinkt.
Gerade will Moritz seinen Platz verlassen und zu ihm gehen, da wendet die zierliche Frau mit den kurzen dunklen Locken den Kopf und folgt Sebastians Blick. Auf die Entfernung von drei Metern kann Moritz nur erkennen, dass sie dunkle Augen und ein fein geschnittenes Gesicht mit hohen Wangenknochen hat.
Sebastians Winken folgend, geht Moritz hinüber und schiebt sich hinter seinem Freund und der zierlichen jungen Frau, die ihm gerade mal bis zum Kinn reicht, den Gang entlang in Richtung Ausgang.
Sebastian hilft ihr galant mit ihrem, für eine Frau erstaunlich kleinen, Koffer, der allen Anschein eines Kurzbesuchs auf der Insel macht. Moritz schultert die Reisetasche, in der sie den Großteil ihrer Kleidung untergebracht haben, da der stabile Flugkoffer mit vier Rollen voller Lehrbücher ist. Schweigend lassen sie sich von den übrigen Passagieren über die klappernde Rampe vom Schiff an Land schieben. Linda und ihre Familie sind glücklicherweise irgendwo weiter hinter ihnen im Gedränge verschwunden.
„Aua!“ japst die junge Frau unvermittelt, als sie die treu wartende Borkum-Bahn erreichen und sich in Richtung des Waggons ‚Muschelfeld‘ wenden.
Instinktiv greift Moritz nach ihrem daunen-ummantelten Arm und hält sie fest. Ärgerlich wendet er sich an den älteren Mann im dunklen Wintermantel, der ihr offenbar sein klappriges Herrenfahrrad in die Fersen geschoben hat. Doch dieser ignoriert jeden Protest und starrt die junge Frau mit offenem Mund an.
„Lena!“ flüstert er heiser.
„Lotta“, korrigiert sie automatisch und setzt sich eine taubenblaue Wollmütze auf ihre kurzen kastanienbraunen Locken.
Der ältere Mann reagiert nicht, wendet sich abrupt ab und drängt sich an der zierlichen Frau vorbei, die ihm zwischen Schal und Mütze hervor aus haselnussbraunen Knopfaugen streng nachblickt. Der ältere Mann würdigt sie keines weiteren Blickes, schwingt sich auf das Rad und fährt mit kräftiger Beinarbeit in Richtung Borkum Stadt davon.
„Was für ein ungehobelter…“, brummt Sebastian, der bereits das Gepäck auf die kleine Plattform vorne am Waggon hinauf gehievt hat und von dort aus die ganze Szene beobachtet hat.
„Lass gut sein“, murmelt die junge Frau und klettert auf das Trittbrett des Waggons, der wenige Augenblicke später anruckt und rumpelnd in Richtung Borkum Stadt fährt.
Drinnen im Waggon ist es erstaunlich warm, weil die Heizspulen unter den Holzbänken auf Hochtouren laufen. Moritz genießt das sanfte Schaukeln der Insel-Eisenbahn und betrachtet nachdenklich die vorbeiziehende Landschaft. In der abendlichen Dämmerung ist kaum etwas zu erkennen, nur manchmal sieht er die gelblichen Scheinwerfer von Autos, die auf der Straße neben der Bahn vorbeifahren. Ansonsten: tote Hose. Ganz anders als im Sommer.
„So“, reißt Sebastians fröhliche Stimme Moritz aus seinen Gedanken. „Du heißt also Lotta. Gefällt mir.“
„Carlotta“, antwortet die junge Frau und hindert ihren Koffer daran, in den Gang zwischen den Bankreihen zu rollen.
„Gefällt mir auch“, erwidert Sebastian unbefangen, während Moritz ihm einen prüfenden Blick zuwirft. Ob er Maja bereits wieder vergessen hat? Offenbar ja, denn er schließt sogleich eine weitere Frage an, die er nicht stellen würde, wenn er kein Interesse an einer weiteren Bekanntschaft hätte.
„Meine Großmutter hat ein Haus hier auf der Insel“, antwortet Carlotta nach kurzem Zögern. „Sie hat es meiner Mutter vererbt. ‚Haus Westwind‘ heißt es.“
„Hey, das kenne ich“, rutscht es Moritz heraus. „Ein schönes altes Haus.“
„Ja?“ macht sie und zieht überrascht die fein geschwungenen Augenbrauen hoch. „Wie alt? Ich meine, ist es sehr baufällig?“
„Nicht doch“, erwidert er und lächelt. „Als wir im Sommer hier waren, sah es noch sehr gut aus; vor ein paar Jahren renoviert, würde ich sagen.“
„Wir bringen dich hin“, mischt sich Sebastian wieder ins Gespräch ein. „Wir kommen sowieso daran vorbei, denn wir wohnen in der alten Signalstation, kurz hinterm Deich an der Süderstraße.“
„Danke, das ist nett“, antwortet Carlotta und lächelt ihn an.
*****
Sie schrie auf, als er zuschlug. Mit der flachen Hand traf er sie im Gesicht, bevor er ihr den Mund zuhielt. Seine andere Hand fixierte ihre Arme wie schon so viele Male zuvor. Unter sich spürte sie die dünne Matratze und das harte Bettgestell, gegen das er sie mit jeder seiner ruckartigen Bewegungen stieß, bis ihr Rücken begann taub zu werden.
Tränen flossen ihr aus den Augenwinkeln und rollten in dünnen Bächen auf das geblümte Kopfkissen, während sein Keuchen über ihr von Stoß zu Stoß zunahm. Sie wollte weiter schreien, treten, beißen, schlagen, kratzen. Doch sie konnte sich nicht rühren. Sie dachte an das ungeborene Kind in ihrem Bauch, hielt still und wartete, dass es endlich vorbei sein möge.
Sie glaubte plötzlich, unter der Decke zu schweben und auf sich selbst herabzusehen. Sie sah ihren eigenen zierlichen Körper mit der deutlichen Rundung in der Körpermitte, auf der Seite liegend und starr wie ein totes Tier, dazu ihre eigenen schmerzerfüllten, tränennassen Augen, die wie immer wild nach einem Weg suchten ihm zu entkommen. Sie sah ihre schmalen Arme über ihrem Kopf, die taub wurden, weil er ihr das Blut abpresste. Und sie sah seinen großen Körper, der schwitzend über ihr hing und rhythmisch zuckte…
Als er schließlich wie das Schwein, das er war, mit einem Grunzen von ihr abließ, zog sie das Nachthemd über ihre nackten Beine bis zum Knie hinab und angelte blindlings nach der Bettdecke. Sie musste schlafen, vergessen, weiterleben. Schon um des Kindes willen. Es war das Einzige, was ihr von Micha geblieben war. Die einzige Erinnerung an ihr richtiges Zuhause, an das Leben vor ‚ihm‘.
Sie hörte, wie er ächzend einen erschöpften Schritt nach dem anderen machte und ihre kleine Kammer verließ. Er stieß gegen den Besenstiel, der außen neben der Tür an der Wand lehnte und warf ihn mit einem Fluch um, sodass der Stiel auf die kalten Steinfliesen der Diele klapperte.
Dafür würde sie morgen mit Sicherheit eine weitere Strafarbeit erhalten, da konnte sie sicher sein. Tagsüber behandelte er sie wie eine Dienstmagd, eine bessere Sklavin, auch wenn sie tatsächlich Großonkel und Nichte waren. Nachts aber… Sie zwang sich, den Gedanken nicht weiter zu denken.
Sie hörte, wie die schalldichte Tür mit einem leisen Schmatzen ins Schloss fiel. Der Riegel wurde von außen vorgeschoben. Sie war allein. Das trübe, gelblich kranke Licht der nackten Glühbirne neben dem Türrahmen flackerte. Dann ging es aus und ließ sie im Dunkeln zurück.
Sie hatte keine Angst, das hatte sie schon vor Monaten aufgegeben. Dunkelheit und Einsamkeit machten ihr nichts aus, im Gegenteil. Sie war froh, wenn sie für sich sein konnte. In ihrem Zustand war sie dankbar für jeden Moment der Ruhe und Erholung, von denen er ihr jedoch nur wenige gönnte.
Dennoch war sie froh, wenn er nicht in ihrer Nähe war. Sie verabscheute seine Gegenwart, die keine Gesellschaft, sondern eine ständige Bedrohung war. Sie wusste, was sie von ihm zu erwarten hatte. Sie kannte ihn. Und sie hasste ihn.
Sie rollte sich zitternd auf die andere Seite und strich mit einer Hand über ihren gewölbten Bauch, in dem das Kind lebte. Ihr Kind. Das Kind von Micha, dem Helden. Wie sehr vermisste sie Micha und seine Zärtlichkeit. Sie hatten heiraten wollen, damals im vergangenen Herbst. Der Ring an ihrer Hand war ein Traum und ein Versprechen gewesen.
Doch dazu war es nicht mehr gekommen. Sechs Menschen – darunter sie selbst – hatte Michael gleich seinem Namenspatron wie auf Engelsschwingen gerettet aus dem lichterloh brennenden Haus, bevor er bei dem Versuch, auch ihre Eltern herauszuholen, mit ihnen zusammen von den herabstürzenden Dachbalken erschlagen worden war.
Tante Manuela, die verwitwete jüngere Schwester ihres Vaters, hatte sie auf Bitten des Jugendamtes zu sich genommen. In dem kleinen Ort im östlichen Teil des Harzes hatte sie ihren Zustand nicht lange geheim halten können und einige gehässige Bemerkungen ertragen müssen. Und nicht nur sie, denn Schande färbte offenbar ab. Ohne Micha und den Schutz eines Trauscheins im Schrank würde ihr uneheliches Kind nichts als Schimpf und Schande erfahren; das hatte Tante Manuela ihr unmissverständlich klar gemacht.
Wohl auch deshalb hatte die Tante den Besucher aus dem Westen empfangen, jenen entfernten Verwandten, der auf der westlichsten der ostfriesischen Inseln lebte. Bereits kurz nach der Wende hatte er per Brief Kontakt aufgenommen und war wenige Monate später sogar in der Bäckerei aufgetaucht.
Sie hatte ihn von Anfang an nicht gemocht. Er war ihr unheimlich gewesen. Im Nachhinein war sie sicher, dass sie bereits damals die Gefahr gespürt hatte, die von ihm ausging.
Als er an jenem Tag auf der Türschwelle stand, hatte die Tante ihn freundlich hereingebeten und Tee gemacht. Wenig später hatte sich die Wirklichkeit zu einem Alptraum verkrümmt.
Sie wusste nicht mehr, ob sie erst den erstickten Schrei der Tante gehört oder deren sich krümmenden Körper am Boden gesehen hatte. Aber sie erinnerte sich noch ganz genau daran, wie er die Tür zum Wohnzimmer geschlossen hatte und auf sie zugekommen war, ein breites Lächeln im Gesicht.
Danach war es dunkel geworden, und das nicht nur, weil sie die Besinnung verloren hatte. Da war ein seltsamer Geruch gewesen, erst süßlich, dann wie von Essig und Zitrone, aber künstlich wie ein Haushaltsreiniger.
Die folgenden Stunden waren wie ein blasser, unscharfer Schwarzweißfilm in ihrer Erinnerung. Hin und wieder war sie halb erwacht und hatte gefühlt, dass sie in einem Auto lag, reglos, mit einem Tuch im Mund und gut zugedeckt, sodass sie nicht sehen konnte, wohin der Wagen fuhr. Einmal hatte sie geglaubt, geschaukelt zu werden.
Sie war erst wieder zu sich gekommen, als er sie auf seinen kräftigen Armen durch die kühle Nachtluft trug. Sie hatte einen kräftigen Wind gespürt und das Salz in der Luft geschmeckt.
Sie wusste, dass er sie auf diese stürmische Insel in der Nordsee gebracht hatte. Und sie hatte gespürt, dass jene kostbare Minute – der Gang vom Auto zum Haus – ihre Chance gewesen war. Eine Chance, die sie aufgrund ihrer nur sehr langsam nachlassenden Benommenheit nicht genutzt hatte und bereits am nächsten Tag bereut hatte. Und danach jede zweite oder dritte Nacht.
Wie oft hatte sie seitdem daran gedacht, einfach wegzulaufen. Aber wohin? Und was würde dann mit dem Kind geschehen? Und wie sollte sie schaffen, das Haus zu verlassen, in dem er sie tagsüber kaum eine Sekunde aus den Augen ließ? Nicht einmal nachts war eine Flucht möglich; denn wenn er nicht bei ihr war, dann schloss er sie unbarmherzig ein in dem kleinen Kämmerchen am Ende des Flures, gleich neben der Tür zur Küche.
Mit einem traurigen Seufzen zog sie die Decke fester um sich, küsste den blassblauen Stein auf dem Ring an ihrer Hand und begann zu träumen. Sie träumte von Micha, wie sie zusammen im Heu gelegen hatten in den Spätsommertagen des vergangenen Jahres. Wie er sie auf Knien gefragt hatte, ob sie ihn heiraten wolle, damals an jenem stürmischen Oktobertag, den sie auf dem Dachboden der benachbarten Bäckerei verbracht hatten, wo er jeden Morgen außer sonntags ab vier Uhr früh in der Backstube stand und Hefeteig knetete.
Wenn doch nur dieses schreckliche Unglück nicht geschehen wäre, der Dachstuhlbrand der beiden aneinander grenzenden Häuser und das große Unglück…
Ein Scharren an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Kam er etwa zurück? Hatte er sie für heute noch nicht genug gequält? Sie machte sich steif unter der Decke und lauschte angespannt. Doch die Schritte verweilten nur einen Moment vor der Tür zu ihrer kleinen Kammer, dann ging er mit einem tiefen Schnaufen fort.
