Der Fall Hammonia - Fee-Christine Aks - E-Book

Der Fall Hammonia E-Book

Fee-Christine Aks

0,0

Beschreibung

Eigentlich hat Lotta genug damit zu tun, ihre neue Rolle beim Landeskriminalamt Hamburg zu finden. Da kann sie es nicht brauchen, dass der Todesfall eines Taxifahrers für sie verdächtig nach Mord aussieht und ihr neues Team den Fall als Unfall abtun will. Privat ist Lotta überzeugt, dass ihr Freund Moritz ihr etwas verschweigt. Soll sie ihn zur Rede stellen oder warten, bis er sich ihr von selbst offenbart? Lotta konzentriert sich auf ihre Arbeit und findet eine Verbindung zu einem anderen Fall, der die Hansestadt schockiert hat. Lotta kann nicht anders: Sie muss herausfinden, was wirklich geschah in jener Nacht, als Lola Gans starb… Buch 5 der StrandtGuth-Kriminalroman-Serie von Fee-Christine Aks.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 455

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Fee-Christine Aks

Der Fall Hammonia

Roman

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung und Vorbemerkung

Prolog

Freitag, 10. Juli 2015.

Samstag, 11. Juli 2015. (1)

Samstag, 11. Juli 2015. (2)

Sonntag, 12. Juli 2015.

Montag, 13. Juli 2015.

Epilog

StrandtGuth

Mehr von der Autorin?

Impressum neobooks

Widmung und Vorbemerkung

Ein StrandtGuth-Krimi

von

Fee-Christine Aks

1. Auflage Juni 2017

Der Fall Hammonia

Copyright © 2017 Fee-Christine AKS

All rights reserved.

ISBN: 1530639824

ISBN-13: 978-1530639823

Für Hamburg, meine Perle

Stadt Hamburg in der Elbe Auen,

Wie bist du stattlich anzuschauen!

Mit deinen Thürmen hoch und hehr

Hebst du dich schön und lieblich sehr!

Stadt Hamburg, Vielbegabte, Freie!

So reich an Bürgersinn und Treue,

So reich an Fleiss und Regsamkeit,

Dein Lob erschalle weit und breit!

Den Bürgern drin auf allen Wegen

Fried’, Eintracht, Kunstfleiss, Glück und Segen!

Das Meer fleusst um die Erd’ herum,

Drum ‚floreat Commercium‘!

Soll uns ein Ort der Welt erfreu’n,

So muss es unser HAMBURG seyn!

Hammonia, Hammonia!

O wie so glücklich stehst du da!

(Auszug aus der Hamburg-Hymne von 1828)

Vorbemerkung

Hamburg, die Freie und Hansestadt an der Elbe, ist nicht nur eine altehrwürdige, sondern auch eine weltoffene Stadt. Nicht umsonst nennt man sie auch ‚das Tor zur Welt‘. Die Autorin ist in ihr geboren und aufgewachsen und lebt heute wieder und sehr gerne dort.

Sehenswürdigkeiten, von denen das Wahrzeichen St. Michaelis genannt ‚Michel‘, das Volksfest DOM und selbstverständlich die legendäre Reeperbahn weltbekannt sind, machen das ‚Elbflorenz‘ nicht nur zu einem Touristenmagnet, sondern dank seiner vielfältigen Kulturszene (Hamburg gilt als Musical-Metropole Deutschlands) und Sportstätte (u.a. Bundesliga-Dino HSV und Kult-Club St. Pauli) zu einer Stadt mit Charakter.

2006, als ‚die Welt zu Gast bei Freunden‘ war, stand in Hamburg das Miteinander im Mittelpunkt, das heute leider vielerorts in Vergessenheit zu geraten droht. Dass es in einer solchen Stadt auch Schattenseiten gibt, ist traurigerweise tagtägliche und zunehmende Wirklichkeit und wird durch aktuelle Ereignisse der Weltgeschichte nicht gerade verbessert.

Warum also lässt die Autorin ausgerechnet in dieser Stadt, die sie so sehr liebt, einen Krimi spielen? Ganz einfach, weil sie die Hoffnung nicht aufgibt, dass hanseatische Werte wie Welt-offenheit, Toleranz und Mitmenschlichkeit auch in schwierigen Zeiten noch Gewicht haben und es hoffentlich immer jemanden gibt, der sich in kniffligen Situationen mit viel Mut und Überzeugung für das Gute und Richtige einsetzt, auch wenn es der steinigere Weg sein mag. Eine solche – wenngleich nur fiktive – Person hat die Autorin mit ihrer Protagonistin der StrandtGuth-Kriminalroman-Reihe vor Augen, die in diesem speziellen Fall vor genau dieser schweren Entscheidung steht, auf welchen Weg sie sich begeben soll.

Zudem bietet die ‚Hammonia‘ – wie bereits in zahlreichen Krimis in Schrift und Bild bewiesen – eine großartige Kulisse für einen Roman, weshalb die Autorin ihre Hommage an ‚Hamburg, meine Perle‘ geschaffen und den vorliegenden Kriminalroman verfasst hat.

Diese Geschichte ist frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind zufällig und unbeabsichtigt.

Prolog

Sonntag, 9. Juli 2006.

Er schlug die Augen auf und wünschte, er hätte es nicht getan. Die Welt drehte sich um ihn und der Geschmack in seinem Mund war so pelzig, dass ihm davon übel wurde. Er schluckte und musste husten.

Wo war er? Denn dies war nicht sein Zimmer, es war viel zu hell und vornehm. Er erinnerte sich dunkel, dass er auf einer Party gewesen war. Deutschland war Weltmeister der Herzen, hatte Portugal überlegen mit 3:1 geschlagen. Mit Paul, Robert und Lenny hatte er das Spiel verfolgt, inmitten der tobenden Menge auf dem Spielbudenplatz an der Hamburger Reeperbahn. Nach dem Abpfiff hatten sie weitergefeiert, jedenfalls ging er davon aus.

Er erinnerte sich nicht, weshalb es ihn umso mehr wunderte, dass er es irgendwie in ein Bett geschafft hatte. In seinem Zustand, der nur als volltrunken zu beschreiben gewesen sein konnte, hätte er es kaum bis zur S-Bahn-Haltestelle geschafft. Die Hotels rund um den Spielbudenplatz konnten kaum so hell und elegant sein, wie dieses Zimmer – der stuckverzierten Decke nach zu schließen – sein musste. Ein sehr elegantes und großes Zimmer, eine Suite, womöglich… Wo, zum Henker, war er?

Verwirrt versuchte er den Kopf zu heben, ließ es aber sofort bleiben, als sich ein saurer Geschmack in seinem Mund zu sammeln begann und die Welt an Drehmoment noch zulegte. Nur nicht kotzen, nur nicht wieder einschlafen.

Es war einige Zeit her, dass er das letzte Mal einen Absturz gehabt hatte – Abi-Party vor zwei Jahren, bei der er auf der Toilette des Clubs einen heißen Quickie mit Claudia gehabt hatte… Ach ja, Claudia; die Matratze der Schule, beinah so wie diese kleine blondierte Schlampe aus seinem BWL-Kurs an der Uni, Sandra oder Sabrina oder so ähnlich…

Augenblicklich spürte er das altvertraute, angenehm heftige Ziehen zwischen seinen Beinen und fand seine Hand bereits am Bund seiner Boxershorts, als er plötzlich stockte. Etwas stimmte nicht. Oder hatte er die Deutschland-Perücke von Lenny als Hilfsmittel verwendet? Seltsamerweise fühlte sich das falsche Haar eher weich an, gar nicht so kratzig wie billiges Plastik. Mühsam versuchte er dennoch, es von der Region um seinen Bauchnabel wegzuschieben – und fuhr erschrocken zusammen, als seine Hand an etwas Hartes stieß, das nicht zu ihm gehörte. Es war schwer und lag rechts von seinem Bauchnabel auf dem Beckenknochen. Es war aus Metall, ein Kerzenleuchter mit massivem Fuß, den er kurz in die Hand nahm, als er ihn von sich wegschob, um besser nach dem zweiten Etwas zu tasten, das weiter unten unterhalb seines Beckenknochens lag. Dieses Mal ertastete seine Hand den erwarteten Kopf, zu dem die fremden Haare gehörten, die er aber nicht erkannte. Welche Claudia/Sandra/Sabrina hatte ihm beim Einschlafen geholfen? Denn Tessa konnte es nicht sein, sie fühlte sich ganz anders an, besser. Was, zum Henker, hatte er bloß getan?

‚Blöde Frage‘, schalt er sich selbst. ‚Du weißt genau, was du getan hast. Schäm dich!‘ Denn es bestand kein Zweifel: Er war nackt – bis auf die Boxershorts, die jedoch schief saß. Er tastete weiter, während sich die Welt langsam beruhigte. Mit viel zu schwerem Kopf schaffte er es nicht, sich optisch an seine Bettbekanntschaft zu erinnern; aber die Haare waren lang und ringelten sich um seinen Finger, als er vorsichtig an einer Strähne zog, die auf seiner Boxershorts lag.

Er wunderte sich, dass die Haare an einigen Stellen leicht an ihm klebten – am Bauch und auch an seinen Oberschenkeln. Womöglich waren sie beide zugleich vor Erschöpfung eingeschlafen, auch wenn er sich nicht mehr an das Feuerwerk erinnern konnte, das einen so mächtigen Erguss hätte auslösen können.

Umso mehr wunderte er sich, dass dort noch etwas anderes war, das sich unter seinen tastenden Finger seltsam anfühlte – weich, warm und irgendwie klebrig. Es war kein gutes Gefühl, was vielleicht auch an der sich immer noch unruhigen Welt und dem seltsamen Geruch liegen mochte, der ihm in die Nase stieg – es war nicht der schale Nachgeschmack einer durchzechten Nacht, keine Kotze und kein beißender Schweißgeruch, vielmehr roch es irgendwie süßlich.

Erst als er langsam die Hand von den Haaren löste und sich damit am Dreitagebart kratzen wollte, erkannte er die Wahrheit. Der Schock, der ihn wie ein Blitz durchfuhr, hätte nicht größer sein können. Denn seine Finger und sein halber Unterarm waren rot, dunkelrot, vor angetrocknetem Blut. Und an den Kuppen seiner Finger klebte außerdem noch etwas, das seltsam grau-rosa war und sich wie glitschiger Pudding anfühlte.

Ahnungsvoll hob er den schmerzenden Kopf, fokussierte seinen Blick und starrte entgeistert auf den blondierten Kopf, der nah an seinem edelsten Teil lag, aber furchtbar zugerichtet war. Ihm wurde übel, als er das faustgroße Loch sah, das zwischen den blutverklebten Haarsträhnen den Blick freigab auf glibberige, grau-rosa schillernde Hirnmasse.

Es dauerte ewig lange Sekunden, bis er die Kraft fand, angeekelt zusammenzuzucken und sich aufzubäumen. Er rollte vom Bett, das nicht – wie er geglaubt hatte – ein weiches Wasserbett, sondern ein hell gedecktes Kingsize voller Blut war, und glitt mit einem unartikulierten Japsen zu Boden.

Er war plötzlich klar im Kopf und erkannte, dass er sich in einem Hotelzimmer – oder vielmehr: einer Suite – befand, die gut und gern tausend Euro pro Nacht kosten mochte. Ein Blick auf die Karte des Zimmer-Service bestätigte ihm, dass er sich nicht mehr auf St. Pauli befand. Aber wie war er – in seinem Zustand – vom Spielbudenplatz bis zur Elbchaussee gekommen?

Kurz flackerten Erinnerungen durch seinen schmerzenden Kopf, in denen er mit seinen Eltern auf der Lindenterrasse saß und die auf der Elbe vorbeigleitenden Containerschiffe beobachtete, während umsichtige Kellner ihnen feinste Torten und herrlich süffige Trinkschokolade servierten… Im nächsten Augenblick glitt sein Blick jedoch das verrutschte Bettlaken hinauf und zu dem Überrest jenes menschlichen Kopfes, der ihn von dort oben aus stumpfen blauen Augen stumm und anklagend anstarrte. Das erschlaffte Gesicht war jung und schön, woran auch die dunklen Blutstreifen nichts änderten, die um den geöffneten Mund herum aufs Bett gelaufen waren.

Auch der dicke sandfarbene Teppich unter ihm war blutig, jedenfalls in der Nähe des leblosen Körpers, der auf dem Bett zurückblieb. Er kroch ins Bad, dessen Tür wie ein Leuchtturm in stürmischer Nacht erschien und zum Glück offen stand, sodass er ungehindert die edle Keramikschüssel erreichte. Viel Galle kam noch hinterher, nachdem er den doppelten Cheeseburger, die Pommes, den Wrap mit Thai-Sauce und den Alkohol der Partynacht von sich gegeben hatte.

Zitternd zog er sich am Waschbecken hob und wusch sich mühevoll den Mund aus, während die Wasserspülung seinen ekelhaft sauer stinkenden Mageninhalt in die Kanalisation hinunter schickte. Das kalte Wasser prickelte auf seiner Haut und weckte ihn aus seiner Trance.

Er war schlagartig ganz klar, auch wenn er eher einem Gespenst glich, das ihm aus irr aufgerissenen Augen aus einem aschfahlen Gesicht entgegenstarrte, als sein Blick zufällig den Wandspiegel traf. Er musste hier weg. Wer auch immer es war, die dort auf dem Bett lag – sie war tot. Und er klebte von ihrem Blut.

Hastig griff er nach einem strahlend weißen Händehandtuch und wusch sich die Brust, den Bauch, die Arme und die Oberschenkel, bis das Blut weg war. Dann stürzte er zurück ins Zimmer, klaubte die Jeans und das Hemd vom Teppich vor dem Fenster zur Wasserseite auf und streifte sie mit fahrigen Bewegungen über – seine zitternden Finger hatten mehrere Minuten lang mit dem obersten Knopf der Hose zu kämpfen, sodass er die restlichen drei einfach offen ließ.

Er verlor wertvolle Sekunden, als er sich hektisch nach seinen Schuhen umsah und sie schließlich unter dem barock anmutenden Liegesofa am Fenster fand. Die Socken steckten ordentlich darin, doch er zog sie heraus und fuhr barfuß in die Chucks hinein.

Der schäbige Geschmack in seinem Mund wurde erneut sauer, als er sich nach der weiblichen Person auf dem Bett umsah, ein letztes Mal den Raum scannte, ob noch irgendetwas auf ihn hindeuten konnte und sich schließlich straffte, als er mit den Socken in der rechten Hand nach der Türklinke griff.

Vorsichtig drückte er den massiven, goldüberzogenen Griff hinunter und zog an der schweren Eichentür. Sie ging lautlos auf und gab den Blick frei auf einen Flur mit dicken dunkelroten Teppichen und maritimer Kunst an den hellen Wänden. Er schlüpfte hinaus und ließ die Tür mit dem ‚Nicht stören‘-Anhänger daran von außen geräuschlos ins Schloss gleiten, bevor er sich die Socken in die hinteren Taschen seiner Jeans stopfte.

Erst als er um die nächste Biegung des Flures war, kam ihm in den Sinn, dass er vergessen hatte, seine Fingerabdrücke zu beseitigen. Als gelegentlicher C.S.I.-Schauer wusste er, dass so Täter zu Fall gebracht werden konnten. Aber er war nicht in der Lage umzukehren. Er musste hier weg.

Er fand das Treppenhaus, das ebenso vornehm und teuer erschien wie die Suite, aus der er soeben geflohen war. Gerade als er hinunter zu steigen begann, kam von oben hinter ihm der unmissverständliche Klang einer weiblichen Stimme.

„Housekeeping“, flötete sie fröhlich.

Er hörte nicht mehr, ob sie klopfte, ob ihr geöffnet wurde oder ob sie die Suite mithilfe ihrer Generalkarte betrat. Er flog die Treppen hinunter und erreichte in Rekordzeit das Erdgeschoss, wo er nur zwei Kellnern begegnete. Diese sahen ihn nicht, da sie mit je einem Tablett voll Champagnergläsern vor ihm her zur rückwärtig gelegenen Terrasse gingen.

Er wusste nicht, warum, aber er folgte ihnen, anstatt den Haupteingang nach vorne zur Straße hin zu nehmen. Er stolperte auf die Terrasse, wo es vor elegant und teuer gekleideten Herrschaften nur so wimmelte. Aber genau das konnte sein Glück sein; man ignorierte ihn, da er offensichtlich nicht dazu gehörte.

Ein zierliches Mädchen mit sehr hübschem Gesicht, kastanienbraunen Zöpfen und Lackschuhen zu einem dunkelblauen Matrosenkleid kam ihm entgegen. Sie mochte dreizehn Jahre alt sein und sah ihn erstaunt aus großen schokoladenbraunen Augen an, als er die ersten Lindenbäume erreichte und sich nach links wandte, um an der weißen Außenmauer des Hotels entlang zu eilen.

Sie lächelte scheu und trat wohl erzogen zur Seite, um ihm Platz zu machen. Er lächelte automatisch zurück, bevor sie sich abwandte und zu einigen anderen Kindern hinüber ging, die einen neu hinzugekommenen Kellner umringten, der Eisbecher austeilte.

Niemand achtete auf ihn, als er in seinem unpassenden Aufzug mit klopfendem Herzen am Rande der Menge bis zur seitlich gelegenen Gartenpforte schlich, die ihn auf eine gewundene flache Treppe und direkt zum Uferweg hinabführte.

Er atmete tief durch und versuchte sich zu sammeln, als er unten angekommen war. Er war entkommen. Alles war gut. Denn auch hier unten am Hamburger Ufer der Elbe schenkte ihm niemand mehr als einen flüchtigen Blick, sodass er ungehindert mit schnellen Schritten in Richtung der nahen Fährstation Teufelsbrück eilen konnte.

*****

MORD IM LUXUSHOTEL

Hamburg. Schwerer Schock fürs Louis C. Jacob: In einer Suite des Fünf-Sterne-Hauses ist am Sonntagmorgen eine Leiche aufgefunden worden. Der Mörder ist flüchtig.

Bei der Toten handelt es sich um die 19-jährige Tochter des neuen Bezirksrates von Altona, Joachim Gans (parteilos).

Die Polizei Hamburg bittet um Ihre Mithilfe…

Freitag, 10. Juli 2015.

Erschöpft lässt sich Carlotta Strandt auf den Beifahrersitz sinken. Ihre Kollegen von der Hamburger Kriminalpolizei diskutieren noch neben dem zivilen Wagen, wie sie mit den neuen Erkenntnissen umgehen sollen. Was ist jetzt zu tun?

Seufzend schließt Lotta für einige Momente die Augen und versucht, die Eindrücke zu ordnen. Es ist gerade einmal zehn Tage her, dass sie ihren neuen Job beim Landeskriminalamt Hamburg angetreten hat. Als Polizeikommissarin ist sie Streifendienst und Uniformen gewohnt gewesen; nun besteht ihre Arbeit als Anwärterin auf eine Beförderung zur Kriminalkommissarin hauptsächlich in Beobachten. Ihr direkter Vorgesetzter bei der Streife hat ihr ein beschleunigtes Verfahren vorgeschlagen, was sie in ihrer Ungeduld gern angenommen hat. Aber es bedeutet auch, dass sie sich doppelt anstrengen muss.

Mit Mord hat sie es auch schon vor ihrem Wechsel zum Morddezernat zu tun gehabt; aber nun ist sie jeden Tag auf Mörderjagd, die in ihrem Fall vor allem aus Recherchen, Zeugenbefragung und Fußarbeit besteht – scheinbar einzig, damit ihr neuer Vorgesetzter und Teamleiter, Hauptkommissar Jürgen Fieber, der ihr kaum Unterstützung gibt, gut dasteht. Ohne ihren Kollegen Matthias Jäger, einen sportlichen Mittdreißiger, und vor allem die Rückendeckung ihres neuen Chefs, Hauptkommissar Volker Helbing, wäre es kaum auszuhalten.

„Wie fühlt man sich denn so?“ hat Moritz sie am ersten Abend gefragt. „Ohne Uniform, meine ich. Ist die Kripo das, was du erwartet hast?“

Lotta schluckt kurz; denn auch jetzt, nach neun weiteren Tagen, weiß sie nicht zu sagen, ob dieser Wechsel eine so gute Idee gewesen ist. Natürlich weiß sie, dass sie nicht zu schnell zu viel erwarten sollte; aber nicht einmal jetzt, da das Team mit dem verdächtigen Tod eines Taxifahrers befasst ist, lässt man sie bei den spannenden Sachen mitmachen; Fieber will es so.

‚Dabei habe ich‘, denkt Lotta grimmig, ‚wahrscheinlich mit meinen bisherigen wenigen Mordfällen immer noch mehr aufgeklärt als Fieber selbst.‘

Selbstverständlich hat sie sich zusammen reißen müssen; sie kann sich nicht bei Jäger oder gar Helbing beschweren. Zum Glück gibt es noch Max, Kommissar Maximilian Bohse, mit dem sie früher im PK 21 gearbeitet hat. Er hat ebenso wie sie zum LKA gewechselt, allerdings ins Raubdezernat; nichtsdestotrotz sind die gemeinsamen Mittagspausen oder Kaffeepausen – drei an der Zahl in den vergangenen zwei Wochen – stets eine Erholung für Lotta gewesen.

Max versteht sie, bei ihm kann sie sich aussprechen, wofür sie ihm dankbar ist. Aber auch er weiß keinen anderen Rat als ‚mach deinen Job, fasse Fuß und lote die Grenzen aus‘; und Lotta ist es noch nie leicht gefallen, sich selbst zurückzunehmen. Sie schiebt es auf das ‚Polizisten-Gen‘, wie ihr Freund Moritz es nennt; aber im Grunde genommen will sie doch nur gute Arbeit machen. Ist das denn zu viel verlangt? Was steckt wirklich hinter der feindlichen Haltung von Fieber? Ist es, weil sie jung und eine Frau ist? Oder…?

Ein Klopfen schreckt Lotta aus ihren trüben Gedanken auf. Es ist Matthias, der sich am Fenster direkt neben ihr herabbeugt und eine Geste macht, die Lotta mit dem automatischen Fensteröffner befolgt.

„Das Taxi-Unternehmen“, sagt Matthias leise, „die haben den Fahrtenschreiber samt GPS-Karte geschickt. Wie lange zurück reichen die Aufzeichnungen?“

„Zwei Jahren“, antwortet Lotta ohne ihre Notizen zu Rate ziehen zu müssen.

„War da irgendwas Auffälliges, ein Muster oder so?“

Lotta zuckt mit den Schultern. Zusammen mit dem Techniker Timo Leichsenring hat sie gestern bis spät in die Nacht das Material ausgewertet. Ein Muster oder irgendeine Auffälligkeit ist nicht dabei herausgekommen. Die bunten Theorien, dass der Taxifahrer Samir Malik in Drogenhandel, Prostitution oder Schutzgelderpressung verwickelt gewesen sein könnte, sind weiterhin nichts als bunte Theorien. Lotta weiß, dass Fieber das nicht gefällt; ihm sitzen Helbing und auch dessen Chef im Nacken.

Die Presse ist glücklicherweise bisher nicht an dem Fall interessiert; aber wenn Lotta ihr Bauchgefühl nicht trügt, dann könnte aus dem Mord an Samir weitaus mehr erwachsen, als es auf den ersten Blick den Anschein haben mag.

„Sag mal, Lotta“, murmelt Matthias leise nach einem verstohlenen Blick über die Schulter, „was hältst du von dem Fall?“

„Ernsthaft?“

„Hey, ich weiß, dass du mehr kannst als Datenbank-Recherche. Also?“

„Ich habe das Gefühl“, antwortet Lotta leise, „dass mehr hinter dem Tod von Samir steckt, als es auf den ersten Blick scheint.“

„Nämlich?“

„Ich glaube, es war Mord.“

„Wie kommst du darauf?“

„Weil er mit dem Autositz verkohlt ist“, antwortet Lotta langsam und sieht den sportlichen Mann mit den kurzen, mit viel Styling-Gel geformten blonden Igel-Stoppeln aufmerksam an; ob sie ihrem neuen Kollegen trauen kann?

„Hast du die Bilder vom ausgebrannten Taxi gesehen?“ fragt sie, um ihn auf die Probe zu stellen – geistig und um seine Loyalität zu prüfen. Wenn er diese Info sofort an Fieber weitergibt, weiß sie, woran sie bei ihm ist.

„Ohne die Fahrgestellnummer wäre nicht mehr zu ermitteln gewesen“, seufzt Matthias leise, „dass es das Taxi war. Das Ding war ja kaum mehr als ein Stahl-Skelett unter dem Lösch-Schaum. Was sagtest du wegen dem Autositz?“

„Der Wagen“, antwortet Lotta langsam, „ist laut dem Bericht der K.T.U. hinten am Tank zuerst in Brand geraten, nachdem er mit dem Kühler die dicke Eiche gerammt hatte. Die Motorhaube ist nicht eingedrückt, aber etwas verdellt; der Airbag hat ausgelöst und die Person auf dem Fahrersitz zwischen Steuer und der Sessellehne eingeklemmt. Beifahrersitz und Armaturenbrett sind nur wenig verbrannt, der Fahrersitz samt Leiche war völlig verkohlt.“

„Und?“

„Ich habe das schon mal gesehen“, murmelt Lotta und schluckt. „Allerdings war das nur ein Test mit einem Dummy. Das sah sehr ähnlich aus…“

„Was war das für ein Test?“

„Der Nachweis, dass ein angeblicher Unfall fingiert war.“

„Wieso?“

„Weil der Fahrersitz mit Benzin getränkt war, damit er besser brannte und die Leiche darauf unbedingt mit verbrannte.“

Matthias sieht ehrlich verblüfft aus. Lotta kann jedoch nicht ausmachen, ob er ihre Schlussfolgerung und Logik anerkennt oder nur gute Miene macht. Einige Augenblicke scheint er zu überlegen, wie und was er antworten soll. Dann nickt er und erhebt sich aus der Hocke.

„Gut“, sagt er unternehmungslustig, als er ums Auto herum gegangen und auf den Fahrersitz gesunken ist. „Wir fahren nochmal zur Wohnung des Taxifahrers und stellen ein paar Fragen an seine Frau, die wir bei der ersten Befragung vor zwei Tagen nicht gestellt haben. Hast du Erfahrung mit sowas?“

Lotta stutzt und kann sich einen mitleidigen Laut kaum verkneifen. Wenn er nur wüsste, wen sie in ihrer vergleichsweise kurzen Dienstzeit schon alles verhört hat. Aber da die besonders delikaten und gefährlichen Fälle nach wie vor streng gehütete Verschluss-Sache sind, darf sie sich – selbst wenn sie es wollte – nicht damit brüsten, dass sie Erfahrung mit Massenmördern, Neonazis, Terroristen, Auftragskillern und Menschenhändlern hat.

„Ein bisschen“, antwortet sie deshalb vage und ärgert sich, dass diese Antwort sie so klein und unerfahren klingen lässt, wie sie in den Augen von Fieber sein müsste. „Aber vielleicht spricht Frau Malik ja, wenn ich mit ihr rede…“

„Ja“, nickt Matthias und fährt los. „Einen Versuch ist es wert.“

*****

Der Scheich gleitet vorbei, als hätte er unter seiner weißen Robe Rollen an den Füßen. Seine Leibwächter folgen ihm zum Fahrstuhl, um ihn auf dem Weg zur Tiefgarage zu schützen, wo schon der gepanzerte SUV der Oberklasse wartet.

Der Privatsekretär des Scheichs tritt an den Tresen, hinter dem Fabio Marconi in seiner goldbetressten Uniform steht und seinem Posten gemäß mit stummer Reserviertheit und professioneller Freundlichkeit für die Gäste da ist. Obwohl er normalerweise eher die – besser bezahlten – Nachtschichten macht, ist er froh, dass er heute tagsüber Dienst hat. Denn das Trinkgeld, das der arabische Privatsekretär nach dem Auschecken zusammen mit der Zimmerkarte herüber schiebt, ist geradezu fürstlich. Aber von einem Ölscheich kann man wohl einen Schein mit drei Ziffern darauf erwarten.

Der schlicht aber dennoch erlesen gekleidete kleine Araber wendet sich ab und folgt seinem Herrn in die Tiefgarage, während Fabio allein zurückbleibt. Er sieht die neuen Anmeldungen durch, prüft die übrigen Abreisen des heutigen Tages und ruft im modernen Smart-Screen hinter dem Tresen aus teurem Exotenholz die bis Sonntag neu eintreffenden Gäste auf. Abgesehen von einem asiatischen und einem amerikanischen Millionär, zwei Angehörigen eines europäischen Fürstenhofes und einem arabischen Würdenträger sticht nur Clarissa Sinclair aus der Namensliste heraus; die berühmte und mehrfach mit dem Oscar ausgezeichnete Schauspielerin wird am Wochenende ihren neuen Film Revelation, den zweiten Teil des Fantasy-Epos Salomé, als Europa-Premiere im großen Kino am Dammtor-Bahnhof vorstellen. Fabio kann sich noch gut an den ersten Teil – The Prophecy – erinnern, den er gleich zweimal mit Spannung auf großer Leinwand gesehen und für den es nur Lob der Filmkritiker gegeben hat.

Da nach dem Scheich nun niemand seine Hilfe benötigt, nimmt Fabio auf einem der beiden gemütlichen Polstersessel Platz und ruft auf dem Smartscreen statt des Belegungsplans einen Internetbrowser und darin die Website einer Zeitung auf. Der Sportteil bietet nichts Besonderes, da sich die erste Bundesliga derzeit in der Sommerpause befindet.

Mit einem leisen Seufzer wendet sich Fabio deshalb den Lokalnachrichten zu – und zuckt wie vom Blitz gerührt zusammen. Den Aufmacher ziert das Foto von einem aschblonden jungen Mann, den Fabio – und mit ihm die halbe Stadt – am liebsten vergessen möchte. Aber offenbar ist ihm dies nicht vergönnt.

Der Artikel berichtet vorschnell davon, dass der für geisteskrank befundene Mörder am morgigen Tag aus der Psychiatrie entlassen und für den Rest seiner lebenslangen Haft in ein staatliches Gefängnis verbracht werde.

Das Foto, das den Artikel begleitet, ist dasselbe erkennungsdienstliche Bild, das vor neun Jahren über zwei Wochen lang jeden Bericht über den Mordfall begleitet hat. Selbst für die Meldungen über den Mordprozess hat es kaum ein anderes Foto des Mörders gegeben als dieses Polizeibild und einen etwas verwackelten Schnappschuss, das den Mörder fröhlich feiernd im Kreise dreier befreundeter Studenten mit unkenntlich gemachten Gesichtern in einem Club auf dem Kiez zeigt.

Es versetzt Fabio einen Stich, als die Erinnerung an damals in ihm aufsteigt. Er hat den Mörder gesehen, schlimmer noch, er hat ihn unwissentlich sogar ins Haus gelassen. Er ist mitschuldig, das weiß er. Es ist sein Glück, dass die Polizei – allen voran der damals die Ermittlungen leitende Kommissar Jürgen Fieber – nicht besonders tief nachgebohrt hat.

Vielleicht hätte man ihn sonst als Komplizen verhaftet – ganz abgesehen davon, dass er seine Stellung als Portier in diesem Nobelhaus verloren hätte; und die Liebe seines Lebens gleich mit dazu.

Halb ist Fabio versucht, das geheime Prepaid-Handy anzurufen, über das er sie – seine wohlhabende und wunderschöne Orchidee – zu kontaktieren pflegt. Ein Blick auf die Uhr sagt ihm jedoch, dass sie sich noch zuhause und in Gegenwart ihres Ehemanns befinden muss. Erst in einer Stunde, wenn der Gatte zur Arbeit aufgebrochen ist und sie vorgeblich zum Reitstall, zum Golf oder zum Friseur fährt, kann er es wagen sie anzurufen. Aber eine SMS kann er ihr schicken, und das tut er, wiederum von seinem Prepaid-Handy.

‚Muss dich sprechen‘, tippt er. ‚Lokalteil heute.‘

Er schiebt das auf Vibrationsalarm gestellte kleine Mobiltelefon zurück in die Innentasche seiner Uniform und wendet sich wieder den Nachrichten auf den Websites von Hamburgs ureigener Springer-Presse zu. Die eher konservativ bis rechts geschriebenen Artikel über die Aufnahme von Flüchtlingen aus Syrien und anderen Kriegsgebieten interessieren ihn nicht, auch wenn das Interview mit dem derzeitigen Innensenator durchaus lesenswert sein würde – wäre es nicht so provokativ auf Hartz-IV-Niveau hinunter gekürzt worden.

‚Herr Senator, wie ist die Integration geplant?‘ fragt der Reporter des Abendblatts, während es in der Boulevardzeitung mit wenigen Buchstaben reißerisch und plakativ ‚Ungehinderter Zustrom, steigende Kriminalität zu erwarten‘ heißt.

Einen ersten Geschmack davon, das weiß Fabio aus den Morgennachrichten, haben sie bereits gehabt. Aber solange sich die muslimischen Ausländer gegenseitig an die Kehle gehen, soll es ihm recht sein.

Als Deutsch-Italiener in dritter Generation fühlt er sich im Stammrecht gegenüber den anderen, die nur hierher kommen, um Sozialschmarotzer zu werden. Wenn Urgroßvater in den 1920ern genug Geld für die Überfahrt von Hamburg nach New York zusammen bekommen hätte, wäre seine Familie amerikanisch geworden. So aber haben sie mit den Deutschen zusammen die Depression und den Zweiten Weltkrieg überlebt. Sie haben sich eingepasst, stets gearbeitet, auf dem Bau, in Restaurants oder Hotels – und immer brav ihre Steuern gezahlt und die Gesetze geachtet. Aber diese Neuen?

Jeden Tag melden die Zeitungen, das Fernsehen und das Radio von Verbrechen, die von diesen Neuen begangen werden – eines schlimmer als das andere und nur wenige weit genug weg von Terror oder anderer grober Missachtung westlicher Werte und Freiheiten. Und dann fällt es zurück auf sie alle – Ausländer in Deutschland, die unter Generalverdacht gestellt werden…

Ärgerlich scrollt Fabio weiter und findet in einer Randnotiz eine Meldung über das an diesem Wochenende stattfindende Poloturnier in Flottbek, zu dem er seine Orchidee an seinem freien Nachmittag morgen in Verkleidung begleiten wird. All ihre heimlichen Treffen sind so arrangiert, dass ihnen niemand auf die Schliche kommt. So ist dafür gesorgt, dass sie sich weiterhin lieben und gemeinsam den Wohlstand ihres Gatten genießen können.

Fabio seufzt leise und schließt für einen Moment die Augen, um besser von ihr, seiner Orchidee, träumen zu können. Er spürt das Verlangen, sie endlich wieder zu sehen und ihre gemeinsame Leidenschaft zu genießen. Er ist froh, dass kein Gast und keiner vom Personal in der Nähe ist und die automatische Reaktion seines Körpers bemerken kann, die sich sofort einstellen bei der Erinnerung an das heiße Date vor ein paar Tagen, bei dem sie sich im Forst Klövensteen unter freiem Himmel getroffen haben.

Als ob sie seine Gedanken gespürt hätte, vibriert in diesem Moment das Handy in seiner Innentasche. Sein Herz macht einen freudigen Sprung, als er auf dem Display das Brief-Symbol sieht und ihre Nachricht liest: ‚Bei Heidi um 12:30?‘

Er antwortet mit ‚12:45, bin heute alleine.‘

Nach ihrer Bestätigung fällt es ihm schwer, sich für die verbleibende Zeit ganz auf seine Arbeit zu konzentrieren; denn am liebsten würde er sofort hinaus und hinüber zum nicht weit entfernten Friedhof Nienstedten laufen. Seine Orchidee wird aber noch einige Zeit brauchen, bis sie sich am Grab von Hamburgs meist geliebter Volksschauspielerin einfinden kann.

*****

Doppelschicht

Ihr Herz raste und die Welt begann sich um sie zu drehen. Haltsuchend ließ sie sich auf den Rand der Badewanne sinken und hielt sich am nahen Waschbecken fest. Ihre blauen Augen waren wie hypnotisiert starr auf das schmale Stäbchen gerichtet, das sie in der zitternden Hand hielt. Zwei blaue Striche.

Die Gedanken fuhren in ihrem Kopf Karussell. Wie hatte das passieren können? Sie hatten doch aufgepasst, zumindest hatte sie das gedacht. Stefan war genau so vorsichtig wie sie, wenn er sich heimlich mit ihr traf – niemand hätte geahnt, dass sie ein Paar waren.

Aber nein, das kam rein rechnerisch nicht hin. Sie schluckte. Also hatte die Party vor ein paar Wochen doch noch ein weitreichenderes Nachspiel, als sie zuerst befürchtet hatte. Verdammt! Kein Zweifel, es war wirklich passiert, egal, was sie sich hatte einreden wollen. Großer Gott, was sollte sie tun, wenn es herauskam? Allzu lange würde sie es nicht geheim halten können. Wie würde Stefan reagieren? Und was würde ihr Vater sagen? Oh je, wenn erst die Presse Wind davon bekam, dann würde es den größten Krach geben, den die altehrwürdige Villa in Blankenese je erlebt hatte.

Der Wahlkampf begann in Kürze, und da durfte sich keiner in der Familie etwas zu Schulden kommen lassen. Die Beziehung einer angehenden Senatorentochter zu einem Barkeeper, und sei es auch der hippe Barkeeper in einem angesagten Restaurant in der City, der sich damit sein Jura-Studium finanzierte, würde dem Vater einiges an schlechter Presse bringen, das war klar. Aber wenn herauskam, was auf der Party passiert war… Würde man ihr glauben? Mariella würde ihr nicht beistehen, nicht nach dem Streit heute. Man würde sie wie ein Lamm zur Schlachtbank führen.

Eine Schwangerschaft ohne Ehe wäre ein gefundenes Fressen für die Gegner ihres Vaters, das wusste sie; denn offiziell hatte sie keinen Freund, war eine so tugendhafte Tochter und pflichtbewusste Studentin, dass es fast weh tat – und natürlich galt sie noch als Jungfrau.

Vielleicht hatte der Test sich geirrt. Vielleicht hatte sie nur einen verschleppten Magen-Darm-Infekt, der mit Vorliebe morgens zuschlug. Aber, nein, wem wollte sie denn etwas vormachen? Sie straffte sich, wischte die wenigen Tränen ab, die ihr – vor Entsetzen, Hilflosigkeit oder Freude? – aus den Augen gerollt waren, und stemmte sich hoch. Sie schob den Test samt Packung zurück in ihre teure Handtasche, wusch sich die Hände und prüfte ihre Erscheinung im Spiegel über dem Waschbecken.

Die Frisur war vom Laufen ein bisschen zerzaust. Sie hatte sich beeilen müssen, denn es würde nicht mehr lange dauern, bis Mariella vom Yoga zurück sein würde; und wenn die sie hier fand, mit dem Test…

Rasch ordnete sie ihre Erscheinung, befand sie seufzend für gut und eilte samt Handtasche und einer leichten Jacke für den Abend aus der Villa zur S-Bahn. Es war abgemacht, dass sie am Abend mit Christiane, Svenja und Annika auf dem Spielbudenplatz das Public Viewing besuchen durfte.

Aber das Spiel um Platz Drei interessierte sie heute nicht, auch wenn Christiane ihr Alibi sein würde, damit sie Stefan wieder treffen konnte. Bis dahin waren es noch vier Stunden; und sie hatte das dringende Bedürfnis, ihn schon jetzt in ihr Vertrauen zu ziehen. Über den Fußball, bei dem WM-Gastgeber Deutschland es heute erneut mit Portugal zu tun bekam, würde sie vielleicht keine Gelegenheit finden, Stefan die Veränderung in ihrem Leben mitzuteilen.

Konnte sie es wagen? Nein, sie konnte es nicht aussprechen. Aber sie konnte es aufschreiben. Rasch stoppte sie, kramte in ihrer Handtasche und griff Notizbuch und Stift. Sie schrieb fieberhaft und krakelig wie selten. Die Worte kamen ganz von allein, nachdem sie den ersten Satz beendet hatte. Es wollte raus, es musste raus. Stefan musste es erfahren, alles, die ganze Geschichte. Er würde zu ihr stehen, jedenfalls hoffte sie das.

Und falls nicht? Sie schalt die böse Stimme in ihrem Kopf und zwang sich, an Stefan zu glauben. Sie musste sich auf ihn verlassen, aber es würde eine Zerreißprobe sein – war sie fähig, das alles durchzustehen? Würde sie – im Falle eines Falles – mit der Enttäuschung leben können, dass sie sich in Stefan geirrt hatte? Es erschien ihr wie das Ende der Welt. Sollte sie lügen und ihm die Wahrheit verschweigen? Aber nein, dann war sie keinen Deut besser an Mariella.

Andererseits konnte sie sich nur allzu gut vorstellen, dass ihr Vater – bestimmt angetrieben durch Mariella – eine Liaison mit einem ‚dahergelaufenen Ossi‘ aus einem verschlafenen Dorf bei Potsdam nicht gutheißen mochte und ihr den Umgang mit dem Sohn eines ehemaligen DDR-Grenzsoldaten schon in Hinblick auf seine politische Karriere verbieten würde.

Würde sie die bisher nur heimliche Liebe zu Stefan, die zu groß und zu wichtig war, um klein beizugeben, retten können, wenn er sich angesichts des Kindes für eine Trennung entschied? Sie musste es wagen und schrieb weiter.

Je mehr sie schrieb, desto leichter fiel es ihr, die richtigen Worte zu finden, um die Sache zu beschreiben. Es war nicht ihre Schuld, auch wenn sie sich schuldig fühlte. Sie war das Opfer, Punkt. Und sie sich war sicher, dass Stefan es genauso sehen würde. Er liebte sie, bedingungslos. Warum sonst hatte er sie bereits nach der ersten Woche in einer Freistunde zwischen zwei Vorlesungen gefragt, ob sie sich eine gemeinsame Zukunft mit ihm vorstellen konnte?

Über die vergangenen acht Monate war ihre – dank Christianes Hilfe heimlich gewachsene – Beziehung inniger und fester geworden, sodass sie letzte Woche bereits offen über Heiraten gesprochen hatten. Stefan hatte nicht direkt diese eine bestimmte Frage gestellt; aber in seinen Worten war die Frage gewesen, die sie mehr als einmal deutlich mit Zustimmung beantwortet hatte.

Es machte nichts aus, dass sie erst neunzehn Jahre alt war. Stefan Frank war mit seinen gerade zweiundzwanzig Jahren, dem aschblonden kurzen Haar und den wasserblauen Augen genau der Mann, den sie sich immer erträumt hatte.

Sehnsüchtig hielt sie inne, seufzte leise und befand den Brief für beendet. Sie riss die Seite aus dem Buch und faltete sie zweimal zusammen. Sie würde den Brief bei Stefan auf den Schreibtisch legen oder auf sein Nachttischschränkchen.

Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass die nächste Bahn in fünf Minuten abfahren würde. Sie lief los und sprang im letzten Moment in den letzten Wagen.

Während die S-Bahn der Linie 1 sie von Blankenese in Richtung Innenstadt fuhr, rief sie auf Stefans Handy an; doch er nahm nicht ab. Sie wählte seine Festnetz-Nummer und erreichte den Anrufbeantworter, dem sie nur „hier ist Lola“ sagte, bevor sie auflegte und an der Station Jungfernstieg die S-Bahn verließ.

Bestimmt hatte Stefan an diesem Samstag noch eine zweite Schicht akzeptiert, um nicht nur den Abend, sondern auch den ganzen Sonntag ungestört mit ihr verbringen zu können. Christiane würde wieder Alibi spielen und am Mittag in Blankenese Bescheid sagen, dass sie noch zum Mittagessen im herrschaftlichen Elbhang-Haus einer alteingesessenen Reeder-Familie bleiben werde.

Sie beschloss, in dem stets gut besuchten und preislich in der oberen Mittel-Liga spielenden Restaurant vorbeizuschauen und Stefan zu sagen, dass sie im Café um die Ecke auf ihn warten werde. Wenn er zu viel zu tun hatte, dann würde sie auch noch einen kleinen Shopping-Abstecher zu H&M machen.

Doch als sie die Treppen hinunter zum auf Wasser-Niveau gelegenen Eingang des Restaurants ging, sah sie ihn mit einem Glas Cola in der Hand vor der Tür stehen und mit einem der Kellner sprechen, der eine Zigarette rauchte. Sie ging langsam näher und hörte, wie er fröhlich über seine Pläne für den heutigen Abend sprach. Ihr Herz machte einen Sprung, als er aufsah und sein Gesicht sich zu einem breiten Lächeln öffnete, als er sie erblickte.

„Du kommst genau richtig, mein Sternchen“, strahlte er. „Die Doppelschicht ist genau in drei Minuten zu Ende. Gestern abend war hier eine Firmenfeier, für die es doppelten Stundenlohn gab. Ich bin reich, sozusagen. Und morgen muss ich nicht arbeiten, das übernimmt Christopher hier für mich.“

„Du bist also das berühmte ‚Sternchen‘“, wurde sie von Christopher begrüßt, der sie lächelnd von Kopf bis Fuß musterte, während er ihr kumpelhaft die Hand bot und sie einschlagen ließ. „Ich sehe schon, Stefan, deine Prinzessin ist sogar noch viel schöner, als du gesagt hast. Respekt.“

„Ach, du“, brummte Stefan grinsend und winkte geschmeichelt ab, bevor er sich an sie wandte, ihr einen zärtlichen Kuss auf den Mund gab und sie kurz aber liebevoll umarmte.

„Du glaubst gar nicht“, murmelte er in ihr Haar, „wie sehr ich mich nach dir gesehnt habe. Was hältst du davon, wenn wir zu mir fahren?“

Sie nickte und hakte sich bei ihm unter. Christopher blieb grinsend und rauchend zurück, als sie zu zweit zur nächst gelegenen U-Bahn Station eilten und mit der U3 bis Hoheluftbrücke fuhren, wo Stefan ein kleines WG-Zimmer in einer Zwei-Zimmer-Wohnung zusammen mit seinem Schulfreund Severin bewohnte.

Sie kam nicht dazu, ihm den Brief zu übergeben oder auch nur ein Wort von den anderen Umständen zu sagen; denn auch sie wurde von heftiger Leidenschaft überwältigt, nachdem sie küssend auf dem Bett gelandet waren und sein Kuss immer inniger und fordernder wurde.

*****

Das Ende einer Partynacht

Hamburg. Tief bestürzt zeigte sich der trauernde Bezirksrat Joachim Gans (parteilos) am Abend im Altonaer Rathaus der Presse.

Seine Tochter Viola (19), genannt Lola, war am vergangenen Sonntag leblos im Fünf-Sterne-Hotel Louis C. Jacob an der Elbchaussee in Nienstedten aufgefunden worden. Die Polizei geht von Fremdverschulden aus. Nach dem Täter wird gefahndet.

Sachdienliche Hinweise nimmt jede Polizeistelle entgegen unter der Nummer…

*****

Mit einem unangenehmen Gefühl in der Magengrube verlässt Moritz Guth den Metronom und geht aus dem Bahnhof hinaus auf den belebten Vorplatz. In der Straßenbahn, die ihn in die Innenstadt von Bremen bringt, ist es um diese Zeit nicht besonders voll, sodass er sich für die kurze Fahrt sogar hinsetzen kann.

Seine Laune und sein Wohlbefinden verschlechtern sich zunehmend, je näher er der Kanzlei kommt. Heute wird es ernst, wirklich ernst für ihn; denn heute ist der Tag, an dem sich entscheidet, ob die Sache vor Gericht geht.

Die junge blonde Frau am Empfang scheint neu zu sein; jedenfalls braucht sie einen Moment, um in Moritz den Sohn des Kanzlei-Inhabers zu erkennen. Elvira hätte ihn sofort hereingebeten und ihm als erfahrene und aufmerksame Chef-Sekretärin seinen Lieblingseistee geholt, aber sie ist derzeit im wohlverdienten Sommerurlaub auf den Kanaren.

„Linette“, stellt sich die junge Blondine vor und lächelt Moritz etwas schüchtern von der Seite an, nachdem er sich namentlich vorgestellt und die Situation ins rechte Licht gerückt hat. „Es freut mich, Sie kennenzulernen.“

„Danke, gleichfalls“, murmelt Moritz höflich und beobachtet amüsiert, wie sie unter seinem direkten Blick an den Rändern ihrer Apfelbäckchen errötet; es ist nichts Neues für ihn, dass das weibliche Geschlecht so auf ihn reagiert.

Und als die Tür zum Büro seines Vaters aufgeht, verstärkt sich das Wangenrot noch, sodass Moritz nicht zum ersten Mal deutlich wird, woher er nicht nur das gute Aussehen, sondern auch seinen natürlichen Charme hat.

„Ach, Junge, schon da“, ruft Dr. jur. Antonius Guth mit einem Lächeln aus und macht eine einladende Geste. „Komm rein. Linette, bringen Sie Eistee, bitte.“

„Sofort, Herr Guth“, nickt die Blondine mit gesenktem Kopf und stark erröteten Wangen. „Pfirsich, Granatapfel oder Zitrone?“

„Granatapfel“, antwortet Moritz automatisch und folgt seinem Vater ins Büro, wobei er sich erneut darüber wundert, dass Rechtsanwalt Guth offenbar stets denselben Typ Assistentin einstellt – wenig intelligent, aber hübsch anzusehen mit blondiertem Haar, schlanker Taille und langen Beinen. Linettes Vorgängerin ist da keine Ausnahme gewesen; aber in jeder anderen Hinsicht ist gerade diese Selena etwas Besonderes gewesen – für Moritz leider keinesfalls im guten Sinn.

„Was gibt es Neues?“ fragt er deshalb angespannt, als er in einem der beiden tiefen Ledersessel gegenüber vom edlen Mahagoni-Schreibtisch seines Vaters Platz genommen hat. „Was hat sie jetzt wieder gefordert?“

„Oh, die Forderungen sind dieselben wie bisher. Die Bedingungen sind neu.“

„Hast du die Klausel mit Lotta wegbekommen?“

„Wie man es nimmt“, erwidert Rechtsanwalt Guth gedehnt. „Sie wäre damit einverstanden, die ‚Lotta-Klausel‘ zu streichen…“

„Ja?“

„... wenn du zustimmst, dass du ein Konto für das Kind anlegst.“

„Ein Konto?“

„Für die Ausbildung.“

„Darf sie das?“

„Sie darf alles fordern“, erwidert Rechtsanwalt Guth mit schiefem Mund, „es ist eher die Frage, ob sie kriegt, was sie will.“

„Also gehen wir vor Gericht? Wirklich?“

„Noch habe ich die Hoffnung, dass es dazu nicht kommen muss.“

„Aber, Vater, jetzt mal im Ernst. Wie stellst du dir vor, dass das laufen soll? Ich lebe mit Lotta zusammen, und dafür werde ich kämpfen, soviel ist klar. Selena war ein Fehler, zugegeben; aber muss ich mir damit mein ganzes Leben auf den Kopf stellen lassen?“

„Wir werden weiterhin versuchen“, antwortet der Rechtsanwalt und zieht ein Schreiben aus einer Akte, „diese ganze Sache außergerichtlich zu klären. Das ist deine beste Chance, mit einem blauen Auge davon zu kommen.“

„Aber die Alimente, die Selena fordert…?“

„Ganz ruhig, Junge. Ich bin fast fertig mit dem Gegenangebot. Du wirst nicht so viel zahlen müssen, bei weitem nicht, wenn ich den letzten Punkt geklärt…“

„Welchen Punkt?“ fällt Moritz seinem Vater ins Wort, der ihm als Antwort das Schreiben reicht und sich einen Schluck Eistee genehmigt, bevor er fortfährt:

„Du siehst, Junge, dass ich den Spieß umdrehen werde. Und dank meinem erst gestern geführten Gespräch mit einigen ziemlich redseligen Schulfreundinnen von Selena habe ich womöglich noch etwas mehr…, nun, sagen wir, Material gefunden, das unserer Sache helfen kann.“

„Was meinst du?“

„Es ist noch nicht ganz spruchreif, Junge. Aber vielleicht habe ich einen Weg für dich gefunden, wie du die ganze Sache aus der Welt schaffen kannst.“

„Was denn?“ fragt Moritz aufgeschreckt. „Du meinst… Abtreibung?“

„Nein, dafür ist es zu spät. Sie ist ja schon im fünften Monat.“

„Was dann?“

„Nun, zum einen ist Selena laut ihren Schulfreundinnen sehr… naja, sagen wir mal, ‚flirty‘. Zum anderen ist es gut möglich, dass sie dich mit Absicht gewählt hat – um mir zu schaden.“

„Wieso denn dir?“

„Ganz einfach, ich habe ihren Vertrag nicht verlängert. Die Party im Februar war sozusagen ihr letzter Besuch hier in der Kanzlei. Danach wurde sie bis zum Ende des Monats freigestellt, während ich mich mit dem Zeugnis abgekämpft habe, das wiederum auch nicht zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen ist.“

„Warum hast du sie rausgeschmissen?“

Moritz sieht, wie sein Vater einen Moment zögert und langsam sein Glas leert. Es wundert Moritz, dass eine Sehne am Hals seines Vaters zuckt, so als ob er sich mehrere Male unterdrückt räuspert, bevor er mit sehr sorgfältig gewählten Worten antwortet: „Sie hat mein Vertrauen verraten.“

*****

Verhaftung

Die Vorlesung schien kein Ende zu nehmen. Er saß in Hemd und frischen Jeans zwischen seinen Kommilitonen und bemühte sich um Konzentration. Niemand ahnte, was sich am gestrigen Tag zugetragen hatte; denn er war wie geplant in der Menge der Sonntagsspaziergänger untergetaucht und mit der Fähre über Finkenwerder bis zu den Landungsbrücken gefahren.

Er hatte geduscht, stundenlang wie es schien, und sich danach ruhelos und trotz des am frühen Nachmittag einsetzenden Regens bis zum Abend im Stadtpark herumgetrieben, bevor er sich müde und Trost suchend in eine gemütliche Bar unweit seiner Studentenbude in Barmbek geflüchtet hatte.

Unausgeschlafen vom ständigen Herumwälzen und den alptraumhaften Bildern in seiner Erinnerung war er heute morgen zur Neun-Uhr-Vorlesung erschienen und hatte zwischen Rob und Paul seinen Platz eingenommen. Lenny war heute nicht erschienen; wahrscheinlich schlief er seinen Rausch von gestern aus – oder er war mit einer der Freundinnen der Freundin von Lennys Bruder abgestürzt.

Nachdenklich starrte er Löcher in die Luft und malte geistesabwesend Kringel auf seinen Collegeblock. Wie sollte es weitergehen? Er konnte doch nicht ewig so tun, als ob nichts gewesen wäre. Er war neben einem toten Mädchen aufgewacht, mit dem er offensichtlich eine heiße Nacht gehabt und die er womöglich dabei umgebracht hatte. Er konnte sich nicht erinnern, aber eines war sicher: Er war schuld, auch wenn er nicht einmal wusste, wer sie gewesen war.

Der Professor rief die letzte Folie seiner Powerpoint-Datei auf und hob den Kopf von seinen Notizen, als er zum Schlusswort ansetzte. Sein Blick glitt über die in der Hauptsache müden, aber angestrengt aufmerksam wirkenden Studenten. Es war nicht zu übersehen, dass er sich dabei auf die oberen Türen des Hörsaales fixierte und knapp nickte, als er „danke, das war es für heute von mir“ sagte.

Das allgemeine Aufbrechen stockte, als er „bitte, bleiben Sie noch einen kurzen Moment sitzen“ sagte – nur Sekunden, bevor die Türen des Hörsaals gleichzeitig ganz aufgerissen wurden und acht blau uniformierte Männer herein traten. Sie besetzten die Türen, als ob sie den Saal sichern wollten.

Unruhe begann sich auszubreiten, als ein kräftiger Mann in Zivil zwischen den Uniformierten hervortrat und nach einem kurzen Gespräch mit dem Professor den Mittelgang zwischen den Stuhlreihen hinaufkam, während zwei Polizisten in Uniform die äußeren Treppen patrouillierten.

„Was wollen die denn?“ flüsterte Rob alarmiert.

„Keine Ahnung“, erwiderte Paul leise und beobachtete den Mann in Zivil, der in bedrohlicher Weise näher und näher kam, bis er auf der Stufenebene unter ihrer Reihe stehen blieb und den Kopf wandte.

Alle folgten gespannt seinem Blick und fokussierten sich auf ihn, den Studenten zwischen Rob und Paul, der mit klopfendem Herzen eingekeilt in der Menge saß und jede Hoffnung auf Flucht schwinden gesehen hatte, als die Türen aufgingen und die Polizei hereingekommen war.

„Herr Fuchs“, sagte der Polizist in Zivil mit ernster, dunkler Stimme. „Kommen Sie mit uns, bitte.“

„Warum?“ flüsterte er, während er zitternd und von Panik ergriffen nach einer Möglichkeit suchte, diesem Alptraum zu entkommen. Wie hatten sie ihn nur so schnell finden können? War er doch gesehen worden? Hatte er Spuren hinterlassen? Siedend heiß fiel ihm die Türklinke ein; er hätte sie abwischen sollen, das wusste er nun. Aber es war zu spät, er war geliefert. Und dabei konnte er sich an nichts erinnern, was nach dem Schlusspfiff geschehen war. Womöglich hatte er gar nichts getan? War dies alles nur ein furchtbarer Irrtum?

„Das ist ein gewaltiges Missverständnis“, murmelte er, während der Mann in Zivil seinen Blick über die Reihe über und unter ihm gleiten ließ, so als suche er jemanden; und er wusste, wen er suchte, als der Blick des Polizisten die mittlere Reihe entlang glitt und an ihm haften blieb. ‚Ich habe nichts getan‘, wollte er ausrufen, doch die Worte kamen ihm nicht über die Lippen.

„Was wollen die von dir?“ fragte Rob erschrocken und starrte ihn an, sodass er nur mit den Schultern zucken konnte.

„Was ist los?“ flüsterte Paul und beugte sich besorgt herüber. „Was hast du nur getan, dass die Polizei dich holen kommt?“

Er antwortete nicht. Stattdessen stand er auf, nahm seine Sachen und drängte sich stumm an Paul vorbei hinüber zu dem Polizisten in Zivil, der in der Mitte der Treppenstufe stand und ihm mit stoischer Ruhe entgegen sah.

„Steffen Fuchs“, sagte der Polizist, als sie voreinander standen. „Ich verhafte Sie wegen des Mordes an Viola Gans. Sie haben das Recht zu schweigen. Alles, was Sie ab jetzt sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden…“

Er spürte den harten Griff um seinen Oberarm und fühlte sich die Treppen hinab zur Tür geführt, während der Kommissar ihn mit leichtem Grimm in der Stimme über den Rest seiner Rechte belehrte.

*****

Die kleine Zwei-Zimmer-Wohnung riecht nach allerlei exotischen Gewürzen, die in Lotta sofort Appetit auf Taboulé und Schisch Kebab entfachen. Aber die ganz in Schwarz gekleidete Leyla Malik hat momentan andere Sorgen als Essen zu kochen. Vielmehr ist sie mit Weinen und dem gleichzeitigen Beaufsichtigen der drei kleinen Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter beschäftigt.

Lotta kommt sich sehr pietätslos vor, in die von Trauer erfüllte Wohnung einzudringen. Aber es ist ihre Idee gewesen und sie hat das Gefühl, dass sie mehr über den toten Taxifahrer herausfinden muss. Außerdem – wenn sie jetzt klein beigibt, wie steht sie dann da vor ihren neuen Kollegen?

Es ist Matthias hoch anzurechnen, dass er sie begleitet und ihr hier tatsächlich die Regie überlässt. Oder will er nur nicht die Verantwortung tragen, wenn sich das weibliche Bauchgefühl als heiße Luft entpuppt?

Lotta atmet tief durch und sammelt sich. Es ist nicht leicht, eine so von Trauer niedergedrückte Frau polizeilich zu befragen. Aber sie muss fragen, schon um vor Matthias nicht das Gesicht zu verlieren. Vorsichtig beginnt sie daher mit der unverfänglichen Frage nach den Namen der Kinder, die Frau Malik mit leiser Stimme beantwortet. Sie spricht ziemlich gut Deutsch, wenn auch der Akzent deutlich zu hören ist, der ihre von unterdrückten Schluchzern durchsetzten Worte begleitet.

„Wie lange ist Ihr Mann Taxi gefahren?“ fragt Lotta vorsichtig.

„Neun Jahre“, antwortet Leyla Malik leise. „Wir haben alles gespart, was wir entbehren konnten. Im Frühjahr 2006 hatten wir dann genug zusammen, damit Samir den Führerschein machen konnte.“

„Hatte er Streit mit irgendjemandem?“

„Nein, nicht Samir. Er war ein guter Mann, freundlich und hilfsbereit. Er hat für uns gesorgt. Er hat sogar ein Sparkonto angelegt, damit die Kinder eine gute Ausbildung bekommen. Er hat mich Deutsch gelehrt, das er in teuren Kursen an der Volkshochschule gelernt und danach selbst durch viel Lesen und Zuhören vertieft hat. Unsere Kinder wachsen zweisprachig auf und sprechen im Kindergarten fast nur Deutsch. Samir hat gesagt, dass sie nur so eine Chance haben.“

„Er scheint ein sehr liebevoller Vater und Mann gewesen zu sein…“

„Ja“, nickt Frau Malik und wischt sich über das von schwarzem Stoff eingerahmte Gesicht. „Das war er. Er hat alles dafür getan, dass es uns gut ging, mir und den Kindern. Wenn Jamal einen neuen Fußball oder Sportkleidung brauchte, dann hat Samir Geld verdient, damit Jamal es bekam. Unser Ältester spielt jetzt im Jugendkader vom HSV, wissen Sie?“

Lotta nickt beeindruckt, schweigt aber, um Frau Malik weitersprechen zu lassen und noch mehr Informationen über Samir Malik zu erhalten. Der Lobgesang der trauernden Frau ist aufrichtig, sodass Lotta gewillt ist, ihr zu glauben. Der Tote scheint tatsächlich einer von den Guten gewesen zu sein, weshalb Lotta sich ein bisschen über die ungläubig-spöttische Miene von Matthias ärgert, der stumm und mit verschränkten Armen im Türrahmen lehnt und Frau Malik abschätzend mustert. Diese schnäuzt sich verstohlen, bevor sie fortfährt:

„Samir war ein sehr umsichtiger Mann und Vater. Er hat dafür gesorgt, dass Samira, unsere Tochter, die notwendige Behandlung bekommt – genau wie neulich, als Ali, unser Kleinster hier, diesen schrecklichen Unfall hatte.“

Der kleine dunkelhaarige Junge mit den großen pechschwarzen Augen trägt ein Bein im Gips und ist laut den Aufzeichnungen aus der ersten Befragung kürzlich nach einem Autounfall teuer behandelt worden, um eine Querschnittslähmung abzuwenden. Ein Blatt Papier mit medizinisch anmutendem Briefkopf, das auf dem Couchtisch liegt, sagt Lotta, dass bei der fünfjährigen Tochter Samira vor einigen Monaten eine Niereninsuffizienz diagnostiziert worden ist, was alle zwei bis drei Tage eine Dialyse notwendig macht. Mit einem plötzlichen Blitz der Überraschung fragt sich Lotta, wie sich Samir mit Taxifahren diese Kosten hat leisten können.

„Hat Ihr Mann einen zweiten Job angenommen?“ fragt sie rasch und wartet mit einem unguten Gefühl in der Magengrube auf die Antwort von Leyla Malik. Doch die schüttelt schulterzuckend den Kopf und sieht mit wässrigen dunklen Augen auf einen Punkt irgendwo kurz über Lottas linker Schulter. Unwillkürlich wendet Lotta den Kopf und erblickt einen Bilderrahmen auf einem Wandbord in mitten vieler zerlesener Taschenbücher – viel deutsche Kinderliteratur, aber auch einige deutsche Werke wie So zärtlich war Suleiken oder Die dunkle Seite der Liebe und eine gebundene Ausgabe von Lessings Nathan der Weise.

„Darf ich?“ fragt Lotta und nimmt bereits den Bilderrahmen in die Hand. Darin leuchtet ein Foto der gesamten Familie Malik, die unter blauem Himmel und augenscheinlich in Hagenbecks Tierpark in die Kamera strahlt. „Oh, sorry.“

Denn beim Herunternehmen ist etwas hinter dem Bild hervorgefallen und auf das Sofa gesegelt. Als Lotta das Etwas vorsichtig aufnimmt, erkennt sie einen kleinen Schlüssel mit der Nummer ‚78‘ darauf.

„Hat Ihr Mann ein Schließfach gemietet?“ fragt Lotta neugierig.

Der erstaunte Blick von Frau Malik sagt ihr jedoch, dass diese den Schlüssel zum ersten Mal sieht. Und es braucht nicht den plötzlich sehr aufmerksamen Matthias, um Lotta zu sagen, dass sie gerade eine für diesen Fall sehr wichtige Entdeckung gemacht hat.

*****

FUCHS TÖTET GANS

Der Mörder von Lola Gans (19) ist gefasst. Und, nein, das ist kein Scherz: Es handelt sich tatsächlich um einen Fuchs – einen menschlichen Fuchs. Der von der Polizei bereits am Tag nach dem Mord verhaftete Student Steffen Fuchs (21) konnte als Mörder überführt werden und wird in Kürze vor Gericht gestellt. Ihm werden Vergewaltigung und Mord vorgeworfen. Fuchs schweigt bisher zu allen Vorwürfen.

*****

Moritz ist etwas mulmig zumute, als er die Kanzlei seines Vaters verlässt. Seine Laune bessert sich auch nicht, während er mit großen Sprüngen durch den sehr feinen Vorhang aus Nieselregen zur Straßenbahnhaltestelle eilt und sich in den feucht-warmen Schutz eines Waggons rettet.

Egal, was sein Vater auch vorhaben mag, um ihn bestmöglich aus der Sache mit Selena herauszubekommen – Moritz hat das untrügliche Gefühl, dass alles vergebene Mühe ist. Er wird zahlen und zeitlebens damit klarkommen müssen, dass er in jener schicksalhaften Nacht im Februar im volltrunkenen Zustand mit Selena Sex gehabt hat.

Nachdenklich spielt er mit der Fahrkarte, die er ordnungsgemäß am Automaten gekauft hat und beobachtet geistesabwesend eine halb verschleierte Frau mit dickem Bauch, Kinderwagen und zwei Kleinen im Kindergartenalter, die sich mit einem schüchternen Blick in seine Richtung in die Sitzgruppe auf der anderen Seite des Ganges niedergelassen hat.

Sie scheint Angst vor ihm zu haben. Oder spürt sie seine innere Unruhe? Moritz braucht einen Moment, bevor ihm einfällt, wie sein großer athletisch-sportlich gebauter Körper samt seinen blonden Haaren auf eine muslimische Frau wirken muss – zumal, wenn er ein Gesicht macht, das mörderische Absichten nicht so ganz ausschließt.

Sofort sammelt er sich und bemüht sich um eine freundlichere Miene, obgleich in seinem Inneren immer noch ein schwerer Sturm tobt. Die Haltung der Frau entspannt sich sichtlich, als er ihr und vor allem den beiden Kleinen mit einem freundlichen Lächeln zunickt. Dennoch scheint sie erleichtert, als er am Hauptbahnhof die Straßenbahn verlässt.

Der Metronom ist mit nur drei Minuten Verspätung pünktlich und rauscht sanft durch die Landschaft gen Hamburg, sodass Moritz sich im blauen Polstersessel zurücklehnen und für einige Minuten die Augen schließen kann.

Er weiß, dass er sich endlich damit abfinden muss. Er hat einen Fehler gemacht, für den er jetzt gerade stehen muss – egal, welche Asse sein Vater noch aus dem Ärmel zaubern mag. Aber warum hängt er sich so in die Sache hinein? Nicht zum ersten Mal kommt es Moritz in den Sinn, dass sein Vater die gesamte Situation beinah zu genießen scheint.

Es ist das erste Mal seit der Scheidung seiner Eltern vor dreizehn Jahren, dass sie Zeit miteinander verbringen und mehr Worte wechseln als die jährlichen Anrufe zu Weihnachten, Ostern oder zu ihren jeweiligen Geburtstagen.

Zwar hat Antonius Guth dank seines ebenso guten Aussehens und Charmes wie sein Sohn leichtes Spiel beim weiblichen Geschlecht und keine Gelegenheit ausgelassen, seit er damals seine Ehefrau mit seiner damaligen Sekretärin betrogen und damit die Scheidung klar gemacht hat; aber ein Kind ist bei seinen zahlreichen Affären bisher nie herausgekommen.

‚Ich bin wirklich ganz der Sohn meines Vater‘, schießt es Moritz durch den Kopf; eine Tatsache, die er bis Anfang des Jahres gern verdrängt hat. ‚Warum bin ich zu dieser elenden Party gegangen? Wir haben uns nicht einmal begrüßt, auch wenn er sagte, dass er mit mir sprechen wolle. Worum ging es überhaupt?‘