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Ársal ist der jüngste Ritter am Hofe des Königs von Mándurai. Einen großen Auftrag hat er bereits gemeistert. Aber dabei hat er von einem großen Geheimnis erfahren, das ihn zum Aufbruch zu einer neuen, noch viel gefährlicheren Reise drängt: Es geht darum, die Welt der Elemente vom Bösen zu befreien und Frieden zu schaffen...
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Seitenzahl: 161
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Fee-Christine Aks
Königsvogel
Ársals Abenteuer in Mándurai (2)
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Königsvogel
Anhang
Impressum neobooks
Ársals Abenteuer in Mándurai
Teil 2:
Ein Roman von Fee-Christine Aks
Copyright © 2013 Fee-Christine AKS
All rights reserved.
ISBN: 1493796895
ISBN-13: 978-1493796892
Cover-Illustration: Tonia Lensch
Für Jasmin Hediye
und alle, die immer noch träumen können
Der Junge Ársal lebt als Knappe am Hofe des Königs von Mándurai. Er weiß nicht, wer seine Eltern sind, denn er ist als Ziehsohn eines Handwerkermeisters aufgewachsen.
Eines Tages erhält er einen wichtigen Auftrag, der die Zukunft der ganzen Elementenwelt Mâsí verändern wird. Das mächtige Schwert der Blumen wird ihm übergeben, als er zum Blumenritter geschlagen wird und sich dann – für immer? – vom König und der Prinzessin des Blumenreiches Mándurai verabschieden muss.
Zusammen mit seinem Freund Fúrio, dem sprechenden König der Wildpferde, begibt Ársal sich auf eine gefährliche Reise, die ihn durch die Welt Mâsí bis in das schreckliche unterirdische Reich des dunklen Herrschers Górdu führt.
Dort erfährt er – ausgerechnet von seinem Gegner – etwas sehr Wichtiges über seine Herkunft, was ihn möglicherweise auf eine neue, noch viel gefährlichere Reise führen wird. Doch zunächst muss er das Land Mándurai retten und eine wichtige Entscheidung treffen, als er dem finsteren Fürsten gegenüber steht…
Ársal erfüllt seinen Auftrag und kehrt heim an den Hof von Mándurai. Dort wird ihm zu Ehren das große Fest der Blumen gefeiert. Doch Ársal weiß, dass der Frieden nur von kurzer Dauer sein wird. Er wird erneut aufbrechen und sich in Lebensgefahr begeben müssen…
Die Nacht ist angebrochen. Wir sitzen am Ufer des Sees, Nílla, Prikú, Amalí und ich. Der Mond steigt in das Himmelsrund hinauf und taucht uns in sein silbriges Licht.
„Ársal“, sagt Nílla leise. Sie steht dicht neben mir. „Wann wirst du aufbrechen?“
Ich sehe sie nicht an. „Bald“, antworte ich.
„Ich komme mit, das weißt du“, sagt sie.
Ich nicke und seufze.
„Ich will nicht noch einmal um dich bangen müssen.“
„Er wird nicht allein gehen“, sagt eine Stimme hinter uns. Es ist Meister Mágicus. „Ihr, Prinzessin, werdet ihn begleitet. Eure Hilfe wird von Nöten sein, wenn das Vogelreich gerettet werden soll.“
Er weiß Bescheid.
„Ársal, nimm mich auch mit“, sagt Prikú.
„Und mich“, sagt Amalí.
„Es wird gefährlich“, antworte ich zögernd. „Ich gehe am besten allein mit Nílla.“
„Du wirst Gefährten brauchen, tapferer Ársal“, sagt Meister Mágicus. „Dein Pferd wird Dich nur bis zum Fuß des Eisgebirges begleiten. Denn Fúrio muss auch seinen Pflichten als Wächter des Tals der Bäche nachkommen. Sonst wird ein großes Unheil geschehen.“
Er sieht mich ernst an.
„Auf Deinen Schultern liegt erneut die Hoffnung Mándurais. Du wirst Gefahren ins Auge sehen müssen, die Deinen vergangenen Abenteuern in nichts nachstehen. Sei tapfer, Ársal!“
Ich schlucke. Gibt es etwa noch einen finsteren Fürst?
Meister Mágicus scheint meine Frage erraten zu haben.
„Uruké ist entkommen“, sagt er. „Uluríno hat es voraus-gesehen. Zum Glück für uns war es nicht der finstere Fürst. Du bist Deinem König treu geblieben, Ársal. Doch auch Uruké besitzt dunkle Kräfte. Er wird versuchen, einen Stein der Macht zu erlangen. Den stärksten von allen: den Stein der Luft. Weiß und strahlend wie ein Lichtstrahl und mächtig wie kein anderer. Wenn er diesen bekommt, dann wird er stark. Zu stark für den König der Blumen, der den Stein der Erde hütet. Zu stark für den Träger des Blauen Steins, der verborgen ist. Und auch zu stark für Dich, Ársal, der Du den Stein des Feuers tragen wirst.“
Der König ist hinzu getreten.
„Wir vertrauen auf Dich, Ársal“, sagt er.
Meister Mágicus fährt fort: „Deine Aufgabe wird nicht leicht sein. Du musst das Reich Deines Vaters befreien und Uruké besiegen. Dazu wird die Tapferkeit vieler Ritter des Blumenreichs nötig sein. Die Treue Deiner besten Freunde und die Kraft der Prinzessin des Blumenreichs. Das Blumenschwert Mándugâr wird Dir helfen, doch damit wirst Du weder Uruké besiegen, noch das Reich der Vögel erlösen. Nur wenn Du die vier Steine der Macht zusammenbringst, können die letzten Werke Górdus vernichtet werden. Nur mit dem Stein der Luft wirst Du, Ársal, der Du der rechtmäßige Träger und Hüter des weißen Steins bist, den bösen Uruké besiegen.“
Er hält inne und blickt den König an. „Werdet Ihr Eurem tapferen Knappen Eure Tochter zur Gefährtin mit auf die gefährliche Reise geben, Majestät?“
Der König seufzt. „Ihre Macht wird ihn schützen und ihm helfen, soweit es möglich ist“, sagt er ernst. „Es ist ihr Schicksal, mit ihm zu gehen.“
„Dann ist es gut“, sagt Meister Mágicus. „Doch hört, Mánduranílla. Nur dreimal dürft Ihr euren Liebsten retten. Nehmt je eine Rose von weißer und von goldner Farbe und eine rote für die allerhöchste Not. Geht sorgsam damit um. Euer aller Leben könnte davon abhängen.“
Nílla nickt. Sie hat magische Kräfte mit diesen Blumen. Damit also soll sie mir helfen. Diesmal wird mehr Magie im Spiel sein, das weiß ich jetzt sicher. Und dadurch wird es noch gefährlicher. Sehr gefährlich.
„Gleich morgen bei Aufgang der Sonne sollt ihr aufbrechen“, sagt Meister Mágicus. „Ihr müsst zunächst nach Âgubâr. Amalís Mutter soll jedem drei Eierkuchen mitgeben. Sodann befragt den Meister der Sterndeuter. Er wird euch den Weg weisen.“
Ich erinnere mich plötzlich an etwas.
„Meister Mágicus“, sage ich. „Der finstere Fürst hat etwas gesagt, bevor er sich in Luft auflöste. Er sagte, ich müsse die Riesen am Bergsturz bezwingen und die Königslibelle finden. Erlösen könne ich das Reich meines Vaters nur mit dem Stein der Luft.“
Der Meister nickt.
„Hat er auch gesagt, wo der weiße Stein sich befindet?“ fragt der König aufgeregt.
Ich schüttele den Kopf. „Er war weg, bevor er den Satz zu Ende sprechen konnte. Meister, wisst Ihr es?“
Hoffnungsvoll sehen wir alle ihn an. Aber Meister Mágicus schüttelt den Kopf. „Nur Uluríno kann wissen, wohin der Stein verschwunden ist. Oder ein noch weiseres Wesen dieser Welt. Fragt Uluríno. Er vermag die Sterne besser zu deuten als alle Weisen Mándurais zusammen. Eilt euch nun, denn Uruké hat dasselbe Ziel wie ihr. Er will es vor euch erreichen.“
Wir sind bei Sonnenaufgang aufgebrochen. Mit Fúrio und seinem Cousin Láro. Sie traben über die Wiesen und Felder Mándurais gen Westen. Nach Âgubâr sind es einige Stunden. Schon steht die Sonne hoch, bald ist Mittag. Um die Mittagsstunde sollten wir ankommen.
„Meine Mutter wird sich freuen, dich wiederzusehen, Ársal“, sagt Amalí. „Sie hat dich sehr gern. Und wir haben so um dich gebangt.“
Ich spüre, dass ich erröte. Amalí ist sehr hübsch mit ihrem dunklen Lockenhaar. Doch Nílla, die vor mir auf Fúrios Rücken sitzt, ist noch viel schöner. Meine Nílla. Sie hat um mich geweint. Natürlich habe ich Amalí gern, sehr sogar, aber ich weiß, dass Prikú sie noch viel lieber mag; so gern wie ich Nílla habe.
„Danke“, antworte ich deshalb knapp und zügele Fúrio, damit er Láro nicht davonläuft.
„Warum hat der König uns nicht Eierkuchen aus dem Schloss geben lassen?“ fragt Prikú und lenkt Láro dicht neben Fúrio.
„Weil sie unser Notvorrat sind“, antwortet Nílla.
„Weil meine Mutter mir etwas geben soll“, sagt Amalí.
„Was?“ fragt Prikú neugierig.
Doch Amalí zuckt mit den Schultern. „Meister Mágicus hat gesagt, sie wüsste schon was.“
Schweigend reiten wir eine Weile nebeneinander her. Bald sehen wir am Horizont die Umrisse der Meeresburg im Sonnenschein blitzen. Fúrio und Láro verfallen in leichten Galopp.
„Meine Mutter und ein paar alte Leute sind die einzigen, die da geblieben sind“, sagt Amalí.
Wir nähern uns dem Stadttor. Es öffnet sich, als Amalí „Die Gefährten!“ ruft. Das Tor ist ein magisches, das nur auf die Menschen der Stadt und die königliche Familie hört. Wir traben durch die leeren Straßen zum Häuschen von Amalís Mutter. Wir steigen vor der offenen Tür ab, wo sie uns empfängt.
„Ársal!“ ruft sie. „Wir haben auf dich gehofft, und du hast den finsteren Fürsten besiegt.“
Sie umarmt mich. Dann knickst sie etwas verlegen vor Nílla. „Verzeiht, Eure Hoheit“, sagt sie. „Ich war so froh.“
Nílla lächelt. „Ich bin auch froh, dass er zurück ist“, antwortet sie.
„Diesmal weiche ich nicht von seiner Seite. Er braucht meine Hilfe. Und die Prikús und Eurer Tochter, Frau Amará.“
Amalís Mutter nickt und winkt uns ins Haus. Auf dem Tisch steht eine große Schale Früchte und ein Teller voller Eierkuchen.
„Esst und trinkt vom klaren Wasser der Burgquelle“, sagt sie, während sie eine kristallene Karaffe mit Quellwasser auf den Tisch stellt.
Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Hier in der gemütlichen kleinen Küche schmecken die Eierkuchen noch besser als irgendwo sonst in Mándurai. Wir erzählen ihr von unserem Vorhaben, von den Wegen, die wir noch beschreiten müssen.
Amalís Mutter füllt unterdessen je drei Eierkuchen in unsere Beutel, in denen unsere Wegzehrung aus der königlichen Küche bereits zur Neige gegangen ist.
„Ihr wisst, wie der Zauber wirkt“, sagt Amalís Mutter zu uns, als sie uns die Beutel zurückgibt. Wir nicken. „Gebt gut acht“, sagt sie ernst.
Wir versprechen es ihr.
„Meister Mágicus sagte, du solltest mir...“, beginnt Amalí.
Ihre Mutter unterbricht sie lächelnd. „Ich weiß, mein Kind“, sagt sie und greift sich an den Hals. Sie hält eine schmale goldene Kette mit einem goldenen Stein daran in den Händen. Wir reißen Mund und Nasen auf, so schön ist er. Funkelnd und strahlend wie die Sonne am Himmel.
„Es ist der Stein der Sonne“, sagt Amalís Mutter. „Ich war sein Hüter. Jetzt soll Amalí ihn in großer Gefahr tragen, um ihre Gefährten zu schützen.“
Ich strecke meine linke Hand aus, an deren Ringfinger der Stein des Feuers rot aufblitzt.
„Mit den beiden Steinen, Níllas Blumen, meinem Schwert und Prikús schneller Zunge sollten wir noch jede Gefahr meistern“, sage ich hoffnungsvoll. Amalís Mutter lächelt traurig.
„Sie werden euch helfen, ja, aber die Gefahr ist größer als ihr euch vorstellen könnt. Ich habe in die Zukunft gesehen. Ihr müsst bis zum ersten Frühlingsvollmond die Elementensteine vereint haben, sonst wird doch die Finsternis über unsere schöne Welt siegen.“
Ich rechne blitzschnell.
„Heute ist Vollmond“, sagt Prikú. „Der letzte Sommervollmond. Wir haben noch etwas Zeit, oder?“ Wir grinsen. Er ist und bleibt jemand, der ernste Gespräche auflockern muss. Amalís Mutter nickt.
„Ihr habt noch Zeit, aber der Mond ändert sich schnell, und eure Wege sind noch weit. Niemand hat jemals das Reich der Blumen gemessen. Von hier bis zum Land der Sterne sind es mehrere Tage. Von dort bis zum Bergsturz der Riesen gut eine Woche. Das Land dahinter hat noch keiner je geschätzt. Es ist weit. Die große Ebene ist fast unendlich unter der sengenden Sonne. Es wird nicht leicht. Die Zeit spielt immer gegen euch, denn sie bleibt niemals stehen.“
Kapitel 3: Die Prophezeiung
Seit drei Tagen schon reiten wir durch Mándurai. Heute nacht haben wir in der Ruine der Mondburg übernachtet. Wir haben beschlossen, bis zur Sonnenburg weiterzureiten und dann in den Wald der Eulen, damit wir möglichst schnell hindurch und zum Schloss der Sterndeuter kommen. Auf mir ruht die Hoffnung, da Fúrio und ich ja schon einmal im Land der Sterne waren. Doch damals gingen wir einen schweren und gefährlichen Weg. Jetzt besteht die einzige Schwierigkeit darin, das Schloss zu finden. Doch in einem weiten Land unter einem unendlichen Sternenhimmel kann das sehr kompliziert werden. Aber wir sind zuversichtlich.
„Dort links!“ ruft Fúrio und verlangsamt das Tempo.
Wir sehen hinüber.
„Was ist das?“ fragt Nílla.
Fúrio und Láro halten an. Der schwarze Granitfelsen kommt mir nur zu bekannt vor.
„Dort war die Pforte nach Górdurai“, antworte ich. „Als das Gebirge stürzte, blieb nur dieser Fels übrig.“
Ich spüre, wie Nílla schaudert. „Er macht mir irgendwie immer noch Angst“, sagt sie leise. „Aber der finstere Fürst, er hat sich doch aufgelöst?!“ Ich nicke.
„Ja“, sagt Fúrio, „aber Uruké ist entkommen. Und er besitzt immer noch seine Macht. Deshalb sind noch nicht alle Verzauberungen aufgehoben. Wir müssen diesen weißen Stein der Luft finden, bevor er ihn findet. Sonst kannst du dein Reich nicht erlösen, Ársal.“
„PFERDEKÖNIG, DU SPRICHST WAHR“,
hören wir da ein Grollen aus dem Schatten des schwarzen Steins. Schon beim ersten Ton habe ich den Sprecher wiedererkannt: Es ist die Sphinx.
„HIER LAG DAS TOR ZU DER GEFAHR.
DER SCHATTENVOGEL IST ENTKOMMEN
UND HAT SEINE MACHT MITGENOMMEN.“
Sie tritt ins Sonnenlicht. Ihr Gesicht ist so schön und ausdruckslos wie beim letzten Mal. Doch ihre Augen funkelnd strahlend und blicken uns freundlich an.
„DAS VOGELREICH ZU RETTEN
SEID IHR VIER AUSGEZOGEN.
JENEN ZU LÖSEN DIE KETTEN,
IHNEN, DIE EINST FRÖHLICH FLOGEN.“
Ich nicke und frage, ob ich eine Frage stellen dürfe.
„MIT DEINER GEFÄHRTEN KRAFT
WIRST DU ERLÖSEN
VON DEM BÖSEN
DAS ALTE VOLK DER FLIEGER.
OHNE WAFFE, OHNE KRIEGER,
WIE’S KEINER JE GESCHAFFT.“
Ich bin erstaunt, dass sie meine Frage erraten hat, noch bevor ich sie gestellt habe. Eine weitere Frage brennt mir auf der Zunge. Vorsichtig stelle ich sie:
„Sagt, weise Sphinx, wo finde ich den Stein der Luft?“
Sie gibt ein tiefes, ärgerliches Knurren von sich.
„GERN WÜSST ICH, WO DER STEIN NUN LIEGT,
DEN DER KÖNIG IN SEINER KRONE TRUG.
JENER, DER NUN EWIG FLIEGT,
WEIL VERGING DER, DER IHN SCHLUG.“
Prikú schluckt zweimal, bevor er sagt: „Meister Mágicus hat gesagt, nur Uluríno wisse, wo der Stein ist.“
Die Sphinx blickt ihn mit – für ihre Verhältnisse – freundlicher Miene an.
„DER WEISE SIEHT IN WEITE FERNE,
DER ALTE LIEST DIE STERNE.
WER IHN ERLÖST, DEM WIRD ER SAGEN,
WELCHEN WEG ER GEHEN MUSS.
TAPFER SEIN UND ALLES WAGEN,
ÜBERQUER’N DEN GROSSEN FLUSS.
DORT IHR WIEDER TREFFET MICH.
DIESES PROPHEZEIE ICH.“
Damit verstummt sie und tritt zurück in den Schatten hinter dem schwarzen Stein. Wir reiten weiter.
„Also wirst du Uruké mit deinen bloßen Händen bezwingen müssen“, sagt Prikú, etwas verwirrt. „Wie willst du das anstellen, Ársal?“
Ich zucke die Schultern.
„Warten wir ab, bis es so weit ist“, sagt Amalí vernünftig.
„Meister Mágicus wird sich schon etwas dabei gedacht haben, wenn er uns mit auf die Reise schickt“, sagt Nílla.
„Ja“, sagt Prikú. „Und das bedeutet, es ist noch gefährlicher als in das Land der ewigen Dunkelheit zu gehen und mit dem finsteren Fürsten zu kämpfen.“
Láro schnaubt. „Lasst uns morgen darüber nachdenken“, schlägt er vor. „Wir erreichen bald die Ruine der Sonnenburg.“
Er und Fúrio verfallen wieder in leichten Galopp.
In der Ruine der Sonnenburg haben wir windgeschützt und lange geschlafen. Als ich die Augen öffnete, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Nach einem Frühstück mit Quellwasser, Eierkuchen und einigen Wildbeeren brachen wir wieder auf. Den ganzen Nachmittag reiten wir nun schon durch den Wald der Eulen.
„Was für ein schöner Wald!“ seufzt Nílla an meinem Ohr. „Und hier soll das Gebirge der Verzweiflung gestanden haben? Das kann ich mir gar nicht vorstellen.“
„Wenn Du es gesehen hättest, würdest Du es können“, antwortet Fúrio, der in einen lockeren Trab verfallen ist. Láro hat um eine kleine Verschnaufpause gebeten, obwohl es nicht mehr weit sein kann bis zum Land der Sterne. Ich freue mich schon darauf, Uluríno und sein Volk wiederzusehen.
„Sag mal, Ársal“, beginnt Prikú, „was meinte die Sphinx mit dem König, der ewig fliegt?“
„Das ist die Legende vom Volk der Vögel“, antwortet Amalí, noch bevor ich den Mund aufmachen kann. „Meine Großmutter hat mir die Geschichte erzählt, als ich noch ganz klein war. Es soll ein starkes Volk gewesen sein, das weit, weit im Osten gelebt hat. Sie hatten Macht über die Luft, den Wind und die Wolken, so heißt es. Kennst Du denn diese Geschichte nicht?“
Prikú schüttelt den Kopf, ebenso Nílla. „Mein Vater hat mir nie etwas derartiges erzählt“, sagt Prikú. „Und das, wo er doch weiß, wie sehr ich abenteuerliche Geschichten aus alter Zeit liebe.“
„Es ist keine abenteuerliche Geschichte“, antworte ich, nachdem ich ein- oder zweimal schwer geschluckt habe. Alle drei sehen mich an, und auch unsere beiden Pferde spitzen die Ohren.
„Wie meinst du das?“ fragt Prikú. „Hat Vater sie dir etwa erzählt?“
Ich schüttle den Kopf.
„Hast du sie bei uns am Hof gehört?“ will Nílla wissen.
„Nein“, antworte ich und muss mich räuspern, weil mein Hals plötzlich wie zugeschnürt ist. Wie klingt denn das, wenn ich sage, dass es die Geschichte meines Volkes ist? Dass ich der letzte Nachkomme des Königs der Vögel bin? Der Prinz des Vogelreiches, Herr der Lüfte, und ich kann noch nicht mal richtig gut eine Kerze auspusten.
„Ársal?“ Nílla stößt mich leicht in die Seite. „Was ist?“
Ich schrecke auf und brumme ein „Hm“, das die drei, die jetzt natürlich erst recht neugierig geworden sind, nicht so einfach hinnehmen.
„Weißt du etwas über dieses Volk der Vögel?“ fragt Prikú. „Auch wenn es keine Abenteuergeschichte ist, möchte ich sie doch gern hören, wenn du sie kennst.“ Die beiden Mädchen stimmen zu.
„Lasst Ársal noch etwas Zeit“, meldet sich Fúrio. „Es ist schwerer als ihr euch vorstellen könnt. Zügelt eure Ungeduld, bis wir Ulurínos Schloss erreicht haben. Ich bitte euch.“ Etwas zögerlich versprechen die drei es. Ich tätschle Fúrio dankbar den Hals.
„Wann sind wir da?“ fragt Prikú, um das Thema zu wechseln.
Fúrio schnaubt. „In etwa zwei Stunden, wenn wir den Waldrand erreicht haben, denke ich.“
Er galoppiert wieder, Láro dicht hinter sich.
„Weißt du noch, wie lange wir beim letzten Mal gebraucht haben, Ársal?“ fragt er.
„Damals war hier noch das Gebirge. Und dahinter dieser schreckliche Nebel. Der Kampf mit Uluríno hat auch seine Zeit gehabt. Ich weiß es nicht. Wir sind damals nicht schnell vorangekommen. Hoffentlich dauert es nicht mehr so lange.“
Ich halte inne, ergriffen von der Erinnerung.
„Ich freue mich auf frische Früchte“, füge ich hinzu, „und auf dieses herrliche Brot, das das Sternenvolk bäckt.“
Fúrio schnaubt zustimmend. „Und dieses nette kleine Quelle, die im Schlosshof entspringt, die führt so herrlich köstliches Wasser...“
„Hört auf!“ ruft Prikú dazwischen. „Ich hab schon wieder Hunger. Und ich glaube, wir haben seit unserer letzten Rast noch nicht genug Zeit herum. Das ist der Nachteil bei solchen magischen Nahrungsmitteln.“
„Seid ihr sicher, dass wir in die richtige Richtung reiten?“ fragt Amalí dazwischen. Erschrocken stocken die Pferde mitten im Sprung und bleiben so plötzlich stehen, dass wir uns gut festhalten müssen, um nicht herunterzufallen.
„Mein Orientierungssinn hat mich noch nie im Stich gelassen“, schnaubt Láro empört.
„Ja“, pflichtet Fúrio bei, „aber jetzt, wo sie es sagt, habe ich auch das Gefühl, schon einmal an dieser Baumgruppe vorbeigekommen zu sein. Ich befürchte, wir sind im Kreis gelaufen.“
„O nein!“ stöhnt Prikú. „Und im Beutel ist immer noch nur ein Eierkuchen. Und, ja, meine Flasche ist bis auf zwei, drei Schluck leer.“ Amalí legt ihm beruhigend die Hand auf den Arm.
„Es könnte schlimmer sein“, sagt sie ruhig.
„Gibt es hier in diesem Wald böse Geschöpfe?“ fragt Nílla.
Ich kann nur die Schultern zucken.
„Beim letzten Mal waren wir in der Mittagszeit hier und sind immer auf die Sonne zu Richtung Süden geritten. Jetzt ist die Sonne aber schon fast verschwunden, und bei diesem Licht ist kaum noch etwas zu erkennen. Ich hoffe, dass die Eulen, die in diesem Wald hausen, uns freundlich gesonnen sind.“
„Das sind wir“, hören wir da eine tiefe, ruhige Stimme hinter uns im abenddunklen Waldesdach. „Wir würden den Gefährten nie Schaden zufügen. Und Dir niemals, Ársal, der Du uns befreit hast. Doch diese Dunkelheit ist nicht nur Ursache der nahenden Nacht. Ein Schatten hat diesen Wald befallen, vor etwa drei Tagen bemerkte ich es zuerst.“
