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Eigentlich wollen Lotta und Moritz nur gemütlich mit der Bahn zurück nach Hause fahren und entspannen. Doch ausgerechnet in ihrem Zug geschieht ein Mord, den Moritz per Zufall entdeckt. Wer hat es auf einen angesehenen Professor abgesehen gehabt und warum? Und warum mischt sich die deutsche Antiterroreinheit in den Fall ein? Als aufmerksame Polizeikommissarin hat Lotta gleich das ungute Gefühl, dass nicht alles so ist wie es scheint und hier gehörig etwas vertuscht wird… Dritter Teil der StrandtGuth-Kriminalroman-Serie von Fee-Christine Aks.
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Seitenzahl: 558
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Fee-Christine Aks
Mord auf freier Strecke
Roman
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Samstag, 16. Mai 2015.
Sonntag, 17. Mai 2015.
Montag, 18. Mai 2015. (1)
Montag, 18. Mai 2015. (2)
Dienstag, 19. Mai 2015.
Mittwoch, 20. Mai 2015.
Epilog
StrandtGuth (Serie)
Mehr von der Autorin?
Impressum neobooks
Mord auf freier Strecke
Ein StrandtGuth-Krimi
von
Fee-Christine Aks
1. Auflage Februar 2016
Copyright © 2016 Fee-Christine AKS
All rights reserved.
ISBN: 1518889913
ISBN-13: 978-1518889912
Für Dirkund das Gute im Menschen
„Wir fahren alle im gleichen Zug und keiner weiß, wie weit“
(Erich Kästner)
„Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Allah.Sooft ich von einem Übel frei bin, stürze ich in ein anderes.“
(aus Tausendundeine Nacht)
Vorbemerkung
Deutschland verfügt – bemessen an seiner Fläche – über eines der dichtesten Eisenbahnnetze weltweit. Jeden Tag fahren mehrere tausend Züge kreuz und quer durch das Land und verbinden deutsche Städte untereinander. Viele Bahnstrecken reichen bis über die Grenzen Deutschlands in die Schweiz und das europäische Ausland hinaus, beispielsweise die Strecken, die Hamburg mit Kopenhagen, Prag, Wien, Basel oder Zürich verbinden.
Die Autorin ist selbst viel auf Bahnschienen unterwegs und hat langjährige Reise-Erfahrung. Da die privatisierte Betreibergesellschaft der Hauptverkehrslinien im deutschen Schienennetz besonders während des Berufsverkehrs sehr ausgelastet und immer für eine Überraschung gut ist, hat die Autorin viel Zeit in Zügen und auf Bahnhöfen verbracht.
Bei einer dieser Reisen mit ungeplant langem Aufenthalt in Hannover hatte die Autorin den Einfall zu dieser Geschichte, die selbstverständlich nicht auf wahren Begebenheiten beruht, auch wenn einige Bemerkungen der Figuren durchaus von erfahrenden und leidgeprüften Bahnreisenden stammen, zu denen sich die Autorin selbst zählt.
Zum Schluss noch eine Bemerkung zu Religion und Ideologie: In dieser Geschichte wird mehrfach auf Religionen und Ideologien Bezug genommen. Dies geschieht im Rahmen der Handlung und aus Perspektive der jeweils handelnden Figuren und ist keinesfalls die Haltung der Autorin gegenüber der jeweiligen Religion oder Ideologie. Die Autorin möchte an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen, dass sie den Islam an sich als Religion respektiert, gegen jede Form von Fremdenhass und Diskriminierung sowie für einen Austausch zwischen Religionen und Kulturen ist.
Diese Geschichte ist frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind zufällig und unbeabsichtigt.
Freitag, 25. Mai 1984.
Die Tür schlug zu und machte die Dunkelheit komplett. Zitternd erhob er sich auf Hände und Knie und versuchte den Strohsack zu finden. Doch er fand keinen einzigen Strohhalm. Der nackte kalte Boden war stattdessen übersäht von spitz und glatt erscheinenden Splittern. Seine tastenden Finger fühlten hier und da auch größere Stücke, länglich oder flach, die allesamt einen vage bekannten Eindruck machten. Aber erst als seine Finger die Zähne berührten, verstand er, dass er inmitten von Knochen kniete – menschliche Knochen, wenn er nach Form und Größe des Kieferfragments ging.
Er schauderte und tastete nach einer Stelle, an der nur wenige Splitter den hart und fest gestampften Sandboden bedeckten. Dort rollte er sich zusammen und vergrub das Gesicht in seinen schmerzenden Händen. Das Gefühl in den Beinen und seiner Körpermitte hatte er nach vergangener Nacht verloren.
Die Tränen kamen ungefragt, als die Erinnerungen vor seinem geistigen Auge vorbeizogen. Er spürte jeden Schlag, jede Berührung, jeden Schlangenbiss. Seine zerrissenen Jungenhosen klebten an ihm, an seinem Schweiß und all dem, das die Schlange zurückgelassen hatte. Sein Magen revoltierte erneut, als die Scham ins Unermessliche stieg.
Er wusste, dass er verloren war. Er betete und flüsterte mit zitternder Stimme die Worte in die Finsternis, die der König so amüsant gefunden hatte, dass er sie ihm immer wieder aufsagen musste, während man ihn schlug. Sein Rücken war roh und brannte wie Feuer, als das Gefühl langsam wieder zurückkehrte. Noch so einen Tag – und vor allem noch so eine Nacht in der Schlangengrube – würde er nicht überleben, das wusste er.
Während seine Tränen noch in die Knochensplitter ringsum tropfen, hörte er zu seinem unbändigen Schrecken, wie sich die Tür wieder öffnete. Er erkannte die Schritte sofort und wollte schreien, als man ihn aufhob. Doch er konnte nicht.
Eine schwielige Männerhand hatte sich ihm über Mund und Nase gelegt. Jeder Widerstand war sinnlos, genauso wie jeder Schrei im Keime erstickt wurde. Er wusste, dass er sterben würde, und begann stumm zu beten.
Später brachte man ihn zurück in die winzige Zelle mit dem Strohsack, wo er sich gleich nach seiner Rückkehr in der schrecklichen ersten Nacht mit einem rostigen Nagel aus dem Schild an der Tür in den Arm geritzt hatte, dass das Blut nur so hervorquoll.
Sie hatten ihn gefunden, bevor er ernsthaft Schaden anrichten konnte. Die vor Schmerz pochende Wunde war mit einem dreckigen Streifen Leinen umwickelt, aber die kleine rotbraune Pfütze war immer noch da, gleich neben dem Strohsack, und nahm nun seine Tränen auf.
In seinem Kopf waren die Erinnerungen noch so frisch und schmerzlich, dass er sie hinauslassen musste. Also wickelte er sich den schmalen Streifen Leinen vom Arm, der wieder ein wenig zu bluten begann. Die kleine Pfütze zu seinen Füßen würde reichen müssen, Blut und Tränen, die er vergossen hatte – für das Liebste und Beste, das er je auf der Welt gekannt hatte. Und so zog er den Nagel aus dem Schild an der Tür und begann zu schreiben: ‚Mein lieber Rafik…‘
*****
Unter der Herrschaft unseres großen Kalifen Harun al-Rashid lebten in Bagdad zwei Männer, der eine hieß Sindbad der Seefahrer und der andere Sindbad der Lastenträger…
*****
Die Tränen kommen ganz von selbst. Kochend heiß schießen sie ihr in die Augen und durchnässen in Sekundenschnelle den Stoff ihres neuen Seidenkleides. Sie versucht nicht einmal sie zurückzuhalten. Der Schmerz ist da, so grausam und tief, dass Sabia ahnt, ihm niemals entkommen zu können.
Die Verzweiflung greift mit eisigen Klauen nach ihr und beginnt, sie langsam und genüsslich zu zerquetschen. Alles in ihr sträubt sich dagegen und auch gegen die Gewissheit, dass ihr neues Leben nach nur einem Tag schon wieder vorüber sein werde.
Sie muss etwas tun, Hilfe holen, ihrem Schicksal entkommen. Doch sie weiß nicht, wie. Der Schmerz beginnt ihr die Luft abzudrücken, während aus ihrer heiser geschrienen Kehle ein geradezu unmenschliches Jammern dringt. Alles ist aus, ihre Welt ist zu Ende.
Sie bemerkt erst, dass sie in die Küche gelaufen ist, als ihr ein Schwall heißer und nach diversen Gewürzen duftender Luft entgegen schlägt. Der dicke Koch zieht gerade einen dampfenden Auflauf aus dem Ofen.
„Was wünschen Sie, Madame?“ fragt er erstaunt, stellt die appetitliche Köstlichkeit ab und tritt besorgt näher.
Sie schüttelt den Kopf und wendet sich zum Gehen. Da erblickt sie das Telefon an der Wand neben dem Tisch, wo der Koch für gewöhnlich die Speisefolge für den jeweiligen Tag in bester Schönschrift mit der Feder auf Pergament schreibt. Der Herr verlangt es so.
Und er hat auch befohlen, sie nach vergangener Nacht nicht mehr aus dem Haus zu lassen. Nicht einmal mehr Fernsehen ist ihr erlaubt, während Emine und Sulaika rund um die Uhr ihre Lieblings-Seifenopern sehen dürfen. Aber nicht sie, nein, sie ist ja die Neue.
„Eine Kopfschmerztablette“, presst sie heraus, weil ihr nichts Besseres einfällt. „Und mein Riechsalz. Es liegt im Salon im Westflügel, glaube ich.“
„Ich eile“, sagt der Koch mitfühlend und läuft zur Tür hinaus.
Sie wartet nicht, bis seine Schritte auf dem Gang in Richtung Treppe zum Erdgeschoss verklungen sind. Sie springt hinüber zum Telefon, hebt eilig den altmodischen Hörer ab und lauscht nach dem Freizeichen. Als nichts kommt, wählt sie eine Null, vernimmt das beruhigende Tuten und lässt die Wählscheibe erneut unter zwei Nullen schnurren, bevor sie eine Vier und Sechs anschließt, gefolgt von der einzigen Nummer, die sie zuletzt vor gut zwei Wochen gewählt hat. Aber da ist sie noch weit weg von hier gewesen, in vergleichsweise sicheren Umständen und mit einem Bauch voller Hoffnung.
Mit pochendem Herzen lauscht sie dem Freizeichen und spitzt gleichzeitig die Ohren, um ja jeden Schritt auf der Treppe oder im Gang zu vernehmen. Es ist ihr verboten, ein Telefon zu benutzen. Dasselbe gilt für Computer, egal ob tragbar oder stationär. Sie ist hier, zunächst nur auf Probe, wie sie gestern per Zufall erfahren hat.
Aber seit dem belauschten Gespräch gestern – und vor allem seit jener schrecklichen Nachricht heute, die sogar die Schmach und den Ekel der vergangenen Nacht verblassen lässt – ist sie sicher, dass sie diese Probe nicht bestehen wird. Sie ist sich nicht einmal mehr sicher, ob sie überhaupt bestehen will oder es jemals wollte.
Man hat ihr zugeredet, sogar der Mensch, dem sie am meisten auf der Welt vertraut hat. Aber er ist nun nicht mehr da und wird nie wieder für sie da sein. Sie schluckt und fährt sich mit dem seidenen Ärmel über das nasse Gesicht und den Hals, während sie weiterhin auf das Freizeichen horcht. Was soll sie nur tun, wenn niemand das Gespräch annimmt?
Schon hört sie Schritte in der Halle im Hochparterre, von der die Treppe hinab ins Souterrain führt, wo sich die Wirtschaftsräume des herrschaftlichen Anwesens hier am malerisch gelegenen Zürichsee befinden.
Da meldet sich eine Stimme, hell und fröhlich, die ihr Herz sofort zu einem freudigen Sprung veranlassen. Sofort sprudelt sie los, wo sie ist und dass sie Hilfe nötig hat. Es piepst, als sie gerade das Wort „Hilfe“ ausgesprochen hat.
Die Schritte kommen die Treppe herunter, als sie hastig alles aufs Band spricht, an das sie sich von dem belauschten Gespräch erinnert. Sie weiß wohl, dass sie nur noch wenige Sekunden hat, bis der dem Herrn treu ergebene Koch in der Küchentür erscheinen und sie beim unerlaubten Benutzen des Telefons ertappen wird. Sie ahnt, dass die beiden Schläge gestern abend mit der flachen Hand nichts gewesen sind gegen das, was ihr bei einem solchen Verstoß gegen ein ausdrückliches Verbot des Herrn bevorsteht.
„Er reist 1. Klasse“, beeilt sie sich zu sagen. „Mit dem Schnellzug um Zwölf.“
Dann sind die Schritte im Gang vor der Küche. Ihr Herz rast. Aber der Hörer liegt wieder auf der altmodischen Gabel, während sie mit leidender Miene auf einen Küchenhocker gesunken ist, nur Bruchteile von Sekunden, bevor der Koch hereinkommt. Er ist so sehr damit beschäftigt, ihr das Riechsalz unter die Nase zu halten und ihr die Kopfschmerztablette mit einem Glas Leitungswasser einzuflößen, dass er gar nicht bemerkt, wie die in sich gedrehte Telefonschnur noch zwei geschlagene Minuten leise hin und her schwingt.
*****
Die Mündung der automatischen Pistole zielt auf ihre Stirn. Carlotta Strandt ist für einen schrecklichen Moment wie gelähmt. Dann handelt sie blitzschnell, so wie sie es gelernt hat. Noch im seitlichen Wegducken führt sie einen gezielten Pandae-Dollyo-Chagi aus und holt ihren Angreifer mit dem geduckten Drehwinkeltritt von den Beinen.
Drei Kugeln gehen in die Decke des dämmrigen Raumes, bevor Lotta von unten nach dem haarigen Handgelenk greifen und die Waffe mit einer geschickten Drehung auf ihren Angreifer richten kann. Im nächsten Augenblick ist sie es, die ruhig mit der automatischen Pistole auf eine Stirn zielt.
„Hände hoch“, zischt sie mit leicht zitternder Stimme, die bei den nächsten Worten fester und fester wird. „Sie sind verhaftet. Jeder Widerstand ist zwecklos, das Haus ist umstellt.“
Der Angreifer reagiert nicht gleich, sodass sie sich gezwungen sieht, mit der Waffe eine unmissverständliche Geste zu machen. Leise knurrend hebt der am Boden Kniende die Hände in die Höhe, sodass sie ihm problemlos Handschellen anlegen kann. Gerade will sie sich danach für einen Moment des Luftholens an die nächste Wand stützen, da hört sie hinter sich ein Geräusch.
„Waffe her, Püppchen!“ knurrt eine tiefe Stimme. „Ich ziele mit einer MP auf deinen hübschen Hinterkopf.“
Lotta streckt langsam den Arm mit der automatischen Pistole nach hinten, auch wenn sie es nicht mehr geschafft hat, den Schalter auf lock zu stellen. Sie spürt die Wärme der sich nähernden Hand und spannt jeden Muskel an. Sie hat nur einen einzigen Versuch, aus dieser misslichen Lage herauszukommen. Langsam dreht sie den Kopf zur Seite, um aus dem Augenwinkel nach dem zweiten Mann zu spähen, der zur ihrer Überraschung keine MP, sondern einen Tennisschläger in der Hand hält und mit dem Stiel nach vorne auf sie richtet.
Im selben Moment, als er an ihre Waffe heranreicht, duckt sie sich seitlich weg und führt noch im Wegrollen einen gezielten Bogentritt von unten nach oben aus, mit dem sie nicht nur den ausgestreckten Arm erwischt, sondern auch den Schläger in die Weichteile des Mannes stößt. Dieser keucht vor Schmerz auf und sinkt zu Boden, sodass sie genug Zeit zum Abrollen und Aufstehen hat. Noch aus der Hocke heraus richtet sie die entsicherte Waffe auf den Mann und wiederholt mit fester Stimme: „Hände hoch. Sie sind verhaftet.“
Applaus ist zu vernehmen. Dann geht das Licht an und beleuchtet den Raum mit all den umgestürzten Möbeln, zwischen denen die beiden Verhafteten sich nun aufrichten und ebenfalls in die Hände klatschen. Lotta bemerkt, dass sich der zweite Mann immer noch etwas wacklig bewegt. Offenbar hat sie wirklich gut getroffen und eventuelle Schutzvorrichtungen umgangen. Entschuldigend lächelt sie ihm zu und erntet ein Nicken, gefolgt von einem Daumen-hoch.
„Sehr gut, Strandt“, hört sie nun auch den Kursleiter Andrew MacDonnell wohlwollend sagen, der sich auf der zuvor abgedunkelten Außenseite des Raumes von seinem Stuhl erhebt und hinter den drei Kameras hervorkommt, mit der die Trainingsepisode zu Analysezwecken aufgezeichnet worden ist. „Haben Sie gesehen, dass der zweite Angreifer keine Schusswaffe hatte?“
„Ja“, gibt Lotta zu. „Es war ein Tennisschläger.“
„Sehen Sie, Arnold“, wendet sich der Kursleiter an einen anderen Teilnehmer, der – seiner betrübten Miene nach zu schließen – in seiner Trainingsepisode nicht so viel Erfolg gehabt hat. „Die Kollegin hat ihre Möglichkeiten genutzt. Ich muss schon sagen, Strandt, das war beeindruckend. Wenn Sie im Feld auch so geistesgegenwärtig sind, dann werden Sie es weit bringen.“
„Danke, Sir.“
„Gehen Sie sich erfrischen, Sie haben es sich verdient.“
Lotta nickt dankend und verlässt das Trainingsensemble. Sobald sie aus dem nachgebauten Haus in die große Halle hinaustritt, hält ihr eine freundliche Frau mit hellbraunem Kurzbob und dunkelgrauen Augen in einem runden und alterslos wirkenden Gesicht ein Handtuch und eine Flasche Wasser hin. Erst jetzt bemerkt Lotta, wie nassgeschwitzt und durstig sie ist.
„Sie waren die Beste“, sagt die schlanke Frau leise, „wirklich beeindruckend. Sie haben schon Erfahrung mit brenzligen Situationen, nicht wahr? Also, ich meine, außerhalb von solchen simulierten Trainingseinheiten, ja?“
„So kann man es auch sagen“, murmelt Lotta zwischen zwei Schlucken in das Handtuch und versucht, die Bilder, die sich bei diesen Worten ungefragt vor ihr geistiges Auge drängen, so gut es geht zu ignorieren.
Sie hat es geahnt, dass dieser Lehrgang sie an ihre Grenzen bringen wird. Aber danach ist sie nicht gefragt worden, als man ihr den Platz einer kurzfristig ausgefallenen Teilnehmerin angeboten hat. Und, wenn sie ehrlich ist, dann will sie wissen, wie belastbar sie wirklich ist – gerade jetzt.
Sie muss es wissen, bevor sie die neue Stelle antritt, die jeden Tag Starkstrom erfordert, wenn sie den Gerüchten glauben darf. Auch wenn sie weiß, dass sie unter Strom besser arbeitet, hätte sie gerade auf die beiden Begebenheiten, denen sie ihre in rund zwei Monaten bevorstehende Versetzung zur Kriminalpolizei verdankt, gern verzichtet.
„Sagen Sie“, fragt die Frau, die Lotta vage als eine Kursteilnehmerin von der Berliner Polizei erkennt, „Sie sind doch die Kollegin von Max, oder?“
Lotta nickt, während sie sich das Handtuch wie einen Pelzkragen um den Hals legt und die Flasche Wasser mit drei weiteren großen Schlucken leert. In Berlin ist ihr Kollege Maximilian Bohse ein bekannter und gefeierter Mann, seit er zu Beginn des Jahres und vor seiner Versetzung nach Hamburg quasi im Alleingang einen Terroranschlag verhindert hat.
Nur wenige wissen, dass die ganze Sache noch viel weitere Kreise gezogen hat, in die außer Max und Lotta selbst auch diverse hohe schwedische Politiker und deren Angehörige sowie eine islamistische Terrorzelle in Stockholm verwickelt gewesen sind.
„Dann waren Sie das wohl auch“, fragt die Frau leise weiter, „die diesen Karim verhaftet hat, ja?“
„Nicht alleine“, weicht Lotta aus, „das war in erster Linie eine Sonderermittlerin vom schwedischen Staatsschutz.“
„Aber die Geschichte mit dem Flugzeug…“
„Pssst!“ macht Lotta, bevor die Frau weiterfragen kann. „Nicht so laut. Das ist geheim, wie Sie sicherlich verstehen werden.“
„Also waren Sie das, ich wusste es. So wie er Sie beschrieben hat…“
„Wer, Max?“
„Nein, Arne Persson. Den kennen Sie sicherlich auch, wenn Sie mit Liv Norén zusammen gearbeitet haben.“
„Ich kenne ihn, ja.“
„Gut, dann hören Sie mir jetzt genau zu. Ich dürfte eigentlich nicht hier sein und mit Ihnen sprechen. Aber es ist möglich, dass die Sache schief geht. Daher bitte ich Sie, dass Sie Augen und Ohren offenhalten. Und wenn der Zeitpunkt gekommen ist, rufen Sie Arne an. Bitte.“
Mit diesen Worten wendet sich die Frau abrupt ab und geht rasch davon. Lotta kann ihr nur verdutzt hinterherblicken. Wer ist die Frau? Vorgestellt hat sie sich am Donnerstag zu Beginn des Lehrgangs als Anja Perlmann vom LKA Berlin.
Da sie aber Liv und Arne kennt, scheint sie genau wie Max Bohse Verbindung zum BKA, zur Antiterroreinheit GSG 9 der deutschen Bundespolizei oder vielleicht sogar zum deutschen Geheimdienst BND zu haben. Wie hätte sie sonst von der Geschichte in Stockholm erfahren können, deren Details nach wie vor geheim sind?
Warum ist sie ausgerechnet zu ihr, Lotta, gekommen? Von welcher Sache hat sie gesprochen? Und warum soll sie sich an den Sonderermittler von Interpol wenden, wenn der Zeitpunkt – welcher eigentlich? – gekommen ist?
Nachdenklich dreht Lotta den Verschluss auf die Plastikflasche und wischt sich mit einem Zipfel des Handtuchs einen vereinzelten Schweißtropfen vom Kinn. Ob es um den gesuchten Waffenhändler geht, der ihnen vor wenigen Wochen in Schweden entwischt ist? Aber warum soll sie sich dann an Arne wenden? Es ist schließlich Liv gewesen, die sich mithilfe von Hacker-Ass Malin Sjögren an die Fersen des Mannes geheftet hat, der unter einem Decknamen und mithilfe diverser Scheinfirmen skrupellos Waffen an Neonazis, Guerilla-Milizen, Mafia und Terrororganisationen wie al-Qaida liefert.
„Hey, Karate-Maus“, wird sie plötzlich von hinten angesprochen. „Kommst du mit zum Abendessen? Oder träumst du von mir?“
„Nein“, antwortet Lotta ungerührt und wendet sich zu dem Teilnehmer um, der von MacDonnell so zurecht gewiesen worden ist. „Von meinem Freund Moritz, der mir morgen gratulieren wird, wenn wir zusammen zurück nach Hause…“
„Ach“, macht der Mann von der Polizei Hannover und winkt ab, „ich habe doch nur Spaß gemacht, Strandt. Kommst du nun mit oder nicht?“
Lotta mustert ihn kurz, während sie sich an seinen Namen zu erinnern versucht. Während sie noch zögert, kommt der letzte Teilnehmer der heutigen Trainingseinheit, ein Kommissar Brandau aus Göttingen, hinzu und stellt ihr die gleiche Frage. Lotta nickt.
„Blöd gelaufen, Arnold“, wendet sich Brandau an den Anderen, „ich habe auch geglaubt, dass der Zweite eine Schusswaffe hatte.“
„Aber im Gegensatz zu mir“, antwortet Arnold mit einem schiefen Grinsen, „ist dir der Erste nicht entwischt, noch während du überwältigt wurdest.“
„Aber“, grinst Brandau und schlägt Lotta anerkennend auf die Schulter, „unsre Kollegin Strandt hier hat beide vorbildlich und ohne einen Fehler gemeistert.“
„Tja“, brummt Arnold und streicht sich das dunkle Haar aus der verschwitzten Stirn, „wenn ich Karate könnte…“
„Taekwondo“, korrigiert Lotta automatisch.
„Oder so“, antwortet Arnold und tritt vor, um ihr die Tür aufzuhalten. „Ich weiß nur, dass ich mir meine Versetzung zur Kripo erstmal wieder abschminken…“
„Die schriftlichen Tests sind ja noch nicht ausgewertet“, versucht Brandau zu beschwichtigen, „und gestern im Außengelände warst du auch nicht schlecht.“
„Schon“, antwortet Arnold nachdenklich, „aber ob das reicht?“
„Denk nicht weiter drüber nach“, erwidert Lotta und geht voraus hinüber ins Verwaltungsgebäude, das an die Kantine grenzt, in der es bereits verlockend nach Tafelspitz mit Kartoffeln und Frankfurter Grüner Sauce duftet. „Es ist jetzt eh nicht mehr zu ändern.“
*****
Reisevorbereitungen
Der schlanke Mann mit dem graumelierten Vollbart verließ sein Arbeitszimmer und schloss die Tür hinter sich. Mit dem dicken Buch unter dem Arm stieg er die Treppe hinauf ins Obergeschoss der Villa, um im Schlafzimmer seinen kleinen Koffer fertig zu packen. Morgen ging die Reise los, die erste seit Jahren, die ihn weiter als fünf Kilometer aus der Stadt hinausführen würde.
Gewissenhaft überprüfte er den Kofferinhalt, der zu seiner neuen Identität und seinem neuen Leben passte und für zwei Übernachtungen reichte. Er sah die Sachen durch, die er für sein neues Outfit ausgewählt hatte und auch mögliche schlechte Witterungen an seinem Reiseziel berücksichtigte. Es fehlte nur noch eines, um seine neue Identität perfekt zu machen.
Alle Utensilien dafür lagen bereit, bis auf die eine, die ihm die notwendige Veränderung und damit Sicherheit bringen würde. Aber auch die würde er noch zu beschaffen wissen. Hier im Haus hatte er das Sagen, wenn auch nur hier.
Es kam ihm plötzlich so vor, als ob er hier im Exil auch wie gefangen gewesen war, gefangen in der kleinen Welt, die seine Position mit sich brachte. Er war nicht ganz freiwillig hierhergekommen, in dieses Land, in diese Region, in diese Stadt und in dieses Leben. Man hatte ihn getrieben, auch wenn er genau wusste und verstand, warum man ihn hierher geschickt hatte. Hier lag das Zentrum der Macht, das sie zu unterwandern suchten – für eine bessere Welt im Namen des Glaubens, in der es keine Tyrannei dekadenter Mächte gab, die unersättlich ihre Hände ausstreckten nach allem, was ihnen nicht gehörte.
Er hatte seine Position angenommen und ausgefüllt, zumindest bis vor wenigen Wochen. Dann jedoch war etwas gewaltig schief gegangen, was ihn statt zum gefeierten und mächtigen Mann zu einem Gefangenen im eigenen Haus ohne Aussicht auf Besserung gemacht hatte.
Aber damit würde es ab morgen vorbei sein. Denn morgen begann das nächste Kapitel seines Lebens, dem er mit eher gemischten Gefühlen gegenübertrat. Er hatte eine zweite Chance erhalten und würde woanders noch einmal von vorne anfangen. Er war dankbar, dass man ihm dies zugestand und verstanden hatte, dass jener Fehlschlag nicht seine Schuld gewesen war.
Nachdenklich nahm er die Kleidungsstücke auf, die er der Rolle wegen ab dem kommenden Tag tragen würde. Es war nicht mehr zu ändern. Er war gewarnt worden und musste nun danach handeln. Morgen begann sein neues Leben.
Es würde ein neuer Abschnitt werden, auf den er sich einerseits freute, dem er andererseits aber auch mit Sorge begegnete. Denn ab morgen würde nichts mehr so sein, wie es war. Ab morgen war er ein Anderer als bisher und irgendwie auch so etwas wie ein neuer Mensch, ungewohnt, frei und eingeschränkt zugleich. Würde er sich damit arrangieren können?
Seufzend schloss er den Koffer, legte das dicke Buch daneben und überprüfte das Ticket und seinen auf alt getrimmten neuen Reisepass, die er schließlich obenauf legte. Dann nahm er zwei Utensilien vom Bett auf und ging ins Bad, wo er sich bis auf einen Schnurrbart säuberlich rasierte und nachdenklich im Spiegel betrachtete, bevor er die gefärbte Creme auf Kinn und Wangen schmierte und ordentlich verrieb.
Das Foto, das er neben sein Spiegelbild hielt, passte gut. Niemand würde ihn so für den halten, der er war. Wenn überhaupt, so würde man ihn um sein Autogramm bitten. Er nahm behutsam den falschen Bart und hielt ihn sich probeweise an. Ja, niemand würde es bemerken. Der Unterschied war verblüffend, zumal wenn er das letzte notwendige Utensil hatte, das Jāruf erst vermissen würde, wenn es zu spät war.
Zufrieden nickte er sich im Spiegel zu und befestigte den falschen Bart, sodass sein neues Äußeres geheim bleiben würde bis zuletzt. Es war ungemein wichtig, dass er unerkannt reiste, denn es war nicht auszuschließen, dass man nach ihm Ausschau hielt – nach seinem bekannten Äußeren.
Aber in seiner neuen Aufmachung, in die er ab morgen noch vor Abfahrt des Zuges schlüpfen würde, konnte er ihnen entkommen – allen, die ihn suchten. Mit einem leisen Lächeln warf er einen Blick auf die Kleidung, die so gar nicht nach ihm aussah und ein perfektes biederes Kostüm abgeben würden. Oh ja, so würde es funktionieren. Alles war vorbereitet, die Reise in sein neues Leben konnte beginnen.
*****
Sindbad der Lastträger war ein sehr armer Mann, der eine große Familie und einen kleinen Verdienst hatte; Sindbad der Seefahrer hingegen war ein äußerst angesehener und weiser Kaufmann, der einen so ausgebreiteten Handel trieb, dass er am Ende gar nicht mehr wusste, wo er das viele gewonnen Gold und Silber und die mancherlei Waren aufbewahren sollte…
*****
Agatha Mellies legt ärgerlich das Buch beiseite. Immer wenn es spannend wird, meldet sich ihre Blase. Es ist schon ein Kreuz mit dem Altwerden. Die Operation hat ihr den grauen Star genommen, dank Medikamenten ist ihre Arthritis ganz gut in den Griff zu bekommen. Aber gegen diese verdammte Blasenschwäche ist mit nichts anzukommen; alles hat sie ausprobiert, doch nichts hilft.
Mühsam erhebt sie sich und geht so schnell wie möglich durch ihr barrierefrei ausgebautes Appartement, von dessen Fenstern auf der Südseite sie einen sehr schönen und unverbauten Blick auf den Münsterturm hat. Und an klaren Tagen kann sie dahinter in der Ferne sogar die kahle Kuppe des Feldbergs sehen.
Die Wasserspülung rauscht genauso beruhigend und erleichtert wie sie sich fühlt, als sie ans Waschbecken tritt und sich mit nach Rosen duftender Seife die Hände wäscht. Wie immer, wenn ihr eine Reise bevorsteht, wird sie schon am Vortag nervös und von Reisekrankheit gepackt, die erst verschwindet, wenn sie auf dem für sie reservierten Platz sitzt. Schon deshalb findet sie es nicht gut, dass Sybille mit den Kindern und Tom in den Norden gezogen ist.
Aber sie versteht, dass Tom der Arbeit wegen in den Dunstkreis von Hamburg ziehen musste und Bille als Grafikerin dort bessere Anstellungschancen hat. So sehr Agatha ihre Tochter vermisst, so sehr freut sie sich, dass Bille und Tom ein hübsches Häuschen mit Garten gekauft haben.
Zum Glück ist da noch Viola, die Tochter ihres Sohns Bernd, der als Privatdozent an der Universität Basel arbeitet und mit seiner Frau Sandra in der Altstadt unweit des Flusses in einer Eigentumswohnung lebt, während Viola zusammen mit ihrer besten Freundin Karen eine der fünf WG-Wohnungen in Agathas Mehrparteienhaus hat und einmal pro Woche zum Abendessen kommt.
Agatha ist ihrer Enkelin sehr dankbar, dass sie ihrer dreiundsiebzigjährigen Oma beim Einkaufen hilft und sich zunehmend auch um die Abrechnungen für die anderen Mieter kümmert. Wie sie das neben ihrem anstrengenden Medizinstudium schafft, ist Agatha weiterhin ein Rätsel, aber Viola ist schon immer ein tüchtiges Mädchen gewesen.
Es verwundert daher nicht, dass sie dem neuen Mieter Oliver Hagen, einem angehenden Doktoranden aus Bremen, beim Umzug in die freie Zweizimmerwohnung im zweiten Stock hilft.
Oder liegt es daran, dass er sich zwei Freunde und ehemalige Kommilitonen mitgebracht hat, die auch Agathas alt gewordenes Herz höher schlagen lassen? Denn die beiden blonden jungen Männer erfüllen nicht nur rein optisch den Wunsch eines zukünftigen Schwiegersohns, sondern haben auch noch gute Manieren, wie Agatha erfreut festgestellt hat.
Wohlwollend hat sie bemerkt, dass sich die beiden nett und höflich gegenüber der gerade achtzehnjährigen Viola verhalten, auch wenn es der neue Mieter ist, der sich auffallend oft in der Nähe von Viola aufhält.
Agatha ist sich nicht ganz sicher, ob ihr das gefällt. Zwar ist der dunkelhaarige Oliver ebenso mit gutem Aussehen und ebensolchen Manieren gesegnet, aber als fünfundzwanzigjähriger Doktorand hat er selbst an einer alten Universität wie der ihren wohl für lange Zeit kein reiches Auskommen zu erwarten.
Ob Bernd es daher gern sehen wird, wenn sich zwischen den beiden etwas entwickelt, wagt Agatha zu bezweifeln. Schon aus diesem Grund ist der Zeitpunkt für ihre Reise nicht sehr gut gewählt, auch wenn sie zumindest die beiden auffallend gut aussehenden, sportlichen Bremer mit in den Norden nehmen wird.
Vielleicht hat sie es sich ja nur eingebildet, aber Viola scheint Gefallen an Oliver gefunden zu haben. Ob sie deshalb so darauf gedrängt hat, Agatha morgen nachmittag schon um halb zwei zum Bahnhof zu bringen, sehr rechtzeitig für den Zug um 13:49 Uhr?
Halb ist Agatha versucht, die Reise abzusagen. Aber wie wird Silke es finden, die am Montag Geburtstag hat? Und wird Tobi es ihr nicht übelnehmen, wenn sie nicht rechtzeitig zu seinem ersten Fußballspiel in der C-Jugend kommt?
Es hilft nichts, die Reise wird stattfinden, auch wenn Agatha ein komisches Gefühl bei der Sache hat, zumal auch noch Karen am Dienstag auf eine Projektfahrt nach Strasbourg fahren wird. Und was ist mit dem wöchentlichen Abendessen, das sie morgen nicht wahrnehmen kann?
Als Ausgleich hat Agatha für die Mädchen eine große Form Lasagne zum Aufwärmen vorbereitet, die gut und gern auch für einen dritten – wenngleich männlichen – Esser reichen würde. Soll sie Viola verbieten, den jungen Mann einzuladen? Oder mischt sie sich da in Dinge ein, die sie nichts angehen?
Immerhin ist Viola ihre beste Verbündete und die Einzige, die weiß, dass sie die Reise nach Hamburg-Altona nicht allein antreten wird. Möglicherweise ist sie auch deshalb so besonders aufgeregt, dass sie noch öfter als sonst das Bad aufsuchen muss.
Es wird ein Abenteuer, vor allem, wenn Bille und Tom ihrer Reisebegleitung ansichtig werden. So sehr sie ihren Schwiegersohn auch mag, eines hat sie von Anfang an sehr an ihm gestört – und das ist sein ausgesprochenes Misstrauen gegen Fremde, erst recht, wenn sie anderen Glaubens sind. Sicher, es ist zu verstehen nach jenem schlimmen Erlebnis, das Tom seiner Eltern beraubt hat, aber sind sie nicht alle Menschen?
Je mehr Agatha darüber nachdenkt, desto unwohler wird ihr. Ob sie die Reise vielleicht doch noch lieber absagen soll? Das vorbereitete Sandwich mit kaltem Braten, Salat und Preiselbeersauce und die Thermoskanne voller Kräutertee, die sie zum Überstehen der sechsstündigen Zugfahrt benötigt, kann sie auch hier zuhause essen.
„Sei kein Narr“, schimpft Agatha leise mit sich selbst und besiegelt damit ihre Entscheidung für die Reise. „Du hast schon ganz anderes überstanden.“
Sie hat sich entschieden und so ist es gut. Sie wird fahren, es gibt kein Zurück mehr. Am schlimmsten aber ist immer die Nacht davor, die letzten Stunden, bevor eine Reise beginnt.
Es muss mit ihren Erlebnissen während des Krieges zusammenhängen, als sie im Alter von zwei bis drei Jahren mit ihrem Kinderkoffer in den Luftschutzkeller laufen und ab Februar 1945 vor den Russen aus Danzig fliehen musste. Es fällt ihr bis heute schwer, einen gepackten Koffer neben der Tür stehen zu sehen, weshalb sie immer erst am Morgen des Abreisetages fertig packt.
Die Unruhe nimmt Stunde um Stunde zu, raubt ihr den Schlaf und drückt ihr im beinah regelmäßigen Abstand von vierzig Minuten auf die Blase, sodass sie pro Stunde einmal ins Badezimmer muss und es nur ein Krimi schafft, sie von ihrer Nervosität abzulenken – eine Weile wenigstens.
Zum dritten Mal an diesem Tag überprüft sie ihre Reiseunterlagen, die sauber nebeneinander auf dem Tresen zwischen Küche und Essecke liegen. Ihr Ticket ist für die 1. Klasse, weil die Sitze dort breiter und bequemer sind, was sie mit Rücksicht auf ihren Rücken gern bezahlt. Die BahnCard haben Bille und Tom ihr zu Weihnachten geschenkt, damit sie ihre norddeutschen Enkelkinder Silke und Tobias wenigstens einmal pro Halbjahr besuchen kommen kann.
Die Schleifen auf den beiden Geschenken sind ein wenig schief geraten, sodass Agatha sorgsam die bunten Bänder richtet, bevor sie die Päckchen vorsichtig in ihre große Handtasche schiebt. Im Koffer wird kein Platz mehr sein, auch wenn sie nur für eine Woche nach Wedel bei Hamburg reist.
Zufrieden kehrt sie wenig später ins Wohnzimmer zurück, das von der Abendsonne rotgolden durchflutet wird. Ein Blick auf die Uhr sagt ihr, dass es gleich Zeit für den Fernsehkrimi ist. Zu dumm, denn eigentlich möchte schon gern erfahren, wie sich Kommissär Bärlach aus der Bredouille bringen und in der Klinik eines mörderischen Arztes eine grausame Operation von sich abwenden kann.
Agatha juckt es in den Fingern, das Buch aufzunehmen und weiterzulesen. Sie liebt Kriminalromane, besonders die ihrer Namensschwester Christie, deren Geschichten um Miss Marple und Hercule Poirot in Schmuckausgaben in ihrem Bücherregal stehen.
Doch nun muss sie wissen, welchen Fall Kommissar Beck heute im von Mord und anderen Verbrechen gebeutelten Stockholm aufklären muss. Rasch holt sie die Fernbedienung und schaltet den Fernseher ein, bevor sie sich an das neue Teewasser erinnert, dass sie über dem Dürrenmatt-Krimi ganz vergessen hat.
Während bereits die Titelmelodie aus dem Wohnzimmer herüberschallt, kocht sie sich eine neue Kanne Kräutertee und wirft dabei nur aus Gewohnheit einen Blick aus dem Küchenfenster auf die Häuser auf der anderen Straßenseite.
In die meisten Fenster kann sie nicht hineinsehen, auch wenn ihr Appartement im vierten Stockwerk liegt. Aber auch so weiß sie, was sie dort sehen würde: junge Leute beim Lernen, Faulenzen oder Feiern – denn die vornehmen Villen und Wohnhäuser sind genau wie die fünf anderen Wohnungen in Agathas Haus als WGs an Studenten vermietet.
Nur die Villa direkt gegenüber ist eine Ausnahme; dort wohnen drei Lehrstuhlinhaber der Universität Freiburg, die sich das große Haus, dessen Vermieterin Agatha selbst ist, zu drei vornehmen Wohnungen aufgeteilt haben.
Im Hochparterre wohnt Professor Haferkamp, der als Koryphäe für deutsche Dichter des sechzehnten Jahrhunderts gilt. Im ersten Stockwerk ist das Reich von Professor Lorentz, der jedes Jahr ein Vierhundertseitenwerk über deutsche Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts veröffentlicht und dessen Seminare und Vorlesungen auch Agatha hin und wieder als Gasthörerin besucht hat.
Im Dachgeschoss hingegen logiert ein Privatdozent für orientalische Literatur, ein sehr netter und freundlicher Herr, der Agatha immer ein bisschen an einen ihrer wenigen Lieblingsautoren aus Nicht-Krimigenres erinnert, dessen Heimatstadt und Vornamen er teilt.
Seine warme, ruhige Stimme hat den Charakter eines Märchenerzählers, wie es sie im Orient auf Märkten gegeben haben soll. Sie hört ihm immer gern zu, vor allem, weil er die deutsche Sprache – trotz seines leichten Akzents – mit jedem Satz zu einer schönen Melodie macht.
Dieser faszinierende Professor Shahin ist es auch gewesen, der ihr bei einer Tasse starkem, aber herrlich würzig schmeckendem Kaffee einen spannenden Vortrag über die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht gehalten hat.
Seither treffen sie sich einmal pro Monat zu einem lebhaften Austausch über Literatur, einer Art Lesezirkel zu zweit. Jetzt im Mai ist Friedrich Dürrenmatt an der Reihe, nachdem sie im Vormonat mit Hingabe den Roman über Kalligraphie von Rafik Schami gelesen und besprochen haben.
Agatha freut sich, in dem Professor nicht nur einen Literaturliebhaber und sehr wachen Geist gefunden zu haben, sondern auch einen Freund des Krimi-Genres und speziell der Klassiker von Doyle, Sayers und Highsmith. Seit dem zu frühen Tod ihres innig geliebten Haralds hat sie sich nie so wohl gefühlt, wie wenn sie mit dem Professor ihren Literaturzirkel bei Kaffee und Kuchen genießt.
Wie sie selbst ist der vierundvierzigjährige Professor ebenfalls verwitwet, auch wenn seine Frau Habibe im Jahr 2007 nach langjähriger Krankheit durch Organversagen ums Leben gekommen und nicht wie ihr Harald vor fünfzehn Jahren an einem Schlaganfall gestorben ist.
Die ersten Worte von Martin Becks Assistenten wehen aus dem Wohnzimmer herüber, sodass Agatha sich beeilen muss, mit dem frischen Tee vor den Fernseher zu kommen. Dort macht sie es sich mit Wolldecke und der lauwarmen Wärmflasche in ihrem Sessel gemütlich und versucht, über dem spannenden Fall ihre Nervosität zu vergessen. Es gelingt ihr jedoch nicht, da sie fortwährend an die bevorstehende Reise denken muss.
Daher verwundert es sie gar nicht, dass sie nach dem glücklichen Ausgang des Films in unruhigen Schlaf fällt und in der Nacht mehrmals aufwacht. Den Weg ins Bad findet sie auch im Halbschlaf, die Schritte sind genau abgezählt. Doch auch dank der Grünkerntabletten gelingt es ihr heute nicht, wirklichen Schlaf zu finden – zumal sie dieses Mal das unbestimmte Gefühl hat, dass diese Reise etwas Außergewöhnliches bieten wird.
*****
Mein lieber Rafik,
bitte halte einen Moment inne und lies meine Worte. Vielleicht hast du mich längst vergessen. Womöglich hast du alles ausradiert, was uns einst verbunden hat, und bist ein anderer Mensch geworden. Dennoch hoffe ich, dass du noch Mensch bist; denn dann besteht noch Hoffnung für dich.
Dadurch besteht auch noch Hoffnung für mich; denn ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich dich endgültig verliere – für die Menschheit und auch für mich. Ich weiß nicht, wie ich die vergangenen Jahre ausgehalten habe – ohne dich. Ich muss dir nicht sagen, dass ich dich vermisse; wenn du dich erinnerst, dann weißt du, wie wichtig du mir gewesen bist und es auch heute immer noch bist.
Daher erlaube mir, dich zu entführen – in die Zeit damals, als wir jung waren und glücklich. Erinnerst du dich? Erinnerst du dich an all die schönen Stunden, die gestohlenen Momente, in denen wir Kinder sein konnten?
Ich bin mir sicher, dass du dich zumindest an unseren Streit erinnerst. Glaube mir, wenn ich sage, es tut mir leid. Ich schäme mich für das, was ich damals zu dir sagte. Und ich bin mir sicher, dass ich dir deine harten Worte eines Tages vergeben kann. Ich weiß ja, warum du so reagiert hast, wie du reagiert hast. Und ich weiß auch, warum du zu dem geworden bist, was du heute bist.
‚Es gibt keinen Schutz und keine Macht außer bei Allah.‘
Auch wenn du es mit Sicherheit nicht gerne hörst, so muss ich dir leider sagen, dass du es falsch verstanden hast. Denk mal darüber nach.
*****
Christoph Habermas rückt seine Dienstmütze zurecht. Dann lächelt er und hilft der grauhaarigen Dame mit ihrem Reisekoffer in den noch fast leeren Zug. Es ist immer dasselbe: ältere Menschen sind überpünktlich und sehr aufgeregt, wenn es auf Reisen geht.
Ganz anders die jüngere Generation wie die sechs jungen Fahrgäste in Jeans, Kapuzenpullover und ausgetretenen Turnschuhen, die gemütlich und ohne jede Eile mit je einer sportlichen Reisetasche über der Schulter den Bahnsteig entlangschlendern und durch die Tür des nächsten Wagens, 2. Klasse natürlich, den Schnellzug besteigen. Die entspannte Lässigkeit, mit der sie die drei Stufen hinaufgleiten, sagt Christoph, dass die über das bevorstehende Sonntagsspiel des FC St. Pauli sprechenden sechs Männer nicht nur so jung und sportlich sind, wie sie aussehen. Sie sind außerdem Norddeutsche auf dem Heimweg, also Deutsche und keine Schweizer.
Das Pärchen in den besten Jahren, das ohne Gepäck in die 1. Klasse klettert, ist dem Akzent nach aus der Gegend von Basel, Schweizer Seite, während die drei Studentinnen, die als nächste den Waggon 2. Klasse besteigen, wohl auf dem Weg nach Frankfurt zum Flughafen sind. Christoph kann sie fröhlich über einen bevorstehenden zweiwöchigen Austausch-Aufenthalt mit einer Universität in England sprechen hören.
Als nächstes steigt ein schlanker Mann in karierter Mütze auf dunklem Haar und dunkelgrauem Wollmantel in die 1. Klasse. Er wirft Christoph über den Rand einer dunklen Hornbrille einen knappen Blick aus dunklen wachen Augen zu, bevor er mit einer schwarzen Laptoptasche über der linken Schulter ruhigen Schrittes seinen Platz suchen geht. Verwundert blickt Christoph ihm nach und überlegt, wo er das schnurrbärtige Gesicht des Mannes schon einmal gesehen haben könnte. Irritiert fragt er sich, warum ihm plötzlich Lawrence von Arabien in den Sinn kommt; der Mann hat keinerlei Ähnlichkeit mit Peter O’Toole, auch wenn ihm ein Turban anstelle der Baskenmütze sicherlich gut stehen würde.
Eine gute Minute später trifft ein weiterer schlanker Mann mit dunklen wachen Augen, angegrautem dunklem Haar und schwarzer Laptoptasche ein, diesmal jedoch mit graumeliertem Vollbart und Lesebrille an einer dünnen Kette um den Hals. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger trägt er einen dunkelblauen Wollmantel. Er betritt den Speisewagen, nachdem er ein paar Worte mit zwei jungen schwarzhaarigen Leuten in Jeans und Turnschuhen gewechselt hat, die ihm fröhlich in einer fremden Sprache schwatzend folgen und einen Vierertisch belegen. Christoph sieht, dass der schlanke Mann mit Vollbart sich zu ihnen setzt, kurz bevor ein rotblonder Mann im hellbraunen Kamelhaarmantel den Wagen besteigt.
Christoph nickt auch ihm freundlich zu und begrüßt ebenso den nächsten Gast, der in dunkler Funktionsjacke behende die drei Stufen erklimmt, während ein sportlicher Student in Schirmmütze, Jeans und Parka an ihnen vorbei durch den Speisewagen zur 2. Klasse eilt. Auf seinem Rucksack leuchtet ein roter Pin mit einer Abbildung von Che Guevara.
Nach und nach treffen weitere Fahrgäste ein, hauptsächlich für die Holzklasse, sodass Christoph zufrieden feststellt, dass er heute eine eher ruhige Fahrt als Zugbegleiter der 1. Klasse genießen können wird.
„Entschuldigung, junger Mann“, wird er von einer weiteren älteren Dame mit Pelzkragen zum eleganten Mantel angesprochen, „ob Sie mir…?“
„Selbstverständlich, Madame.“
Routiniert stellt er zunächst den kleinen Reisekoffer in den Gang, bevor er auf den Bahnsteig hinaustritt und der Dame die Stufen hoch und bis zu einem Platz im Speisewagen schräg hinter den jungen Leuten und dem Mann mit dem graumelierten Vollbart hilft. Im Gehen sieht Christoph, wie der Mann ein dickes Buch mit arabischer Schrift aufschlägt und vermutlich in arabischer Sprache zu den dunkelhaarigen jungen Leuten spricht, nachdem er bei der Kellnerin vier nicht-alkoholische Getränke bestellt hat.
Christoph fällt ein, dass er die Faltblätter mit Fahrplan und Anschlusszügen noch austeilen muss. Rasch geht er durch die Wagen der 1. Klasse bis zur Spitze des Zuges. Dabei kommt er in Wagen 9 auch an dem anderen Mann mit der Hornbrille vorbei, der allen Anschein eines Geschäftsreisenden macht. Er hat ein modernes Laptop aufgeklappt vor sich stehen und schreibt etwas, das Christoph wegen einer Sichtblende nicht mitlesen kann.
Da es sich sowieso nicht mit seiner Dienstauffassung verträgt, den Passagieren zu nahe zu treten, kümmert Christoph sich nicht weiter um die Fahrgäste, die sich alle selbst beschäftigen und mit Musik auf den Ohren, einem Buch oder einem tragbaren Computer vor sich auf die Abfahrt des Zuges warten.
Er kommt gerade rechtzeitig zurück zum Türbereich zwischen 1. Klasse und Speisewagen, um einem älteren Ehepaar die drei Stufen heraufzuhelfen und freundlich willkommen zu heißen. Dann nimmt er wieder seinen Platz an der Tür ein und spielt gedankenverloren mit seinem dienstlichen Schlüsselbund, das wie immer an seinem Gürtel baumelt. Routiniert prüft er die Abdeckklappe über der Türverriegelung, die er bei Abfahrt des Zuges mit dem Zentralschlüssel betätigen wird. Alles ist in bester Ordnung.
Ein rascher Blick auf die Armbanduhr sagt ihm, dass der 72er noch zehneinhalb Minuten am Gleis 3 auf weitere Fahrgäste warten und erst um Punkt zwölf Uhr Zürich verlassen und seine Reise gen Norden antreten wird. Der Fahrplan muss eingehalten werden, schließlich haben sie eine Verpflichtung gegenüber ihren Gästen. In acht Stunden werden sie am Zielbahnhof Hamburg-Altona erwartet.
Christoph seufzt stumm und versucht die Vorfreude zu dämpfen, die sich beim Gedanken an den bevorstehenden Urlaub ab Mittwoch sofort wieder einstellt.
Es fällt ihm immer schwer, im Berufsalltag woanders zu übernachten als neben seinem derzeitigen Partner Jérôme, der zuhause in der hübschen Zwei-Zimmer-Altbauwohnung in Eppendorf auf ihn wartet. Ob er schon die Koffer für ihren zweiwöchigen Strandurlaub auf Ibiza gepackt hat?
*****
Maskerade
Der Mann ohne Vollbart betrachtete sich im Spiegel. Alt war er geworden, oder war das nur die Sorge, dass man ihn vielleicht doch verfolgte? Hatte er es sich nur eingebildet, oder war ihm der Mann im Kamelhaarmantel gefolgt? Und was war mit dem anderen Mann, dem mit der dunklen Multifunktionsjacke?
Nachdenklich strich er sich über das bartlose Kinn, auf dem das Make-up einen feinen Schimmer hinterlassen hatte. Er zog das Foto aus der Innentasche seines Jacketts und überprüfte sein Spiegelbild. Ja, er sah genauso aus wie auf dem Foto. Dass er das vergangene halbe Jahr gefastet hatte, kam ihm nun zugute. Er erkannte sich selbst kaum wieder, ohne die Wangenpolster und das falsche Bäuchlein und in der neuen Kleidung.
Der Koffer samt falschem Bart und seiner alten Kleidung war noch vor Abfahrt des Zuges in einem der Schließfächer im Bahnhof zurückgeblieben. Er brauchte ihn nicht mehr, nur noch die Notebooktasche. Die Maskerade war perfekt.
Er nahm er ein paar Blatt Toilettenpapier, feuchtete sie an und korrigierte vorsichtig den Make-up-Rand unter seinem rasierten Kinn. Die Papierfetzen mit den verräterischen bräunlichen Streifen schob er schließlich in das Loch, hinter dem sich der Behälter für die Handtuchpapiere befand, und stopfte drei Handvoll Papier hinterher. Hier in der Zugtoilette würde niemand allzu genau nachsehen. Dann schob er die Brille höher auf seine kurze gerade Nase und bemühte sich um einen in sich ruhenden Gesichtsausdruck.
Der Effekt war perfekt. Man würde ihn für denjenigen halten, den er darstellen wollte, oder zumindest für einen seiner Söhne; oder – falls nicht – so würde es doch eine ganze Weile dauern, bis man in dieser Person im Spiegel ihn in seiner wahren Identität erkannte. Dennoch klopfte sein Herz immer noch bis zum Hals.
„Allahū akbar“, formte er lautlos mit seinen schmalen Lippen, ‚Allah ist groß‘.
Er wartete auf die beruhigende Wirkung dieser Worte, doch heute funktionierte es nicht. Oder lag es daran, dass er hinter jeder Ecke und in jedem Winkel die Verfolger witterte? Er richtete den Sitz der dunklen Hornbrille und zog sich die karierte Mütze etwas tiefer in die Stirn. Er musste sich beruhigen.
Sicherlich, es war nicht gerade hilfreich, dass ausgerechnet der Mann im Zug aufgetaucht war, der ihn womöglich auch ohne Vollbart identifizieren konnte. Aber selbst der würde mehr als einmal hinsehen müssen. Und wer sagte denn, dass Rafik sich nach all den Jahren noch an ihn erinnerte?
„So bist du mir wie ein Bruder“, hallte es mit einem Mal in seinem Kopf wider, „denn auch mein Name ist Sindbad.“
Wie lange war es her, dass sie einander genauso gegenüber gestanden hatten wie die beiden wohl berühmtesten Namensvetter aus den alten Geschichten? Es schien in grauer Vorzeit gewesen zu sein, damals in den Straßen von Damaskus, die sie schließlich als Freunde, Blutsbrüder und – nun ja – Komplizen durchstreift hatten. Ob Rafik immer noch daran dachte?
Wann hatten sie sich zuletzt gesehen – vor zehn oder zwölf Jahren vielleicht? Sie hatten sich nichts mehr zu sagen, seit damals, als sich ihre beiden Welten unwiederbringlich voneinander getrennt hatten.
Einmal, das hatte er im Nachhinein erfahren, war Rafik zu ihm gekommen, aber er hatte es nicht über sich gebracht, ihm persönlich gegenüber zu treten – im Gegenteil, er hatte es beenden wollen, endgültig, und alles dafür getan, dass der Andere so schnell wie möglich wieder verschwand und ihn in Ruhe ließ.
Dabei waren sie einst die allerbesten Freunde gewesen, Zwillingsbrüdern gleich und von demselben brennenden Wunsch beseelt, die Welt zu bereisen wie jener berühmteste aller Seefahrer. Diamanten hatten sie finden wollen, verborgene Schätze und sagenhafte Reichtümer wie in den Geschichten aus der Zeit des großen Harun al-Rashids.
Einen Schatz hatten sie gefunden und tagtäglich bewundert – bis zu jener Nacht und dem Anfang vom Ende. Damals hatte Rafik ihm noch beigestanden und war ein echter Freund und Blutsbruder gewesen, auf den Verlass war. Rafiks Mut und Aufrichtigkeit waren wider alle Erwartungen belohnt worden, sodass zumindest er in den unverhofften Genuss eines Schatzes gelangt war. Damals war die Welt noch in Ordnung gewesen. Aber der Schatten hatte sich herangetastet und sich langsam aber stetig zwischen sie geschoben. Rafik hatte stets mit ihm geteilt, aber dann eines Tages nicht mehr, als er für ihn gebüßt und Rafik den richtigen Schatz gefunden hatte. Was war nur geschehen?
Er hatte seinen Weg gewählt, während Rafik sich für die andere Seite entschieden hatte. Warum? Das wusste keiner von ihnen. Oder doch, es musste in jener Nacht gewesen sein, als ihm die Schlange zum ersten Mal begegnet war; oder war es gewesen als Habibe sich entschieden hatte – gegen ihn und für Rafik. Sie waren fortgegangen, weit weg übers Meer, genau wie Sindbad der Seefahrer, um in einem fernen Land nach Schätzen des Wissens zu graben.
Er selbst war zurückgeblieben. Sein Leben war zusammen gebrochen und erst aus Trümmern wieder auferstanden, als Khaled ihn zu sich gerufen hatte. Von da an hatte das eine das andere ergeben. Er hatte Entscheidungen für sich getroffen, eine nach der anderen – und nun gab es kein Zurück mehr.
Er wusste, warum Khaled ihn nun zurückgerufen hatte. Aber für einen Moment war er versucht, dem Ruf zu widerstehen und stattdessen zu Rafik zu gehen. Würde der einstige Freund ihm verzeihen können?
Aber nein, was gab es schon zu verzeihen? Und wo kamen überhaupt diese gefährlichen Gedanken her? Er musste sich besser im Griff haben. Er konnte es auf keinen Fall riskieren, sich durch seine Unentschlossenheit ans Messer zu liefern. Er wusste, was ihm bevorstand, wenn ihn die Falschen fanden.
Er würde in der Masse untergehen, und das war gut so. Gleichzeitig fühlte er sich unwohl bei dem Gedanken, dass er in seiner neuen Rolle allerlei auf sich nehmen würde müssen, ohne sich dagegen wehren zu dürfen. Er war äußerlich verändert und nur noch ein Schatten seiner selbst; aber ein bisschen Respekt – wäre das denn zu viel verlangt?
Immerhin war er einer der meistgesuchten Männer weltweit, jedenfalls seit der große Vater auf so schreckliche Weise von den Amerikanern ermordet worden war. Er wusste nicht mehr zu sagen, wie oft er sein Aussehen verändert und nur knapp seinen Verfolgern entkommen war. Und auch heute würde er wieder in der Masse untertauchen und verschwinden.
Der Mann ohne Bart grinste seinem eigenen Spiegelbild zu, als er zufrieden bemerkte, um wie viele Jahre jünger er so glatt rasiert wirkte. Rasch nahm er noch etwas von dem mitgebrachten Makeup, dank dem es den Anschein hatte, als ob er schon immer ohne den Vollbart herumgelaufen war. Dann schob er die Tube in die Innentasche seines Jacketts und verließ die Zugtoilette.
*****
Mühsam balanciert Moritz Guth den Couchtisch die gewundene Treppe hinauf. Vielleicht hätte er doch auf seinen besten Freund Basti warten sollen, aber der hilft gerade Olli mit dem Ecksofa, das vom Sprinter unten vor dem Haus bis in die Wohnung im zweiten Stock muss.
Natürlich gibt es in diesem Mehrparteienhaus im vornehmen Freiburger Villenviertel Herdern einen modernen Fahrstuhl, aber der bietet nur Platz für vier Personen oder zwei Personen mit einer Sackkarre voller Umzugskartons. Große Möbelstücke müssen sie über die gewundene und mit dunkelrotem Teppich ausgelegte Treppe hinaufwuchten.
Seit gestern sind sie bereits am Ackern, freundlicherweise tatkräftig unterstützt von Viola, der hübschen Enkelin der Hausbesitzerin, die im dritten Stock eine der Wohnungen mit Eckbalkon bewohnt. Ihre rüstige Großmutter, die den gesamten vierten Stock allein bewohnt und Moritz an die Schauspielerin aus den Schwarzweißfilmen mit Miss Marple erinnert, hat sie vorgestern freundlich begrüßt und das traditionelle Geschenk zum Einzug – Brot und Salz – in einem kleinen Körbchen herunter gebracht.
Moritz weiß nicht mehr zu sagen, wie oft er seither in den Fahrstuhl gestiegen ist, mit Stehlampe oder einer Sackkarre voller Kartons. Nur gut, dass sie nach ihren erfolgreichen Examen einige Wochen frei und somit Zeit haben, ihrem guten Freund Oliver beim Umzug zu helfen.
Obwohl Moritz sportlich und kräftig genug ist, setzt ihm das Möbelschleppen, Sackkarre-Fahren und Treppensteigen langsam zu. Am anstrengendsten aber ist die räumliche Trennung von Lotta. Er vermisst sie und vor allem das Gefühl, das sie ihm gibt: das Gefühl, komplett zu sein.
Die viereinhalb Tage sind ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen, vor allem, weil er sich in den letzten Wochen so sehr daran gewöhnt hat, jeden Abend rundum glücklich neben Lotta einzuschlafen und am nächsten Morgen entspannt neben ihr aufzuwachen.
Schon um Ablenkung zu haben und sie nicht allzu sehr zu vermissen, hat er der Bitte von Olli entsprochen und ist am Freitag mit ihm und Basti zusammen mit dem geliehenen Sprinter die siebenhundert Kilometer von Bremen nach Freiburg gefahren. So muss er nicht die leere Wohnung in Hamburg ertragen, während Lotta auf einem Fortbildungskurs in Frankfurt ist.
Natürlich, er hätte zurück nach Bremen in seine alte Studentenbude ziehen und Basti Gesellschaft leisten können, dessen Verlobte Maja derzeit in Stockholm weilt. Es ist noch nicht ganz geklärt, ob sie zu Basti nach Bremen oder er zu ihr in die schwedische Hauptstadt ziehen wird. Aber das ist etwas, an das Moritz im Moment gar nicht denken möchte.
Als nächstes, das hofft er jedenfalls, wird er selbst es sein, der Umzugshelfer benötigt. Seit Ende April sind er und Lotta bereits auf der Suche nach einer neuen Wohnung, drei Zimmer mit Balkon, aber das ist im Hamburger Westen ein fast genauso schweres Unterfangen wie in der altehrwürdigen Studentenstadt Freiburg im Breisgau.
Zu ihrer Studentenzeit hätte Olli sich wohl auch nie eine solche Wohnung ganz für sich allein leisten können; aber selbst ohne seine Ex-Freundin, die ihn direkt vor dem Examen für einen BWL-Dozenten verlassen hat, wird er es mit dem vergleichsweise gut bezahlten Job als Doktorand für Mathematik inklusive Lehrauftrag jedoch gut in dieser neuen Wohnung aushalten können. Und, wenn Moritz richtig vermutet, ist Olli sowieso längst über seine Ex hinweg.
„Wenn ihr mögt“, hört er da Violas helle Stimme über sich, als er um die letzte Biegung der Treppe kommt und den Couchtisch vorsichtig auf dem Absatz vor Ollis Wohnung abstellt, „dann kommt doch nachher um Zwei zum Mittagessen. Meine Oma hat Lasagne vorbereitet.“
„Vielen Dank“, antwortet Olli sofort. „Die Einladung nehme ich gerne an. Aber leider erst nachdem ich meine Freunde zur Bahn gebracht habe.“
Moritz kann nicht umhin, eine gewisse Befriedigung in seiner Stimme zu hören. Oder bildet er sich das nur ein, genau wie die Blicke, die Olli der ein bisschen rundlichen, aber nichtsdestotrotz ausgesprochen hübschen Viola zuwirft?
„Dann können wir ja zusammen fahren“, freut sich Viola. „Ich bringe Oma auch zum Zug. Sie fährt zu meiner Tante, die in Wedel bei Hamburg wohnt.“
„Wunderbar“, lächelt Olli und hält Moritz mit einem siegessicheren Zwinkern die Tür auf. „Dann wäre das ja geklärt.“
„Vorsicht“, warnt Moritz leise im Vorbeigehen. „Du bist gerade erst eingezogen und willst es dir doch nicht gleich mit der Besitzerfamilie verscherzen.“
Olli grinst schief, sieht dabei aber Viola hinterher, die winkend und einladend mit den runden Hüften wackelnd die Treppe hinaufgeht. Im dritten Stock wird sie von ihrer eher scheuen Mitbewohnerin Karen empfangen. Moritz hört, wie hinter der geschlossenen Wohnungstür ein mädchenhaftes Kichern aufbrandet.
„Oh je!“ murmelt Basti, der soeben schwitzend aus der Wohnung zurückkehrt. „Bin ich froh, dass wir das hinter uns haben. Oder was meinst du?“
Moritz zuckt unbestimmt mit den Schultern. Hat er es wirklich hinter sich? Nun, er wohnt seit kurzem mit Lotta zusammen und plant mit ihr ein gemeinsames Leben in Hamburg, wo er ab August an einem altsprachlichen Gymnasium eine Stelle als Referendar für Sport und Mathematik hat. Aber wer sagt denn, dass es für sie eine gemeinsame Zukunft gibt?
Auch wenn er sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen kann, ist das die Garantie dafür, dass sie es schaffen werden? Sein Glück mit Lotta macht ihm Angst, genau wie er sich jetzt ohne sie nur wie ein halber Mensch fühlt. Es ist so gut und wunderbar richtig mit ihr, dass er fürchtet, mit einem Paukenschlag aus seiner rosaroten Wolke zurück in die harte Wirklichkeit gerissen zu werden, bald schon. Oder ist das nur ein Anflug von Paranoia?
Nachdenklich geht er hinter Basti die Treppe hinunter, um den Rest der Kartons aus dem Sprinter zu holen. Sie haben noch eine gute Stunde, bis sie mit der Straßenbahn zum Bahnhof fahren müssen. Er hat noch gut drei Stunde auszuhalten, bis er in Lottas Gegenwart endlich wieder komplett ist.
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Sindbad lud sich die Bürde auf und verfolgte den ihm angegebenen Weg. Dieser führte ihn an dem Hause Sindbad des Seefahrers vorüber, und da der Träger sehr ermüdet war, so legte er seinen Packen nieder, um ein wenig zu ruhen… Er sah in das Haus hinein und erblickte viele Diener und Sklaven und die feinsten Speisen und allerlei Gewürze, wie man es gewöhnlich nur bei Königen und Sultanen findet…
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Zielperson
Der sportliche junge Mann seufzte und streckte sich in seinem blauen Polstersitz am Fenster. Das dicke abgegriffene Buch lag aufgeschlagen vor ihm auf dem ausgeklappten Tisch, weithin erkennbar als das Hauptwerk Friedrich Nietzsches, das genauso zu seiner Tarnung gehörte wie die modischen Turnschuhe, die Schirmmütze, die Nickelbrille, der schäbige Parka am Haken über ihm und der praktische Rucksack mit dem roten Ansteck-Pin daran, auf dem ein Konterfei von Che Guevara kühn gen Zukunft blickte.
Von seinem Platz hatte er den Durchgang zum Speisewagen gut im Blick, wo jeden Moment Dietze auftauchen würde, der ihre Zielperson bereits in Zürich auf dem Bahnsteig ausgemacht hatte, sodass Rob sich gleich nach Abfahrt des Zuges unauffällig auf Position begeben konnte, während Dietze und er selbst die Absicherung und weitere Planung machten. Im nächsten Bahnhof würden sie sich als vermeintliche Raucher kurz auf dem Bahnsteig treffen und abstimmen.
Der Plan war simpel – bei der ersten Gelegenheit diesseits der Grenze konnte es losgehen. Spätestens in Frankfurt mussten sie beginnen. Denn dort, so hatten sie abgemacht, würden sie sich auch mit der Observierung ablösen, um keinen Verdacht zu erregen.
Rob machte die Observierung bis Freiburg und saß nun schon seit knapp zwei Stunden beim verspäteten Mittagessen im Speisewagen, während es ihm selbst zukam, hier am Beginn der 2. Klasse den Fluchtweg in die andere Richtung abzusichern. Der schwerste Teil des Auftrags aber lag noch vor ihnen; oder vielmehr: vor ihm.
Der junge Mann unterdrückte ein Seufzen und nahm das dicke Buch wieder zur Hand, auch wenn er bisher keine einzige Seite gelesen – und selbst wenn, noch weniger verstanden – hatte. Es kam nur darauf an, bis zum Zugriff seine Rolle zu spielen und den Anschein zu wahren, nur ein harmloser Student zu sein.
Das Lesezeichen in dem dicken Buch zeigte das grüne Gesicht des berühmtesten Jedi-Meisters, was die Ambivalenz eines Philosophie-Studenten mit Nietzsche unterm Arm aber Star Wars im Herzen darstellen mochte, wenn jemand mehr als einmal hinsah. Niemand, nicht einmal sein neues Team, ahnte, wer er wirklich war. Er war ‚Luke‘, aber das wusste nur sein altes Team, seine Kameraden, die damals genau wie er durch die Hölle gegangen waren.
Während der Schnellzug weiterhin mit über hundertfünfzig Stundenkilometern nach Norden rollte und nicht überzeugte, wirklich wie auf den Displays an den Eingängen angezeigt bald Mannheim und danach die Bankmetropole Frankfurt am Main zu erreichen, ging der sportliche junge Mann den Plan im Geiste noch einmal durch.
Schritt für Schritt sagte er sich innerlich die Handlungen auf, die ihm auf einen Schlag zu einem geachteten Mitglied seiner neuen Truppe machen würden. Er hasste es, der Neue zu sein und von seinen neuen Kameraden – und wohl auch von den Vorgesetzten – nicht ernst genommen zu werden. Aber heute würde er das Blatt wenden, selbstverständlich zu seinen Gunsten. Ab morgen würde er zur Truppe dazu gehören, ein Teil des Teams sein und von den Kameraden ernst genommen werden.
Er schluckte, als ihm bewusst wurde, dass er immer noch die Wörter ‚Truppe‘ und ‚Kameraden‘ gebrauchte, auch wenn von beiden kaum noch etwas übrig war – seit dem Tag vor sieben Jahren, als Frido zum Krüppel wurde.
Unbarmherzig sprangen die Bilder und Erinnerungen plötzlich wieder vor sein geistiges Auge und ließen ihn schwerer atmen. Es war ihm, als ob er wieder die Granaten pfeifen hörte, die peitschenden Gewehrschüsse und das Krachen der Mauern, als das Dach einstürzte.
Er zwang sich, nicht daran zu denken. Er konnte es jetzt nicht gebrauchen, dass er vom posttraumatischen Stress im Würgegriff gehalten und damit um seine Zukunft gebracht werden würde. Doch das war leichter gedacht als getan.
Wie schüttelte man seine Dämonen ab, die zu einem gehörten wie der eigene Schatten? Das war eine der wichtigsten Fragen, die auch ein noch so guter Therapeut nicht beantworten konnte.
Der sportliche junge Mann, den sein bester Freund einst ‚Luke‘ getauft hatte, blätterte lustlos eine Seite um, während er im Geiste den verabredeten Plan durchging. Er war gut vorbereitet, er hatte alles dafür getan, vorbereitet zu sein. Anders als damals würde er nie wieder unvorbereitet in eine Aktion gehen.
Er schob unauffällig eine Hand in die Tasche seines Parkas, der neben ihm am Haken hing. Er spürte das Insulinbesteck in seinem Etui, die kleine Tube und den metallenen Gegenstand.
Alles war da, wo es sein sollte. Es konnte losgehen, sobald Rob meldete, dass sich die Zielperson in einer günstigen Position befand. ‚Luke‘ zog die Hand aus der Jackentasche, die sich um sein Smartphone geschlossen hatte, und prüfte die neuesten Meldungen.
‚Abwarten‘, hatte Rob geschrieben. ‚Nicht vor Freiburg möglich.‘
‚Luke‘ unterdrückte einen Seufzer und überlegte, ob er es wagen konnte, eine Nachricht an Frido zu senden. Sein bester Freund würde es wissen wollen, dass er unterwegs war in den Norden. Und er würde sich mit ihm freuen, wenn er nach der erfolgreichen Operation belobigt und respektvoll vollends in seinem neuen Team angekommen sein würde.
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Christoph Habermas reicht der grauhaarigen Dame hilfsbereit seinen Arm. Sie gelangt wohlbehalten auf dem Bahnsteig an, der um diese frühe Nachmittagsstunde gut gefüllt ist.
