Die Spur des Austernfischers - Fee-Christine Aks - E-Book

Die Spur des Austernfischers E-Book

Fee-Christine Aks

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Beschreibung

Eigentlich wollen Lotta und Moritz nur ein paar Tage Urlaub machen. Da kommt die Einladung ihrer Freundin Maja gerade recht, zum 95. Geburtstag von Majas Großvater eine Woche auf einer kleinen schwedischen Insel zu verbringen. Kaum angekommen ist jedoch Lottas berufliche Erfahrung als Polizeikommissarin gefragt. Ein zehnjähriger Junge ist verschwunden und darüber hinaus wird auch noch die Leiche eines Dreizehnjährigen gefunden… Zweiter Teil der StrandtGuth-Kriminalroman-Serie von Fee-Christine Aks.

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Seitenzahl: 702

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Fee-Christine Aks

Die Spur des Austernfischers

Roman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung - Motto - Vorbemerkung

Prolog

Mittwoch, 15. April 2015.

Donnerstag, 16. April 2015.

Freitag, 17. April 2015.

Samstag, 18. April 2015.

Sonntag, 19. April 2015.

Montag, 20. April 2015.

Dienstag, 21. April 2015.

Mittwoch, 22. April 2015.

Donnerstag, 23. April 2015.

Freitag, 24. April 2015.

Epilog

StrandtGuth (Serie)

Mehr von der Autorin?

Impressum neobooks

Widmung - Motto - Vorbemerkung

Für Jasmin Hediye

Ich mach mir die Welt… wie sie mir gefällt.

(frei nach Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“)

Imagine… Nothing to kill or die for…

Imagine all the people living life in peace…

Imagine all the people sharing all the world…

(John Lennon)

Vorbemerkung

Björkö, die schwedische Ostsee-Insel, auf der ein Teil der Handlung dieser Geschichte spielt, ist fiktiv und nicht zu verwechseln mit der Insel gleichen Namens im großen Mälarensee oder der im weitläufigen Schärengebiet südöstlich von Stockholm.

Die hier beschriebene Insel Björkö existiert nicht und hat so nie existiert, ebenso wenig wie die als umliegend beschriebenen Inseln Stormalm, Lillemalm, Lindholm und Riddarsteen, die von der Autorin zwischen die Inseln südöstlich von Stockholm verortet worden sind, um eine Kulisse für diesen Kriminalroman zu bilden.

Auf ihren Reisen durch Schweden hat die Autorin neben Stockholm und Göteborg auch einige weitere Städte, Ortschaften und Inseln in den Schären kennen und lieben gelernt. Die hier beschriebenen Inseln leihen sich Eindrücke von den Inseln Donsö und Läckö südwestlich von Göteborg, sind aber keinesfalls mit diesen identisch; die Stadt Stockholm wiederum ist die real existierende Hauptstadt Schwedens. Selbst wenn Orte, Straßen o.ä. aus dem Stadtalltag genannt werden, so ist dies jedoch ausdrücklich keine wahrhaftige Aussage über die Stadt oder ihre Bewohner.

Zum Schluss noch eine Bemerkung zu Religion und Ideologie: In dieser Geschichte wird mehrfach auf Religionen und Ideologien Bezug genommen. Dies geschieht im Rahmen der Handlung und aus Perspektive der jeweils handelnden Figuren und ist keinesfalls die Haltung der Autorin gegenüber der jeweiligen Religion oder Ideologie. Die Autorin möchte an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen, dass sie den Islam an sich als Religion respektiert, gegen jede Form von Fremdenhass und Diskriminierung sowie für einen Austausch zwischen Religionen und Kulturen ist.

Diese Geschichte ist frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind zufällig und unbeabsichtigt.

Prolog

Dienstag, 18. September 2001.

Er lief und lief, aber sie holten ihn doch ein. Er spürte, wie er zu Boden gestoßen wurde. Er konnte ihren heißen Atem spüren, als sie sich über ihn beugten. Er verstand kaum, was sie riefen und wie sie ihn verhöhnten. Diese Sprache war so kompliziert, so hart und ohne Melodie. Er wünschte, sie würden aufhören, denn es tat in seinen Ohren weh. Doch er wusste, dass dies nur der Anfang war. Sie würden gleich beginnen, ihn zu treten und zu bespucken.

Er fühlte, wie seine Arme gepackt wurden. Er wehrte sich nicht. Es hatte keinen Sinn. Sie waren stärker und außerdem zu viert. Beim ersten Mal, ja, da hatte er noch versucht sich zu wehren. Aber dadurch hatte er es nur schlimmer gemacht, da es sie anstachelte.

Er betete zu Gott, dass sie es diesmal bei den Schmähungen belassen und ihn einfach nur in den Müllcontainer hinter der Turnhalle werfen würden. Aber er ahnte schon, dass es genauso sein würde wie immer, als sie ihn davonschleiften. Er rief nicht und versuchte auch nicht sich loszureißen, als sie ihn in den kleinen Abstellraum neben den Müllcontainern schleppten.

Der Betonboden war kalt und hart und es roch nach Dreck, Schweiß und Urin. Ihm wurde übel, als sie ihn mit dem Gesicht nach unten auf den grauen Boden pressten. Er dachte an seine kleine Schwester, die nun am Tor der Grundschule schräg gegenüber umsonst auf ihn wartete.

Er dachte kurz an seinen Vater. Von ihm war keine Hilfe zu erhoffen, genauso wenig wie von dem verdammten ‚Mistkerl‘, der ihm nicht half und all seinen Anschuldigungen wie immer keinerlei Gehör schenken würde. Es gab keinerlei Hilfe, von niemandem. Er war allein.

Doch in ihm war eine Flamme, die nie erlosch. Da war das Feuer, das in ihm brannte und ihm Kraft gab. Und eines Tages würden sie begreifen, wie stark er wirklich war, dieser uneingeschränkte Glauben, den sie nun verdammten wie an allen Tagen seit Dienstag vergangener Woche.

Er hatte es gewusst, irgendwie geahnt, dass er nicht ganz allein war. Einer war da für ihn, hatte sich zu erkennen gegeben und damit seiner Welt einen Sinn gegeben. Und er würde ihn stolz machen. Dafür würde er alles tun, das hatte er geschworen.

Er schluckte das Blut hinunter, das aus seiner aufgeplatzten Lippe in seinen Mund quoll. Er versuchte die Schmerzen auszublenden, genau wie die miesen Beleidigungen, mit denen die ‚Saukerle‘ ihm zusetzten. Eines Tages würden sie begreifen, wie stark er wirklich war. Und sie würden dafür bezahlen, für alles, was sie ihm angetan hatten. Auch der verdammte ‚Mistkerl‘, ja, er würde ganz besonders zahlen – dafür, dass er weggesehen und nichts getan hatte. Dieser verdammte ‚Mistkerl‘, er war an allem schuld; denn er hatte ihn allein gelassen mit den ‚Saukerlen‘, deren Brutalität keine Grenze hatte.

Fast wünschte er sich zurück in die Zeit, als es angefangen hatte. Damals hatten sie ihn nur mit seinem Akzent aufgezogen, doch das war lange her, jedenfalls kam es ihm so vor, auch wenn es tatsächlich nur wenige Monate her war, dass er an diese Schule gekommen war. Es hatte kaum zwei Stunden gedauert, bis er die erste Bekanntschaft mit diesen ‚Saukerlen‘ gemacht hatte, die ihn nun mit spürbarer Befriedigung quälten.

Er ertrug ihre gezischten Beleidigungen, die Tritte und ihren Speichel, der von seinem Nacken langsam seine Wangen hinunterlief. Er stöhnte leise, aber er schrie nicht. Er lag einfach nur da und betete.

*****

APUZJ JLIQU JZGXX JEQOT JEJPD

JQUJJ MGEFJ QDZRJ UEOTJ QDJMZ

VMSPJ RMXWQ NQFDJ EFMTX WAZFA

TMZPJ QXENJ MZWJJ BMEEJ IADFJ

OAPQJ ZMYQJ XQFLJ FJFMS JQZPQ

*****

Mittwoch, 15. April 2015.

Er erschrickt. Der böse Mann ist plötzlich da. Das breite Gesicht ist wutverzerrt und rot wie beim Indianer-Joe. Und wie der Indianer-Joe schreit der böse Mann und hebt die Arme. Er hat Angst. Der böse Mann ist entfernt, aber nah, viel zu nah. Er läuft, weg, nur weg.

Hinter sich hört er den bösen Mann fluchen. Halb bildet er sich ein, den Windhauch eines Wurfmessers an seinem Ohr zu spüren. Er selbst ist nun kein Indianer mehr, er ist Tom Sawyer. Er hat gesehen, was der böse Indianer-Joe getan hat. Er ist Zeuge. Er hat etwas gesehen, das er nicht hätte sehen dürfen. Er hat etwas gefunden, das er nicht hätte finden dürfen. Und er weiß etwas, das er nie hätte erfahren dürfen – auch wenn er nicht genau weiß, was er mit diesem Wissen anfangen soll.

Es muss wichtig sein, denn sonst würde der böse Indianer-Joe ihn nicht so gnadenlos jagen. Er muss ihm entkommen und zum Friedensrichter Thatcher laufen, bevor der böse Mann ihn eingeholt hat.

Er läuft wie gejagt vom Teufel, und das ist der böse Indianer-Joe ja irgendwie auch. Er hört ihn hinter sich schreien und keuchen, der böse Mann läuft auch. Er läuft schneller, der böse Mann auch. Die Worte, die der böse Mann schreit, hallen in seinen Ohren wie tausend Kirchenglocken. Er duckt sich unter den Worten und unter den Zweigen der Birken hindurch. Er läuft und atmet schnell. Es sticht in den Seiten, als er den Steg sieht. Der Steg ist leer.

„Warte, du kleine Mistkröte!“

Es ist der böse Mann, der Indianer-Joe, der das schreit. Niemand ist da, der es hören könnte. Es ist egal, wohin er läuft. Hier ist niemand außer dem bösen Mann. Niemand ist da, der ihm helfen könnte, nicht einmal Mama. Da ist nur der böse Mann, der wutschnaubend näher und näher kommt; sein leichtes Humpeln macht ihn nicht langsamer, sondern nur noch wütender.

„Bleib stehen! Verdammt nochmal, hörst du schlecht?“

Er bleibt nicht stehen, sondern rennt weiter. Er muss hier weg, weit weg von dem bösen Mann und von dem grünen Schuppen unter den weißen Birken. Nur der böse Mann weiß, dass er dort gewesen ist. Und nur er und der böse Mann wissen, was er dort gemacht hat.

„Jetzt bleib doch stehen, verflucht nochmal!“

Der böse Mann hat ihn fast erreicht. Er kann schon den keuchenden Atem in seinem Nacken spüren. Er weiß, dass er etwas Verbotenes getan hat. Und der böse Mann weiß es auch.

Deshalb darf er sich auf keinen Fall fangen lassen. Er springt über die flachen grauen Steine, die jetzt bei Südwestwind neben dem hochgezogenen Steg ins Wasser hinaus führen.

Wenn er nur das Floß erreichen kann, das dort am Pfahl auf ihn wartet, dann kann er es schaffen und dem bösen Mann entkommen. Dann ist er Huckleberry Finn, und den kann niemand aufhalten, weder der alte Finn noch der Indianer-Joe oder die Banditen auf dem Wrack.

„Warte, verdammt nochmal!“

Doch er wartet nicht. Er nimmt all seine Kraft zusammen und springt leicht wie ein Floh von Stein zu Stein, bis er endlich den Pfahl erreicht. Der Knoten ist fest und widersteht seinen zitternden Fingern. Kostbare Sekunden gehen verloren, in denen der böse Mann immer näher und näher kommt.

Als der Knoten sich endlich löst, springt der böse Mann schon vom Ufer aus auf den Steg und poltert dort oben vor bis zur äußeren Kante, wo die Leiter ins Wasser hinunterführt. Mit einem großen Schritt könnte der böse Mann den letzten Stein und den Pfahl davor erreichen.

Doch das Floß ist endlich frei. Er stößt sich mit dem langen Stock kräftig vom Stein ab und spürt, wie die zusammen gebundenen Birkenstämme von der Strömung erfasst werden. Gerettet.

Der böse Mann bleibt oben auf dem Steg stehen und schüttelt keuchend die Fäuste. Er ruft etwas, das wie ein Knurren klingt. Doch es sind Worte, Worte in der Sprache dieses Landes, die nun zu ihm herüber wehen. Böse Worte.

„Wenn ich dich erwische, das schwöre ich dir, dann bringe ich dich um!“

Ein eisiger Schauer überfährt ihn und lässt den Stock in seiner Hand zittern. Er ist entkommen, vorerst jedenfalls. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis er von dem bösen Mann erwischt wird. Er muss weg, weit fort. Wie Huck. Er gleitet hinaus in die Strömung. Auf und davon.

*****

Fragestunde

Die Zigarette glühte auf. Gleich einem rot-orange-farbigen Lämpchen wurde das eine Ende heller und heller, während die schmalen Lippen auf der anderen Seite langsam die Luft einsogen. Je heller das glühende Ende wurde, desto mehr verstärkte sich auch der kalte Glanz in den Augen des Mannes, der sich ‚Eiswolf‘ nannte. Der Ausdruck seines noch jungen Gesichts war nicht zu entziffern, es war maskenhaft. Es war kein guter Ausdruck.

Der Mann warf einen kurzen Blick durch den Raum, der in diffuses Dämmerlicht getaucht war. Grau war alles hier und herunter gekommen, genau wie früher. Er hasste dieses Land, weil es ihn an seine eigene Schwäche erinnerte, damals. Doch seit er zurückgekehrt war, musste er es hier aushalten und seine Rolle gut spielen. Zu Anfang hatte er Schwierigkeiten gehabt, sich wieder zurechtzufinden und vor allem mit der Kälte zurecht zu kommen, die er ganz vergessen hatte. Es fiel ihm zunehmend leichter, aber es war immer noch schwer. Zudem war es kalt in diesem Land, so kalt wie es nur im Tod war; schon darum hatte er seinen Decknamen mit gewissen Hintergedanken ausgesucht. Der Welt gegenüber zeigte er tagtäglich sein unverdächtiges Gesicht, während er im Inneren den Tag herbeisehnte, an dem es vorbei sein würde.

Der Mann sah hinüber zum Stuhl, wo ein zweiter Mann mit gefalteten Händen saß, und erntete ein Nicken. ‚Polarwolf‘ hatte entschieden, es war ein Befehl. Der Mann, der sich ‚Eiswolf‘ nannte, holte tief Luft und nickte langsam. Dann nahm er einen weiteren langsamen genüsslichen Zug aus der Zigarette und trat näher an den rostvernarbten Eisenträger heran.

Der schmächtige Körper, der dort in den Paketbandstreifen hing, zuckte zurück, als der Mann die Zigarette aus dem Mund nahm. Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg dem Mann in die Nase. Er zuckte nicht einmal mit einer Wimper. Es war eine alte Wahrheit: Wer nicht hören konnte, musste fühlen.

Der Mann auf dem Stuhl sagte ein paar Worte, die fast wie ein Gedicht klangen. In ihrer Sprache klang alles melodisch und wie ein Gedicht – auch wenn es sich dabei um einen Befehl handelte. Der Mann, der sich ‚Eiswolf‘ nannte, schmeckte die Worte nach, beinah mit Genuss.

Der Mann auf dem Stuhl sah ihn abwartend an. Der Blick glich einer stummen Herausforderung. Es gab kein Zurück, das war ihnen beiden klar. Der Befehl war gegeben; nun kam es nur noch darauf an ihn auszuführen. Der Mann, der sich ‚Eiswolf‘ nannte, atmete ruhig. Diesmal lag es an ihm, das wusste er.

„Worauf wartest du?“ schwebte eine lauernde Frage durch das Dämmerlicht.

Es war der Mann auf dem Stuhl, der gesprochen hatte. Sein scharfer Blick war gnadenlos und voller Herausforderung.

Da sprach auch der Mann mit der Zigarette. Er sprach nur vier Worte, die dröhnend in der Dämmerung schwebten, obwohl er leise gesprochen hatte. Es war eine Frage. Er hatte sie schon mehrmals gestellt, in der harten Sprache dieses Landes, und immer die gleiche Antwort erhalten. Doch er wusste, dass er nicht die Wahrheit zu hören bekam. Und sie brauchten die Wahrheit, gerade jetzt.

Die Worte verklangen, als der schmächtige Körper am Eisenträger sich stärker zu winden begann. Der süßliche Gestank von verbranntem Fleisch verstärkte sich. Der Klebestreifen auf dem Mund erstickte jedes Geräusch, aber das Kopfschütteln war Antwort genug. Der kleine Bursche war zäh. Sein standhaftes Leugnen nötigte Respekt ab, auch wenn ihnen allen drei klar war, dass dieses Frage-und-Antwort-Spiel nicht ewig so weitergehen konnte.

Der Mann trat den Zigarettenstummel aus und machte nachdenklich ein, zwei Schritte rückwärts. Er musste nachdenken. Was hatte er gelernt? ‚Angst ist eine Waffe‘. Und Angst konnte man dosieren. Das gleiche galt auch für Schmerz. Wie bei einem Feuer konnte man bei Angst und Schmerz immer noch nachlegen, bis der Widerstand brach.

Irgendwann war für jeden die Grenze erreicht. Spannend blieb, wo diese Grenze lag und wie weit man gehen musste, um sie zu erreichen. Manche ertrugen die allerschlimmste Folter, andere wiederum knickten bereits bei der allerkleinsten Androhung von Schmerzen ein.

‚Drohen‘, hatte sein Ausbilder gesagt, ‚kannst du nur für kurze Zeit. Danach nehmen sie dich nicht mehr ernst. Du musst ihnen zeigen, dass du stark bist und dich nicht scheust, Gewalt anzuwenden. Erst dann respektieren sie dich.‘

Das hatte damals gegolten, und für heute galt es genauso, wenn nicht sogar noch mehr. Der Mann, der sich ‚Eiswolf‘ nannte, verengte seine harten Augen; der kleine Bursche nahm ihn nicht ernst. Denn als ‚Polarwolf‘ gefragt hatte, da war die Antwort prompt und zu ihrer Zufriedenheit gewesen.

Vielleicht hatte der kleine Kerl gespürt, dass sie die Antwort eh schon kannten; vielleicht war ihm bei der letzten Frage – der wichtigsten – nicht klar geworden, wie wichtig die wahrheitsgemäße und allumfassende Antwort war.

Denn damit ihr Plan Erfolg hatte, musste er geheim bleiben. Nur sie, die Brüder im Geiste, durften davon wissen. Deshalb war es so wichtig, dass sie unerkannt blieben und ihre Tarnung bestehen blieb – besonders die seine. Es war sein Auftrag, er war der Auserwählte.

Der Mann, der sich ‚Eiswolf‘ nannte, gestattete sich einen Augenblick, um in wohligen Phantasien zu schwelgen. Ja, er würde ein Held sein und zudem würde er endlich seine Rache haben.

Dafür musste er sichergehen, dass niemand den Plan durchkreuzte; erst recht nicht so eine elende kleine Mistkröte, die sich weigerte ihm zu antworten. Es war klar, der Kleine nahm ihn einfach nicht ernst. Hätte er sonst nicht längst die Frage beantwortet? Es war an der Zeit, härtere Bandagen anzulegen.

‚Polarwolf‘ hatte das Wort ausgesprochen, das eine, das keinen Widerstand und keine Gnade duldete. Es musste geschehen, das wusste er – und je mehr Kälte er zeigte, desto besser. Er spürte den lauernden Blick und wusste, dass es keinen Ausweg gab. Er musste handeln, kühl und gleichgültig.

Nachdenklich blickte sich der Mann in dem kahlen kalten Raum um. Außer dem Stuhl, auf dem ‚Polarwolf‘ schweigend und mit verschränkten Armen Platz genommen hatte, gab es hier nur Schrott.

Mehrere Stapel alter Autoreifen standen unordentlich und in sich zusammen gestürzt zwischen den verrosteten Metallteilen und sonstigen Materialien, die man hier im reichen Westen zur Reparatur motorisierter Fortbewegungsmittel benötigte oder vielmehr: benötigt hatte. Die Lagerhalle war wie die Werkstatt nebenan und der Rest des Geländes seit über zehn Jahren nicht mehr in Betrieb.

Langsam wanderte der Mann an den unordentlichen Haufen Schrott entlang, bis sein Blick schließlich auf den verrosteten Schraubenschlüssel fiel, der neben einem kleinen Hammer mit abgebrochenem Griff und einer kleinen Metallsäge auf dem staubigen Boden lag.

Kurz entschlossen griff er danach und wog die drei Gegenstände prüfend in der Hand, bevor er sich mit einem süffisanten Grinsen zu seinem Opfer umdrehte, das schlapp an fixierten Armen vor dem Eisenträger hing.

„Du willst mir also nicht antworten“, stellte der Mann gleichgültig fest und hob den Hammerkopf auf Höhe des schweißglänzenden Gesichts, in dem die dunklen Augen unter schwer gewordenen Lidern zuckten. „Aber ich will, dass du mir antwortest. Das gehört sich so. Das nennt man Respekt. Also, ich frage dich noch einmal…“

Er wiederholte leise seine Frage, die der Junge wie all die Male zuvor mit einem stummen Kopfschütteln beantwortete. Der Mann musterte das kleine Gesicht nachdenklich, bevor er mit einem Ruck den Klebestreifen abzog, der den Mund des Jungen verschlossen hatte. Vielleicht kam er so schneller weiter, wenn er es fürs Erste auf die nettere Art versuchte.

Doch als er erneut seine Frage stellt, reagierte der Junge überhaupt nicht. Mit einem knappen Kopfschütteln hob der Mann die Hand mit dem Hammer darin hoch über seinen Kopf, zögerte für den Bruchteil einer Sekunde, um sein Ziel zu fixieren, und ließ den Arm dann gleich einer Peitsche niederschwingen – direkt auf die nackte Flanke des Jungen zu.

Der Junge schrie nicht und zuckte auch nicht zusammen. Er hatte die Augen fest geschlossen, während seine aufgerissenen Lippen leicht zitterten und sich feine Blutströpfchen wie winzige rote Knospen darauf entfalteten. Diese apathische Ruhe war seltsam und brachte den Mann beinah aus dem Konzept. Er war es gewohnt, dass sich wenigstens eine kleine Reaktion zeigte. Darauf konnte er aufbauen, so hatte er es gelernt.

‚Finde den schwachen Punkt‘, hatte sein Ausbilder gesagt. ‚Jeder hat einen. Schon kleinste Regungen verraten dir, wo du weiterbohren musst. Beobachte genau und du wirst sehen, jeder verrät sich.‘

Ganz anders aber dieser kleine Bursche hier. Der Mann war sich nicht einmal sicher, ob der Junge das Auftreffen des Hammers überhaupt noch spürte. Er gab keinen Laut von sich, sondern hing stumm an seinen gestreckten und bestimmt mittlerweile längst taub gewordenen dünnen Armen, die Kleider in Fetzen um die Hüfte hängend.

Der Hammerkopf hinterließ einen hässlichen roten Fleck auf Höhe der Nieren, dicht neben den kreisrunden dunkelrot-schwarzen Stellen verbrannten Fleisches. Ein Treffer in die Nieren, das wusste der Mann aus eigener Erfahrung, jagte Wellen des Schmerzes durch den ganzen Körper, so heftig und peinigend, dass es nur von einem gezielten Tritt zwischen die Beine übertroffen werden konnte.

Der Junge keuchte nicht einmal, auch wenn sein Atem eine Nuance schneller wurde. Der Mann beobachtete interessiert und mit einer Spur von Neugier, wie die geschlossenen Augenlider zu zittern begannen, als der Schmerz offenbar erst mit einiger Verspätung das Gehirn des Jungen erreichte. Ein feiner Schauer ließ den schmächtigen Körper für einige Sekunden erbeben. Doch noch immer kam dem Jungen kein Laut über die Lippen.

Der Mann stellte erneut seine Frage. Der Junge antwortete nicht, aber er zuckte vor Schmerz zusammen, als der Mann ohne Vorwarnung den Hammer mit der spitzen Kante zwischen die zerschlissenen Streifen Jeansstoff sausen ließ und die empfindlichste Stelle eines jeden Mannes traf.

Der Mann wartete einen Moment, bevor er seine nächste Frage stellte. Diesmal war es ihm, als ob der Junge antworten wollte. Natürlich wollte er nicht, dass der Hammer ihn noch einmal traf – solange, bis zwischen seinen Beinen nichts mehr übrig sein würde, das ihn von einem Mädchen unterscheiden konnte.

Der Mann erwartete eine Antwort, doch der Junge presste nur die Lippen fester aufeinander und schwieg. Leise seufzend nahm der Mann den Hammer in die linke Hand und hob stattdessen den rostigen Schraubenschlüssel in die Höhe, um ihn wieder ohne Vorwarnung nach unten sausen zu lassen. Er hörte das hässliche Splittern von Knochen, als das Metall das Jochbein des Jungen traf.

Das Gesicht zuckte zur Seite, um die verletzte Wange zu schützen, doch es kam nicht weit, da die Fesseln kaum eine Bewegung des Körpers zuließen, schon gar nicht eine ausweichende.

Der Mann sah auf die Displayanzeige seines Smartphones. Er wusste, wann er heute angefangen hatte. Niemals hätte er geglaubt, dass der kleine Bursche so lange durchhalten würde. Ob es ein Fehler gewesen war? Vielleicht hatten sie sich getäuscht?

Aber nein, es hatte schon alles seine Richtigkeit. Der Mann gab sich einen Ruck und wechselte erneut die Werkzeuge, um es noch einmal mit dem Hammer zu versuchen. Sobald der Schmerz abebbte, das wusste er, war die Angst vor neuen Schmerzen am höchsten. Und genau das musste er nutzen.

Er holte aus und zielte erneut auf die zerrissene Jeans. Dieses Mal zuckte der Junge heftig zusammen und bäumte sich in seinen Fesseln auf, auch wenn er weiterhin keinen Laut von sich gab. Doch seine schmale nackte Brust mit den hässlichen Brandmalen darauf hob und senkte sich stärker als zuvor, während sein Atem erneut eine Spur schneller wurde.

Der Mann grinste zufrieden. Er war auf dem richtigen Weg. Er hatte die Dosis richtig gewählt und würde sie langsam aber stetig steigern – solange, bis er die Grenze des Jungen gefunden hatte.

Testweise strich er langsam mit dem kühlen Hammerkopf über die nackte Haut des Jungen, ließ das Metall vom Brustbein hinunter zum Bauchnabel und am Saum der kaputt gerissenen Jeans entlang wandern, unter der es in den grauen Shorts heiß war und heftig bebte. Eine Schwelle war überschritten. Der Mann wiederholte seine Frage. Doch die Antwort war Schweigen.

*****

Steppenwolf an Polarwolf

Betreff: Partyplanung.

Im Frühling ist es soweit, die große Party soll steigen. Details folgen. Ideen für Gästeliste?

*****

Ludmilla Zettergren blickt auf, als die Türglocke klingelt. Die Lindholm-Kinder sind gerade gegangen – die beiden aschblonden Jungen die Taschen randvoll mit Süßigkeiten, während ihre große Schwester Britta die große braune Papiertüte mit den Einkäufen im Arm gehalten hat wie ein Kleinkind. Ob sie wohl noch etwas vergessen haben?

Doch es sind weder Birger noch der kleine Benka oder Britta, die ordentlich die Ladentür hinter sich geschlossen haben, sondern eine junge Frau mit blauen Augen und goldblonden Zöpfen unter einem modisch bunten Kopftuch, das wie ein kleines Dreieck ihren Scheitel bedeckt.

„Hej Kiki“, sagt Ludmilla erstaunt. „Schon zurück?“

„Der Verleger konnte sich nicht entscheiden“, seufzt die Goldblonde und zieht einen Einkaufszettel aus der Tasche ihrer schwarzen Lederjacke. „‚Tut uns wirklich leid, Fräulein Sundström‘, hat er gesagt, ‚aber für diesen Monat wird das nichts mit Solmans Fünfhundertseitenwerk.‘ Sie wollen wohl erst noch ein paar Einkünfte über den Autoren einziehen, bevor sie sich entschließen, den Roman ins Schwedische übersetzen zu lassen. Ich frage mich nur, warum er mir das nicht am Telefon sagen konnte?“

„Das tut mir leid“, murmelt Ludmilla, setzt die leise protestierende Katze Minka zu Boden und nimmt den Einkaufszettel entgegen. Während sie Spaghetti, zwei Dosen Tomaten und Rinderhack zusammensucht, fährt sie versöhnlich fort: „Aber immerhin haben sie dir die Fahrt in die Hauptstadt gezahlt, nicht wahr? Bist du vielleicht ein bisschen shoppen gegangen?“

„Nur kurz in die Drottninggatan“, antwortet Kiki achselzuckend, „wollte nach einer neuen Sommerjacke schauen. Aber es gab nichts, was mir gefallen hätte.“

„Christer fährt morgen aufs Festland“, schlägt Ludmilla vor. „Also, wenn du mit willst, sag ihm Bescheid. Er fährt mit dem Motorboot und holt das Feuerwerk.“

„Ich schaue mal, danke. Oh, und Tomatenmark, bitte, das habe ich vergessen aufzuschreiben. Und Basilikum, aber nur wenn du frischen da hast. Knoblauch und Zwiebeln habe ich noch.“

„Ein kleiner Topf ist noch da“, lächelt Ludmilla und wendet sich um zur Tür in den Nebenraum, in dem das gekühlte Lager ist. Doch bevor sie nach einem umsichtigen Schritt über Minkas graues Perserfell hinweg auch nur die Türklinke erreicht hat, wird die Ladentür so schwungvoll aufgestoßen, dass die kleine Glocke Sturm läutet.

„Mutter!“ ruft die hereinstürzende Frau, deren Wangen rote Flecken zieren. Ihr hellblondes kinnlanges Haar ist zerzaust, während der dicke Wollpullover über der schlammbespritzten Jeans vor Hitze zu strahlen scheint. „Weißt du, wo Kim steckt? Er ist nicht auf der Fähre gewesen, auch heute morgen nicht. Agneta hat ihn heute morgen am Steg gesehen, aber Britta und die Jungs haben mir gerade gesagt, dass sie ihn nicht auf der Fähre gesehen haben, geschweige denn in der Schule. Das ist jetzt schon das zweite Mal in dieser Woche!“

„Nun beruhige dich, Carina“, antwortet Ludmilla mit beherrschter Stimme, die über ihren wahren Schrecken hinwegtäuscht. „Der Junge wird wohl wieder zum Angeln gefahren sein. Du hättest ihm nicht Mark Twain zu lesen geben sollen.“

„Er ist nicht zum Angeln gefahren“, erwidert Carina und stemmt die Hände in die offenbar schmerzenden Seiten. „Ich habe natürlich gleich nachgesehen, ob er wieder mit Christers Boot hinüber zum Lillemalm gerudert ist. Danach bin ich die ganze Insel abgelaufen und habe nach ihm gerufen. Oh Gott, es ist ihm ganz bestimmt etwas Schreckliches zugestoßen!“

„Nun beruhige dich doch“, sagt Ludmilla beschwichtigend, während sie sich zusammenreißen muss und nur innerlich den Kopf schüttelt. Carina neigt zum Überdramatisieren. „Bestimmt ist alles ganz harmlos. Kim wird schon wieder auftauchen, spätestens zum Abendessen.“

„Jungen in dem Alter“, schaltet sich nun Kiki Sundström ein, die ihre Einkäufe in einem Leinenbeutel verstaut und einen großen Geldschein auf die Ladentheke legt, „erleben die Welt noch als Abenteuer. Er hat bestimmt wieder im Wald Indianer gespielt und über all dem Anschleichen und Pfeil-und-Bogen-Schießen die Schule vergessen.“

„Er ist gerade erst zehn geworden“, erwidert Carina streng. „Und er geht noch gern in die Schule. Du hast doch sein letztes Zeugnis gesehen. So gut war nicht mal meins, als ich so alt war. Das sieht ihm gar nicht ähnlich, einfach die Schule zu schwänzen. Was ist nur am Montag geschehen, dass er jetzt schon zum zweiten Mal nicht auf der Fähre und in der Schule war? Und wo steckt er? Ich mache mir wirklich große Sorgen.“

„Er kann ja nicht weit gekommen sein“, versucht Ludmilla ihre immer noch vor sich hin keuchende Tochter zu beruhigen. „Dies ist schließlich eine Insel.“

„Ja“, antwortet Carina mit einem schiefen Grinsen, „und eine verdammt große, wenn man sie im Hundertmetertempo abläuft. Ich war sogar drüben am Steg zum Riddarsteen…“

„Und, hat der alte Griesgram dich hinüber gelassen?“ fragt Ludmilla, obwohl sie die Antwort eigentlich schon weiß.

„Ha“, macht Carina knapp und schüttelt den Kopf. „Mit dem Bootshaken hat er mir gedroht. Er war wohl gerade dabei, mit seinem kleinen Kahn zum Angeln in den Sund hinaus zu fahren. Er hat mich beschimpft, wie er es immer tut. Du kennst das ja, Mutter.“

„Der alte Stinkstiefel“, murmelt Ludmilla achselzuckend. „Was bin ich froh, dass er nicht hier bei uns auf der Insel, sondern auf seinem ‚Ritterstein‘ wohnt.“

„Ja“, nickt Carina, „aber das hilft mir jetzt auch nicht. Kiki, kannst du mir suchen helfen? Ich habe wirklich das Gefühl, dass dem Jungen was passiert ist.“

„Na klar“, nickt Kiki Sundström und nimmt die volle Einkaufstüte von Ludmilla entgegen, „lass mich nur rasch meine Sachen nach Hause bringen und Judith Bescheid sagen.“

Ludmilla kommt hinter dem Ladentisch hervor und hält Kiki die Tür auf. Carina ist schon draußen am Fuße der flachen Holzstiege, die vom felsigen Untergrund am Rande des Sandwegs zur Ladentür hinaufführt. Sie nickt zum Abschied und eilt neben Kiki den Pfad zwischen den Birken entlang, vorbei an kleinen halbschattigen Wiesen voller Gänseblümchen und hinüber zum hübschen roten Haus von Kikis Großmutter Judith Isaacsson.

Während sie den beiden Frauen hinterher sieht und die frische klare Luft dieses Frühlingstages einatmet, kann Ludmilla nicht umhin, sich Gedanken und Sorgen zu machen. Es sieht Kim wirklich nicht ähnlich, die Schule zu schwänzen. Ob er vielleicht etwas ausgefressen hat, um sein Streber-Image zu unterwandern?

„Benka“, murmelt Ludmilla und zieht die Stirn in Falten. „Wenn jemand etwas weiß, dann der kleine Irrwisch Benka Lindholm. Immerhin geht er mit Kim in dieselbe Klasse.“

Kurz überlegt sie, ob sie hinter Carina her rufen soll. Aber dann sieht sie ihren Schwiegersohn Christer zusammen mit Bengt Lindholm, dem Vater der blonden Rasselbande, aus der kleinen nordnordöstlich gelegenen Felsenbucht heraufkommen, die neben dem Fähranleger auch als natürlicher Hafen für die kleinen offenen Segelboote von Björkö dient.

Jetzt, da der Beginn der Saison so kurz bevor steht, haben die beiden Männer die vier privaten und sechs zu mietenden Boote inspiziert und, den schweren Arbeitshandschuhen nach zu urteilen, auch bereits zu Wasser gelassen.

„Ja, hej, Milla!“ ruft Christer und streicht sich sein halblanges honigblondes Haar aus der verschwitzten Stirn, während Vater Lindholm wie seine beiden Söhne eine aschblonde Stoppelfrisur trägt. „Hast du eine Limonade für uns?“

„Selbstverständlich“, antwortet Ludmilla und greift hinter sich in eine blaue Plastikkiste neben der Tür, aus der sie zwei Glasflaschen zieht. „Alle Boote im Wasser, ja?“

Bengt Lindholm nickt, sinkt auf die Holzstufen vor der Tür und nimmt dankbar eine Flasche entgegen, die er mit einer raschen Bewegung seines rechten Daumens entkorkt. Christer tut es ihm gleich, prostet dann lächelnd Ludmilla zu und nimmt einen tiefen Zug von der hausgemachten Zitronenlimonade.

„‚Gustafssons Beste‘“, grinst Bengt und zwinkert Ludmilla zu, die sich mit einem leisen Seufzen der Schmeicheleien von Minka erbarmt und die Katze auf den Arm nimmt. „Genau richtig für hart arbeitende Männer. Das war wirklich eine Plackerei, aber jetzt schaukelt die ganze Flotte friedlich in der Bucht.“

„Die Feriengäste“, nickt Christer, „können also jederzeit kommen. Es ist alles vorbereitet. Ich muss nur noch übermorgen neues Bier besorgen, wenn ich in der Stadt bin. Das könnte sonst knapp werden.“

„Freitag nachmittag kommen die ersten Gäste, alle wegen der Feier, die sich auf Haus Eins bis Drei aufteilen werden“, erklärt Bengt an Ludmilla gewandt. „Am Samstag kommt ein Schriftsteller – dem Namen nach aus Fernost – an, der für eine gute Woche Haus Sechs gemietet hat. Haus Fünf ist ab Samstag an vier junge Leute aus Uppsala vermietet, Studenten. Einen davon kennst du, Milla. Vielleicht erinnerst du dich noch an ‚Rövare-Nik‘, Niklas Johansson?“

„Oh“, macht Ludmilla erstaunt und wenig begeistert, „der kleine Räuber-Nik, dieser Plagegeist, ist das nicht der Enkelsohn von…?“

„Sven-Ove Hallgren, unserem Einsiedler, allerdings. Die Mutter des Jungen war Sven-Oves Tochter Edita, sein Vater Ulf ist bis vor wenigen Jahren Schuldirektor an einer Stockholmer Gesamtschule gewesen.“

„Ist Niklas nicht damals zur Schule gegangen mit…“, Ludmillas Miene verdüstert sich, „mit – wie hat er sich genannt? – ‚Stjärnkrigare Anders‘, dem Sohn von…“

„… Herrn ‚Schweden für Schweden‘“, nickt Bengt grimmig, „Jonas Blom, richtig. Sein Sohn Anders war früher oft hier zu Besuch.“

„Jonas Blom“, murmelt Ludmilla ohne Sympathie, „dass so jemand für uns im Reichstag sitzen darf… Eine Schande für unser Land ist er, wenn ihr mich fragt, und ebenso ewig gestrig wie…“

„… leider immer noch eine ganze Menge Leute hier“, seufzt Christer. „Ob du es glaubst oder nicht, sogar Nisse sagt manchmal Sachen, die …, naja, nicht so ganz in die heutige Zeit passen.“

„Ja, leider“, stimmt Bengt zu. „Aber das ist eben die Angst der Leute, die sich solche wie Blom zunutze machen. Und dann werden sie gewählt und dürfen, weil es bei uns ja Meinungsfreiheit gibt, ihre Reden schwingen. Das Schlimme ist, dass viele Leute zunehmend hinter diesen Aussagen stehen. Nirgendwo gibt es so viele rechte Gruppierungen wie bei uns, angefangen bei den ‚Ariern‘ und den durchschnittlichen schwedischen Neo-Nazis bis hin zu diesen Spinnern, die sich ‚Odins Wölfe‘ nennen und – vorgeblich ‚zum Schutze des schwedischen Volkes‘ – Jagd auf Immigranten machen, Asylantenheime anzünden und was weiß ich nicht noch alles anrichten.“

„Ja“, nickt Ludmilla düster, „die Zeitungen sind voll davon in letzter Zeit. Aber vielleicht hält unser neuer Regierungschef sein Wort und räumt da auf?“

Bengt zuckt mit den Schultern und nimmt einen Schluck Limonade, bevor er achselzuckend fortfährt: „Natürlich sind das nur die Extremisten, aber leider wird auch Stig Ekström mit seiner gemäßigten Politik kaum was dagegen tun können, dass die breite Masse zunehmend nach rechts rückt. Schau dir doch nur die letzten Wahlergebnisse an, Milla. Wer hat denn da am meisten Aufschwung bekommen und ist jetzt zweitstärkste Fraktion?“

„Die National-Konservativen“, antwortet Christer mäßig enthusiastisch, wozu Ludmilla stumm und mit grimmiger Miene nickt. „Deshalb haben wir den Blom ja jetzt im Kabinett, eine Schande ist das.“

„Nun“, fährt Bengt fort, „wie auch immer, aus dem Jungen, der früher immer mit Steinen nach deiner Katze warf, Milla, ist ein junger Mann geworden, der in Lund studiert – Rechtswissenschaft, soweit ich weiß. Er kommt mit drei von seinen Freunden her.“

„Ist der junge Blom dabei?“ fragt Ludmilla mit einer Sorgenfalte auf der Stirn.

„Ich hoffe nicht“, antwortet Bengt achselzuckend, „aber selbst wenn, so wenig mir die Ansichten seines Vaters gefallen, so kann ich ihn schlecht von unserer Insel fernhalten. Ich weiß nur, dass sie zu viert kommen. Einer soll übrigens der Sohn von Linus Bergström sein.“

„Dem Star-Architekten?“ fragt Ludmilla überrascht, bevor sie seufzend hinzufügt: „Ach herrjeh, das ist doch bestimmt so ein verwöhntes Bengelchen, das am liebsten in irgendeinem überteuerten Ferienclub den Mädchen nachstellt, rund um die Uhr Partys feiert und tagein, tagaus Champagner trinkt. Was will der hier auf unserer ruhigen Insel?“

„Sein Vater Linus ist nicht nur Architekt“, antwortet Christer, „sondern auch der Zwillingsbruder von Rechtsanwalt Julius Bergström.“

Als Ludmilla nicht gleich begreift, erklärt Christer, dass Julius zu den geladenen Gästen für die offizielle Feier gehöre, bei der dem geschätzten Inselbewohner Torge Lundqvist anlässlich seines fünfundneunzigsten Geburtstages ein ehrenvoller nationaler Verdienstorden verliehen werden soll. Zu der Abordnung der Regierung werde neben dem ehemaligen Reichstagspräsidenten Dolf Svensson von der Sozial-Liberalen Partei auch der neue Premierminister Stig Ekström von der christlich-konservativen Partei gehören.

„Soweit ich weiß“, fährt Bengt fort, „wird Ekström seinen Sohn Pär mitbringen, der gerade auf Heimatbesuch ist und mit seiner Segelyacht herkommen wird. Wir haben schon einen Liegeplatz für sie vorbereitet.“

„Pär Ekström“, murmelt Ludmilla nachdenklich, „wieso kommt mir der Name so bekannt vor?“

„Er studiert in Harvard“, hilft Bengt ihrem Gedächtnis auf die Sprünge, „und hatte vor drei Wochen, als sein Vater die Wahl gewann, eine Einladung ins Weiße Haus. Das Foto war in der Zeitung, wie er Obama die Hand schüttelt.“

„Ach ja, richtig. Er sieht seinem Vater sehr ähnlich.“

„Und“, ergänzt Christer mit wohlwollender Miene, „wie man hört, ist er nicht nur quasi verlobt mit der millionenschweren Erbin der Fjälland Aktiebolag, sondern bereitet sich auch auf eine politische Karriere vor. In Amerika soll er sich bereits für diverse gute Zwecke eingesetzt haben, jedenfalls stand das in der Zeitung.“

„Das ist doch mal ein vielversprechender Politiker-Sohn“, seufzt Ludmilla. „Ich bin gespannt auf ihn. Auf den jungen Blom hingegen könnte ich genauso gut verzichten wie auf seinen alten Herrn…“

„Gleichfalls“, nickt Bengt, „Hoffen wir mal, dass Niklas ihn nicht mitbringt. Die Reservierung geht jedenfalls auf den Namen Bergström.“

„Ja“, seufzt Ludmilla, „wollen wir es hoffen. Aber ich finde es trotzdem seltsam, dass ein verwöhnter Architektensohn hierher…“

„Nun“, grinst Bengt, „ich glaube, dass es dem Sohnemann egal ist, wo er sich mit literweise Starkbier abfüllt. Die Jungs sind Jura-Studenten und bestimmt ziemlich trinkfest…“

„Mindestens so wie du“, grinst Christer und prostet seinem alten Schulfreund zu. „Wenn der gute Torge am Samstag gefeiert wird…“

„… wirst du mich unter den Tisch trinken“, gibt Bengt schlagfertig zurück und knufft Christer spielerisch in die Seite, worauf dieser einen Schwitzkastengriff andeutet und lachend mit der Faust droht.

„Sag mal, was ist jetzt eigentlich mit den Enkeln von Torge?“ fragt Ludmilla, die amüsiert zusieht und sich mit der zufrieden schnurrenden Minka auf dem Arm gemütlich an den Türrahmen lehnt, um die Sonnenstrahlen auf ihrem ovalen, von feinen Runzeln durchzogenen Gesicht zu genießen. „Habt ihr was gehört von Mattis oder Bertil? Haben die Jungens zugesagt?“

Christer zuckt mit den Schultern, was Ludmilla als das übliche Hin und Her von Torge Lundqvists Enkelsöhnen begreift, die nur sehr ungern ihre Wahlheimat Göteborg verlassen, um an die Ostküste des Landes – und dann gar noch auf eine kleine Insel – zu reisen.

Auch die ältere der beiden Enkelinnen, Birgitta, die mit ihren knapp sechsundzwanzig Jahren für ein Reiseunternehmen arbeitet und rund um die Welt jettet, vermeidet nach Möglichkeit den Besuch bei ihrem Großvater auf einer Insel, ‚auf der sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen‘.

Einzig die Jüngste, Maja, kommt gern und vergleichsweise oft hierher; da sie in Stockholm Jura studiert und nebenher als Rechtsanwaltsgehilfin arbeitet, hat sie es nicht so weit wie ihre Geschwister, die nicht nur dem Großvater, sondern auch den Eltern fremd geworden sind.

„Haus Vier ist jedenfalls für Mattis und Bertil reserviert“, sagt Bengt. „Und falls Birgitta es doch noch einrichten kann, dann wohnt sie bei uns.“

„Johan und Maiken werde ich morgen mitbringen“, sagt Christer zwischen zwei Schlucken. „Sie wollen bei den Vorbereitungen helfen.“

„Da bin ich aber froh“, grinst Ludmilla, „dann wird Maiken ihrem Vater hoffentlich noch ausreden können, bei diesem Wetter draußen auf dem Steg zu feiern. Ich weiß wirklich nicht, wie Torge sich das vorstellt…“

„Zelt“, antwortet Christer knapp. „Petter bringt es am Freitag mit.“

Ludmilla nickt zufrieden, als sie sich an das große Partyzelt erinnert, in dem die Wochenendhausbesitzer Petter und Anita Olson vor zwei Jahren ihre Silberhochzeit gefeiert haben.

„Johan bringt Feuerwerk mit“, fährt Christer fort. „Das müssen wir hier bei uns verstecken, damit es am Samstagabend eine Überraschung für Torge wird.“

„Oder lieber bei Olaf im Schuppen“, schlägt Bengt vor und leert seine Flasche mit einem leisen Seufzen. „Dort liegt es trocken und ist niemandem im Weg. Außerdem können Olaf und Johan so alles heimlich aufbauen, damit es wirklich eine Überraschung für Torge wird.“

„Umso besser“, seufzt Christer und fügt mit einem schiefen Grinsen hinzu: „Ich hoffe nur, der offizielle Teil ist vorbei, bevor es dunkel wird.“

„Nun“, bemerkt Bengt, „die hohen Herrschaften wollen alle übers Wochenende bleiben und mit der ersten Fähre am Montag zurück. Befürchte, wir werden die ganze Truppe so lange ertragen müssen…“

„Ist schon komisch, nicht wahr?“ brummt Christer mäßig begeistert. „Hättet ihr gedacht, dass ihr mal so einen Zirkus miterleben werdet, den die Regierung hier für Torge zu veranstalten gedenkt? Ich meine, schön und gut, er hat damals im Krieg Großes geleistet, aber dass sie dann so lange warten, bis er sich kaum noch aus dem Haus bewegen kann? Hätten sie ihm den Orden nicht auch schon vor zwanzig Jahren geben können? Dann hätten sie das Ganze im Stadshuset machen können, wo nach der Verleihung der Nobelpreise das große Bankett veranstaltet wird. Das wäre, meiner Meinung nach, angebracht gewesen.“

„Besser spät als nie“, antwortet Ludmilla. „Außerdem, der Champagner, den die hohen Herren am Samstag nicht trinken, könnt ihr dann haben. Mal was anderes als immer nur Limonade oder euer ‚Elchbier‘, nicht wahr?“

„Haha“, macht Bengt, gespielt beleidigt, bevor er an Christer gewandt fortfährt: „Ich helfe dir gern mit den restlichen Sachen; aber ich vermute, Nisse wird dir Ola zur Hilfe schicken, damit du nicht alle Kisten selbst schleppen musst?“

Christer nickt und zählt auf, was noch an Verpflegung für Samstagabend und die kleine Geburtstagsgesellschaft von gut zwanzig Personen einzukaufen ist, während er sich ein paar Notizen auf einem Zettel macht.

Ludmilla fällt auf, dass er – der Speiseauswahl nach zu schließen – offenbar nur mit älteren Erwachsenen rechnet, sieht man mal von Kiki Sundström und den Lindholm-Kindern ab.

„Wie ist das jetzt eigentlich mit Maja?“ fragt Ludmilla mit leichter Besorgnis in der Stimme und setzt Minka gegen deren Protest auf die oberste Treppenstufe. „Kommt sie her?“

„Maja“, nickt Christer nach dem letzten Schluck, „wird hier am Freitagabend eintreffen, zusammen mit ihrem deutschen Freund und noch einem weiteren Pärchen. Sie werden bei Torge im Dachgeschoss wohnen und bis nach seinem Geburtstag bleiben. Und deshalb, Milla, muss ich jetzt auch rüber zu Nisse, die Warenbestellung für die nächsten zwei Wochen besprechen. Zum Abendessen bin ich zurück.“

Ludmilla nickt und nimmt die leeren Flaschen entgegen. Als die beiden Männer sich erheben und entfernen wollen, um nach Hause oder – in Christers Fall – mit dem kleinen Motorboot zum Stormalm überzusetzen, fällt Ludmilla siedend heiß ein, dass sie noch gar nichts von Kim und seinem Verschwinden gesagt hat. Vorsichtig formuliert sie eine Frage, die Bengt mit einem Achselzucken und Christer mit einem leichten Stirnrunzeln beantwortet.

„War er etwa heute schon wieder nicht in der Schule?“ fragt Christer streng.

„Offenbar nicht.“

„Was ist nur los mit ihm? So war er doch noch nie. Am Montag war er noch so wie immer, als erster auf der Fähre und am Nachmittag dann sofort an seinen Hausaufgaben. Am Abend war er vor dem Essen wie immer im Wald, hat wohl Indianer gespielt und Pfeil-und-Bogen-Schießen geübt…“

„Am Montag?“ fällt Bengt nachdenklich ein und krault Minka hinter den Ohren. „Ich glaube, da habe ich ihn bei uns in der Nähe gesehen, wenn ich mich richtig erinnere, bei den Ferienhäusern Vier bis Sechs.“

„Ich habe ihm verboten dort zu spielen“, antwortet Christer streng. „Was hat er da gemacht? Hat er etwas kaputt gemacht?“

„Nein, nicht dass ich wüsste. Ich glaube, er hat auf der kleinen Klippe südwestlich von Haus Sechs Zielschießen geübt.“

„Oh“, macht Ludmilla überrascht, „das müssen wir Carina sagen. Vielleicht ist er ja dort. Ich fürchte, dass sie da nicht so genau nachgesehen hat, weil es dort kaum Verstecke gibt und man vom Weg aus die Südbucht und den Steg zum Riddarsteen gut im Blick hat.“

„Ich wollte sowieso noch bei Torge vorbei“, sagt Bengt und schiebt die Katze vorsichtig zur Seite, bevor er aufsteht und die Treppe hinunter geht, „wegen der Verandatür und der Bodentreppe. Danach muss ich noch bei Haus Sechs den Fensterrahmen reparieren. Ich schaue, ob ich Kim dort irgendwo finde. Wohin ist Carina gegangen?“

„Gar nicht mehr nötig“, antwortet Ludmilla erleichtert und hebt eine Hand zum Winken. „Da kommt sie, mit Kim.“

Alle drei sehen den sandigen Fußweg hinauf, der am Bach entlang durch das kleine Birkenwäldchen zum Hügel in der Mitte der Insel führt, wo das kleine weiß gestrichene Wochenendhäuschen von Anita und Petter Olson steht, in dem früher die Noréns gewohnt haben. Von dort kommt Carina mit erhitztem Gesicht und strenger Miene heran, den schmalen Arm des kleinen Kim fest mit der rechten Hand gepackt.

„Oh je“, murmelt Christer, „was hat er angestellt, dass sie so wütend ist? Ich hoffe, ich muss jetzt nicht den strengen Vater spielen. Die Rolle liegt mir nicht.“

Ludmilla schluckt und wartet ebenso reglos wie ihr Schwiegersohn und Bengt Lindholm auf die Näherkommenden. In Carinas Gesicht teilt eine steile Falte die Stirn von der Nasenwurzel bis zum Haaransatz, während ihre Augen wie blaue Diamanten funkeln.

„Der junge Mann hier“, stößt sie keuchend hervor, als sie das Haus erreicht hat und Kim auf Christer zu schiebt, „hat Fernsehverbot für eine Woche und einen Monat ohne Taschengeld. Es tut mir leid, Bengt, bei Haus Fünf ist eine Scheibe kaputt. Unser Hobby-Indianer hier beherrscht seine Kunst.“

Bengt will antworten, entschließt sich auf Ludmillas Wink hin jedoch zu einem stummen Nicken und einer gezwungen strengen Miene. Wie Ludmilla selbst ist Vater Lindholm offenbar der Meinung, dass Carina wie immer übertreibt. Aber es geht wohl nicht nur um die kaputte Scheibe, sondern auch um das Schule-Schwänzen, für das der Junge auf Nachfrage von Christer keine Antwort hat.

Ludmilla sieht, wie es in dem kleinen, fein geschnittenen Kindergesicht mit den schmalen, beinah schwarzen Augen mit dem dünnen Wimpernrand zuckt, als Kim sich aus Carinas Griff windet und ein paar Schritte auf Ludmilla zu geht, sich dann aber doch Minka zuwendet, die ihn freudig maunzend begrüßt und sich von den Kinderhänden streicheln lässt.

Der Junge murmelt der Katze etwas ins flauschige Fell, das Ludmilla nicht ganz versteht. Es sind zwei Worte in fremder Sprache, von denen nur das zweite bis an Ludmillas erstaunte Ohren dringt: ‚Austern-fischer‘.

Noch bevor Ludmilla reagieren kann, wird Kim von Christer streng gefragt, wo er sich herumgetrieben hat. Ob er nicht wisse, dass er ihm und vor allem seiner Mutter einen riesigen Schrecken eingejagt habe. Kim schweigt und ignoriert die Worte seine Vaters, dessen eng beieinander stehenden Augen schmal werden.

„Pfeil und Bogen sind einkassiert“, sagt Carina streng, wozu Christer stumm nickt, während Ludmilla ein schmerzhaftes Ziehen in der üppigen Brust spürt.

Wie er so neben der schnurrenden Katze hockt, gleicht Kim nicht mehr der wohlerzogenen Porzellanpuppe, als die ihn Carina offenbar sieht, sondern vielmehr einem Jungen, der etwas ausgefressen hat und nun darauf hofft, dass ihm niemand auf die Spur kommt. Für eine kaputt geschossene Fensterscheibe macht er in Ludmillas Augen eine viel zu ernste Miene.

Sie ahnt, dass da noch mehr sein muss, traut sich aber nicht, ihn jetzt danach zu fragen. Sie weiß, dass er zu ihr kommen wird, wenn er ein Problem hat, über das er sich nicht mit Carina zu sprechen traut. Hier vor seinen Eltern würde er nur eine starre Miene aufsetzen und ein rätselhaft unbeteiligtes Gesicht mit blasser Haut und dunklen ausdruckslosen Augen unter schwarzblauem Haar präsentieren, aus dem nichts zu lesen ist.

*****

Sie kämpft und kämpft, vergeblich. Der riesige Mann ist stärker. Ihr zierlicher Körper scheint unter seinem massigen schweren Rumpf erdrückt zu werden. Ihr fällt das Atmen schwer. Sie spürt, wie ihre Kraft nachlässt. Lange wird sie sich nicht mehr wehren können.

Sie strampelt und versucht um sich zu schlagen. Doch es hilft nichts, sie kann die Schläge und Tritte nicht anbringen, die sie normalerweise als Schwarzgurt-Trägerin im Taekwondo in jeder Situation ins Ziel bringt. Es ist wie verhext.

Er beugt sich tiefer über sie. Sie wendet den Blick ab, um ihn nicht ansehen zu müssen. Sein Gesicht ist eine graue verschwommene Fläche, in der nur ein Paar Augen wie von einem inneren Feuer beseelt glüht. Sie spürt wie sein heißer, nach Alkohol riechender Atem ihr schmales Gesicht streift. Ihr wird übel.

Sie windet sich und versucht sich loszureißen. Sie schreit und schreit, doch ihre Schreie sind nicht zu hören. Sie spürt, wie der Mann ihre Knie auseinander drückt und unbarmherzig seinen Unterleib auf sie niedersenkt.

Sie schreit erneut, ein letzter Versuch ihn abzuhalten. Sie fleht und bettelt. Doch ihr ‚Nein!‘ verklingt ungehört. Sie versucht sich vergeblich wegzudrehen, als er schmerzhaft in sie eindringt und über ihr zu keuchen beginnt.

Ihr Herz rast, während ihre Kehle vom Schreien brennt, auch wenn immer noch kein einziger Ton herauskommt. Sie fühlt, wie seine kräftigen Hände nach ihrem Hals greifen, als er sich stöhnend aufbäumt und zu zucken beginnt.

Plötzlich spürt sie Wasserdampf, heiß und unangenehm, während er weiter in ihr zuckt und sie beinah erdrückt. Sie spürt, wie der Dampf ihr Gesicht zu verbrennen beginnt. Das Atmen fällt ihr schwer. Da ist ein Druck in ihrem Nacken, die Hand an ihrem Hals, eine zweite um ihre Schultern, die sie unerbittlich nach unten drückt. Sie sieht ihr eigenes Spiegelbild, verzweifelt kämpfend in dem Wissen, dass es jeden Moment zu spät sein wird.

Sie wehrt sich verzweifelt. Doch sie weiß, dass jeder Widerstand zwecklos ist. Sie kämpft und kämpft, vergeblich. Sie weiß, dass sie sterben wird…

*****

Donnerstag, 16. April 2015.

Carlotta Strandt seufzt leise und lehnt sich in ihrem Stuhl zurück. Das hohe Glas mit Latte Macchiato darin ist noch warm, als sie es vom Tisch des kleinen Cafés angelt und langsam ein paar Schlucke trinkt.

Entspannung will in dieser vorgezogenen Mittagspause nicht aufkommen, was wohl auch daran liegt, dass sie noch in voller Uniform an dem runden Tischchen sitzt und die Dienstmütze als Schutz vor direktem Sonnenlicht nutzen muss. Ihre haselnussbraunen großen Augen sind nur noch schmale Schlitze und unbestimmt in die Ferne gerichtet, während sie sich gedankenverloren eine ihrer kurzen kastanienbraunen Locken um den linken Zeigefinger wickelt.

Wie man es dreht und wendet, sie muss eine Entscheidung treffen, und zwar schon bald. Je länger sie zögert, umso schlimmer wird es werden. Aber es ist nicht leicht, auch wenn sie genau weiß, dass sie die Sache nicht einfach weiter ignorieren kann. Ihre sachliche innere Stimme sagt ihr, dass es an der Zeit ist, Fakten zu schaffen; doch ihr Herz widerspricht heftig und beinah schmerzhaft.

Bis vor drei Monaten ist sie noch Carlotta Strandt gewesen, vielversprechende Jungkommissarin bei der Hamburger Polizei. Dann hat der Chef sie mitten in der Schicht zu sich gerufen und die Verwarnung ausgesprochen.

‚Sie sind ja noch nicht so lange bei uns, Lotta‘, hat Krüger gesagt, ‚aber wie alle anderen haben auch Sie auf der Polizeischule gelernt, dass wir nicht einfach so in fremder Leute Häuser einbrechen dürfen. Ohne Durchsuchungsbeschluss. Tz, tz, was haben Sie sich nur dabei gedacht?‘

Ja, was hat sie sich gedacht? Es ist alles so schnell gegangen, dass für Gedanken an die Vorschriften kaum Zeit gewesen ist. Auch Kollege Gerrit Raake hat nicht widersprochen und ihr sogar beim Einbrechen geholfen, wofür er mittlerweile ebenfalls einen Verweis bekommen haben wird. Aber zählt es denn nicht, dass sie durch diese dreiste Aktion einen Jahrzehnte lang gesuchten Massenmörder verhaften und zweifelsfrei überführen konnten?

Die freundliche Staatsanwältin vom Landgericht Aurich hat es zwar nicht offen zugeben können, aber sich indirekt für die umfassenden Beweise bedankt, die den Mörder bis an sein Lebensende hinter Gitter bringen werden. Zum Glück ist das eigenmächtige Handeln einer Hamburger Kommissarin und ihres Kollegen von der Polizei Borkum nicht zum Nachteil der Anklage geworden, auch wenn die Pflichtverteidigerin die Umstände der Verhaftung und die Dienstauffassung der betreffenden Polizisten infrage gestellt hat.

Die Kollegen in Hamburg haben sie einerseits zum erfolgreichen Abschluss des Falles beglückwünscht, zum anderen darauf hingewiesen, sich in Zukunft strikt an die Vorschriften zu halten. Es sind schon viele vermeintlich klare Prozesse durch kleinste Verfahrensfehler gescheitert.

Ähnlich verhält es sich auch, Lotta schluckt schwer, mit ihrer Bewerbung, die im vergangenen Dezember an die Kriminalpolizei Hamburg gegangen ist. Die freie Stelle beim Morddezernat wäre genau die Herausforderung, die sie sucht. Aber mit der Verwarnung und dem Vermerk in ihrer Akte ist es ein Wunder, dass sie ihr einen so freundlichen Absagebrief geschickt haben. ‚Zum derzeitigen Zeitpunkt können wir Ihnen diese Stelle leider nicht anbieten.‘ Aber bedeutet das nicht, dass sie es zu einem späteren Zeitpunkt nochmal versuchen kann?

Kollege Max hat gesagt, man solle sich durch solche Rückschläge ja nicht verunsichern lassen. Aber auch er hat zu spüren bekommen, was es heißt, die Vorschriften zu missachten. Natürlich sind alle heilfroh, dass er diese gefährlichen Leute in Berlin verhaften konnte, bevor der U-Bahn, dem Bundestag oder dem Flughafen etwas passiert ist. Seine Verhör-Methoden haben zwar zum Erfolg geführt, aber auch das Maß überschritten, das in Deutschland erlaubt ist.

Außerdem ist Max dem deutschen Geheimdienst, dem Bundesnachrichtendienst, auf die Füße getreten, indem er eigenmächtig das Verhör geführt hat, ohne auf den BND oder die Herren vom Verfassungsschutz zu warten.

Im Vergleich dazu ist Hausfriedensbruch ohne Körperverletzung harmlos, aber eben auch ein Verfahrensfehler, der die Staatsanwaltschaft den Prozess hätte kosten können, so wie es jetzt in der Hauptstadt mit den Beinah-Attentätern und wohl auch mit dem Neo-Nazi der Fall sein wird, wenn die Verteidigung gut genug argumentiert.

Dennoch, ein Fehler ist ein Fehler. Genau wie ihr eigenmächtiges Handeln am gestrigen Tag. Statt Belobigung hat sie erneut ein Gespräch mit Krüger gehabt. Für Alleingänge habe er kein Verständnis, hat der Chef gesagt. Dabei hätte es auch ganz anders ausgehen können, gestern in der Schanze. Was wäre passiert, wenn sie den Skinhead nicht mit einem seitlich gedreht Yop-Chagi am Betreten eines linken Szene-Treffs gehindert hätte? Aber das zählt natürlich nicht; zählen tut nur, dass sie ohne Provokation angegriffen hat – entgegen der Taekwondo-Philosophie und der Polizei-Gepflogenheiten.

‚Ich hatte gehofft‘, hat Krüger mit spürbarer Enttäuschung hinzugefügt, ‚dass Sie aus der Sache im Dezember gelernt haben. Aber offenbar nehmen Sie sich lieber ein Beispiel an Kollege Bohse, ein schlechtes, wohlgemerkt.‘

Dann hat er sie mit der Bemerkung vorzeitig aus der Schicht entlassen, dass sie die Woche Urlaub dazu nutzen solle, in aller Ruhe über ihre berufliche Laufbahn nachzudenken. In zwei Wochen wolle er dann eine Entscheidung von ihr – Dienst nach Vorschrift ohne Aussicht auf baldige Beförderung oder Versetzung in den Verwaltungsdienst. Beides sind Alternativen, die Lotta nicht behagen. In letzter Konsequenz könne sie ansonsten auch noch ein Studium beginnen, hat Krüger mit bemüht freundlichem Tonfall zum Abschied gesagt, sie sei ja noch jung, erst im Juli dreiundzwanzig Jahre alt.

Aber Lotta kann sich einfach nicht vorstellen, wie es wäre, nicht Polizistin zu sein. Daher wird sie kämpfen müssen, egal wie schwer es ihr fällt. Das gilt beruflich wie privat, auch wenn sie noch keine Ahnung hat, wie sie das schaffen soll. Nicht zum ersten Mal hat sie das Gefühl, in einer Sackgasse zu stehen, umgeben von unüberwindbaren Mauern.

„Und was wirst du jetzt machen, Lottchen?“ wird sie von einer hellen Stimme aus ihren düsteren Gedanken zurück in die Gegenwart gerissen. „Ich meine, wegen Moritz?“

Überrascht blickt Lotta auf und direkt in die fragenden grauen Augen von Susanna Eberhardt, ihrer besten Freundin, die ihr gegenüber auf der anderen Seite des Tischchens sitzt, mit der Fußspitze des überschlagenen Beines unruhig wippt und sich den Milchschaum ihres Latte Macchiatos von den vollen Lippen leckt. Ein bisschen Schaum hat sich auch in die Spitzen ihrer kinnlangen rotbraunen Locken verirrt, die wie immer künstlerisch eigenwillig nach allen Seiten abstehen, sodass Sanna sie etwas mühsam eine nach der anderen mit einer Papierserviette abwischen muss.

Nach dem Gespräch mit dem Chef hat Lotta sofort mit ihrer besten Freundin sprechen müssen, die eine gemeinsame Mittagspause vorgeschlagen hat im Café auf dem Alsteranleger gleich um die Ecke von der Werbeagentur, in der Sanna als Grafikdesignerin arbeitet.

Über Salat und Coke zero haben sie Lottas Neuigkeiten und Aussichten auf eine berufliche Zukunft bei der Hamburger Polizei – Streife oder Kripo – diskutiert, sind aber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen. Lotta fühlt, wie sich die Sackgasse hinter ihr schließt und ihr keinen Ausweg mehr lässt – genau wie bei dem Problem, mit dem sie sich privat herumschlägt und bei dem Sanna ihr nur allzu gern helfen würde, es aber außer mit freundschaftlichem Beistand nicht kann.

„Also?“ wiederholt Sanna. „Siehst du noch eine Chance für euch?“

„Ich weiß es nicht“, antwortet Lotta leise und leert ihr Glas, um sich sammeln zu können. „Ich liebe ihn, ja, wirklich. Aber wie kann ich mit ihm zusammen sein, wenn er mit dem Mann verwandt ist, der meine Familie ermordet hat?“

„Ich weiß, Süße“, murmelt Sanna zerknirscht. „Aber eigentlich kann er doch…“

„… nichts dafür“, vollendet Lotta. „Schon klar, es ist ja auch völlig irrational, aber ich muss immer daran denken, was der Mörder mit meiner Mutter und wegen ihr gemacht hat. Ich habe sogar Alpträume deswegen. Es ist schrecklich. Letztes Wochenende, als Moritz da war, da konnte ich ihn nicht mal küssen. Ich habe Herzrasen bekommen, die schlimme Sorte, sobald er mir näher kam. Es war furchtbar. Er tat mir so leid. Aber ich konnte nicht anders.“

Sannas graue Augen sind neblige Teiche, als sie an Lotta vorbei in den blauen Himmel des frühen Nachmittags starrt. Ein paar Möwen fliegen vorbei, weiße Flecken vor dem Himmelsblau, während am Ende des Steges vier Stockenten ihre bettelnden Kreise ziehen und zwei majestätische Alsterschwäne nach den baumelnden Beinen der Café-Besucher ganz vorne an der Kante schnappen.

„Warst du nochmal bei der Psychologin?“ fragt Sanna schließlich leise.

Lotta nickt und stellt das leere Glas zurück auf den Tisch, während sie an das letzte Gespräch mit Frau Doktor Rosenberg zurückdenkt. Die Reaktionen seien ganz normal, hat die hagere Frau mit freundlich interessiertem Lächeln gesagt. ‚Sie trauern, und das ist auch gut so. Sie müssen verarbeiten, was Sie über Ihre Familie und vor allem das Schicksal Ihrer Mutter herausgefunden haben. Aber versuchen Sie, nicht die Menschen von sich wegzustoßen, die Ihnen helfen und Ihnen Kraft geben wollen. Keine Sorge, das wird schon werden.‘

Leichter gesagt als getan. Wie soll man sich verhalten, wenn man erfährt, dass die Menschen, die man über zwanzig Jahre für seine Eltern gehalten hat, gar nicht die leiblichen Eltern sind? Wer ist man, wenn sich herausstellt, dass die eigene Mutter entführt und Monate lang von einem gewissenlosen Menschen gegen ihren Willen festgehalten worden ist? Wie soll man verarbeiten, dass die eigene Mutter ihr Leben gegeben hat, um einem Baby das Leben zu schenken – einem Baby, das man selber ist?

Na klar, Märit und Hermann Strandt sind ihre Eltern, aber sie haben die Rolle nur angenommen. Es schmerzt sehr, diese lieben Menschen nun nur noch als Adoptiveltern zu sehen und über die wahre Abstammung, den ursprünglichen Familiennamen sowie den richtigen Geburtsort Bescheid zu wissen.

Dazu kommt noch die Tatsache, dass ausgerechnet der Mann, mit dem man sich hat vorstellen können alt zu werden, mit dem Mörder der leiblichen Eltern verwandt ist und ganz ungeahnte Seiten hat. Es macht es nicht besser, dass man diesen Mann über alles liebt.

„Wirst du eine Therapie machen?“ fragt Sanna weiter. „Oder reicht es mit den drei Pflichtbesuchen?“

Lotta zuckt mit den Schultern. So genau hat sie sich das noch gar nicht überlegt. Die vergangenen Wochen sind so schnell vorbeigeflogen, dass sie kaum eine ruhige Minute für sich und ihre Gedanken gehabt hat. Es kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass man als Zeugin vor Gericht geladen wird, die kläglichen Überreste der eigenen Mutter persönlich aus der Pathologie abholt und kirchlich bestatten lässt oder seinen Traumberuf in ernsthafter Gefahr sieht.

„Ich habe ihr gesagt“, antwortet Lotta leise, „dass ich mich nach dem Urlaub entscheiden werde. Dann weiß ich auch, ob ich noch ein zusätzliches Problem behandeln lassen muss.“

„Liebeskummer kannst du vermeiden“, erwidert Sanna sachlich. „Er ist ein so netter Kerl, wirklich, ich mag ihn. Und seinen Kumpel, den Sebastian, auch.“

„Ja“, seufzt Lotta leise, „er und Basti sind große Klasse. Aber darum geht es ja gar nicht. Es geht darum, dass ich innerlich total verkrampfe, wenn Moritz mir nahe kommt. Erinnerst du dich an das Wochenende im Februar?“

„Als du nach seinen Prüfungen zu ihm nach Bremen gefahren bist?“

„Genau. Ich wollte ihn umarmen und ihm gratulieren – ausgezeichnet in Sport und hervorragend in Mathe – aber ich konnte nicht. Ich stand plötzlich wie eine Salzsäule da, sodass er mich umarmen musste. Ich habe die ganze Zeit über die Zähne zusammenbeißen müssen um nicht loszuschreien.“

„Warum sagst du mir das erst jetzt?“

Sannas Stimme klingt geschockt und ehrlich besorgt. Ihre grauen Augen haben einen feuchten Schimmer, während sie vorsichtig eine Hand über den Tisch streckt und sie nur Millimeter von Lottas überschlagenen Beinen in der Luft schweben lässt.

„Therapie-Erfolg“, antwortet Lotta mit einem schiefen Lächeln. „Nein, absolut keine Ahnung. Es ging einfach nicht.“

„Und jetzt der Urlaub? Wirst du fahren?“

„Wir haben es Maja versprochen“, seufzt Lotta leise. „Basti fährt auf jeden Fall, ist ja klar. Aber auch Moritz und ich haben zugesagt. Majas Großvater feiert immerhin die stolze Zahl von fünfundneunzig Jahren.“

„Und diese kleine Insel“, ergänzt Sanna leise und beinah wehmütig, „die klingt so idyllisch. Björkö, das hat was mit Bäumen zu tun, nicht wahr?“

„Birkeninsel“, nickt Lotta. „Björk bedeutet auf Schwedisch ‚Birke‘ und ö ‚Insel‘. Es muss richtig romantisch dort sein, jedenfalls den Fotos nach zu schließen, die Maja gezeigt hat. Sie liegt gut anderthalb Stunden mit der Fähre von Stockholm entfernt in den Schären.“

„Eine Birkeninsel mitten in der Ostsee“, grinst Sanna, „das klingt wirklich sehr romantisch. Ich wette, dort gibt es auch so einen riesigen Bernhardinerhund wie bei der Kinderserie von Astrid Lindgren, die wir früher im Fernsehen gekuckt haben, erinnerst du dich?“

„Bootsmann“, nickt Lotta. „Ja, so hieß der Hund. Aber, nein, laut Maja gibt es auf Björkö nur zwei oder drei Katzen, einen Scotchterrier und einen Labrador.“

„Das klingt ja so, als ob du fahren wirst.“

„Du hättest Maja hören sollen. Sie hat so geschwärmt, dass wir gar nicht anders konnten als zusagen. Es gibt dort keine Autos, dafür einen Hektar unberührten Birkenwald, zwei Sandstrände und einen Kiesstrand, fünf ständig bewohnte Häuser, zwei Wochenendhäuser und sechs kleine Ferienhäuser sowie eine vorgelagerte kleine Privatinsel mit einem Haus darauf. Das Haus von Majas Großvater liegt auf der Hauptinsel in der Westbucht mit Blick aufs Wasser.“

„Auf, hin da!“