Im Zeitalter der Identität - Yascha Mounk - E-Book + Hörbuch

Im Zeitalter der Identität Hörbuch

Yascha Mounk

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Beschreibung

»Wie man gegen Identitätspolitik argumentiert, ohne sich in einen reaktionären Spinner zu verwandeln.« Steven Pinker Der Politikwissenschaftler und ZEIT-Herausgeber Yascha Mounk geht dem Ursprung der neuen Ideen über Identität und soziale Gerechtigkeit nach – und erklärt, warum sie ihre hehren Ziele nicht erreichen werden. Über weite Strecken der Geschichte wurden Menschen aufgrund ihrer Ethnie, ihrer Religion oder ihres Geschlechts gewaltsam unterdrückt. Mitglieder dieser Gruppen setzten schließlich auf gegenseitige Solidarität und ein eigenes Identitätsbewusstsein, um diesen Ungerechtigkeiten zu trotzen. Doch die einst gesunde Wertschätzung der eigenen Identität hat sich in eine kontraproduktive Obsession verwandelt: Der Ruf nach einer Gesellschaft, in der sich fast alles um diese starren Kategorien dreht, befeuert die Polarisierung, stellt Formen des Austausches unter Generalverdacht einer kulturellen Aneignung und begünstigt sogar »Rassentrennung« – verhindert also eine echte Gleichheit. Yascha Mounk erläutert die Ursprünge, Folgen und Grenzen dieser Entwicklung, liefert eine differenzierte Begründung dafür, warum sich die Durchsetzung identitärer Ideen als kontraproduktiv erweist – und beschreibt anhand vieler konkreter Beispiele, wie humanistische Werte und Maßnahmen einen besseren Weg in eine gerechte Gesellschaft weisen können. »Yascha Mounk erklärt klug und leicht verständlich die intellektuellen Ursprünge unserer Ideen über Identität und wie wir zum Glauben an eine gemeinsame Menschlichkeit zurückkehren können.« Francis Fukuyama »Ein leidenschaftliches Buch, das zeigt, dass die Dinge, die wir gemeinsam haben, größer sind als die Dinge, die uns trennen.« Kirkus Reviews »Yascha Mounk hat ein weiteres starkes Buch geschrieben, in dem er versucht, die Ursprünge und Auswirkungen der Ideen zu verstehen, die zu Recht oder zu Unrecht ›Identitätspolitik‹ ausmachen – woher sie kommen, welche Wirkung sie haben und wohin sie führen könnten.« Anne Applebaum

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Zeit:13 Std. 8 min

Veröffentlichungsjahr: 2024

Sprecher:Alexander Gamnitzer

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Dies ist der Umschlag des Buches »Im Zeitalter der Identität« von Yascha Mounk, Helmut Dierlamm, Sabine Reinhardus

Im Zeitalter der Identität

Der Aufstieg einer gefährlichen Idee

Yascha Mounk

Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sabine Reinhardus und Helmut Dierlamm

Klett-Cotta

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Identity Trap. A Story of Ideas and Power in Our Time« bei Penguin Press, New York.

Für die amerikanische Originalausgabe

© 2023 by Yascha Mounk

All rights reserved

Für die deutsche Ausgabe

© 2024 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg, nach einem Entwurf von © Olga Kominek für Penguin Random House UK

Gesetzt von Dörlemann Satz, Lemförde

Gedruckt und gebunden von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-608-98699-0

E-Book ISBN 978-3-608-12209-1

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Einleitung

Der Köder und die Falle

Es steht viel auf dem Spiel

Die Identitätssynthese

Der Köder

Die Falle

Warum die Identitätsfalle kritisiert werden muss

Der Falle entkommen

I Die Ursprünge der Identitätssynthese

1 Das Paris der Nachkriegszeit und das Tribunal der Wahrheit

Das falsche Fortschrittsversprechen

Die Ablehnung der Identität

Verweigerung der Politik

Kernpunkte

2 Das Ende des Imperialismus und das Bekenntnis zum »strategischen Essentialismus«

Bekämpft die Macht (der Worte)

Die Politik wieder ins Spiel bringen

Der Siegeszug des Strategischen Essentialismus

Kernpunkte

3 Die Abkehr von der Bürgerrechtsbewegung und der Aufstieg der Critical Race Theory

Derrick Bells Argumente gegen die Aufhebung der Rassentrennung

Die (vermeintliche) Permanenz des Rassismus

Die Erfindung der Intersektionalität

Die Intersektionalität entwickelt ein Eigenleben

Kernpunkte

4 Die Identitätssynthese

Die wichtigsten Motive der Identitätssynthese

1. Skepsis in Bezug auf eine Objektive Wahrheit

2. Diskursanalyse mit politischer Agenda

3. Das Pochen auf die Identität

4. Stolzer Pessimismus

5. Identitätssensible Gesetze

6. Was die Intersektionalität vorschreibt

7. Standpunkttheorie

Die Geister, die sie riefen

Kernpunkte

II Der Siegeszug der Identitätssynthese

5 Die Identitätssynthese erobert den Mainstream

Wie eine vergessene Plattform zur Entstehung einer neuen politischen Kultur beitrug

Neue Medien übernehmen die

Tumblr

-Ideologie

Der Verwandlung des Mainstreams

Die Große Erweckung

Kernpunkte

6 Der kurze Marsch durch die Institutionen

Der Trainingsplatz

Die Identitätssynthese kappt gemeinnützige Organisationen

Die Identitätssynthese kommt in den Führungsetagen an

Kernpunkte

7 Kritik unerwünscht

Als das progressive Amerika eine neue Orthodoxie willkommen hieß

Der Gruppenzwang und die Radikalisierung

Die intellektuellen Vollstrecker der Identitätsorthodoxie

Kernpunkte

III Die Schwächen der Identitätssynthese

8 Wie man einander versteht

Die Ursprünge der Standpunkttheorie

Warum die Standpunkttheorie schlechte Philosophie ist

Warum die Standpunkttheorie schlechte Politik ist.

Nur hart erarbeitetes Mitgefühl kann die Grundlage für echte Solidarität sein

Kernpunkte

9 Die Freuden gegenseitiger Beeinflussung

Warum die Linke begann, sich über kulturelle Aneignung Sorgen zu machen

Die Probleme mit der kulturellen Aneignung

Das Problem des ursprünglichen Eigentums

Das Problem der Gruppenmitgliedschaft

Die Ungerechtigkeit besser beim Namen nennen

Kernpunkte

10 Offen sprechen

Die Ursprünge der progressiven Ablehnung

Warum eine Beschränkung der Redefreiheit so gefährlich ist

Die Ermächtigung der Mächtigen

Wenn Wahlen noch wichtiger werden

Die Schließung des Sicherheitsventils

Prinzipien der Redefreiheit für eine freie Gesellschaft

Die Regierung darf nicht das Recht haben, Menschen für eine Äußerung einzusperren

Die Macht privater Akteure, die politische Debatte zu zensieren, muss begrenzt werden

Eine Kultur der Redefreiheit aufbauen

Kernpunkte

11 Ein Plädoyer für die Integration

Der Aufstieg des progressiven Separatismus

Die Progressiven, die sich für eine weiße Identität einsetzen

Was uns die Sozialwissenschaften über die Förderung von Empathie und Zusammenhalt lehren können

Menschen neigen zur Gruppenbildung

Die Verheißung gruppenübergreifender Kontakte

Wann der Kontakt zwischen Gruppen funktioniert – und wann nicht

Warum die Praktiken der progressiven Separatisten kontraproduktiv sind

Warum sich der Versuch, Weiße zur Identifikation mit ihrer »Rasse« zu bewegen, als Bumerang erweisen könnte

Ein Plädoyer für Integration

Kernpunkte

12 Der Weg zur Gleichheit

Das neue Ziel der Gruppengerechtigkeit und die Verlockung identitätssensibler Politik

Warum man »rassenblind« sein kann, ohne gegenüber dem Rassismus die Augen zu verschließen

Eine »rassenunabhängige« Politik kann dazu beitragen, Rassismus zu überwinden

Warum die Gruppengerechtigkeit in der Theorie scheitert

Warum die Gruppengerechtigkeit in der Praxis scheitert

Eine seltene und bedenkliche Ausnahme

Kernpunkte

13 Über strukturellen Rassismus, Gender und die Meritokratie

Struktureller Rassismus

Geschlecht, Gender und die Debatte über Transgenderrechte

Die Meritokratie

Kernpunkte

IV Ein Plädoyer für den Universalismus

14 Eine Antwort auf die Identitätssynthese

Die Identitäre Kritik des Liberalismus

Die liberale Antwort auf die Identitätssynthese

Kernpunkte

15 Ein Plädoyer für den Liberalismus

Die Grundprinzipien des Liberalismus

Warum die Grundprinzipien des Liberalismus die Entstehung blühender Gesellschaften ermöglichen

Der Erfolg der liberalen Demokratien

Kernpunkte

Schluss

Der Identitätsfalle entkommen

Drei Szenarien für die Zukunft der Identitätsfalle

Die Identitätsfalle effektiv und prinzipientreu bekämpfen

1. Die Moral für sich in Anspruch nehmen

2. Den Gegner nicht verteufeln

3. Nicht vergessen, dass der Gegner von heute zum Verbündeten von morgen werden kann

4. An die vernünftige Mehrheit appellieren

5. Mit anderen Gegnern der Identitätssynthese gemeinsame Sache machen …

6. … aber nicht zum Reaktionär werden

Wie Organisationen der Identitätsfalle entkommen können

Was wir aufgeben, wenn wir in die Identitätsfalle tappen

Anhang

Warum die Identitätssynthese nicht marxistisch ist

Anmerkungen

Einleitung

TEIL I: Die Ursprünge des Identitätssynthese

KAPITEL 1: Das Paris der Nachkriegszeit und das Tribunal der Wahrheit

KAPITEL 2: Das Ende des Imperialismus und das Bekenntnis zum »strategischen Essentialismus«

KAPITEL 3: Die Abkehr von der Bürgerrechtsbewegung und der Aufstieg der Critical Race Theory

KAPITEL 4: Die Identitätssynthese

TEIL II: Der Siegeszug der Identitätssynthese

KAPITEL 5: Die Identitätssynthese erobert den Mainstream

KAPITEL 6: Der kurze Marsch durch die Institutionen

KAPITEL 7: Kritik unerwünscht

TEIL III: Die Schwächen der Identitätssynthese

KAPITEL 8: Wie man einander versteht

KAPITEL 9: Die Freuden gegenseitiger Beeinflussung

KAPITEL 10: Offen sprechen

KAPITEL 11: Ein Plädoyer für die Integration

KAPITEL 12: Der Weg zur Gleichheit

KAPITEL 13: Über strukturellen Rassismus, Gender und die Meritokratie

TEIL IV: Ein Plädoyer für den Universalismus

KAPITEL 14: Eine Antwort auf die Identitätssynthese

KAPITEL 15: Ein Plädoyer für die Logik des philosophischen Liberalismus

Schluss

Für Ala

Vorwort zur deutschen Ausgabe

In den ersten Wochen nach Erscheinen der amerikanischen Fassung dieses Buches wurde mir in Interviews immer wieder die gleiche Frage gestellt: »Rechtspopulisten stellen aktuell doch, wie Sie selbst in vielen Büchern und Artikeln geschrieben haben, die wirkliche Gefahr dar. Warum haben Sie sich ausgerechnet zu so einer Zeit entschieden, ein Buch über die Verfehlungen einer neuen Ideologie innerhalb der Linken zu schreiben?«

Die Frage hat mich nicht überrascht. Ich hatte sie mir, als ich darüber nachdachte, dieses Buch zu schreiben, selbst gestellt. Aber ich habe Im Zeitalter der Identität geschrieben, weil ich eine klare Antwort auf sie habe: Ja, ich mache mir weiterhin starke Sorgen über Viktor Orbán und Narendra Modi, über Marine Le Pen und die Alternative für Deutschland (AfD). Aber wenn ein Politiker wie Donald Trump mittlerweile seit fast zehn Jahren auf der politischen Bühne steht, seine Versprechen immer wieder gebrochen hat, in der Bevölkerung höchst unbeliebt ist und in aktuellen Umfragen für die im Herbst anstehenden Präsidentschaftswahlen trotzdem vor Joe Biden liegt …, dann müssen wir vielleicht mal in den Spiegel blicken. Warum haben die Wähler zu den wichtigsten Institutionen, Politikern und Medien in den USA so wenig Vertrauen?

Etwas Ähnliches gilt auch für Deutschland. Die AfD ist eine der radikalsten rechtspopulistischen Parteien in Europa. Sie macht neben extremistischen Slogans auch immer wieder mit internen Querelen von sich reden. Warum also genießt sie gerade einen Höhenflug, der in der Geschichte der Bundesrepublik seinesgleichen sucht – und könnte, wenn man den aktuellen Umfragen traut, dieses Jahr zum ersten Mal an einer Landesregierung beteiligt sein?

Die Antwort auf diese Fragen, so meine Überzeugung, liegt zumindest zum Teil im wachsenden Einfluss neuer Ideen von der Rolle der Identität, mit denen dieses Buch sich auseinandersetzt. Wie ich darstelle, haben wir in den letzten Jahren nichts weniger als die Geburt einer neuen Ideologie erlebt – einer Ideologie, die weithin als »woke« bekannt ist, obwohl ich den Begriff der »Identitätssynthese« für trefflicher halte. Die Identitätssynthese wendete sich, wie die spannende Geschichte ihres Ursprungs belegt, von Anfang an ausdrücklich gegen die Werte unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Sie peilt eine Gesellschaft an, in der Kategorien wie das Geschlecht, die Hautfarbe oder die sexuelle Orientierung nicht etwa an Bedeutung verlieren – sondern stets bestimmen, wie wir einander wahrnehmen und behandeln. Das Problem an ihr ist also nicht, dass sie zu radikal oder kompromisslos für hehre Anliegen wie den Kampf gegen den Rassismus einstünde. Im Gegenteil: Das Problem an ihr besteht in ihrer Unfähigkeit, eine Gesellschaft zu inspirieren, in der wir friedlich zusammenleben, uns wirklich ebenbürtig fühlen und einander als wahre Mitbürger erkennen.

Trotz dieser Makel hat die Identitätssynthese in den letzten zehn Jahren im Rekordtempo an Einfluss gewonnen. Sie hat viele für die Gesellschaft wichtige Institutionen – von Universitäten bis zu öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten – stark verändert. Und sie bestimmt auch hierzulande immer mehr, was es bedeutet, links zu sein.

Ich wurde 1982 in München geboren. Während meiner Kindheit war es die Linke, die sich für universalistische Werte stark machte. Als Kind jüdischer Einwanderer aus Polen, für das Bundeskanzlerhelmutkohl bis zum Alter von 16 Jahren ein einziges Wort zu sein schien, sehnte ich mich nach einem weltoffeneren Deutschland: nach einer Republik, in der die deutsche Abstammung und die christliche Religion nicht mehr die Eintrittskarte für die volle Mitgliedschaft in der Gesellschaft sein würden.

Mit 13 Jahren trat ich der SPD bei, weil ich davon überzeugt war, dass linke Parteien diesen Humanismus am besten verkörperten: Sie waren es, die erkannten, dass Deutschland mittlerweile von Menschen aus vielen verschiedenen Ländern geprägt war. Sie pochten darauf, dass wir einander verstehen könnten, auch wenn wir aus verschiedenen Teilen der Welt stammten. Sie freuten sich über den gegenseitigen kulturellen Austausch, der natürlicher Teil einer vielfältigen Gesellschaft ist.

Heute jedoch beäugen Teile der Linken diese scheinbar unkontroversen Aussagen kritisch. Denn laut der neuen Ideologie, die gerade inmitten unserer Gesellschaft um Einfluss ringt, sind wir im Kern von unserer Identität geprägt. Die ethnische, kulturelle oder sexuelle Gruppe, in die wir geboren wurden, bestimmt unabdingbar, wie wir die Welt wahrnehmen. Wenn Sie an einer anderen Schnittstelle von Identitäten stehen als ich, denn werde ich Sie, so die oft und lautstark wiederholte Behauptung, niemals wirklich verstehen. Und wenn Mitglieder einer privilegierten Gruppe sich von der Kultur einer marginalisierten Gruppe inspirieren lassen, dann gilt dies nicht etwa als Anzeichen, dass das heutige Deutschland endlich weltoffener geworden ist, als es in meiner Kindheit war – sondern stellt eine problematische Form der »kulturellen Aneignung« dar, vor deren Sündhaftigkeit sich jeder brave Progressive in Acht nehmen sollte.

Der Rechtspopulismus gedeiht vor allem dann, wenn die Menschen den wichtigsten Institutionen ihres Landes nicht mehr trauen. Und dieser Verlust an Vertrauen schreitet nicht nur in Indien oder in Brasilien, in Großbritannien oder den USA voran, sondern eben auch in der Bundesrepublik Deutschland. Um das Land langfristig gegen die verantwortungslosen Scharfmacher von rechts außen zu verteidigen, müssen Politiker und kulturelle Einrichtungen, Universitäten und öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten das Vertrauen der Bevölkerung wiedergewinnen. Und um dieses Vertrauen wiederzugewinnen, müssen wir alle uns aus der Falle einer identitären Ideologie befreien, die in den letzten Jahren ohne ernste Diskussion enorm an Macht und Einfluss dazugewonnen hat.

•••

Soweit meine Antwort auf die Frage, die mir in den ersten Wochen nach Erscheinen dieses Buches immer wieder gestellt wurde. Doch dann kam der 7. Oktober 2023, und diese Frage wurde mir fast nicht mehr gestellt. Das liegt an den furchtbaren Ereignissen jenes Tages – vor allem aber an der schockierenden Reaktion auf diese Ereignisse in Teilen der Linken.

An diesem Tag fielen Terroristen der Hamas auf der Suche nach Juden, die sie foltern und töten könnten, in den Süden Israels ein. Sie enthaupteten einen Israeli mit einem Küchenmesser. Sie ermordeten Besucher eines Musikfestivals, die sich vergeblich in einer Mobiltoilette zu verstecken versuchten. Sie töteten Dutzende Kinder, deren blutverschmierte Körper sie zum Teil so verstümmelten, dass ihre eigenen Familienmitglieder sie nicht identifizieren konnten.

Aber selbst als diese grausigen Details allmählich ans Licht kamen, rangierten die Reaktionen auf den schlimmsten Mord an Juden seit dem Holocaust in vielen Kreisen zwischen seltsam gedämpft und offen jubilierend. Auf einer Einladung zu einer Solidaritätskundgebung mit Palästina, die der Chicagoer Zweig von Black Lives Matter ein paar Tage nach dem 7. Oktober verschickte, war ein verherrlichendes Bild jener Hamas-Paragleiter, die Dutzende Zivilisten ermordet hatten, zu sehen. Hunderte prominente Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler unterzeichneten offene Briefe, die Israel verdammten, ohne die Hamas mit einem Wort zu erwähnen oder die Freilassung der Geiseln zu fordern, die sich weiterhin in der Gewalt der Terrororganisation befanden.

Auch in Deutschland gab – und gibt – es solche Stimmen. So waren in den letzten Wochen antisemitische Vorfälle an Hochschulen von Frankfurt am Main bis Lübeck zu verzeichnen. Und in den Straßen Berlins skandierten Hunderte von Studenten Slogans wie »From the River to the Sea, Palestine must be Free« und – bezeichnend solipsistisch – »Free Palestine from German guilt«.

Die mangelnde Empathie für jüdische Opfer ist umso bemerkenswerter, da sie in so markantem Gegensatz zu den Parolen steht, die große Teile der Linken im Laufe des letzten Jahrzehnts intoniert haben. Sie behaupteten, dass ein Stillschweigen gegenüber Ungerechtigkeiten der Gewalt gleichkäme, und warnten vor den furchtbaren Folgen vage definierter »Mikroaggressionen«. Wenn es aber um den sadistischen Mordrausch der Hamas geht, scheint es, als sei »silence« nicht mehr »violence« – und als könnten Traktate über die Gefahr von Mikroaggressionen nahtlos in Jubelreden über Makroaggressionen münden. Was kann diese bemerkenswerte Gleichgültigkeit gegenüber den von der Hamas begangenen Grauen erklären?

Schlichter Antisemitismus wird wohl etwas damit zu tun haben. Ebenso eine seltsame Unfähigkeit, die moralisch klare Tatsache anzuerkennen, dass die Hamas allein für ihr grausames Pogrom verantwortlich ist, weil andere Tatsachen – wie der breitere Konflikt, der Israelis und Palästinenser seit über einem Jahrhundert gegeneinander ausspielt – moralisch kompliziert sind. Aber besonders in intellektuellen Milieus wurzelt der wichtigste Grund in der neuen Ideologie, die darauf besteht, die ganze Welt durch das Prisma simplistischer Identitätskategorien zu erfassen.

Vier von der Identitätssynthese inspirierte Thesen erklären, warum viele Linke so unwillig sind, das Leiden israelischer Zivilisten anzuerkennen. Erstens glauben viele linke Aktivisten heute, dass die Welt in zwei klare Kategorien aufgeteilt werden kann: Weiße und People of Color. Weiße seien historisch für alles Übel in der Welt verantwortlich. People of Color hingegen müssten stets als Opfer dieser Ungerechtigkeiten verstanden werden. Obwohl sie von einem halben Dutzend Kontinenten stammen und Hunderte verschiedener Ethnien umfassen, obwohl sie eine lange Geschichte durchlebt und auch untereinander blutige Konflikte ausgetragen haben, ist die Tatsache ihrer Marginalisierung der Kern aller ihrer Wesen.

Die nächste These teilt die Welt in zwei andere, aber angeblich mit den ersten beiden überlappende, Kategorien auf: in Siedler und ihre Opfer. Siedler seien Weiße, die im herrschsüchtigen Streben nach Reichtum andere Länder kolonisiert hätten. Ihre Illegitimität vererbe sich von Generation zu Generation, bis auf den heutigen Tag. (In Fällen, in denen die Realität zu stark von solch einer vereinfachenden Erzählung abweicht, wird diese stillschweigend zur Seite geschoben. Der russische Angriff auf die Ukraine gilt der Linken nicht als eine Form des Kolonialismus, weil seine Opfer vorwiegend weiß sind.)

Drittens müssen wir uns von traditionellen Vorstellungen von Rassismus verabschieden. Sozialwissenschaftler haben zu Recht darauf hingewiesen, dass ein Verständnis von Rassismus, das sich ausschließlich auf die Einstellungen von Einzelpersonen fokussiert, unvollständig ist. Denn manchmal können Mitglieder von Minderheitsgruppen tatsächlich strukturellen Rassismus erleben, obwohl niemand abfällige Ansichten über die Gruppe, der sie angehören, hat. In den letzten zehn Jahren sind viele Aktivisten jedoch einen Schritt weitergegangen und haben die traditionelle Vorstellung von Rassismus durch eine ausschließlich strukturelle Neuinterpretation dieses Konzepts ersetzt. Da Rassismus gar nichts mit individuellen Überzeugungen zu tun habe, so die neue These, sei es für Mitglieder einer marginalisierten Gruppe unmöglich, gegenüber Mitgliedern einer dominanten Gruppe rassistisch zu handeln.

Viertens seien alle Formen der Unterdrückung miteinander verbunden. Da verschiedene Identitäten sich überschneiden können, sei es unmöglich, eine Form der Unterdrückung zu überwinden, ohne gleichzeitig alle anderen Formen der Unterdrückung beiseitezuschaffen. Deshalb gebe es für Aktivisten eine moralische Pflicht, gegen alle Formen der Unterdrückung gleichzeitig zu kämpfen: »Wenn dein Feminismus nicht intersektional ist«, so ein populärer Slogan, »dann ist er Bullshit.«

Im Laufe der letzten Monate wurden alle vier ideologischen Bausteine in den Dienst gestellt, um das Leiden jüdischer Zivilisten unsichtbar zu machen – oder gar zu rechtfertigen. Nach Ansicht großer Teile der globalen Linken sind Juden weiß. Israel ist eine europäische Siedlerkolonie. Palästinenser sind People of Color. Des Rassismus sowie des Antisemitismus sind sie deshalb unfähig. Die Hamas ist nicht etwa eine theokratische Terrororganisation, welche die eigene Bevölkerung ausbeutet, sondern eine legitime Widerstandsbewegung. Und wenn Sie ein guter Umweltschützer oder auch nur ein Künstler oder Schriftsteller mit gutem Ruf sein wollen, dann ist es Ihre Pflicht, die Gräuel des 7. Oktober 2023 herunterzuspielen.

Kritik an der israelischen Kriegsführung ist, auch in scharfer Form, legitim. Kritik an Benjamin Netanjahu – einem klassischen Rechtspopulisten – ohnehin. Aber: Die Realität im Nahen Osten ist selbstverständlich komplizierter. So stammen, um nur ein Beispiel zu nennen, die meisten Juden in Israel aus arabischen Staaten wie dem Irak oder Marokko und nicht etwa aus europäischen Staaten wie Polen oder der Ukraine. Sie wurden gewaltsam aus den Ländern, in denen ihre Vorfahren seit Jahrhunderten lebten, vertrieben. Außer in Israel konnten sie in keinem anderen Land Zuflucht finden. Und auch ihre Hautfarbe unterscheidet sich im Durchschnitt kaum von jener der Palästinenser. Sie und ihre Nachfahren als weiße Kolonialisten zu bezeichnen ist also doppelter Unsinn – aber für solche Details interessiert sich eine Ideologie, die darauf erpicht ist, die ganze Welt in Gut und Böse einzuteilen, nun einmal nicht.

Die einzig anständige Antwort auf diese Ideologie besteht darin, jene Werte zu verteidigen, die uns vor unseren schlimmsten Versuchungen schützen. In ihrer besten Form ermutigen uns die Ideale und die Institutionen der liberalen Demokratie zu leben und leben zu lassen; Gemeinsamkeiten, die unsere ethnischen und religiösen Differenzen überbrücken, zu betonen; und uns zu entsinnen, dass wir unsere Menschlichkeit selbst mit jenen teilen, die zu verabscheuen wir manchmal versucht sein mögen.

Gerade Linke sollten sich deshalb ihres altbewährten Humanismus entsinnen. Der moralische Wert einer Person ergibt sich nicht aus der Gruppe, in die sie geboren wurde. Die Welt lässt sich nicht in manichäische Kategorien von Gut und Böse oder von Weiß und Schwarz aufteilen. Und nichts entbindet uns von der Verantwortung, unsere Verbündeten vorsichtig zu wählen – egal, wie lautstark sie von sich behaupten, für die Anliegen der Unterdrückten zu kämpfen.

Natürlich reicht ein solcher Humanismus – ob er nun in progressiver, in liberaler oder in konservativer Ausprägung daherkommt – nicht aus, um fortbestehende Ungerechtigkeiten von einem Tag zum nächsten abzuschaffen, oder eine Welt, die gerade mal wieder in Flammen steht, zu befrieden. Aber er ist eine unverzichtbare Komponente einer jeden Weltanschauung, die dazu in der Lage ist, die Realität in ihrer ganzen Komplexität zu erfassen. Allein universalistische Werte können uns daran erinnern, dass wir in unserem Trauern über die Schrecken des Krieges nicht zwischen den unschuldigen Opfern auf der einen und den unschuldigen Opfern auf der anderen Seite wählen müssen – oder dürfen.

•••

Im Verlauf eines Jahrzehnts hat die Identitätssynthese in den Vereinigten Staaten bemerkenswert an Macht dazugewonnen. Zunehmend macht ihr Einfluss sich auch außerhalb des Landes, von Kanada bis zum Vereinigten Königreich, bemerkbar. Und obwohl sie in Deutschland bisher weniger stark verbreitet ist, hat sie auch hier bereits die Werte und Normen wichtiger Institutionen verändert. So berichtet auch hierzulande die Süddeutsche voller Lob über Sensitivity Readers, die Verlage und Studios dabei beraten, wie man Mitglieder verschiedener Identitätsgruppen in Filmen oder Romanen beschreiben darf und wie eben nicht. So behauptet auch hierzulande ein linker Schriftsteller im Spiegel, eine Aktion gegen den Antisemitismus, in der Tausende Menschen sich aus Solidarität mit einem verprügelten Rabbiner eine Kippa anzogen, sei zutiefst problematisch, weil es sich dabei um eine Form der kulturellen Aneignung handle. Und so öffnet auch hierzulande ein staatlich finanziertes Museum seine Türen an einem Tag der Woche nur für People of Color, um sie so, wie die eigene Pressemitteilung verlauten lässt, vor weißen Menschen zu schützen.

Stehen wir in Deutschland also vor einem ähnlichen Triumphzug der neuen identitären Ideologie wie in den USA? Oder wird sie hierzulande, trotz ihres wachsenden Einflusses, niemals dieselbe Macht entfalten? Die richtige Antwort hängt letztlich davon ab, was diejenigen unter uns, die humanistische Werte für unabdingbare Wegweiser einer besseren Zukunft halten, in den kommenden Jahren tun werden.

Die Identitätssynthese ist eine Falle. Wenn wir eine gerechtere Gesellschaft aufbauen wollen, in der Menschen aus allen Teilen der Welt einander verstehen und wertschätzen, müssen wir dieser Ideologie selbstbewusst entgegentreten. Dieses Buch ist der Versuch, für diese Auseinandersetzung – die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten auch im Zentrum der deutschen Debatte stehen wird – die notwendige intellektuelle Grundlage zu schaffen.

Yascha Mounk im Dezember 2023

Einleitung

Der Köder und die Falle

Im Sommer 2020 fragte Kila Posey die Schulleiterin der Mary-Lin-Grundschule, die in einem wohlhabenden Vorort von Atlanta liegt, ob sie für ihre siebenjährige Tochter einen bestimmten Lehrer anfordern könne. »Selbstverständlich«, erwiderte die Schulleiterin. »Schicken Sie mir einfach den Namen.« Als Posey ihren Wunsch jedoch einreichte, erwiderte die Schulleiterin, ein anderer Lehrer sei besser geeignet.

Posey, eine Afroamerikanerin, fand das befremdlich. Sie wollte wissen, warum sie für ihre Tochter doch nicht den Lehrer ihrer Wahl aussuchen durfte. »Nun ja«, erklärte die Schulleiterin, »er unterrichtet nicht die schwarze Klasse.«[1]

Das klingt deprimierend vertraut. Es weckt Erinnerungen an die lange und brutale Geschichte der Segregation – und beschwört Visionen weißer Eltern herauf, die partout nicht wollen, dass ihre Kinder schwarze Klassenkameraden kriegen. Aber in diesem Fall ist da ein perfider Dreh: Sharyn Briscoe, die Schulleiterin, ist selbst schwarz. Wie Posey dem Atlanta Black Star berichtete, konnte sie es »einfach nicht fassen, dass ich im Jahr 2020 ein solches Gespräch mit einer Person führe, die so aussieht wie ich – einer schwarzen Frau. Das ist eine Form der Rassentrennung. Das geht doch eigentlich gar nicht.«[2]

Die erschreckenden Vorgänge an der Mary-Lin-Grundschule sind also keine Fortsetzung der alten Geschichte der Rassentrennung – sondern das Resultat eines neuen ideologischen Trends. Lehrer, die laut eigener Auffassung nach »Racial Justice« – auf Deutsch in etwa: »rassischer Gerechtigkeit« – streben, trennen an einer wachsenden Anzahl amerikanischer Schulen Kinder auf Grundlage ihrer Hautfarbe voneinander.

Diese Praxis hat mittlerweile in einigen öffentlichen Schulen Einzug gehalten. So bietet die Highschool in Evanston, einem der nobelsten Vororte Chicagos, separaten Mathematikunterricht für schwarze Schüler an.[3] Eine Schule in Wellesley, in Massachusetts, betreibt seit einiger Zeit einen »heilenden Raum für asiatische und asiatisch-amerikanische Schüler«. Die per E-Mail versandte Einladung betont, es handele sich dabei um einen »Safe Space für unsere asiatisch/asiatisch-amerikanischen Schüler und andere People of Colour. Er ist *nicht* für Lernende gedacht, die sich als Weiß identifizieren.«[4]

Das amerikanische Gesetz setzt staatlichen Einrichtungen seit der Bürgerrechtsbewegung enge Grenzen, wie und wann sie Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe betreiben dürfen.[5] Die Einführung segregierter Klassenzimmer und sogenannter Safe Spaces in öffentlichen Schulen hat daher zu einigen Klagen geführt.[6] Doch was in Atlanta, Evanston und Wellesley geschah, ist an Privatschulen, die weniger strengen Bestimmungen unterliegen, längst zum Alltag geworden.

An den prestigeträchtigsten Schulen Amerikas, von Boston bis nach Los Angeles, teilen Lehrer ihre Schüler inzwischen routinemäßig nach ihrer »Rasse« in verschiedene Gruppen ein. In vielen Fällen ist dies sogar obligatorisch. Manchmal sind die Schüler so jung, dass ihre Lehrer ihnen sagen müssen, welcher Gruppe sie sich anschließen sollen. In Gordon, einer traditionsreichen Privatschule in Rhode Island, werden die Kinder bereits im Kindergarten in Gruppen eingeteilt, die sich wöchentlich treffen und nach ethnischen Merkmalen getrennt sind.[7] »Ein Lehrplan mit spielerischem Schwerpunkt, der ausdrücklich die rassische Identität bekräftigt«,[8] schrieb Julie Parsons, eine Lehrerin mit langjähriger Erfahrung mit dieser Praxis, in der Fachzeitschrift des nationalen Dachverbandes amerikanischer Privatschulen, sei »für die jüngsten Lernenden besonders wichtig.«

Dalton, eine der schicksten Schulen in New York, erläutert die pädagogischen Ziele, die solche Praktiken motivieren, auf seiner Webseite.[9] Antirassistische Einrichtungen, so heißt es dort, haben die Pflicht, Schülern dabei zu helfen, ihre richtige »rassische Identität« zu finden. Eine Expertenrunde – zusammengerufen von einer NGO, die neben vielen anderen Schulen auch Dalton in Fragen der Diversität berät, und den passenden Namen EmbraceRace[10] trägt – hebt hervor, dass im jungen Alter »selbst Schwarze oder People of Color manchmal sagen: Meine Rasse definiert mich nicht. Ich bin einfach ein Mensch.« Eine gute Erziehung habe die Aufgabe, diese Haltung zu überwinden: »Wir alle sind rassische Wesen«.[11] Der erste Schritt in die richtige Richtung bestehe deshalb darin, sich von der »farbenblinden Vorstellung« zu verabschieden, dass unsere Gemeinsamkeiten wichtiger seien als unsere Unterschiede.

In jüngster Zeit sind einige Schulen sogar dazu übergegangen, weiße Schüler zu ermutigen, sich über ihre »Rasse« zu definieren. Die Bank Street School an der New Yorker Upper West Side zum Beispiel, ein paar Blocks von der Columbia entfernt, ist eine der berühmtesten Schulen für frühkindliche Erziehung.[12] Stolz, an der Avantgarde der progressiven Pädagogik zu stehen, fungiert Bank Street sowohl als eine Schule als auch als ein Ausbildungszentrum für Pädagogen. Und vor Kurzem hat Bank Street angefangen, Schüler für einen Teil des Unterrichts in zwei Gruppen aufzuteilen: eine für »Kids of Color« und eine für Weiße. Das Ziel der weißen Gruppe, so erklärt die Webseite der Schule, bestehe darin, »das Bewusstsein für die Vorherrschaft des Weißseins und der damit verbundenen Privilegien« zu schärfen und die Lernenden dazu zu ermutigen, sich zu ihrer »europäischen Abstammung zu bekennen«.[13]

Dieser neue pädagogische Ansatz ist es, der Sharyn Briscoe, die Leiterin der Mary-Lin-Grundschule, dazu ermutigt hat, eine »schwarze Klasse« ins Leben zu rufen. Briscoe wuchs in einem Vorort von Philadelphia auf und besuchte eine vorwiegend weiße Privatschule, in der sie sich häufig einsam fühlte. Während ihres Studiums am Spelman College sog sie neue pädagogische Ansätze auf, die Kindern wie ihr in der Zukunft dasselbe Leid ersparen sollten. So stellt Beverly Daniel Tatum, eine renommierte Erziehungswissenschaftlerin und ehemalige Rektorin von Spelman, in einem einflussreichen Buch die Frage: »Wenn eine junge Person Zugang zu einer Gruppe weißer Freunde gefunden hat, muss sie trotzdem auch Teil einer schwarzen Freundesgruppe werden?« Tatum bejaht dies. Sie trägt Schulen deshalb auf, dafür zu sorgen, dass Schüler Freunde in den jeweils eigenen ethnischen Gruppen finden – zum Beispiel indem sie »schwarze Schüler« zumindest für einen Teil des Unterrichts »von den anderen trennen«.[14]

Kila Posey widerspricht dieser Ansicht vehement. Selbst Erzieherin, ist sie überzeugt, dass »es meinen Töchtern nicht unbedingt zu einer Gemeinschaft verhilft, wenn man sie mit einem Haufen Leute, die ähnlich aussehen, in dieselbe Klasse steckt.«[15] Klassenkameraden auszuwählen, mit denen ihre Töchter sich aufgrund ihrer Hautfarbe anfreunden sollten, »gehört nicht zu Ihren Aufgaben«, erklärte sie Briscoe bei einem ihrer ersten Treffen.

Als ich mit Posey über ihren mehrjährigen Streit mit dem Schulbezirk von Atlanta sprach, verwies sie akribisch auf Fakten und Zahlen. Erst auf meine Frage, welche Hoffnungen sie für die Zukunft ihrer Töchter hege, wurde deutlich, wie nah ihr die Angelegenheit ging. »Für meine Mädchen gibt es keine Grenzen. Sie können tun und sein, was sie wollen«, erwiderte sie mit leicht zitternder Stimme. Seit ihre Töchter Kamala Harris’ Amtseinführung als Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten sahen, sind sie fest entschlossen, in ihre Fußstapfen zu treten. Aber für welchen Beruf auch immer sie sich schließlich entscheiden mögen, ist Posey von einem überzeugt: »Sie werden mit am Tisch sitzen. Und dann werden sie mit allen gut auskommen müssen.«

Die tiefgreifende Meinungsverschiedenheit zwischen Kila Posey und Sharyn Briscoe ist nur ein kleines Scharmützel in einer viel größeren Schlacht der Ideen. Teile des amerikanischen Mainstreams verwerfen gerade den Universalismus, und ersetzen ihn durch eine neue Form des progressiven Separatismus. Schulen und Universitäten, Stiftungen und Verbände ermutigen Menschen dazu, sich selbst als »rassische Wesen«[16] wahrzunehmen. Zunehmend wird dieselbe Weltsicht auch auf andere Spielarten der Identität angewandt: Viele Institutionen ermutigen Menschen heute dazu, sich über ihr Gender, ihre Abstammung oder ihre sexuelle Orientierung zu definieren. Manche Institutionen gehen mittlerweile sogar noch einen entscheidenden Schritt weiter: Sie sehen es als ihre Pflicht, die Art und Weise, wie sie mit Menschen umgehen, davon abhängig zu machen, zu welchen Identitätsgruppen diese gehören – sogar bei lebensentscheidenden Fragen wie der Vergabe knapper Medikamente.

Es steht viel auf dem Spiel

Ende Dezember 2021 schrieb ein Arzt in New York ein dringend benötigtes Rezept für einen Patienten, der soeben positiv auf Covid getestet worden war. Dabei handelte es sich um ein neues Mittel namens Paxlovid, das die Wahrscheinlichkeit, an der Krankheit zu sterben, stark reduzieren sollte. Aber bevor die Apothekerin bereit war, das Medikament auszuhändigen, stellte sie eine Rückfrage. Sie wollte wissen, welcher »Rasse« der Patient angehörte. Der Arzt war völlig entgeistert. »Ich bin seit dreißig Jahren als Arzt tätig«, sagte er, »und noch nie hat mir jemand diese Frage gestellt, wenn ich ein Rezept geschrieben habe.«[17]

Im Herbst des zweiten Pandemiejahres bestand kein Mangel mehr an Impfstoffen. Zum ersten Mal wurden wirksame Medikamente an Krankenhäuser und Arztpraxen geliefert. Das Ende der Pandemie rückte allmählich näher. Doch dann ließ die rasche Ausbreitung der neuen Omikron-Variante die Fallzahlen erneut nach oben schnellen. Ärzte standen vor der schwierigen Entscheidung, wem sie bei der Verteilung von knappen Ressourcen den Vortritt gewähren sollten: Welche Risikopatienten sollten, bis diese Arzneimittel für alle Erkrankten in ausreichenden Mengen zur Verfügung stünden, lebensrettende Medikamente wie Paxlovid und Antikörperbehandlungen mit Sotrovimab ergattern können?[18]

Seit Langem geltende Prinzipien der Triage legen nahe, dass Ärzte ein offensichtliches Ziel anstreben sollten: Möglichst viele Leben zu retten. Während der Pandemie folgten die meisten Länder dieser Maxime.[19] Um Medikamente an jene Patienten zu verteilen, denen sie am meisten nutzen würden, nahmen Behörden vor allem jene Faktoren – wie das fortgeschrittene Alter und bestehende Vorerkrankungen – in den Blick, die das Virus für Betroffene besonders gefährlich machten.[20] Aber in den letzten Jahren haben einflussreiche Ärzte, Aktivisten und Experten gefordert, bei der Triage einen neuen Faktor zu berücksichtigen: was auf Englisch als »Racial Equity« – in etwa: »die Gerechtigkeit zwischen den ›Rassen‹« – bekannt ist.

Ärzte nehmen Ungleichheiten zwischen verschiedenen demografischen Gruppen aus gutem Grund ernst. Eine Reihe von Studien hat gezeigt, dass historisch marginalisierte Communitys, wie etwa Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten,[21] gesundheitlich schlechter abschneiden. Statt jedoch die zugrundeliegenden Ungerechtigkeiten, die solche Disparitäten verursachen, zu bekämpfen, haben große Teile der Ärzteschaft beschlossen, Mitglieder verschiedener ethnischer Gruppen fortan unterschiedlich zu behandeln.

In einer einflussreichen Reihe an Artikeln beschrieben zwei bekannte Ärzte am Brigham and Women’s, einem der besten Krankenhäuser der Welt, wie sie diese Vorstellungen in die Praxis umsetzten. Bram Wispelwey und Michelle Morse stellten dar, wie nichtweiße Patienten in der Vergangenheit diskriminiert worden waren, wenn es um die Aufnahme in die chronisch überbelegte Kardiologische Abteilung ging.[22] Statt jedoch die nötigen Maßnahmen zu treffen, um diese ungerechte Behandlung künftig auszuschließen – und so sicherzustellen, dass das Krankenhaus weiße und schwarze Patienten gleich behandelt –, beinhalteten ihre »Implementierungsmaßnahmen zum Erreichen der Gruppengerechtigkeit« eine »bevorzugte Zulassungsoption für Afroamerikaner und Latinos mit Herzproblemen«.

Einige führende Wissenschaftler behaupten gar, die sogenannte Gruppengerechtigkeit – auf Englisch als »Equity« bekannt – sei wichtiger als der traditionelle medizinische Auftrag, Leben zu retten. So argumentiert Lori Bruce, die stellvertretende Leiterin des Zentrums für Bioethik an der Yale University, in der Fachzeitschrift Journal of Medical Ethics, dass Protokolle, die bestimmen, wer zuerst an knappe medizinische Güter kommt, »künftig mit einem breiteren Blickwinkel als der stark vereinfachenden Messzahl geretteter Leben abgefasst werden sollten.«[23] Ärzte sollten versuchen, bestehende Ungleichheiten zwischen verschiedenen demografischen Gruppen zu verringern, indem sie ein »gruppengerechtes Triage-Protokoll«[24] einführten – unter besonderer Berücksichtigung der Frage, ob »Familien sich erinnern werden, dass ihnen die Behandlung verweigert wurde oder dass sie inklusiv behandelt wurden.«[25]

Diese Ideen und Praktiken lassen verstehen, auf welcher Grundlage Gesundheitsämter im Verlauf der Pandemie wichtige Entscheidungen trafen. Als sie den Auftrag kriegten über die Vergabe von knappen Medikamente zu entscheiden, verwarfen sie »rasseneutrale« Faktoren, die lediglich Risikofaktoren wie das Alter oder bestehende Vorerkrankungen berücksichtigten.[26] So verpflichtete sich der Bundesstaat New York etwa, fortan medizinische Richtlinien anzuwenden, die »Rassengerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit« beförderten – mit dem ausdrücklichen Hinweis, dies bedeute einen Abschied von der Vorstellung, dass »jeder gleich behandelt wird«.[27] So kann es auch nicht überraschen, dass die New Yorker Gesundheitsbehörde diese Prinzipien anwandte, als es um die Verteilung von Paxlovid ging. Mitglieder ethnischer Minderheitsgruppen sollten dieses Arzneimittel auch dann kriegen können, wenn sie jünger als fünfundsechzig Jahre alt waren und keine Vorerkrankungen hatten.[28] Weiße New Yorker mit identischem Alters- und Gesundheitsprofil sollten dagegen nicht denselben Vorrang genießen.[29]

Diese Richtlinien sind Teil eines größeren Trends.[30] Als Impfmittel gegen Corona zum ersten Mal auf den Markt kamen, gab der Bundesstaat Vermont jungen, nichtweißen Patienten ohne Vorerkrankungen Priorität vor weißen Patienten.[31] Und obwohl ihre eigenen Modelle zeigten, dass ein solches Vorgehen die Zahl der Todesfälle durch die Pandemie erhöhen würde, empfahlen die Centers for Disease Control (CDC) den Bundesstaaten, Angestellte mit wichtigen Aufgaben den Älteren vorzuziehen – mit der expliziten Begründung, ältere Amerikaner seien in überproportionalem Ausmaß weiß.[32] Als eine Klage solchen Praktiken eine Ende bereiten wollte, wurde sie von zwei Dutzend prominenten Institutionen – vom American College of Physicians bis zur American Medical Association – in einem amicus curiae Brief verteidigt.[33]

Das neue Paradigma gilt auch auf Feldern, die nichts mit Ethnizität oder Medizin zu tun haben. Ämter haben sich in allen möglichen Kontexten von neutralen Regeln verabschiedet, die alle Bürger – unabhängig von der Gruppe, der sie angehören – gleichbehandeln. Wer wann Hilfe vom Staat beziehen kann, hängt nun ausdrücklich von Faktoren wie »Rasse«, Gender und sexueller Orientierung ab.

Als die amerikanische Bundesregierung zum Beispiel Covid-Notfallhilfen für Kleinunternehmer bereitstellte, die wegen eingebrochener Einnahmen Bankrott zu gehen drohten, gab sie weiblichen Eignern den Vortritt vor männlichen.[34] Und als die Stadt San Francisco ein bedingungsloses Grundeinkommensprogramm ankündigte, das armen Einwohnern 1200 Dollar pro Monat zur Verfügung stellen sollte, hatte die Sache leider einen Haken: Nur Mitglieder einer bestimmten Gruppe würden auf diese Leistungen einen Anspruch haben – diejenigen, die sich als trans identifizieren.[35]

Wer sich über die Rolle sorgt, die Identität mittlerweile in den Vereinigten Staaten – und in geringerem, wenngleich schnell anwachsendem Ausmaß, auch in Deutschland – spielt, der wird gern für seine ungesunde Fixierung auf den Kulturkampf, der in den sozialen Medien tobt, verlacht. Darin steckt sicherlich ein Körnchen Wahrheit. Twitter und Facebook liefern einer zunehmend polarisierten Öffentlichkeit täglich ihre ersehnte Dosis Empörung. Und manche Menschen, die etwas Schlimmes getan haben, tun tatsächlich fälschlicherweise so, als seien sie Opfer eines »Cancel Mob«.[36] Dass einige sich zu Unrecht darüber beschweren, man habe sie gecancelt, macht das zugrunde liegende Phänomen jedoch nicht weniger real.

Neue Ideen über Identität üben in Kanada, Großbritannien und den Vereinigten Staaten bereits enormen Einfluss aus; nun verbreiten sie sich allmählich in Schweden und den Niederlanden, in Frankreich und Deutschland. Grundlegende Annahmen über Gerechtigkeit, den Wert von Gleichheit und die Bedeutung von Identität haben sich in tiefgreifender Weise verändert. Sie beeinflussen bereits die Handlungen vieler gesellschaftlich maßgeblicher Einrichtungen – von der Associated Press[37] bis zum Massachusetts Institute of Technology,[38] von der Coca-Cola Company in den Vereinigten Staaten[39] bis zum National Health Service im Vereinigten Königreich,[40] und von französischen Studentengewerkschaften bis hin zu spanischen Verlegern. Im Streit über diese Ideologie geht es um nicht mehr oder weniger als die Regeln und Prinzipien, die unsere Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten prägen werden. Statt so zu tun, als seien diese Veränderungen rein fiktiv, sollten wir sie auf seriöse Weise analysieren und bewerten.

Die Identitätssynthese

Die neue Ideologie, die im Begriff ist, die grundlegenden Regeln und Normen unserer Gesellschaft zu verändern, hat ihren Ursprung im Wandel der zentralen Anliegen der Linken. Einst war die Linke von ihren universalistischen Zielen geprägt. Links zu sein bedeutete, auf eine Zukunft zu hoffen, in der Menschen nicht auf ihre Religion oder ihre Hautfarbe, ihre soziale Klasse oder ihre sexuelle Orientierung reduziert werden.[41] Linke hofften darauf, eine Welt zu erschaffen, in der unsere Gemeinsamkeiten wichtiger als die Unterschiede werden, die in der grausamen Geschichte der Menschheit oft eine solch wichtige Rolle spielten.[42] Doch in den vergangenen sechs Jahrzehnten hat sich im Denken der Linken über Identität ein tiefgreifender Wandel vollzogen.

Die Gründe dafür sind in mancherlei Hinsicht verständlich. In den Sechziger- und Siebzigerjahren zeigten linke Intellektuelle auf, dass ein theoretisches Bekenntnis zum Universalismus allzu häufig mit andauernder Diskriminierung gegen ethnische oder religiöse Außenseiter vereinbar war.[43] Wie sie offenbarten, waren selbst viele linke Bewegungen für Mitglieder verschiedener Minderheiten unzureichend offen.[44] Aber als das Bewusstsein für die Unterdrückung verschiedentlicher Identitätsgruppen wuchs, machten sich Teile der Linken eine neue Idee zu eigen: Sie glaubten nun, die Lösung für solche Ungerechtigkeiten müsse darin bestehen, Menschen zum Stolz auf ihre Gruppenzugehörigkeit zu animieren.[45] Wenn Personen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Hautfarbe besonders benachteiligt wurden, war es nur logisch, Homosexuelle oder Schwarze zu ermutigen, sich mit diesen marginalisierten Gruppen zu identifizieren – und für ihre kollektive Befreiung zu kämpfen.[46]

Im Laufe der Zeit hat sich dieser vermeintlich strategische Imperativ, auf die eigene Identität zu pochen, zu einer neuen Vorstellung von den langfristigen Zielen der Linken gewandelt. Große Teile der progressiven Bewegungen wiesen die Hoffnung auf eine harmonischere Zukunft, in der – wie Martin Luther King Jr. es einst formulierte – »kleine schwarze Jungen und Mädchen kleinen weißen Jungen und Mädchen die Hände reichen können«, als naiven Kitsch von sich.[47] Stattdessen übernahm die Linke allmählich eine Vision der Zukunft, in der die Gesellschaft dauerhaft durch ihre Aufteilung in voneinander abgegrenzte Identitätsgruppen geprägt sein würde. Wenn wir sicherstellen wollten, dass jede ethnische, religiöse oder sexuelle Gemeinschaft den ihr zustehenden Anteil an Einkommen und Wohlstand bekommt, dann müssten sowohl private Akteure als auch öffentliche Ämter die Art und Weise, in der sie Personen behandeln, von den Identitätsgruppen, zu denen sie gehören, abhängig machen.[48] Es war die Geburt einer neuen Ideologie.

Vor zehn Jahren war in Zeitungsartikeln, die sich mit dieser neuen Ideologie auseinandersetzten, häufig von »Identitätspolitik« die Rede.[49] Noch vor fünf Jahren bezeichneten die Anhänger dieser Form der Politik sich selbst stolz als »woke«.[50] Aber beide Begriffe sind mittlerweile höchst umstritten. Heute läuft jeder, der über Identitätspolitik spricht oder einen Aktivisten als woke bezeichnet, Gefahr, als Wutbürger wahrgenommen zu werden, der unbedingt auf Krawall aus ist. Ein neuer Begriff, der dieses Phänomen auf neutrale Weise beschreiben würde, hat sich bisher noch nicht gefunden.[51]

Das ist ein Problem. Denn es wird schwer werden, eine ernsthafte Debatte über diese Ideologie zu führen, wenn wir uns nicht einmal auf ein weithin akzeptables Etikett verständigen können. Es wäre daher hilfreich, sich auf eine sowohl für Anhänger als auch für Kritiker dieser Ideologie akzeptable Bezeichnung zu einigen. Ich habe einen Vorschlag. Dieses Konglomerat von Ideen greift auf eine Vielfalt intellektueller Traditionen zurück. Und es kreist um die Rolle, die Kategorien der Identität wie »Rasse«, Gender und sexuelle Orientierung in unserer heutigen Welt spielen. Deshalb bezeichne ich diese Ideologie als Identitätssynthese.

Die Identitätssynthese nimmt viele verschiedene Kategorien in den Blick, von der Religion bis zur Ethnizität, und von Genderfragen bis hin zur körperlicher Behinderung.[52] Ihre Vorstellungen gehen auf eine Vielzahl intellektueller Einflüsse vom Postmodernismus bis zum Postkolonialismus und der Critical Race Theory (CRT) zurück. Sie lässt sich für unterschiedliche politische Anliegen von der radikalen Ablehnung des Kapitalismus bis hin zum stillschweigenden Bündnis mit Großunternehmen einspannen.

Man könnte also annehmen, es mangele der Identitätssynthese an Kohärenz – oder sie gar als Modeerscheinung abtun, die mit der Zeit wie von selbst wieder abflauen wird. Tatsächlich lässt sich fast alles, was bisher über das Thema geschrieben worden ist, einem von zwei Lagern zuordnen. Entweder die Kernideen der Identitätssynthese werden unkritisch zum Heilsbringer hochstilisiert, der allein die Ungerechtigkeiten der Welt überwinden kann. Oder sie werden pauschal als kaum ernstzunehmende Modeerscheinung bagatellisiert, die man getrost ignorieren kann. Aber eine genauere Untersuchung zeigt, dass die Ideologie, die ihren Namen nicht zu nennen wagt, sowohl echt als auch bedeutsam ist. Es ist an der Zeit, sich auf ernsthafte Weise mit ihr auseinanderzusetzen. Und um dies zu tun, müssen wir zuerst verstehen, warum sie sich als so verlockend erwiesen hat.

Der Köder

Viele Verfechter der Identitätssynthese verfolgen ein edles Ziel: Sie wollen die tiefgreifenden Ungerechtigkeiten, die nach wie vor jedes Land der Welt prägen, beseitigen. Diese Ungerechtigkeiten gibt es zweifellos. Mitglieder marginalisierter Gruppen haben seit jeher unter den schrecklichen Auswirkungen der Diskriminierung gelitten. Selbst heute noch kämpfen Frauen am Arbeitsplatz mit grundlegenden Nachteilen. Menschen mit einer Behinderung werden manchmal verspottet und häufig diskriminiert. Ethnische Minderheiten treffen auf offene Ablehnung oder subtile Formen der Ausgrenzung. Der gewalttätige Hass gegen Homosexuelle und Trans-Menschen besteht weiterhin.[53]

Sogar äußerst erfolgreiche Mitglieder historisch marginalisierter Gruppen fühlen sich manchmal wie Bürger zweiter Klasse. Schulen und Universitäten, Unternehmen und Bürgervereine sind im Laufe der letzten Jahre wesentlich inklusiver geworden.[54] Aber Mitglieder von Gruppen, die in Universitäten und Großunternehmen weiterhin unterrepräsentiert sind, haben nicht selten berechtigten Grund zu der Annahme, dass die Exklusion lediglich subtilere Formen angenommen habe. Stille Vorbehalte unter älteren Kollegen oder strukturelle Hindernisse wie unbezahlte Praktika erschweren jenen, die als Erste in ihrer Familie eine Universität besuchen, den Weg in einflussreiche Berufsfelder.[55]

Um diese Ungerechtigkeiten zu erkennen – oder gegen sie ankämpfen zu wollen –, muss man kein Verfechter der Identitätssynthese sein. Jeder, der weiß, dass sein Land universalistischen Idealen wie der Toleranz und der sozialen Inklusion nicht gerecht wird, sollte sich für kulturelle Veränderungen und politische Reformen einsetzen, die solche Missstände beheben. Darauf hinzuweisen, dass Mitglieder von Minderheiten manchmal ungerecht behandelt werden – und darauf zu pochen, solche Ungerechtigkeiten zu überwinden –, ist in keinem Sinne des Wortes »woke«.

Aber obwohl soziale Bewegungen und gesetzliche Reformen bereits viel dazu beigetragen haben, echte Ungerechtigkeiten zu beseitigen, führen sie weder so schnell noch so komplett zum Erfolg wie viele es sich verständlicherweise erhoffen. Demokratische Politik, lautet der berühmte Satz des Soziologen Max Weber, »bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern.«[56] Und so kommen einige derjenigen, die sich zu Recht über anhaltende Ungerechtigkeiten empören, zu dem Schluss, dass wir die Bretter des Status quo auf viel radikalere und rabiatere Weise brechen müssen.

In genau diesem Versprechen besteht der Köder der Identitätssynthese. Sie nimmt für sich in Anspruch, die konzeptionellen Fundamente einer neuen Welt zu legen, indem wir altbewährte Prinzipien aus dem Fenster schmeißen, die – so ihre Unterstellung – unsere Fähigkeit, echte Gleichheit zu erreichen, behindern. Anhänger der Identitätssynthese lehnen universalistische Werte und neutrale Regeln wie die Meinungsfreiheit oder die Chancengleichheit als bloße Ablenkungsmanöver ab, die die Marginalisierung von Minderheiten verschleiern sollen. Der Versuch, Fortschritte auf dem Weg zu einer gerechteren Gesellschaft zu machen, indem man die Anstrengungen verdoppelt, solchen Idealen gerecht zu werden, ist nach Ansicht ihrer Befürworter ein Irrweg. Stattdessen soll die Gruppenidentität – ob es darum geht, die Welt zu verstehen, oder darum, wie wir einander behandeln – eine entscheidende Rolle spielen.

Die Identitätssynthese rückt wahre Ungerechtigkeiten ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Sie verleiht allen, die sich marginalisiert oder schlecht behandelt fühlen, ein neues Vokabular für ihre Erfahrungen. Und sie verspricht ihren Anhängern, Teil einer großen historischen Bewegung zu sein, die die Welt verbessern wird.

Aber leider wird die Identitätssynthese letztlich das Gegenteil bewirken. Denn trotz der besten Absichten ihrer Befürworter macht sie es Gesellschaften schwerer, eine echte Gleichheit zwischen den Mitgliedern unterschiedlicher Gruppen zu erreichen. Zugleich untergräbt sie andere Ziele, die uns allen aus gutem Grund wichtig sein sollten, so wie die Stabilität diverser Demokratien. Trotz der Anziehungskraft ihres Köders entpuppt sich die Identitätssynthese als eine Falle.

Die Falle

Man wäre schlecht beraten, die Identitätssynthese als inkohärent abzutun oder ihre Verfechter gar als unmoralisch zu verunglimpfen. Die neue Aufmerksamkeit für Fragen der Identität speist sich aus Wut und Enttäuschung über das Fortbestehen echter Ungerechtigkeiten. Die meisten Anhänger der Identitätssynthese wollen die Welt wirklich verbessern.

Dennoch bin ich inzwischen überzeugt, dass die Identitätssynthese sich als äußerst kontraproduktiv erweisen wird. Der Grund für ihren Erfolg mag zunächst verständlich, die Beweggründe ihrer Anhänger mögen aufrichtig sein. Aber auch Menschen, die es noch so gut meinen, können unbeabsichtigt echten Schaden anrichten – und der Einfluss dieser neuen Ideologie wird uns den Weg zu einer besseren Zukunft erschweren.

Wie Sozialpsychologen aufgezeigt haben, scheinen Mitglieder unserer Spezies einen natürlichen Hang dazu zu haben, zwischen verschiedenen Gruppen Grenzen zu ziehen.[57] Wenn es um Mitglieder der eigenen Gruppe geht, sind wir zu erstaunlichem Mut und Altruismus fähig. Wenn es dagegen um die Mitglieder einer anderen Gruppe geht, sind wir zu erschreckendem Gleichmut oder gar extremer Gewalt fähig.[58] Jede Ideologie, die den Anspruch erhebt, die Welt zu verbessern, muss eine Vorstellung davon haben, wie wir die negativen Auswirkungen solcher Konflikte verhindern oder zumindest mildern können. Eines der vielen Probleme der Identitätssynthese ist, dass sie in dieser Hinsicht grandios scheitert.

Während Menschen immer dazu neigen, zwischen »uns« und »denen« zu unterscheiden, hängt das Kriterium, wer zur Ingroup gehört und wie Mitglieder der Outgroup behandelt werden, maßgeblich vom jeweiligen Kontext ab.[59] Treffe ich auf jemandem, der einer anderen ethnischen Gruppe angehört, in eine andere religiöse Gemeinschaft hineingeboren wurde und in einem anderen Teil des Landes lebt, könnte ich annehmen, dass wir keine Gemeinsamkeiten haben. Aber ich könnte mich auch entsinnen, dass wir Landsleute sind, politische Ideale teilen, und unsere Menschlichkeit gemein haben. Nur wenn die meisten Menschen den letzteren Weg einschlagen, werden diverse Gesellschaften in der Lage sein, genügend Solidarität aufzubringen, um alle ihre Mitglieder mit Rücksicht und Respekt zu behandeln.

Rechtsextreme Ideologien sind deswegen so gefährlich, weil sie Menschen davon abbringen, den Zirkel ihrer Sympathie auf diese Weise zu erweitern. Indem sie bestimmte ethnische und kulturelle Identitäten auf einen Sockel heben, ermutigen sie ihre Anhänger, die Rechte ihrer eigenen Gruppe über die von Außenseitern zu stellen.[60] Über die Identitätssynthese bin ich deshalb so besorgt, weil auch sie es Menschen schwerer macht, Allianzen zu schmieden, die über die eigene Identitätsgruppe herausgehen – Allianzen, die wir brauchen, um auf Dauer Stabilität, Solidarität und soziale Gerechtigkeit aufrechtzuhalten.

Pädagogische Ansätze, wie etwa die modische Aufforderung, sich selbst als »rassisches Wesen« aufzufassen, ermutigen junge Menschen, sich über die eigene »Rasse«, Religion oder sexuelle Orientierung zu definieren. Unterdessen liefern öffentliche Maßnahmen wie »rassensensible« Regeln zur Verteilung von knappen Medikamenten den Menschen starke Anreize, sich vornehmlich für die kollektiven Interessen der eigenen Gruppe einzusetzen. Zusammengenommen fördern solche Normen und Regeln aller Wahrscheinlichkeit nach nicht eine Gesellschaft, in der Bürger miteinander friedlich kooperieren – sondern eine, in der verschiedene identitäre Stämme in unproduktivem Wettstreit miteinander um Anerkennung und Ressourcen buhlen.[61]

Die Identitätssynthese ist eine politische Falle – denn sie erschwert die Realisierung diverser Gesellschaften, deren Bürger einander vertrauen und respektieren. Aber sie ist auch eine persönliche Falle – denn sie macht irreführende Versprechen darüber, wie die soziale Anerkennung und das Gefühl des Dazugehörens, nach denen die meisten Menschen tatsächlich streben, zustande kommen können. In einer Gesellschaft, die sich aus rigiden Communitys zusammensetzt, wird der Druck auf Menschen, sich anhand ihrer angeborenen Identitätsmerkmale zu definieren, enorm zunehmen. Die versprochene Anerkennung wird sich jedoch für viele als Illusion erweisen.

Eine Gesellschaft, die jeden von uns dazu ermutigt, die Welt durch das Prisma der Identität wahrzunehmen, erschwert es jenen, die nicht nahtlos in eine ethnische oder kulturelle Gruppe passen, sich zugehörig zu fühlen. Beispielsweise würde die rasch wachsende Zahl der Menschen, deren Eltern verschiedenen ethnischen Gruppen angehören, dann womöglich feststellen, dass keine der Gemeinschaften, denen sie entstammen, sie als »echte« oder »authentische« Mitglieder ansieht.[62]

Andere werden unter den Erwartungen einer solchen Gesellschaft leiden, weil sie ihre Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben, nicht ins Zentrum ihrer Selbstauffassung stellen wollen. Solche Menschen definieren sich vielleicht über ihren Geschmack oder ihr Temperament, über ihre künstlerischen Vorlieben oder ihre moralischen Überzeugungen. Menschen mit einer breiten Palette an persönlichen Ansichten und religiösen Überzeugungen würden mit einer Gesellschaft, in der die Identifizierung mit der eigenen Gruppe das höchste Gebot ist, fremdeln.

Sicher, manche Menschen werden dem Ruf, sich selbst in erster Linie über die Mitgliedschaft in einer angeborenen Gruppe zu definieren und auf diesem Wege nach sozialer Anerkennung und einem Gefühl des Dazugehörens suchen, mit Begeisterung folgen. Aber da jeder von uns weit mehr ist als die Intersektion seiner jeweiligen Identitäten, steht vielen von ihnen eine tiefe Enttäuschung ins Haus. Denn eine Kultur, die Menschen vor allem in Beziehung zu einem Kollektiv wahrnimmt, ist außerstande, ihre Mitglieder in all ihrer wunderbaren, unabkömmlichen Individualität Wert zu schätzen.

Die Identitätssynthese hat innerhalb einer erstaunlich kurzen Zeitspanne erstaunlich stark an Einfluss gewonnen. Deshalb stehen ihre Exzesse – allen voran, die sogenannte »Cancel Culture« – oft im Mittelpunkt der Kritik. Ich teile diese Befürchtungen. Aber meine Hauptsorge dreht sich nicht darum, wann und wie die Identitätssynthese »zu weit« gegangen ist. Mich beunruhigt vielmehr, dass die Identitätssynthese sogar im besten Fall zur Schaffung einer Gesellschaft tendiert, die meinen grundlegenden Werten und meinen sehnlichsten Hoffnungen für die Zukunft zuwiderläuft. Der Köder, der dieser Ideologie so viele Anhänger beschert, besteht in dem Wunsch, fortbestehende Ungerechtigkeiten zu beseitigen und eine wirklich gleiche Gesellschaft zu schaffen. Aber eine Umsetzung dieser Ideologie würde zu einer Gesellschaft führen, in der das unablässige Scheinwerferlicht auf unsere Unterschiede starre Identitätsgruppen zu einem stetigen Wettkampf um Ressourcen und Anerkennung animiert – eine Gesellschaft in der wir alle, ob wir es wollen oder auch nicht, dazu gezwungen wären, uns über jene Gruppen zu definieren, in die wir hineingeboren sind. Das ist es, was die Identitätssynthese zu einer solch perfiden Falle macht.

Eine Falle hat drei charakteristische Merkmale: Sie enthält in der Regel einen Köder. Selbst gute und kluge Menschen können in sie hineinfallen. Und sie untergräbt die Ziele derjenigen, die sich in ihr verfangen.

Die neuen Ideen von Identität teilen alle drei Merkmale. Sie sind so verlockend, weil sie sich den Kampf gegen echte Ungerechtigkeiten auf die Fahne schreiben. Sie verführen reihenweise Menschen, die wirklich das Beste für sich und ihre Mitbürger wollen. Und doch werden sie die Welt letztlich zu einem schlechteren Ort machen – sowohl für diejenigen, die zu historisch dominanten als auch für diejenigen, die zu historisch marginalisierten Gruppen gehören.

Warum die Identitätsfalle kritisiert werden muss

Der Aufstieg der illiberalen Rechten ist die erstaunlichste politische Entwicklung des vergangenen Jahrzehnts. In meinen letzten beiden Büchern, Der Zerfall der Demokratie und Das große Experiment, habe ich geschildert, wie breite Teile der politischen Rechte sich nach und nach eine Spielart des autoritären Populismus zu eigen gemacht haben. Diese Demagogen stellen heute, von Ungarn bis nach Indien und in die Vereinigten Staaten, eine existenzielle Bedrohung der Demokratie dar.[63]

Warum sollte man sich also über die Verbreitung einer Ideologie, deren erklärtes Ziel darin besteht, reelle Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, Sorgen machen? Sind die Verirrungen der Linken im Vergleich zu der Notwendigkeit, rechte Demagogen wie Narendra Modi und Donald Trump in die Schranken zu weisen, nicht völlig unwichtig? Und können Warnungen vor den Gefahren der Identitätsfalle nicht gerade jenen, die eine viel größere Bedrohung darstellen, in die Hände spielen – insbesondere, da viele von ihnen Ängste vor »woken Aktivisten« heute schon für ihre eigenen Zwecke ausbeuten? Das sind wichtige Fragen, und ich habe lange über sie nachgedacht, bevor ich mich an dieses Buch setzte. Aber vier Gründe haben mich letztlich überzeugt, Im Zeitalter der Identität zu schreiben.

Lange wurde der Aufstieg von Rechtspopulisten kaum zur Kenntnis genommen. Spätestens seit 2016 ist das Thema jedoch in allen westlichen Demokratien ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt. In den vergangenen Jahren gab es deshalb eine wahre Flut von Arbeiten über jeden Aspekt des Populismus. Ich selbst habe dem Thema eine Radiodokumentation, zwei Bücher, ein Dutzend wissenschaftliche Arbeiten, hundert Folgen meines Podcasts und über tausend Vorlesungen, Meinungsartikel und Interviews gewidmet.[64] Das Phänomen mag zwar mitnichten vom Tisch sein, inzwischen verstehen wir es aber recht gut. Die Identitätssynthese bleibt dagegen – trotz des Getöses in den sozialen Medien – eine Terra incognita. Bisher gibt es fast keine Arbeiten, die ihren intellektuellen Wurzeln nachsteigt, die Ursachen ihrer Anziehungskraft erklärt, oder sich ernsthaft mit den Auswirkungen, die sie auf unsere Welt hat, auseinandersetzt. Der Wunsch, daran etwas zu ändern, war mein erster Antrieb für dieses Buch.

Der zweite bestand in meiner Überzeugung, dass die von der Identitätssynthese inspirierten Ideen und Praktiken rein für sich ernstgenommen werden müssen. Es macht einen großen Unterschied, ob unser Vokabular die Realität erläutert oder Verwirrung stiftet. Es ist sehr wichtig, was wir unseren Kindern darüber vermitteln, wie sie die Mitglieder anderer Identitätsgruppen wahrnehmen sollen. Und es ist alles andere als trivial, wenn ein Staat mitten in einer Jahrhundertpandemie die strikten Zwänge einer unerprobten Ideologie über das Retten von Menschenleben stellt.

Mein dritter Antrieb: Die Identitätssynthese wird aller Wahrscheinlichkeit nach die Umsetzung jener wichtigen Ziele behindern, die ihren Verfechtern besonders am Herzen liegen. Eine Atmosphäre der Ehrfurcht gegenüber dieser neuen Ideologie schreckt momentan selbst noch wohlmeinende Kritiker davon ab, darauf hinzuweisen, wenn die von ihr inspirierten Maßnahmen echten Schaden anrichten. Und doch stellt sich dies immer wieder ein – ob direkt, weil diese Maßnahmen das Leben der Ärmsten und Schwächsten verschlechtern, oder indirekt, weil sie die Unterstützung für solidarische Institutionen wie den Sozialstaat untergraben.

Und last but not least: Der Rechtspopulismus und die Identitätsfalle befeuern sich gegenseitig. Demagogen profitieren davon, wenn Gesellschaften sich zutiefst spalten und Politiker den Kontakt zum Durchschnittsbürger verlieren.[65] Während die Befürworter der Identitätssynthese häufig auf ernste Probleme hinweisen, treiben die von ihnen vertretenen Prinzipien und Lösungsansätze letztlich noch mehr Wähler in die Arme der Extremisten.

Sowohl die Demagogen, die im letzten Jahrzehnt deutlich an politischer Macht gewonnen haben, also auch die Verfechter der Identitätssynthese, die mittlerweile eine große kulturelle Macht genießen, streben nach dem totalen Sieg. Es ist aber unwahrscheinlich, dass Rechtspopulisten je die Kontrolle über Universitäten, NGOs oder die Kunstwelt erlangen werden. Und es ist nicht minder unwahrscheinlich, dass eifrige Anhänger der Identitätssynthese eine klare Mehrheit des Bundestags auf sich vereinigen oder das Weiße Haus erobern. Folglich wird die zunehmende Dominanz der Identitätssynthese in kulturellen Einrichtungen in vielen Demokratien Hand in Hand mit der zunehmenden Macht gefährlicher Demagogen in den Parlamenten gehen.[66]

Rechtspopulisten und Befürworter der Identitätssynthese betrachten einander als Erzfeinde. Aber in der Realität ist einer das Yin zum Yang des anderen. Eines dieser Phänomene lässt sich nur besiegen, indem man auch gegen das andere vorgeht – und deshalb sollte jeder, dem die freiheitlich-demokratische Grundordnung wichtig ist, beide gleichzeitig bekämpfen.

Der Falle entkommen

Wer einmal in der Falle sitzt, kommt schwer wieder heraus. Zum Glück ist die Identitätsfalle noch nicht zugeschnappt. Während die Ideen und Annahmen der Identitätssynthese nach und nach ihren Weg in maßgebliche Institutionen finden, beäugen viele Menschen sie weiterhin äußerst skeptisch. Noch ist Zeit, die Flucht anzutreten. In diesem Buch erkläre ich, was die Identitätsfalle ist, warum wir ihr entkommen müssen und wie wir das schaffen können.

Im ersten Teil des Buchs erzähle ich eine kuriose Geschichte: die Geschichte einer Reihe von Ideen, die scheinbar wenig miteinander gemein hatten. Und doch wurden sie zu den Grundpfeilern einer neuen Ideologie, die bis 2010 gewaltigen Einfluss in führenden Universitäten nehmen sollte. Viele Kritiker der sogenannten Wokeness behaupten, es handle sich dabei um eine Art »kulturellen Marxismus«.[67] Aber die wahre Geschichte ist überraschender und viel interessanter. Sie speist sich aus der Ablehnung der großen Erzählungen – die sowohl den Marxismus als auch den Liberalismus einschließen – durch postmoderne Denker wie Michel Foucault; der Ambition von Intellektuellen, im Namen unterdrückter Gruppen zu sprechen, indem sie eine Form des »strategischen Essentialismus« annehmen, die postkoloniale Denker wie etwa Gayatri Chakravorty Spivak angespornt haben; und die Abkehr von zentralen Werten der Bürgerrechtsbewegung, das Ziel der Rassenintegration eingeschlossen, gefordert von Begründern der Critical Race Theory wie Derrick Bell.

Im Jahr 2010 hatte die Identitätssynthese bereits erheblichen Einfluss an den Universitäten gewonnen, im kulturellen Mainstream war sie dagegen kaum von Bedeutung. Innerhalb der nächsten zehn Jahre sollte sie dagegen einige der mächtigsten Institutionen der Welt von Grund auf verändern. In Teil II erzähle ich, wie und warum eine akademische Nischentheorie im Laufe eines einzigen Jahrzehnts eine solch erstaunliche Karriere durchlaufen konnte. Die zunehmende Bedeutung der sozialen Medien ermöglichte den Aufstieg einer popularisierten Version der Identitätssynthese, die Ideen ernsthafter Denker in simplistische Memes und Slogans übersetzt. Neue Vertriebskanäle in den sozialen Medien gaben selbst altehrwürdigen Zeitungen und Fernsehkanälen einen starken Anreiz, sich zu Sprachrohren dieser neuen Ideologie zu machen. Hochschulabsolventen, die an Eliteuniversitäten die Kernthesen der Identitätssynthese erlernt hatten, brachten diese Ideen in einem »kurzen Marsch durch die Institutionen« in den mächtigsten Institutionen der Welt ein. Und schließlich befeuerte die Wahl Donald Trumps wohlbegründete Ängste vor der Gefahr, die vor allem für Minderheitengruppen von ihm ausging, sodass es in vielen Kreisen fortan als illoyal galt, linke Ideen – die Identitätssynthese allen anderen voran – zu kritisieren.

Während die populäre Version der Identitätssynthese allmählich den Mainstream eroberte, machten sich ihre Verfechter daran, in Schlüsselbereichen des öffentlichen Lebens auf radikale Veränderungen zu drängen. Sie behaupten, Mitglieder verschiedener Identitätsgruppen könnten einander nie wirklich verstehen. Lassen sich Mitglieder einer Gruppe von der Kultur einer anderen Gruppe inspirieren, sei dies eine schädliche Form der »kulturellen Aneignung«. Sie verwerfen demokratische Grundprinzipien wie die Meinungsfreiheit und behaupten, ihre Verteidiger seien lediglich daran interessiert, Minderheitengruppen zu verunglimpfen. Sie befürworten eine Form des progressiven Separatismus, der anregt, Schüler nach ihrer »Rasse« in verschiedene Gruppen aufzuteilen. Und sie regen staatliche Einrichtungen dazu an, die Art und Weise, wie sie ihre Bürger behandeln, ausdrücklich von Kategorien der Gruppenidentität abhängig zu machen. In Teil III erkläre ich, warum sich die Identitätssynthese in der Praxis als kontraproduktiv erweisen wird – und letztlich die Werte untergräbt, auf deren Basis alle Menschen einer Gesellschaft ihr bestes Selbst entfalten können. Indem ich jede dieser Behauptungen einer genauen philosophischen Analyse unterziehe, zeige ich konkret, dass es einen besseren Weg gibt, mit den Bedenken umzugehen, die ihre Befürworter vorgeblich antreiben.

Viele Befürworter der Identitätssynthese fühlen berechtige Wut angesichts echter Ungerechtigkeiten. Dennoch stellen ihre Grundsätze einen radikalen Angriff auf bewährte Prinzipien dar, die jeder Demokratie zugrunde liegen. Zum Glück gibt es eine prinzipientreue Alternative. In Teil IV plädiere ich deshalb für die Kernprinzipien des philosophischen Liberalismus. Diejenigen unter uns, die an universelle Werte und neutrale Regeln glauben, können historische Unterdrückung und fortdauernde Ungerechtigkeiten in unserem eigenen Vokabular verdammen – und zwar ebenso scharf und um einiges kohärenter. Tatsächlich hat der Kampf für unsere Überzeugungen im Laufe der letzten hundert Jahre bereits große Fortschritte bewirkt. Diese Überzeugungen bilden heute die Basis für Institutionen, die – trotz aller Probleme und Ungerechtigkeiten, die es in der Welt noch immer gibt – besser als alle anderen in der Lage sind, sektiererische Gewalt und extreme Gräueltaten zu verhindern. Der Schlüssel für den Fortschritt in eine bessere Zukunft liegt nicht etwa darin, universelle Werte und neutrale Regeln aufzugeben – sondern darin, alles daran zu setzen, solche Werte und Regeln immer stärker umzusetzen.

Der Kampf um die Identitätssynthese wird eine der großen intellektuellen Debatten der kommenden Jahrzehnte sein. Zum Glück können diejenigen, die erkannt haben, wie gefährlich sie ist, maßgeblich dazu beitragen, ihren Einfluss einzudämmen. Zum Schluss werde ich deshalb kurz umreißen, welche Zukunftsszenarien für die Identitätsfalle am wahrscheinlichsten sind – und zeigen, wie prinzipientreue Gegner der Ideologie sich gegen sie zur Wehr setzen können, ohne Karriere und Ansehen aufs Spiel zu setzen.

Natürlich hoffe ich, dass Sie das gesamte Buch lesen. Mir ist aber klar, dass manche Teile Sie vielleicht mehr interessieren mögen als andere. Für alle, die insbesondere Ihr Verständnis für die intellektuelle Geschichte der Identitätssynthese vertiefen wollen, ist Teil I von besonderem Interesse. Wer verstehen möchte, welche politischen, soziologischen und technologischen Faktoren für die Popularisierung der Identitätssynthese verantwortlich sind, dem sei Teil II empfohlen. Wer wissen will, warum die praktische Anwendung dieser Ideen auf Themen wie die Redefreiheit oder kulturelle Aneignung sich als kontraproduktiv erweisen wird, für den wird Teil III von größtem Interesse sein. Und denjenigen, die nach einer schlüssigen Alternative zur Identitätsfalle suchen, kann Teil IV als Leitfaden dienen.