In den Pyrenäen mit Kurt Tucholsky - Gabriel Weissberg - E-Book

In den Pyrenäen mit Kurt Tucholsky E-Book

Gabriel Weissberg

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Beschreibung

Kurt Tucholsky (1890-1935) wurde in Berlin geboren. Als Journalist, Theaterkritiker, Schriftsteller und Polemiker nahm er am politischen und kulturellen Leben der Goldenen Zwanziger teil, bevor er Korrespondent mehrerer Zeitungen in Paris wurde. Ein Pyrenäenbuch ist der Bericht der Reise, die er im Herbst 1925 durch das Bergmassiv unternahm. Sie fand nur sieben Jahre nach dem ersten Weltkrieg statt, jedoch findet man bei ihm keine Spur von Feindseligkeit Frankreich gegenüber. Im Gegenteil, er bringt in seinem Buch seine Liebe zum Land, seinen Menschen und ihrer Sprache zum Ausdruck. Die Pyrenäen waren für ihn das Paradies der kleinen Leute, die im Mittelpunkt seines Buches stehen. 100 Jahre später folgt Gabriel Weissberg den Spuren Tucholskys und zeigt auf, wie aktuell, vielfältig und tiefgründig dessen Gedanken zur Natur, Religion, Krieg und Grenzen sind und warum das Pyrenäenbuch erst so spät in Frankreich entdeckt wurde. In den Pyrenäen mit Kurt Tucholsky ist ein aufschlussreicher und lebendiger Reisebegleiter auf jeder Pyrenäenreise.

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Seitenzahl: 209

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Illustrationen:

Agathe Licciardi

Aus dem Französischen übersetzt von Monique Lütgens und Gerd Grave

Inhaltsverzeichnis:

1. «Eine Reise durch sich selbst»

2. «Es war doch ein weiter Weg, wie?»

3. «Ich brauche keinen Führer»

4. «Ernsthafte Abendessen und liebliche Weine»

5. «Berlin‒ Paris über die Ostsee und Rumänien»

6. «Die Luft der Freiheit atmen»

7. «Was kann überhaupt ein Fremder sehen?»

8. «Kaspar Hausers Schwester und die Cagots».

9. «Die Eisenbahn und das Observatorium»

10. L'oustal und la Java

11. «François, René, Gaston».

12. «Der Sündenengel des Ortes»

13. Stierkampf und Pelota

14. «Die Liebe zu den Bergen»

15. «Die graue Langeweile der fünften Jahreszeit»

16. «Die kleine Bernadette»

17. Ein riesiger «Jesus-Kratzer»

18. «Der Säbel und die Toga»

19. «Von Grenzen und anderen Barrieren»

20. Heimat

21. Das Schicksal eines Buches (1)

22. Das Schicksal eines Buches (2)

23. «In stiller Nacht und monogamen Betten»

24. «Requiem»

Kurze Bibliographie für Tucholsky

Noch kürzere Bibliographie zu den Pyrenäen

1.

«Eine Reise durch sich selbst»

Er ist ein deutscher Schriftsteller. Name: Tucholsky. Vorname: Kurt. Ob er ein großer Schriftsteller ist? Groß, sagen Sie? Er würde Sie beim Wort nehmen, und das würde ihn, den seine Freunde Dickerchen nannten, zum Lachen bringen. Aber berühmt, ganz sicher. Sehr berühmt. Zumindest in seinem Land. Schriftsteller? Wenn Sie so wollen. Aber vor allem Journalist, Polemiker, Kolumnist, Theater‑ und Literaturkritiker und Textdichter. Er versteckte sich ‒ schlecht ‒ hinter zahlreichen Decknamen (Kaspar Hauser,

Zeichnung aus einem Rundbrief 2009

Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel), so dass man seinen richtigen Namen manchmal für ein Pseudonym hielt. Jüdisch, dann protestantisch, aber grundsätzlich antiklerikal. Zweimal verheiratet und ebenso oft geschieden. Eigentlich kein Mann ohne Frau(en). Pazifist und ‒ mehr noch ‒ Antimilitarist in einer Zeit, in der ein verlorener Krieg den nächsten einläutete. Und dazu Freimaurer, Sozialist ohne Parteibuch, dann mit und dann wieder ohne. Engagiert, nie unverbindlich, aber schließlich verzweifelt. Bon vivant. Lebenskünstler. Und dann tot. Viel zu früh. Er tat alles im Übermaß.

Dieser frankophone und frankophile Berliner, der sich einige Monate zuvor in Paris niedergelassen hatte, begab sich Mitte August 1925 auf eine Reise in die Pyrenäen. Eine doppelt unwahrscheinliche Reise: Tucholsky war nicht nur Deutscher – dies konnte er trotz seiner guten Sprachkenntnisse kaum verbergen – sondern seine Reise fand auch nur sieben Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges statt. Dessen Wunden waren noch lange nicht verheilt, und der Aufbruch war mehr als mutig. Man kann sich kaum vorstellen, dass ein französischer Journalist oder Schriftsteller zur gleichen Zeit eine einsame Tour durch die bayerischen Alpen unternommen und dort seine Liebe zum deutschen Volk verkündet hätte!

Kurt Tucholsky nach einem Foto aus dem Jahre 1927, als Ein Pyrenäenbuch erschien.

Ein Pyrenäenbuch, 1927 in Berlin erschienen, ist Tucholskys Bericht über diese Reise, veröffentlicht unter einem seiner Pseudonyme, Peter Panter1. Die Raubkatze löste bei dieser Gelegenheit einen Artgenossen ab, der seit 1918 den Namen Theobald Tiger trug. Hatte Tucholsky etwas zu verbergen? Keineswegs. Es war ein Spiel. Die Leser wussten genau, wer sich hinter diesem Namen verbarg.

Der Bankrott des Verlegers, die Wirtschaftskrise, die Verfolgung durch die Nationalsozialisten und die Zerstörungen des Krieges machten den Start schwierig, aber dann war der Erfolg des Pyrenäenbuchs spektakulär. Bis heute wurden in Deutschland etwa 40 Auflagen gedruckt und hunderttausende Exemplare verkauft. Dabei war es damals alles andere als ein «schönes Buch»: Ein Pappeinband umhüllte es, ohne es zu schützen, und das dünne Papier ließ manchmal die auf der Rückseite gedruckten Buchstaben erahnen, bevor sie schnell vergilbten. Darüber hinaus dürften die Verve des Autors, sein sprachlicher Einfallsreichtum und sein emsiger Gebrauch des eingefleischten Berliner Dialekts viele deutsche Leser verwirrt haben. Diejenigen jedoch, die diese Mühe auf sich nahmen, konnten laut einigen Kommentatoren «Gemälde von einer Kraft und Schönheit entdecken, wie man sie seit Heinrich Heine nicht mehr gesehen hat»2.

Überraschender‑ und unverständlicherweise blieben Buch und Autor den französischsprachigen Lesern, ‒ eigentlich die ersten Adressaten ‒ lange Zeit unzugänglich. Kurt Tucholsky ist auch heute noch in Frankreich kaum bekannt, obwohl er dort gelebt hat und das wohl auch gerne. Wahrscheinlich hat er die Franzosen geliebt, wenn nicht sogar Frankreich. Erst 1983 ‒ mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Erstveröffentlichung ‒ schlug der Germanist Jean Bréjoux dem Verlag Privat in Toulouse eine Übersetzung des Buches vor3. Sie ist bis heute die einzige.

Den Titel des Buches darf man wörtlich nehmen: Ein Pyrenäenbuch ist kein Buch über die Pyrenäen, sondern ein Buch, das anlässlich einer Reise in die Pyrenäen geschrieben wurde. Kein Reisebericht, sondern eine zwanglos lockere Erzählung, unvollständig, ohne die unumgänglichen Passagen und Anspielungen eines Reiseführers. Dieses ungezwungene literarische Objekt entspricht überhaupt nicht dem Kanon der Reiseliteratur, der damals auf beiden Seiten des Rheins galt. Stattdessen finden sich auf den ersten Seiten urkomische Schulerinnerungen, antiklerikale Hetzreden, eine Anklage gegen die Brutalität des Krieges und andere, teils kluge, teils bizarre Überlegungen zu Politik, Wirtschaft, Religion und Geschichte der Pyrenäen.

Das Ganze wird von einer einzigartigen Liebeserklärung an Frankreich eingehüllt, die man heute nur verstehen kann, wenn man weiß, dass Tucholsky nach eigenem Bekunden in die Pyrenäen reiste, «um sich von seinem Vaterland zu erholen». Ist dies dennoch eine biografische Erzählung? Sicher nicht. Die Reise dauerte in der Tat nur wenige Wochen und war in vielerlei Hinsicht ein Zwischenspiel. Die verschiedenen Biografen Tucholskys, die sich mit seinen Motiven für diese Unternehmung schwertaten, haben dem Thema in ihren Arbeiten nur sehr wenig Platz eingeräumt.

Man sollte sich jedoch davor hüten, die Zitate aus Roland Dorgelès´ Buch Partir, die Tucholsky seinem eigenen Buch vorangestellt hat, für bare Münze zu nehmen4. Oft bleiben nur diese wenigen Sätze im Gedächtnis: «Wissen Sie, was man vom Reisenden erwartet? Dass er lügt. Die Lüge ist der Stempel der Authentizität» oder «Die Aufgabe des Reisenden ist es nicht, Legenden zu zerstören, sondern neue zu schaffen» (S. 7). Das Missverständnis solcher Aussage führt manchmal zu der Annahme, dass Kurt Tucholskys Erzählung ein offensichtliches Desinteresse an der Realität zeigt. Tucholsky hätte antworten können: «Die Realität? Welche Realität? Die Pyrenäen ‒ na ja! Aber im Grunde gelten mein Interesse und meine Aufmerksamkeit den Pyrenäenbewohnern».

Diese Verlagerung der Schwerpunkte ist das erste verwirrende Merkmal von Tucholskys Erzählung. Sie wird gleich zu Beginn durch die Wahl der «fünften Jahreszeit» (der Sommer ist vorbei, der Herbst ist noch nicht da) für seine Reise verdeutlicht. Seine Entscheidung begründet er in dem Buch auf drollige Weise. Auch wenn er gezwungen war, tatsächlich über Pau, Gavarnie oder Luchon zu reisen ‒ andernfalls hätte man ihn verdächtigt, nie in den Pyrenäen gewesen zu sein, wie er sagt ‒ , beansprucht er für sich die Freiheit, über seine Reise so zu berichten, wie er will. So beschreibt er den Cirque de Gavarnie als «einen Gebirgskessel» und «eine nationale Zwangsvorstellung» (S. 97). Er macht sich darüber lustig: «Das Ganze erinnert ein bisschen an die Sächsische Schweiz» (S. 98). Dies grenzt heute an eine Beleidigung des UNESCO World Heritage! Manchmal entscheidet er sich dafür zu schweigen und man kann dann lesen: «Was sich aber zwischen dem See von Orédon und Arreau abgespielt hat ‒ : darüber verweigere ich die Aussage» (S. 113). Man sollte sich also nicht darauf verlassen, dass er die tausendfach begangenen und ebenso oft beschriebenen Wege seiner Vorgänger in den Pyrenäen beschreibt. Er hat ‒ mehr auf dem Papier als im Gelände ‒ seine eigenen Spuren hinterlassen.

Ein weiterer Topos zieht sich durch Tucholskys Erzählung: die Konfrontation zwischen Alt und Neu, Vergangenheit und Zukunft. Er hatte Antonio Gramscis Gefängnishefte nicht gelesen ‒ sie erschienen erst einige Monate nach seiner Reise, aber Gramscis Formel würde perfekt zu seinen Beobachtungen passen: «Die alte Welt stirbt, die neue Welt lässt auf sich warten, und in diesem Hell‑Dunkel tauchen die Monster auf». In den Pyrenäen sah er genau, was verschwand, und erfasste die Auswirkungen der «großen Transformation», die die zweite industrielle Revolution darstellte. Er notierte dies ohne jegliche Nostalgie, da es ihm unausweichlich erschien. Er schlug jedoch einen prophetischen Ton an, um anzukündigen, was mit ihr aufkommen würde: jene kriminellen Ideologien, die Europa heimsuchten, die «Monster», die Gramsci beschwor. Dass er ihnen für eine Weile zu entkommen versuchte, indem er in die Pyrenäen reiste, ist so gut wie sicher.

Ein Pyrenäenbuch verrät uns also genauso viel ‒ wenn nicht sogar mehr ‒ über den Autor und seine Zeit wie über die Geografie der Pyrenäen. Tucholsky war sich dessen voll bewusst: «Ist einer eine langweilige Type, dann nimmt er alle Tatsachen korrekt auf und darf schreiben: «Reise durch die Pyrenäen.» Aber er wird sich selbst in seine Beschreibungen hineinziehen, und wenn er fertig ist, müsste er sagen «Reise durch mich selbst» (S. 131).

Um diesem Hinweis Rechnung zu tragen, reicht es nicht aus, in Tucholskys Fußstapfen zu treten und schöne Fotos von dem zu machen, was er gesehen hat ‒ und was wir wahrscheinlich nicht wiederfinden werden ‒ oder das aufzulisten, was er nicht sehen konnte oder nicht sehen wollte. Solche Erinnerungsübungen haben ihren Reiz und einige unserer Zeitgenossen sind diesen Verlockungen nachgegangen, indem sie mit Lucien Briet5 von Gavarnie nach Alquezar im Aragon, mit Robert Louis Stevenson6 von Le Puy nach Alès durch die Cevennen oder auf den Spuren der Jakobspilger nach Santiago de Compostela wanderten. Selbst Fritz Raddatz, Tucholskys Verleger bei Rowohlt und einer derjenigen, die seine Schriften am besten kannten, musste feststellen, als er 60 Jahre später dessen Wegen gefolgt war: Wo Tucholsky schwärmte, blieb er kalt, und wenn er umgekehrt selbst von der Schönheit einer Landschaft oder dem Schwung eines Bauwerks beeindruckt war, fand er bei Tucholsky «keinen Blick, kein Wort». Die beiden könnten eben nicht im selben Fluss baden…

Es geht hier auch gar nicht darum, der langen Liste der Bücher, die über die Pyrenäen geschrieben wurden, ein weiteres hinzuzufügen. Die alte Empfehlung von dem Philosophen und Soziologen Henri Lefebvre7 in seinem Buch Pyrenäen ist abschreckend: «Es gibt bereits hundert gute Bücher über die Pyrenäen, gut gemachte Führer, bemerkenswerte Abhandlungen, perfekt informierte historische Sammlungen, großartige Fotoalben. Lass es einfach sein. Jemand anderes kümmert sich darum».

Im Folgenden wird es um Tucholskys Buch gehen und natürlich auch um den Autor, dessen Buch man nur verstehen kann, wenn man ihn selbst näher kennt.

1 Peter Panter: Ein Pyrenäenbuch. Berlin. Die Schmiede, 1927, 291 S.

2 Alle Zitate von Ein Pyrenäenbuch beziehen sich durchgehend auf die letzten Rowohlt-Ausgaben im Taschenbuchformat.

3 Kurt Tucholsky : Un livre des Pyrénées. Übersetzung von Jean Bréjoux. Toulouse, Privat, 1983. Diese vergriffene Ausgabe wurde 2020 vom Verlag Héros Limite in Genf neu aufgelegt.

4 Roland Dorgelès (1885-1973) Journalist und Schriftsteller. Vor allem bekannt für seinen Roman Les Croix de bois, der seine Kriegserlebnisse schildert. Partir ist 1926 erschienen.

5 Lucien Briet (1860-1921). Reisender und Fotograf, machte die Hoch-Pyrenäen und das Hoch- Aragon durch seine zahlreichen Wanderungen und Fotos bekannt. Heute wird er in Ordesa geehrt.

6 Robert-Louis Stevenson (1850-1894) ist ein schottischer Schriftsteller. Er berichtete von seiner Reise mit seiner Eselin Modestine durch die Cevennen im Jahre 1878.

7 Henri Lefebvre (1901-1991) ist am Fuße der Pyrenäen geboren und in Pau gestorben. Pyrénées erschien 1965.

2.

«Es war doch ein weiter Weg, wie?»

Es ist durchaus möglich, die großen Etappen nachzuvollziehen, die Tucholsky von West nach Ost über die Gebirgskette zurücklegte, doch auf der Karte wirken sie eher unauffällig. Bekannt ist, dass er Paris am 18. August 1925 verlässt und am 18. Oktober dorthin zurückkehrt. Er macht einen Zwischenstopp in Bordeaux, besucht einen Stierkampf in Bayonne, geht zum Abendessen in ein schickes Restaurant an der baskischen Küste und beginnt seine Reise erst einige Tage später. Am 2. September bricht er sich in der Schlucht von Kakuetta fast das Genick. Dies ist das einzige Datum, das er genau erwähnt: Es war der Jahrestag der Schlacht von Sedan, erinnert er sich beiläufig und vermutet eine späte Rache der Franzosen. Sechs Wochen später verlässt er die Berge über Cerbère und Perpignan, erreicht Toulouse und Albi und kehrt nach Paris zurück, wo er sich weniger als ein Jahr zuvor niedergelassen hatte.

Hält man sich an das, was er schreibt, so scheint er die großen Orte der westlichen Hälfte der Pyrenäen recht gründlich kennengelernt zu haben, die andere Hälfte dagegen eher oberflächlich. Im Baskenland hält er sich in Bayonne auf, bleibt nur kurz in Biarritz und zieht offenbar dem Besuch von La Rhune einen kurzen Ausflug nach Spanien vor. Der Gipfel von La Rhune war im Vorjahr mit einer Zahnradbahn erschlossen worden. Vielleicht hält ihn das davon ab, ihn zu besteigen… Stattdessen besucht er in Azpeitia das Geburtshaus von Ignatius von Loyola und begibt sich anschließend zum Kloster von Roncesvalles, das damals noch nicht das überfüllte Refugio war, das man heute vom Camino de Santiago kennt. Abgesehen von den wenigen Stunden, die er später in Cerdanya verbringt, ist dies das einzige Mal, dass er spanischen Boden betritt.

Die großen Etappen, die Tucholsky von West nach Ost über die Gebirgskette zurücklegte

Er verlässt die Küste und hält sich anschließend in Saint‑ Jean‑Pied‑de‑Port auf. Dort gefällt es ihm sehr gut, was seinem Bericht zu entnehmen ist. Er beschreibt ausführlich die weiß getünchten Häuser mit ihren kleinen Balkonen, die Kirchen mit ihren Männeremporen und die Menschen, die oft die traditionelle Baskenmütze trugen. Er besucht den Friedhof, entschlüsselt die baskischen Namen, erinnert sich an den Namen Ladeweze, den er später seiner Frau Mary gibt, und wundert sich über das lauburu auf einigen Grabsteinen, ein baskisches Kreuz, dessen Form an die Swastika der Nazis erinnert. Er nimmt auch an einem Pelota-Spiel teil, das ihn begeistert. Allerdings nicht aus Liebe zum Sport: In seiner Erzählung ist die Darstellung des Publikums wichtiger als die des Spiels selbst.

Er steigt nach Sainte‑Engrâce auf und fährt dann in die Kakuetta‑Schlucht. Ist das Weitere die Folge seines Unfalls in der Schlucht? Auf jeden Fall scheint er danach vor der Unbequemlichkeit der Talsohlen zu fliehen. Wohl hält er sich in Oloron auf, setzt aber keinen Fuß ins Aspe‑Tal. Von Pau, der Hauptstadt des Béarn sieht er, wie er selbst sagt, nicht viel. Bemerkenswert ist ihm nur, dass er in Oloron ein Glücksmaskottchen aus Gummi erwirbt, das er «Zippi Oloron» tauft. Seinem Tagebuch nach sollte es ihn bis zu seiner Rückkehr nach Paris begleiten. Von der Terrasse der Place Royale in Pau sieht er die Gebirgskette der Pyrenäen und schreibt von «Graten und Spitzen, hohen Nasen und graden Linien» und fügt einfach hinzu: «Das ist schön» (S. 53). Sah er die imposante Silhouette des Pic‑du‑Midi d’Ossau? Da er nicht weiter als bis zur Station Eaux‑Chaudes kam, ist dies zu bezweifeln.

Erst in Haute‑Bigorre lernt er das Hochgebirge wirklich kennen. Nach Aufenthalten in Lourdes und Cauterets besucht er in aller Ruhe Gavarnie und wagt sich dann von Héas aus einen ganzen Tag lang, diesmal zu Pferden, in den Cirque de Troumouse. Die Besteigung des Pic-du-Midi (2877 m hoch) ist im wahrsten Sinne des Wortes der Höhepunkt seiner Reise. Von Barèges aus startet er mit Führer und Maultieren und verbringt eine unbequeme Nacht in der Auberge de Sencours (schon auf 2380 m, mehr eine Berghütte als eine Herberge). Mühsam erreicht er den Gipfel und sieht die Sonne aus den Wolken heraus aufgehen. Die Gipfelbesteigung ist zwar nicht vergleichbar mit der Besteigung des Aneto (3404 Meter) oder des Monte Perdido (3355 m), aber für ihn ein großes Abenteuer. Einige Tage später geht es weiter mit einem anstrengenden Fußmarsch von Barèges nach Arreau entlang der Seen des Néouvielle. Dieses Mal mit Hilfe von Eseln, die das Gepäck transportieren und gelegentlich auch ihn selbst.

Viel Raum (ein Viertel der Seiten in Ein Pyrenäenbuch) widmet er seinem Besuch in Lourdes, dem Leben der Bernadette Soubirous, der Schilderung eines Pilgertages und der Wunderfabrik. Im Anschluss daran besucht er die Kirche von Saint-Bertrand-de-Comminges, deren Skulpturen er «unvorstellbar» findet. Er verweilt dort so lange, dass er anschließend zur Höhle von Gargas ‒ bekannt für ihre Handabdrücke ‒ rennen muss, bevor diese geschlossen wird. Von Bagnères‑de‑Luchon aus reist er nach Saint‑Girons und Foix, dann nach Ax‑les‑Thermes und Andorra, von wo aus er nach Villefranche‑de‑Conflent hinuntersteigt. Seine Reise durch die Pyrenäen endet einige Tage später mit der Besteigung des Canigou von Vernet‑les‑Bains aus und einem Spaziergang am Meer vor Cerbère.

Auf dem Rückweg macht er einen Zwischenstopp in Carcassonne. In seinem Buch erwähnt er die mittelalterliche Stadt nicht, aber die Fotografien ihrer Stadtmauern, die die erste Ausgabe von Ein Pyrenäenbuch illustrierten (1927 herausgegeben von Die Schmiede), belegen seinen Besuch. Über Toulouse sagt er fast nichts, außer dass die Stadt «um drei Karat hässlicher als Lyon» sei und dass «die Leute nicht recht wissen, was sie mit ihrem freien Nachmittag anfangen sollen», was für Kleinstädte typisch sei (S. 140). Er verlässt Toulouse bald wieder und geht nach Albi, wo er lange die Kathedrale besichtigt, was zwei Fotografien belegen. Sein Aufenthalt im Département Tarn endet mit einem Besuch des Toulouse-Lautrec-Museums. Nach seiner Rückkehr nach Toulouse trifft er die 84-jährige Mutter des Malers, die Comtesse de Toulouse-Lautrec, und beendet am nächsten Tag seine achtwöchige Reise, auf der er nur sechs Wochen in den Pyrenäen verbrachte.

Die Route war alles in allem recht klassisch und ähnelt der Route des Pyrénées, für die die Eisenbahngesellschaft Compagnie des Chemins de Fer du Midi zur gleichen Zeit warb. Dieser touristische Rundweg folgte teilweise dem Verlauf der Thermalstraße, deren Bau ab 1860 von Napoleon III. gefördert worden war. Einige Abschnitte waren hinzugefügt worden, um die Durchgängigkeit vom Atlantik bis zum Mittelmeer zu gewährleisten. Der spektakuläre Aufschwung des Automobilverkehrs und die hartnäckige Arbeit des Touring-Clubs von Frankreich taten ihr Übriges, um eine Route populär zu machen, die man mit den von lokalen Unternehmen oder der Compagnie du Midi selbst eingerichteten Transportdiensten in weniger als einer Woche zurücklegen konnte.

Während man die großen Etappen von Tucholskys Reise also gut nachvollziehen kann ‒ es sind mehr oder weniger die, die in den Reiseführern empfohlen werden ‒ , bleiben einige Details unbekannt. Wie kam er zum Beispiel vom Geburtsort des Ignatius von Loyola in Navarra zum Kloster in Roncesvalles? Wir wissen es nicht; die beiden Besuche sind aber in einem Kapitel mit dem Titel Zwei Klöster enthalten. Er ist aber in der Zwischenzeit nach Biarritz zurückgekehrt. Sein Pass erlaubte es ihm aber nicht, die Grenze mehrmals zu überqueren! Er sagte, er hätte dafür «nach Madrid telegrafieren» müssen, und hätte darauf verzichtet, Primo de Rivera8 persönlich zu stören, «wenn dieser grade kühnlich sein Haupt in einer Untertanin Schoß legt» (S. 29). Wie konnte er nachher anschließend nach Spanien (erst nach Roncevalles und später nach Seo de Urgell) wieder einreisen? Das erklärt er nicht. Die Grenze war wahrscheinlich nicht so dicht für Tagesreisende.

Tucholsky kannte die Schwierigkeiten, die die Geografie des Massivs mit sich brachte: «Viele Täler laufen von Norden nach Süden», schrieb er, «so dass man bei der Durchquerung der Pyrenäen immer wieder neue Gebirgspässe übersteigen muss» (S. 114). Um sich die endlosen Mühen des Ersteigens zu ersparen, unternahm er mehrmals kurze Zugfahrten und benutzte die Straßen des Vorgebirges. Dadurch konnte er in Städten wie Pau, Tarbes und Foix Halt machen, wo er etwas Komfort fand. Um von Luchon nach Saint-Girons zu gelangen, vermied er auch die schwierige Route über Portet d'Aspet und fuhr stattdessen über Saint-Gaudens und Salies-du-Salat. Dadurch entfernte er sich natürlich vom Innersten der Berge und die Pyrenäen von Luchon bis Ax-les-Thermes sind ihm unbekannt geblieben. Er ersparte sich aber wahrscheinlich manche Übelkeitsanfälle!

Als Tucholsky in Bourg-Madame ankommt und in der Cerdanya auf einen verspäteten Zug wartet, schreibt er: «Jetzt liege ich auf der Wiese unter den blitzenden Bäumen, ziehe Grashalme aus dem Boden und freue mich meiner Faulheit». Seine Reise ging zu Ende, und er blickt zurück: «Das sind also die Pyrenäen? Es war doch ein weiter Weg, wie?» (S. 127). Offensichtlich war er zufrieden, ein ziemlich ehrgeiziges Projekt abgeschlossen zu haben. Viele Reisende begnügten sich schließlich damit, die verschiedenen von den Reiseführern empfohlenen Stationen zwischen dem Aspe- und dem Pique-Tal zu passieren, verließen jedoch meistens die Pyrenäen schon in Luchon.

In einem Brief vom 7. November 1925 ‒ er war erst seit drei Wochen wieder zu Hause ‒ schreibt er seinem Freund Heinrich Mann, er habe «zwei Monate» in den Pyrenäen verbracht, und bis auf wenige Tage war dies tatsächlich der Fall. Es war also keine große Tour, aber immerhin mehr Zeit, als man heute braucht, um die Pyrenäen von Hendaye nach Banyuls auf dem Fernwanderweg GR 10 zu Fuß zu durchqueren9. Im selben Jahr 1925 legten die Fahrer der Tour de France, die es allerdings wesentlich eiliger hatten, etwa die gleiche Strecke in nur zwei Etappen (von Bayonne nach Luchon und von Luchon nach Perpignan) zurück! Aber der Vergleich hinkt. Es war ganz und gar nicht die gleiche Reise. Und vor allem kann man sich Tucholsky absolut nicht auf einem Veloziped vorstellen, das ihn über Berg und Tal durch die Pyrenäen trägt!

8 Miguel Primo de Rivera (1870-1930). Er errichtete eine Diktatur von 1923 bis 1930. Sein Sohn José Antonio Primo de Rivera (19031936) ist der Gründer der Falange.

9 Der Wanderweg GR10 (Grande Randonnée 10) wird im Allgemeinen in 30 bis 40 Tagen bewältigt.

3.

«Ich brauche keinen Führer»

Tucholsky hatte sich zur Vorbereitung seiner Reise einige Karten besorgt. Er fand, sie seien von schlechter Qualität, auch wenn es sich nicht mehr um die «fischgrät ‒ oder farnblattartigen Karten» (so der Geograph Maximilien Sorre)10 handelte, die bis dahin den Anspruch erhoben, die Gebirgskette darzustellen. Er griff auf die sogenannten Generalstabskarten im Maßstab 1:80.000 zurück. Die entsprechenden Blätter der Pyrenäen waren seit Mitte der 1860er Jahre verfügbar. In Kakuetta hielt er «eine kleine übriggebliebene Karte» in der Hand und fühlte sich «wie ein großer Heerführer: sehr wichtig, aber etwas ratlos» (S. 49). Sie löste bei ihm eine gewisse Verblüffung aus und, wie man vermuten mag, jenes ironische, von Schadenfreude durchsetzte Lächeln, das er trotz seiner offensichtlichen Gutmütigkeit manchmal aufsetzte. Er schreibt: «Wenn die Franzosen mit diesen schwarz besprenkelten Drucken den Krieg geführt haben, so ist das eine ganz große Leistung» (S. 135). Das war der Fall gewesen. Aber ganz nebenbei: Führt man den Krieg eigentlich nur mit Karten?

Es gab inzwischen gute, ja sogar ausgezeichnete Karten. Zumindest in diesem Bereich waren die Pyrenäen den Alpen weit voraus. Fortschritte in der Fotografie hatten die Panoramadarstellungen besonders bei Touristen beliebt gemacht. Die Experten für Eklimeter, Orographen und Theodoliten, die natürlich auch echte Bergsteiger waren, führten vermehrt topografische Erhebungen durch. Dadurch konnten ab Mitte des 19. Jahrhunderts sehr gute Karten erstellt werden. Aber noch fehlten homogene Serien, die die gesamte Pyrenäenregion abdeckten. Tucholsky hätte mit den Karten von Ferdinand Prudent11 oder von Franz Schrader12 zufrieden sein können, sie wurden schon zwischen 1886 und 1891 erstellt. Sie waren perfekt «in Druck, Klarheit, Aufmachung», aber leider «nirgends zu haben», schreibt er. Man hätte sie Monate vorher bestellen müssen.

Da er hauptsächlich auf befahrbaren Straßen unterwegs war, brauchte er kaum detailliertere Landkarten wie die von Gavarnie und vom Mont Perdu, die 1914 von Franz Schrader herausgegeben wurden, oder die von Alphonse Meillon13 über das Vignemale. Solche Meisterwerke der geografischen Kunst benutzten in erster Linie die Coureurs de montagne (Bergläufer). Um richtig gute und lesbare Landkarten zu finden, hätte man, so Tucholsky, «den Ratspräsidenten wecken müssen» (S. 221). So wie er zuvor Primo de Rivera nicht gestört hatte, ließ er auch Paul Painlevé14 schlafen, dessen kurze Amtszeit als Regierungschef damals gerade zu Ende ging.

Für historische Informationen oder praktische Hinweise begnügte sich Tucholsky mit den verfügbaren Reiseführern, die oft mit ausklappbaren Karten ausgestattet waren. Den Murray Guide ‒ in dieser Zeit die Bibel der englischen Touristen ‒ erwähnt er zwar nicht, aber er hatte Amy Oakleys Hill Towns of the Pyrenees dabei. Das 1923 erschienene Buch war mehr ein Reisebericht als ein Reiseführer, vom Ehemann der Autorin reich illustriert und das Ergebnis von drei Sommeraufenthalten in den Pyrenäen (vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg). Sein Exemplar, das er mit Anmerkungen versah, ist heute Teil des Tucholsky-Bestands im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar. Wie hat er es verwendet? Das Buch beschrieb nicht nur eine Route von Ost nach West («from sea to ocean»), die sich stark von seiner eigenen unterschied, sondern enthielt auch Ausflüge in das obere Tech-Tal (bis Prats-de-Mollo) und das Ossau-Tal (weit über Gabas hinaus), die zu unternehmen Tucholsky sich nicht traute. Reisen nach Jaca (von Gavarnie aus) und nach Pamplona (von Biarritz aus), wie sie das Ehepaar Oakley unternahm, zog er nie in Betracht.

Dass er den deutschen Baedeker verwendete, erscheint recht unwahrscheinlich: Die Pyrenäen nahmen nur einen geringen Teil des Bandes Südwestfrankreich ein. Außerdem war die Ausgabe von 1912 nicht aktualisiert worden und enthielt immer noch keine allgemeine Übersicht über die Gebirgskette. Die praktischen Hinweise waren, obwohl schon von Louis Le Bondidier «überarbeitet», veraltet. Tucholsky war daher gezwungen, das rote Messebuch Baedeker gegen den Guide bleu auszutauschen, der zwar den Ruf des Hauses Joanne begründet hatte, aber seit 1919 vom Verlag Hachette herausgegeben wurde.

Mit dem Guide bleu