Inbetween - Zwischen Bühne und Bordell - Svea Lundberg - E-Book

Inbetween - Zwischen Bühne und Bordell E-Book

Svea Lundberg

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Beschreibung

Jerik hält nicht viel von Musicals und an so etwas wie Liebe auf den ersten Blick glaubt er auch nicht – so lange, bis er bei einer Show einem Tänzer begegnet, der ihn ungewollt eines Besseren belehrt. Alexej ist allerdings kein Mann für eine Beziehung und Jerik nicht interessiert an einem Kerl, der sein eigenes Leben nicht auf die Reihe bekommt. Dennoch gehen die beiden das Wagnis einer Beziehung ein, obwohl Jerik weiß, dass Alexej seine Drogensucht mit bezahltem Sex finanziert.

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Zwischen Bühne und Bordell

Ein Drama in fünf Akten

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2016

http://www.deadsoft.de

© the author

http://svealundberg.net

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com/

Bildrechte:

© Julenocheck – shutterstock.com

© Marjan Apostolovic – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-021-8

ISBN 978-3-96089-022-5 (epub)

Inhalt

Jerik hält nicht viel von Musicals und an so etwas wie Liebe auf den ersten Blick glaubt er auch nicht – so lange, bis er bei einer Show einem Tänzer begegnet, der ihn ungewollt eines Besseren belehrt. Alexej ist allerdings kein Mann für eine Beziehung und Jerik nicht interessiert an einem Kerl, der sein eigenes Leben nicht auf die Reihe bekommt.

Dennoch gehen die beiden das Wagnis einer Beziehung ein, obwohl Jerik weiß, dass Alexej seine Drogensucht mit bezahltem Sex finanziert.

I. Akt - Der Vorhang öffnet sich

Hamburg, Deutschland, März 2012

Belustigt beobachtete ich das mir dargebotene Schauspiel: Mein Kommilitone und unser Professor starrten sich sekundenlang in die Augen, ehe Letzterer das Duell der tödlichen Blicke auf die verbale Ebene hob.

»Adrian, Sie würden also sagen, dass der Wald als Heterotopos bei Schiller austauschbar wäre?« Herr Doprint klang, als würde er den Angesprochenen am liebsten auf seinen Bleistift aufspießen, wenn er es wagte, seine ungeheuerliche These zu vertreten. Adrian indessen hockte vollkommen unbeeindruckt auf seinem Stuhl.

»Austauschbar habe ich nicht gesagt. Ich meine lediglich, dass statt des Waldes auch eine andere mit Bedeutung aufgeladene Landschaft Schauplatz des Dramas sein könnte.«

Ich sah einen einzelnen Muskel an Doprints Wange zucken und wandte mich rasch ab, um mein breites Grinsen zu verstecken. Derartige Debatten mit unserem Dozenten arteten gerne aus und führten dazu, dass Doprint sein Reclam-Buch wutentbrannt auf den Tisch knallte. Reclam, wohlgemerkt! Hamburger Lesehefte hingegen kamen ihm nicht in den Hörsaal – weshalb auch immer.

Ich seufzte innerlich und kramte mein Smartphone aus der Tasche, um mich von der hitzigen Diskussion abzulenken. Sollte Adrian sich doch weiter mit dem Doprint über Topoi und deren Austauschbarkeit streiten. Mir stand der Sinn eher danach, meinen freien Abend zu verplanen.

Ich klickte mich eben in den Whatsapp-Verlauf, als Maja mich anstieß. Schmunzelnd beugte meine Nebensitzerin sich zu mir.

»Das kann ja noch ewig dauern heute«, wisperte sie mir zu, »warum kann Adrian nicht einmal seine Klappe halten?« Ohne meine Antwort abzuwarten, setzte sie leise hinzu: »Hast du heute Abend schon was vor?«

Ich schüttelte den Kopf, schielte zu unserem Dozenten, um mich zu vergewissern, dass er noch in die Debatte vertieft war und nicht mitbekommen würde, wenn wir Freizeitplanung betrieben.

»Ich hab heute keine Schicht im Café«, gab ich im Flüsterton zurück. »Also muss ich irgendetwas anleiern.«

»Perfekt, dann komm mit mir ins Stage Theater.«

»Was soll ich denn da?«

Auf dem Tisch schob Maja mir ein grellbuntes Stück Papier zu. »Ins Musical gehen. Biene hat abgesagt. Krank.«

Mit kritischem Blick sah ich mir den Flyer an. Liebe stirbt zuletzt prangte in grellroten Lettern über einem garantiert mit Photoshop bearbeiteten Bild von drei Tänzern mit bloßen Oberkörpern. Die wären ja ganz nett gewesen, hätte mich der kitschige Titel nicht dermaßen abgeturnt.

»Lass mal«, murmelte ich Maja zu und schob den Flyer zurück. »Ich glaube, ich geh lieber mit den Jungs auf die Reeperbahn.«

»Ach komm schon, bitte, Jerik.« An ihren braunen Kringellocken vorbei warf sie mir einen flehenden Blick zu. »Ich weiß nicht, wen ich sonst fragen soll. Du bist der Einzige, dem es gefallen könnte.«

»Ach ja? Weil ich schwul bin oder was?«

Maja grinste. »Das wollte ich so jetzt nicht sagen.«

Ich verdrehte die Augen, was sie jedoch nur mit einem zuckersüßen Lächeln beantwortete. Wo zum Teufel hatte sie diesen Dackelblick gelernt?

»Bitte, Jerik, biiitteee! Ich will da unbedingt hin, wo ich endlich Karten ergattert habe. Aber ich kann doch nicht alleine aufkreuzen.«

»Warum?«, schoss ich eiskalt zurück. »Kannst dir ja einen von den halbnackten Kerlen schnappen.«

»Witzig.« Sie zog den Flyer vom Tisch und ließ ihn betont auffällig in meinen Rucksack gleiten. »Tänzer sind doch eh alle schwul. Ein Grund mehr für dich, mitzukommen.«

»Keine Chance. Ich finde auch nen Kerl auf der Reeperbahn.«

»Aber keinen Tänzer. Außer du willst mal nen Stripper abschleppen.«

Ich stieß einen verächtlichen Laut aus. »Nee, danke. Keine Stripper, keine Callboys. Auf der Reeperbahn laufen genug andere Kerle rum.«

Majas Grinsen wurde bei meinen Worten eine Spur breiter. »Du bist so hoffnungslos romantisch und deshalb ist das Musical genau das Richtige für dich.«

In einer theatralischen Geste ließ ich den Kopf in die Hände fallen. Warum war ich eigentlich mit einem Mädel wie Maja befreundet, das so viel Müll an einem einzigen Tag redete? Ich war weder besonders romantisch veranlagt, noch auf der Suche nach der ganz großen Liebe. Um ehrlich zu sein, glaubte ich an die nicht einmal.

»Okay, du hörst ja eh nicht auf, mir auf die Nerven zu gehen. Ich komme mit.«

Maja stieß neben mir einen quietschenden Freudenlaut aus, sodass mein Kopf zu Herrn Doprint ruckte. Doch der debattierte noch immer in anderen Sphären.

»Danke, Jerik«, säuselte Maja mir ins Ohr, »du hast was gut bei mir.«

»Mmh, ich merk’s mir«, murrte ich und fragte mich im selben Moment, warum ich zugesagt hatte, mir männliche Primaballerinen in Strumpfhosen anzusehen.

~~~

Zu meiner Erleichterung tauchte bis zur Mitte der Vorstellung kein einziger Mann in Strumpfhosen auf der Bühne auf. Ich musste zugeben, dass mir die Show besser gefiel, als ich erwartet hatte. Es mochte daran liegen, dass ich mich vorab dank meines Unwissens auf ein klassisches Ballett eingestellt hatte, sich das Musical aber als angenehme Mischung aus Pop-Gesang und modernem Tanz herausstellte – Contemporary Modern, wie Maja mich aufklärte.

Dennoch schielte ich immer wieder ungeduldig auf meine Armbanduhr – die teure, die ich auf Majas Zureden hin aus den Tiefen einer Schublade gekramt hatte. Seufzend stellte ich fest, dass es gerade mal 20:23 Uhr war und ich demnach noch gut eine Stunde auf meinem Platz ausharren musste. Für den späten Abend war ich mit einigen Kumpels zum Feiern verabredet und außerdem zwickte die enge Anzugshose unangenehm in meinem Schritt. Hatte ich etwa zugenommen? Dann wohl eher an Muskelmasse als an Fett, denn in den letzten Wochen war ich viel im Fitnessstudio gewesen.

»Kannst du mal aufhören, ständig an deinen Klamotten rumzuzubbeln oder auf die Uhr zu schauen?«, zischte Maja mir entgegen.

Ich besänftigte sie mit einem Lächeln, drückte freundschaftlich ihre Hand und wandte den Blick wieder zur Bühne. Wenigstens hatte Maja gute Karten ergattert, sodass wir von der vierten Reihe aus einen freien Blick hatten. Nach einer kurzen Pause wurde die Mitte der Bühne in warmes rotes Licht getaucht. Aus den Lautsprechern ertönten einzelne Trommelschläge. Dumpfe Laute, die in meiner Brust vibrierten und an einen verlangsamten Herzschlag erinnerten.

Von der Bühnendecke sanken zwei weiße Stoffbahnen herab. Ich brauchte einen Moment, um den Mann wahrzunehmen, der unter der Decke schwebte. Die Stoffbahnen um die Arme gewickelt, senkte sein Körper sich mit jedem Trommelschlag weiter dem Boden entgegen. Die Arme zur Seite gestreckt, die Beine im weiten V gespreizt, den Kopf in den Nacken gelegt, schien jeder Muskel des sehnigen Körpers zum Zerreißen gespannt. Der nackte Oberkörper glänzte bronzefarben im Bühnenlicht. Ich nahm ein leichtes Kribbeln in meinen Fingerspitzen wahr. Den heimlichen Drang, jeden Muskelstrang an diesem makellosen Körper nachzuzeichnen.

In dem Moment, da die Zehenspitzen des Mannes das Parkett berührten, ertönte ein finaler Trommelschlag. Dröhnender als die zuvor. Der Laut brachte mein Herz für einen Moment zum Stocken.

Von der Decke sanken die Stoffbahnen herab, gleichzeitig löste sich die Spannung aus dem Körper und der Mann sank auf der Bühne zusammen. Der weiße Stoff legte sich wie eine sanfte Schneedecke über ihn.

Für Sekunden herrschte eine nur schwer erträgliche Stille im Saal. Keiner der Zuschauer schien zu atmen. Tat ich es noch?

Ich konnte nicht verhindern, dass die Luft zischend meinen Mund verließ. Im selben Moment ertönten die ersten Klänge einer Rockballade. Die rauen Töne sorgten dafür, dass sich die feinen Härchen auf meinen Armen und im Nacken aufrichteten. Oder war es der Körper des Fremden, der diese Reaktion hervorrief?

In diesem Moment, da ich ihn tanzen sah, interessierte mich weder sein Gesicht noch sein Name. Alles, was ich auf der Bühne wahrnahm, war ein Leib, der sich im perfekten Einklang zur Musik bewegte. Ein Körper, bei dem nicht nur Arme und Beine, sondern jeder einzelne Muskel, jede noch so dünne Sehne, zu tanzen schien. Ich hätte nicht zu sagen vermocht, an welcher Stelle die Musik aufhörte und an welcher der Leib begann. Es war ein perfekter Einklang, ein meisterhaftes Zusammenspiel von Ton und Bewegung.

Ich sank in meinem Sessel zurück, legte die Hände flach auf die Lehnen und konnte – nein, wollte – nichts dagegen tun, dass meine Finger sich fest um den samtenen Stoff schlossen. Beinahe meinte ich, das Spiel der definierten Muskeln unter meinen Händen spüren zu können.

Der Saal löste sich auf. Maja verschwand neben mir und mit ihr all die anderen Zuschauer. Zurück blieb ich selbst, alleine mit der Musik und diesem Tänzer, der die Töne durch Bewegungen zu neuem Leben erweckte.

Atemlos sah ich zu, wie er zu einem Gitarrenriff eine Pirouette drehte, dann noch eine, noch eine ... Wie konnten schlanke, dennoch muskulöse Beine in grauen Jeans solche Linien bilden? Linien, denen ich mit Blicken und Händen gleichermaßen folgen wollte.

Innerhalb eines Sekundenbruchteils registrierte ich, dass die letzte Pirouette eine andere Kraft besaß als die zuvor. Es war nur ein Millimeter mehr Beugung im Knie, nur der Hauch einer Ahnung mehr Spannung in den Fußgelenken. Dennoch nahm ich es wahr und wappnete mich innerlich gegen das, was folgen würde – erfolglos.

Die Musik schien in den Boxen zu explodieren, pumpte die Töne einem Orkan gleich durch meinen Körper. Feuerfontänen schossen aus in den Bühnenboden eingelassenen Vorrichtungen. Sein Körper, längst gespannt und bereit zum Sprung, hob ab. Arme gestreckt, Beine gegrätscht, sein Oberkörper fast parallel zum Boden. Und ich war wehrlos gegen diese Kraft und die Vibration, die durch meine Blutbahn raste.

So kraftvoll und gewaltig der Sprung, so sanft und anmutig war seine Landung auf dem Parkett. Einem zahmen Löwen gleich schmiegte sich sein Körper an den Boden. Aus meinen eigenen Gliedmaßen wich die Spannung. Wie hingegossen sank ich in den Polstern des Sessels zusammen. Fühlte mich wie ein Stück Butter, das hilflos und dennoch zufrieden in einer heißen Pfanne zerschmolz. Ich wollte fortfließen, hinüber zur Bühne und zu diesem Körper.

Nach dem sanften Ritardando nahm die Musik wieder an Intensität zu. Beim nächsten Schlag des Basses schnellte der Tänzer vom Boden hoch. Über die verebbenden Flammenfontänen hinweg, wandte er den Kopf in meine Richtung. Zu weit entfernt, um einzelne Gesichtszüge auszumachen. Merkwürdig, kam es mir doch vor, als könne ich dem Schwung jedes Muskels in seinem Leib folgen. Weshalb blieb sein Gesicht eine Maske?

~~~

Der finale Applaus brandete durch den Saal, erfüllte ihn mit euphorischem Tosen. Neben mir stimmte Maja in die Zugabe-Rufe ein, doch ich selbst blieb stumm, klatschte mechanisch. Ich hatte gehofft, der Tänzer würde noch einmal auf der Bühne erscheinen. Doch nach seinem Solo war er nicht mehr aufgetaucht. Vielleicht jetzt?

Ich erhob mich und starrte über die applaudierende Menge hinweg auf die Bühne. Nacheinander liefen die Darsteller ein, winkten und lachten, verneigten sich tief aufgrund der Standing Ovations. Doch meinen Tänzer konnte ich nirgendwo entdecken. Halb enttäuscht, halb euphorisch von der mich ungebenden Stimmung, ließ ich mich von Maja aus dem Saal und ins Foyer ziehen.

»Trinken wir noch einen Sekt?«

Ich zuckte die Schultern. »Gibt’s auch Bier?«

»Bestimmt.« Lachend zog meine Freundin mich mit sich an die Bar. Wenig später eroberten wir uns einen Stehtisch, etwas abseits des Getümmels.

»Ich hab nicht zu viel versprochen, oder?« Über ihr Sektglas hinweg blinzelte Maja mir zu. »Ich fand den Tänzer, der die Wollust verkörpert hat, einsame Spitze!«

Verständnislos begegnete ich ihrem Blick.

»Alle Soloparts haben eine der sieben Todsünden dargestellt. Ist dir nicht aufgefallen?«

Ich schüttelte den Kopf und grinste sie schuldbewusst an. Gleichzeitig pochte mein Herz dumpf und ein wenig zu schnell in meiner Brust. Auch wenn ich während des Musicals sicher nicht an sieben Todsünden gedacht hatte, war es doch offensichtlich, von welchem Tänzer Maja sprach. Im Vergleich zu seinem Auftritt hatten die übrigen Soloparts blass und emotionslos gewirkt. Ich hatte weder Hochmut noch Neid oder Zorn in ihnen gesehen. Vielmehr erschien es mir so, als habe er alle Sünden in seinen Tanz gelegt – vereint mit einer unbändigen Leidenschaft für das, was er da tat.

»Ich geh kurz auf die Toilette.« Majas Worte rissen mich so unsanft aus meinen Gedanken, dass ich ihr nur stumm zunicken konnte. Dank ihrer Euphorie schien sie sich nicht über meine Schweigsamkeit zu wundern. Zumindest verschwand sie ohne einen Kommentar.

Ich wandte mich meinem Bierglas zu, starrte gedankenverloren in die trübe Flüssigkeit. Wunderte mich über meine eigenen Emotionen. Darüber, dass ein Tänzer auf der Bühne ein solches Chaos in meinem Kopf verursachen konnte. Aber vielleicht war dies der Kick, warum manche Leute so gerne und so oft ins Musical gingen. Eine völlig unbedenkliche Nebenwirkung sozusagen.

Jemand rempelte mich im Vorbeigehen an, sodass ich einige Tropfen Bier verschüttete. Ich fuhr herum, wollte dem Jemand schon einen bissigen Kommentar zuwerfen, doch die Worte blieben mir im Hals stecken. Unweit von mir stritten sich zwei Männer. Der große, hagere Typ, der mich angerempelt hatte – den Trainingsklamotten nach zu schließen ein Darsteller des Musicals – redete wild gestikulierend auf einen Tänzer ein. Meinen Tänzer.

Achtlos stellte ich mein Bierglas ab und trat einen Schritt näher. Ihn mit einem Mal direkt neben mir stehen zu haben, brachte mein Herz zum Rasen und löste ein blödes Pochen in meinem Hirn aus. Klopf, klopf, klopf – mein Herzschlag hallte dumpf in Kopf und Ohren.

Von dem Zwiegespräch bekam ich nur Fetzen mit, obwohl ich nahe genug stand, um die beiden Männer zu hören. Doch ich konnte ihn nur anstarren. Die weite Trainingshose und die dazugehörige Jacke, mit Sponsoring-Emblemen auf Ärmeln und Rücken, verhüllten seinen Körper, sodass ich endlich sein Gesicht studieren konnte. Mein Blick tastete sich über eine strenge Kinnlinie, hinauf zu einer geraden Nase und weiter zu markanten Wangenknochen. Ich verweilte einen Moment bei den sinnlichen Lippen, die in ihrem weichen Schwung nicht recht zum Rest des eher kantigen Gesichtes passen wollten. Einer Kamera gleich verringerte mein Blick den Zoom, um das Gesicht als Ganzes betrachten zu können. Halblanges Haar am Oberkopf und ein beidseitiger Undercut unterstrichen die markanten Züge. Und dann diese Augen!

Ich zuckte zusammen, als ich begriff, dass sich das kühle Blau direkt in mein Innerstes bohrte.

»Kann ich helfen?«

Seine Stimme brannte sich wie ein Feuerstrom durch meinen Körper bis in Finger- und Zehenspitzen. Der osteuropäische Akzent vibrierte in meinen Gliedern.

»Ich … nein …« Ich räusperte mich, um Zeit zu schinden. Wurde mir peinlich der Röte bewusst, die mir in den Kopf schoss. »Ich suche die Toiletten.«

»Da lang«, wandte sich nun der andere Darsteller an mich, offenbar wenig begeistert davon, dass ich ihren Streit durch mein Starren unterbrochen hatte.

Ich brummte ein »Danke«, tat einige wacklige Schritte und konnte dem Drang nicht widerstehen, mich noch einmal zu ihm umzudrehen.

»Klasse Vorstellung«, murmelte ich ihm zu und schalt mich im selben Moment für meine Worte. Doch zu meiner Überraschung zuckte ein Lächeln um seinen Mund.

»Danke.«

»Bitte. Gerne.« Ich wandte mich abrupt um und stolperte in Richtung der Toiletten. Flüchtete in eine leere Kabine und lehnte von innen den Kopf gegen die Tür. Klasse Vorstellung? Bitte gerne?

Leise fluchend schlug ich mit der flachen Hand gegen die Wand. Wenn dämliches Stottern und komplette Blödheit zu den Nebenwirkungen eines Musical-Besuches gehörten, würde ich den Teufel tun und Maja noch einmal begleiten!

~~~

Am nächsten Tag wusste ich nicht, ob mich die dröhnenden Kopfschmerzen aus dem Schlaf rissen oder die Art, wie sich mein Wasserbett bewegte. Die leichten Wellenbewegungen ließen Übelkeit in meinem Magen aufwallen. Vorsichtig blinzelte ich durch verquollene Lider und erkannte schemenhaft einen nackten Körper, der sich soeben aus meinem Bett wälzte.

Stöhnend rieb ich mir über die Augen und kämpfte mich in eine sitzende Position hoch. Als Dank für meine Mühe schlug das Hämmern in meinem Schädel mit neuer Wucht zurück.

»Fuuuck!« Ich blinzelte gegen das Sonnenlicht an, das sich gnadenlos seinen Weg durch die Fenster bahnte. Warum hatte ich nicht daran gedacht, die Rollos herunterzulassen?

»Dafür, dass du offenbar nen ziemlichen Schädel hast, warst du gestern aber noch ganz schön aktiv.«

Verständnislos sah ich zu dem Kerl auf, der inzwischen in Jeans vor meinem Bett stand. Er deutete grinsend auf zwei benutzte Kondome auf dem Boden.

»Mhm«, brummte ich nur und wusste nicht recht, ob seine Worte als Kompliment gemeint waren. In den hintersten Kämmerchen meines Gehirns suchte ich nach Erinnerungen an die vergangene Nacht. Überraschenderweise fand ich sogar einige: Mein One-Night-Stand hieß Yannik und ich hatte ihn in einem Gay-Club auf der Reeperbahn kennen gelernt. An den Sex mit ihm erinnerte ich mich allerdings nur schemenhaft.

Ich musterte ihn durchdringend, während er in seine restlichen Klamotten schlüpfte, und stellte fest, dass er bewundernswert blaue Augen hatte. Jedoch nicht so blau wie …

»Willst du noch nen Kaffee?«, lenkte ich mich schnell von meinen eigenen Gedanken ab.

Yannik schüttelte den Kopf. »Nee, lass mal. Ich geh lieber in meinen eigenen vier Wänden duschen.«

Ich brummte eine Zustimmung, insgeheim froh darüber, dass der Fick letzte Nacht für ihn offenbar genauso unbedeutend war wie für mich. Wann hatte ich mich eigentlich zuletzt dermaßen abgeschossen, dass ich zumindest einen teilweisen Blackout hatte? Wahrscheinlich lag es daran, dass ich dank der ganzen Lernerei fürs Staatsexamen in letzter Zeit nur selten feiern ging und nichts mehr vertrug.

»Also dann, war schön.« Yannik neigte sich zu mir und drückte mir einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. »Mach’s gut.«

Kurz musterte ich sein Gesicht, wollte mich in ein paar Tagen wenigstens daran noch erinnern können.

»Du auch. Danke.«

Wofür bedankte ich mich denn bitte? Etwa für Sex, von dem ich nicht mal mehr wusste, ob er gut gewesen war oder nicht?

Yannik grinste mir zu, drehte sich um und verschwand leise aus meinem Zimmer. Mein Blick huschte über die Kondome auf dem Boden. Okay, so schlecht war der Sex wohl nicht gewesen, wenn wir eine zweite Runde eingeläutet hatten. Seufzend ließ ich mich zurück in die Kissen sinken, strich über die Decke und stellte fest, dass es vielleicht an der Zeit wäre, mein Bett neu zu beziehen. Später, beschloss ich und wollte mich eben zu einem weiteren Nickerchen zurechträkeln, als es an der Tür klopfte. Nur einen Moment später streckte Max den Kopf herein.

»Na, ausgeschlafen?« Mein Mitbewohner verzog das Gesicht. »Alter, du musst mal lüften!«

»Wenn du schon da stehst, kannst du gerne die Fenster aufmachen.«

»Bin ich dein Dienstmädchen oder was?« Sein Spott wurde gemildert, indem er tatsächlich quer durch mein Zimmer stapfte und die Fenster aufriss. »Ich hab deinem Typ nen Kaffee angeboten, aber er wollte keinen.« Max lehnte sich gegen das Fensterbrett und seufzte. »So unkomplizierte Mädels würde ich auch gerne mal kennenlernen, aber nein, die wollen ja alle das Frühstück ans Bett. Am besten noch mit ner Rose auf dem Tablett.«

Ich lächelte schief über seine Klagen und versuchte mich zu erinnern, wann er das letzte Mal eine Frau mit nach Hause gebracht hatte. Max war nicht gerade das, was man sich unter einem Frauenhelden vorstellte. Eher klein und ein wenig pummelig. Dafür aber der beste Kumpel, den ich mir wünschen konnte.

»Träumst du noch oder was?«, neckte er mich gutmütig und fragte dann: »Wie war’s eigentlich im Musical?«

Kurz hielt ich den Atem an. Das Musical. Der Tänzer. Diese blauen Augen.

»War okay. War gut«, korrigierte ich mich selbst und gestand nach einer Pause: »Besser als erwartet.«

»Cool«, meinte Max, obwohl seine Miene nicht so aussah, als könne er sich vorstellen, dass ein Musical-Besuch Spaß machte. »Also dann, Kaffee steht in der Küche. Ich muss noch was programmieren.«

Als er verschwunden war, dachte ich kurz darüber nach, doch noch eine Runde zu schlafen, aber die frische Luft, die in den Raum strömte, machte mich langsam munter. Kurzentschlossen griff ich mir meinen Laptop und machte es mir auf dem Bett gemütlich. Eine Weile klickte ich mich auf Facebook und Twitter durch einige Sport-Profile, doch irgendwann machten sich meine Finger selbstständig. Mit jeder aufgerufenen Seite wurde meine Suche fieberhafter. Bis ich schließlich auf das stieß, was ich gesucht hatte: Eine Liste der Darsteller von Liebe stirbt zuletzt. Von da an waren es nur noch wenige Klicks, bis mich diese fremden und doch altbekannten blauen Augen vom Bildschirm aus anstarrten.

Alexej Jakowlewitsch Fillipow – das also war der Name, der zu dem schönen Fremden gehörte. Ich ließ mich in die Kissen zurücksinken. Stumm formten meine Lippen seinen Namen. Alexej. A-le-xej. Konsonanten und Vokale in Harmonie. Genau wie sein Körper und die Musik. Alexej …

Ehe ich mich versah, hatte ich die Bildergalerie im Vollbildmodus geöffnet. Ich fand einige Studioaufnahmen, typische Modelbilder und sah dort einen unbestreitbar attraktiven Mann. Optisch interessant, dank der markanten Gesichtszüge, doch nicht mehr oder minder besonders, als andere osteuropäische Male Models. Was mich wirklich anzog, waren die Bilder, die während den Aufführungen und Bühnenproben geschossen worden waren. Selbst ohne Musik im Hintergrund und ohne die Dynamik einer Liveshow, zog mich der Anblick seines Körpers in den Bann. Er strahlte eine solche Kraft aus, eine solche Leidenschaft für das, was er tat, dass ich mich dem Anblick nicht entziehen konnte. Stattdessen klickte ich mich durch die gesamte Galerie, blieb schließlich an einem Bild hängen.

Auf dem Boden kniend, die Arme seitlich ausgestreckt und den Kopf in den Nacken gelegt, erinnerte Alexej an einen Krieger aus den alten römischen Sagen, der, kniend auf dem Schlachtfeld, seine Götter um Kraft anflehte. Mein Blick folgte der strengen Kinnlinie die Kehle hinab, glitt über den Adamsapfel, der nur auf die nächste Schluckbewegung zu warten schien. Weiter hinab über klar definierte Schulter- und Brustmuskeln zu kleinen Brustwarzen, aufgerichtet als habe soeben ein Liebhaber darüber gestrichen. Die Rippenbögen schrien danach, die Linie mit den Fingern nachzufahren, der flache Bauch schien unter meinen Augen zu erzittern. Tiefer, tiefer, hin zum Hosenbund, der verbarg, was ich gerne gesehen, gerne berührt hätte.

Scharf sog ich die Luft durch die Nase ein, biss die Zähne aufeinander. Ich klappte abrupt den Laptop zu, als mir bewusst wurde, dass sich mein Penis schmerzhaft hart gegen meine Boxerbriefs stemmte. Mein Puls raste.

Zur Hölle, war ich etwa vierzehn Jahre alt? Konnte es angehen, dass mich die bloße Betrachtung von Bildern eines Mannes steinhart werden ließ, als hätte ich mir gerade fünf Hardcore-Pornos hintereinander reingezogen?

Mit einem Schnaufen sprang ich aus dem Bett und flüchtete ins Badezimmer. Was ich dringend brauchte, war eine eiskalte Dusche!

~~~

An Liebe auf den ersten Blick habe ich nie geglaubt. Nicht einmal während meiner hoffnungslos verklärten Phase mit 15 Jahren, als ich noch annahm, man könne Sex nur in Verbindung mit rosaroten Schäfchenwolken haben. Im Laufe der Jahre änderte sich meine Einstellung gegenüber zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Überzeugung jedoch, man könne sich nicht von der einen auf die andere Sekunde in einen anderen Menschen verlieben, gab ich nie auf. Dafür begriff ich irgendwann, dass zwischen zwei Männern von der ersten Minute an eine beinahe unerhörte sexuelle Anziehungskraft existieren konnte.

Dank dieser Erkenntnis machte ich mir keine Illusionen darüber, dass Alexej Fillipow etwas in mir ausgelöst hatte. Etwas – ein Gefühl – das sich einem Feuerstrom gleich durch meine Adern brannte. Hitze in meinem Kopf und – zur Hölle nochmal – in meinem Schwanz entstehen ließ. Und das auf eine solch dringliche Art und Weise, dass auch keine eiskalte Dusche half, die sehnsüchtigen Gedanken beiseitezuschieben.

Das Merkwürdige an der ganzen Sache war, dass ich jedes Mal, wenn ich mich in die Bildergalerie klickte, den Laptop nach nur wenigen Sekunden unverrichteter Dinge zuschlug. Er würde es nie mitbekommen, zischte eine Stimme in meinem Kopf. Nein, meine Güte, würde er nicht. Dennoch konnte ich mich nicht dazu durchringen, seine Bilder als bloße Wichsvorlage zu missbrauchen.

Auch an diesem Mittwoch, geschlagene fünf Tage, nachdem ich ihn im Musical gesehen hatte, brachte ich es nicht über mich, einfach meinen Schwanz in die Hand zu nehmen und die Gedanken an ihn ein für alle Mal mit einem kurzen Handjob aus meinem Gehirn zu verbannen. Stattdessen tat ich etwas vollkommen Verrücktes: Ich kaufte in einem Online-Shop eine Last-Minute-Karte für die Abendvorstellung und fand mich nur kurze Zeit später in dem altbekannten Saal, in einem der bequemen Sessel wieder.

Dieses Mal hatte ich sowohl auf den Anzug als auch auf die teure Armbanduhr verzichtet. Stattdessen hockte ich leger gekleidet in Jeans und Shirt im schummrigen Halbdunkel und wartete sehnsüchtig auf seinen Auftritt. Hatte sich die Show das letzte Mal schon hingezogen, so dehnten sich die Minuten an diesem Tag zäh wie Harz. Bis dann endlich – endlich! – die langersehnten Trommelschläge ertönten und die Bühne in Rotlicht getaucht wurde.

Ich verfluchte den Sitzplatz am Außenrand der achtzehnten Reihe und schaffte es doch irgendwie, seinen Anblick auf der Bühne zu genießen. Nahm mir sogar die Zeit, meinen Blick für Sekunden von seinem Körper in sein Gesicht zu lenken. Auch wenn ich kaum eine einzelne Regung seiner Miene erkennen konnte, sah ich doch eines in seinen Zügen: Leidenschaft für das, was er da gerade tat.

Noch während die Musik verklang und er lautlos von der Bühne huschte, begann ich zu begreifen, dass es nicht sein Körper war, der mich in den Bann zog. Es war der halb euphorische, halb weggetretene Ausdruck seiner blauen Augen. Es war die Hingabe, mit der er sich in jeden einzelnen Takt der Musik fallen ließ, die den dringlichen Wunsch in mir entfachte, ihn auch in anderen Momenten auf diese Art fallen zu sehen. Nur um ihn aufzufangen.

Ich blieb ruhig sitzen, verfolgte mit den Augen das weitere Geschehen auf der Bühne und bekam doch nichts davon mit. Schließlich erhob ich mich kurzentschlossen. Dank des Platzes im Außenring musste ich mich nur an zwei Besuchern vorbeidrängen, um den menschenleeren Zwischengang zu erreichen. Im Halbdunkel stolperte ich die Stufen zum Ausgang empor, erntete auf dem Weg entrüstete Blicke, die mir nicht einmal ein betretenes Lächeln wert waren. Lediglich der Angestellten an der Tür murmelte ich eine Entschuldigung zu, ehe ich mich an ihr vorbei in den Vorraum schob.

Das Foyer erschien gleißend hell im Vergleich zum Halbdunkel des Saales, sodass ich mir zunächst blinzelnd über das Gesicht wischte. Langsam gewöhnten sich meine Augen an das Licht und ich eilte der breiten Eingangstür entgegen. Ich sehnte mich mit einem Mal nach frischer Luft und einem Hauch Wind auf meinen bloßen Armen. Doch statt das Gebäude zu verlassen, hielt ich mitten in der Bewegung inne.

Schon bei meinem letzten Besuch im Stage Theater war mir aufgefallen, dass man durch eine Tür schräg hinter der Sektbar in den Backstage-Bereich gelangen konnte- wenn man denn durchgelassen wurde. Nun, da die Vorführung lief, standen nur zwei gelangweilt dreinschauende Damen hinter der Bar. Sie tippten auf ihren Smartphones herum, schienen abgelenkt und ich konnte auch nirgendwo einen Security erspähen.

Die Idee ist vollkommen bescheuert, Jerik!

Natürlich war sie das und dennoch huschte ich an den beiden Servicekräften vorbei und drückte die Klinke hinunter. Nicht abgeschlossen! Eine weitere Einladung brauchte ich nicht. Mit einem verstohlenen Blick durch das Foyer schlüpfte ich durch die Tür und ließ sie hinter mir ins Schloss gleiten. Stille umfing mich. Ich warf einen prüfenden Blick den Flur entlang. Niemand zu sehen. Einen Moment zögerte ich, schalt mich innerlich einen Idioten und wusste nicht einmal genau, was ich hier tat. Suchte ich ernsthaft nach Alexej Fillipow? Wie vollkommen bescheuert war das denn?

Dennoch huschte ich nur Sekunden später den Gang entlang, schielte verstohlen auf die Schilder neben den Türen. Maske 1 – Maske 2 – Hauptrolle weiblich – Hauptrolle männlich. Ich unterdrückte einen Fluch. Wie war ich auf die Schnapsidee gekommen, mich hier einzuschleichen?

Bevor ich mir diese Frage beantworten konnte, wurde auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges eine Tür geöffnet. Stimmen erklangen. Mein Herz setzte für einen Schlag aus. Ich brauchte dringend eine verdammt gute Ausrede oder aber …

Mit fahrigen Fingern tastete ich nach der nächsten Türklinke. Keine Zeit nachzudenken. Leise tauchte ich ins Halbdunkel hinter der Tür. Draußen hallten Schritte vorbei, verklangen langsam. Mein Blick huschte durch den langgezogenen Raum, in dem ich gelandet war. Mittig zog sich eine Bank mit Kleiderhaken durch das Zimmer, an beiden Wänden fanden sich große Spiegel und weitere Sitzplätze. Die Ablageflächen waren übersät mit Schminkutensilien, Perücken und anderem Krimskrams. Ganz offensichtlich stand ich in einer Garderobe, in der ich nicht sein sollte. Abgesehen davon, dass ich mich überhaupt nicht in diesem Backstage-Trakt befinden sollte.

Ich lauschte. Kein Laut drang von draußen herein. Jetzt oder nie! Zeit zu verschwinden!

Vorsichtig drückte ich die Klinke hinunter, wandte mich um, streckte den Kopf durch den Türspalt und sah niemanden. Saugte die Luft zu einem erleichterten Ausatmen in meine Lungen und …

»Ich könnte jetzt die Security rufen, aber dann würde ich mir den Spaß verderben, selbst herauszufinden, was du hier tust, schöner, fremder Mann.«

Ich fuhr so heftig zusammen, als hätte ich mir soeben die erste Ohrfeige meiner Mutter eingefangen. Ohne mich umzudrehen wusste ich, wem diese spöttische Stimme gehörte. Der Akzent war unverkennbar, ebenso die weiche Klangfarbe. Binnen Sekunden stieg mir Hitze ins Gesicht. Meine Hand ruhte noch immer auf der Klinke, die Tür stand noch immer einen Spalt weit offen. Einfach wegrennen oder mich der peinlichen Situation stellen?

»Soll ich doch den Sicherheitsdienst rufen? Ich müsste einfach nur schreien.«

Klang da eine Spur von Unsicherheit in der Stimme mit? Die Luft, die sich in meinen Lungen angestaut hatte, entwich in einem zischenden Laut. Abrupt wandte ich mich um und schaute direkt in seine stechend blauen Augen. Er lehnte mir gegenüber an einem der Schminktische, scheinbar entspannt, doch die Art, wie er die Finger um die Tischplatte spannte, verriet ihn. Schwungvoller als gewollt warf ich die Tür hinter mir ins Schloss. Der dumpfe Knall erschreckte Alexej jedoch nicht. Kein Zusammenzucken. Stattdessen spielte wieder diese Andeutung eines Lächelns um seine Lippen. Mein Blick huschte über seinen nackten Oberkörper. Er trug noch immer die enge Jeans vom Auftritt. Unweigerlich erinnerte ich mich an die Linien, die seine Beine formen konnten.

»Also, Fremder, was suchst du hier?«

Abrupt hob ich den Kopf und sah ihn direkt an. In seinen Augen blitzte es herausfordernd. Ich war noch nie jemand gewesen, der den Schwanz einzog, wenn es brenzlig wurde.

»Ich war auf der Suche nach einem bestimmten Tänzer«, beantwortete ich endlich seine Frage und war überrascht, wie sicher meine Stimme klang.

Alexej zog eine Augenbraue in die Höhe – eine perfekt einstudierte Geste der Selbstsicherheit.

»Hat dieser bestimmte Tänzer auch einen Namen? Vielleicht kann ich dir helfen, ihn zu finden.«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust und ließ mir einen langen Moment Zeit mit meiner Entgegnung. »Ich habe ihn schon gefunden.«

»Und?« Alexej stieß sich von der Tischkante ab und kam auf mich zu. Jede seiner Bewegungen wirkte so sicher, so präzise, als habe er diese Begegnung einstudiert. Als hätte er genau gewusst, dass ich mit einem Mal in seiner Umkleide stehen würde.

Nur wenige Schritte von mir entfernt blieb er stehen. Zu weit weg, um ihn zu berühren, aber zu nahe, um mich ihm zu entziehen. Wir sahen uns an. Stumm. Abschätzend. Lauernd.

Erst jetzt fiel mir auf, dass er einen halben Kopf kleiner war als ich und zierlicher, als ich angenommen hatte. Dennoch versprühte jede Faser seines Körpers eine unbändige Kraft.

»Erwartungen erfüllt?«

Ich blinzelte. Brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass er auf meine vergangenen Worte anspielte.

»Das wird sich noch zeigen, denke ich.«

»Du denkst zu viel.« Alexej wandte sich ab und brachte mich damit erneut aus dem Konzept. Ich hatte Berührungen erwartet. Nähe. Nicht diese plötzliche Distanz.

In einer fließenden Bewegung ließ er sich auf einem der Stühle nieder, den Rücken mir zugewandt. Durch den Schminkspiegel hindurch traf sein Blick erneut den meinen.

»Also, Fremder, hören wir auf mit den Spielchen? Wer bist du und was willst du?«

»Dich kennenlernen.« Dieses Mal hatte ich meiner Zunge nicht die Erlaubnis gegeben, diese Worte zu formen. Am liebsten hätte ich mir das vorwitzige, kleine Stück Fleisch abgebissen. Erst recht, als Alexej lachte. Seine Augen schienen Funken durch das Spiegelglas zu sprühen.

»Als Musicaldarsteller hat man ab und an so etwas wie Fans, weißt du? Aber einen so vorwitzigen Groupie hatte ich noch nicht.«

Ich stieß einen verächtlichen Laut aus. »Sehe ich aus wie ein Groupie?«

»Nein, aber normal ist es nicht, dass du dich in den Backstage-Bereich schleichst, um mich kennen zu lernen.«

So lässig wie möglich zuckte ich die Schultern. »Was ist schon normal?«

Das Lächeln verschwand binnen eines Herzschlages von seinen Lippen und er wandte den Blick ab.

»Sag du es mir, Fremder. Ich bin weitab jeder Normalität.« Er strich sich durch das halblange Haar am Oberkopf, ließ seine Hand dann im Nacken ruhen. Lenkte meine Aufmerksamkeit unweigerlich auf die Linie seiner Wirbelsäule. Mehr noch, als er den Kopf senkte und so die Wirbel am Nacken hervortreten ließ.

»Du hast mir noch immer nicht deinen Namen verraten.«

»Jerik.« Ich stieß mich von der Tür ab und ging auf ihn zu. Schnell, bestimmt. Nur damit meine Beine es sich nicht plötzlich anders überlegen konnten.

»Jerik«, hörte ich ihn meinen Namen murmeln und erschauderte. Mit seinem osteuropäischen Akzent klang der schwedische Name härter, als in meiner Muttersprache.

»Also dann, Jerik.« Er richtete sich auf seinem Stuhl auf, wandte sich halb zu mir um und schien keineswegs überrascht darüber, dass ich direkt hinter ihm stand. »Du hast mich kennengelernt. Besser, du gehst jetzt.«

»Warum?« Ich sah ihm fest in die Augen. »Rufst du sonst den Sicherheitsdienst?«

Er senkte den Blick. »Besser wäre es.«

Ich verengte meine Augen zu Schlitzen. »Angst?«

Ein Laut, der wohl ein Lachen hätte sein sollen, jedoch schmerzlich klang, drang aus seinem Mund.

»Vor dir? Nein. Vor mir? Vielleicht.« Für einen Moment schien es, als wolle er noch etwas sagen. Doch dann schlossen sich seine Lippen ohne einen weiteren Laut.

Ich musterte ihn, doch bevor ich mich in seinem Anblick verlieren konnte, wandte er sich ab. Erneut trafen sich unsere Blicke durch den Spiegel.

»Ich meine es ernst, Jerik. Wenn du nicht verschwindest, sorge ich dafür, dass du höflichst hinausgebeten wirst.« Mit einem Mal hatte seine Stimme jede Leichtigkeit, jeden Spott verloren. Was blieb, war der harte, russische Akzent.

Ich trat einen Schritt von ihm zurück, brachte genug Abstand zwischen uns, um die Kontrolle über meine Finger zu behalten.

»Dass ich dich kennen lernen will, war nicht nur so dahingesagt. Aber ich gebe zu, dass es der falsche Weg war, hierherzukommen.« Meine Stimme stolperte. »Was würdest du zu einer richtigen Verabredung sagen?«

Alexej senkte den Kopf, doch der Spiegel offenbarte das Lächeln auf seinen Lippen.

»Du verstehst das nicht, Jerik. Du hast keine Ahnung, wer ich bin und ich sage dir, dass ich dir nicht guttun würde.«

Seine Worte brachten mich zum Lachen. »Klingt ein wenig nach Edward und Bella, oder?«

Er jedoch lachte nicht. Das Lächeln verschwand von seinen Lippen. »Ich tue niemandem gut, Fremder. Nicht mal mir selbst.«

Die Ernsthaftigkeit, mit der er diese Worte aussprach, ließ mich einen weiteren Schritt zurückweichen. Im gedämpften Licht der Garderobe starrte ich auf seinen Rücken. Erst jetzt fiel mir auf, wie zusammengesunken er auf dem Stuhl hockte. Von der Anspannung, die während der Show jede Muskelfaser hatte hervortreten lassen, war kaum etwas geblieben.

»Denkst du nicht, dass ich selbst entscheiden kann, wer mir guttut und wer nicht?«

»Und denkst du nicht, dass es angebracht wäre, ein Nein zu akzeptieren?«, schoss Alexej zurück und klang dabei weniger angriffslustig, als ich vermutet hatte.

»Das kommt auf die Art des Neins an. Willst du dich nicht mit mir treffen oder solltest du nicht?«

Beinahe ging ich davon aus, dass er mir ein »Beides« entgegenschleudern würde. Doch dann murmelte er: »Macht das wirklich einen Unterschied?«

Ich stieß die Luft aus, halb erleichtert, halb genervt. »Für mich schon.«

Zwischen uns manifestierte sich eine Stille, die ich meinte, mit Händen greifen zu können. Zum ersten Mal, seit wir unsere merkwürdige Unterhaltung begonnen hatten, fragte ich mich ernstlich, was ich hier eigentlich tat.

»Okay.«

Mein Kopf ruckte herum.

»Sag mir wann und wo. Ich werde da sein.«

Ich brauchte einen langen Moment, um zu begreifen, dass er soeben einem Treffen zugestimmt hatte. Und einen noch längeren Moment, um Antworten auf seine Fragen parat zu haben.

»Sonntag? Um 11? Vor dem Skyline Restaurant? Ich hol dich dort ab.«

Kurz schien es mir, als wolle er widersprechen, doch dann lächelte er. »Okay. Aber wenn du jetzt nicht abhaust, lasse ich dich wirklich rauswerfen.«

Ich grinste und nickte. Musste mich zwingen, meinen Blick von seinem loszureißen. Vom Flur drangen dumpfe Schritte herein und führten mir überdeutlich vor Augen, dass ich viel zu lange hier gewesen war.

»Dann bis Sonntag.« Meine Worte klangen mehr nach einer Frage, denn nach einer Feststellung.

Alexej lächelte noch immer. »Bis Sonntag.« Er wandte sich ab. »Raus jetzt.«

Die Schritte verklangen. Eine Tür fiel ins Schloss. Ein letzter Blick durch den Spiegel. Dann huschte ich hinaus. Der Flur lag hell erleuchtet vor mir, wieder menschenleer. Nur eine Frage der Zeit, bis andere Darsteller ihn fluteten. Jetzt konnte ich beruhigt verschwinden. Nichts hielt mich hier, nachdem ich Alexej sein Versprechen abgerungen hatte. Ich lachte, während ich durch den Gang eilte. Hatte ich mich jemals auf verrücktere Weise mit einem Mann verabredet?

~~~

Selbst durch den Motorradhelm hindurch hörte ich Max schimpfen, weil ich ihn aus dem Bett geworfen hatte, um das Auto kurz zur Seite zu fahren. »In aller Herrgottsfrühe«, hatte mein Mitbewohner gewettert – wohlgemerkt, es war halb elf. Natürlich hätte ich den Wagen, den wir uns gemeinsam vor gut einem Jahr gekauft hatten, auch selbst vom Parkplatz chauffieren können. Doch es war mir schlichtweg zu umständlich, abwechselnd Auto und Motorrad zu bewegen.

»Danke!«, brüllte ich ihm über den Motorenlärm hinweg zu und erntete dafür nur einen beleidigten Fingerzeig. Kopfschüttelnd klappte ich das Visier zu. Sein Genörgel konnte mich nicht von meiner Vorfreude auf das Date mit Alexej abbringen. Stattdessen fachte das Vibrieren des Motors unter mir meine gute Laune an. Während der Lernerei fürs Staatsexamen hatte ich mich viel zu selten auf meine Süße geschwungen. Grund genug also, Alexej mit dem Motorrad abzuholen. Ganz abgesehen davon, dass wir uns auf meiner Racing-Maschine ziemlich aneinander kuscheln mussten, damit er überhaupt hinter mich auf den Sitz passte.

Das Grinsen über diese Erkenntnis wich die gesamte Fahrt über nicht von meinem Gesicht und wurde noch breiter, als ich vor dem Skyline Restaurant den Motor abstellte. Am Morgen nach dem Aufwachen hatte ich für einen kurzen Moment daran gezweifelt, dass Alexej am Treffpunkt erscheinen würde. Doch er war da und musterte mit großen Augen das Motorrad und meinen Aufzug.

Ich zerrte mir den Helm vom Kopf und wollte auf Alexej zugehen, doch als ich wieder geradeaus sehen konnte, stand er nicht mehr dort. Mit verschränkten Armen und kritischem Blick ging er um meine Maschine herum.

»Das hättest du mir ruhig sagen können«, murrte er, klang dabei aber nicht halb so genervt, wie seine Miene es vermuten ließ. »Dann hätte ich was anderes angezogen.«

Grinsend legte ich meinen Helm auf der Sitzfläche ab und musterte ihn. Er trug eine schlichte Jeans und eine leicht abgewetzte, aber stylische Lederjacke. Nicht gerade das schlechteste Outfit für das, was ich vorhatte.

»Was hättest du denn anziehen wollen? High Heels?«

»Nein, Klugscheißer«, schoss er zurück und griff sich den zweiten Helm, den ich kurzzeitig am Lenker deponiert hatte, »meine Motorradkombi.«

Nun war es an mir, ihn überrascht anzusehen. »Du hast eine?«

»Stell dir vor, ich hab sogar nen Führerschein.« Seine Miene wurde plötzlich weicher und er zwinkerte mir zu. »Darf ich fahren?«

Ich öffnete den Mund, zögerte. Normalerweise ließ ich niemanden meine Süße auch nur anfassen.

Alexejs Lachen holte mich aus meinen Gedanken. »War ein Scherz, Mann. Ist dein Heiligtum, oder?«

Befreit stimmte ich in sein Lachen ein und hatte das Gefühl, dass das Eis damit gebrochen war.

»So ähnlich, ja.«

»Verstehe ich. Schickes Teil.« Seine Finger glitten über die Sitzfläche, ließen unweigerlich die Frage in mir aufkeimen, wie es wäre, anstelle meines Motorrades zu sein. Verrückter Gedanke!

»Also, wohin fahren wir?«

Rasch lenkte ich meinen Blick von seinen Händen auf sein Gesicht. Das Funkeln seiner Augen war elektrisierend. Oder aber ich war aufgedreht vom Gefühl der lauernden PS unter meinem Hintern.

»Zum See. Ich hab auch ein paar Knabbersachen dabei.« Ich deutete auf den Rucksack auf meinem Rücken.

»Picknick am See, ja?« Alexej zwinkerte mir erneut zu, ehe er sich am Verschluss des Helmes zu schaffen machte. »Ziemlich kitschig, findest du nicht? Und ein bisschen kalt Ende März.«

Ich zuckte die Schultern. »Kitschig wird’s erst, wenn wir uns zusammen in eine Decke kuscheln.«

Das kurze Aufblitzen in seinen Augen hätte ich im ersten Moment beinahe als Vorfreude gedeutet, doch dann machte sich ein merkwürdig nervöses Gefühl in meinem Bauch breit.

»Ist das dein Plan?«

»Ich hab keinen Plan«, behauptete ich und drückte ihm den Rucksack in die Hände, ehe ich auf den Gedanken kam, dass er vielleicht als notwendiger Schutzschild zwischen unseren Körpern dienen könnte. Die Überlegung irritierte mich. Eben hatte ich mich noch darauf gefreut, ihn nahe an mich geschmiegt zu wissen.

Bevor ich weiter grübeln konnte, quetschte ich mich in meinen eigenen Helm und schwang mich auf die Maschine, startete den Motor. Nur einen Moment später spürte ich, wie Alexejs Gewicht hinter mir das Motorrad absenkte. Zögerte er? Nein. Gleich darauf rückte er näher, schlang die Arme um meine Körpermitte. Seine Oberschenkel pressten sich eng an meine. Ich atmete aus. Erleichterung oder neue Anspannung?

~~~

Nachdem ich mich versichert hatte, dass meine Maschine auf dem unebenen Grund nicht umkippen würde, wandte ich mich um und sah Alexej am Ufer stehen. Wir waren nicht zu einem der bekannten Badeseen gefahren, sondern an einen kleinen Tümpel, den ich im letzten Sommer bei einer Motorradtour entdeckt hatte. Das Wasser war trüb und wahrscheinlich nicht zum Schwimmen geeignet, aber dafür war es ohnehin zu kalt. Außerdem mochte ich das Flair der tiefhängenden Weiden, die ihre Äste weit über das Wasser streckten und lauschige Plätzchen am Ufer schufen. Hier konnte man ungesehen von fremden Menschen beisammensitzen, dem Atem des anderen lauschen, die Finger wandern lassen.

Versunken in diese Gedanken trat ich nahe an Alexej heran. Blieb so dicht hinter ihm stehen, dass ich mich nur ein Stückchen nach vorne hätte neigen müssen, um meine Nase in sein Haar zu stecken oder die Lippen auf seinen Hals zu pressen. Er stand unbewegt, schaute still über den See.

»Okay, es ist wirklich kitschig«, gab ich leise zu und erntete ein zustimmendes Lachen.

»Ja, vor allem, wenn du jetzt noch eine Decke ausbreitest und Sekt herausholst.«

Seine Worte nahm ich als Aufforderung und machte mich an dem Rucksack zu schaffen, den er achtlos auf dem Boden abgelegt hatte. Ich zerrte eine Decke hervor, die schon einmal bessere Zeiten gesehen hatte. Aber da sie mit mir um die halbe Welt gereist war, hatte ich eine passable Entschuldigung.

»Sorry, aber mit Sekt kann ich nicht dienen. Nur mit Bier und Cola.«

»Willst du mich abfüllen, oder was?« Alexej kniete sich neben mich und warf einen interessierten Blick in den Rucksack. »Dann muss ich dich enttäuschen. Ich trinke keinen Alkohol.«

Toll, Jerik, 100 Punkte! Das hätte ich mir bei einem professionellen Tänzer auch denken können. Alexej schien meinen bedröppelten Gesichtsausdruck bemerkt zu haben, denn mit einem Lächeln zog er eine Plastikbox und eine Tüte mit Baguette hervor.

»Aber keine Sorge, ich esse Chicken Wings und bestehe nicht auf Low Carb.« Er ließ sich auf die Decke fallen und schaute auffordernd zu mir hoch. Während ich versuchte, nicht allzu offensichtlich erleichtert auszusehen, schälte ich mich aus meiner Motorradjacke. Alexej streckte mir ein Astra entgegen und bediente sich selbst an einer Dose Cola.

»Worauf trinken wir?«

Ich zuckte die Schultern. »Auf uns« konnte ich wohl schlecht sagen, also schlug ich vor: »Darauf, dass ich dich doch davon überzeugen konnte, dich mit mir zu treffen.«

Der Zug um seinen Mund verhärtete sich, jedoch nur für einen Augenblick.

»Wenn du immer noch der Meinung bist, dass das eine gute Idee war, okay, dann auf diesen Tag.«

Wir stießen an, doch ich registrierte kaum den herben Biergeschmack. Viel zu sehr war ich damit beschäftigt, Alexej anzusehen und darüber nachzudenken, warum er immer so melodramatisch daherreden musste.

»Warum sollte es keine gute Idee gewesen sein?«, konnte ich mir nicht verkneifen zu fragen. Er wandte den Blick ab und schaute wieder auf das Wasser hinaus.

»Erzähl mir von dir«, überging er meine Frage. »Von deiner Heimat. Du bist doch Schwede, oder?«

Der Gedanke an meine Herkunft ließ mich unweigerlich lächeln. Ich lebte schon lange in Deutschland. Aber niemals lange genug, um die schwedischen Sommer zu vergessen.

»Ja, ich bin in Karlstad geboren, aber schon als Kind mit meinen Eltern nach Bremen umgezogen. Trotzdem verbringe ich noch beinahe jeden Sommer im Haus meiner Großeltern. Sie leben direkt am Vänern. Es gibt nichts Besseres, als morgens aufzustehen und erst mal eine Runde schwimmen zu gehen.«

Alexejs Lachen unterbrach meinen Redeschwall. Ertappt sah ich zu ihm und fand seine ebenfalls lachenden Augen.

»Deshalb das Picknick hier, ja?«

Ich stimmte in sein Lachen ein, weil mir erst in diesem Moment bewusst wurde, dass ich ständig zu irgendwelchen Seen fuhr, wenn ich frei hatte und das Wetter es zuließ.

»Ja, irgendwie schon, sorry.«

»Du musst dich dafür nicht entschuldigen. Ich sollte viel öfter mal an solche Orte kommen, um abzuschalten.«

»Das lässt sich einrichten«, meinte ich leichtfertig. »Solange du nicht meine Maschine fahren willst.« Meine Worte waren flapsig gemeint gewesen, doch zu meiner Überraschung verfinsterte sich Alexejs Miene.

»Du meinst, das hier«, er wies in einer fahrigen Geste um sich, »dieser Ausflug, ist keine einmalige Sache?«

Sekundenlang starrte ich ihn nur an. »Keine Ahnung«, entgegnete ich zögerlich. »Ehrlich gesagt hab ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Hey, wenn es gut mit uns läuft, spricht doch nichts gegen eine Wiederholung, oder?«

»Es wird nicht gut laufen.« Er sagte das mit einer solchen Überzeugung, dass mir förmlich die Kinnlade herunterklappte. »Mit mir läuft es nie gut für andere Typen. Zumindest langfristig nicht. Also vielleicht wäre es das Einfachste, wenn wir eine Runde ficken und dann nach Hause fahren.«

Ich konnte ihn nur anstarren. Sekundenlang. Ich suchte in seinen Augen, in seiner Miene nach irgendetwas, das seine Worte als schlechten Scherz enttarnte. Doch ich fand nichts.

»Was?« In seiner Stimme lag ein lauernder Unterton. »Ich dachte, du wärst einer von der direkten Sorte, sonst wärst du kaum zu mir in die Garderobe gekommen. Also, ein guter Fick, jetzt, hier? Ist doch das, was du wolltest, oder nicht?«

»Nein!« Ich schüttelte den Kopf. Strich mir mit den Händen übers Gesicht. »Keine Ahnung, ich hab mir keine Gedanken gemacht, ob ich heute Sex mit dir haben will. Oder morgen. Oder wann auch immer. Vielleicht …« Ich zögerte einen Moment, sprach es dann doch aus: »Vielleicht sehe ich auch mehr in dir, als nur eine nette Sexbekanntschaft.«

Nun war es an Alexej mich verwirrt anzustarren. Statt Spott legte sich so etwas wie Traurigkeit über sein Gesicht. »Sorry, Jerik, ich bin kein Typ für Beziehungen und auch nicht für platonische Freundschaften. Also entweder wir vögeln oder wir können das hier auch bleiben lassen.«

Das Keuchen, das aus meinem Mund drang, war etwas zwischen Empörung und Verunsicherung.

»Du meinst das echt ernst, oder? Was zum Teufel ist dein Problem, dass wir nicht einfach hier sitzen und eine gute Zeit haben können?«

Die Art, wie Alexej die Schultern zuckte und den Kopf abwandte, sprach deutlich von Frustration.

»Keine Ahnung, was mit mir nicht stimmt, Jerik. Ich bin kompliziert, war ich schon immer.« Er hielt inne. Seine Finger nestelten gedankenverloren an den Schnürsenkeln seiner Chucks herum. »Du hingegen scheinst ein prima Kerl zu sein. Ich fände es einfach schade, wenn du dir von mir deine Zeit stehlen lässt.«

Was sollte ich darauf bitte antworten? Statt einer Entgegnung wandte ich mich ebenfalls ab und schaute auf den See hinaus. Ein schwacher Wind kräuselte die Oberfläche und trug den leicht moderigen Geruch des stehenden Gewässers zu uns. Mit einem Mal sehnte ich mich mehr denn je nach Karlstad. Fort in diese verträumte Stadt an den Nordufern des Vänern. Hinein in die Idylle der schwedischen Sommer, die nach feuchtem Gras, Wasser und Mückenspray dufteten.

»Tut mir leid«, drang Alexejs Stimme an meine Ohren und holte mich aus meinen Erinnerungen. »Vielleicht rede ich Müll, aber ich will nicht, dass du dir falsche Hoffnungen machst.« Seine blauen Augen zeigten mit einem Mal diesen sanften Glanz, der meine Wut einfach so verdampfen ließ. Ich seufzte.

»Ich glaube, ich bin alt genug, um selbst zu entscheiden, mit wem ich Zeit verbringe und mit wem nicht. Also danke für die Warnung, aber ich komm schon mit dir zurecht. Auch wenn du eine ganz schöne Zicke zu sein scheinst.« Um meinen Worten die Schärfe zu nehmen, grinste ich ihn an. Alexej zögerte einen Moment, doch dann erwiderte er das Lächeln Ich streckte mich lang auf der Decke aus und sah zu ihm empor.

»Erzähl mir von dir«, bat ich ihn im Gegenzug. »Wo kommst du her, was hat dich nach Deutschland verschlagen?«

»Der Job«, bekam ich prompt zur Antwort. »Ich habe in London an der Trinity Laban studiert, aber danach kein Engagement in England bekommen. Ein Bekannter, der ein Jahr vor mir seinen Abschluss gemacht hat, hat mich nach Hamburg geholt, um bei der Audition für Liebe stirbt zuletzt vorzutanzen. Und als sie mir den Vertrag angeboten haben, konnte ich ja schlecht Nein sagen. Ganz ehrlich? Das Musical ist nicht der Knaller, aber ich mag meine Rolle ganz gerne.«

Die Wollust, ja. Ich sparte mir jeden Kommentar, sondern fragte stattdessen: »Du kommst aus Russland, oder? Willst du dorthin zurück?«

»Aus Moskau, ja.« Alexej zuckte die Schultern. »Ich hänge nicht so sehr an meiner Heimat. Ich bin schon mit 16 daheim ausgezogen und durch die Welt getingelt. Ich war in London, New York, Sydney, Stockholm. Ich glaube, ich kann überall zuhause sein.«

Seine Worte brachten mich erneut zum Lächeln. Auch ich konnte mich auf jedem Fleckchen Erde wohlfühlen. Doch wirklich zuhause war ich nur in Karlstad.

»Wie lange warst du in Stockholm?«

»Bara några veckor. Men jag tyckte om.«

Wieder einmal konnte ich ihn nur anstarren. Ich räusperte mich. »Die paar Wochen haben offenbar ausgereicht, um dir perfektes Schwedisch beizubringen.«

Alexej lachte. Zum ersten Mal ein, wie es mir schien, vollkommen befreites Lachen. »Nej, nej, tyvärr inte. Von perfekt kann nicht die Rede sein, aber es fällt mir leicht, neue Sprachen zu lernen und ich mag die Satzmelodie des Schwedischen.«

Ich entgegnete nichts, weil ich mit einem Mal nur daran denken konnte, dass ich den Klang seiner Stimme mochte. Sein Lachen. Ihm einfach zuzuhören, wenn er erzählte.

Zwischen uns kehrte eine wohltuende Stille ein. Kein betretenes Schweigen wie noch Minuten zuvor, sondern eine wortlose Ruhe, in die man sich gerne hineinfallen ließ. Aus dem Augenwinkel musterte ich Alexej und mit einem Mal kam mir ein verrückter Gedanke.

»Tanz für mich.«

»Was?«

Ich richtete mich in eine sitzende Position auf. »Tanz für mich. Jetzt. Hier.«

Alexej sah mich an, als habe ich ihm soeben vorgeschlagen, sich nackt in das kalte Seewasser zu stürzen. Nur langsam wich der Schock aus seiner Miene, machte wieder diesem funkensprühenden Lächeln Platz.

»Okay.« Er erhob sich. »Hast du Musik dabei?«

»Kannst du nicht auch ohne?« Ich zwinkerte ihm zu.

»Können schon, wenn du willst.«

»Nein.« Ich kramte mein Handy aus der Tasche und klickte mich in die Playlist. »Was hältst du von …« Ich zögerte, erinnerte mich daran, wie mich sein Auftritt berührt hatte, und wollte ihn mit einem Mal nicht zu einer Ballade tanzen sehen. »Robin Thick?«

»Mmh, Street Jazz, schöner Style.« Alexej erhob sich und selbst in dieser einfachen Bewegung lag eine Leidenschaft, die mich elektrisierte. Er zog sich die Lederjacke aus und brachte perfekt definierte Arme und Schultern zum Vorschein.

»Gehört das schon zur Show?«, neckte ich ihn, um meine eigene Befangenheit zu überspielen.

»An mir ist alles Show, Jerik.« Er grinste und ich wusste nicht, wie ernst seine Worte tatsächlich gemeint waren. Doch ich schob die Gedanken von mir und drückte auf Play.

Mit dem ersten Laut veränderte sich der Ausdruck in seinen Augen. Jede Faser seines Körpers saugte die Musik auf, wie ein Schwamm das Wasser. Es kam mir beinahe vor, als sähe ich seit dem Beginn des Liedes einen anderen Mann vor mir. Nichts war geblieben von der Sprunghaftigkeit, die er in seine Worte legte. Wenn Alexej tanzte, dann war alles an ihm Präzision und Entschlossenheit. Als wisse sein Körper intuitiv, welche Bewegung er vollführen musste, ehe das Gehirn den Reiz sendete. Es war, als seien er und die Musik ein Wesen, ein einziger rhythmischer Herzschlag. Eine perfekte Einheit, in die nichts von außen eindringen konnte, während alles aus dem Inneren heraus strahlte, pulsierte, lebte.

Der Beat hielt mich gefangen, sein Anblick nahm mich vollkommen ein. Mit einem Mal war Alexej das Zentrum meiner Welt. Mir kam es vor, als sei ihn anzuschauen alles, was ich jemals tun wollte. Tun musste, um zu überleben. Atmen wurde zur Nebensächlichkeit, solange ich mich seinen Bewegungen hingeben konnte. Mehr wollte ich nicht. Brauchte ich nicht. Mehr konnte ich nicht tun – nur dasitzen und zusehen.

Der letzte Ton verklang. Alexejs Arme bildeten eine horizontale Linie. Ich wollte nicht, dass es aufhörte. Begierig saugten meine Augen die letzte Bewegung auf, klammerten sich förmlich an seinen Fingern fest. Ich verliebte mich in den Schwung seines Handgelenkes, in die Art, wie er die Glieder streckte. So lange, bis uns Stille umfing. Alles, was ich hörte, waren Alexejs rascher Atem und der meine, der ebenso hastig durch meine Lungen strömte. Mein Herz hämmerte gegen meinen Brustkorb. So laut, dass ich hätte schwören können, dass er es hörte.

Die Playlist sprang zum nächsten Lied. Keine Ahnung, welches es war. Mein Blick klebte noch immer an Alexej. Er kam auf mich zu, langsam, doch mit jedem Schritt näher. Direkt vor mir blieb er stehen und schaute auf mich herab.

»Wo bleibt der Applaus?« Noch während er sprach, ging er in die Knie, sodass wir uns schließlich direkt gegenüber kauerten. Als würden meine Hände von Magneten gezogen, näherten sie sich einander an. Doch ehe ich applaudieren konnte, schlossen sich Alexejs Finger wie Schraubstöcke um meine Handgelenke. Mein Atem stockte. Ich schluckte. Sah ihn an. In seinen blauen Augen loderte noch immer dasselbe Feuer, das in ihnen lag, wenn er tanzte.

»Sag was.« Sein Atem streifte meine Lippen. Er hielt meine Handgelenke weiter umklammert. Kam noch näher. Sein Mund an meinem war nur der Hauch einer Berührung. Viel zu wenig, um es einen Kuss nennen zu können – und doch viel zu viel.

»Sag. Irgendetwas.« Die Worte kamen drängender als zuvor. Seine Zähne gruben sich in meine Unterlippe. Keuchend wollte ich ihm entgegenkommen, doch er drehte den Kopf weg, verbarg sein Gesicht an meinem Hals.

»Bitte, Jerik.«

»Was?«, knurrte ich ihn an. »Was willst du hören?« Mit Nachdruck riss ich meine Hände los, packte ihn im Nacken und zog seinen Kopf zurück. Zwang ihn dazu, mich anzusehen.

»Halt mich auf.« Seine Stimme war kaum mehr als ein Wimmern, schnitt sich marternd durch seine Kehle und hinterließ dieselbe Qual tief in meinem Bauch. Mein Herz hämmerte. Mein Puls raste. Zwischen meinen Beinen ein fast schmerzhaftes Pochen. Unsere Blicken fanden sich – und läuteten die Kapitulation ein.

»Scheiße, Jerik, stopp es«, presste er hervor, ehe sich sein Mund über meinen legte und ich mich verlor. Seine Lippen schmeckten nach Cola und nach der Gewürzmischung der Chicken Wings. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals etwas Besseres geschmeckt zu haben. Seine Zunge verwickelte die meine in einen Tanz, der in seiner Intensität beinahe an Gewalt erinnerte. Ich krallte die Hände in sein Shirt, zog und riss daran und konnte mich doch nicht lange genug von ihm lösen, um es auszuziehen. Stattdessen zog ich ihn mit mir, bis wir gemeinsam auf der Decke lagen. Arme und Beine ineinander verschlungen rollten wir herum, kämpften um die Vorherrschaft in diesem Spiel, in dem es keine Verlierer geben konnte. Oder doch?

Sein Griff in meinen Haaren wurde schmerzhaft. Ich keuchte auf, starrte ihn an, als er meinen Kopf nach hinten bog. Seine Hand an meinem Pullover und seine Knie, mit denen er rechts und links meine Beine einklemmte, machten mich bewegungsunfähig. Er thronte über mir, wie ein Raubtier über seiner Beute. Kurz bevor es die Reißzähne in das zuckende Fleisch grub.

Alexej bewegte sich auf mir, schob sein Becken gegen das meine. Stöhnte leise, als unsere Erektionen durch die Jeans hindurch aneinander rieben. Ich schnappte nach Luft, zitterte unter ihm. Wartete ergeben auf das, was er als nächstes tun würde.

Ich kannte mich so nicht, schoss es mir durch den Kopf. Ich gab selten die Führung aus der Hand, war fast immer der aktive Part. Mit Alexej war alles anders, doch zu meiner eigenen Verwunderung ängstigte es mich nicht.

Seine Lippen wischten die Gedanken fort. Wir küssten uns lange, innig, tief. Bis wir beide nach Luft schnappend voneinander abließen. Alexej zerrte am Gürtel meiner Jeans, dann an den Knöpfen. Streifte mir Hose und Shorts gleichzeitig herunter, jedoch nur so weit, dass er meinen Penis daraus befreien konnte.