Infinitum Mobile - Gerhard Stamer - E-Book

Infinitum Mobile E-Book

Gerhard Stamer

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Beschreibung

INFINITUM MOBILE.de ist ein Weblog, der im April 2015 online ging. Dort stellte Gerhard Stamer im Laufe zweier Jahre zehn 'Philosophische Lektionen zur Gegenwart' zur Diskussion. Dabei ging es ihm vor allem um die Erweiterung eines naturwissenschaftlich-materialistisch reduzierten Denkens - von Darwins Evolutionstheorie über Marx bis zu Einstein und die moderne Hirnforschung. Das Buch gibt den Diskussionsstand zum Juli 2017 wieder.

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Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2017

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EDITORIAL

Das Leben besteht aus Widersprüchen: Natürlich zeigt es einen gewissen Humor, ein Projekt namens INFINITUM MOBILE mit einem editorischen Schlussstrich wie diesem Buch zu beenden. Ebenso wie es heiter stimmen mag, wenn der anfängliche Versuch eines Weblogs in dem abschließenden Versuch endet, dessen Ergebnisse in die analog-lineare Form des Buches zu überführen. Vielleicht muss das Grundvertrauen in die historische Validität des Internets noch wachsen. Dem Medium Buch jedenfalls verdanken wir trotz mancher Widrigkeiten und Verluste jahrtausendealte Texte höchster Gegenwärtigkeit.

Diese Umformung wirft interessante Probleme auf: Ein Weblog funktioniert nicht linear. Diskussionsstränge verzweigen sich, bilden eigene Abfolgen, beziehen sich wieder zurück auf den Ursprung oder verlassen gar das Thema. Ein Buchtext bietet keine Links, er fängt vorn an und hört hinten auf. Die Übertragung des Blogs funktioniert daher nicht eins zu eins, der Leser wird es an Brüchen, Sprüngen und Diskontinuitäten merken. Aber auch das ist nicht wirklich gewöhnungsbedürftig, sondern alltägliche Lebenserfahrung. Und in der Literatur der Moderne gibt es bekanntlich geniale Versuche, die Linearität der Erzählung zu verlassen – und trotzdem innerhalb der Buchdeckel zu verbleiben.

Der Blog INFINITUM-MOBILE.de ging nach mehrmonatiger Vorbereitung im April 2015 online und wird dort natürlich weiter zu finden sein. Auch Kommentare zu den Blogbeiträgen sind weiterhin möglich. Dieses Buch gibt den Diskussionsstand zum Juli 2017 wieder. Es wurden – mit Ausnahme einiger eher technischer Hinweise des Moderators – sämtliche Diskussionsbeiträge aufgenommen. Die Aliasse der AutorInnen wurden webüblich respektiert.

Das Projekt INFINITUM MOBILE – und damit auch diese Publikation – wurde maßgeblich von der Region Hannover, von der Stiftung Philosophie zur Zeit und dem Kulturbüro der Landeshauptstadt Hannover gefördert. Dafür danken wir herzlich.

Hannover, August 2017

Gerhard Stamer Klaus Gürtler

INHALT

INTRO

„Die Globalisierung ist eine Steilvorlage für die Philosophie“

Ein Gespräch zwischen Christian Illies und Gerhard Stamer

„Wie Sokrates auf dem Marktplatz“

Rede zur Eröffnung von INFINITUM MOBILE

LEKTION 1 Warum Darwins Evolutionstheorie richtig ist und sie die Welt doch nicht erklären kann

LEKTION 2 Warum Marx‘ Kritik am Kapitalismus richtig ist, aber seine Alternative nicht

LEKTION 3 Warum Naturgesetze nicht zu sehen sind, aber trotzdem gelten

LEKTION 4 Warum die Hirnforschung nützlich ist, aber das Bewusstsein nicht erklären kann

LEKTION 5 Warum Einsteins Relativitätstheorie richtig ist, aber nicht die wahre Wirklichkeit aufdeckt

LEKTION 6 Warum nicht sicher ist, was in Zukunft geschieht und man trotzdem das Gute tun soll

LEKTION 7 Warum wir alle sterben müssen und doch etwas Unendliches an uns haben

LEKTION 8 Warum Heideggers Nähe zum Faschismus nicht zu leugnen ist und seine Philosophie trotzdem gelesen werden sollte

LEKTION 9 Warum alles relativ ist und es dennoch das Absolute, das Bleibende im Wandel gibt

LEKTION 10 Warum Aufklärung nicht Negation der Religion bedeutet

FAZIT 2017

Bibliografie

INTRO

DIE GLOBALISIERUNG IST EINE STEILVORLAGE FÜR DIE PHILOSOPHIE

EIN GESPRÄCH ZWISCHEN CHRISTIAN ILLIES UND GERHARD STAMER

Illies: Wenn wir Philosophie machen, dann fühlt man sich oft angegriffen, man bewege sich im Club der toten Philosophen. Wie würdest du umgehen mit dem Verhältnis der alten Philosophie und alter Gedanken zu unserer heutigen Welt.

Stamer: Na ja, Philosophie war schon immer der Reflex auf die Gegenwart. D.h. Sokrates, die philosophische Figur, hat in Athen gelebt, hat auf dem Marktplatz philosophiert, und das ist der Anspruch der Philosophie nach wie vor. Philosophie, die nur Theorie macht und nicht das lebendige Gespräch darüber sucht, wie man mit dem Leben fertig wird, ist schon – mit Kant gesprochen – nicht mehr weltweise und hat damit etwas Philosophisches verloren.

Illies: Aber wenn wir sprechen, versuchen wir mit unserer Zeit zu sprechen. Aber wir sprechen ja auch mit all den Alten, wir sprechen mit Sokrates, wir sprechen mit Platon, mit Leibniz.

Stamer: Das ist ja auch gut so.

Illies: Und was ist das wichtigste, was wir aus diesem Gespräch mit dieser ganz langen Tradition mitnehmen können? Was bringt das für die Gegenwart?

Stamer: Es bringt das, was in der Gegenwart vergessen, was an den Rand gedrängt wird. In der Moderne gibt es drei bedeutende Disziplinen: Das ist die Naturwissenschaft, das ist die Technik und die Ökonomie. Alle drei haben nichts mehr mit der Frage zu tun, welchen Sinn diese Welt hat. Sondern es geht um die Machbarkeit der Menschen in der Welt.

Welchen Sinn hat die Welt? Welche Rolle spielt der Mensch überhaupt, der nicht nur ein winziges Wesen im Unendlichen ist, sondern der das Unendliche denkt, wie Pascal sagt – welch großartige Angelegenheit. Wenn man das vergisst, ist man ja gar kein Mensch mehr. Kurzum: Es ist schädlich, wenn die Tradition vergessen wird.

Illies: Dieser Gedanke, dass wir Teil eines viel größeren Zusammenhangs sind, ist ja in der Gegenwart neu und eindringlich spürbar. Mit der Globalisierung sind wir in vielerlei Weise in jedem Moment darauf verwiesen, nicht nur hier und jetzt an diesem kleinen Ort zu sein, sondern Teil eines großen Zusammenhangs. Was kann die Philosophie dazu beitragen, diese besondere historische Situation auf den Punkt oder den Begriff zu bringen?

Stamer: Diese Situation ist geradezu eine Steilvorlage für die Philosophie. Die Globalisierung ist ja eine Realisierung dessen, wovon die Philosophen immer gesprochen haben. Nämlich dass die Menschen nicht nur Wesen sind, die an einem Ort, an einer Stelle leben, sondern dass wir ‚Welt‘ haben. Dass wir ein Bewusstsein haben, das unendlich ist gegenüber unserer endlichen physischen Existenz. Nun entwickelt sich über die entfremdete Realität von Naturwissenschaft, Technik und Ökonomie das Universelle, von dem die Philosophen so lange geredet haben. Jetzt bildet es sich in der Form der Globalisierung heraus und bietet die Möglichkeit, dass die Menschen auf eine alltägliche Art und Weise spüren, miteinander verbunden zu sein, mit Asien, Afrika oder Amerika. Plötzlich gibt es das Allgemeine in meiner Hand, im Handy. Es gibt also die Möglichkeit des Umschlags und der Realisierung, dass das Geistige, Unendliche nicht mehr ein Entfremdetes ist, sondern dass es angeeignet werden kann.

Bis jetzt hat man den Philosophen nie geglaubt, weil wir immer nur phantasiert haben. Jetzt ist das nicht mehr nur in den Gedanken, sondern es ist real. Jeder weiß, er ist über das Netz verbunden mit diesem ganzen Erdball. Eine wahnsinnige Angelegenheit. Und das wird das Selbstbewusstsein verändern, das wird nicht mehr materialistisch zu verstehen sein. Das wird das Ende des Materialismus sein.

Illies: Das ist eine sehr positive Vision. Auf der anderen Seite könnte man in die Waagschale legen, dass die Globalisierung für viele mit sehr furchtbaren Aspekten einhergeht. Mit Not und Elend auf der ganzen Welt, mit Umweltzerstörung in großem Maßstab, mit Völkermord. Im Kleinen mit Entwurzelung, mit Orientierungslosigkeit. Ist das der Preis, der zu zahlen ist für eine Entwicklung, die letztlich etwas Positives bewirken könnte?

Stamer: Ich weiß natürlich nicht, wie sich die Geschichte entwickeln wird. Aber ich sehe die Möglichkeit einer positiven Entwicklung. Wenn ich meine Vorstellungen äußere, werde ich immer damit konfrontiert, dass das Gegenteil der Fall ist. Aber im Alltag hängen wir immer an den äußeren Erscheinungsformen. Was sich tiefergründig entwickelt, sehen wir nicht. Die Philosophie, die den Prozess als Entwicklung des Geistigen sieht – Kultur, Geschichte –, kann erkennen, dass über diesen Weg der Entfremdung – gepflastert mit fürchterlichen gesellschaftlichen Katastrophen – dass da etwas entstehen kann. Wie das dann konkret aussehen kann, das wüsste ich nicht zu beschreiben. Aber es wird sich vollziehen. Und wir kommen nicht drumherum, unsere geistige Existenz, die ja auch immer etwas Abstraktes an sich hat, anzuerkennen. Und es hat keinen Zweck, dass wir immer nur den Spruch von Heraklit sagen ‚Alles fließt‘ oder ‚Alles ist relativ‘ oder ‚Es gibt kein Bleibendes im Wandel‘. Sondern es muss begriffen werden, was Bleibendes im Wandel ist.

Illies: Ich finde es die wunderbare Kraft der Philosophie, unseren Zustand zu deuten und uns darin wieder sichtbar zu machen. Als geistige Wesen, die sich in diesem Prozess finden müssen. Lass uns mal an diesem Schlüsselbegriff der Entfremdung anknüpfen, den du hier eingeführt hast – als ein zentrales Motiv oder zentrales Phänomen der Moderne. Die Entfremdung ist seit Hegel – oder angedacht schon von Pascal und Descartes – der Preis für die moderne Existenz des Menschen. Deine These ist, dass diese Entfremdung in der Gegenwart noch einmal radikalisiert wird. Könntest du das nochmal deuten? Was passiert hier?

Stamer: Ich werde deine Frage etwas anders beantworten, aber ich werde beim Thema bleiben. Mit unserem Projekt INFINITUM MOBILE stellen wir zehn Themen ins Internet – als Blog. Es soll eine breite Diskussion im Internet darüber stattfinden, die ich dann jeweils in einem real stattfindenden Vortrag zusammenfasse. Also ein neues, umgekehrtes Verfahren: Bisher habe ich Vorträge gehalten, die danach ins Internet gestellt wurden.

Ich werde dabei u.a. auf drei maßgebliche Theoretiker der Moderne eingehen: Charles Darwin, Karl Marx und Albert Einstein, die großartige Theorien in die Welt gesetzt haben: Darwin die Evolutionstheorie, Marx seine Gesellschaftstheorie und Einstein die physikalische Grundtheorie.

In allen drei Theorien kommt der Mensch als Individuum nicht vor. In der Evolutionstheorie geht es um Arten, bei Marx geht es um Klassen und bei Einstein taucht der Mensch gegenüber der kosmischen Dimension sowieso nicht auf. Die Freiheit ist kein Thema. In der Biologie ist es der Zufall – eigentlich eine unwissenschaftliche Kategorie. Bei Marx haben wir eine Emanzipationstheorie der Menschheit ohne die Freiheit des Individuums als Voraussetzung. Wie soll man sich da eine gesellschaftliche Emanzipation vorstellen? Und von Freiheit ist in der Relativitätstheorie sowieso nicht die Rede. Auch das Geistige wird nicht thematisiert.

Was sagen nun diese weltbildenden Theorien für uns? Sie prägen Weltanschauungen, in denen wir selbst nicht zum Ausdruck kommen. Das ist doch fatal. In einer Gesellschaft, in der Technik und Naturwissenschaften eine derartige Entwicklung machen, brauchen wir eine Theorie, die ausdrückt, was menschlich ist und was der Mensch ist. Was ist Individualität, was ist Freiheit im Umgang mit dem Notwendigen? Was ist Geist, was bedeutet Erkenntnis? Erkenntnis ist eine intime Beziehung zur Welt. Die Welt ist erkennbar und wir können erkennen. Das ist eine Einheit, und die muss begriffen werden.

Illies: Und gerade das Begreifen der Einheit ist ja die alte Aufgabe der Philosophie, die damit im Verdacht steht, sich die Kompetenz über alles Mögliche anzueignen. Es ist aber eine Art Metakompetenz: der Blick auf die verschiedenen Bereiche, auf die verschiedenen Deutungen. Und dies dann zusammenzuführen in eine eigene Antwort auf die Wirklichkeit, in der wir sind.

Stamer: Ja, die Philosophie war immer die generalisierende Wissenschaft. Wenn sie das aufgibt, verliert sie sich selbst. Wir Menschen leben biologisch, physikalisch, geistig, sprachlich, kulturell, gesellschaftlich – wir stellen ja die Einheit dieser ganzen Bereiche über unser ganzes Leben hin dar. Und deshalb muss auch auf die Einheit reflektiert werden. Was ist dieses komplizierte Wesen, das so vielfältig ist in der Einheit? Das muss begriffen werden.

Illies: Und in gut dialektischer Weise ist diese Antwort gerade da notwendig, wo diese Einheit verloren zu gehen droht oder verloren ist. Wie Hegel sagt: Die Eule der Minerva fliegt bei einbrechender Dunkelheit, wenn also der Tag oder eine Epoche zu ihrem Ende gekommen ist. So ist es vielleicht die Chance einer Welt, in der die alten Gewissheiten zerbrechen und neue Antworten gesucht werden, wieder sich zu besinnen auf einen Blick des Ganzen.

Stamer: Ich kenne mich ja nicht so aus mit Vögeln. Du hast ja hier einige stehen, hier ist eine Ente und ein anderer …

Illies: Eine Elster.

Stamer: Ja gut. Aber es gibt doch sicher Vögel, die nicht erst zur Nacht aufbrechen, sondern schon früh am Tage. Die sind mir lieber.

Illies: Das ist schön. Wir sind ja auch als Philosophen schräge Vögel. Aber egal, ob man abends als Eule über das Land schaut oder morgens als frühe Lerche den Tag einsingt. Philosophie ist ja nicht nur eine Aufgabe des Erkennens und Verstehens, sondern eine Gestaltungsaufgabe. Sie hat den genuinen Auftrag, Wege zu antizipieren und zu denken; mit moralischer Phantasie, mit kreativem Einsatz. Nicht nur als Begleitung, sondern richtungsweisend.

Stamer: Das denke ich auch so. Aber, wie Kant richtig sagte, ist schon sehr viel gelöst, wenn die Frage richtig gestellt wird. Wenn die richtige Frage gestellt wird, dann weiß man zwar noch nicht, wie die Antwort sein wird, aber man muss Fragen stellen, auch wenn man die Antworten nicht weiß. Wenn ich der Auffassung bin, dass die Entfremdung dadurch aufgehoben wird, dass das lebendige Bewusstsein zum Thema wird, dann formuliere ich eine These, eine Frage. Ich will natürlich etwas dafür tun, dass noch mehr Menschen davon überzeugt werden. Was das genau bringt, kann ich im Einzelnen nicht sagen. Aber es ist notwendig, weil ein Paradigmenwechsel erfolgen muss, den ich schon erkenne, den aber vielleicht viele nicht sehen. Insofern gehört auch Mut zur Realität dazu, Mut zur Vorbereitung. Habermas hat von der Unübersichtlichkeit gesprochen. Gibt es nicht doch einen Gesichtspunkt, der herausführt aus der Unübersichtlichkeit und die Verhältnisse sichtbar macht? Und da scheint es mir so zu sein, dass unter allen Katastrophen es eine Entwicklung gibt, die das naturwissenschaftliche Paradigma einer materialistischen Objektivität zerstören wird. Es wird der Bann einer Technik gebrochen, die nicht moralisch ist, es wird der Bann einer Wissenschaft und Ökonomie gebrochen, in der der Mensch als menschliches Wesen nicht vorkommt.

Illies: Und das neue Paradigma würdest du grob skizzieren als eine Individualität in Freiheit und Würde?

Stamer: Ja, und dass der Mensch sich als denkendes Wesen begreift in einem Universum, das selbst als ein geistiges und nicht mehr nur als materielles begriffen wird.

Illies: Und der Weg dorthin? Ist das nur das philosophische Ringen um eine Neuorientierung? Ist das der einzige Weg oder ist das die beste Methode? In den vielen Visionen der Moderne, in welche Richtung sich der Mensch bewegt, wurden viele Vorschläge gemacht, wie ein neues, ein erweitertes, ein tieferes Selbstverständnis zu gewinnen sei. Über veränderte ökonomische Verhältnisse bei Hegel bis hin zu anderen Gesellschaftsordnungen oder einer neuen Weise des Betrachtens in der Phänomenologie, einer Weise des Einlassens auf Dinge bis hin zur Wiederentdeckung des Ästhetischen, des Spiels bei Schiller.

Würdest du es verbinden? Oder würdest du es offen lassen? Wie siehst du den Weg dorthin?

Stamer: Das ist erstens eine Aufgabe für Philosophen. Welche praktischen Maßnahmen können ergriffen werden? Das ist erst einmal Bildung, das ist auch Kultur. Wir müssen als Philosophen auch mit Performance beginnen. Nicht nur in unseren Sälen Vorträge halten, nicht nur Gespräche führen, nicht nur Bücher schreiben. Sondern das Geistige muss lebendig werden, in allen Formen. Ohne Angst vor der Technik, vor dem Internet usw., was uns ja noch in den Knochen steckt. Diese Lebendigkeit sehe ich als Voraussetzung.

Dies Wissen, was wir als Philosophen haben können, sehe ich als die eine Seite an. Das andere ist ja, dass dies nur das Bewusstsein einer gesellschaftlichen Entwicklung ist. Plötzlich werden vielen Menschen, vielen Wissenschaftlern, vielen Künstlern usw. die Scheuklappen fallen. Das wird nach meiner, sagen wir mal ‚objektiven‘ Einschätzung der Entwicklung der Gesellschaft irgendwann stattfinden. Und ich sehe solche Überlegungen, wie ich sie mir mache, eigentlich nur als Ausdruck dieser Entwicklung an.

Illies: Es wäre toll, wenn diese zehn Lektionen einen Impuls in diese Richtung setzen könnten.

GERHARD STAMER

„WIE SOKRATES AUF DEM MARKTPLATZ“

REDE ZUR ERÖFFNUNG VON INFINITUM MOBILE

Meine Damen und Herren, sehr geehrter Herr Bürgermeister Hermann, liebe Freunde,

ich möchte ein paar Worte dazu sagen, was wir mit diesem Projekt vorhaben. Zuerst war es nur ein inhaltliches Interesse: einfach zu einer Reihe von Themen im Zusammenhang sich äußern. Es sollten auch Vorträge sein, eine Vortragsreihe. Die zehn Themen ergaben sich ohne viel Überlegung. Sie standen plötzlich auf dem Papier. Dass es gerade zehn waren, mag Zufall gewesen sein. Die Inhalte waren kein Zufall. In den 21 Jahren, die REFLEX besteht, hatte sich viel angesammelt, was gereift, aber noch nicht richtig zu Wort gekommen war. Das war die Ausgangssituation. Eigentlich wollten wir ja nur philosophieren, zwar in der Öffentlichkeit, aber doch philosophieren. Das war in der langen Zeit von Reflex eingeübt. Aber nun mussten Anträge geschrieben werden. Ohne Förderung kann man keine Bildung betreiben.

Zum Glück kam Klaus Gürtler dazu, der sowas kann, Anträge schreiben. Und wir erhielten die Unterstützung der Stadt und der Region. Dafür möchten wir uns an dieser Stelle bedanken. Dass unsere eigene ‚Stiftung Philosophie zur Zeit‘ auch was dazu tun wollte, war klar. In einem dieser Gespräche mit den möglichen Förderern ereignete es sich, es war wirklich ein Ereignis, dass für die Förderung keine guten Aussichten bestanden, aber vielleicht wenn man es anders machte, wenn man mit der ganzen Sache ins Internet ginge. Mal was Neues machen, nicht mehr Vorträge, wie schon über 20 Jahre lang, in Räumen mit festen Wänden, höchstens einigen Fenstern als Ausblick. Es fiel gewissermaßen ein Groschen, jedenfalls bei mir: Man könnte doch Blogs schreiben und eine Diskussion im Internet anzetteln. Das würde dann nicht mehr in den vier Wänden bleiben. Dafür gab es schon Beispiele. Zwar hatte ich selbst an solchen Debatten in Internetforen noch nicht teilgenommen, aber es sollten ja manchmal Millionen sich auf diese Weise zu Wort melden. So viele müssten es ja nicht unbedingt sein, ein paar tausend würden schon reichen. Aber man weiß ja nie, welche Wellen so eine Sache schlägt. Damit war auch der Titel der ganzen Veranstaltung klar: INFINITUM MOBILE, grenzenlose Bewegung. Wir geben den Anstoß! Natürlich gehört ein bisschen Naivität dazu, irgendetwas schwungvoll und hoffnungsvoll zu beginnen, auch wenn man eigentlich weiss, dass die meisten Sachen nicht so gut ausgehen, wie man zuerst denkt.

Die zehn Themen hatten wir also, auch die werbewirksame Leitidee. Geld, wenn auch längst nicht so viel, wie wir für den ganzen Aufwand brauchen, kriegten wir auch zusammen.

Dann kam noch einmal die inhaltliche Darstellung aufs Tapet. Wir wollten schon provozieren, aber es sollte natürlich nicht überheblich, nicht besserwisserisch klingen. Wer kann sich schon zu zehn so verschiedenen Themen anspruchsvoll äußern?! Wer hat Einstein, Marx und Darwin – um nur die zu nennen – so drauf, dass er nicht nur irgendwas – irgendwelche Plattitüden – vorbringt?! was schon längst durchgekaut ist? Gut, abgehobene wissenschaftliche Standards sollten nicht erfüllt werden. Wir wollten nicht den Leuten im Elfenbeinturm einen Besuch abstatten! Wir wollten und wollen philosophieren mit vielen Menschen, so wie Sokrates auf dem Marktplatz. Heute fangen wir an! Dann wird sich zeigen, ob wir was zu sagen haben oder nicht. Wenn es gelingt, eine Debatte mit unseren Lektionen anzustiften, dann haben wir gezeigt, dass wir etwas Interessantes, vielleicht sogar Wesentliches zu sagen haben. Natürlich lehnt man sich dabei weit aus dem Fenster. Aber wenn man nicht den Mut hat, zu dem zu stehen – und zwar öffentlich –, wovon man überzeugt ist, dann kann man auf den Anspruch eines lebendigen Philosophierens sowieso verzichten und gleich einpacken. Philosophie ist in erster Linie solch aktuelles Philosophieren. Sokrates bleibt in Erinnerung.

Selbstverständlich kann man sich die Frage stellen, was denn diese zehn Themen, die wir aufgelegt haben, gemeinsam haben. Gibt es überhaupt ein Konzept für das Ganze? Das habe ich mich natürlich auch gefragt. Von Anfang an war es mir selbst nicht klar. Der erste Satz unserer kleinen Broschüre zu diesem Projekt heisst: „Die Verhältnisse sind im Umbruch.“ Und wir weisen auf die digitale Technologie hin, die in 25 Jahren eine neue Lebenswelt hervorgebracht hat. „…die Globalisierung der Kommunikation, der Finanzen und der Überwachung sind die spürbaren Konsequenzen.“

Während noch 1992 der amerikanische Politologe Francis Fukuyama das ‚Ende der Geschichte‘ in einem berühmten Buch mit diesem Titel verkündete, hat sich das Blatt inzwischen gewendet. Jedenfalls gibt es Anzeichen dafür. Der Soziologe Jeremy Rifkin spricht statt vom Ende der Geschichte vom Ende des Kapitalismus. Der Philosoph Thomas Nagel erörtert in seinem faszinierenden Buch ‚Kosmos und Geist‘ das Ende der materialistischen Naturwissenschaften. Der Mathematiker Roger Penrose – ein Freund von Stephen Hawking – kommt in seinem grundlegenden Werk ‚Das Große, das Kleine und der menschliche Geist‘ zu dem Fazit, „dass wir, um das Bewußtsein wissenschaftlich erklären zu können, auf eine neue Physik setzen müssen.“ In unserem heutigen physikalischen Weltbild, das auch Biologie und Chemie umfasse, sehe er einfach keinen Raum für bewusste Geistigkeit. Aber die gehört ja nun auch zur Realität.

Es ist also die Frage aufgeworfen: Was muss neu gedacht werden? Zu welchen Gedanken geben die rasant sich verändernden Verhältnisse Anlass?

Ich war wirklich überrascht, als ich vor ein paar Tagen bei Hannah Arendt in ihrem Buch ‚Vita activa‘ das klar ausgedrückt fand, was auch mich heute bewegt. Ich hatte noch eine Erinnerung daran, dass sie so etwas geschrieben hat, aber dass es so klar war, nicht mehr. ‚Vita activa‘ ist 1958 herausgekommen. Das ist kurze Zeit nachdem – wie sie schreibt – „das erste von Menschen verfertigte Ding in das Weltall flog“. Sie stellt dann Erwägungen darüber an, ob die Menschen der Erde müde seien, ob es sich bei dieser technischen Sensation schließlich um eine beginnende „Emanzipation des Menschen von der Erde“ handle. Das hört sich zunächst noch nach Science Fiction an, aber dem, was sie dann vorbringt, kann man den Realismus nicht absprechen. Hellhörig, als wenn sie das Ohr an die Geschichte anlegte, schreibt sie: „Die Welt als ein Gebilde von Menschenhand ist, im Unterschied zur tierischen Umwelt, der Natur nicht absolut verpflichtet, aber das Leben als solches geht in diese künstliche Welt nie ganz und gar ein, wie es auch nie ganz und gar in ihr aufgehen kann; als ein lebendiges Wesen bleibt der Mensch dem Reich des Lebendigen verhaftet, von dem er sich doch dauernd auf eine künstliche, von ihm selbst errichtete Welt hin entfernt.“

Hat Hannah Arendt hier den allgemeinen, großen Trend, der sich in der Menschheitsgeschichte vollzieht, ausgedrückt? Ist das, was wir gemeinhin als Entfremdung erfahren, die naturwissenschaftlich-technisch-ökonomische Welt, die wir selbst unablässig vorantreiben, der wir verfallen zu sein scheinen und die wie eine Lawine dann doch wie etwas Fremdes über uns hereinbricht, ist das unser Schicksal?

Unglaublich hellsichtig kommt sie dann gegen Ende ihres Buchs zu einer Deutung der Philosophie angesichts dieses historischen Trends, der heute viel drastischer zu konstatieren ist als in der Mitte des vorigen Jahrhunderts: Könnte es eines Tages eintreten, sagt sie, „dass wir die leidenschaftliche Vorliebe der Philosophen für das ‚Allgemeine‘ und Universal-Gültige als ein erstes Anzeichen – als hätten gerade sie etwas von der endgültigen Bestimmung des Menschen geahnt – dafür ansehen werden,“ dass die Menschen sich von ihrer Erdgebundenheit und Naturbasis entfernen und sogar trennen?

Läuft darauf die ganze Geschichte hinaus?

Wenn es sich so verhält, und es spricht ja eine Menge dafür, dann ist es wirklich angebracht, Fragen aufzuwerfen. Ein völlig neues Verhältnis zur Natur, die uns in einer Evolution seit Urzeiten hervorgebracht hat, ist plötzlich das Thema; nicht die Ausbeutung der Natur, das mag nur ein Vorstadium gewesen sein, sondern die Distanz zur Natur, die Trennung von der Naturbasis, auf der bislang unser Leben beruht.

Ich brauche nicht zu beschreiben, wie mit der Kommunikationstechnik das Lokale, örtlich und zeitlich Begrenzte überschritten wird, wie in der High-Tech-Me-dizin das Überwinden des bisher naturhaft Gewachsenen thematisiert und wohl auch schon geprobt wird bis hin zur Überwindung der personalen Grenzen und des Todes. Die Hirnforschung spielt mit den Möglichkeiten, die Erweiterung und den Ersatz des natürlichen „neuronalen Prozessors“ Gehirn durch künstliche Mikro- oder Nanoprozessoren zu betreiben. Alles Entwicklungen, von denen Hannah Arendt in der Mitte des 20. Jahrhunderts noch keine Ahnung hatte.

Was auch immer sich an Naturkatastrophen ereignen mag wie jetzt in Nepal oder an solchen Katastrophen, die sich die Menschen selbst zufügen, wie den Kriegen in Syrien und der Ukraine, oder den Massen an Asylsuchenden, dem Sterben im Mittelmeer: es vollzieht sich ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel, den wir mit dem Namen Globalisierung nur oberflächlich bezeichnen. Es handelt sich um einen Wandel, der unsere Lebenswelt komplett verändern wird. Wir befinden uns schon mitten drin und machen ihn gewohnheitsmäßig mit.

Das ist wirklich Anlass genug für eine breitangelegte und grundlegende und öffentliche Debatte, für eine philosophische Selbstbesinnung mit vielen Menschen. Dazu wollen wir mit unserm Projekt den Anstoß geben.

GERHARD STAMER

WARUM DARWINS EVOLUTIONSTHEORIE RICHTIG IST UND SIE DIE WELT DOCH NICHT ERKLÄREN KANN

Darwins Evolutionstheorie hat paradigmatische Bedeutung für die Moderne. Was Darwin auf die Entstehung der Arten bezog, die Evolution, gewann Anerkennung als grundlegendes Prinzip der Wissenschaften und als Weltbild in der breiten Öffentlichkeit. Unter evolutionären Gesichtspunkten ließen sich Natur, Gesellschaft und Kultur realistisch erschließen. Auch die Dynamik der technischen Entwicklungen in den beiden vergangenen Jahrhunderten fand in der Theorie der Evolution ihren angemessenen Ausdruck.

Evolution wurde zum Kernstück der Aufklärung. Aus der epochalen Negation der christlichen Schöpfungsgeschichte bezog sie ihre provokative Energie. Die Welt ist nicht in sechs Tagen geschaffen worden, sondern in einer schwer überschaubaren langen Zeitspanne. Und die Menschen sind Wesen der Natur wie alle anderen Lebewesen. Die Welt ist nicht die Schöpfung Gottes gewissermaßen aus einem Guss, sondern eine Reihe von Zufällen. Alle Entwicklung hat keinen Sinn, der dahinter steht, sondern ist Anpassung an äußere Umstände. Der Kampf ums Dasein wird die Alternative zur Moral. Nichts Geistiges wirkt in dem Zusammenhang. Den „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ macht Friedrich Engels zum Thema. Darwin gehört wie Engels und Nietzsche, der den Tod Gottes verkündet, zur selben Zeitströmung.

Der evolutionäre Naturalismus, wie ihn Darwin entwickelte, hat einen einfachen Mechanismus der Selektion, der sich unzählige Male vollzieht: Es bildet sich eine übergroße Population, wie sie Malthus als Gesetz beschrieben hat, dadurch kommt es wegen begrenzter Ressourcen unausweichlich zum „Kampf ums Dasein“ und zur „natürlichen Zuchtwahl“, was zur Veränderung der Erbanlagen in den Individuen führt, woraus die Fittesten als Sieger hervorgehen.

Unverkennbar ist die Abfolge ein mechanischer Prozess. Bis zu der Kuriosität der gegenwärtigen Kreationisten hat es seit ihrem Bestehen stets Kritik an der Evolutionstheorie Darwins gegeben. Aber die Kritik war nicht nur reaktionär. Sie wandte sich in ihren prägnantesten Formen nicht gegen die Theorie der Evolution selbst, sondern gegen deren reduktive materialistische Deutung unter den Erben Darwins.

Die gegenwärtige Diskussion der Evolutionstheorie kann an den Erkenntnissen der Autopoiesis von Maturana und Varela, der Selbstreferenzialität von Luhmann, der Selbstorganisation von Prigogine und Isabelle Stengers, der Synergetik Hermann Hakens und auch der Teleologie, wie sie Thomas Nagel in seinem neuesten Buch „Geist und Kosmos“ vertritt, nicht vorbeigehen; wobei frühere naturphilosophische Erkenntnisse wie die von Schelling oder Kant gar nicht herangezogen werden.

Grundsätzlich muss unter Einbeziehung dieser Theoreme Evolution unter vier Gesichtspunkten betrachtet werden:

Die Wechselwirkung jedes lebendigen Wesens mit seiner Umwelt, wozu die Faktoren gehören, die Darwin hervorhebt.

Die Selbstorganisation als Prinzip des Lebendigen.

Das Telos, das in der Entwicklung sich realisiert.

Die Evolution der Natur als ganzer, d.h. als komplexer, organischer Zusammenhang.

Natur und Evolution können nur unter Einbeziehung dieser vier Prinzipien begriffen werden. Die Evolutionstheorie, die nur die äußeren Einflüsse und Bedingungen berücksichtigt, ignoriert die Selbstorganisation, die das Lebendige ausmacht. Sie kommt nicht zum Begriff des Lebens. Es bleibt im Verständnis bei einem mechanischen Prozess. Die Exemplare der Arten reagieren dann in der Weise eines physikalischen Biologismus.

Lebendige Systeme wie Individuen besitzen eine bildende Kraft. Leben ist kreativ, bringt etwas hervor, sich selbst im Wachstum, andere Exemplare seiner Art durch Fortpflanzung. Das geschieht nicht automatisch, sondern durch spontane Fähigkeiten, die den lebendigen Wesen eigen sind. Das Verhältnis zur Umwelt regulieren Formen selbstorganisierter Wechselwirkung. Auch wenn z.B. der Keim einer Buche, aus dem sich normalerweise eine Buche entwickelt und kein anderer Baum, einen Sprung zu einer anderen Art aufgrund von veränderten Bedingungen machen sollte, es wäre eine kreative Leistung des Keims und kein physikalischer Vorgang wie bei einer Energieübertragung von einer rollenden Kugel auf einen ruhenden Gegenstand.

Aber weder Wechselwirkung noch Selbstorganisation können die Evolution des Lebendigen vollständig erklären. Evolution ist keine Ausbreitung auf einer Ebene, sondern besitzt ihren Sinn durch eine fortlaufende Entwicklung vom Einzeller bis zum Menschen. Kennzeichnend für diese ganze Entwicklung ist die zunehmende Differenzierung und Komplexität der sich bildenden Arten. Nach einer solch langen Reihe evolutionärer Schritte im Übergang von einer Art zur anderen, in welcher sich die kognitive Entwicklung als durchgehendes Prinzip erwiesen hat, d.h. millionenhaft bestätigt wurde, kann von Richtungslosigkeit nicht die Rede sein. Die sukzessive Herausbildung höher entwickelter kognitiver Arten ist nicht von der Hand zu weisen. Nur ein materialistischer Dogmatismus kann die Teleologie des gesamten Prozesses leugnen. Hilflos verschanzt er sich in Bezug auf die unzähligen wirklichen Entwicklungsschritte hinter dem Zufall. Aber Zufall ist nicht die objektive Vorgehensweise der Natur, sondern das unbeabsichtigte Zugeständnis der Erklärungslosigkeit von Wissenschaftlern, d.h. das Gegenteil von Wissenschaft.

Die Natur ist kein offenes System in dem Sinne, dass sie sich in alle möglichen Richtungen hin hätte entwickeln können. Unter der Voraussetzung hätte es gar keine Evolution der Arten in einem fortschreitenden Sinne gegeben. Der Begriff der Arten beinhaltet Vervollkommnung unter bestimmten Kriterien, nicht nur die Erhaltung und Ausbreitung des Status quo. Die kognitiv entwickelteren Arten sind durchaus nicht dadurch zu kennzeichnen, dass sie lebensfähiger sind. Es hätte bei Bakterien oder etwas später bei Ratten bleiben können. Aber es konnte nicht bei ihnen bleiben, weil deren Entwicklung auf diesem Planeten in der Entwicklung der ganzen Natur eingebettet ist. Es handelt sich um einen komplexen Prozess, in welchem sich die Veränderung von einem Faktor, einer Spezies, einem geologischen Vorgang, einem kosmischen Geschehen unmittelbar auf alle – zumindest sehr viele – Bereiche der Natur auswirkt. Keine Art entwickelt sich allein. Die Entwicklung der Arten ist kein linearer Vorgang, der nur im Kontext einer Spezies stattfindet. Die Natur ist ein organisches Gefüge, und entsprechend ist ihre dynamische Evolution.

Und um abschließend auf die Behauptung des Titels zurückzukommen: Eine Theorie der Evolution kann die Natur nur erklären, wenn sie alle genannten Prinzipien in ihre Erklärungen einbezieht. Bleibt sie bei der mechanistischen Deutung stehen, begreift sie weder Natur noch Leben – geschweige denn die Welt – und ist eine materialistische Ideologie, die nur so lange besteht wie das materialistische Paradigma in der Wissenschaft herrscht.

GEORG TOEPFER

Sehr geehrter Herr Stamer, ich habe schon einige Schwierigkeiten mit Ihrem Text. In ihm verbinden sich aus meiner Sicht viele richtige Punkte mit einigen problematischen, die wohl nur in längeren Diskussionen zu klären wären.

Auf die Schnelle nur so viel: Ich habe Schwierigkeit mit der Behauptung, die evolutionäre Abfolge, wie sie in der Theorie Darwins beschrieben ist, sei ein mechanischer Prozess. Was soll das genau heißen? Die Theorie bezieht sich ja auf Populationen von Entitäten, auf Wahrscheinlichkeiten, Reproduktionsfrequenzen, Anpassung, Fitness usw. Alles Konzepte, die nicht mechanisch im eigentlichen Sinne sind.

Manche Ihrer Beschreibungen sind für mein Verständnis suggestiv, ohne aber klar Stellung zu beziehen. Ich weiß nicht genau, was es heißen soll und inwiefern das der Synthetischen Theorie der Evolution widersprechen soll, wenn Sie schreiben: „Lebendige Systeme wie Individuen besitzen eine bildende Kraft. Leben ist kreativ, bringt etwas hervor, sich selbst im Wachstum, andere Exemplare seiner Art durch Fortpflanzung. Das geschieht nicht automatisch, sondern durch spontane Fähigkeiten, die den lebendigen Wesen eigen sind.“ So wie ich es verstehe, würde dem kein Biologe widersprechen, auch nicht ein Evolutonsbiologe.

Auch dass die Entwicklung „eine kreative Leistung des Keims“ sei, kann man sagen. Daraus folgt aber nicht unbedingt, dass dies „kein physikalischer Vorgang“ ist. Die Physik ist sicher nicht hinreichend, um diese Prozesse adäquat zu beschreiben. Das Ganze bleibt damit aber natürlich ein physischer Vorgang (wenn auch kein physikalischer – worin der genaue Unterschied liegt, müsste herausgearbeitet werden).

Zu fragen ist auch, was es heißen soll, eine Theorie solle die „Evolution des Lebendigen vollständig erklären“. Soviel wir wissen, schließt dieser Prozess Zufälle und Kontingenzen ein – so wie die menschliche Geschichte. Der Verlauf der Evolution und der Geschichte kann von keiner Theorie vollständig erklärt werden. Theorien können einen begrifflichen Rahmen entfalten und Argumentationsmuster bereitstellen, die im Einzelfall angewandt werden können – und das tut die Evolutionstheorie sehr erfolgreich. Es wäre im Einzelfall zu prüfen, welche Alternativtheorie in Frage kommt und inwiefern sie mehr erklären kann.

Sie gehen außerdem von einer „Teleologie des gesamten Prozesses“ aus. Ich halte es für einen Fortschritt, dass sich die meisten Biologen von dieser Vorstellung verabschiedet haben. Ein Fortschritt im Sinne einer Entwicklung zunehmender Komplexität ist ja auch nur in einigen Abstammungslinien zu beobachten. Die vielen einfach gebauten Lebewesen (besonders die Bakterien) existieren immer noch, und sie machen die überwältigende Mehrheit aus, in jeder Hinsicht. In einem quantitativ dominanten Bereich ist der Verlauf der Evolution keine Höherentwicklung, sondern eine Differenzierung auf einfachem Komplexitätsniveau.

Zu klären wäre außerdem natürlich, was Sie unter Teleologie verstehen wollen. Wie ich überhaupt bei einigen ihrer zentralen Konzepte (wie Kreativität, bildende Kraft, mechanischer Prozess, Leben) nicht weiß, was Sie genau damit meinen, und gegen was sie diese abgrenzen wollen.

Ich hoffe, ich nehme Ihnen mit meinen Bemerkungen nicht den Schwung für Ihr schönes Unternehmen. Ich wollte Ihnen einfach nur ein paar spontane Bedenken mitteilen, die mir bei der Lektüre Ihres Textes kamen.

Viele Grüße, Georg Toepfer

GERHARD STAMER

Sehr geehrter Herr Toepfer, Zustimmung ist mir natürlich lieber, aber Widerspruch ist einfach weiterführend. Insofern möchte ich mich bei Ihnen für Ihre spontane Antwort bedanken, auch dass Sie unser Projekt in lebenswissen.org aufgenommen haben.

Gerade komme ich von einem Lehrauftrag in Bamberg zurück – ich sitze noch im Zug – und habe den Eindruck, dass es sich bei unseren Differenzen um einen Wettstreit der Fakultäten handelt. Aber den wollen wir nicht führen, denn es geht ja in meinem Projekt – wie sagt man heute so schön? – um ein interdisziplinäres Anliegen, besser sogar, um eines, das Disziplinen transzendiert und Menschen miteinander in Verbindung bringt. Ich bin mir noch nicht sicher, ob es klappt, aber es ist jedenfalls einen Versuch wert.

Mein Seminarthema in Bamberg war nun zufällig die Teleologie, die Kant in dem zweiten Teil seiner Kritik der Urteilskraft behandelt. Und meine Überzeugungen sind ohne Frage nicht frei von dieser Lektüre, auch nicht von der Schellings, der ja für die Naturphilosophie prominent ist. Aber entscheidend ist natürlich nicht der Bezug auf eine Tradition, woraus man irgend eine Autorität für seine Gedanken gewinnen möchte. Ich wollte nur sagen, dass ich mich gerade damit befasst habe.

Ich möchte dann mit einem Satz beginnen, den Sie aus meinem Blog zitiert haben. „Lebendige Systeme wie Individuen besitzen eine bildende Kraft. Leben ist kreativ, bringt etwas hervor, sich selbst im Wachstum, andere Exemplare seiner Art durch Fortpflanzung. Das geschieht nicht automatisch, sondern durch spontane Fähigkeiten, die den lebendigen Wesen eigen sind.“ Und Sie fügen hinzu, dass dem auch kein Biologe widersprechen würde. Wenn das so ist, dann ist dieser Satz ein guter Ausgangspunkt, um ein konstruktives Gespräch einzuleiten. Die Differenz liegt dann im Verständnis des Satzes, besonders was unter „bildender Kraft“ zu verstehen ist. „Bildende Kraft“ im Innern der lebendigen Wesen wäre das, was den „Wahrscheinlichkeiten, Reproduktionsfrequenzen, Anpassung, Fitness usw.“, die Sie zitieren, zugrunde liegt. Es ist ja nicht nur etwas, was mit den Naturwesen in der Realität geschieht, sondern sie sind es selbst, die dazu fähig sind, wahrscheinliche, nicht zuvor exakt berechenbare Entwicklungen zu vollziehen, sich zu reproduzieren, sich anzupassen und auch sich fit zu machen. Dazu ist ein inneres Vermögen nötig, das die Lebewesen durch sich selbst haben und das nicht von außen kommt, so viele Faktoren auch von außen hinzukommen mögen, die zu einer günstigen oder ungünstigen Entwicklung beitragen.

Eine empirische Wissenschaft, die nur gelten lässt, was in Experimenten verifizierbar ist, kann für eine innere Kraft keinen Nachweis erbringen und kann einer solchen daher auch keine Existenz zusprechen. Zumeist wird so etwas wie die „bildende Kraft“ auch gleich in die Theologie verwiesen. Aber wie zur Erfahrung nicht nur Gegenstände gehören, die erfahren werden, sondern auch ein Erkenntnisvermögen, das fähig ist, Erfahrungen zu machen, so ist auch hier anzunehmen, dass die Individuen eine Fähigkeit besitzen, um sich in der Welt, die sie umgibt, zu realisieren. Nur wenn eine solche Kraft – man kann auch von Fähigkeit sprechen – angenommen wird, kann sinnvoll von Kreativität des Lebendigen gesprochen werden. Wenn diese innere Fähigkeit nicht angenommen wird, kann man meines Erachtens von Lebendigkeit überhaupt nicht sprechen. Leben ist kreativ und das setzt eine innere Kompetenz voraus, auf äußere Faktoren nicht nur zu reagieren, sondern sie verarbeiten zu können. Es sind innere Kräfte, aus denen heraus Lebewesen sich reproduzieren, im Wachstum und auch in der Fortpflanzung. Ohne eine innere Kraft anzunehmen, ist jeder Prozess mechanisch, d.h. wird als biologischer doch verstanden wie ein physikalischer.

Ich möchte zum nächsten Punkt übergehen, der mit dem bisher von mir Ausgeführten in enger Verbindung steht. Dass die Entwicklung eine kreative Leistung des Keims ist, dem stimmen Sie zu. Aber Sie meinen, daraus folge nicht unbedingt, dass dies kein physikalischer Vorgang sei, wie ich geschrieben hatte. Einschränkend fügen Sie hinzu, dass die Physik nicht hinreichend sei, um diese Prozesse adäquat zu beschreiben, dennoch aber bleibe das Ganze ein physischer Prozess. Ich nehme an, dass Sie davon ausgehen, wenn ich Sie richtig verstehe, dass die biologischen Prozesse nicht ausreichend beschrieben werden können durch die Physik, aber dass die biologische Beschreibung doch im Rahmen des Physischen bleibt. Also Sie konzedieren den Unterschied zwischen einer biologischen und einer physikalischen Beschreibung. Den aber tilgen Sie noch meiner Ansicht, wenn Sie das Prinzip der Kreativität des Lebendigen, die auf Selbstorganisation beruht, nicht gelten lassen. Es bleibt – wie Sie schreiben – ein physisches Phänomen, das seine Existenz in Raum und Zeit hat, was auch nicht bestritten werden soll. Aber was sich da in Raum und Zeit zuträgt, ist nicht zu verstehen ohne die Annahme eines eigenen inneren Vermögens der Lebewesen, einer eigenen Realisierungsfähigkeit der einzelnen Lebewesen. Mohrrüben können nicht, so gern es vielleicht manch ein Bauer auch wollte, mit den Händen von außen groß gezogen werden; dass sie groß werden, liegt an ihrer Fähigkeit und den Bedingungen der Sonne, des Wassers und einer Reihe anderer Faktoren, die sich zumeist in der Erde befinden und die von den Mohrrüben verarbeitet werden im Dienste ihres Wachstums.

Der dritte Punkt, den Sie ansprechen, bezieht sich auf meine Ausführung, dass eine Theorie die „Evolution des Lebendigen vollständig erklären“ solle. Sie haben natürlich vollkommen recht, dass der „Verlauf der Evolution und der Geschichte“ „von keiner Theorie vollständig erklärt werden“ kann. Das heisst aber nicht, dass der Verlauf nicht in Rechnung gestellt werden muss. Keine Entwicklung einer Spezies vollzieht sich allein, sondern ist in einen prozessualen Zusammenhang der gesamten Natur eingebettet. Die Entwicklung einer Spezies für sich gibt prinzipiell eine Beschreibung, die unrealistisch ist. Alle animalischen Lebewesen befinden sich z.B. in einer Nahrungskette und insgesamt in einer Biosphäre. Der begriffliche Rahmen, den Sie ansprechen, müsste erweitert werden, so dass die Bedingungen der Umwelt der einzelnen Lebewesen mit erfasst werden. Die Evolution vom Einzeller bis zum Menschen ist sicherlich als eine Entwicklung der Natur insgesamt anzusehen. Weil das empirisch nicht fassbar ist, ist es darum noch nicht wissenschaftlich falsifiziert.