Iron Curtain Trail - Marianne Winter - E-Book

Iron Curtain Trail E-Book

Marianne Winter

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Beschreibung

Wie schaffen es die beiden Endfünfziger Marianne Winter und Peter Wacker, mit dem Fahrrad 9000 Kilometer durch Europa zu radeln? Immer entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs. In ihrem Buch "Iron Curtain Trail" erzählen sie nicht nur von den Vorbereitungen zur Reise sondern auch von den Erlebnissen unterwegs. In viereinhalb Monaten führte sie die Route vom Norden Europas, von der Barentssee, bis ans Schwarze Meer. Viele Erinnerungen an die überwundene Teilung und siebzehn bereiste Länder hinterließen mannigfaltige Eindrücke. Im zweiten Teil des Buches geben die beiden Radfahrer Tipps und Informationen sowohl zum Radweg Eiserner Vorhang als auch zu Radreisen allgemein.

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Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Iron Curtain Trail

9000 Kilometer

17 Länder

mit dem Fahrrad

© 2016 Marianne Winter, Peter Wacker

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN Paperback: 978-3-7345-2031-0

ISBN Hardcover: 978-3-7345-2032-7

ISBN e-Book: 978-3-7345-2033-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autoren unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

„ Von Stettin an der Ostsee bis Triest an der Adria hat sich ein Eiserner Vorhang über den Kontinent gesenkt. “

Winston Churchill (5. März 1946)

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Über dieses Buch

Erster Teil

Wie alles begann (oder wie kommt man bloß auf so eine Idee?)

Mitternachtssonne

On the road

Lappland

Karelien

Überraschungen

Kleine Mogeleien

Regen, Regen, Regen

Gedanken zum ersten Teilstück auf dem Iron Curtain Trail

Stürmischer Empfang

Die Finnland-Etappe ist geschafft!

Wir haben rüber gemacht

Sankt Petersburg

Dürfen wir vorstellen?

Estland!

Na, wie habe ich das gemacht?

Lettland

Wasser

Russland zum zweiten

Kalinka, Kalinka, Kalinka moja

Polen? - Warum nicht!

Ende

Auf ein Neues!

Adieu Ostsee

Grenzerfahrungen

Von Sorge, Elend und anderen Brocken

Wer kam bloß auf die Idee

Wir haben uns getrennt!

Auf und nieder - immer wieder

Höhepunkte und Schiebereien

Slowakei im Schnelldurchgang

Ungarn - Puszta, Wein und Paprika?

Welcher Tag ist heute?

Länderhopping

Serbien erstaunt uns

Donauwalzer oder so

Welcome to Bulgaria!

Drum bun! Have a nice trip!

Schwarzes Meer - wir kommen!

Die Rückreise – oder wie kommt man mit dem Zug wieder nach Hause?

9000 Kilometer durch Europa - ein Fazit

Zweiter Teil

Die Route

Streckeninfos und Statistiken

Interview mit Michael Cramer

Ausrüstung und praktische Tipps

Interessante Webseiten

Vorwort

Über dieses Buch

Der Eiserne Vorhang. Fast ein halbes Jahrhundert lang war er zu den Zeiten des kalten Krieges die teils waffenstrotzende Grenze zwischen den Bündnisblöcken NATO und Warschauer Pakt. Er bildete die sicht- und spürbare Systemkonfrontation zwischen Ost und West, die Spaltung zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Nicht nur Berlin und Deutschland, ganz Europa war geteilt - von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer. Mit dem Eurovelo 13, dem Iron Curtain Trail, entsteht entlang dieser ehemaligen Grenze ein Radweg, der nicht nur an die jüngste Vergangenheit erinnert sondern auch europäische Geschichte, Politik, Natur und Kultur erlebbar werden lässt.

Der Iron Curtain Trail. Als wir im Jahr 2010 bei der Zeitungslektüre über diesen Radweg „stolperten“, ließ uns die Idee nicht mehr los, diese geschichtsträchtige Route irgendwann einmal selber zu radeln. Im Internet fanden sich damals keine Berichte darüber, dass jemand diese Reise von Kirkenes bis zum Schwarzen Meer komplett durchgeführt hätte. Deshalb wollten wir unsere Erfahrungen von der Idee bis zur Realisierung zunächst in unserem Blog festhalten. Im Sommer 2012 fuhren wir die erste Etappe bis nach Kesälahti. Von dort aus sind wir im Sommer 2013 zur zweiten Etappe gestartet, die uns bis nach Kolberg in Polen führte. Dies war dann der Startpunkt im Jahr 2014. In jenem Jahr radelten wir dann bis ans Schwarze Meer.

In insgesamt viereinhalb Monaten fuhren wir so ohne Begleitfahrzeug mit reiner Muskelkraft 9000 Kilometer durch ganz Europa. Dabei kamen wir durch 17 Länder. Natürlich gab es anfangs Bedenken, ob dieses Projekt nicht eine Nummer zu groß sein könnte. Aber im Nachhinein können wir nur jeden dazu ermutigen, sich selber auf das Fahrrad zu schwingen und eine Reise zu unternehmen – es müssen ja nicht gleich tausende von Kilometern sein. Weil wir immer wieder Fragen zu unserer Reise erhalten haben wir uns dazu entschlossen, im vorliegenden Buch über unsere Erlebnisse und Erfahrungen zu berichten. Im ersten Teil beschreiben wir die Reise selbst, im zweiten Teil finden sich praktische Informationen, Wissenswertes und Tipps zu Ausrüstung und Strecke.

Am Ziel!

Erster Teil

Wie alles begann (oder wie kommt man bloß auf so eine Idee?)

„Ich hab’s!“ rief Peter und schwenkte eine Zeitschrift. „Wir fahren den Iron Curtain Trail!“ sagte er und schaute mich begeistert an. In der Badewanne hatte er in einem Magazin der Stiftung Warentest geblättert und war auf einen Artikel über den längsten Radweg Europas gestoßen. Das fand er klasse und war sofort Feuer und Flamme. Bei mir hingegen hielt sich die Begeisterung zunächst sehr in Grenzen, denn unsere Radreiseerfahrungen lagen damals gerade mal bei einer zweiwöchigen Tour entlang des Rheins! Wir waren im Sommer von Konstanz aus auf dem Rhein-Radweg an die Mündung in Hoek van Holland geradelt. Dabei hatten wir in Pensionen und Hotels übernachtet, ich war sogar mit dem Pedelec unterwegs. Und nun sollten wir den Eisernen Vorhang ab radeln? 7000 Kilometer? Wir sind doch nicht mehr die Jüngsten! Unmöglich…

Doch irgendwie hat er es geschafft, langsam wurde auch ich infiziert und ließ mich von Peters Begeisterung anstecken. Bald begann ich, in die Planung mit einzusteigen. Im Internet fanden wir keine Berichte von Radreisenden, die diese Route bereits komplett bereist hätten. Überhaupt gab es wenig Informationen über diesen Trail – und das war noch mehr Ansporn für uns, den Iron Curtain Trail zu radeln und auch darüber zu berichten. Deshalb schrieben wir schon von Anfang an in unserem Blog, den wir später in www.radweltreisen.de umbenannten, über unsere Erlebnisse.

Aber damals, im Jahr 2011, steckten wir noch in der Planungsphase. Als Erstes kauften wir eine Karte von Finnland, denn die erste Etappe sollte ja in Kirkenes starten und dann hauptsächlich durch dieses skandinavische Land führen. Außerdem mussten Radreiseführer her, da empfehlen sich die Bikelineführer, die den ganzen Weg in drei Bänden beschreiben. Weitere Informationen suchten wir im Internet, unter anderem auch beim „Erfinder“ dieses Radwegs, bei dem Europaabgeordneten Michael Cramer. Ihn haben wir im Oktober 2011 auch angemailt, weil wir im Netz unterschiedliche Angaben über die tatsächliche Länge der Route gefunden hatten. Die Antwort kam prompt:

Hallo,

wir haben vor kurzem die Gesamtstrecke des ICT noch mal neu berechnen lassen und sind auf eine Länge von ca. 9000 km gekommen.

Viel Erfolg!

Mit freundlichen Grüßen / Mes meilleures salutations Parliamentary Assistant to Michael Cramer, MEP

Im Dezember 2011 kamen wir unserer Reise einen weiteren Schritt näher, wir buchten die Flüge. In knapp 10 Stunden würde uns die SAS im kommenden Sommer von Stuttgart über Kopenhagen und Oslo nach Kirkenes bringen. Leider konnten wir keine feste Zusicherung für den Transport unserer Fahrräder bekommen, nur die beiden letzten Teilstücke (Kopenhagen - Oslo und Oslo - Kirkenes) wurden bestätigt, für das erste Teilstück (Stuttgart - Kopenhagen) gab es nur eine Stand-by-Reservierung. Dies gehe nicht anders bei so kleinen Maschinen, sagte uns die Dame von SAS. Blieb nur zu hoffen, dass am Reisetag wirklich noch Platz für unsere Fahrräder sein würde, denn sonst müsste man sie mit einer späteren Maschine nachschicken…

Inzwischen war auch klar, dass ich ein Reiserad bräuchte, denn mit einem Pedelec kommt man auf so einer Reise nicht weit, in der Einsamkeit Lapplands sowieso nicht, denn dort gibt es einfach zu wenig Steckdosen auf der Strecke! Deshalb habe ich mich Anfang des Jahres 2012 versucht schlau zu machen, habe mich durchs Internet gewühlt, mir Berichte in Fachzeitschriften und Foren durchgelesen und dieses und jenes Modell in Radgeschäften angeschaut. Bald hatte sich dann die Auswahl auf das Papalagi Trekking Rohloff von MTB Cycletech oder ein Rad aus der Velotraum-Schmiede fokussiert. Da Peter ein Velotraumrad in meiner Größe fährt, konnte ich damit des öfteren Probefahrten unternehmen. Mein Radhändler hatte ein Papalagi in meiner Größe vorrätig, aber in der falschen Farbe und vor allem nicht mit der obligatorischen Rohloff-Nabe. Zweimal konnte ich auch dieses Rad ausprobieren - es hat mir sehr gut gefallen, denn es ist ein sehr agiles, wendiges Rad mit einem filigran wirkenden Stahlrahmen.

Ich war mir natürlich bewusst, dass auch ein Papalagi deutlich schwerer ist als dieses Vorführrad, wenn es mit Straßenausstattung, Lichtanlage und Rohloffschaltung bestückt ist. Aber es hat großen Spaß gemacht, mit diesem Leichtgewicht zu fahren! Ich war schon nahe daran, dieses Rad zu bestellen, aber letztlich gab es ein paar Gründe, es doch nicht zu tun: der Rahmen passte nicht zu 100% (und sollte mit Vorbau etc. „passend“ gemacht werden) und die gewünschte Farbe sollte es auch nicht geben (als Frameset nur in grün mit schwarzer Gabel). Man hätte mir ein fertig konfiguriertes Rad (in meiner Wunschfarbe) bestellen können, um es dann nach meinen Wünschen umzubauen - aber dafür wäre die Lieferzeit sehr lange gewesen.

Deshalb sind wir zu Velotraum nach Weil der Stadt gefahren - ist ja quasi fast in der Nachbarschaft. Mr. Velotraum höchst persönlich hat uns beraten. Und ich muss sagen, es war die beste Beratung, die ich seit Beginn meiner Fahrradsuche erlebt habe! Ganz toll war es, dass wichtige Komponenten wie Sattel und Lenker direkt an der Messmaschine ausprobiert werden konnten. Dass dann auch noch die Rahmenfarbe aus allen RAL-Farben ausgewählt werden kann, ist das i-Tüpfelchen. Kurz entschlossen habe ich sofort „mein“ Velotraumrad bestellt und würde nun in ein paar Wochen ein absolut individuelles, speziell auf mich zugeschnittenes Reiserad in Empfang nehmen können. Danke Stefan Stiener für die tolle Beratung!

Nach gerade mal vier Wochen bekam ich Ende April die Nachricht, dass mein Fahrrad fertig sei - ich hatte eher mit Mitte Mai gerechnet! Die Freude war natürlich groß und in der gleichen Woche holten wir mein neues Reiserad in Weil der Stadt ab. Exakt auf meine Maße eingestellt stand es in den Verkaufsräumen von Velotraum – mein Traumvelo! Den Lowrider ließ ich vorher abmontieren, den brauche ich momentan noch nicht. Danach führte uns die Jungfernfahrt gleich vom Werk bis nach Hause (sind ja nur 25 km) - und ich muss sagen, der erste Eindruck ist erstklassig. Trotz der 16,7 kg lässt sich das Rad wunderbar leicht fahren, es ist sehr agil.

Das neue Reiserad ist abholbereit

In der Zwischenzeit haben wir einige kleinere Touren mit unseren Veloträumen absolviert und unsere übrige Ausrüstung vervollständigt – eine genaue Packliste und Details zu den Fahrrädern gibt es am Ende dieses Buchs mit weiteren praktischen Tipps. Von meinem neuen Reiserad bin ich absolut begeistert!

Der Start zur Reise kann kommen!

Mitternachtssonne

29.06.2012 bis 30.06.2012

Kirkenes

Auf dem Iron Curtain Trail

27 km

Strahlend blauer Himmel und Sonnenschein empfangen uns, als wir gegen 21 Uhr in Kirkenes landen. Damit hatten wir gar nicht gerechnet, denn bei unseren Zwischenstopps in Kopenhagen und Oslo hatte es heftig geregnet. Unser Flugzeug war in Stuttgart wegen Turbulenzen und Gewittern im Raum Kopenhagen erst mit Verspätung gestartet. Und im Flugzeug nach Oslo gab es eine Außenkamera, so dass wir ganz gut sehen konnten, wie trostlos es auch hier aussah. Doch wir hatten keine Zeit, über das schlechte Wetter nachzudenken, denn in der norwegischen Hauptstadt warteten einige Überraschungen auf uns.

Wir mussten unser gesamtes Gepäck samt den Fahrrädern im Erdgeschoss holen, um im ersten Stock erneut einzuchecken. Leider fehlten informative Hinweise am Flughafen, am Infodesk konnte man uns auch keine genauen Angaben machen. So dauerte es einige Zeit, bis wir mit Hilfe eines Bediensteten der SAS unsere Fahrräder in einem recht versteckt gelegenen Teil des internationalen Bereichs entgegen nehmen und in der oberen Etage beim Schalter für Sperrgepäck neu einchecken konnten. Im Flugzeug nach Kirkenes wird uns dann manches klarer. Bis nach Oslo waren wir auf einer internationalen Flugroute, jetzt machen wir ja nur noch einen Inlandsflug innerhalb Norwegens. Deshalb mussten wir in Oslo nach Norwegen einreisen, unser gesamtes Gepäck in Empfang nehmen und für den nationalen Weiterflug neu einchecken. Aber wenigstens ist dieser Flug okay und sogar das Wetter meint es gut mit uns. Je weiter wir nach Norden kommen um so sonniger wird es. Es hebt doch gleich die Laune, wenn man mit Sonnenschein empfangen wird!

Mitternachtssonne am Flughafen Kirkenes

Natürlich wissen wir, dass nördlich des Polarkreises zu dieser Jahreszeit die Mitternachtssonne zu sehen ist, aber dennoch sind wir erstaunt, dass die Sonne hier überhaupt nicht unter geht. Am Flughafen Kirkenes geht es gemächlich zu, Hektik scheint ein Fremdwort zu sein. Fast alle anderen Fluggäste haben das Flughafengebäude bereits verlassen, als wir endlich unsere Fahrräder bekommen. Sie haben die Flüge relativ gut überstanden, aber ein paar kleine Macken entdecken wir dann doch. Es dauert etwas, bis wir die Räder ausgepackt und unsere Taschen montiert haben. Vermutlich war unser Flugzeug das letzte am heutigen Tag, denn außer uns ist jetzt niemand mehr hier zu sehen, wir sind alleine. Aber das macht uns nichts aus, wir sind ja schließlich mobil. Ein Glücksgefühl kommt auf, als wir kurze Zeit später auf nahezu autofreien Straßen in Richtung Kirkenes radeln!

Bereits von zu Hause aus hatten wir auf dem örtlichen Campingplatz Maggadalen eine Hütte für zwei Nächte reserviert. Wir wussten ja, dass wir erst abends eintreffen würden und wollten deshalb kein Wetterrisiko eingehen. Der Campingplatz liegt ungefähr auf halber Strecke zwischen dem Flughafen und der Stadt. Anfangs empfinden wir das radeln mit den Gepäcktaschen noch als recht ungewohnt, irgendwie instabil und schwankend, als ob wir einen kleinen Schwips hätten. Vermutlich ist etwas zu wenig Luft in den Fahrradreifen, weil wir für den Flug den Reifendruck verringert hatten. Aber es sind ja nur wenige Kilometer, die wir heute zurücklegen müssen. Der Campingplatz liegt direkt an der Straße und ist daher leicht zu finden, doch es erwartet uns eine Enttäuschung. Die Rezeption ist nicht besetzt, wir stehen vor verschlossenen Türen. Auf einem Zettel steht zwar eine Telefonnummer, die man in so einem Fall anrufen soll, aber unsere Handys haben keinen Empfang. Das kann fängt ja schon mal gut an! Ein freundlicher Norweger hat uns in unserer Ratlosigkeit offensichtlich beobachtet und bietet uns nun seine Hilfe an. Er ruft beim Besitzer des Platzes an und wir erfahren, dass der Schlüssel für unsere Hütte Nr. 10 im Briefkasten deponiert sei. So können wir kurze Zeit später unser Heim für zwei Nächte beziehen. Alles was wir brauchen ist vorhanden, wir fühlen uns sofort zu Hause. In der beheizten Gemeinschaftsküche kochen wir uns sogar noch ein rasches Abendessen: Nudeln mit einer Tomaten-Mozzarella-Sauce.

Hütte am Campingplatz Maggadalen

Am nächsten Morgen lacht die Sonne noch immer, als wir zu einem Ausflug nach Kirkenes starten. Wir wollen dort all die Dinge einkaufen, die wir nicht von zu Hause mitgebracht hatten und können unser Gepäck deshalb in der Hütte lassen. Kirkenes ist ein kleines Städtchen nahe der russischen Grenze, die Verkehrsschilder sind sogar zweisprachig. Die Mitternachtssonne scheint hier vom 15. Mai bis 28. Juli, dagegen dauert die Polarnacht vom 27. November bis zum 16. Januar. Die stellen wir uns dann weniger gemütlich vor, auch wenn man dann hin und wieder Polarlichter sehen kann. In der kleinen Stadt staunen wir nicht schlecht, als wir gleich drei Supermärkte und ein kleines Einkaufszentrum entdecken. Der Grund für diese „Marktfülle“ ist schnell klar: Einkaufstouristen aus dem nahen Murmansk! Die norwegischen Geschäftsleute haben sich darauf eingestellt und bieten alles an, was hier im hohen Norden so gebraucht wird. Der Renner sollen Babywindeln sein, die von hier aus massenweise nach Russland transportiert werden. Auch wir finden alles nötige, allerdings sind manche Lebensmittel wie z.B. frisches Gemüse ziemlich teuer.

Im nahe gelegenen Hafen läuft soeben ein Postschiff der legendären Hurtigruten ein. Die Passagiere beobachten das Anlegemanöver von der Reling aus, bald werden neue Gäste zusteigen. Kurze Zeit später wird Kirkenes von den Schiffsreisenden geentert, einige von ihnen knattern in einem Pulk auf Quads an uns vorbei, andere flanieren durch die Straßen und schwärmen in die Geschäfte aus. Spätestens jetzt sind wir froh, als Individualreisende mit unseren Fahrrädern unterwegs zu sein. Dabei reisen auf so einem Postschiff lange nicht so viele Touristen wie auf einem der großen Kreuzfahrtschiffe. Wie es dann wohl zugeht, wenn einer dieser riesigen Kähne hier anlegt?

Das stellen wir uns jetzt lieber nicht vor, wir fahren die sieben Kilometer zurück zum Campingplatz, wo wir uns eine Brotzeit gönnen und danach noch die nähere Umgebung erkunden. Leider hat sich die Sonne bereits am Vormittag schon wieder verabschiedet, es ist jetzt grau und windig, aber wenigstens regnet es nicht. Zwei Schweden gesellen sich zu uns, als wir später in der warmen Küche des Campingplatzes sitzen. Sie sind mit ihren Motorrädern durch Russland gefahren und wollen nun an der norwegischen Küste entlang wieder nach Hause fahren. „Und ihr wollt die ganze Strecke mit den Fahrrädern fahren?“ staunen sie ungläubig.

Unser „offizieller“ Startpunkt in Kirkenes

Was wir wohl auf unserer Reise, die ja erst morgen so richtig losgeht, alles erleben werden? Vermutlich werden wir hin und wieder den Komfort so einer Hütte vermissen. Aber andererseits ist es auch ein Luxus, sein Zelt fast überall aufstellen und dadurch die Freiheit so richtig genießen zu können. Denn hier in Skandinavien gilt das Jedermannsrecht, das dies ausdrücklich gestattet.

On the road.…

01.07.2012 bis 02.07.2012

Kirkenes - Neiden - Näätämö - Sevettijärvi - Inarisee

Auf dem Iron Curtain Trail

165 km

Es ist Sonntag, als für uns der Ernst des Reiseradlerdaseins beginnt. Nach dem Frühstück verlassen wir unsere gemütliche Hütte und radeln zunächst gen Westen, später dann nach Süden, immer am Neidenfjord entlang. Leider ist uns Petrus nicht hold - in der Nacht hatte es geregnet, es ist inzwischen recht frisch und windig, aber wenigstens bleibt es jetzt tagsüber trocken. Man sollte meinen, eine Radstrecke immer am Meer entlang müsste flach sein – aber das stimmt hier in Nordnorwegen nicht. Immer wieder fordern Hügel und Wind unsere Kräfte heraus. Doch trotz dieser Mühen gefällt es uns sehr gut hier. Die Straßen sind gut und kaum befahren, die wenigen Autofahrer begegnen uns rücksichtsvoll. Das Land ist karg und rau, niedrige Bäume und Büsche ducken sich zwischen den Felsen vor dem ständigen Wind. Moose und Flechten suchen Halt auf dem Gestein. Im Winter ist das Leben hier oben sicher nicht ganz einfach!

Gegen Mittag erreichen wir die ersten Häuser von Neiden, dem letzten Ort vor der finnischen Grenze. Eigentlich wollten wir hier irgendwo essen gehen, aber die Bar im hiesigen Hotel sagt uns nicht zu. Wir könnten es noch im eigentlichen Ortszentrum versuchen, aber dafür müssten wir einen Umweg von ein paar Kilometern in Kauf nehmen, denn wir verlassen die E 6 vor dem Hauptort, um nach Finnland zu gelangen. An der Abzweigung zur Grenze treffen wir auf den Neidenelva, einen Fluss, der sich hier über einige Stufen wild tosend in Richtung Meer stürzt. Wildwasserkanuten hätten ihre wahre Freude an diesem Gewässer! Der Fluss ist als ausgezeichnetes Lachsgewässer bekannt, wir sehen auch einige Angler am Ufer stehen.

Finnland in Sicht

Für uns steht nun eine längere Steigung an. Seit wir das Meer verlassen haben, hat zum Glück auch der Wind nachgelassen, so dass wir relativ gemütlich hoch radeln können. Ein wunderschöner Rastplatz mit einer nagelneuen Blockhütte als Wetterschutz lädt uns ein, hier eine Pause zu machen. Eigentlich ein idealer Ort, um unsere Campingausrüstung zu testen, denken wir und wollen uns eine wärmende Suppe kochen – doch als wir den Spiritus für unseren Kocher auspacken müssen wir feststellen, dass wir stattdessen Petroleum in Kirkenes gekauft hatten! So kann es gehen, wenn man die Landessprache nicht kennt. Schade, eine warme Suppe wäre bei diesen Temperaturen klasse gewesen. So gibt es halt nur einen kleinen Imbiss.

Bald erreichen wir die Grenze. Hoch oben an ihren Fahnenmasten wehen die Flaggen von Norwegen und Finnland einträchtig nebeneinander. Mehrere Schilder informieren uns, dass wir nun die Reichsgrenze erreicht haben, dass hier Finnland, Lappland und die Provinz Inari beginnen und dass Tagfahrlicht an Autos vorgeschrieben sei. Grenzbeamte gibt es hier nicht, niemand hält uns auf. Die Landschaft hat sich inzwischen merklich verändert. Wir radeln jetzt durch endlose Wälder mit niedrigen Birken und Kiefern, die Straße ist aber auch hier in gutem Zustand und seit wir in Finnland sind nun auch weitgehend flach. Bald erreichen wir Näätämö, den ersten finnischen Ort. Hoch erfreut steuern wir ein Restaurant an, wo uns ein schmackhaftes Mittagessen serviert wird. Die meisten Häuser des Ortes sind entlang der Straße aufgereiht, es gibt hier zwei Läden und eine Tankstelle. Näätämö wird gerne von norwegischen Einkaufstouristen besucht, denn hier sind die Preise um einiges niedriger als in Norwegen. Auch wir freuen uns, dass wir heute am Sonntag auf offene Läden treffen und versorgen uns noch einmal mit allem Notwendigen, einschließlich Spiritus! Es sind schließlich die letzten Einkaufsmöglichkeiten vor Inari, und das ist immerhin noch ca. 150 km entfernt.

Als wir am Spätnachmittag im kleinen Ort Sevettijärvi ankommen wird es Zeit, uns nach einem Nachtplatz umzuschauen. Am Straßenrand fällt uns ein Schild auf, das einen Campingplatz preist, der auch eine Sauna haben soll. Das ist ja mal ein Luxus, denken wir uns und fahren in die angegebene Richtung. Über einen holprigen Feldweg gelangen wir auf das Gelände, das wohl diesen Campingplatz darstellen soll. Ein paar Holzhütten sind zu sehen, ein Häuschen, das vielleicht Toiletten beherbergt, aber keine Menschenseele ist zu entdecken. Dagegen wimmelt es von Moskitos hier! In Scharen stürzen sie sich auf uns!

Auf nordischen Straßen

Wir verzichten deshalb auf den gastlichen Ort und radeln lieber weiter. Nach drei Kilometern treffen wir auf einen anderen Campingplatz. Er liegt direkt an einem kleinen See, verfügt über kleine Holzhütten und eine ebene grüne Wiese für die Zelte. Eine wortkarge aber freundliche Samin zeigt uns den Platz und die Einrichtungen wie beispielsweise einen gemütlichen Aufenthaltsraum mit einer Gemeinschaftsküche. Ein kühles Bier wäre jetzt klasse, aber leider gibt es keinerlei Möglichkeit, etwas einzukaufen. Nicht einmal einen Automaten für Getränke können wir entdecken. Doch der Aufenthaltsraum erweist sich als Prachtstück, denn wir können dort relativ moskitofrei essen und unsere Packtaschen neu sortieren. Da müssen wir nämlich noch etwas üben, die nötige Routine fehlt halt noch. Und draußen vor der Tür warten Myriaden von Stechmücken auf uns…

Zum Glück können wir die Moskitos aus dem Zeltinneren fern halten, so dass wir eine ganz angenehme erste Nacht in unserem mobilen Heim verbringen. Auch wenn ich mich noch nicht daran gewöhnt habe, dass nachts um 2:30 Uhr die Sonne scheint! Der Zeltabbau am nächsten Morgen geht flott, denn die hungrigen Moskitos haben nur darauf gewartet, dass wir wieder auftauchen! Sie stürzen sich auf jede unbedeckte Hautstelle von uns! Deshalb sind wir froh, dass wir bei schönstem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen los radeln und die Mücken hinter uns lassen können. Man muss nur ein wenig schneller fahren als sie, dann hat man seine Ruhe! Es wird nun leicht hügelig. Weil wir das tägliche radeln noch nicht so recht gewohnt sind, haben wir von gestern noch müde Beine. Als dann nach 40 Kilometern Gewitterwolken aufziehen nutzen wir die Gelegenheit gerne zu einer Rast, kochen ein schnelles Nudelgericht und hoffen, dass das Gewitter woanders hinziehen würde. Doch da haben wir uns geirrt. Bald schüttet es. Zunächst wollten wir abwarten, bis der Regen vorbei ist - aber er will einfach nicht aufhören. Es hilft nichts, wir müssen im Regen weiter fahren! Es ist kühl, nass und ungemütlich. Jeder tritt in den eigenen Gedanken versunken vor sich hin. Von der gestrigen euphorischen Stimmung ist nicht mehr viel übrig. Und als wir gar nicht damit rechnen taucht kurz nach Partakko plötzlich ein Campingplatz auf. Was für ein Lichtblick! Inzwischen sind wir nämlich ziemlich durchgefroren und mieten uns daher liebend gerne hier in einer der Hütten ein. Jetzt fehlt nur noch ein Feierabendbier zum Abendessen. Doch leider gibt es auch an diesem Platz weder Getränke noch sonst irgendwelche Lebensmittel – der nächste Laden sei 35 Kilometer entfernt, sagt uns der Platzwart. Definitiv zu viel für einen müden Radler!

Einer von vielen idyllischen Seen

Aber unsere Hütte hat eine Heizung, so können unsere nassen Sachen trocknen. Was für ein Luxus! Wir wohnen hier direkt am Inarisee, der mit 50 Kilometern Breite und 80 Kilometern Länge der drittgrößte See Finnlands ist. Schon den ganzen Tag sind wir durch Wald- und Moorgebiete gefahren, die nordische Weite und Einsamkeit ist beeindruckend. Doch jetzt sind wir froh um unseren warmen Platz in der Hütte und wir stellen uns bei Spaghetti Bolognese zwei Fragen:

1. Was ist schlimmer, Gegenwind oder Mücken?

Die Route durch Norwegen führte uns durch wunderschöne Natur, aber vor allem bei den zahlreichen Anstiegen (wenigstens meist nicht allzu lang), machte uns der teils heftige Wind manchmal schwer zu schaffen, er kam natürlich meist von vorn! In Finnland hingegen war vom Wind nicht mehr viel zu spüren - dafür gibt es hier Millionen von aggressiven Stechmücken!

2. Warum wollen die Finnen keine zusätzlichen Geschäfte machen?

Gleich nach der Grenze Norwegen-Finnland kommt der kleine, verschlafene Ort Näätämö. Zwei Supermärkte und eine Tankstelle buhlen hier um Kundschaft. Aber das sind die letzten Läden an unserer Strecke, danach werden wir zwei Tage lang keine einzige Einkaufsmöglichkeit mehr finden. Nicht einmal auf den beiden Campingplätzen, die wir ansteuerten, gab es etwas zu kaufen!

Wir haben uns überlegt, dass wir als Betreiber mindestens einen Getränkeautomaten und eine kleine Auswahl an lange haltbaren Lebensmitteln anbieten würden… Ist das jetzt typisch deutsch?

Inzwischen hat sich das Wetter beruhigt, sogar die Sonne kommt wieder hervor, unsere Laune hebt sich gleich spürbar. Draußen sieht es sofort auch wieder freundlich und einladend aus, so dass wir sogar den idyllischen See noch genießen können. Schließlich ist es noch immer taghell. Das Wasser ist klar und beinahe spiegelglatt, nur leichte Wellen begleiten das kleine Boot, das soeben abgelegt hat und nun Kurs auf die offene Wasserfläche nimmt.

Am Ufer liegen zwei weitere kleine Boote, sie spiegeln sich im klaren Wasser. Gleich daneben steht eine typische Kote (nordsamisch: lávvu), das konische Zelt der Samen mit einer runden Grundfläche und einer

Campingplatz am Inarisee

Feuerstelle in der Mitte des Raumes. Ursprünglich diente diese Form der samischen Behausung als transportable Wohnung, die bis zur Sesshaftigkeit der nomadischen Samen weithin allein gebräuchlich war. Auch heute noch nutzen rentierzüchtende Samen die Zelt-Kote im Sommer als mobile Wohnstatt. In Lappland sieht man das Lávvu noch häufig in Samensiedlungen, wo es als Mehrzweckbau zur Vorratslagerung, zum Trocknen, Räuchern, als Backstube oder einfach nur als Treffpunkt genutzt wird. So wie diese Kote hier auch, in der Mitte brennt noch ein gemütliches Feuer, dicke, glühende Holzscheite verbreiten eine wohlige Wärme. Der Rauch kann durch eine Öffnung am oberen Ende des Zelts entweichen. Leere Bierdosen neben den Bänken, die rings um das Feuer aufgereiht sind, zeugen davon, dass man hier ab und zu gerne gesellig zusammen sitzt.

Inarisee

Lappland

03.07.2012 bis 05.07.2012

Inari - Ivalo - Saariselkä - Tankavaara - Vuotso -Peurasuvanto - Sodankylä

Auf dem Iron Curtain Trail

431 km

Das Wetter sieht zwar etwas freundlicher aus, als wir am nächsten Morgen den Campingplatz am Inarisee verlassen, aber es ist noch immer kalt. Wenigstens regnet es nicht. Kurz bevor wir auf die E 75 stoßen treffen wir Lieselott, eine schwedische Biologiestudentin, die mit ihrem Trike ans Nordkap fahren will. Erfreut, auf eine andere Radreisende getroffen zu sein, tauschen wir Informationen aus. Lieselott wollte eigentlich mit ihrem Reiserad fahren, aber vor ihrer Fahrt hat sie sich einen Arm gebrochen, deshalb ist sie auf das Trike ausgewichen. Bislang hatten wir nur in Näätämö andere Radreisende getroffen, danach waren wir mehr oder weniger alleine auf dieser Route unterwegs. Hin und wieder mal ein Auto oder ein paar von den umherstreifenden Rentieren, sonst hatten wir die Straße für uns alleine. Daher sind wir über das Treffen mit Lieselott und die Unterbrechung für den kleinen Schwatz mit ihr recht froh.

Doch irgendwie ist der Radeltag für uns heute recht zäh, finden wir. Es fehlt die Leichtigkeit, mal eben so einen kleinen Hügel hoch zu fahren. Stattdessen kostet jeder noch so kleine Anstieg richtig Mühe und Kraft. Dabei sind es nicht einmal „richtige“ Berge, die wir hier zu erklimmen haben, denn Finnland ist hier im Norden eher flach! Vielleicht liegt es daran, dass wir zu wenig gegessen haben? Wir hatten ja gehofft, unsere Vorräte in Kaavanen, dem Ort, der 35 km vom letzten Campingplatz entfernt ist, wieder auffüllen zu können. Aber Kaavanen liegt nach der Abzweigung auf die E 75 in der anderen Richtung, und wir wollen ja nach Inari und nicht nach Norwegen! Und außerdem haben wir noch ein paar Müsliriegel…

Klar, wer hier Vorfahrt hat…

Unser Hunger ist längst noch nicht gestillt, deshalb beschließen wir, uns auf dem nächstgelegenen Parkplatz Nudeln zu kochen. Müde und ausgekühlt biegen wir kurze Zeit später auf einen Parkplatz ein – und können unser Glück kaum fassen: hier gibt es einen Samenkiosk mit einem Gastraum in Form einer typisch nordischen Kote, in dem wir uns aufwärmen können. Die überaus herzlichen Gastwirte, eine samische Familie, serviert uns ein sehr schmackhaftes Essen: warmen, frisch geräucherten Lachs und als Nachtisch Pfannkuchen mit Moltebeeren. Köstlich! Am liebsten würden wir hier im warmen, gemütlichen Zelt auf den Rentierfellen sitzen bleiben und uns weiter verwöhnen lassen. Wir könnten ja noch einen weiteren Kaffee trinken? Doch wir müssen ja weiter. Waren wir bislang auf einer kleineren Nebenstraße unterwegs und hatten fast nur Rentiere als andere Verkehrsteilnehmer, so radeln wir nun auf einer Europastraße, der E 75, die in Norwegen auf die E 6 trifft und bis ans Nordkap führt. Doch auch hier ist der Verkehr erfreulich gering, nur wenig Autos sind hier im Norden Finnlands unterwegs.

Frisch gestärkt erreichen wir bald darauf Inari, eine geschäftige, aber dennoch gemütliche kleine Stadt, das Zentrum der Sámi-Region. Inari hat eine extrem ausgedehnte Gemarkung: Mit 17.334 km2 umfasst die flächenmäßig größte Gemeinde Finnlands fünf Prozent der gesamten Landesfläche und ist damit etwas größer als etwa das deutsche Bundesland Thüringen. Ein Großteil des Gemeindegebietes besteht dabei aus unbewohnter Wildnis. Bei weniger als 7.000 Einwohnern ergibt sich so eine Bevölkerungsdichte von 0,46 Einwohnern pro Quadratkilometer. Wir finden hier einen Supermarkt und können unsere Radeltaschen wieder reichlich mit Vorräten befüllen.

20 km hinter Inari entdecken wir einen Rastplatz direkt am See. Kurz entschlossen stellen wir hier im lichten Wald unser Zelt für die Nacht auf und kochen ein leckeres Abendessen. Die Tische und Bänke des Rastplatzes sind dabei recht praktisch! Die folgende Nacht wird sehr kalt, ich friere und denke, mein Schlafsack dürfte gerne etwas wärmer sein! Auch am nächsten Morgen zeigt das Thermometer nur 10 Grad, als wir Ivalo erreichen. Es sieht nach Regen aus, wir müssen uns warm anziehen. Ivalo ist die größte Siedlung und das Verwaltungszentrum der Gemeinde Inari. Es scheint das Zentrum hier im hohen Norden zu sein, man kann alles kaufen, was man so braucht. Wir besorgen uns eine finnische Telefonkarte, so dass wir ab sofort (zumindest theoretisch) unseren Blog mit dem Smartphone bedienen können. In einem gemütlichen Café gönnen wir uns ein zweites Frühstück mit den für diese Region typischen Zimtschnecken. Sowohl in Inari als auch in Ivalo gibt es im Stadtgebiet schöne Radwege. Die wären zwar nicht dringend notwendig, weil sich der Autoverkehr hier im Norden doch noch sehr in Grenzen hält, aber wir nehmen sie doch gerne an. Und heute kommen wir auch gut voran. Das liegt zum einen an der Strecke, die nicht mehr ganz so hügelig ist wie in den letzten Tagen, zum anderen aber vielleicht auch daran, dass wir schon ein bisschen trainierter sind. Ich nehme einfach mal das letztere an!

Bei einer Mittagspause in Tankavaara treffen wir in einem Rasthaus auf einen Schwaben, der alleine von Helsinki zum Nordkap radeln und von dort aus, teils mit den Hurtigruten, wieder zurück fahren will. Er ist 71 Jahre alt – Respekt! Wir können also gut auch noch ein paar Jährchen Radfahren! Inzwischen klart es auf, die Sonne scheint und es wird wärmer. Endlich! Um wie viel schöner gleich alles aussieht, wenn die Sonne lacht und am Himmel kleine weiße Wolken das Bild vollenden. Niedrige Nadelbäume und Birken, so weit das Auge schaut. Weitgehend flach verläuft die Straße in Richtung Süden, nur kurz vor Saariselkä müssen wir einen kleinen Pass überwinden. Aber inzwischen sind wir das Radeln so gewohnt, dass dies keine Herausforderung mehr darstellt. Nach knapp 100 Tageskilometern erreichen wir unser heutiges Etappenziel, Vuotso. Leider finden wir hier keinen Lebensmittelladen, dafür jedoch einen ganz tollen Zeltplatz direkt an einem Fluss. Sogar die Mücken lassen uns in Ruhe, wir können gut draußen sitzen und unser Abendessen in der Sonne genießen, auch wenn es mangels Einkaufsmöglichkeit kein Bier dazu gibt. Wir belohnen uns nämlich ganz gerne am Ende eines Radeltages mit einem Bier. Aber das muss gut gekühlt sein, warmes Bier schmeckt nicht. Und deshalb kaufen wir es immer erst dann, wenn wir bald darauf am Übernachtungsplatz sein werden. Doch unsere heutige Tagesleistung und der tolle Nachtplatz entschädigen uns.

Ubemacmungsplatz in der ersten Reihe

Am nächsten Morgen verlassen wir unseren schönen Platz nach einem gemütlichen Frühstück – und entdecken nach ein paar hundert Metern einen Supermarkt! Wir hätten also gestern sogar noch Bier kaufen können! Vielleicht hätten wir auch einfach nur mal jemanden fragen oder im Bikelineführer nachlesen können, dort wird nämlich darauf hingewiesen, dass es im Ort Lebensmittel zu kaufen gibt.

Nun ja. Die weitere Fahrt verläuft auch heute wieder auf meist ebenen Straßen, aber dafür öfters mit Gegenwind. Der Verkehr nimmt hier auf der E 75 zu, je weiter wir nach Süden kommen und immer mal wieder sehen wir auch andere Reiseradler. Warum wollen die eigentlich alle zum Nordkap? Wir waren vor vielen Jahren mal mit einem Camper dort, würden jedoch nicht extra dorthin radeln wollen. Zumal es gar nicht der nördlichste Punkt des europäischen Festlandes ist (den findet man weiter östlich mit dem Kinnarodden auf der Halbinsel Nordkinn) und zwischenzeitlich zu einem Touristen-Nepp mit überhöhten Preisen verkommen ist. Die Route ist hier offensichtlich ein beliebter Zubringer für Radfahrer mit dem Ziel Nordkap! Es ist ja auch weniger anstrengend, als über die bergigen Straßen Norwegens zu radeln. Die meisten der anderen Reiseradler haben leider keine Zeit anzuhalten, manche fahren sogar grußlos an uns vorüber. Warum haben sie es bloß so eilig? Nicht jedoch die fröhliche Joana, eine Lehrerin aus Polen. Auch sie will ans Nordkap, doch sie nutzt gerne die Gelegenheit, mit uns zu plaudern und Informationen auszutauschen. Ich finde es recht mutig, eine so große Strecke mit dem Fahrrad alleine zu meistern!

Scheinbar endlose Weite…

Es ist herrlich hier. Die endlose Weite bietet viel Wald und Wasser. Immer wieder halten wir an, weil die Seen so tolle Fotomotive bieten – oder weil ein Café mit Pfannkuchen und Moltebeeren lockt. Inzwischen haben wir bereits Sodankylä, eine Stadt mit knapp 9.000 Einwohnern, erreicht und unsere Vorräte in einem K-Market wieder aufgefüllt. Und weil seit gestern Mittag auch der Sommer in Finnland wieder präsent ist, können wir unser Nomadendasein so richtig genießen. Hier auf dem städtischen Campingplatz können wir sogar eine Waschmaschine nutzen. Wir sitzen bei Käsespätzle in der geräumigen Küche, zusammen mit Rudi, einem anderen Reiseradler. Er erzählt uns von seinem Trip durch Russland, der teilweise wohl einem Horrortrip glich. Vor allem was manche Wegbeschaffenheit angeht. Von üblem Schlamm zu gröbstem Schotter sei alles dabei gewesen, erzählt er uns. Nun sitzt er hier in Sodankylä fest, weil er auf ein Ersatzteil für sein Fahrrad wartet, das hierher geschickt werden soll. Für uns scheint Russland ein anderer Planet zu sein, wir haben bis jetzt noch nicht vor, ebenfalls jemals dort zu radeln und nach solchen Geschichten noch viel weniger. Es ist doch immer wieder interessant zu hören, was andere Radreisende zu erzählen haben. Mal sehen, wen wir unterwegs noch so treffen werden. Zunächst sind wir erst mal froh, dass wir morgen die Hauptroute E 75 verlassen können, denn der Autoverkehr nahm zu, je weiter wir in die Nähe Sodankyläs kamen.

Schöner Radweg vor Sodankylä

Karelien

06.07.2012 bis 08.07.2012