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Iwans Entsetzen. Lukas Bentorffs sechster Fall: Ein brutaler Mord erschüttert das beschauliche Dorf Groß Samtleben: Im Kirchturm werden der Schulleiter Joachim Kuhlen und sein Hund Soljanka tot aufgefunden – erschlagen mit grausamer Wucht. Pastor Lukas Bentorff, eigentlich mitten in den Weihnachtsvorbereitungen, wird unweigerlich in die Ermittlungen hineingezogen. Während die Polizei im Dunkeln tappt, brodelt die Gerüchteküche im Dorf, und alte Feindschaften brechen auf. Was hat der Mord mit Bentorffs eigenem Umfeld zu tun? Und warum scheint sein Bernhardiner Iwan mehr zu wissen als alle anderen? Ein fesselnder Thriller über die Abgründe hinter der idyllischen Dorffassade – spannend, klug und voller Wendungen.
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2025
Hans-Martin Gutmann
Lukas Bentorffs sechster Fall
Thriller
Ich widme diesen Roman den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Asklepios Klinik Altona – im medizinischen, technischen und kulinarischen Bereich.
Während meines stationären Aufenthalts vom 6. bis 13. Januar 2025 konnte ich hier den Roman zu Ende schreiben.
Ohne die hervorragende Versorgung wäre mir das nicht gelungen – und ich wäre nicht wieder auf den Beinen.
Das war großes Kino. Danke!
Impressum
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN: 9783958943407
© Copyright: Omnino Verlag, Berlin / 2025
Am Friedrichshain 22 / 10407 Berlin / [email protected]
www.omnino-verlag.de
Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.
Sämtliche Personen, Handlungen und als fiktiv erkennbare Orte sind frei erfunden. Übereinstimmungen mit tatsächlichen Personen, Handlungen und Orten sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.
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Dank
Der Lärm ist ohrenbetäubend.
Als Kind habe ich diese Szene geliebt. Flughafen Hannover, Aussichtsplattform. Damals starteten in der Regel Propellermaschinen. Der erste „Düsenjäger“ war die Sensation für den Zehnjährigen.
„Aber Sie kommen doch zurecht, Herr Pastor?“ Frau Weimer ist richtig besorgt.
Das ist jetzt eine halbe Stunde her.
Frau Kleinschmidt hat meinen Kalender vor Augen. Das ist ihr Job als Gemeindesekretärin. „Wenn Sie sich ein wenig am Riemen reißen, ausreichend schlafen, die Whiskyflasche mal stehen lassen ...“ Sie sieht mich vorsichtig von der Seite an, ob sie zu weit geht. Ich zucke mit den Schultern und lächle angestrengt. Ich will für diesen Moment auf keinen Fall emotionalen Stress. Das soll ein friedlicher Abschied sein.
„Es sind doch nur zwei Wochen. Den dritten Advent haben wir schon geschafft. Ich verspreche, dass ich nicht über die Stränge schlage. In der Arbeit nicht. Und auch nicht beim Essen.“
Unwillkürlich streichele ich über meinen Bauch. Zugegeben. Im vergangenen Jahr sind wieder ein paar Kilo dazugekommen. „Und auch nicht beim Trinken. Und jetzt los. Genießen Sie die Tage und machen Sie sich keine Sorgen! Das wird schon.“
Es hat bestimmt fünf Dienstfrühstücke gedauert, bis Frau Weimer sich durchringen konnte, diesen Preis anzunehmen. Zwei Wochen Kreta für zwei Personen. Preisausschreiben bei famila. Nach der ersten Begeisterung, den Preis tatsächlich bekommen zu haben, die Ungewissheit. Die Sorge. Kann sie mich wirklich allein lassen? Mich und Iwan, meinen neurotischen Bernhardiner?
Frau Kleinschmidt ist sofort Feuer und Flamme. „Natürlich fahren wir!!! So eine Gelegenheit haben wir nie wieder. Nicht wahr, Herr Pastor?“
Mir ist schon ein bisschen flau bei diesem Gedanken. So kurz vor Weihnachten ohne meine beiden „Engel“. Alles allein machen. Advents- und Weihnachtsgottesdienste vorbereiten. Predigten schreiben. Die Räume schmücken und nach den Gottesdiensten aufräumen. Adventsfeiern. Geburtstagsbesuche. Eine Hochzeit, möglicherweise Beerdigungen. Konfirmandenunterricht. Meine Schichten im Tante-Emma-Laden „Wir bleiben hier“. Iwan versorgen und bei Laune halten. Die Doppelkopfrunde bewirten – beim nächsten Mal tagen wir bei mir im Pfarrhaus. Ausgerechnet.
„Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Ich schaffe das schon. Ich bin schon groß.“
„Nun kommen Sie mal nicht durcheinander. Sie sind ein älterer Herr.“ Frau Kleinschmidt lächelt mich liebevoll an. „Und ein guter Pastor. Klar schaffen Sie das.“
Dieses Gespräch führen wir an fünf geschlagenen Tagen jeden Morgen, immer wieder neu mit ungefähr den gleichen Worten, Gedanken, Sorgen, Überlegungen. Die Entscheidung fällt buchstäblich im letzten Augenblick. Einen halben Tag später wäre der Preis verfallen gewesen.
Jetzt sitzen beide im Flugzeug, das gerade majestätisch im Himmel verschwindet.
Es ist, wie es ist. Ich werde schon durchkommen.
Wird schon. Muss ja. Irgendwas ist immer.
Ich fahre auf dem Weg nachhause in der Grundschule von Groß Samtleben vorbei.
Adventsfeier. Schüler und Schülerinnen aller vier Klassenstufen und ihre Eltern. Ein fröhliches Remmidemmi.
Krippenspiel mit Maria, Josef, den Engeln, den Hirten. Und jede Menge singender Tiere.
Anscheinend hat sich Melanie Frei, Klassenlehrerin in der vierten Klasse, eine Szene aus dem Film „Love Actually“ zum Vorbild genommen. An der Krippe versammeln sich mit sorgfältig bis skurril gearbeiteten Masken und Verkleidungen auch einige Tiger, Löwen, Gnus und ein Tintenfisch. „Meinst du wirklich, dass ein Tintenfisch das neu geborene Jesuskind an der Krippe besucht hat?“
„Ja, wieso?“
Okay. Der Schulleiter Joachim Kuhlen hält eine launige Rede über den allumfassenden Frieden, der mit der Geburt dieses Kindes anbricht. Die großartige Vision des Propheten Jesaja. „Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern ...“ Und, na klar, also muss es an der Krippe auch einen Adler, einen Wal und einen Tintenfisch geben.
Joachim Kuhlen gehört zum Kollegium. Seit einem halben Jahr ist er zum Schulleiter aufgestiegen.
Gute Atmosphäre. Glühwein für die Erwachsenen, alkoholfreier Punsch für die Kleinen, fröhlich-besinnliche Stimmung.
Ich bin hier zum Glück „nur“ Gast und muss nicht reden. Ich begrüße einige von den Feiernden, die ich aus dem Konfirmandenunterricht, vom Chor, von Taufen, Beerdigungen oder Hochzeiten kenne. Ich verabschiede mich, sobald ich spüre, dass mein vorzeitiger Abgang nicht als Zurückweisung empfunden wird. Die Leute wollen lieber unter sich sein. Zum Pastor kommen sie, wenn sie ihn brauchen. Genauso, wie man ja irgendwann mal zum Zahnarzt muss.
Immer mehr Leute scheinen allerdings nie Zahnschmerzen zu haben ...
Ich kann den Kirchturmschlüssel nicht finden.
Es ist nicht so, dass ich da unbedingt rein müsste.
Es wäre bloß verheerend, wenn er in falsche Hände geriete.
Das ist ungefähr fünfzehn Jahre her.
Kinder finden den Schlüssel beim Spielen auf dem Friedhof. Der Küster muss ihn da verloren haben.
Jemand muss sie beobachtet haben, wie sie die Tür aufgeschlossen haben und im Turm verschwunden sind. Drei Mädchen und ein Junge.
Als die Eltern sie nach langem Suchen wiederfinden, sind die Kinder völlig verstört.
Sie erzählen von einem Mann, der in den Turm gekommen ist. Er hat den Jungen in die Ecke hinter dem Laufwerk der Kirchturmuhr gezogen.
Die Mädchen hören, wie er schreit und weint.
Er hat monatelang nicht gesprochen. Die Familie ist mittlerweile aus Groß Samtleben weggezogen.
Die drei Mädchen, mittlerweile junge Frauen, haben niemals über ihr Erlebnis im Kirchturm sprechen können. Obwohl sie immer wieder befragt wurden. Von ihren Eltern. Von einfühlsamen Polizeibeamtinnen.
So etwas darf nie wieder passieren.
Der Kirchturmschlüssel muss wieder ran.
Vielleicht hat Frau Weimer ihn ja nur verlegt.
Auch das noch. Iwan ist nicht da.
Das Pfarrhaus liegt still, als ich zurückkomme. Und dunkel.
Und außerdem kalt.
Ich bin jetzt selbst dafür zuständig.
Eigentlich für alles. Auch dafür, im öffentlichen unteren Bereich des Hauses mit den Gemeindebüros und den beiden großen Gemeinderäumen für angemessene Temperierung zu sorgen.
Für die Herstellung wenigstens minimaler Ordnung in den Räumen.
Für Bewirtung.
Für alles eben. Kaffeekochen. Kekse besorgen für die Adventsfeiern des Seniorenclubs und des Gospelchores. Bier und Wasser für den Kirchengemeinderat.
Die jugendlichen Mitarbeiter sind fast alle in den Ferien. Konfirmanden will ich nicht einspannen.
Vielleicht kann ich trotzdem einiges delegieren.
Vor allem muss ich nicht alles auf einmal machen. Immer schön der Reihe nach. Sonst kriege ich emotionalen Schluckauf.
Ich steige die Treppe rauf zu meinen privaten Gemächern.
„Iwan!!??“
Nichts. Kein Fiepen, kein Bellen, kein Begrüßungsritual. Dabei legt er sonst beide Vorderpfoten auf meine Schultern ab, steht in ganzer Größe vor mit und sabbert mich voll.
Iwan macht sich neuerdings selbstständig auf seine eigenen Wege. Das geht jetzt schon seit fast zwei Wochen so.
Hätte ich ihm niemals zugetraut. Wenn ich ihn an der Leine habe und mit ihm spazieren gehe, ist es wie immer. Er regt sich über jede Veränderung auf und bellt sich die Hundeseele aus dem Leib. Egal, ob es sich um einen Sandhaufen handelt oder ein abgestelltes Fahrrad, das am Tag zuvor hier noch nicht gestanden hat.
Jetzt dieser Anfall von Eigenständigkeit.
Ich habe ihm auf Anraten von Frau Weimer eine Hundeklappe in die Hintertür bauen lassen. „Sie müssen was unternehmen, Herr Pastor. Iwan rennt von Zimmer zu Zimmer, Treppe rauf Treppe runter. Der fiept und bellt und macht die Leute verrückt. Er will raus. Ich kann ihn nicht halten. Ich will nicht verantwortlich sein, falls ihm draußen was passiert.“
Ich mache mir Sorgen. Ich spreche mit Maximilian drüber. Tierarzt Maximilian.
Es ist schwer, in der eigenen Gemeinde Freundschaften zu haben. Neben Klaus, meinem Hausarzt, ist Maximilian einer meiner wenigen Freunde im Dorf.
Die Leute achten sorgfältig aufeinander. Freundlich formuliert. Viele sind leicht verletzbar. Man könnte auch von sozialer Kontrolle sprechen.
Eifersucht finde ich anstrengend.
Die Freundschaft mit Tierarzt Maximilian ist für mich im Dorf nur deshalb lebbar, weil es immer Anlässe gibt, ihn wegen seines Berufes aufzusuchen.
Irgendwas haben die Vierbeiner immer.
Das ist teuer. Bloß:
Ich kann mir ein Leben ohne Tiere nicht vorstellen.
Obwohl ich mich immer wieder frage, warum ich mir das zumute, seitdem Iwan vor nunmehr bald zweieinhalb Jahren in mein Leben geknallt ist wie eine übermotorisierte steuerlos vor sich hin rasende Dampfwalze.
Ich kenne den Grund.
Love makes no prisoners, wie der verehrungswürdige Pianist Les McCann in einem seiner funky Songs auf dem Album „Pump it up“ zum Besten gegeben hat.
Maximilian freut sich über die Flasche Bushmills, die ich ihm aus Anlass dieses Seelsorgegesprächs mitgebracht habe. Genau wie ich ist er Fan von irischem Whiskey.
Seelsorgegespräch. Diesmal mit vertauschten Rollen. Der Ratsuchende bin ich.
Ich mache mir Gedanken über die sexuelle Orientierung meines Bernhardiners. Gegenüber Hündinnen verhält sich Iwan ähnlich wie gegenüber einem Sandhaufen, der gestern noch nicht da war. Erst recht gegenüber läufigen Hündinnen. Er bellt sie minutenlang drohend an, bis sie sich verzogen haben.
Er ist vollkommen ausgewechselt, wenn ein Rüde entgegenkommt: Schwanzwedeln, schnuppern, hinterherlaufen, rumtollen, besteigen.
Bei Welpen sowieso. Aber auch bei erwachsenen Hunden.
„Hunde können nicht schwul sein – zumindest nicht nach menschlicher Definition. Sehr wohl führen sie aber homosexuelle Praktiken durch“.
Maximilian doziert. Er hat sich schon zweimal nachgeschenkt.
„Muss ich mir Sorgen machen?“
„Wieso Sorgen? Sei doch froh, dass dein Hund so drauf ist. Du hast keine Probleme, irgendwann Nachwuchs unterzubringen.“
„Und wenn er im Tran oder in Ekstase auf die Straße rennt und überfahren wird? Ich würde meines Lebens nicht mehr froh ...“
Maximilian sieht mich nachdenklich an. Stopft seine Pfeife. Geheiligtes Ritual. Ich unterbreche ihn nicht. Er nimmt einen langen Zug. Trinkt einen Schluck Whiskey.
„Ich könnte Iwan kastrieren. Dein Leben wird ruhiger. Versprochen.“
Das ist das letzte. Das allerletzte.
Ich will einen munteren, einen lebensfrohen Hund. Einen Hund, der das Leben liebt.
Iwan liebt halt Männer. Hundemänner.
Iwan liebt Rüden.
Besonders einen Rüden. Soljanka heißt er. „Wir hatten eine Hündin bestellt. Als sich dann herausstellte, dass es ein Rüde ist, hatten wir uns an den Namen gewöhnt.“
Joachim Kuhlen ist Soljankas „Herrchen“. Schulleiter seit einem halben Jahr. Zuvor war er jahrelang Lehrer an der gleichen Schule. Wer immer in Groß Samtleben Kinder im Grundschulalter hat, weiß, wer Joachim Kuhlen ist. Und damit kennen alle im Dorf auch Soljanka.
Die Meinungen im Dorf über den frisch gebackenen Schulleiter sind geteilt. Er ist hier groß geworden. Aber er hält sich vom Dorfleben fern. Karnevalsverein. Schützenverein. Feuerwehr. Dorffeste. Nirgends ist er dabei. Besonders seine Frau. Sie ist nie im Dorf zu sehen. Viele sind der Meinung: Das Ehepaar Kuhlen hält sich für was Besseres. Es gab Gerüchte. Mangels Nahrung sind sie alle eingeschlafen. Das Dorf hat sich interessanteren Themen zugewendet.
Soljanka geht gern allein spazieren. Oft verschwindet er für halbe Tage. Bis er von einem Dorfbewohner zurückgebracht wird, der ihn in der Feldmark aufgelesen hat. Oder vor dessen Haustür er um Essen gebettelt hat.
Iwan liebt Soljanka.
Na klar, „lieben“ ist nicht der richtige Ausdruck.
Aber trotzdem …
Seit vierzehn Tagen kommt es immer wieder vor, dass Iwan verschwindet. Sich allein auf den Weg macht.
Seinen Geliebten aufsucht?
Maximilian beruhigt mich. Wir kommen in ruhige Gewässer.
Das war vorgestern.
Freitagabend. Ich habe mich gerade am Schreibtisch eingerichtet.
Das Telefon klingelt.
„Maximilian hier. Mach mal den Fernseher an!“
Bilder von einem Weihnachtsmarkt. Trümmerteile. Verletzte. Krankenwagen. Polizeiwagen.
Die Stimme aus dem Off: „Ein etwa fünfzigjähriger Mann ist mit einem PKW in den Weihnachtsmarkt von Magdeburg gerast und hat viele Passanten mit dem Wagen gerammt. Die Polizei spricht von vielen Verletzten. Es soll auch Tote gegeben haben. Ein Anschlag ist nicht auszuschließen.“
Ich drehe den Fernseher leise. „Das ist ja furchtbar!“ Ich bin entsetzt.
„Ja, furchtbar. Wenn das ein Geflüchteter gewesen ist, müssen wir mit einer neuen Welle von Fremdenfeindlichkeit rechnen. Und sofortigen Rufen nach einer Verschärfung der Migrationspolitik. Aus fast allen politischen Lagern.“
Ich schweige. Er hat recht. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
Als ich die Stimme wiederfinde, ist sie wackelig. „Ich werde im Gottesdienst darauf eingehen. Ich kann jetzt nicht reden. Ich danke dir für die Nachricht.“
Es haut mich auf den Stuhl.
Einige Minuten sitze ich und gucke mit leerem Blick aus dem Fenster.
Mein Gott!
Ich setze mich an den Rechner.
Nach und nach bewegen sich die Finger.
Ich finde es notwendig, schon im Eingangsgebet auf dieses schreckliche Verbrechen einzugehen. Viele Gottesdienstbesucher werden von dieser Nachricht besetzt sein. Von den Bildern. Möglicherweise auch schon von der ersten Welle von Hasskommentaren in den sozialen Netzwerken.
Gott, viele unter uns sind entsetzt über den furchtbaren Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg. Wo Menschen ausgelassen feiern, hat ein hasserfüllter Mensch Schrecken verbreitet. Unsere Gedanken und Gefühle sind bei den Verletzten und den Verstorbenen. Wir denken an ihre Liebsten, ihre Familien, ihre Freunde und Freundinnen, ihre Arbeitskollegen, an alle, die sie im Herzen haben: Stärke all diese Menschen in ihrer Trauer. Hilf uns, Gott, dass wir vorschnellen Parolen misstrauen. Befreie uns von Angst und Hassgefühlen. Tröste die Trauernden, richte die Bedrückten auf, lass die Kranken nicht allein sein. Hilf uns, deiner Liebe zu vertrauen. Amen.
Ich lese mir den Text ein paarmal durch. Das könnte funktionieren.
Zumindest ich habe durch die Formulierung aus dem sprachlosen Entsetzen rausgefunden.
Ich schreibe Maximilian über WhatsApp ein Dankeschön.
Maximilian ist ein Freund. Im Dorf der eine von zwei Freunden, genauer gesagt. Klaus ist aber schon seit Monaten mit einem Segelboot in der Karibik unterwegs und haut seine durch hervorragende ärztliche Arbeit aufgehäuften Reichtümer auf den Kopf.
Kurz und gut: Meine Freundschaftsbeziehungen lebe ich außerhalb der Gemeinde.
Es sind nicht viele. Aber sie sind langfristig und verlässlich.
Anne Hartmann, meine niemals realisierte Lebensliebe, ehemals Kommissarin der Mordkommission Salzgitter Lebenstedt.
Paul Schück, Dorfpfarrer in der Helmstedter Rübenpampa und mein lebenslang „bester Freund“.
Und sein Mitbewohner Markus Bader, Redakteur der Neuen Zeitung in Hamburg und nach dem Konkurs dieses politisch engagierten und ökonomisch erfolglosen Blattes aufs Dorf gezogen, um sich neu zu orientieren.
Zusammen mit mir ist das unsere Doppelkopfrunde. Die fällt niemals aus. Wir treffen und einmal im Monat. Außerhalb der Gemeindeverpflichtungen ist das mein einziger „heiliger“ Termin.
Samstagmorgen vor dem vierten Advent. Die Predigt muss noch geschrieben werden. Ich habe meine Schicht im Tante-Emma-Laden auf samstagnachmittags gelegt. Aus Gründen der Predigtvorbereitung. Nie erfahre ich so viel, was im Dorf los ist, als in diesen drei Stunden Packen und Bedienen im Laden „Wir bleiben hier“.
Nirgendwo anders erfahre ich so viel über das, was die Leute bewegt. Was sie im Herzen haben. Was ihr Gedankenkarussell antreibt.
In der Predigtlehre heißt das „homiletische Großwetterlage“. In jeder Predigt soll der Versuch unternommen werden, den biblischen Text und die Situation der Hörer und Hörerinnen miteinander „zu versprechen“. Die homiletische Wetterlage ist das, was in der Luft liegt. In diesen Tagen vor allem der furchtbare Anschlag in Magdeburg. Politische Großereignisse. Konflikte und Gerüchte im Dorf.
Aber auch Hoffnungsvolles, Schönes, Gelingendes. Das darf nicht zu kurz kommen. Schließlich ist für viele das Leben elend genug. Es muss in der Predigt nicht verhackstückt werden, was das Elend des Lebens noch schwärzer malt.
Ich muss mich jetzt nicht unter Stress setzen. Ich habe noch die ganze Nacht Zeit.
Der Tag war ereignislos.
Bis auf einen seltsamen Telefonanruf.
Das war gegen Mittag. Ich habe das Klingeln zuerst gar nicht gehört.
„Landeskirchenamt. Lale Mittenzwerg am Apparat.“
Ich krame in meinem Gedächtnis. Ich kenne die Mitarbeiterschaft im Landeskirchenamt seit Jahren. Eine Lale Mittenzwerg ist nicht darunter.
„Das Büro des Präsidenten. Spreche ich mit Pastor Lukas Bentorff?“
Die Chefsekretärin des Chefs im Landeskirchenamt heißt Veronika Tuchmeister.
Jedenfalls nicht Lale Mittenzweig.
Bevor ich reagieren kann, spricht die Dame schnell weiter.
Geschäftsmäßig. Hohe Stimmfärbung. Ungeduldig. Hektisch.
„Haben Sie meine Frage verstanden ...?“
„Ja, hier spricht Lukas Bentorff.“ Ich spreche betont langsam.
Ich will Geschwindigkeit aus dieser Konversation rausnehmen.
Die Dame geht mir auf die Nerven.
Ohne Zögern: „Kennen Sie einen Paul Schück? Pastor Paul Schück?“
Jeder Mensch im Landeskirchenamt weiß, dass Paul und ich befreundet sind. Die Landeskirche ist klein. 233 Pastorinnen und Pastoren. Paul und mich kennen mindestens die Hälfte.
„Ja ...,“
Ich will den Satz zu Ende formulieren. Keine Chance.
„Danke für Ihre Auskunft, Herr Pastor Bentorff.“
Schluss. Aufgelegt.
Ausgesprochen eigenartig.
Ich gehe in die Küche rüber. Iwans Fressnapf steht ebenso leer wie sein Schlafplatz.
Vielleicht ist der Tag deshalb so schnell rumgegangen. Ich bin mit den Gedanken niemals ganz bei der Sache. Die Leute spüren das. Sie lassen mich in Frieden.
Das sind nicht mehr bloß Sorgen. Ich habe richtig Angst um Iwan. Angst, irgendwann einen Anruf zu bekommen. Von der Polizei oder von Nachbarn. „Wir haben einen großen Hundekadaver gefunden. Sie vermissen doch Ihren Hund ...“
Die Glocken läuten. Die Orgel braust. Ich warte am Altar. Die Großmutter der Braut führt sie zum Altar.
Auf den dringenden Wunsch der Braut hin. Am Schluss des Vorbereitungsgespräches mit den Brautleuten vor einigen Tagen. „Ich habe noch eine Frage. Mein Vater hat die Familie verlassen, als ich sieben Jahre alt war. Mit meiner Mutter verstehe ich mich nicht besonders. Kann mich wohl meine Omi zum Altar führen und dem Henry übergeben?“
Ich habe zugestimmt. „Das ist wunderbar, Herr Pastor.“
Die Brautleute haben offensichtlich nichts, aber auch gar nichts mit der Kirche zu tun.
Ich mache in solchen Fällen alles. Alles, was meine Nerven schont.
In diesem Fall rührt mich die Szene. Die alte Dame ist sicher bald in den Achtzigern. Sie geht langsam und konzentriert. Sie ist sichtlich erleichtert, als sie die Braut dem Bräutigam übergeben kann.
Der Weg durchs Kirchenschiff zum Altar dauert seine Zeit. Während ich warte, geht mir das Vorgespräch durch den Sinn.
Die Brautleute gehören nicht zur Gemeinde. „Das ist die schönste Kirche hier in der Gegend. Das ist der einzige Grund, warum wir Sie gebeten haben.“
Ich habe versucht, ein Gespräch zu beginnen. „Möchten Sie mir etwas über sich selbst erzählen? Über ihre Beziehung? Wie haben Sie sich kennen gelernt? Warum haben Sie sich für eine kirchliche Trauung entschieden?“
Die beiden sehen sich eine Weile lang an. Der Bräutigam übernimmt das Wort. „Ach wissen Sie, Herr Pastor. Wie wir uns kennen gelernt haben: Das kommt garantiert in aller Ausführlichkeit in den Tischreden vor. Und wegen der kirchlichen Trauung ...?“
Der Bräutigam sieht seine Angetraute auffordernd an. „Sag du es ihm, Aurelia.“ „Ach was. Lassen Sie mal. Das eigentliche Fest kommt nach dem Gottesdienst, nicht wahr? Wir wollen, dass der Gottesdienst festlich ist und nicht so lange dauert. Unsere Gäste sind sowieso nicht in der Kirche. Erzählen Sie, was Sie wollen, Herr Pastor.“
Ich sehe die Braut an. Aurelia. Wunderschöner Name. Sie beugt sich nach vorn und begutachtet ihre hellblauen mehrere Zentimeter langen Nails. „Aber die Musik ist uns nicht egal. Nicht wahr, Henry? Wir wollen, dass die Orgel zu unserem Einzug den Hochzeitsmarsch spielt. Und zum Auszug die Feuerwerksmusik von Händel. Den Anfang.“ Ich gehe zum Schreibtisch rüber und mache mir eine Notiz.
„Ach ja. Und wir wollen, dass ein Song über die Anlage eingespielt wird. Sie haben doch eine Anlage in der Kirche?“
„Hm.“ Ich ahne schon, was jetzt kommt.
„Wie heißt das noch mal, Schätzchen? ‚Was Besseres als du ist mir noch nie begegnet ...“
Sie stochern in ihrem Gedächtnis. Ich lasse sie eine Weile zappeln.
„Sie meinen doch bestimmt diesen Song der Gruppe Silbermond: ‚Du bist das Beste, was mir je passiert ist ...“
„Ach, Herr Pastor, Sie sind wunderbar. Habe ich dir das nicht gesagt, Schätzchen? Er versteht seinen Job ...“
Ich lasse das mal so stehen.
„Haben Sie Wünsche für den Gottesdienstablauf?“
„Für was?“ Die beiden sehen mich fassungslos an. „Ich meine: Haben Sie Wünsche für Fürbittengebete, für weitere Lieder, Für Zusagen an Sie durch Ihre Gäste?“
„Ach machen Sie keine Umstände, Herr Pastor. Das wird schon irgendwie passen.“
Gut. Wenn die beiden sich so wenig für unsere Kirche engagieren, kriegen sie von mir eine gebrauchte Hochzeitsansprache. Eine Hand wäscht die andere.
Jetzt ist die Situation da. Und wie immer kommt doch ein wenig Spannung auf.
Als die Großmutter ihre Enkelin dem Bräutigam übergibt, sind alle drei tränenüberströmt.
Der Gottesdienst verläuft bis zur Predigt ohne Unfälle, aber dafür mit heftigem Einsatz von Taschentüchern. Bei den Brautleuten ebenso wie in den Reihen der vollbesetzten Kirche.
Ich kenne niemanden unter den Gästen.
Liebe Aurelia, lieber Henry, liebe Familien, Verwandte, Freunde, Kolleginnen und Kollegen und andere Lebenskünstler,
