Brauchen wir Demut? - Hans-Martin Gutmann - E-Book

Brauchen wir Demut? E-Book

Hans-Martin Gutmann

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Beschreibung

Ohne Demut wird es in absehbarer Zeit kein Leben auf unserem Planeten mehr geben. Seit Jahrhunderten dominiert eine Weise menschlichen Lebens und Wirtschaftens, die ohne Rücksicht auf Mitlebende die weiteren Existenzmöglichkeiten auf unserem Planeten verunsichert. Sie zerstört sie wahrscheinlich sogar – durch Gewalt und Krieg, durch ungebremste Profitgier, durch grenzenlose und vollkommen verantwortungslose Vernichtung der Lebensumwelt im Zuge ihrer Ausbeutung. Deshalb fragt der Theologe Hans-Martin Gutmann nach einer Haltung, die aus der Mode gekommen ist: Demut. Demut ist wie jede menschliche Handlung ambivalent. Es gibt Formen von Demut, die Lebensmöglichkeiten und Leben gefährden: sich klein machen in Konflikten in Familien, in Liebesbeziehungen und Freundschaften; Unterwürfigkeit zeigen gegenüber politischer Herrschaft und gegenüber Machtgestalten am Arbeitsplatz; sich wegducken, wenn Einschreiten notwendig wäre. Demut heißt nicht Unterwürfigkeit. Heilsame Demut hat Ich-Stärke zur Voraussetzung und stärkt sie. Heilsame Demut übt den aufrechten Gang, die Klarheit in Liebe und Zärtlichkeit genauso wie die Klarheit und bisweilen Härte in Konflikten. Heilsame Demut ist mit Macht in einem lebensförderlichen Sinne verschwistert: Aus Demut erwachsene Macht ist Lebensmut – für das eigene Leben und für die, die es brauchen.

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Seitenzahl: 192

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Brauchen wir Demut?

Impressum

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

ISBN: 978-3-95894-355-1

Grafisches Gesamtkonzept, Titelgestaltung, Satz und Layout: Stefan Berndt – www.fototypo.de

© Copyright: Omnino Verlag, Berlin / 2025

Am Friedrichshain 22 / 10407 Berlin / [email protected]/www.omnino-verlag.de

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

Hans-Martin Gutmann

Brauchen wir Demut?

Über Maß, Macht und Menschlichkeit in unsicheren Zeiten

Inhalt

Zur Einführung: Wie können wir heute (demütig) leben?

Ausloten eines Begriffs

Buch 1:

Leben – Erleben – Reflektieren

Demut ist ein existenzielles Lebensgefühl

Demut ist eine Haltung

Der Plausibilitätsverlust der Demut

Die Schatten der Demut: Demut und Demütigung

Warum Demut verdrängt wurde: Gesellschaftliche und geschichtliche Entwicklungen

Jesus als Vorbild für Demut?

Woraus wir leben können: Ohne Demut ist Leben nicht lebenswert

Dankbarkeit und Widerfahrnis von Augenblicksglück: Demut kann auf heilsame Weise gelebt werden

Buch 2:

Meditieren

Anmerkungen

Das Buch

Der Autor

Zur Einführung: Wie können wir heute (demütig) leben?

Die seit Jahrhunderten ohne Rücksicht auf Mitlebende dominierende Weise menschlichen Lebens und Wirtschaftens verunsichert die weiteren Existenzmöglichkeiten auf unserem Planeten. Sie zerstört sie wahrscheinlich sogar. Durch Gewalt und Krieg, durch ungebremste Profitgier, durch ins Aberwitzige gesteigerte Macht und obszönen Reichtum auf der einen, lebenzerstörende Entmächtigung von zahllosen Menschen und Armut auf der anderen Seite, durch grenzenlose und vollkommen verantwortungslose Vernichtung der Lebensumwelt im Prozess ihrer wirtschaftlichen Ausbeutung.

Jede und jeder unter uns kann das wissen.

In diesem Zusammenhang frage ich nach einer Haltung, die aus der Mode gekommen ist:

Demut.

Ich frage in dem Sinne nach Demut, wenn sie von Menschen, die sie für sich in Anspruch nehmen, ernsthaft und ehrlich gemeint ist. Viele Politiker:innen versichern nach einer gewonnenen, erst recht nach einer verlorenen Wahl, dass sie „mit Demut“ das Votum der Wähler annehmen und sich daran halten wollen.

Ich habe Zweifel, ob das ehrlich ist. Diese Form von Sprechakten über Demut interessiert mich nicht besonders.

Ich muss das aktuelle Problem noch deutlicher formulieren. Wir leben in einem Zeitalter, in dem jede Demut verloren geht. Von der Kommunikation in sozialen Netzwerken bis hin zum Handeln von politischen „Eliten“. Von den Fake-News und Hassmails, von den manipulativen und verlogenen Inszenierungen in den sozialen Netzwerken bis hin zu den menschenverachtenden und leider Gottes machtvollen Handlungen eines Elon Musk oder Donald Trump, denen Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaat vollkommen gleichgültig sind, wenn es darum geht, ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen. Es herrscht die Mentalität des Siegen-Müssens. Eine Mentalität des Ausschaltens und Zunichtemachens, zumindest der Entwürdigung von Gegnern.

Demut braucht in dieser Situation Geistesgegenwart und Widerstandskraft gegen Demütigung durch Macht. Demütigung begegnet in vielerlei Gestalt. In Mobbing am Arbeitsplatz, auf dem Schulhof oder in Shitstorms im Internet. Demütigung begegnet und zerstört in der Androhung – und in der oft genug wirksamen Realisierung – des Entzugs von sozialem Ansehen, von Wohlstand, oft genug in kriegerischen Konflikten der Zerstörung von Lebensmöglichkeiten und Leben.

Demut heißt nicht Unterwürfigkeit. Heilsame Demut hat Ich-Stärke zur Voraussetzung und stärkt sie. Heilsame Demut übt den aufrechten Gang, die Klarheit in Liebe und Zärtlichkeit genauso wie die Klarheit und bisweilen Härte in Konflikten. Heilsame Demut ist mit Macht in einem lebensförderlichen Sinne verschwistert: Macht ist Lebensmut1. Heilsame Macht bestärkt nicht nur die Einzelnen selber, sondern befähigt sie, Macht weiterzugeben: als Lebensmut im Sinne von Empowerment oder Affidamento, wie dies z. B. in der Bürgerrechts-, Gender- und Frauenbewegung und kirchlich z. B. in einer interkulturellen und feministischen Seelsorge vorgestellt worden ist.

Heilsame Demut verlässt niemals die grundlegende Haltung von Achtung und Wertschätzung. Auch nicht gegenüber Menschen, die zu Gegnern werden.

Aber: Demut ist wie jede menschliche Handlung ambivalent. Es gibt Formen von Demut, die Lebensmöglichkeiten und Leben gefährden. Sich klein machen in Konflikten in Familien, in Liebesbeziehungen und Freundschaften. Unterwürfigkeit zeigen gegenüber politischer Herrschaft und gegenüber Machtgestalten am Arbeitsplatz. Sich wegducken, wenn Einschreiten notwendig wäre: Beispielsweise wenn ich in einer U-Bahn bemerke, wie Menschen wegen ihrer Herkunft, ihres Aussehens oder ihrer körperlichen Beeinträchtigung gehänselt oder sogar misshandelt werden – und mich in mich selbst zurückziehe. Demut im heilsamen Sinne ist keine Sache für Menschen mit verbogenem Rückgrat.

Keine Frage: Das ist schwer, im eigenen Lebensvollzug zu realisieren.

Wer Demut leben will, braucht Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion. Genauso wie den Austausch und die Bestärkung durch andere.

In diesem Essay finden sich aus diesem Grunde nicht nur theoretische Überlegungen zu Demut. In einem zweiten Buchteil schlage ich spirituelle Übungen vor, die dazu verhelfen können, Selbstwahrnehmung und Achtsamkeit zu stärken. Spirituelle Übungen nicht im Sinne der Einübung in eine spezifische Religion – die Frage danach wird offengelassen, und meine Einladung gilt Menschen aus unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen, sich auf diese Übungen einzulassen. Ich bin sicher: Sie sind hilfreich. Sie bestärken eine Alltagsspiritualität, die es ermöglichen kann, dem Leben voller Dankbarkeit und Lebenslust: eben voller Demut zu begegnen.

Die Frage nach heilsamer Demut verbindet sich mit der Suche nach Potenzialen, die in unserer gefährdeten Lebenssituation Halt und Widerständigkeit eröffnen. Demut gehört nach meiner Überzeugung dazu – wenn ihre Schatten wahrgenommen werden. Und wenn verstanden wird, warum diese Haltung so rasant an Plausibilität verloren hat. Die Schatten von Demut werden in diesem Buch an problematischen Formen von Unterwerfung gegenüber Macht und Ausbeutung im Verhältnis der Geschlechter thematisiert. Diese zerstörerischen Beziehungsmuster sind Beispiele für viele andere. Ich habe bereits einige Konfliktfelder genannt, in denen zerstörerische Demut lebensgefährlich ist – und heilsame Demut Rettung sein kann.

Die Übungen im zweiten Buchteil helfen, bei sich selbst und anderen heilsame Demut wahrzunehmen und zu bestärken. Mit einem Wort: Alltagsspiritualität als Empowerment, um durchs Leben zu kommen.

Die dunkle Seite der Demut kann an Kraft verlieren. Die heilsame Seite muss geübt, gelebt und bestärkt werden. Nur dann wird meine Hoffnung begründbar sein, mit Demut ein wichtiges Potential zur Lebensrettung auf unserem Planeten wieder stärker ins Spiel zu bringen.

Ich schreibe als protestantischer Theologe. Ich werde deshalb immer wieder Traditionen christlicher und insbesondere protestantischer Frömmigkeit ins Spiel bringen. Genau wie Demut sind diese Traditionen ambivalent.

Selbstdurchsetzung und Selbstverwirklichung – als Gegentypen zu einer Haltung der Demut – sind im Protestantismus immer wieder als problematische Lebenskonzeptionen angesehen worden. Allerdings: Ein Reformator wie Martin Luther konnte mit seiner Kritik am selbstbezogenen Menschen noch davon ausgehen, dass Menschen, wenn man sie nur lässt, sich selbst lieben – Selbstliebe als ein spontan eintretender, selbstverständlich wirksamer Affekt also. Davon können wir heute angesichts massenhaft auftretender gesellschaftlicher und psychischer Dispositionen zur Depression keinesfalls mehr ausgehen.

Feministische Theolog:innen haben deutlich gemacht, dass vor allem Frauen auch in unserer im Weltmaßstab immer noch chancenreichen Gesellschaft oft unter Bedingungen leben, in denen die Doppelanforderungen von Beziehungs- und Erwerbsarbeit und oft genug auch selbst erfahrene sexuelle Verachtung und Ausbeutung den spontanen Affekt der Selbstliebe unterhöhlen.

Die Forderung nach Demut ist immer wieder mit Miesepetrigkeit gegenüber der Freude an Sinnlichkeit und Lebensgenuss verbunden gewesen. Eine Konsequenz ist ein Verlust an Plausibilität und Akzeptanz des Christentums insgesamt für viele Zeitgenoss:innen heute: Wieso soll ich mir von der Kirche ständig das schlecht machen lassen, was mir im Leben am meisten Spaß macht?

Dieses Buch ist eine Spurensuche. Die Potenziale und Schatten von Demut werden in möglichst vielen Facetten ausgelotet. Zugleich versuche ich, dem Rechnung zu tragen, dass ich weiß Gott nicht der Erste und nicht der Einzige bin, der über Demut nachdenkt. Deshalb habe ich in den Fließtext immer wieder Texte eingefügt – Erzählungen aus der Welt der Bibel, Märchen, Statements aus aktuellen medialen Diskursen.

Vor allem aber habe ich Zeitgenoss:innen ganz unterschiedlicher Berufe und Orientierungen um einen O-Ton gebeten. Ein Ingenieur ist darunter, ein Jazzmusiker, ein Tonmeister, eine Bischöfin und Pastor:innen unterschiedlicher theologischer Orientierung.

Dieses Buch beginnt mit einer Auslotung, was Demut für die unterschiedlichsten Menschen bedeuten kann. Die weiteren Ausführungen gliedern sich in zwei Teile:

Im ersten Teil ist die Haltung des Argumentierens vorherrschend: Ich versuche abzuwägen, was an Demut heilsam und was möglicherweise zerstörerisch ist. In diesem Teil des Buches finden sich auch die O-Töne wieder; sie sind nach meiner Wahrnehmung zumeist ebenfalls von dieser Frage bewegt.

Ich überschreibe diesen ersten Teil des Buches: Leben – Erleben – Reflektieren.

Im zweiten Teil des Buches wird das Thema Demut nicht verlassen. Wohl aber wird die Haltung verändert, sich dem Thema zu nähern. Hier schlage ich spirituelle Übungen vor, die einen existenziellen Weg weisen sollen, sich dem eigenen Erleben und Leben von Demut zu öffnen. Diesen zweiten Teil des Buches überschreibe ich mit:

Meditieren.

Ich erhoffe mir, dass die Leser:innen dieses Buches nach der Lektüre für sich selbst die Frage klarer als zuvor beantworten können: Was bedeutet für mich Demut? Brauchen wir Demut?

Hans-Martin Gutmann

Ausloten eines Begriffs

Als ich begonnen habe, über dieses Buchprojekt über Demut nachzudenken, habe ich zunächst eine Reihe von Gesprächen geführt. Ich habe Menschen, die mir vertraut sind, denen ich an diesem Tag aber zum großen Teil zufällig begegnet bin, gefragt: Was denkst du über Demut? Was macht dich selbst demütig? Bitte denk nicht groß nach. Sag einfach spontan, was dir bei dieser Frage in den Sinn kommt!

Mir ist aus diesen Gesprächen deutlich geworden: Demut – das ist ein Wort, das auf den ersten Blick aus der Zeit gefallen scheint. Kaum ein Begriff ruft so viel Assoziation und Abwehr zugleich hervor. Für manche klingt es nach Frömmigkeit, für andere nach Unterwerfung. Für einige ist es eine spirituelle Grundhaltung, für andere ein ethisches Missverständnis. Und doch, bei näherem Hinsehen, zeigt sich: Demut ist ein Schlüsselbegriff, wenn es um das Verhältnis des Menschen zu sich selbst, zu anderen, zur Welt – und möglicherweise zu Gott – geht. Sie ist eine Haltung, die Raum schafft: für Selbstkritik, für Dankbarkeit, für Staunen. Und sie wirkt wie ein stilles Gegengewicht zu Selbstüberschätzung, Allmachtsfantasien oder geistiger Trägheit.

Demut lässt sich nicht einfordern, nicht künstlich erzeugen. Aber sie kann erfahren, erprobt, eingeübt werden – in Liebe, in Konflikten, in Musik, in der Natur, in der Geschichte und im Alltag. Menschen aus unterschiedlichen Lebenskontexten haben sich dazu geäußert. Ich fasse ihre Gedanken zusammen. Und ich füge eigene Überlegungen hinzu, die zum Weiterdenken und -fühlen einladen.

„Demut ist der Mut, der fern von Heldentum unsere Herzen erneuert.“ – so beginnt M., Pastor und Jazzmusiker, seine vielschichtige Reflexion über Demut. Für ihn zeigt sich Demut als Voraussetzung echter Selbstkritik und tiefer Hingabe – gerade in Beziehungen. Sie ist keine Flucht vor Verantwortung, sondern oft das Gegenteil: eine Form von Klugheit, die nicht taktisch ist, sondern menschlich. „Demut halte ich für eine Voraussetzung der Selbstkritik und der Bereitschaft, sich kritisieren zu lassen, ohne sich verletzt zu fühlen. Demut halte ich für eine Bedingung für die Hingabe der beglückenden Art. Demut ist nicht tauglich als Alibi für Feigheit oder Trägheit, wenn es darum geht, für eine gerechte und notwendige Sache streitbar zu sein.“ Besonders bewegend für mich ist M.s Blick auf den verstorbenen Papst Franziskus – dessen Demut sich in kleinen Gesten äußerte: schlichte Schuhe, einfache Wohnung, Mitgefühl mit Flüchtlingen. Und nicht zuletzt – Humor. M. zitiert Bonhoeffer, verweist auf Jesu Worte und beendet seine Gedanken mit einer schönen Erdung: Freunde, die uns freundlich-spöttisch sagen, wir sollen „auf dem Teppich bleiben“.

M.s Beitrag zeigt, denke ich, wie vielschichtig Demut als gelebte Haltung sein kann – zwischen Spiritualität, Liebe, Klugheit und Alltag.

Weiter geht es mit einer Stimme, die Demut als ambivalente Erfahrung zwischen Kindheitserinnerung und heutiger Lebensrealität beschreibt.

„Demut. Das ist eins der Worte, das zugleich fremd und vertraut in meinem Mund schmeckt.“ – N., Bischöfin und Mutter, fühlt sich zwischen zwei Deutungen hin- und hergerissen. In ihrer beruflichen Wirklichkeit ist Demut selten präsent – zu sehr dominiert der Druck, stark, entschlossen, durchsetzungsfähig zu sein. „Demut? Das klingt nach Duckmäusertum, nach Resignation, nach Unterwürfigkeit. Dagegen spricht alles, was heute zählt: Ich gehe an die Grenzen des Möglichen, in jeglicher Hinsicht.“ Und doch erinnert sie sich an die zittrige Handschrift ihrer Großmutter im Poesiealbum: „Wohin Gott dich stellt, da stehe mit Mut und Demut.“ Diese Erinnerung gibt dem Wort wieder Kraft – als Erbe, als innere Orientierung, als Herzenswort.

Ihre Gedanken zeigen, wie Demut Generationen überdauern kann – selbst wenn sie im Alltag kaum noch sprachlich auftaucht.

Was passiert, wenn wir Demut nicht nur als Tugend sehen, sondern auch ihre Schattenseiten realisieren?

„Wie alles in der Welt ist auch die Demut nicht unzweideutig zu haben.“ – F., Pastor und theologischer Leiter eines Kirchenparlaments, betrachtet Demut im Spannungsfeld zwischen Lebenshaltung und Selbstverleugnung. Er erinnert an Formen falscher Demut: demonstrativ, demütigend, krankmachend. Und doch hält er an ihr fest – als Weg zur inneren Schönheit, zur Leichtigkeit des Seins. Demut verbindet er mit Großzügigkeit, Mitgefühl, Humor – und mit der tiefen Einsicht: Ich bin nicht das Zentrum der Welt. Im religiösen Kontext wird das zur erkenntnisreichen Perspektive: Ich bin Teil eines Erlösungswerkes, das größer ist als ich selbst. „Ich bin ein Teil der wundervollen Schöpfung Gottes. Das lehrt mich Demut gegenüber dem Schöpfer und Respekt gegenüber der Mitwelt. Ich bin nicht das Zentralgestirn dieser Wirklichkeit, sondern ein kleines Staubkorn, das sich an dem gigantischen Ganzen erfreuen kann.“

F. zeigt, dass Demut nicht in sich widerspruchsfrei sein muss, um lebensdienlich und befreiend zu sein.

„Demut bedeutet, sich nicht über andere zu erheben.“ – B., Pastorin und Therapeutin, bringt die Demut ins Beratungsgespräch. Für sie heißt das: nicht zu glauben, man selbst habe die Lösung – sondern das Gegenüber auf seinem Weg zu begleiten. In der Fußwaschung von Papst Franziskus erkennt sie ein praktisches Bild echter Demut. Zugleich betont sie, wie sehr wir uns verdanken – Menschen, Natur, Beziehungen. „Mit Demut verbinde ich auch Dankbarkeit, eine Haltung der Dankbarkeit, und sich dessen bewusst zu sein, dass wir uns anderen verdanken, anderen Menschen aber auch anderem. Das Leben wird uns geschenkt. Von Beginn an können wir nur leben, weil andere Menschen uns versorgen, weil wir in Beziehungen sind, weil wir vernetzt sind, weil wir Sauerstoff zum Atmen und Wasser zum Trinken haben, weil die Erde da ist, auf der Menschen säen, ernten und weitere Lebensmittel produzieren und verarbeiten können. Und weil wir geliebt werden. Ich selber erfahre Demut z. B. am Meer, wenn ich gewahr werde, dass ich nur ein winziger Teil in der Unendlichkeit eines großen Ganzen bin.“ Und zugleich erinnert B. an die Gefahren: dass Demut instrumentalisiert wurde, etwa gegenüber Frauen, um Machtgefälle zu legitimieren.

B.s Stimme bringt einen entscheidenden Aspekt ein: Demut als Gegengift gegen Größenwahn – und als Kraft, die uns mit Dankbarkeit und Liebe erfüllt.

Ein weiterer Gesprächspartner zeigt einen ästhetisch-musikalischen Blick auf Demut.

„Ich habe bei aller Ehrfurcht vor den großen Musikern vor diesem kleinen Vogel noch ein bisschen mehr Ehrfurcht.“ – St., Jazzbassist, beschreibt, wie ihn die Amsel auf dem Balkon mehr berührt als jede virtuos eingespielte Jazz-CD. In der Natur – speziell im Vogelgesang – entdeckt er eine Form der Vollkommenheit, die nicht studiert, nicht gelernt ist. Diese Erfahrung relativiert menschliches Schaffen und stiftet Staunen – und damit Demut. Für ihn liegt darin eine tiefe ästhetische wie auch spirituelle Erfahrung. „Und dann muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich bei aller Ehrfurcht vor den großen Musikern vor diesem kleinen Vogel noch ein bisschen mehr Ehrfurcht habe. Es ist auf jeden Fall unglaublich und in den Variationsmöglichkeiten, die er da so zeigt, auch unübertroffen. Das ist ein Gefühl von, ja, von Demut im Sinne von: Unsere Natur auch im Akustischen oder Ästhetischen hat so viel zu bieten, dass wir unsere ganzen menschlichen Leistungen auch mal in Relationen sehen können. Ich bin nicht obendrauf auf allem, sondern ein Teil davon.“

St.s Bild erinnert: Manchmal geschieht Demut im Zuhören – wenn wir die Welt auf neue Weise wahrnehmen dürfen.

Im folgenden Gespräch wird Demut aus einer politischen, kritischen Perspektive gedeutet.

„Der Einzelne ist kein herrschendes Wesen.“ – G., Aktivistin, ringt mit dem Begriff „Demut“ – und verwirft ihn zunächst als ein Mittel ideologischer Unterdrückung. Doch aus ihrer humanistisch-marxistischen Perspektive gewinnt er neue Bedeutung: „Der Mensch ist Schöpfer seiner selbst, indem er sich über die Jahrtausende die Verhältnisse angeeignet hat, in denen er lebt, und dabei sowohl die gesellschaftliche als auch natürliche Mitwelt gestaltet. Aber: Der Einzelne ist kein in diesem Sinne herrschendes Wesen, und wir können niemals mehr sein als die Gesamtheit unserer Geschichte, Erlebnisse, Erfahrungen, Beziehungen und der Art, wie wir sie gestalten.“ Demut liegt in der Einsicht, dass wir nie nur Individuen sind, sondern immer auch Teil kollektiver Geschichte, von Erfahrungen und Beziehungen geprägt. Diese Haltung kann – auch ohne das Wort zu verwenden – demütig machen: im Wissen um die Begrenztheit der Selbstbestimmung und die Größe gemeinsamer Geschichte.

G.s Beitrag öffnet den Blick: Demut muss nicht religiös sein – sie kann auch eine politisch-kritische Haltung gegenüber Macht, Geschichte und Verantwortung sein.

Zum Schluss hat mich ein Gespräch sehr berührt, das persönlich, knapp und still über Demut handelt, aber gerade darin, denke ich, sehr stark ist.

„Ich empfinde Demut gegenüber dem Gedanken der Familie.“ – F., Ingenieur und Familienvater, beschreibt Demut als Lebensgefühl: angesichts der Natur, des Lebens selbst – und in der Erfahrung von Familie. „Ich habe Demut vor der großen weiten Welt und der Natur, vor dem Leben, das uns umgibt. Ich spüre, ich verspüre mich als kleines Wesen, welches die Umgebung auch so akzeptieren sollte, wie sie ist, um frei und entspannt in ihr zu leben. Und ich empfinde Demut gegenüber dem Gedanken der Familie, die so groß und wichtig ist, dass vieles ganz schnell zweitrangig wird.“ In dieser Haltung tritt das eigene Ego zurück, um Platz zu machen für etwas Größeres.

Ein leiser Gedanke – und ein starker: Demut als leises Ja zum Leben.

Ich habe aus meinen mehr oder weniger zufälligen Gesprächen über Demut viel gelernt. Die Gespräche bestärken mich, dieses Büchlein zu schreiben. Demut ist keine Schwäche. Sie ist keine Unterordnung, kein Rückzug, kein stummes Erdulden. Sie ist eine Haltung, die den Menschen schützt vor Überheblichkeit, vor Isolation, vor dem Wahn der Selbstgenügsamkeit. Sie verbindet – mit anderen, mit dem Größeren, mit der Welt. Vielleicht ist Demut letztlich nichts anderes als: die Würde des Staunens.

Buch 1: Leben – Erleben – Reflektieren

Demut ist ein existenzielles Lebensgefühl

Albert Schweitzer erzählt von einer Widerfahrnis, die sein Leben verändert. Als er während einer Flussfahrt auf einem Boot an einer Herde Nilpferde vorbeigleitet, widerfährt ihm eine tiefe existenzielle Einsicht. Diese Erfahrung wird sein weiteres Leben beleuchten:

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“

Das ist Antwort, denke ich, auf die Frage: „Was ist Demut?“

Was macht mich selber demütig?

Die Liebe meiner Lebensliebsten.

Die Intensität von Zärtlichkeit und Kraft einer Liebesbegegnung.

Die Geburt unserer Tochter.

Die Beziehung zu unseren Enkeln. Zwei Jungs, Zwillinge, mittlerweile vier Jahre alt. Voller Charme, Lebenslust und Liebe.

Das Glücksgefühl, wenn Kleinkinder – damals unsere Tochter, heute die Enkel – aus brenzligen und manchmal lebensgefährlichen Situationen unbeschadet herauskommen. Beispielsweise im Straßenverkehr.

Die Erfahrung von Verlässlichkeit und Freundschaft, auch wenn ich Mist gebaut habe.

Die Erfahrung, wenn ich in meiner lang andauernden Krankheit trotz häufiger und heftiger eintretender Einschläge immer noch auf die Beine komme.

Danke, Gott.

Die Geschwindigkeit, in der Vierjährige alles gleichzeitig lernen: Sprechen, Körper beherrschen, schlagfertig eigene Interessen durchsetzen …

Der Gesang der Vögel morgens um vier bei offenem Fenster. Wenn sie alle nach und nach aufwachen und loslegen. Besonders Amseln bezaubern mich mit ihrem Gesang und machen mich demütig, was meine eigenen ästhetischen Fähigkeiten angeht.

Das Wiedererwachen des Lebens im Frühling, wenn im Garten totgeglaubte Sommerflieder, die ich selbst verpflanzt habe, die ersten Knospen entwickeln.

Eine heile Landung im Flugzeug nach einem Flug voller heftiger Turbulenzen.

Ich könnte diese Liste um vieles ergänzen.

Demut: Das ist ein intensives Lebensgefühl, das in oft plötzlich eintretenden und unverhofften Widerfahrnissen erwacht. Oft aber auch aus der Begegnung mit langfristig heilsamen Beziehungen.

Mich selbst hat besonders intensiv die Begegnung mit dem Tod demütig gemacht. Ich habe in meiner Rolle als Pastor immer wieder Menschen in einem Bestattungsgottesdienst begleitet. In manchen Fällen habe ich eine „Aussegnung“ gestaltet. Die Aussegnung findet – vor der Bestattung – am letzten Lebensort des:der Verstorbenen statt. Der:die Verstorbene ist im Raum gegenwärtig. Er:sie wird angesprochen und wird gesegnet – mit einem „Reisesegen“.2 Es wird zugesagt, wohin diese Reise führen wird: „Unser Herr Jesus Christus sei … vor dir, dass er dich leite und führe zur ewigen Heimat.“

Mich hat vor allem demütig gemacht, wie das Leben diese Menschen, die ich oft gut kenne, Schritt für Schritt verlässt. Stunden nach Eintritt des Todes sieht das Antlitz, sieht der ganze Körper eines Menschen völlig anders aus als unmittelbar nach dem Sterben. Das Leben verlässt den sterblichen Körper Schritt für Schritt und begibt sich auf eine letzte Reise. Nie habe ich das so stark empfunden: Wir werden sterben müssen. Die unmittelbare Begegnung mit dem Tod macht mich demütig gegenüber dem Leben.

Demut ist eine Haltung

Ich sehe Demut als eine Haltung. Diese Haltung verbindet all das, was ein Individuum an Handlungen und Verhaltensbereitschaften zeigt. Wie eine Melodie, die immer mitschwingt und alles begleitet und umhüllt, was ein Mensch denkt, will und tut.

Ich habe bei mir selbst die Haltung der Demut immer wieder vermisst. Besonders in pädagogischen Beziehungen. Beispielsweise immer dann, wenn ich gegenüber unserer damals pubertierenden Tochter das Wort „basta“ gebraucht habe, das sie gehasst hat, weil es alle weiteren Diskussionen ausgeschlossen hat – immer dann, wenn wir uns über Streitpunkte nicht einigen konnten, die im Leben einer Dreizehn- bis Sechzehnjährigen wichtig sind und mir als Vater oft verwegen vorkamen.

Oder als Hochschullehrer, wenn ich nach einem Seminar einen Stapel Hausarbeiten durchzusehen hatte und immer wieder hätte in die Luft gehen können (wie das HB-Männchen in der Zigarettenreklame meiner Jugend), wenn ich realisieren musste, was von meinen Anstrengungen zur Vermittlung wichtiger Inhalte „hängengeblieben“ war – oder halt nicht.

All dies ist nichts Neues. Theoretisch wusste ich das. Bloß: Das hilft in aktuellen Konflikten oft nicht weiter. Trotzdem macht es Sinn, daran zu erinnern:

Die Frage nach „Haltung“ hat eine lange philosophische, auch religiöse Tradition. Die Orientierung an Tapferkeit und Tugend (areté bzw. virtus im alten Griechenland und in Rom), die sokratische Forderung, sich selbst zu erkennen (gnothi s’auton), die Forderung, sich um sich selbst zu sorgen3: All dies sind Haltungen.

„Haltung“ bedeutet: Menschen sind in Handeln und Verhalten nicht nur durch ihre Lebensbedingungen bestimmt. Sondern die Individuen sind immer als Person im Spiel. Mit dem, was sie zu unverwechselbaren Individuen macht: Selbstreflexion. Entscheidung für Lebenswege. Achthaben auf Andere u.a.m.

In Platons Alkibiades zeigt Sokrates, dass sich nur um die polis kümmern kann, wer sich zuvor um sich selbst kümmert. Dieser Imperativ des Sokrates ist durch alle möglichen Lehren gewandert. Er hat die Form einer Haltung angenommen, er hat ganze Lebensweisen durchtränkt. Allerdings hat Sokrates gegenüber seinem Schüler Alkibiades seine Haltung nicht durchsetzen können. Sokrates selbst kann als ein klassisches historisches und philosophisches Vorbild für Demut wahrgenommen werden. Seine beständige Forderung, sich selbst und andere zu erkennen. Seine Zurückhaltung in Fragen politischer Machtausübung. Seine Verweigerung, eigene Lebensinteressen durchzusetzen.

Ja: Seine Haltung der Demut geht so weit, dass er in seine eigene Hinrichtung einstimmt und diese an sich selbst durchführt.