Jerry Cotton 3320 - Krimi-Serie - Jerry Cotton - E-Book

Jerry Cotton 3320 - Krimi-Serie E-Book

Jerry Cotton

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Beschreibung

Aus dem Büro eines höchst erfolgreichen New Yorker Finanz-Start-ups sprangen die Geschäftsführer Rupert Davies, Stanley Caroll und Jack Bronski offenbar unter dem Einfluss von Drogen und Alkohol aus dem zwanzigsten Stockwerk in den Tod. Die vierte Teilhaberin, Hazel Ward, war spurlos verschwunden. In Harvard waren die jungen Gründer "Club der Billionäre" genannt worden. Als die Obduktion erbrachte, dass die drei Männer kurz vor ihrem Ableben brutal gefoltert worden waren, schrillten beim FBI sämtliche Alarmglocken. Denn wir mussten unsere Anstrengungen verdoppeln, um Hazel noch lebend zu finden!

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Seitenzahl: 139

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Inhalt

Cover

Club der Billionäre

Vorschau

Impressum

Club der Billionäre

Vier Bürostühle standen fein säuberlich aufgereiht in der Mitte des geräumigen Besprechungsraums. An die Stühle gefesselt und geknebelt, waren drei Männer und eine Frau, ihre Augen in Panik weit geöffnet.

Daniele Siso riss einem der Männer das Klebeband von den Lippen. »Wo ist das Geld, Bronski?«

»Es ... es tut mir leid! Das lässt sich sicher alles aufklären«, stammelte der Mann unter Tränen.

»Also gut«, sagte Siso grimmig.

Er packte einen weiteren Bürostuhl und zertrümmerte die Panoramascheibe. Dann schnitt er die Handfessel des jungen Mannes auf. Siso war über sieben Fuß groß und hatte die Statur eines Ochsen. Er hob den Mann hoch, als wäre er eine Schneiderpuppe, und trat an das zugige Loch, wo vorher das Fenster gewesen war.

»Wo?«, brüllte er.

»Ich weiß es nicht!«, schrie der junge Mann in Todesangst.

Siso warf ihn aus dem Fenster. Die anderen hörten Bronskis Todesschreie, während er zwanzig Stockwerke in die Tiefe stürzte.

Siso nickte Rossi zu. Sein Partner nahm als Nächstes der jungen Frau den Knebel ab.

Siso schüttelte den Kopf. »Die nicht, mit der habe ich etwas anderes vor«, sagte er und leckte sich genießerisch die Lippen.

Zwei Wertpapierhändler der New York City Bank standen auf dem Bürgersteig an einem wackligen Tisch beisammen und ließen sich zwischen ihren Millionendeals ein schnelles Mittagessen schmecken. Der Foodtruck mit dem Namen »Chili up your life« hielt hier jeden Donnerstag, und die Chilidogs, die er verkaufte, waren weit über den Stadtteil hinaus berühmt. Die Broker unterhielten sich über Aktienkurse und Arbitragegeschäfte und über die üppige Blondine, die der Leiter der Handelsabteilung als neue Sekretärin eingestellt hatte, vermutlich nicht ausschließlich weil sie fünfhundert Anschläge pro Minute schaffte.

Plötzlich unterbrach der eine von ihnen seinen Redeschwall. Er horchte auf, blickte nach oben. Seine Augen wurden groß wie Untertassen. Im letzten Moment kam er zur Besinnung. Er griff nach seinem Lunch, riss den Kollegen vom Tisch weg, und sie stolperten unter das Vordach von Chili up your life. Eine Sekunde später durchschlug der Körper eines Menschen den Tisch und landete auf den Asphalt. Durch die Wucht des Aufpralls hüpfte der Körper hoch wie ein Ball. Er landete fast an derselben Stelle und hinterließ eine riesige Sauerei aus Blut, Eingeweiden, Hirnmasse und Knochen.

Der Banker sah auf das Schälchen mit dem Chilidog in seiner Hand, sah zurück zu dem blutigen Bündel, das bis vor wenigen Sekunden noch ein Mensch gewesen war, und erbrach sich über sein Essen.

Eine Frau fing an zu schreien. Jemand brüllte, man solle einen Krankenwagen holen, ein anderer antwortete gelassen, dafür sei es eindeutig zu spät. Von Ferne heulte eine Sirene, aber die galt sicher nicht dem Selbstmörder, dafür war es noch zu früh, dachte sich der Wertpapierhändler. Dankbar nahm er die Serviette, die der Inhaber des Foodtrucks ihm anbot.

Gerade als er einmal tief durchgeatmet und sich wieder gefangen hatte, schlug ein zweiter Mann auf dem Boden vor ihnen auf.

Und danach noch einer.

Phil stieg in den Jaguar. Er reichte mir einen Becher frischen Kaffee und zog die Tür zu. Es war noch früh, ich holte ihn an der üblichen Stelle ab. Bevor wir uns dem Chaos des erwachenden Tages stellten, schaltete ich den Motor aus und genoss einen Schluck. Phil tippte mit dem Zeigefinger auf eine Anzeige in der New York Times.

»Dreißig Prozent!«, sagte er bedeutungsvoll.

Ich riskierte einen Blick in das Blatt. Phil hatte den Wirtschaftsteil aufgeschlagen und bezog sich auf eine kleine Werbeanzeige unten im Eck.

»Dreißig Prozent Rendite, Jerry. Bei minimalem Risiko!«, rief mein Partner begeistert.

»Finde den Fehler«, erwiderte ich vieldeutig.

»Ich hab neulich einen Fernsehspot gesehen, in dem macht dieser Hollywoodstar Liam ... Dingsbums Werbung für die Investmentfirma. Ich meine, Werbung in der Times und Liam Dingsbums, was das wohl kostet! Die müssen irre erfolgreich sein! Sonst könnten die sich das gar nicht leisten.«

Ich seufzte. Phil war schnell zu begeistern, aber man musste ein bisschen auf ihn aufpassen, damit er sich nicht kopfüber ins Unglück stürzte.

»Solange die genug Idioten finden, die ihnen ihr Geld anvertrauen, können die sich auch Schauspieler und Anzeigen in der Times leisten«, erklärte ich. »Denk doch mal nach. Auf dein Sparbuch bekommst du heutzutage gar keine Zinsen mehr, und das für null Risiko. Warum sollten die dreißig Prozent zahlen für ebenfalls null Risiko? Da kann was nicht stimmen.«

»Weil sie irre coole IT-Systeme haben? Weil sie schlauer sind als alle anderen?«, meinte mein Partner trotzig.

Ich schüttelte den Kopf und startete den Motor. »Die müssen gar nicht schlauer sein als alle anderen. Nur schlauer als all die Idioten, die ihnen ihre Kohle überlassen. Zu denen du dich hoffentlich nicht zählst.«

Phil klappte die Zeitung zu. »Ich sehe schon, du bist risikoavers«, sagte er beleidigt.

Ich spürte das Gewicht meiner Glock im Gürtelholster und lachte. »Risikoavers – der ist gut!«

Eine Dreiviertelstunde später saßen wir in Mr. Highs Büro. Helen hatte uns direkt bei unserer Ankunft im FBI-Hauptquartier abgepasst und zu ihm geschickt.

»Heute morgen ist die Hölle los«, hatte sie uns vorgewarnt.

Der Chef bat uns an den Konferenztisch, öffnete eine Kladde und schob sein Tablet über den Tisch, die Foto-App bereits geöffnet. »Tut mir leid, dass ich Ihnen das schon vor dem Frühstück zumuten muss, Gentlemen.«

Phil und ich nahmen die Bilder in Augenschein. Phil sog Luft durch die zusammengebissenen Zähne ein, ich spürte, wie mir etwas flau im Magen wurde. Wir sahen die Überreste von drei Menschen, die offenbar durch einen Sturz aus großer Höhe zu Tode gekommen war. Natürlich hatten Phil und ich in unserer Karriere schon viele Tote zu Gesicht gekriegt, was die Schwerkraft jedoch mit einem Körper anrichten konnte, ließ einen nicht kalt, egal wie viele Jahre man beim FBI schon auf dem Buckel hatte.

Vom vierten Bild lächelte uns eine junge Frau entgegen. Sie war ein wenig mollig, attraktiv, und ihr Silberblick ließ sie ein bisschen verpeilt, aber sympathisch wirken.

»Wollten Sie uns die Frau nicht zumuten?« Ich seufzte.

»Miss Ward ist nicht zu Tode gestürzt, sie wird vermisst. Doch fangen wir vorne an.«

Mr. High reichte uns einen Hochglanzprospekt. Darauf stand in großen Lettern: SOHO COMMERCIAL ASSET MANAGEMENT – JAHRESBERICHT.

»Bei den Toten handelt es sich um Jack Bronski, Rupert Davies und Stanley Caroll. Gemeinsam mit der vermissten Hazel Ward bildeten sie das Geschäftsführerquartett dieser Investmentfirma. Gestern Mittag stürzten sich die drei Männer aus dem Fenster ihres repräsentativen Büros im Buffet Building in Soho, und Miss Ward beschloss, die Firma unangekündigt und ohne Hinweis auf ihren Verbleib zu verlassen.«

»Man kann die Fenster im zwanzigsten Stock des Buffet Building öffnen?«, wunderte sich Phil. Üblicherweise war das in Hochhäusern nicht möglich.

»Wenn man die Scheibe mit einem massiven Bürostuhl zerschlägt, durchaus«, antwortete der Chef trocken. »Bei Soho Commercial Asset Management handelt es sich um eine sogenannte Fintec-Firma, die recht erfolgreich versucht, die Entwicklung der weltweiten Aktienmärkte mit hochmodernen Computersystemen vorauszusehen und damit Geld für ihre Investoren zu verdienen. Die Kundenliste deckt sich angeblich weitgehend mit dem Inventar der Klatschkolumne in der New York Times.«

»Und was hat das FBI mit einem Dreifachselbstmord zu tun?«, wollte ich wissen.

»Bronski werden Kontakte zur russischen Mafia nachgesagt, obwohl man ihm nie etwas nachweisen konnte. Daher haben wir Grund zur Annahme, dass die drei Gentlemen nicht ganz freiwillig ihr Büro durch das Panoramafenster verlassen haben.«

»Rechnen wir uns Chancen aus, Miss Ward noch lebend zu finden?«, erkundigte sich Phil.

»Ich hoffe es sehr, denn wenn sie auch tot ist, haben wir vermutlich keine Zeugen, und es wird sehr schwer, an die Täter heranzukommen. Außerdem ist es nicht ausgeschlossen, dass sie selbst etwas mit der Tat zu tun hat, als Komplizin oder gar als Auftraggeberin.«

»Gibt es Überwachungsvideos aus dem Gebäude oder drum herum, Sir?«

»Das müssen Sie abklären, Phil, in meinen Unterlagen steht nichts davon.«

»Histologie?«, fragte ich knapp.

»Das übliche. Dem ersten Eindruck nach Kokain und Alkohol. In Bronskis Schreibtisch wurden auch kleinere Mengen Cannabis und Aufputschmittel gefunden.«

Kokain hatte sich inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit selbst in bürgerlichen Schichten gemausert. Kaum ein Büro, in dem nicht regelmäßig gekokst wurde, zur Mittagszeit, als Alternative zu einem gesunden Lunch. Vielleicht hatte das Führungstrio ja Besuch von einem Dealer bekommen, dem sie Geld schuldeten. Ich ließ Phil und den Chef an meinem Gedankengang teilhaben.

»Nicht ganz ausgeschlossen, behalten Sie alle Ermittlungsrichtungen im Auge, Jerry. Wie Sie sich denken können, genießt dieser außergewöhnliche Fall recht viel Publizität. Passen Sie also ein wenig auf, was Sie in der Öffentlichkeit von sich geben. Und ich hätte gerne morgen früh einen ersten Bericht.«

Mit diesen abschließenden Worten überreichte er uns seine Kladde und entließ uns aus seinem Büro.

»Siehst du, Phil«, zog ich meinen Partner auf, »kein Reichtum ohne Risiko.«

Sah man von der Theorie eines kollektiven Suizids ab, eine Option, die ich noch nicht endgültig zu den Akten gelegt hatte, lagen die Hintergründe unseres neuen Falls mit Sicherheit in der Firma unserer drei toten Geschäftsführer begraben. Warum sonst dieser Tatort?

Ein Blick in das Handelsregister bestätigte unserem Analysten, Supervisory Special Agent Dr. Ben Bruckner, dass Soho Commercial Asset Management über einen Aufsichtsrat verfügte. Den Nachnamen der Aufsichtsratsmitglieder Davies, Caroll und Ward zufolge handelte es sich hier um ein Family Business. Eltern oder Geschwister mussten als Aufsichtsräte herhalten, damit den gesetzlichen Anforderungen zumindest auf dem Papier Genüge getan wurde. Der einzige nicht verwandtschaftlich verbundene Name unter den Aufsichtsräten war der von Professor Waldo M. Shuster.

Wie es sich ergab, war Shuster seit Jahren ein heißer Kandidat für den Wirtschaftsnobelpreis und Inhaber des Lehrstuhls für Investmenttheorie an der Madison School of Finance. Es handelte sich dabei um ein Institut der Universität New York mit Sitz in Newark, eine gute Stunde Fahrt vom Jacob K. Javits Federal Building entfernt.

Hazel Wards Eltern hatten wir uns eigentlich als Erste vornehmen wollen, aber der Anwalt der äußerst wohlhabenden Familie teilte uns mit, wir müssten uns gedulden, weil sich Mr. und Mrs. Ward derzeit nicht in der Lage sehen würden, mit uns zu reden. Also machten wir stattdessen dem Professor unsere Aufwartung.

Am Telefon gab sich Shuster beschäftigt, es kostete Helen einiges an Überzeugungskraft, einen Termin bei ihm zu bekommen, und zwar nicht erst im folgenden Jahr. Schließlich sprangen wir in den Wagen und machten uns auf den Weg.

Die Hochschule residierte in einem Backstein-Ensemble am Rande des Branch Brook Park im Stadtzentrum von Newark. Den Mittelpunkt des Komplexes bildete eine zur Bibliothek umfunktionierte Kirche. Auf dem englischen Rasen rund um das Kirchengebäude hatten sich kleine Gruppen von Studenten niedergelassen und debattierten mit aufgeschlagenen Büchern auf den Knien.

Shusters Büro lag im nordwestlich gelegenen Eckgebäude im zweiten Stock. Auf unser Klopfen hin öffnete uns ein weißbärtiger älterer Mann, gekleidet wie man sich einen englischen Adeligen vorstellte, mit Krawatte, Einstecktuch und Tweedjackett. Bestimmt hing an seiner Garderobe ein Zylinder.

»Professor Shuster?«, fragte ich.

»Sind Sie die Gentlemen vom FBI?«, fragte er zurück.

Wir präsentierten unsere ID Cards.

»Ich bin Special Agent Cotton, das ist mein Partner Special Agent Decker.«

Er bat uns in sein Büro, in dem es eine riesige Bücherwand mit Fachliteratur gab. Ansonsten wirkte der Raum aufgeräumt, beinahe kahl. Auf dem antiken hölzernen Schreibtisch stand nichts außer einem modernen Laptop. Ich blieb vor dem Regal stehen und überflog ein paar Buchrücken.

»Kennen Sie sich aus, Agent Cotton?«, erkundigte sich Shuster in meinem Rücken.

Ich deutete auf einen schmalen Band. There is no such thing as a free lunch, von Milton Friedman, kommentierte und aktualisierte Ausgabe.

»Früher, also lang vor meiner Zeit, bekam man in einigen Bars in Manhattan ein kostenloses Essen, wenn man mindestens einen Drink kaufte«, sagte ich.

»Ganz richtig.« Shuster lachte. »Daher stammt der Ausdruck ursprünglich. Friedman hat sehr treffend dargelegt, wie dieses Essen auf den zweiten Blick keineswegs ›kostenlos‹ war.«

»Denn meistens war das Essen ziemlich gut gewürzt, sodass man ein paar zusätzliche Biere brauchte, um das ganze Salz runterzuspülen«, erinnerte ich mich.

»An Ihnen ist ein Ökonom verloren gegangen«, meinte Shuster anerkennend. »Setzen Sie sich doch, Gentlemen.«

Phil und ich nahmen vor seinem Schreibtisch Platz.

»Danke, dass Sie ein Gespräch möglich machen konnten. Es geht, wie Sie sich sicher denken können, um die Firma, in deren Aufsichtsrat Sie sitzen«, sagte ich.

Die Miene des Professors verfinsterte sich. »Ich bin zutiefst schockiert. Vier junge Menschen, tot, von einem Tag zum nächsten. Ich weiß nicht, was ich sagen soll ...«

Phil und ich tauschten einen irritierten Blick.

»Vier, Professor?«, hakte mein Partner nach.

Shuster betrachtete seine Hände. »Glauben Sie denn ernsthaft, Miss Ward ist noch am Leben?«

»Glauben Sie das etwa nicht?«, entgegnete ich.

»Ich gebe die Hoffnung nicht auf, sie wäre nur ... entführt worden, aber besonders realistisch ist das nicht«, antwortete er.

»Und aus welchem Grund?«, fragte Phil.

»Warum sollte sie verschont worden sein?«, fragte Shuster zurück.

»Vielleicht arbeitet sie mit den Tätern zusammen. Oder ist gar selbst die Auftraggeberin«, schlug ich vor.

»Hazel?« Shuster lachte bitter auf. »Nie im Leben. Hazel ist die Integerste von allen.«

Seine Erklärung weckte meinen Argwohn. »Waren die anderen denn weniger ›integer‹?«

»Vergessen Sie es, das war nur so dahingesagt. Sie waren allesamt hochtalentierte junge Leute, die eine große Zukunft vor sich hatten«, meinte er brüsk.

Ich machte mir eine Notiz, auf diesen Punkt wollte ich später noch einmal zurückkommen.

»Okay, vielleicht beginnen wir von vorn, Professor Shuster. Wie stehen Sie in Verbindung zu Bronski, Davies, Caroll und Hazel Ward? Immerhin sitzen Sie im Aufsichtsrat ihrer Firma.«

Shuster sah mich ungläubig an. »Sie waren meine Studenten. Nicht nur irgendwelche, sie gehörten zu den besten ihres Jahrgangs. Wussten Sie das nicht?«

Ich schüttelte den Kopf. »Wir stehen erst ganz am Anfang der Ermittlungen. Sie waren allesamt noch hier an der Uni eingeschrieben?«

»Das ist richtig. Keiner von ihnen war älter als zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig, doch sie waren jeder für sich schon Experten in ihrem Fachgebiet. Sie waren Vorbilder für ihre Kommilitonen.«

»Und haben ganz einfach neben dem Studium noch eine Investmentfirma gegründet, die Millionengelder verwaltet?«, fragte ich ungläubig.

»Viele unserer Studenten gründen während des Studiums ihr erstes Start-up. Wir Professoren ermutigen sie sogar dazu. ›Bei Geld und bei Frauen ersetzt nichts die persönliche Erfahrung›' sage ich immer.« Shuster schmunzelte. »Doch Soho Commercial Asset Management war schon etwas Besonderes. So erfolgreich wie der Club der Billionäre war niemand sonst auf dem Campus.«

»Der Club der Billionäre?«, hakte ich nach.

»So wurden Bronski, Davies, Caroll und Hazel Ward auf dem Campus genannt.«

»Waren sie es denn? Billionäre?«

Shuster schüttelte den Kopf. »Es war nur eine Redensart, Agent Decker. In fünf oder sechs Jahren wären sie es jedoch vermutlich tatsächlich geworden.«

»Worauf gründete sich der Erfolg der Firma?«, wollte ich wissen.

Ich bemerkte, wie sich Shusters Körperhaltung veränderte, er schien sich unwohl zu fühlen.

»Nun, so genau kann ich Ihnen das gar nicht sagen. Sie hatten irgend so einen Algorithmus entwickelt, eine Art künstliche Intelligenz, die ihnen die erfolgversprechendsten Investments ausrechnete.«

»Irgend so einen Algorithmus? Das klingt sehr vage«, wunderte ich mich.

»Wie gesagt, ich sitze nur im Aufsichtsrat und bin auch nicht weiter in das Tagesgeschäft involviert. Wie das genau funktioniert, müssten Sie schon ...« Er brach mitten im Satz ab.

»Da müssten wir schon Bronski, Davies, Caroll oder Hazel Ward fragen, aber die sind tot oder verschwunden«, konterte ich. »Gibt es sonst jemanden, der uns weiterhelfen könnte? Hat die Firma Angestellte?«

Der Professor schüttelte den Kopf. »Nur eine Putzfrau und ein paar studentische Aushilfen, aber die kennen keine Details, soviel ich weiß.«

Ich sah aus dem Fenster und bewunderte das satte Grün des Campusrasens. Ich wollte ein wenig Zeit gewinnen, bevor ich die richtig unangenehmen Fragen stellte.

»Das ist eine sehr inspirierende Aussicht«, stellte ich fest.

Shuster nickte. »Drei Nobelpreisträger haben sie bislang genossen.«

»Und Sie sind vielleicht Nummer vier, wie man hört«, schmeichelte ich ihm.

»Wir werden sehen«, antwortete er salomonisch.

»Wissen Sie, ob die vier Drogen konsumiert haben?«, fragte ich schließlich.

Shuster antwortete wie aus der Pistole geschossen. »Die waren nicht die Typen dafür. Ich habe einen Blick dafür, ob jemand für so etwas anfällig ist. Nicht der Club der Billionäre!«

»Nicht mal Kokain?«, setzte Phil nach.

»Warum? Haben Sie etwas gefunden?«, wollte Shuster wissen.

»Geringe Mengen. Einem Ermittlungsansatz nach haben die vier vielleicht Ärger mit einem Dealer bekommen«, sagte ich.

»Nicht wenige Studenten machen sich mit Aufputschmitteln für Prüfungen fit, und natürlich bin ich kein Dummkopf. Dass Kokain eine Art Alltagsdroge geworden ist, weiß inzwischen ja jeder. Doch dass der Club in größerem Stil etwas mit Drogen zu tun hatte, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen«, wehrte Shuster ab.

Ich ließ seine Auslassungen wirken. Sie klangen für mich ehrlich. Was nicht ehrlich geklungen hatte, war seine Wortwahl über die Integrität von Hazel Ward gewesen, und darauf kam ich jetzt zurück.