Jerry Cotton - Folge 3119 - Jerry Cotton - E-Book
Beschreibung

Mr High war als Vertreter des FBI zu einer Tagung für ehemalige Polizei-, FBI- und andere Regierungsbeamte eingeladen worden. All diese Männer und Frauen hatten in Ausübung ihrer Pflicht schwere Verletzungen erlitten und waren seitdem behindert. Während der Rede des Assistant Directors kam es zum Eklat: Ein ehemaliges Mitglied eines SWAT-Teams behauptete lautstark, im letzten halben Jahr seien mehrere Kollegen kaltblütig ermordet worden. Denn irgendjemand habe eine regelrechte Jagd auf Behinderte begonnen ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:143


Inhalt

Cover

Impressum

Spiel mit der Angst

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelfoto: (Film) »Tödlicher Gefallen«/ddp-images

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-4528-5

www.bastei-entertainment.de

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Spiel mit der Angst

»Soll ich Sie über die Straße schieben?«, fragte der junge Jogger und sah auf Catherine hinab.

»Danke, das kann ich schon allein«, erwiderte sie aggressiv, um ein schiefes Lächeln hinterherzuschicken.

Der Mann zuckte mit den Schultern und rannte los, als die Ampel grün wurde. Catherine legte ihre Hände an die Reifen des Rollstuhls und manövrierte sich geschickt auf die Straße. Zwar hörte sie den aufheulenden Motor, aber erst, als sie nach rechts blickte, bemerkte sie den Geländewagen. Mit viel zu hoher Geschwindigkeit näherte er sich der Kreuzung.

»Was, zum Teufel …?«, entfuhr es ihr.

Hektisch versuchte sie, auf die gegenüberliegende Straßenseite zu gelangen, doch es war zu spät. Das Fahrzeug rammte den Rollstuhl mit voller Wucht. Catherine flog durch die Luft. Als sie auf dem Asphalt aufschlug, war ihr Genick bereits gebrochen.

»Vielen Dank, Direktorin Wytham«, sagte Mr High und ging ans Mikrofon.

Dianne Wytham war zuständig für die Sektion behinderte Menschen beim Center for Disease Control and Prevention, dem CDC, und hatte den Assistant Director des FBI angekündigt, damit er das neue Programm des Federal Bureau of Investigation vorstellen konnte.

Mr High blickte auf die etwa hundertfünfzig Frauen und Männer im Publikum. Jeder war einmal als FBI-, CIA-, DEA-Agent oder Polizeibeamter im Einsatz gewesen und in Ausübung seiner Pflicht verletzt worden. Jetzt waren diese Menschen behindert. Viele von ihnen saßen im Rollstuhl, hatten einen Arm oder ein Bein verloren, waren blind oder taub, weshalb auch ein Dolmetscher für Zeichensprache neben dem Assistant Director stand.

»Meine Damen und Herren«, begann er, nachdem der Applaus abgeebbt war. »Es ist mir eine große Ehre, hier vor Ihnen sprechen zu dürfen. Sie alle sind Menschen, die in ihren Einsätzen alles gegeben haben. Sie haben Ihr Leben eingesetzt und wurden schwer verwundet, als Sie Ihrem Vaterland gedient haben«, sagte er mit tragender Stimme.

Zustimmendes Nicken im Saal. Mr High sprach langsamer als gewohnt, damit der Übersetzer mit den Gesten der Zeichensprache folgen konnte.

»Sie leben jetzt mit einem Handicap, das Ihnen die Möglichkeit genommen hat, als Agent oder Police Officer weiter Ihren gewohnten Dienst auszuüben. Daher freut es mich umso mehr, Ihnen heute das neue Reintegrationsprogramm für behinderte Menschen beim Federal Bureau of Investigation vorzustellen.«

Ein Raunen ging durch die Reihen.

»Sie sind genau die Zielgruppe, für die das Programm ›Back to Profession‹ entwickelt wurde. Es soll behinderten Menschen wie Ihnen, die eine erstklassige Ausbildung und enorme Erfahrung auf ihrem Gebiet haben, die Möglichkeit bieten, in ihren Beruf zurückzukehren«, sagte Mr High und lächelte.

Gerade als die Zuhörer zu applaudieren begannen, machte sich einer der Rollstuhlfahrer lautstark bemerkbar.

»Wie wollen Sie uns in den Beruf zurückbringen, wenn das FBI nicht einmal in der Lage ist, die perfiden Morde an Behinderten aufzuklären?«, schrie er.

Im Saal wurde es totenstill. Alle Köpfe, im Publikum und auf dem Podium, drehten sich zu dem Mann. Er war Mitte dreißig, attraktiv und hatte immer noch einen muskulösen Oberkörper.

»Verzeihen Sie«, erwiderte Mr High ruhig. »Ich weiß leider nicht, wovon Sie sprechen.«

»In den letzten drei Monaten hat sich hier in Washington D.C. die Mordrate an Behinderten um siebenhundert Prozent erhöht. Soweit mir bekannt ist, hat das FBI nichts zur Lösung dieser Fälle beigetragen, und bei den Police Departments haben diese Verbrechen auch nicht gerade Priorität«, erwiderte er.

»Darf ich fragen, wer Sie sind?«, fragte Mr High.

»Agent Stephen Cameron«, erwiderte der Mann und rollte mit seinem Rollstuhl ein paar Yards nach vorne. »Verzeihen Sie, Assistant Director High, ich bin natürlich Ex-Agent Cameron, ehemaliges Mitglied der Tactical-Operation-Einheit in Quantico. Ich war Leiter eines SWAT-Teams, bevor ich bei einem Einsatz angeschossen wurde.«

»Agent Cameron, leider ist es mir in diesem Rahmen nicht möglich, dazu Stellung zu nehmen, da mir die entsprechenden Fakten fehlen«, erwiderte Mr High. »Ich würde mich gerne nach der Veranstaltung mit Ihnen darüber unterhalten, damit unsere Behörde die entsprechenden Schritte einleiten kann. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn ich meine Rede beenden dürfte und wir beide uns anschließend zusammensetzen.«

Stephen Cameron lachte höhnisch. »Natürlich tun wir das. Sir, es tut mir leid, aber ich glaube Ihnen nicht. Ich habe mich schon an verschiedene Stellen meines ehemaligen Arbeitgebers gewandt und Fakten und Zahlen vorgelegt«, fuhr der Mann ihm in die Parade. »In den Fällen, in denen mir überhaupt jemand zugehört hat, wurde ich damit vertröstet, dass man auf mich zurückkommen werde. Wie Sie sich denken können, ist natürlich nichts passiert. Wir sind nun mal Behinderte, also nicht wichtig für die Gesellschaft«, fügte er zynisch an.

»Agent Cameron«, sagte Mr High und wählte absichtlich seinen ehemaligen Titel. »Ich kann nicht beurteilen, warum meine Kollegen so reagiert haben, doch Sie können sich darauf verlassen, dass ich dieser Sache persönlich nachgehen werde.«

In dem Moment trat Dianne Wytham neben Mr High getreten. Er bat die Direktorin, auch ein paar Worte zu sagen.

»Sie können sich darauf verlassen, dass sich das CDC ebenfalls damit beschäftigen wird. Ich versichere Ihnen, mich gemeinsam mit Assistant Director High darum zu kümmern«, sagte sie.

Erst dann applaudierten die Menschen im Saal.

***

Nachdem die Veranstaltung offiziell beendet war, begaben sich Mrs Wytham und Mr High in den Besprechungsraum, der ihnen vom Capital Hilton Hotel zur Verfügung gestellt worden war. Stephen Cameron saß an einem Besprechungstisch, eine schmale Aktenmappe vor sich auf dem Tisch.

»Agent Cameron«, sagte Mr High und schüttelte ihm die Hand.

Dianne Wytham tat es ihm gleich.

»Nicht, dass ich diese Anrede nicht gerne hören würde, aber ich bin kein Agent mehr. Warum zum Teufel nennen Sie mich so, Assistant Director?«, fragte der Rollstuhlfahrer und funkelte Mr High an.

Der atmete tief ein. Das wird kein einfaches Gespräch werden, dachte er.

»Ich spreche Sie genauso an, wie ich es bei einem Militärveteranen tun würde, der wegen einer Verwundung aus dem aktiven Dienst ausgeschieden ist«, erwiderte Mr High professionell. »Aus Respekt, Agent Cameron.«

Cameron zog eine Augenbraue hoch. »Na gut, Sir. Hier, das ist für Sie«, sagte er etwas höflicher und übergab Mr High die Akte. »Ich habe alles in einem Bericht zusammengefasst und die Unterlagen beigelegt, derer ich in den Police Departments habhaft werden konnte. Lesen Sie es, denn es geht um sieben behinderte Menschen, die bei sogenannten Verkehrsunfällen mit Fahrerflucht oder bei Raubüberfällen zu Tode kamen.«

»Und Sie glauben, es handelt sich um Serienmord?«, fragte der Assistant Director.

»So ist es, Sir. Für mich tragen die Morde dieselbe Handschrift. Schauen Sie es sich einfach an und ermitteln Sie, bitte«, bat Cameron inständig.

»Das wird der Assistant Director«, mischte sich Dianne Wytham ein. »Und das CDC wird ihn nach Kräften dabei unterstützen, besonders ich persönlich.« Dann sah sie Mr High an und lächelte. »John, was meinen Sie? Könnte Agent Cameron nicht unterstützend, ich meine, aktiv an der Ermittlung teilnehmen?«

Mr High strich sich übers Kinn und sah nachdenklich zu Stephen Cameron. »Wissen Sie, Agent Cameron, das neue Programm des FBI, das BTP, ist kein leeres Versprechen. Wir wollen Menschen wie Ihnen wirklich die Chance geben, wieder in ihrem Beruf zu arbeiten. Wären Sie interessiert, an einer Art Pilotermittlung teilzunehmen?«

»Sie meinen, ich soll offiziell mit einem FBI-Kollegen an der Sache arbeiten?«, fragte Cameron und zog die Augenbrauen hoch.

»Ich dachte da eher an zwei Partner, die gemeinsam mit Ihnen ermitteln. Was halten Sie davon?«, fragte Mr High.

»Assistant Director, ich bin Ihr Mann, Sir«, erwiderte der ehemalige Agent, und zum ersten Mal erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht.

***

»Dianne, das ist eine einmalige Gelegenheit«, redete David Porter auf seine Chefin ein. »Meine Güte, du bezahlst mich als Wahlkampforganisator, dann hör auch auf mich!«

»Ich weiß nicht, David, das Thema ist zu sensibel, um es jetzt schon an die große Glocke zu hängen«, warf sie ein.

»Wenn man in den USA zum Senator gewählt werden will, dann muss man Dinge nicht nur an die große Glocke hängen, man muss in der Öffentlichkeit agieren. Hast du erst mal die Bürger hinter dir, dann hast du auch jedes einzelne Kongressmitglied in der Tasche. Hör endlich auf, wie die Direktorin des CDC zu denken. Denke wie eine Senatorin: Denke groß! Verstehst du?«

»Meinst du wirklich?«, fragte sie noch einmal zögerlich.

Ihr Wahlkampfleiter nickte.

»Wer ist denn diese Reporterin?«

»Eine seriöse Frau aus dem Politikressort der Washington Post, sie wird eine Verschwiegenheitsverpflichtung unterschreiben und jeden Schritt der Ermittlung dokumentieren, sogar filmen, wenn es möglich ist. Bevor sie jedoch etwas veröffentlichen darf, muss erst sowohl das FBI als auch das CDC sein Einverständnis dazu geben. Dianne, das ist deine große Chance. Jetzt gib dir einen Ruck und ruf den Assistant Director an!«

»Also gut, ich spreche mit ihm«, seufzte sie. »Das FBI hat zwar keine richtige PR-Abteilung, doch ihr Public Affairs Department wird dankbar sein, wenn die Presse das neue Programm positiv bewertet.«

»Das ist meine zukünftige Senatorin, genauso musst du die Sache sehen. Das FBI und die zukünftige Senatorin arbeiten gemeinsam für die Rechte behinderter Menschen. Reintegration in Regierungsberufe. Das ist es, was die Öffentlichkeit hören will«, bestätigte Porter.

»Du hast ja recht. Ich rufe John an. Was ist mit dem Fundraising-Empfang heute Abend? Ist alles vorbereitet?«, fragte sie dann.

»Oh ja, alle kommen«, meinte ihr Wahlkampfleiter. »Die wichtigsten Namen aus Industrie und Wirtschaft ebenso wie die Repräsentantin des House of Congress für Washington D.C. Eileen Henderson Smith bezieht mit ihrer Anwesenheit eindeutig Stellung für dich. Auch der noch amtierende Senator von Virginia wird dich und uns dort bei seiner Nachfolge unterstützen. Ein wichtiger Abend. Darum kümmere dich ums FBI, denn das kannst du heute Abend in deiner Rede mit einbauen.«

Dianne holte tief Luft. Manchmal kam ihr alles noch wie ein Traum vor: sie als Senatorin für den Bundesstaat Virginia, die Nachfolgerin des scheidenden Senators Thomas Wiklinsen, der wegen seines Alters in einem Jahr zurücktreten wollte.

»Ja, es wird ein wichtiger Abend und ich werde sie alle überzeugen«, sprach sich Dianne selbst Mut zu.

»Und dann rollt der Rubel, wir brauchen die Gelder für den Wahlkampf. Tu dir selbst einen Gefallen und leg dir ein dickeres Fell zu. Die Politik ist nichts für Gutmenschen«, meinte David und zog die Augenbrauen hoch.

Sie nickte und griff zum Telefon, um Assistant Director High anzurufen.

***

Phil und ich kamen gerade vom Gericht, wo wir als Zeugen ausgesagt und dazu beigetragen hatten, einen üblen Wirtschaftsverbrecher hinter Gitter zu bringen. Die schon warme Meeresbrise kündigte den Frühling an, und wir waren bester Laune.

»Mister High möchte Sie so schnell es geht sprechen«, begrüßte uns Dorothy und nickte in Richtung Highs Büro.

Wir zogen unsere Trenchcoats aus und warfen sie über die Lehne eines Besucherstuhls. Ich klopfte an die nur halb geschlossene Tür unseres Chefs.

»Kommen Sie rein«, sagte er und nickte uns beiden zu.

»Sir, wir waren bis jetzt bei Gericht, doch der Fall gegen Doktor Andrew Lehmann ist in trockenen Tüchern. Er wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, ohne Bewährung«, erklärte ich, nachdem wir Platz genommen hatten.

»Gut, gut«, sagte Mr High etwas abwesend und blickte aus dem Fenster.

Dann stand er auf, nahm eine dünne Akte von seinem Besprechungstisch und gab sie Phil.

»Sir?«, fragte Phil und sah auf die Unterlagen.

»Das ist ein neuer Fall für Sie«, gab Mr High zurück. »Jerry, Phil, mir liegt persönlich viel an dieser Ermittlung. Aber nicht nur das, auch dem FBI liegt viel an der Ermittlung.«

Daraufhin erklärte uns Mr High, was es mit dem BTP, dem »Back-to-Profession«-Programm, auf sich hatte. Er fasste zusammen, was auf der Konferenz des CDC passiert war, und sprach von der großen Chance, die sich dadurch für das FBI aufgetan hatte.

»Das ist auch der Grund, warum ich Sie beide an der Seite von Agent Cameron sehen möchte«, beendete er seinen Vortrag.

»Verstehe ich Sie richtig, Sir, dass man den ehemaligen Agent wieder in den Dienst aufgenommen hat?«, fragte Phil unverblümt.

»Vorläufig. Er wird einen zeitlich limitierten Ausweis bekommen, wie ein Anwärter in Ausbildung, den wir auf einen Fall ansetzen. Seien Sie sich dennoch im Klaren darüber, dass er ein vollwertiger Partner ist«, erklärte der Chef.

»Natürlich«, erwiderte ich. »Darin sehe ich keinerlei Schwierigkeiten.«

»Es gibt aber etwas, was Ihnen vielleicht nicht gefallen wird«, meinte Mr High dann. »Das BTP-Programm ist sehr wichtig für uns und auch für das CDC. Wir wollen es publik machen und zeigen, dass wir es ernst meinen.«

Ich wunderte mich, was der Chef damit andeuten wollte.

»Sie wissen, dass so etwas auch immer eine Budgetfrage ist und wir darauf hoffen, dass der Haushalt uns die entsprechenden Mittel zur Verfügung stellen wird. Doch dafür muss die Öffentlichkeit dieser Sache positiv gegenüberstehen.«

»Das verstehen wir«, antwortete Phil und sah mich fragend an.

»Gut, denn Sie werden bei der Ermittlung mit Agent Cameron permanent einen Pressevertreter bei sich haben. Die Person wird Ihre Zusammenarbeit dokumentieren, zum Teil filmen, wenn es den Ermittlungen nicht schadet. Natürlich kommt es erst zur Veröffentlichung, wenn unser Public Affairs Department seinen Segen dazu gibt.«

»Moment, Sir – Sie sagen, uns wird ständig ein Reporter begleiten?«, fragte ich jetzt mehr als besorgt.

»Ja, Jerry, Miriam Woodsworth von der Washington Post und ihr Kameramann, Bob Denner. Sie werden sowohl Audio- als auch Filmaufnahmen machen. Ich weiß, ich kann mich auf Ihr Feingefühl verlassen«, sagte er, doch es wurde mir klar, dass das eine Ermahnung war, denn Mr High sah Phil besonders ernst an. Dann klatschte er in die Hände. »Agent Cameron ist bereits auf dem Weg, es wird Zeit, dass Sie sich kennenlernen.

***

»Kommen Sie rein und nehmen Sie Platz!«, sagte Phil zu Agent Cameron, als wir in mein Büro gingen.

Ich rollte die Augen.

»Ich sitze bereits, danke«, erwiderte Agent Cameron spitz und rollte mit dem Rollstuhl vor meinen Schreibtisch.

»Oh, natürlich«, stotterte Phil und bemerkte, was für eine Phrase er vom Stapel gelassen hatte. »Macht der Gewohnheit«, fügte er hinzu und machte es damit noch schlimmer.

Ich fühlte mich schon nicht wohl in meiner Haut, doch Phil machte die Situation noch mehr komplizierter.

»Lassen Sie mich ehrlich sein«, meinte ich und setzte mich Cameron gegenüber an den Tisch. »Wir sind es nicht gewohnt. Es ist eine unerwartete Situation für uns, ich meine …«

Dann hielt ich den Mund, denn es war so ziemlich das Dümmste, was ich hätte sagen können.

»Ja, verstehe«, meinte Cameron gönnerhaft. »Als man mich niederschoss und ich in diesem Rollstuhl landete, war es für mich auch eine unerwartete Situation. Ehrlich gesagt war es plötzlich sehr gewöhnungsbedürftig, zu den Menschen aufzusehen. Ich bin fast sechseinhalb Fuß groß, früher habe ich immer auf Leute hinuntergesehen.« Der Satz triefte vor Zynismus und Doppeldeutigkeit.

Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss. Es war peinlich, und ich schämte mich für unsere Unbeholfenheit.

»Sorry«, war alles, was mir einfiel.

»Inspektor Cotton, Inspektor Decker, lassen Sie uns eines klarstellen«, sagte Cameron. »Ich weiß, dass Sie mich nicht als Partner wollen, ich weiß auch, dass Sie wahrscheinlich noch nie mit einem behinderten Menschen zusammengearbeitet haben. Tun Sie einfach so, als ob ich laufen könnte, versuchen Sie, mir nicht zu helfen und sich nicht dauernd zu entschuldigen.«

»Okay«, sagte Phil.

»Ich bin ein ausgebildeter Agent, meine Beförderung zum Special Agent in Charge stand kurz bevor, denn ich war Leiter eines SWAT-Teams bei der Tactical Operation, daher weiß ich nur zu gut, wie der Hase läuft. Sie sind nun mal mit mir gestrandet, das nennt man höhere Gewalt – oder Politik, wenn Sie so wollen. Darum lassen Sie uns endlich mit den Ermittlungen beginnen.«

Ich nickte.

»Und versuchen Sie nicht andauernd, jedes Ihrer Worte auf die Goldwaage zu legen«, fügte er hinzu.

»Sie missverstehen uns«, erwiderte ich, denn mir wurde klar, dass Cameron kein einfacher Charakter war. »Wir haben kein Problem damit, dass Sie im Rollstuhl sitzen. Im Gegenteil, ich denke, Sie bringen außer Ihrer Kompetenz als FBI-Agent noch mehr mit bei diesem Fall.«

»So?«

»Ja. Es ist das tiefere Verständnis für die Opfer. Daher denke ich, ehrlich gesagt«, betonte ich meine Worte, »dass wir Sie brauchen, und freue mich auf die Zusammenarbeit. Könnten wir es dabei belassen?«

»Hört sich gut an. Worauf warten wir noch?« Er sah mich abschätzend an, so als wollte er etwas aus meiner Mimik herauslesen, das meine Worte Lügen strafte.

In dem Moment klopfte es, und Dorothy Taylor öffnete die Tür.

»Kann ich kurz unterbrechen, damit ich Ihnen die Schlüssel und restlichen Unterlagen geben kann?«, fragte sie, und ich nickte schnell.

»Das sind der Schlüssel und die Papiere für den neuen Dienstwagen, der Ihnen zur Verfügung gestellt wurde. Agent Cameron wird Ihnen die Handhabung erklären können, denn er fährt privat den gleichen Wagen«, sagte sie.

Ich sah Dorothy stirnrunzelnd an.

Bevor ich etwas fragen konnte, tippte Cameron auf seinen Rollstuhl. »Gas und Bremsen sind so Dinge für sich.«

»Die Adresse von Agent Cameron ist bereits im Navi gespeichert, damit Sie ihn morgens abholen können. Wenn Sie mir noch Ihre Handys geben, dann speichere ich die entsprechenden Notfallnummern ein, die Sie brauchen, falls Agent Cameron unerwartet medizinische Hilfe braucht«, fuhr Dorothy fort.