Jerry Cotton Sonder-Edition 136 - Krimi-Serie - Jerry Cotton - E-Book

Jerry Cotton Sonder-Edition 136 - Krimi-Serie E-Book

Jerry Cotton

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Beschreibung

Der erste Mann starb in Chicago. Der zweite in New York. Den dritten ereilte sein Schicksal auf einer Party, zu der auch die Todeslady geladen war. Phil und ich waren Tag und Nacht im Einsatz. Wir ahnten, wen sich die Todeslady als viertes Opfer holen würde. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit. Wir wussten nur zu gut, dass diese bildhübsche Giftmischerin den Tod auf ihren Lippen trug. Ein Kuss genügte - der Todeskuss ...

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Seitenzahl: 215

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Inhalt

Cover

Impressum

Der Todeskuss

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Pandorabox / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9954-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Der Todeskuss

Der erste Mann starb in Chicago. Der zweite in New York. Den dritten ereilte sein Schicksal auf einer Party, zu der auch die Todeslady geladen war. Phil und ich waren Tag und Nacht im Einsatz. Wir ahnten, wen sich die Todeslady als viertes Opfer holen würde. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit. Wir wussten nur zu gut, dass diese bildhübsche Giftmischerin den Tod auf ihren Lippen trug. Ein Kuss genügte – der Todeskuss …

1

Der Erste starb in Chicago.

Er fühlte den angenehmen Geschmack des alten Kognaks auf der Zunge, am Gaumen und merkte voller Behagen, wie er ihm durch die Kehle rann und den Magen erreichte. Wohlig warm wurde ihm, und er stellte das Glas auf die zolldicke gläserne Tischplatte zurück. Es war ein großer, bauchiger Schwenker, unter dessen Wölbung man beim Trinken die ganze Hand legt, um den Kognak anzuwärmen und ihm das ganze Bukett seines Dufts zu entlocken. An der Innenseite des Glases rannen Schlieren herab. Das seltene Getränk war mehr als zwanzig Jahre alt und fast schon ein wenig ölig.

Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und kostete das Aroma nach. In seinem Magen zuckte etwas. Vielleicht der Vagusnerv im Sonnengeflecht? Er habe einen nervösen Magen, hatte ihm der Arzt neulich erklärt. Merkwürdig – das Zucken ließ nicht nach. War es möglich, dass ihm der Kognak nicht bekam? Ein dumpfes, schweres Gefühl stieg ihm im Körper empor, es ging vom Magen aus, erreichte das Brustbein und schien sich nach allen Seiten zu verzweigen. Sein Hals wurde trocken, seine Zunge fühlte sich auf einmal pelzig an. Er wollte den Mund öffnen, etwas sagen. Langsam hob er den Arm, um nach dem Kellner zu läuten, als ihm ein kribbelnder Schmerz von der Achselhöhle bis in die Fingerspitzen schoss. Die Muskeln zogen sich zusammen. Der ganze Arm tat ihm plötzlich so weh, dass ein gequälter Laut über seine Lippen kam. Dann versuchte er aufzustehen, doch sobald er die Beine bewegte, begannen auch sie zu schmerzen und sich zu verkrampfen.

Er fühlte, dass etwas Unheimliches von ihm Besitz ergriffen hatte, dass es ihn beherrschte und immer mehr Gewalt über ihn gewann. Schon legte sich ein eiserner Ring um seine Brust. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, und er sah zu seinem Entsetzen, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten. Die Knöchel traten weiß hervor, und ein unwiderstehliches Zittern schüttelte sie.

Angst packte den Mann. Die rüschenbesetzte weiße Hemdbrust wölbte sich unter den heftigen Atemzügen, die immer schwerer wurden.

Was war geschehen? Der Mann dachte flüchtig an einen Herzanfall. Aber da waren keine Schmerzen in der Brust, der ganze Körper wand und bog sich in Krämpfen. Er konnte nicht mehr durchatmen. Mund und Kehle waren völlig ausgetrocknet, der Atem ging rasselnd. Plötzlich spürte er Todesangst. Er wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Vornübergebeugt hockte er in dem tiefen Sessel, die bebenden Fäuste an die Brust gepresst, die Augen geschlossen.

Jetzt musste er für jeden Atemzug alle Kraft zusammennehmen. Kleine, feurige Punkte schossen wie Kometen vor seinen Augen hin und her. Der Hintergrund, auf dem sie sich zeigten, wurde rot.

Und dann wirbelten ihm Vorstellungen durchs Hirn, wechselten Bilder in unglaublicher Schnelligkeit: der Vertrag mit Union Steel, die Freunde in New York, Birger Normans verständnislose Miene im Krankenwagen, Laureen in der Hotelbar. Jetzt würde er sie alle verlassen. Der Wirbel wurde schneller, schon konnte er keine Einzelheiten mehr erkennen. Fasziniert glaubte er auf einen Punkt zu starren und merkte nicht, wie sein Atem vollends aussetzte. Der Puls flatterte noch einmal, tat unter der dünnen Haut der Handgelenke einige Schläge und blieb dann ebenfalls aus.

Wie eine überlastete Feder bog sich der Körper zusammen, dass die hochgebogenen Knie fast das Gesicht berührten. Dann entwich mit einem Schlag alles Leben daraus. Die Hände öffneten sich, die Arme sanken seitlich herab, und der Leib kippte auf die Sessellehne. Aus dem straff zurückgekämmten Haar löste sich eine Strähne und fiel in die schweißnasse Stirn, als sich der Kopf wie in unendlicher Müdigkeit auf die Schulter senkte.

Ein paar Sekunden war es still im Raum. Dann wurde ein Glas behutsam auf die Tischplatte gestellt. Polster knarrten, und leise Schritte gingen über die dicken Teppiche. Nach einem nur sekundenlangen Zögern an der Tür wurde das Licht gelöscht. Für einen Moment fiel der matte Schein der dezenten Flurbeleuchtung ins Zimmer. Dann schloss sich die Tür fast ohne Laut, und alles war dunkel und ruhig.

Der Zweite starb in New York.

Er stand an der Bar und hielt das Whiskyglas in der Hand mit den vielen blitzenden Ringen. Während er mit zwei anderen Gentlemen sprach, gestikulierte er heftig, und die Eiswürfel klirrten im Glas.

Die andere Hand ruhte auf der nackten Schulter einer jungen Frau, die neben ihm auf dem Hocker saß und verträumt in die Spiegel hinter dem Flaschenregal blickte. Sie hörte nicht zu, was er sagte, und vernahm nur halb, wie er irgendwelche Worte mit Nachdruck wiederholte und schwieg. An dem veränderten Druck seiner Hand auf der Haut ihrer Schulter merkte sie, wie er sich leicht zurückbeugte und das Glas leerte, als wollte er seine Ausführungen damit bekräftigen. Von der anderen Seite des weiten Raums kamen die Klänge der südamerikanischen Combo, und auf der Tanzfläche schleiften die Schritte der Paare, die sich an einem Rumba versuchten. Es duftete nach den Orchideen der Dekoration, aber dann legte sich der Rauch von schweren Zigarren darüber und der Geruch verschiedener teurer Parfüms. Ein plötzlicher Laut ließ sie sich zu ihm wenden.

»Was ist, Les?« Sie erschrak über seinen Gesichtsausdruck, in dem sich Unruhe, ja leichtes Entsetzen spiegelten.

»Mir war auf einmal … Ich weiß nicht …«

Seine Hand ruhte noch immer auf ihrer Schulter. Doch jetzt wurde sie schwer, als suche er einen Halt. Und dann pressten seine Finger sekundenlang zu, sodass sie einen Aufschrei nicht unterdrücken konnte.

»Du tust mir weh, Les!«, protestierte sie erschrocken und überrascht gleichzeitig.

»Entschuldige, Fay …« Er nahm sich zusammen und versuchte sichtlich, Haltung zu bewahren. Irgendetwas zwang ihn jedoch wieder in die gebeugte Haltung, und ein Stöhnen brach aus seiner Kehle.

»Ist dir schlecht?«, fragte sie und rückte instinktiv ein wenig von ihm ab. Wenn sie etwas nicht leiden konnte, dann waren es Männer, die sich nicht gut benahmen und in Gesellschaft Aufsehen erregten. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse des Schmerzes.

»Um Himmels willen …«, keuchte er und presste eine Faust auf seine Brust. Schon verfärbten sich seine Lippen bläulich, und der Atem begann rasselnd zu gehen. »Luft!«, stöhnte er.

»Kann ich etwas für Sie tun, Sir?«, fragte der junge Barmann und lehnte sich über den Tresen. »Ein Glas Wasser vielleicht?«

Da er keine Antwort erhielt, sah er fragend zu der jungen Frau hinüber, Fay hob ratlos die schmalen Schultern. Ein Kellner kam vorüber und erfasste die Situation mit einem Blick. Er stellte sein voll beladenes Tablett ab und nahm Les Callaghan bei den Schultern.

»Ich bringe Sie hinaus, Sir«, sagte er mitfühlend. »Kommen Sie nur!«

Aber Callaghan konnte nicht mehr mit ihm kommen. Er riss sich los und bäumte sich auf. Seine Fäuste packten die Knopfleisten des Hemds und rissen sie in einer einzigen qualvollen Bewegung auseinander. Seine Knie gaben nach. Er brach zusammen und schlug mit dem Kopf schwer auf den Boden. Der Kellner blickte sich irritiert um. Dann wandte er sich an den Barmann.

»Einen Arzt! Schnell!«

Fay Pettypole presste die Faust gegen ihren Mund, um nicht erneut aufschreien zu müssen, als sie den schweren Mann reglos zu ihren Füßen liegen sah. Jetzt war sein Gesicht blaurot angelaufen, bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, und ein Blutfaden rann ihm über die Stirn in das gepflegte weiße Haar.

Ein paar der tanzenden Paare blickten mitleidig auf die Szene und bewegten sich mit abgewandten Gesichtern weiter. Andere Kellner kamen auf einen Wink ihres Kollegen herbei und verstellten der Gesellschaft den Blick auf den zusammengebrochenen Mann.

»Sieht übel aus«, bemerkte einer. »Er kriegt keine Luft. Sollen wir ihn hinausbringen?«

»Quatsch! Liegen lassen!«, empfahl ein anderer. »Sieh dir die Lippen an! Der hat’s am Herz! Nur nicht bewegen!«

Les Callaghan stieß plötzlich noch einmal mit den Beinen um sich. Im nächsten Moment streckte sich der schwere Körper, und aus dem Mund entwich pfeifend die Luft, als wäre sie lange zurückgehalten worden.

»Ist er tot?«, fragte der Barmann. Fay Pettypole taumelte. Jemand fasste sie am Arm und zog sie beiseite.

»Das ist jetzt nichts für Sie, Miss. Setzen Sie sich hierher. Einen Kognak?«

Sie nickte mechanisch, und als man ihr das Glas an die Lippen setzte, trank sie, nach wie vor mit geschlossenen Augen. Sie nahm kaum wahr, wie ein Mann im Smoking auftauchte, sich Platz verschaffte und neben Les Callaghan niederkniete.

Als er sich nach kurzer Untersuchung erhob, blickte er mit gerunzelter Stirn auf die Kellner und einige Gäste, die ihn jetzt umlagerten.

»Holen Sie die Polizei«, befahl er knapp. Irgendwo in der Gruppe regte sich Widerspruch, und er hob die Hand. »Ich bin Arzt. Tut mir leid, das sagen zu müssen, aber hier liegt zweifellos kein natürlicher Tod vor. Ich jedenfalls werde den Totenschein nicht unterschreiben!«

Irgendjemand hatte wohl der Band einen Wink gegeben, denn die Musik brach ab. Nur das Saxofon dudelte seine Kadenz zu Ende, bis es ebenfalls schwieg. Und dann war im Saal nur noch das aufgeregte Raunen der Gäste, die nicht wussten, dass der Tod mitten unter ihnen zugeschlagen hatte.

Ich kam mit der Frühmaschine von Albuquerque zurück, wo ich bei einer Gerichtsverhandlung als Zeuge aufgetreten war. Während ich die Ankunftshalle verließ und mir auf einem der Parkplätze meinen roten Flitzer suchte und mich endlich voller Behagen in die eigenen Polster sinken ließ, dachte ich an das Verfahren, das da gestern in den späten Nachmittagsstunden mit einem Schuldspruch abgeschlossen worden war. Ich startete den Motor und rollte auf die Ausfahrt zu, um mich in den Verkehrsstrom einzureihen.

Im Strom der anderen Wagen kam ich nach Manhattan hinein und quälte mich bis zu den Headquarters durch den Verkehr, wo ich den roten Jaguar an seiner gewohnten Stelle im Hof parkte. Ich fuhr hinauf, ließ mich von Helen beim Chef melden und wurde sofort vorgelassen.

Mr. High begrüßte mich in freundlicher Gelassenheit und hörte sich meinen kurzen Bericht an.

Phil steckte den Kopf zur Tür herein und nahm neben mir Platz.

»Dann können wir mit dem nächsten Fall beginnen. Lesen Sie sich bitte diese kurze Zusammenfassung durch.« Er reichte uns zwei dünne Ordner über den Tisch.

Wir vertieften uns in die Protokolle, während Helen, die Sekretärin des Chefs, lautlos hereinkam und uns den Kaffee servierte, dessen Duft schnell das ganze Zimmer erfüllte.

Ich ließ den Hefter sinken. »Zwei Morde, in Chicago und hier«, fasste ich zusammen. »Giftmorde mittels einer unbekannten Droge, die in beiden Fällen angewendet wurde. Die Opfer gehören zu Bank- und Börsenkreisen.«

Der Chef nickte. »Das sind die vordergründigen Fakten. Dass das FBI überhaupt damit befasst wurde, liegt einmal an der Aufmerksamkeit der Kollegen in den Mordkommissionen und einmal an der Seltenheit des Gifts. Es gibt da zwischen Chicago und New York nur einen Fachmann, den die Polizei regelmäßig einschaltet. Doktor Coster vom Carnegie Institute hat sofort gemerkt, dass hier eine Verbindung bestand, denn es dürfte höchst ungewöhnlich sein, zwei Leute an verschiedenen Orten zur fast gleichen Zeit mit dem gleichen seltenen Gift umzubringen, wenn sie nichts miteinander zu tun haben.«

»Was ist das denn für ein Gift?«, fragte Phil, der sich immer mehr für die wissenschaftliche Seite eines Falls interessiert.

Mr. High schüttelte den Kopf. »Ich habe noch keine eindeutige Analyse vorliegen. Sie müssen vor allem einmal mit Doktor Coster sprechen, denn die Bedeutung der Fälle geht über gewöhnlichen Mord hinaus. Jerry sagte schon, dass beide Opfer den einflussreichen Finanzkreisen angehören. Leo de Rudder, der in Chicago starb, betrieb dort unter anderem eine Privatbank, und Les Callaghan, das hiesige Mordopfer, war ein bedeutender Börsenkunde. Für uns ist zwar ein Verbrechen so wichtig wie das andere, doch wir müssen auch die möglichen Auswirkungen bedenken. Wenn ein Bankier ermordet wird, horcht die Öffentlichkeit auf. War es beispielsweise eine Tat aus Eifersucht, ein rein privater Fall also, geht man schnell zur Tagesordnung über. Handelt es sich jedoch um ein Verbrechen in Zusammenhang mit den Geschäften, entstehen schnell Gerüchte und Verdächtigungen. Gerade im Bankwesen kann das unerwartete Auswirkungen haben. Kunden ziehen ihre Gelder ab, die Bank gerät in Schwierigkeiten, durch die Verflechtung mit anderen Unternehmen kann das rasch weiterführen. Gerade bei der gegenwärtigen Wirtschaftslage ist also besondere Vorsicht geboten, und es liegt den interessierten Kreisen sehr viel an einer schnellen Aufklärung.«

»Hatten die beiden Opfer geschäftlich miteinander zu tun?«, fragte ich.

»Einiges deutet darauf hin. Stellen Sie das fest. Wahrscheinlich werden Sie den Fall überhaupt von dieser Seite her aufrollen müssen.«

Phil nickte aufmerksam. »Es ist ja kaum anzunehmen, dass sie dieselbe Frau haben sitzen lassen. White Collar Crime, lieber Himmel! Hätte ich in der Schule nur besser aufgepasst!«, sagte er in gespielter Verzweiflung.

»Dass die Verbrecher mit den weißen Kragen längst ihre Kollegen mit den schwarzen Fingernägeln überflügelt haben, ist ja bekannt«, stimmte ihm der Chef zu. »Wir müssen uns damit abfinden. Wie wollen Sie vorgehen?«

»Wie üblich«, schlug ich vor. »Wir teilen uns die Sache. Ich würde diesen Doktor Coster aufsuchen, wenn sich Phil um die geschäftlichen Zusammenhänge kümmert.«

»Einverstanden. Von Zeit zu Zeit schau ich reichen Leuten ganz gern mal unter die Weste«, sagte mein Freund. »Interessant ist es da immer, und meist bin ich danach mit meinem Bundesbeamtengehalt wieder ganz zufrieden.« Er stand auf und knöpfte sich die Jacke über dem Holster zu. »Den Revolver werde ich ja wohl zu Hause lassen können.«

Mr. High kniff die Augen zusammen. »Nehmen Sie das Ding mit«, riet er. »Unter mancher weißen Weste schlägt ein gewalttätiges Herz.«

Wie immer sollte er recht behalten …

In unserem Office lag ein Protokoll über die kleine Schlägerei, in die ich vor zwei Tagen hineingeraten war – eine harmlose Sache. Ich hatte vor der U-Bahn-Station am Lincoln Square ein allzu treuherziges Pärchen aus der Provinz von drei halbwüchsigen Finsterlingen befreit, die ihm ans Geld und ihr an die jungfräuliche Ehre wollten.

Helen hatte mir die Anschrift von Dr. Costers Institut besorgt. Ich schwang mich unten in meinen roten Jaguar und ließ ihn aus dem Hof rollen. Gemächlich fuhr ich zum Lincoln Tunnel hinunter, zahlte brav meine 50 Cents und röhrte auf der anderen Seite des Hudson durch die fünf großen, hallenden Unterführungen bis zum Lincoln Tunnel Interchange. Ich gewann im Lottospiel der vielen Abfahrten die richtige Spur und ordnete mich auf dem State Highway Nummer 3 ein.

Kurz hinter Secaucus ging es rechts auf einer neuen Straße weiter, und dann sah ich hinter einer langen Reihe silbriger Pappeln die weißen Gebäude des Carnegie Institute am Ufer des Hackensack River. Das alles machte einen recht modernen Eindruck. Der weiträumige Parkplatz lag zwischen grünen Rasenflächen, und mein roter Flitzer machte sich recht gut auf dem für Besucher reservierten Teil.

In einer Halle mit viel Glas und exotischen Pflanzen, die ich insgeheim für ziemlich giftig hielt – wofür braucht ein Forschungsinstitut sonst den halben Urwald im Haus? –, gebot ein schmucklos uniformierter Pförtner über ein ganzes Stellwerk von Knöpfen und Signallampen, mit dem er Dr. Coster schnell ausfindig machte und ins Besprechungszimmer bat.

»Erster Gang rechts, zweite Tür links«, wies er mich ein.

Das Haus machte trotz seiner freundlichen Ausstattung einen kühlen und streng modernen Eindruck.

Durch eine zweite Tür trat Dr. Coster ein. Den einzigen Spezialisten für hochwirksame Gifte zwischen Chicago und New York hatte ich mir anders vorgestellt. Nicht so jung, beinahe jungenhaft. Nicht so völlig zwanglos in Pullover und ausgebeulten Cordhosen. Und nicht von einer so unbeschwerten Fröhlichkeit …

»Hallo!« Er strahlte mich an. »Jerry Cotton, nicht wahr? Ich bin Abe Coster. Kaffee? Oder was Stärkeres?«

»Um diese Zeit lieber Kaffee«, gab ich zurück.

Er nahm einen Telefonhörer von der Wand, ohne hinzusehen. »Bring uns einen Kaffee mit, Cactus, ja?« Und zu mir gewandt: »Das ist Miss Jane Simpson. Sie kocht einen sehr guten Kaffee, und wenn sie das gerade mal nicht tut, arbeiten wir ein bisschen an den weniger bekannten Tier- und Pflanzengiften Nordamerikas.«

»Und Miss Simpson hat sich dabei auf Kakteen spezialisiert?«, fragte ich.

Er schüttelte amüsiert den Kopf. »Keineswegs. ›Cactus‹ heißt sie ihres stachligen Wesens wegen und weil sie sich so eine neue Frisur mit tausend spitzen Löckchen hat machen lassen. Sehen Sie selbst!«

Cactus kam mit Kaffeekanne, Tassen, Untertassen, Zuckerdose und Sahnekännchen herein und warf die Tür mit einem Fußtritt hinter sich zu. Tatsächlich war ihr schmaler Kopf von einem Strahlenkranz klein gedrehter Locken umgeben. Sie lachte mich, ihrer Wirkung sicher, übermütig an. Als sie den Kaffee einschenkte, ließ sie den Ausschnitt ihres weißen Kittels recht verlockend auseinandergleiten, und während sie sich mir gegenüber in den Sessel fallen ließ, zeigte sie ein Paar prachtvoller Beine. Wenn es stimmt, dass hauptsächlich Hexen mit Gift arbeiten, dann war dies eine verdammt hübsche Hexe …

Ich gab ihr Feuer. Ihre Fingernägel waren schwarz lackiert, und das gab ihr etwas Dämonisches. Sie musste meinen Blick bemerkt haben.

»Ich bin nicht halb so verrucht, wie ich aussehe«, sagte sie. »Die schwarze Farbe auf meinen Fingernägeln ist säurefester Lack. Alles andere ätzen mir die Laugen und Lösungsmittel immer wieder herunter. Aber Sie interessieren sich wohl mehr für unsere beiden Akonitinfälle.«

»Es wäre mir schon recht, wenn ich darüber etwas erfahren könnte.«

»Natürlich. Dafür plagen wir uns ja mit dem Zeug ab.«

»Sie sagten Akonitin. Was ist das?«

Sie griff nach ihrer Kaffeetasse, und Dr. Coster übernahm das Wort.

»Wir sollten besser von Akonit sprechen, das ist nämlich die reine und natürliche Form des Gifts. Es ist in dem blauen Eisenhut enthalten, genauer in den Wurzelknollen dieser Pflanze. ›Aconitum napellus‹ heißt sie wissenschaftlich. Ich nehme an, sie wächst auch hier vor der Tür. Eine außerordentlich schöne Giftblume.«

»Und die ist so giftig?«

»Es geht. Besonders gefährlich ist das Gift aus den Wurzeln, wenn man es in reiner Form herstellt. Ungefähr ein Vierzehntel Unze wirkt tödlich. Ein Stäubchen, kaum sichtbar. Dagegen gibt es keine Rettung.«

»Wie wirkt es?«, wollte ich wissen.

»Schwindel, starkes Kältegefühl, Atemstörungen. Dann Erweiterung der Pupillen, Schwäche. Schließlich Atemlähmung und Exitus.«

»Und Sie haben es bei beiden Opfern nachgewiesen?«

Abe Coster lehnte sich zurück und ließ einen Rauchring gegen die Decke schweben. »Hm. Nachweisen lässt es sich nicht im Sinne einer Organveränderung, die man bei der Autopsie der Toten finden könnte. Das hat die Polizeiärzte in Chicago wie bei Ihnen in New York ja auch so misstrauisch gemacht, dass sie mir Gewebeproben hergeschickt haben. Wir haben davon Extrakte hergestellt und sie Versuchstieren eingegeben. Aus deren Reaktion konnten wir charakteristische Merkmale einer Akonitvergiftung feststellen.«

»Die Diagnose ist also einwandfrei?«

»Einwandfrei«, sagte Dr. Coster, und auch Cactus nickte.

»Dann bleibt die Frage, wie man den beiden Opfern das Gift verabreicht hat. Da es, wie Sie sagten, hier vorm Haus und anderswo wächst, dürfte es nicht schwer zu beschaffen sein.«

»Dem muss ich widersprechen«, wandte der Doc ein. »Die Pflanze ist nicht selten, das stimmt. Aber man braucht schon einige Kenntnisse in der Toxikologie, um das Gift rein daraus zu gewinnen. Und in reiner Form ist es wohl verwendet worden, wie ich aus den Umständen der Vergiftungen schließen muss. Man hat die beiden Männer ja nicht in die Wurzelknollen beißen lassen. Sie starben nach dem Genuss eines Drinks, Kognak in dem einen Fall und Whisky im anderen. Akonit stellt eine Komposition von Alkaloiden dar, die in Alkohol löslich sind – und falls dazu keine Zeit bleibt, spielt das auch keine Rolle, denn es handelt sich ja nur um winzige Mengen, die in einem Glas unbemerkt bleiben.«

»Ich habe die Kriminalstatistik nicht im Kopf«, sagte ich. »Doch ein Giftmord mit Akonit ist mir nicht gegenwärtig aus den letzten Jahren.«

»Mir auch nicht«, sagte Jane Simpson, »und ich führe unsere Statistik. Früher, als die Leute noch aßen, was hinterm Zaun wuchs, soll vor allem in Europa schon mal ein Unfall mit Akonit vorgekommen sein, weil man die Wurzeln mit Sellerieknollen verwechseln kann, wenn man nicht aufpasst. Hier liegt der letzte Fall sieben Jahre zurück. Da wollte ein Wunderheiler in Arkansas mit allerlei Kräutern und Wurzeln den Teufel austreiben. Leider raffte er eine Eisenhutwurzel mit, als er im Unkraut wilderte, und mit dem Teufel zusammen fuhr dann auch die ganze Seele aus dem Körper des Patienten.«

Wir saßen eine Weile in Gedanken, und die Rauchfäden aus unseren Zigaretten stiegen senkrecht nach oben.

Dann gab ich mir einen Ruck. »Wer immer also diese beiden Männer ermordet hat, ist einem genauen Plan aus Kenntnis dieses Giftstoffs gefolgt – ist das wahrscheinlich?«

Sie stimmten mir zu.

»Wie hoch schätzen Sie die Zahl der Personen in den USA, die Akonit kennen und damit umzugehen wissen?«

Sie blickten sich unsicher an.

»Sehr schwer zu sagen«, meinte dann die hübsche junge Frau ernst. »Theoretisch können Sie die ganze studierende Jugend dazurechnen. In Biologie wie in Chemie wird das Gebiet der Alkaloide behandelt, und man spricht über diese Giftpflanzen. Wer sich dafür interessiert, dürfte auch die Literatur zum intensiveren Studium finden. Auf der anderen Seite … Sehen Sie, eine Anzahl von Laboratorien beschäftigt sich mit der Suche nach neuen und wirkungsvollen Giften. Sie nennen es Grundlagenforschung, aber in Wirklichkeit haben sie ihre Aufträge von Regierungsstellen und Rüstungsfirmen. Dabei konstruieren sie die kompliziertesten chemischen Formeln, während längst bekannte Gifte vor der Tür wachsen, wie Abe schon gesagt hat. Also ist die Kenntnis dieser Dinge doch nicht so verbreitet, wie man zunächst annehmen möchte. Wie sollen wir da auf eine Zahl kommen?«

»Versuchen wir es anders herum. Wie viele Spezialisten gibt es außer Ihnen zwischen Chicago und New York, die Akonitvergiftungen diagnostizieren können?«

Wieder sahen sie sich an und schüttelten den Kopf.

»Bekannt ist da niemand außer uns. Was nicht heißen will, dass es nur uns gibt. Zumindest einer hat sich ja als Kenner ausgewiesen, indem er die beiden Morde begangen hat«, sagte Coster. »Ich will Ihnen ja nicht dreinreden, Cotton. Sie wissen am besten, wie Sie einen Fall anpacken müssen. Ich würde es jedoch zumindest nicht auf dem Weg über das Gift versuchen. An die Öffentlichkeit können Sie nicht treten, weil sonst die Akonitproduktion zum Volkssport wird, und wir Spezialisten können Ihnen auch nicht weiterhelfen.«

»Vielleicht doch«, sagte ich und stand auf. »Sie haben Zugang zur Literatur dieses Fachgebiets. Vielleicht finden Sie darin einen Hinweis. Wer immer hier gemordet hat, muss dazu wenigstens eine Anregung gefunden haben. Einen Fall aus früherer Zeit, eine Darstellung.«

»Das ist gut«, sagte Jane Simpson. »Eine ausgezeichnete Idee. Ich werde mich mal damit beschäftigen. Tatsächlich fällt mir da auf Anhieb nichts ein, es muss allerdings Quellen geben. Ich lass von mir hören. So long, G-man!«

»So long, Cactus!«, sagte ich und nickte Dr. Coster zu.

2

»Was hast du herausgekriegt, Phil?«, fragte ich, als wir uns wieder gegenübersaßen. Es dunkelte schon, und auf den Straßen gingen die Lichter an.

Er schüttelte ärgerlich den Kopf. »Scheußlich, wie verschlossen diese Bankmenschen sind. Ich verstehe ja, dass sie auf ihrem Bankgeheimnis bestehen. Man muss wohl zu den ganz tief eingeweihten Füchsen gehören, um irgendeinen Tipp zu erhalten. Leo de Rudder – das ist der Mann, der in Chicago gestorben ist – ist angeblich ein angesehener Privatbankier gewesen. Ohne besonderes Engagement in irgendeiner Branche. Ohne Freunde, aber auch ohne Feinde. Mit Mühe und Not habe ich herausbekommen, dass er Junggeselle war.«

»Und Les Callaghan?«

»Er ist auf einem Ball im Plaza Hotel gestorben. Angeblich war er aus Geschäftsrücksichten da. Die halbe Wallstreet hat sich bei dem Ringelreihen getroffen.«

»Ich meine, was sein Broterwerb gewesen ist.«

»Es war nicht zu erfahren, ob er überhaupt Brot gegessen hat. Den Kaviar zum Champagner hat er sich mit Warentermingeschäften verdient.«

»Was ist das?«

Phil blies sich auf, aber sehr alt war sein börsentechnisches Spezialwissen bestimmt auch noch nicht. »Pass auf, du Ignorant! Du bist ein Bauer.«

»Erlaube mal!«

»Quatsch! Wir nehmen es doch nur an. Ich komme also zu dir und kaufe dir jetzt schon deine nächste Weizenernte ab. Zu einem Festpreis, zahlbar an einem bestimmten Datum.«

»Riskante Sache. Und wenn der Sommer verregnet?«

»Eben. Termingeschäfte gelten an der Börse als Abenteuer. Nun spekuliert man ja auch nicht gerade in Weizen, sondern mit Waren, deren Preisentwicklung besser überschaubar ist. Mit Metallen, mit Kohle oder mit Devisen. Tatsächlich ist das Risiko da nicht so bedeutend. Abgesehen davon, dass ich dir heute für deinen Weizen nicht so viel zahle, wie er nach der Ernte wert sein kann.«

»Warum nicht?«, fragte ich.

»Weil ich schließlich das Risiko trage. Dafür hast du das Geld sicher, egal was kommt.«

Ich drehte meinen Kugelschreiber zwischen den Fingern. »Davon hat Les Callaghan also gelebt.«

»Auch davon«, sagte Phil weise. »Die ganz großen Leute im Warentermingeschäft beschränken sich nämlich nicht darauf, den Weizen wachsen zu lassen.«

»Sie machen auch zuweilen ein bisschen Regen, damit das Getreide teurer wird«, vollendete ich seine Darlegungen.

Er sah mich anerkennend an. »Du bist gar nicht so dumm, wie du manchmal tust. Doch dass so etwas auf Callaghan zutrifft, war natürlich nicht zu belegen. Nicht einmal in Andeutungen. Das Schweigen im Walde ist ein Höllenlärm gegenüber dem, was ich bei den Bankiers zu hören bekam. Eine unheimlich feine Branche!«

Ich hatte eine Idee. »Fragen wir einfach jemanden, der am Puls der Wirtschaft ist und davon lebt, dass er drüber spricht.«

Phil lachte trocken auf. »Woher willst du so jemanden nehmen?«

»Vom Journalistenstammtisch im Sandford Hotel in der zweiundfünfzigsten Straße. Komm!«

Wir nahmen unsere Hüte, schalteten das Licht aus und meldeten uns ab. Es war ein Katzensprung hinüber zu dem altertümlichen Hotel, in dessen Bar sich allabendlich ein paar Leute zusammenfanden, die ich kannte und die an Zeitungen arbeiteten oder bei den Sendern im Rockefeller Center. Vor allem hatte ich es auf Carl Bernheim abgesehen, einen leider etwas versoffenen, aber immer noch klarsichtigen und allwissenden Wirtschaftskorrespondenten.