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Das Dorf Sayers Green in East Sussex birgt ein grausiges Geheimnis! Und auf das stößt Eddie Jones, als er verbotenerweise im Emerald Lake taucht und dort eine Leiche entdeckt, die offenbar seit Jahrzehnten am Grund des Sees angekettet ist. Von da an streift ein Untoter durch die Wälder rings um Sayers Green. Und mordet ohne Gnade. Bis der Geisterjäger John Sinclair von einer Bekannten herbeigerufen wird. Mit der Studentin Stacy Albright begibt er sich auf Zombie-Jagd. Und stößt auf Geheimnisse, die viele Jahrzehnte lang in Sayers Green versenkt und begraben waren ...
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Seitenzahl: 144
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Der Zombie vom Emerald Lake
Grüße aus der Gruft
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Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
von Henry Cardell
Ein Zitat, das fälschlicherweise oft dem irischen Romanautor Oscar Wilde zugeordnet wird, lautet: »Durch die Oberfläche zu dringen, das ist ein sehr gefährliches Wagnis.«
In meiner langen Laufbahn im Kampf gegen die dunklen Mächte habe ich öfter als einmal erlebt, dass dieser Satz mehr Wahrheit enthält, als man anfänglich vermuten mag. So auch in diesem Fall, der mich in erster Linie in ein kleines Dorf nach Südengland, vor allem aber an meine Grenzen führen sollte. Nicht nur im Zusammenhang mit dem See, der in der Nähe des Ortes lag und zweifellos etwas Unheimliches in seiner Tiefe verbarg, vielmehr anhand der kleinen Dorfgemeinschaft stellte ich fest, dass das Böse oftmals dort lauert, wo man es am wenigsten erwartet ...
Der Emerald Lake war kein See, sondern eine Pfütze!
Eddie Jones stellte den Motor des Subaru Forester ab, lehnte die verschränkten Unterarme auf das Lenkrad und schüttelte den Kopf. Natürlich hatte er im Vorfeld ausgiebig über den Ort recherchiert. Nicht nur im Netz, wo er auf verschiedenen Seiten Informationen über den See und das angrenzende Dorf Sayers Green eingeholt hatte, sondern auch ganz altmodisch, indem er sich eine topographische Karte der Umgebung besorgt und so lange studiert hatte, bis er sie auswendig kannte.
Deshalb war ihm bereits im Vorfeld bewusst gewesen, dass der See nicht die gigantischen Ausmaße eines Loch Ness haben würde. Aber der Anblick, der sich ihm durch die Windschutzscheibe des Geländewagens bot, deprimierte ihn dann doch ein wenig.
Kaum größer als zwei Fußballfelder lag der Emerald Lake in einer schmalen Senke, umgeben von den saftig grünen Hügeln und Wäldern von East Sussex. Die Oberfläche des Sees zeigte jetzt, kurz vor Sonnenuntergang, die Farbe von dunkler Tinte, und die Bäume, die rund um das Gewässer standen, warfen lange Schatten.
Eddie hatte sich absichtlich für einen Besuch zu so später Stunde entschieden, denn er wollte es vermeiden, bei seinem Tauchgang von irgendjemandem gesehen zu werden. Der Grund dafür war der, der auf den halb verrosteten Schildern zu lesen war, die in unregelmäßigen Abständen das Ufer des Sees säumten.
ZUTRITT UNTERSAGT – SAYERS GREEN PARK AUTHORITY war auf den verwitterten Hinweistafeln in verblassten Buchstaben zu lesen, aber davon ließ sich Eddie Jones nicht abschrecken.
Es war seit langem ein Hobby von ihm, Seen und Gewässer auf den britischen Inseln zu erforschen, die in irgendeiner Weise verboten oder geheimnisvoll waren. Und ein Geheimnis hatte der Emerald Lake definitiv zu bieten, dessen war er sich sicher.
Das fing schon damit an, dass das Tauchen oder gar das Betreten des Geländes seit Jahrzehnten ausdrücklich strafbar war. Allerdings hatte Eddie bei seinen Recherchen nicht den kleinsten Hinweis darauf gefunden, weshalb das so war. Die naheliegende Möglichkeit, dass das Gewässer verseucht oder mit einer toxischen Algenart befallen war, schloss Eddie aus.
Er hatte vor Kurzem Kontakt zu einem ›Kollegen‹ aus Manchester aufgenommen, der einem ähnlichen Hobby nachging und den See erst vor einigen Monaten besucht hatte. Der hatte dort zur Sicherheit eine Wasserprobe entnommen, sich aber nicht getraut, in den See zu steigen. Von den Schildern und den maroden, kaum noch vorhandenen Zaunanlagen rund um den See eingeschüchtert, hatte er den Schwanz eingezogen und war nach Hause zurückgekehrt.
Zumindest die Probe hatte er jedoch ausgewertet und das Ergebnis in seinem Blog gepostet. Der Bericht war erstaunlich, aber ernüchternd.
Die Wasserqualität des Emerald Lake war so perfekt, wie man es sich als Taucher nur wünschen konnte. Daran lag es also nicht, dass man das Gebiet zu einer Verbotszone erklärt hatte, die in ihrer Übertriebenheit fast schon militärische Ausmaße annahm.
Das Gewässer war weder giftig noch gefährlich, und auch sonst hatte Eddie keinen Hinweis darauf gefunden, was die Sicherheitsmaßnahmen in Form der Schilder und Zäune rechtfertigte.
Spannender waren sowieso die Gerüchte und Legenden, die sich rund um den See rankten und Eddies Interesse vor einigen Wochen geweckt hatten. Laut den Dorfgeschichten, die man sich im nahen Sayers Green und der Umgebung erzählte, lag auf dem Grund, in der undurchdringlichen Tiefe des Sees, irgendetwas. Was dieses ›Etwas‹ allerdings darstellte, war relativ unklar. Die Gerüchte schwankten zwischen einer Miniaturausgabe des Loch-Ness-Monsters und dem Wrack eines Naziflugzeugs, das im Zweiten Weltkrieg in den See gestürzt und mit einer geheimen Superwaffe beladen war.
Die glaubwürdigste Geschichte, die auch Eddies Blut in Wallung gebracht hatte, war jene über einen versunkenen Schatz, der seit Jahrzehnten darauf wartete, aus dem See geborgen zu werden. Welcher Art dieser ominöse Schatz war und ob er tatsächlich existierte, war ein gut gehütetes Geheimnis. Doch Eddie Jones war fest entschlossen, das Rätsel zu lösen und sich nicht von irgendwelchen windschiefen und kaum lesbaren Warnschildern einschüchtern zu lassen.
Es wäre schließlich nicht das erste Mal gewesen, dass er auf einem seiner Tauchgänge in England, Wales und Schottland fündig geworden wäre. Ab und zu hatte er verwitterte Münzen und alte Schmuckstücke gefunden, die er bei zwielichtigen Händlern für einige Scheinchen verscherbelt hatte. Doch selbst wenn er heute nichts Spektakuläres fand, konnte er sich zumindest auf seinem Internetblog damit rühmen, als einer der Ersten im verbotenen See getaucht zu haben.
Eddie stieg aus dem Subaru und öffnete die Heckklappe des Wagens. Er warf einen fast nervösen Blick über die Schulter in Richtung der Ortschaft Sayers Green, die knapp eine halbe Meile hinter einem schmalen Waldstück lag. Das Letzte, was er jetzt brauchte, war ein hysterischer oder paranoider Dorfbewohner, der ihn ankeifte, weil Eddie die Verbotsschilder missachtete.
Auf der Ladefläche sitzend, zog er seine Kleidung aus und drapierte sie sorgfältig im Kofferraum des Geländewagens. Dann griff er nach dem dunklen Neoprenanzug und den Füßlingen und zwängte sich ächzend hinein.
Ohne den Neoprenanzug hätte er nicht ins Wasser steigen können, denn es war eisig kalt. Vor einigen Wochen war die Welt noch in Eis und Schnee versunken, denn es hatte einen heftigen Kälteeinbruch gegeben, für den die Meteorologen immer noch keine Erklärung hatten. Dann war das Wetter schlagartig wieder milder geworden.*
Eddie holte das Tauchjackett aus einer Kunststoffkiste und schnallte es um die Brust. Daran fixierte er eine Tasche, nachdem er kurz den Inhalt, der unter anderem aus Taucherleuchte und Unterwasserkamera bestand, geprüft hatte. Auf dem Rücken befestigte er eine kleine Zehn-Liter-Sauerstoffflasche und band den Tauchcomputer um sein Handgelenk.
Nachdem er den festen und sicheren Halt seiner Ausrüstung getestet hatte, setzte er die Taucherbrille auf und schob sie vorerst in die Stirn. Dann nahm er die Taucherflossen an sich, schloss die Heckklappe des Wagens und stapfte im Entengang in Richtung Emerald Lake.
Eddie hatte an einer der vielen Stellen geparkt, an denen die kaputten und verrosteten Zäune bis fast zum Boden eingedrückt waren und dadurch kein wirkliches Hindernis für ihn darstellten. Er stieg an einem solchen Punkt über die kaum vorhandenen Zaunreste und überquerte somit die Grenze zum verbotenen Gebiet.
Als er das Ufer des Emerald Lake nach einem kurzen Fußmarsch erreichte, ließ er den Blick über den See und daran entlangschweifen. Sein Timing war perfekt, denn direkt über dem Gewässer ging gerade die Sonne unter. Ihr Licht tauchte den Himmel in ein sattes Orange und glitzerte auf der Wasseroberfläche.
Je näher die Dunkelheit der Nacht heranrückte, desto beruhigter wurde Eddie Jones, denn mit jeder Minute, die verging, sank die Chance, dass ihn jemand bei seinem Vorhaben entdeckte oder störte.
Er setzte sich auf den feuchten Grasboden, der bis zum Rand des Ufers sanft abfiel, und schlüpfte in die beiden Flossen. Dann klemmte er sich den Atemregler zwischen die Zähne und öffnete die Sauerstoffzufuhr der Flasche. Zu guter Letzt zog sich Eddie die Taucherbrille über die Augen und prüfte auch hier den korrekten Sitz.
Als er mit allem zufrieden war, stand er auf, watete vorsichtig in das kühle grüne Nass des Sees und ließ sich mit dem Kopf voran in die dunkle Tiefe gleiten.
Eddie Jones liebte diese Stille. Hier, einige Yards unter der Oberfläche des Emerald Lake, war er in seinem Element und genoss jeden Moment des Tauchgangs in vollen Zügen.
Die vom Wasser gedämpften Geräusche um ihn herum, die Luftblasen, die aus dem Atemgerät mit leisem Gurgeln nach oben drangen, und die letzten Sonnenstrahlen, die wie flammende Schwerter durch die diffuse Umgebung stachen, gaben ihm das Gefühl, komplett in einer anderen Welt zu sein. Völlig abgeschottet von den Problemen und der Tristesse des normalen Lebens, die woanders in Form eines langweiligen Jobs auf ihn wartete, war dies der einzige Ort, an dem er sich völlig entspannen und abschalten konnte.
Er holte die Taucherlampe aus der Tasche hervor, schaltete sie ein und schickte den hellen Strahl in die Dunkelheit. Der Emerald Lake war nicht tief, und so dauerte es nicht lange, bis er den Grund erreichte.
Für einen Moment hielt er inne und wartete, bis das von ihm aufgewirbelte Sediment wieder auf den Boden gesunken war und die Sicht klarer wurde. Dann entschied er, dass er sich als Erstes der Mitte des Sees nähern wollte, und setzte sich langsam in Bewegung.
Eine Zeit lang passierte gar nichts. Er schwebte über dem sandigen Boden hinweg, schwamm an der ein oder anderen Wasserpflanze vorbei, während er von kleinen neugierigen Barschen und Äschen beäugt wurde, die seinen Weg kreuzten.
Beinahe wollte Eddie den Ausflug schon enttäuscht abbrechen und an die Oberfläche zurückkehren, als etwas seine Aufmerksamkeit erregte.
Schräg vor ihm, zehn Yards entfernt, schwankte ein großes Objekt in der leichten Strömung hin und her. Eddie war sich anhand der Konturen sicher, dass es sich nicht um eine Wasserpflanze handelte, obwohl das aufgrund der Bewegung seine erste Vermutung gewesen war. Für einen Fisch oder ein anderes Wassertier war das Objekt jedoch zu groß.
Erst als er näher kam und sich der Gegenstand im Schein seiner Leuchte langsam aus der Dunkelheit schälte, erkannte er die verstörende Wahrheit.
Es war ein Toter!
Hätte Eddie in diesem Moment keine Taucherbrille aufgehabt, hätte er sich vermutlich verwundert die Augen gerieben. Zögernd ließ er den Strahl der Taucherlampe an dem geisterhaft schaukelnden Körper hinabgleiten.
Es war tatsächlich ein toter Mensch, der sich vor Eddie in der Dunkelheit abwechselnd nach rechts und links wiegte, daran bestand nicht der geringste Zweifel.
Der Zustand der Leiche war – gelinde gesagt – furchtbar, und trotz der Kälte des Wassers rieselten Eddie kleine Eissplitter die Wirbelsäule hinunter. Der Typ musste zweifellos schon einige Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, hier unten verbracht haben.
Sein Körper war nicht aufgedunsen, wie es Eddie von einer Wasserleiche erwartet hätte, er ähnelte vielmehr einem Skelett, das nur von einer dünnen, schmierigen, an manchen Stellen verfaulten Haut überzogen war. Und jetzt erkannte Eddie bei genauerer Betrachtung, dass an dem ein oder anderen Körperteil bleiche Knochen zum Vorschein kamen.
Mit viel Fantasie konnte man erkennen, dass es sich bei dem Toten um einen Mann handelte. Das schloss Eddie weniger aus den Gesichtszügen, die nach all den Jahren im Wasser kaum mehr vorhanden waren, sondern aus den Resten der Kleidung, die ihm teilweise in Fetzen vom Körper hingen.
Obwohl das Gesicht nach der langen Zeit im See entstellt und merkwürdig verschoben schien, wirkte der Ausdruck in den Zügen des Mannes seltsam friedlich. Ganz so, als würde er nur vorübergehend schlafen. Die Augen waren geschlossen, was Eddie ungemein beruhigte, aber der Mund unter der schiefen Nase stand offen.
Eddie leuchtete mit der Lampe hinein und sah eine Reihe krummer, brauner Zahnstümpfe und dahinter eine dicke schwarze Zunge. Eddie fand es merkwürdig, dass sie nach all den Jahren noch nicht von den Fischen des Sees angeknabbert worden war, machte sich aber keine weiteren Gedanken darüber.
Interessanter war die Vorrichtung, die dafür sorgte, dass die Leiche seit Ewigkeiten in der Tiefe des Sees gefangen war und mit leicht ausgebreiteten Armen unheimlich in alle Richtungen schwankte.
Eddie ließ den Strahl der Leuchte an dem toten Körper herabgleiten und sah eine mit grünen Algen überzogene Eisenkette, die sich eng um den rechten Knöchel des Mannes schlang. Die Kette war nicht länger als zwei Fuß und an ihrem anderen Ende mit einem großen Steinbrocken verbunden, der auf dem schlammigen Grund des Sees ruhte.
Der nächste Eisschauer kroch über Eddies Rücken, als er erkannte, dass der arme Teufel regelrecht hingerichtet worden war, indem man ihn bei lebendigem Leib im Emerald Lake versenkt hatte.
In Eddies Kopf kreisten die Gedanken. Was sollte er mit dieser Entdeckung anfangen? Die Behörden informieren und damit zugeben, dass er mit dem Tauchen im See eine Straftat begangen hatte? Das war ausgeschlossen. Vielleicht konnte er stattdessen bei der örtlichen Polizei in Sayers Green einen anonymen Anruf tätigen, ohne seine Identität preiszugeben.
Plötzlich kam ihm ein beunruhigender Gedanke. War die Wasserleiche vielleicht der Grund dafür, dass das gesamte Gebiet um das Gewässer herum und der See selbst zum Sperrgebiet erklärt worden waren? Lag es dann nicht im Bereich des Möglichen, dass irgendein hohes Tier genau wusste, was in der Tiefe des Emerald Lake verborgen war, und es aus unbekannten Gründen vor der Öffentlichkeit verbergen wollte?
Offensichtlich war Eddie hier auf etwas Großes gestoßen. Er hob die Lampe an und leuchtete dem Toten ein letztes Mal in das unheimliche Gesicht.
Bevor sein Verstand registrierte, dass sich plötzlich die Augen der Wasserleiche geöffnet hatten, war es bereits zu spät! Eine dürre, aber kräftige Hand packte Eddie Jones an der Schulter, und in derselben Sekunde wurde er ruckartig näher an den Körper des Toten herangezogen.
Ein brennender Schmerz durchzuckte seinen Unterleib, als wären tausend glühende Nadeln hineingetrieben worden. Er bekam noch mit, wie sich die immer zahlreicher werdenden Luftblasen aus seinem Atemgerät mit einer dunklen Flüssigkeit zu einer Art scharlachroter Wolke vermischten, dann versank die Welt um ihn herum in einer qualvollen Finsternis ...
Der dunkle Raum war nur spartanisch eingerichtet. Die einzige Lichtquelle, die vorhanden war und durch ein schmales Fenster in die Kammer drang, war der Schein des Mondes. Ein dicker Vorhang verschluckte den Großteil des Lichts, und was davon übrig blieb, brachte nur einen Tisch und ein breites Bett, das in der Ecke stand, zum Vorschein.
Auf dem Bett zeichneten sich, von einer groben Wolldecke verborgen, die schemenhaften Umrisse einer menschlichen Gestalt ab.
Plötzlich durchschnitt ein erschreckter Aufschrei das Zimmer und verdrängte die vorherrschende Stille, als die Person sich ruckartig im Bett aufsetzte. Sie hatte den Schrei im Schlaf ausgestoßen.
Schweißtropfen glitzerten im fahlen Mondlicht auf der Stirn der Gestalt, ihr Oberkörper bebte bei jedem angestrengten Atemzug.
Etwas war zurückgekehrt!
Etwas, das lange Zeit im See verborgen und geschlafen hatte, war erwacht und sprach zu ihr.
Die Gestalt spürte es in jedem einzelnen Knochen und hörte deutlich, wie die Stimme wieder und wieder einen Namen flüsterte.
Kreyaté ...
Ein Name, den sich die Gestalt vor scheinbar unendlich langer Zeit selbst gegeben und nach einem schrecklichen Vorfall wieder abgelegt hatte, sodass heutzutage niemand mehr wusste, dass er zu ihr gehörte. Niemand, außer ...
Kreyaté ... Hilf mir ... Befreie mich ...
Aber konnte das sein? Es waren so viele Jahre vergangen, seit die Gestalt namens Kreyaté das letzte Mal mit ihm Kontakt aufgenommen hatte. Eine Menge Dinge waren seitdem geschehen und hatten sich verändert. War es wirklich möglich, dass er noch existierte?
Der Holzboden knarzte unter den Füßen der Gestalt, als sie langsam aufstand und sich dem niedrigen Tisch näherte. Sie hob ein Glas Wasser, das dort stand, zum Mund und leerte es mit kleinen Schlucken. Dann legte sie den Kopf in den Nacken und schloss die brennenden Augen.
Wieder ertönte in ihren Gedanken die Stimme, die sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gehört hatte, und rief den lange vergessenen Namen. Ihr Klang war traurig, panisch, aber vor allem ... zornig.
Eine einzelne Träne lief aus dem Augenwinkel der Gestalt namens Kreyaté und rann, funkelnd im Mondschein, die Wange herab. Ohne ein Licht einzuschalten, durchquerte sie das Zimmer, öffnete die Tür und betrat einen engen Flur.
Mit drei Schritten hatte sie ihn hinter sich gelassen und huschte in einen schmalen Durchgang, der offensichtlich in den Keller führte.
Langsam stieg die Gestalt, eine Hand an der rauen Wand entlanggleitend, die wenigen Stufen nach unten in die Dunkelheit. Stets darauf bedacht, nicht zu stolpern und zu stürzen.
Im Kellerraum angekommen, näherte sie sich einem wuchtigen Schrank, dessen Umrisse in der Finsternis nur schwer auszumachen waren. Er war so hoch, dass sich die Gestalt mühsam auf Zehenspitzen stellen musste, um mit ihrer ausgestreckten Hand das zu erreichen, was versteckt auf dem Deckel des Möbelstücks lag.
Ihre Finger fanden einen mit einer dicken Staubschicht bedeckten Schlüssel und holten ihn herunter.
Mit der einen Hand tastete Kreyaté nach dem Schloss in der Tür des Schranks, während die andere fest den Schlüssel umklammerte, damit er nicht in der Dunkelheit zu Boden fiel.
Das Schloss war lange Zeit nicht benutzt worden, und so hatte die Gestalt Mühe, den Schlüssel darin herumzudrehen. Doch nach einigen Versuchen hatte sie es geschafft, die Verriegelung schnappte auf, und die Tür des Schranks öffnete sich.
Kreyatés Fingerspitzen wanderten in die tiefe Schwärze des Schranks. Obwohl sie ihn lange nicht mehr benutzt hatte, kannte die Gestalt das Innere immer noch wie ihre eigene Westentasche und wusste genau, wo sich der Gegenstand befand, den sie suchte.
Es war eine Streichholzschachtel, die an der Seite auf einem Holzbrett in Hüfthöhe lag.
Kreyaté nahm das Schächtelchen an sich, nestelte kurz daran herum und klaubte ein Streichholz heraus.
Bevor sie es über die Reibefläche der Schachtel zog, hoffte sie inständig, dass es trotz des hohen Alters funktionierte.
