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Julia, 22, Zahnarzthelferin, ist mit ihrer Clique unterwegs zum Bodensee, als sie wegen des gefährlichen Fahrstils eines der jungen Männer in Streit gerät. Als der ihr spaßeshalber anbietet auszusteigen, macht sie genau das und beharrt trotzig darauf, sich allein nach Meersburg durchzuschlagen. Kurz darauf steigt sie zu einem "Opa" ins Auto, dessen Hobby Barock und Rokoko ist und mit einer alten Dame verabredet, die in einem kleinen Barock-Schlösschen am Bodensee lebt. Julia findet trotz ihrer Tramperkluft herzliche Aufnahme und ihrerseits Gefallen am kunsthistorischen Interesse des "Professore", wie der alte Mann von der Gräfin betitelt wird. Sie begleitet ihn einige Tage bei seinen Explorationen. Dann müssen beide schweren Herzens Abschied nehmen. Ein paar Jahre später klopft es nachts an der Tür des Professore: Julia, total verdreckt, verletzt und am Ende ihrer Kräfte hat es mit Hilfe eines freundlichen Busfahrers geschafft, sich zu ihm durchzuschlagen – nach einem dramatischen Vergewaltigungsversuch eines BMW-Fahrers, zu dem Julia, der Tramp, eingestiegen war. Erstmalig fühlt sie sich nach einem beruflichen Schleuderkurs und der sexuellen Ausbeutung durch ihren Chef geborgen. Sie erkennt, dass sie in ihrem bisherigen Leben immer ein Tramp war, immer das Steuer ihres Lebens anderen anvertraut hat und von einem Unglück ins andere stürzte. Der Professore ist glücklich, die junge Frau um sich zu haben, die ihm bei seiner Arbeit an einem Buch und im Hause gute Dienste leistet. Es entbrennt eine utopische Liebe zwischen beiden. Ja, Julia wird sogar schwanger. Das bemerkt sie erst, als sie auch der Gräfin bei deren Memoiren zu Hilfe kommt und dort auch Seminare und Symposien organisiert, die im Schloss abgehalten werden. Als der Professore von der Schwangerschaft erfährt, macht der ihr einen Heiratsantrag, den sie sofort annimmt. Jedoch stirbt er, noch ehe alle Dokumente beschafft werden konnten. Beider Sohn Roman wird im Schloss geboren.
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Seitenzahl: 88
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Werner Siegert
Julia, der Tramp
Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Spurensuche
Keine Fragen - bitte!
Der Falsche
Mal gebeichtet
Eine ganz fiese Masche
Pflichtteil
Dein Ding, dein Glück
Roman Martin
Führerschein
Der erste Stein
Aus dem Tiefgeschoss meiner Psyche
Wieder ein Tramp
Notabene:
Impressum neobooks
Ich bin ein Trotzkopf. Vielleicht habe ich überreagiert. Wir waren zusammen unterwegs. Zu fünft. Drei Mädchen, zwei Jungens. Twens im Anfangsstadium. Wandern mit prallen Rucksäcken von Jugendherberge zu Jugendherberge. So war es jedenfalls geplant. Dann auch mal eine Nacht im Freien, im Zelt. Mal mit einem Bauern auf dem Anhänger zum nächsten Ort. Scheune - aber mit wenig Stroh. Dafür Zecken. Schließlich mieteten wir ein Auto. An Michis Fahrkünsten hat sich alles entzündet. Er fuhr mir zu schnell. Zu waghalsig. Irgendwie hatte ich das Empfinden, er wollte uns mal zeigen, wie gut er Autofahren kann. Es kam zum Streit. Bis er sagte: „Du kannst ja aussteigen, wenn es Dir nicht passt! Kommst du eben zu Fuß nach!“ Und er hielt tatsächlich an. Und ich stieg tatsächlich aus, griff mir meine Tasche und lief in entgegen gesetzter Richtung davon. Unbeirrt von den Rufen der anderen. Unbeirrt davon, dass sie wendeten und mich beschworen, ich solle doch wieder einsteigen. Ich solle doch kein Spielverderber sein. Aber - wie gesagt - ich bin ein Trotzkopf. Und ich hatte Angst. Mein Bruder war gerade noch mit dem Leben davon gekommen, als er und drei Bundeswehrkameraden in ein Waldstück geschleudert wurden. Überhöhte Geschwindigkeit, Leichtsinn, Angeberei - und zwei Tote.
„Ich komme nach!“ versprach ich. „Ihr braucht Euch um mich nicht zu kümmern!“ Ein Stück fuhren sie neben mir her. Anne redete auf mich ein. Dann schrie sie mich an. Das gab mir den Rest. Aus - vorbei. So kann man mit mir nicht reden. Schließlich bin ich Widder.
Sie brausten davon. Hielten wieder an. Warteten auf mich. Ich wechselte die Richtung. Dann verloren wir uns aus den Augen. Unser nächstes Ziel war Langenargen am Bodensee. Und dann Meersburg, die Jugendherberge. Irgendein Auto würde schon anhalten und mich mitnehmen. Ich bin Widder und schaffe alles, was ich mir in den Kopf setze.
Ab jetzt beginnt die Geschichte kitschig zu werden. Ein bisschen jedenfalls. Zeit, dass ich mich vorstelle: In dieser Geschichte heiße ich Julia. Im richtigen Leben ähnlich, aber anders. Ich fühle mich freier, wenn Julia diese ihre Erlebnisse schildert. Auch wenn das in keiner Weise was mit einem Romeo zu tun haben wird. Kein Romeo. Keine Liebestränen. Keine Nachtigall. Bitte hier aussteigen, wenn einer nicht weiterlesen will.
Julia ist 22. Zahnarzthelferin. Lose verbandelt mit einem, der nicht mitkommen konnte. Sonst wären wir zu sechst gewesen. Somit war ich das fünfte Rad am Wagen, wie man zu sagen pflegt. Das sorgt ohnehin schon für Unruhe. Die anderen tun es miteinander, also der Michi mit der Anne und der Pit mit der Susanne. In der Nacht im Freien hatten sie Hemmungen und sind irgendwohin verschwunden, als sie dachten, ich sei eingeschlafen. „Wir können doch hier nicht vögeln, wenn die Julia keinen hat!“ meinte Pit. Ich hätte aber keinen gebraucht. Es war mir lieber so. Und sie hatten wohl ihren Spaß dabei. Und Ameisen und Mücken. Und den Bach als Bidet. Nachts kam dann noch der Michi in mein Zelt. Aber für eine solche Mitleidsnummer, noch dazu hinter dem Rücken von Anne, war ich nicht zu haben. Widder wollen alles oder nichts.
Nun also ohne die Clique. Wenn man 22 ist, etwas Busen hat und lange Haare, halten alle Autofahrer an. Das ist ein wirkliches Problem. Denn zu jedwedem steige ich nicht ein. Deshalb frage ich immer erst „Wo fahren Sie denn hin?“ - und wenn mir der Typ nicht gefällt, sage ich, das sei die falsche Richtung, leider. Bei dem einen stinkt die ganze Karre nach Zigarrenrauch. Der nächste hat den unverschämten Vernascheblick drauf. Der nächste pfeift gleich zwischen den Zähnen und starrt mir in die Bluse. War vielleicht doch keine so gute Idee. Ein Bundeswehrsoldat erinnert mich an die Sache mit Rolf. Der nächste hätte eine Chance gehabt, fuhr aber nun wirklich in die falsche Richtung. Schließlich stieg ich zu einem Opi in den Mercedes. So ein ganz besorgter. Nur rauchen dürfe ich in seinem Auto nicht. Da waren wir zum ersten Mal auf der gleichen Schiene.
Natürlich wollte er wissen, ob es nicht gewagt sei, so als blutjunges, attraktives Frauenzimmer allein zu trampen. Blutjung hat er gesagt und attraktiv. Fand ich nett - so jenseits jeglicher Anmache. Meersburg sei eigentlich nicht seine Richtung. Aber er könne mich in der Nähe absetzen. Oder vielleicht doch hinfahren. Nur habe er vorher noch zu tun. In Tettnang.
„Kennen Sie das?“ fragte er. Nein, sagte mir im Moment nichts.
„Barock!“ - eine zunächst etwas einsilbige Antwort. „Lieben Sie Barock?“
Ich habe so meine Schwierigkeiten, Barock und Rokoko auseinanderzuhalten“, gab ich zu. Mit dieser Antwort wollte ich der Gefahr ausweichen, geprüft zu werden.
„Schade!“ - Wieder so ein einsilbiger Kommentar.
„Was ist schade?“
„Dass Sie mich bald wieder verlassen werden. Sonst ...“
„Was heißt das - sonst?“
„Sonst könnte ich Sie Barock erleben lassen, mit allen Sinnen!“
„Als da wären?“
Opi schob eine Kassette ins Autoradio. Ein Flötenkonzert erfüllte den Wagen.
„Telemann! Barockmusik! Schloss Tettnang, schlichter, edler Barock! Gartenkunst! Weingarten, sakraler Barock vom Feinsten. Sankt Peter an den Bodensee versetzt.“
„Sind Sie Kunstgeschichtler?“
„Fast. Ein Hobby. Eintauchen in andere Welten. Vielleicht auch Flucht. Nennen Sie es, wie Sie wollen!“
„Flucht - wovor?“
„Ach, lassen wir das! Dennoch - jammerschade, dass Sie mich in Meersburg wieder verlassen müssen. Ist das unabänderlich? Sind Sie in Meersburg fest verabredet? Müssen Sie unbedingt in die Jugendherberge? Reizt es Sie nicht, mal in einem Barockschloss zu übernachten? In einem kleinen Juwel des Barock? Natürlich in allen Ehren. Vielleicht kann ich das arrangieren. Vielleicht ist die Gräfin zuhause. Selten genug.“
Opi wartete meine Antwort nicht ab. Kannte er sie?
„Da ist aber mein Rucksack! Und ich kann mir ein Zimmer in einem Schloss nicht leisten. Da sind auch meine .... Freunde und Freundinnen!“
„Die Sie so im Stich gelassen haben? Dass Sie allein auf der Landstraße Autos anhalten mussten? Sich diesen Gefahren ausgesetzt sahen? Merkwürdige Freunde. Es wird wohl besser sein, dass wir den Rucksack abholen lassen. Und wenn’s klappt, sind Sie natürlich Gast!“
„Und dann?“
„Keine Angst, mein Fräulein ....“
„Ich heiße Julia!“
„Keine Angst, Fräulein Julia, Sie verpflichten sich zu nichts, kein Obligo, nur eine Alternative: Übernachten in einem Barockschloss. Natürlich in einem eigenen Zimmer. Mit Bad. Und zuvor ein schöner Sommerabend, wenn Sie wollen mit einem Gläschen Wein, auf der Terrasse hoch über dem See. Wäre das nicht eine stilvolle Alternative zur Jugendherberge? Wie gesagt, wenn die Gräfin da ist und wir nicht ungelegen kommen!“
„Sind Sie ein Graf? Ein Adliger?“
„Nein, nicht ich, aber die Schlossherrin. Eine gute Bekannte. Eine Seelenverwandte.“
Von Tettnang, wo Opi zu einem Termin, wie er sich ausdrückte, ins Rathaus verschwand, telefonierte er mit der Seelenverwandten in Meersburg.
Der Mann begann mich zu faszinieren. Aber ich wusste nicht warum.
Es war nicht das große Schloss, aber ein ansehnliches. Der Kies knirschte unter den Reifen. Eine geschwungene Vorfahrt hinter weißgestrichenen schmiedeisernen Toren. Ich sagte ja schon, irgendwie war alles ein bisschen nach Courths-Maler, Lore-Roman, kitschig eben. Die Anhalterin und der begüterte alte Mann. Fast unerträglich. Aber meine Neugierde hinderte mich daran zu fliehen. Ich hätte ja nur zu sagen brauchen, dass ich doch lieber wieder zu meinen Freunden stoßen wolle. So wie ich angezogen war, mit nicht mehr ganz frischen Jeans und einer Feldwaldundwiesen-Bluse.
„Ah, da seid Ihr ja endlich, Professore! Ei - und was hat er denn da für ein hübsches Frauenzimmerchen mitgebracht? Wird er mir letztlich untreu, du Schlingel, du?“
„Das ist Julia, die Anhalterin - und ich bin ihr Retter! Habe sie von den Abgründen der Landstraße zurückgerissen. Soweit ich weiß, hat man sie ausgesetzt!“ So stellte Opi mich lachend vor und die steinalte, weißhaarige, hochgewachsene Gräfin bot mir beide Hände.
„Julia, vor dem Professore, da müssen Sie sich vorsehen! Alter schützt vor Torheit nicht. Gott sei es gedankt, nicht wahr, mein lieber Alfred. Lange hast du dich nicht blicken lassen. Zu lange. Ich bin verdorrt! Siehst du das nicht? Ich kann mir Tage und erst recht Wochen ohne Liebe nicht mehr leisten in meinem Alter! Und dann angelst du dir eine Julia von der Straße?“
„Du kannst mich doch hier vor dem blitzsauberen Mädele nicht so dekuvrieren und gleich alle unsere Heimlichkeiten verraten!“
Sie küssten sich wie ein Liebespaar. Die Gräfin in einem ganz schlichten, beigen Leinenkleid, so ein ganz dezenter Landhausstil. Er mit seinem dunkelgrünem Janker über einer Tweedhose.
„Kommt rein. Es ist schon gedeckt. Zeig mal der Julia ihr Zimmerchen, und du weißt ohnehin Bescheid. Wo hat sie denn ihren Koffer?“
„Vermutlich in der Jugendherberge. Ich sagte ja schon, ihre Freunde sind vorausgefahren!“
Ich korrigierte, indem ich betont ergänzte „und Freundinnen! Wir sind eine Clique, aber es gab Knatsch. Das muss ich nicht haben!“
„Kein Problem, wir lassen die Sachen nachher abholen. Ich glaube, dies ist hier eine bessere Wahl als die ständig überfüllte Jugendherberge und der Trubel in der Altstadt!“
Das Zimmerchen - war ein Palast! Mit stuckverzierten Decken und Nischen. Mit alten Möbeln und Bildern, mit knarrenden Dielen unter etwas abgewetzten Teppichen. Aber mit einem Bad, Dusche und Klo. Alles proper hergerichtet. Hier werden offensichtlich jeden Tag Gäste erwartet.
„Ihr habt noch Glück mit dem Wetter! Wenn der Säntis so klar zu sehen ist, wird es nicht mehr lange halten. Diese lauen Sommernächte sind rar in diesem Jahr. Ach, Professore, was waren die Sommer früher doch viel schöner! Wie oft haben wir hier ganze Nächte vertändelt. Als ich noch ein bisschen knackiger war! Und jetzt? Wird schon der Sommer zum Herbst, so wie wir!“
Die Gräfin hatte ein kleines Abendbrot serviert, eine Bouillon, ein paar Toaste mit Butter, dann gab es Pasteten mit Ragout und Champignons. Natürlich einen wohl ziemlich kostbaren Weißwein. Gottlob auch Wasser dazu, sonst wäre ich bald bedudelt gewesen.
Die beiden kannten sich offensichtlich schon ein Leben lang. Ich weiß selbst nicht, wie so zwischen zwei alten Leuten eine so erotische Atmosphäre zustande kommen kann. Das knisterte nur so. Verbalerotik als Ersatz? Immer wieder bezogen sie mich in ihre Reminiszenzen ein.
„Ja, liebe Julia, Freundschaften fürs Leben, das ist das Kostbarste, was letztlich bleibt. Aber tief müssen sie gehen. Tief wie die Wurzeln eines sturmgebeugten Baumes. Geist-reich ist viel wichtiger als reich. Reich an Geist. Gespräche sind wichtiger als Sex. Erlebensfreude wichtiger als Lebensfreude!“ Die Lebensweisheiten der Gräfin - nicht wie ein mütterlicher Rat, eher als würzige Zutat zu diesem Mahl auf der Schlossterrasse mit dem Blick weit über den See.
