Julie weiß, wo die Liebe wohnt - Gilles Legardinier - E-Book

Julie weiß, wo die Liebe wohnt E-Book

Gilles Legardinier

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Beschreibung

Julie verliebt sich in ein Namensschild – und eine kleine französische Stadt steht Kopf!

Julie Tournelle hat schon viele verrückte Dinge in ihrem Leben getan. Doch als sie sich in das Namensschild ihres neuen Nachbarn verliebt, wirft sie endgültig jede Vernunft über Bord. Tagelang bezieht sie Posten hinter dem Türspion, um einen Blick auf den Unbekannten zu erhaschen. Dumm nur, dass er gerade dann auftaucht, als ihre Hand in seinem Briefkasten festklemmt. Doch Ricardo befreit sie nicht nur aus der misslichen Lage, sondern lädt sie sogar zum gemeinsamen Joggen ein. Julie weiß, sie sollte zugeben, dass sie nur in Notfällen läuft – wenn es brennt, oder ein kleiner böser Köter sie verfolgt – statt zu behaupten, sie sei begeisterte Langstreckenläuferin. Aber eigentlich ist doch in der Liebe alles erlaubt, oder?

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Buch

Julies Freund hat – wie alle bösen Jungs – zwar einen schönen Po, aber einen miesen Charakter. Trotzdem leidet sie, als er sie verlässt. Zum Glück gibt es aber die Bewohner ihres kleinen Heimatstädtchens, die immer für sie da sind – von der ruppigen, warmherzigen Bäckerin Madame Bergerot bis hin zu Julies Kollegin Géraldine, die eigentlich viel zu lange Beine hat, um nett zu sein.

Doch dann geschieht etwas, das Julies Welt endgültig ins Chaos stürzt: Ein neuer Nachbar zieht in die Wohnung über ihr, und sie verliebt sich … in sein Namensschild. Julie hat schon einige verrückte Dinge in ihrem Leben getan – je nach Präferenz könnte sie ihre Großtaten chronologisch oder alphabetisch auflisten. Doch um den mysteriösen Ricardo Patatras kennenzulernen, wirft sie jede verbleibende Vernunft weit über Bord. Stundenlang steht sie hinter ihrem Türspion, um vielleicht im Hausflur einen Blick auf den Unbekannten zu erhaschen. Dummerweise taucht er genau dann zum ersten Mal in Julies Leben auf, als sie jämmerlich mit der Hand in seinem Briefkasten festklemmt. Doch Ric ist nicht nur viel umwerfender, als sie es sich in ihren wildesten Tagträumen ausgemalt hatte, er befreit sie auch noch aus ihrer misslichen Lage und lädt sie sogar zum gemeinsamen Joggen ein. Julie weiß, sie sollte sofort zugeben, dass sie nur in äußersten Notfällen läuft (wenn es brennt oder dieser kleine böse Köter sie verfolgt), statt zu behaupten, sie sei schon immer begeisterte Langstreckenläuferin. Aber sie will Ric unbedingt wiedersehen. Bald. Und in der Liebe ist doch eigentlich alles erlaubt, oder?

Autor

Gilles Legardinier wurde 1965 in Paris geboren und arbeitete jahrelang in der Filmbranche. Er schrieb nicht nur zahlreiche Drehbücher fürs Kino, sondern arbeitete auch als Pyrotechniker am Set. Mit seiner ersten romantischen Komödie um die zauberhafte Julie feierte er in Frankreich einen sensationellen Erfolg und sorgte auch international für Begeisterung.

Gilles Legardinier

Julie weiß,wo die Liebewohnt

Roman

Aus dem Französischenvon Karin Ehrhardt

Die französische Originalausgabe erschien 2011unter dem Titel »Demain j’arrête« bei Fleuve Noir,département d’Univers Poche, Paris.

1. AuflageDeutsche Erstveröffentlichung Juni 2013Copyright © der Originalausgabe 2011 by Fleuve NoirCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013by Wilhelm Goldmann Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbHUmschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, MünchenUmschlagmotiv: © FinePic, München;Gallo Images / Leef / Camera Press / Picture PressMR · Herstellung: Str.Satz: DTP Service Apel, HannoverISBN: 978-3-641-10009-4www.goldmann-verlag.de

Lieber deutscher Leser,

ein paar Worte zu Beginn, um auszudrücken, wie glücklich ich bin, mit diesem Buch in Ihre Hände gelangt zu sein. Als französischer Autor bin ich Ihr Nachbar und kenne Ihr Land gut. Jedes Mal, wenn ich nach Deutschland komme, fühle ich mich außerordentlich wohl. Die Möglichkeit, diese Geschichte über die Grenzen der Sprache hinweg mit Ihnen teilen zu können, ist mir nicht nur eine ganz besondere Freude, sondern auch eine große Ehre.

Ich wünsche Ihnen von Herzen viel Vergnügen beim Lesen.

Amicalement,

Gilles

1

Kennt ihr jemanden, der seine Scheidung mit einer Party feiert? Nein? Ich schon. Normalerweise sind es ja zukünftige Eheleute, die sich amüsieren wollen. Man hört sie an Samstagen hupend in Autokolonnen zum Standesamt fahren, man stolpert in den Straßen über Junggesellen, die mit Freunden ihren Abschied vom Singleleben feiern, als Clowns verkleidet oder gleich halb nackt. Mit lautstarker Unterstützung von Tröten und Trommeln tragen sie vor mäßig interessierten Schaulustigen ihre Freude über das offizielle Ende ihres Solodaseins zur Schau. Aber ein Jahr später, wenn die statistischen 19 Prozent getrennte Wege gehen, wirft keiner mehr mit Konfetti. Mein Freund Jérôme jedoch durchaus.

Bei den ersten beiden Hochzeiten war ich nicht dabei, aber bei der dritten. Mit zweiunddreißig drei Hochzeiten und drei Scheidungen, das macht einen schon nachdenklich. Ein Sprichwort sagt: »Wer zum zweiten Mal Schiffbruch erleidet, der suche nicht die Schuld beim Meer.« Bis zum dritten Mal hat sich die Volksweisheit gar nicht vorgewagt.

Unter uns gesagt finde ich eine Scheidungsparty sehr viel angenehmer als eine Hochzeit. Kein Auf-den-Putz-hauen mehr, keine sozialen Normen, keine Zwänge. Adieu Kleid, in dem man keine Luft kriegt, weg mit den mörderhohen Stöckelschuhen, die einen umbringen würden, wenn man stolpert, kein Klingelbeutel für die Renovierung der Kirche, kein Menü mit Gerichten, die sich in unverdaulichen Saucen wichtigtun, und keine schwachsinnigen Witze von Onkel Gérard, der im Übrigen gar nicht eingeladen war. Nur noch Menschen, mit denen man wirklich verbunden ist und zu denen man ehrlich sagen kann: »Das war schon wieder nix, aber ihr seid mir wichtig!«. Ich glaube, seine erste Frau ist auch da.

Und so kommt es, dass ich mich an einem Samstagabend im Oktober in einer netten Wohnung voller Leute wiederfinde, die dank Jérôme wirklich Spaß haben. Es ist noch früh, man ist gelöst, man unterhält sich nach rechts und links, und jeder erzählt von Dingen, die einem nicht gelungen sind, die man bedauert, in einer ziemlich surrealen, aber lockeren Atmosphäre. Man glaubt sich bei den »Anonymen Versagern«. Schließlich meldet sich Jérôme zu Wort.

»Vielen Dank an euch alle, dass ihr gekommen seid. Es gibt eigentlich nichts zu feiern, außer meiner Freude, euch zu kennen. Jeder von euch ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Als Erstes möchte ich klarstellen, dass die Geschenke, die ihr – zumindest einige von euch – so großzügig gemacht habt, nicht zurückerstattet werden. Heute Abend habe ich keinen schicken Anzug an, ich habe nicht die stille Hoffnung, mir von euch die Hochzeitsreise finanzieren zu lassen, und habe im Übrigen auch keine dazu passende Frau mehr. Mit einer Perversion, die ich bei mir nicht für möglich gehaltenhätte, frage ich mich, ob die Scheidung von Marie nicht einzig durch den Wunsch motiviert war, mit euch diesen Abend verbringen zu können. Ich mache euch außerdem das Geschenk, das Allerletzte zu sein, das abschreckende Beispiel, der hoffnungslose Fall. Solltet ihr euch einmal mies fühlen, euch wegen eurer Misserfolge in Schuldgefühlen oder Selbstzweifeln suhlen, denkt an mich, und dann werdet ihr euch hoffentlich gleich besser fühlen.«

Alle lachten, alle applaudierten, und dann fing eine junge Frau an zu erzählen, wie sie vor drei Wochen gefeuert wurde, weil sie sich über einen kleinen übereifrigen Typen lustig gemacht hatte, als er versuchte, sie anzubaggern. Sie hatte ihn für einen unbedeutenden hormongesteuerten Bürohengst gehalten, aber es war der jungdynamische Geschäftsführer des größten Kunden ihres Chefs … Jetzt war sie also arbeitslos und gleich auch noch halb tot vor Lachen. Die anderen ließen sich davon anstecken.

Eine Beichte folgte auf die nächste, die Gesellschaft war schnell bester Stimmung, die Leute hatten sich viel zu erzählen. Man redete weder übers Fernsehen noch über sonstige nutzlose Dinge, die unser Leben sonst in Beschlag nehmen. Keiner hatte das Bedürfnis zu trinken, um witzig zu sein oder sich wohler zu fühlen. Wir waren unter uns, jeder ein fehlbarer Sterblicher. Wenn ein Geburtstag gefeiert wird, ein Erfolg oder ein glückliches Ereignis, entsteht diese besondere Stimmung nie. Dann gibt es den Star des Abends oder das Paar, allein auf ihrem Sockel, von den anderen umringt und beobachtet. Wir hätten vielleicht mehr davon, wenn wir öfter unsere Fehlschläge feiern würden … Kein Podest mehr, kein falscher Ruhm, nur das Glück, am Leben zu sein, Seite an Seite mit den anderen. Wahrscheinlich kann jeder mehr über Dinge berichten, die ihm leidtun als über solche, auf die er stolz ist. Ich jedenfalls hatte an jenem Abend, trotz aller Geschichten, die einem alle Hemmungen hätten nehmen sollen, nicht den Mut, das Wort zu ergreifen. Zu viel Angst, zu peinlich, obwohl es einiges zu erzählen gäbe. Wenn ich alles preisgeben würde, was ich vermasselt habe, bräuchte ich Monate, und das auch nur, wenn ich schnell spräche …

Ich war zu der Feier gekommen, um bei Jérôme zu sein, alles zu vergessen und um mich zu amüsieren. Ich wurde nicht enttäuscht. Und doch lässt sich das Schicksal durch solche Sachen nicht davon abhalten, dich genau im Auge zu behalten. Man weiß nie, wann es beschließt, dich zu überfallen und auf welche Art und Weise. Bei mir geschah es an jenem Abend, und der Bote des Schicksals sah ziemlich seltsam aus.

Ich war auf den Balkon gegangen, um frische Luft zu schnappen, und fand mich in Gesellschaft von diesen Rauchern, die sich im Abseits heimlich eine anstecken, wie Vorbestrafte bei einem Vergehen. Es war dunkel, etwas kühl. Ich ließ meinen Blick über die Stadt weiter unten schweifen. Da Jérôme im fünften Stock wohnt, hat er eine schöne Aussicht auf die Dächer und den nahe gelegenen Park. Ich lehnte mich auf das Metallgeländer. Es war eisig. Ich atmete tief ein und, dumm gelaufen, statt der frischen Nachtluft erwischte ich eine große Wolke von dem ziemlich suspekten Zeug, das ein großer Typ ein Stück weiter rauchte. Ich musste husten, dann versuchte ich mein Glück ein zweites Mal. Ja, jetzt ging’s. Man muss nur dranbleiben. Meine Lunge füllte sich mit Frischluft. Von meinem Standort aus hörte ich das aus dem Wohnzimmer sickernde Gelächter, vermischt mit den diffusen Geräuschen der sich zur Ruhe begebenden Stadt. Ein wohliger Schauer der Zufriedenheit durchrieselte mich.

Ich fing an darüber nachzudenken, was ich in den vergangenen Monaten alles durchgemacht hatte. Ich fühlte mich momentan gut genug, um es nicht an mich heranzulassen, als wäre es die Geschichte von jemand anderem, die von mir unbeteiligt analysiert werden konnte. Aber nicht stark genug, um die wirklich wichtigen Fragen aufkommen zu lassen. Die ignorierte ich lieber noch eine Weile. Zu viele, zu berechtigt. Ich wagte lediglich einen neutralen Rückblick, ganz rational natürlich, um wenigstens einen Augenblick lang glauben zu können, dass ich vor Tiefschlägen gefeit war, unangreifbar über dem Schlachtfeld schwebend.

Genau in diesem Augenblick fühlte ich einen bohrenden Blick im Rücken. Ich drehte mich um und entdeckte einen relativ jungen Typen, der einen weiten Hippie-Pullitrug. Sein Gesicht ließ mich sofort an ein Eichhörnchen denken. Kleine lebhafte schwarze Augen, eine leicht zuckende Nase und große Zähne, die wie zum Nüsseknacken gemacht waren. Das war also das Gesicht meines Schicksalsboten. Er starrte mich an.

»Hallo!«

»Hi.«

»Ich bin Kevin, und du?«

»Julie.«

»Bist du mit Jérôme befreundet?«

»Ja, wie alle auf dieser Party.«

»Sag mal, Julie, was ist denn die dämlichste Sache, die du im Leben angestellt hast?«

Es war nicht sosehr die Frage, die mich in Verwirrung stürzte, sondern die Antworten, die mir sofort in den Sinn kamen. Zum Beispiel, wie ich einmal die Treppe hinunterlief, mir dabei schnell einen Pulli über den Kopf ziehen wollte und schließlich ungebremst mit dem in den Wirren des Pullis gefangenen Kopf und mit durch die Ärmel immobilisierten Armen gegen die Wand prallte. Das Resultat war ein gebrochener Arm, zwei angeknackste Rippen und ein blauer Fleck, der mehr als einen Monat mein Kinn zierte. Ich hätte ihm auch erzählen können, wie ich einmal, als ich eine Steckdose reparieren wollte und beide Hände brauchte, um die Halterung festzuschrauben, die blendende Idee hatte, das Kabel zwischen meine Lippen zu klemmen. Eine Stunde lang habe ich alles in Gelb gesehen.

Ich hätte noch viele weitere Anekdoten zum Besten geben können, alle genauso peinlich, aber ich sagte nichts. Seine Frage hatte bei mir die Wirkung einer Ohrfeige. Ich habe keine Ahnung, wer dieser Kevin war, ich glaube auch kein weiteres Wort mit ihm gewechselt zu haben, aber in meinem Kopf fing es an zu rattern. Die dämlichste Sache, die ich je gemacht habe? Ich hätte eine alphabetisch geordnete Liste erstellen können, wahlweise auch chronologisch. Eines war sicher: Irgendetwas löste dieser Abend in mir aus, und ich hatte das Gefühl, mir selbst dieses Mal Rede und Antwort stehen zu müssen. Kein Rückzieher möglich. Mein Hirn zeigte mir keinen Notausgang. Als wäre dies das lang ersehnte Signal, um mich mit dieser existenziellen Frage zu konfrontieren, die ich schon viel zu lange vor mir hergeschoben hatte …

Also gut, ich werde antworten, sagte ich mir, ehrlich und schonungslos. Hier kommt ihr ins Spiel. Ich erzähle euch jetzt die allerdämlichste Sache, die ich je gemacht habe.

2

Wunderschön, so ein Orka, der ins Wasser eintaucht. Die faszinierende Kraft des Tieres, die Geschmeidigkeit und Präzision, mit der es durch die Fluten gleitet, um sich anschließend auf seine Beute zu stürzen. Aber, wenn man gerade verlassen wurde, könnte es einem nicht gleichgültiger sein.

Mein Name ist Julie Tournelle, ich bin achtundzwanzig und kurz vorm Durchdrehen. Nicht wegen des Orkas, der auf uns zurast, sondern weil sich mein Leben im Moment nicht unbedingt in die Richtung entwickelt, in die es sollte. Ich hätte zum Beispiel diese Einladung in den Süden niemals annehmen sollen. Carole hatte mich überredet: »Komm doch mal zu uns runter, es wird dir guttun. Es ist viel zu lange her, dass wir mal ein Wochenende für uns hatten, um zu quatschen. Und du siehst endlich dein Patenkind wieder. Sie ist groß geworden und einfach zum Anbeißen. Sie wird sich riesig freuen. Bitte, bitte, komm!«

Es stimmt, Cindy ist groß geworden, und ich glaube fast, sie wird noch größer werden. Ist ja auch normal, denn sie ist erst neun. Es stimmt auch, dass sie zum Anbeißen ist, aber da ich die ganze Wahrheit versprochen habe, muss ich präzisieren, dass sich mir ihre niedliche Seite bereits am ersten Morgen unseres gemeinsamen Zusammenlebens nicht mehr wirklich erschlossen hat. Ist schon komisch, so etwas zu sagen, wo ich doch Kinder liebe. Ich meine, ich glaube, ich werde meine lieben, sollte ich eines Tages welche bekommen. Wie dem auch sei, eines schönen Samstags im August fand ich mich in Antibes wieder, in einem zwischen zwei Autobahnen gequetschten maritimen Vergnügungspark, mit einigen tausend anderer Menschen, um große Fische in großen Wasserbecken zu betrachten, wie sie sich auf kleine Sardinen stürzten. Es ist jetzt schon heiß, der Asphalt schmilzt, und der Preis für eine Flasche Wasser orientiert sich an den Rohölpreisen. Bereits beim Verlassen des Parkplatzes, der sich mit Familienkutschen mit Kindersitzen füllt, frage ich mich, was ich hier eigentlich verloren habe. Die Antwort kommt recht bald: Cindy möchte eine Portion Zuckerwatte von ihrer Patentante. Mit Zuckerwatte verband ich bislang immer schöne Erinnerungen. Als ich klein war, fand ich, dass sie nur ein klein bisschen an den Lippen klebte. Papa, Mama, ich muss mich bei euch entschuldigen: Zuckerwatte ist Teufelszeug, eine einzige Prüfung. Sie ist nicht nur viel zu groß, um von einem Kind allein bewältigt zu werden, man hat sie nachher überall. Sie klebt nicht nur an den Lippen, sondern auch an der Nase, an den Klamotten und in den Haaren. Die Krönung war dann, als mich in der Warteschlange ein großer Kerl auf Cindy schubste und ihre Zuckerwatte auf meinem hübschen hellen Top landete. Eine nette Dame erklärte mir fröhlich, man würde es den »Spiderman-Fluch« nennen, wegen seiner klebrigen Spinnfäden. Und zu diesem Zeitpunkt hatten wir den Park noch nicht einmal betreten …

Vor der großen Delfin-Show haben wir uns die pädagogisch wertvollen Pavillons angesehen, mit kleinen schwimmenden Viechern und informativen Schildern. »Tiere sind unsere Freunde«, »Wir sind für sie verantwortlich«, »Die Erde ist in Gefahr«. Das ist wahr. Aber an einem Tag wie diesem, der sich trotz Sonne zappenduster anfühlt, bin ich versucht zu sagen, dass auch ich gefährdet bin, und trotzdem stellt keiner ein Schild für mich auf.

»Tante Julie, guck mal: Die Schildkröte heißt Julie! Wie du!«

»Und sie hat deine Augen«, fügt Carole übermütig hinzu, »aber anders als du scheint es ihr gelungen zu sein, ihren Typen langfristig an sich zu binden …«

Ich weiß nicht, woher man manchmal die Gelassenheit nimmt, über diese Art von Scherz zu lächeln, wo man doch am liebsten in Tränen ausbrechen möchte. Es ist zweifellos die gleiche Art von Kraft, mit der man seine Hand gerade noch davon abhalten kann, der Freundin eine schallende Ohrfeige zu verpassen. Es ist heiß. Cindy hat Durst, Cindy will Kuscheltiere, und ich möchte sterben.

Der Rest des Wochenendes ist nichts als ein langer Abstieg in die Hölle. Ich bin bei einer richtigen Familie zu Gast, mit einem Haus mitten im Blumenmeer, der Kombi parkt vor der Tür, das Spielzeug fliegt im Wohnzimmer herum, Fotos an den Wänden, kleine Scherze, die nur der kleine eingeschworene Kreis selbst versteht. Und trotz aller Freundlichkeit, die sie an den Tag legen, fühlt man sich fremd in diesem kleinen Universum der Zuneigung, die für diejenigen, die das Glück haben, Teil davon zu sein, so selbstverständlich ist.

Cindy spielt für mich ein Stück auf der Blockflöte. Ich kann es nicht identifizieren. Ein Männlein steht im Walde, massakriert? Ode an die Freude, uminterpretiert bis zur Unkenntlichkeit? Nein. Es ist die Titelmusik einer neuen Serie mit einem pickligen Kalifornier in der Hauptrolle, mit dessen Poster Cindy ihre Zimmerwände tapeziert hat. Danach gab es eine Kostprobe angebrannter Plätzchen. Sollte ich eines Tages Krebs bekommen, weiß ich woher. Anschließend haben wir uns zum Spaß gegenseitig geschminkt. Ich hätte ihr mehr von der Wimperntusche um ihre Nasenlöcher schmieren sollen, weil sie auch keine Skrupel hatte, mir den Lippenstift tief in die Ohrmuscheln zu stecken.

Aber das war noch nicht das Schlimmste. Carole hatte nicht gelogen: Wir haben geredet.

»Du kannst froh sein, dass Didier fort ist. Er war nicht gut für dich. Im Kopf wäre er immer ein Kind geblieben, und so einen willst du nicht dein Leben lang am Hals haben.«

Ihr braucht nur »Didier« durch »Donovan« zu ersetzen und »er wollte doch nur dein Geld« hinzuzufügen, und schon haben wir einen Dialog aus einer amerikanischen Serie. Danke, Carole. Du hast mir wirklich sehr geholfen.

Auf der Zugfahrt nach Hause habe ich die ganze Zeit geheult. Ich habe alles versucht, um mich abzulenken. Am Bahnhof, in einem Anfall von geistiger Umnachtung, habe ich sogar eine Zeitschrift gekauft, die sich über Fettpolster auslässt und über Drogenentzug irgendwelcher Stars berichtet. Ich habe noch nie begreifen können, wie man einen Artikel über verhungernde Kinder schreiben kann, während auf der Nebenseite Topmodels in Luxuskarossen gezeigt werden, die der Leserin untragbare Kleider schmackhaft machen sollen, die so viel kosten, dass die armen Würmchen davon sechstausend Jahre lang leben könnten. Wieso akzeptieren wir so etwas? Ich blätterte weiter bis zu den Horoskopen. »Löwe: Lernen Sie, Ihrem Ehepartner zuzuhören, sonst folgen böse Worte.« Welchem Ehepartner? Zuhören, ich mache nichts anderes als Zuhören, und was ist dabei rausgekommen? »Gesundheit: Zügeln Sie sich beim Genuss von Schokolade.«, »Arbeit: Man wird Ihnen ein Angebot machen, das Sie nicht ablehnen können.« Das sind vielleicht umwerfende Erkenntnisse. Ehrlich, ich würde zu gern wissen, wie man in den Sternen lesen kann, dass man nicht zu viel Schokolade essen soll. Ich glaube nicht, dass Pluto oder Jupiter mir sagen können, wie ich mich ernähren soll, und Leute, die das Gegenteil behaupten, sind bestenfalls Scharlatane. Ich schaffe es genauso wenig, mich für Tratsch über B-Promis zu interessieren, die erstaunliche Weisheiten von sich geben, wie zum Beispiel: »Ich würde alles tun, um glücklich zu sein« oder »Ich genieße es, geliebt zu werden«. Ich habe die Lektüre abgebrochen.

Dann habe ich versucht, das hübsche Bild zu deuten, das Cindy für mich gemalt und mir zum Abschied geschenkt hat. Eine überfahrene Katze in der Tupperdose? Eine Milbe unter dem Mikroskop? Es half alles nichts. Ich habe geweint. Ich dachte an Didier. Ich fragte mich, was er wohl in diesem Augenblick machte. Wie hat er sein Wochenende verbracht? Er hat mich zwar erst vor zwei Wochen abserviert, aber ich war mir sicher, dass er schon eine andere gefunden hat. Ein gut aussehender Musiker und Motorradfahrer bleibt nie lange Single. Ich bin auf einen richtigen Mistkerl reingefallen! Wenn ich nur daran denke! Ich habe ihn bei einem Konzert kennengelernt. Es war keine große Konzerthalle, sondern ein Mehrzwecksaal in Saint-Martin, dem Nachbardorf. Er war der Sänger in einer Alternativ-Rock-Band, den Music Storm. Bei dem Namen hätte ich misstrauisch werden sollen. Ich war mit zwei Freundinnen da. Wir hatten Freikarten bekommen, also sind wir hin. Es war so laut, dass mir die Augen beinahe aus den Augenhöhlen sprangen. Es war erbärmlich, aber da war Didier, aufrecht im Licht der Scheinwerfer, inmitten seiner hysterischen Musikerkumpel, die sich für die Rolling Stones hielten. Er sang in einer Sprache, die bestenfalls entfernt nach Englisch klang, aber er sah gut dabei aus. Das Erste, was mir an ihm auffiel, war sein Po. Meine Freundin Sophie sagt immer, dass nur böse Jungs hübsche Hintern haben, und Didier hatte einen wundervollen Hintern. Nach dem Konzert habe ich auch seine Augen gesehen, und dann ging alles ganz schnell. Ich weiß immer noch nicht warum, aber ich war hin und weg. Ein Viertel verkannter Künstler, ein Viertel überspannter Teenie und eine Hälfte irgendwas, was ich schon gar nicht mehr benennen kann. Liebe auf den ersten Blick. So eine Scheiße … Man sollte sich immer vor Augen halten, was einem an dem anderen als Erstes gefallen hat. Ich hätte mich mit seinem Hintern begnügen sollen. Wir sind zusammen ausgegangen, ich folgte ihm auf alle seine Konzerte. Ich habe sechsundzwanzig Jahre lang keinen Fuß in eine Bar gesetzt, und nach drei Monaten kannte ich jede Spelunke in der Gegend. Für ihn habe ich meine Freundinnen vernachlässigt. Er sagte, er brauche mich. Das Schlimme war, er brauchte mich, wenn er »textete«. Er ließ seine miese Laune nur an mir aus, nie an den Anderen. Er konnte stundenlang regungslos vor dem Fernseher hocken und kriegte dann auf einmal einen Koller. Er schnappte sich sein Motorrad, um eine Runde zu drehen. Ich musste ihm seine Klamotten kaufen. Ich habe schon öfter gehört, dass Künstler in ihrer Schaffensphase so drauf sind. Ich glaube, das stimmt, außer für Künstler, die Talent haben. Wir verbrachten unsere ganze Zeit miteinander. Ich hörte ihm zu, wenn er mir von den tausend Dingen erzählte, die er machen wollte, ich sah ihn in seinen Motorradmagazinen blättern, ich beobachtete ihn, wie er mit mir Sex hatte, wenn ihm danach war, ich sah, wie er überall nach Eingebungen suchte, im Internet oder auf Honigpops-Schachteln. Wahnsinnig inspirierend, diese Honigpops. Was war ich doch blöd … Um ihm zu helfen, habe ich schließlich mein Studium an den Nagel gehängt und suchte mir einen schnell gestrickten Job in einer Bank, der Crédit Commercial du Centre. Tagsüber ließ ich Motivationsseminare über mich ergehen, in denen ich lernte, wie man bereits hochverschuldeten Kunden noch mehr Produkte noch besser andrehen konnte. Abends gab es dann Konzerte und Nervenzusammenbrüche. Ich erzähl euch besser nicht von dem Abend, an dem sich Didier in einem Anfall von Größenwahn am Ende des zweiten Refrains in »sein« Publikum warf, damit sie ihn wie einen Rockstar auf Händen trugen, nur dass die anwesenden zwanzig Gestalten in der kleinen Aula von Monjouilloux erschrocken einen Schritt zur Seite machten und er auf den Boden klatschte wie ein in die Pfanne geworfenes Spiegelei. Ich hätte darin ein Zeichen sehen sollen.

Logischerweise zog Didier bei mir ein. Ich zahlte alles. Er behandelte mich wie ein Groupie. Das war mir zwar bewusst, aber ich fand immer wieder neue Entschuldigungen für ihn. Die Geschichte hat zwei Jahre gedauert. Ich sagte mir zwar selbst, dass wir nicht miteinander alt werden würden, aber zugegebenermaßen fällt es mir oft schwer, der Realität direkt ins Auge zu sehen. Und so heule ich jetzt, der Sänger ist fort, und ich bin gefangen in einem Job, der mir keinen Spaß macht, bei der »einzig ehrlichen Bank«. Ich sitze vor einem Scherbenhaufen. Zuerst kam die Einsamkeit, dann die Abende mit den anderen Single-Frauen. Wir machen uns gegenseitig vor, wir seien frei und so viel besser dran als mit diesen Hornochsen von Männern. Wir halten uns diese Reden, die hinfällig werden, wenn eine von uns sich endlich wieder verliebt. Ich sage »eine von uns«, aber es ist eher »eine von den anderen«, für mich war es so etwas wie eine Wüstenwanderung. Nichts, nada, niente, Pustekuchen. Die Abende wurden mit der Zeit immer spärlicher besucht. Manchmal kamen die Ehemaligen wieder. Ein Klub der Abservierten. Wenn ich darüber nachdenke, waren es letztlich die Dinge, die wir uns nicht gesagt haben, die mir am meisten bedeuteten. Die Blicke, die über das Theater hinausgingen, das wir uns üblicherweise vorspielten, um durchzuhalten. Es gab eine Art mitfühlende Verbundenheit, ungeschickt, dumpf, aber real. Wir kamen nicht wegen dieser idiotischen Spiele zusammen, sondern dafür, für diese verschämte Solidarität. Und wenn man dann nach Hause geht, allein, erwarten einen die wirklichen Fragen: War ich überhaupt jemals verliebt? Werde ich auch mal dran sein? Gibt es die Liebe wirklich?

Als ich den Bahnhof verließ, nachdem ich im Zug zwei Stunden und siebzehn Minuten geweint habe, war ich genau an diesem Punkt angelangt. Ich ging zu Fuß, durch die halbe Stadt. Es war ein schöner Sommerabend. Ich konnte es kaum erwarten, wieder in meiner Straße zu sein, in meiner kleinen Welt, aber das Schicksal war noch nicht mit mir fertig. Man glaubt seine Umgebung zu kennen, und doch braucht sich manchmal nur eine Kleinigkeit zu ändern, und man merkt gar nicht, dass das ganze Leben mit einem Mal umgekrempelt wird. Und so was sieht man nie kommen.

3

Ich mag meine Straße. Sie atmet Leben, sie hat Atmosphäre. Die Gebäude sind alt und sehen so richtig schön bewohnt aus. Es gibt viel Krempel auf den Balkonen, Pflanzen, Fahrräder, Hunde. Und was die kleinen Läden betrifft, sind wir hier wirklich verwöhnt. Man findet hier alles, vom kleinen Buchladen bis zum Waschsalon. Es gibt keine große Verkehrsader, deshalb haben die Menschen, die herkommen, immer einen Grund dafür. Die Straße neigt sich leicht gen Westen. Wenn die Sonne untergeht, kann man sich vorstellen, dass man ein Stück weiter den Hafen vorfindet, den Horizont, das Meer, auch wenn die nächste Küste Hunderte von Kilometern entfernt ist. Ein paar Häuserblocks weiter bin ich aufgewachsen. Als meine Eltern im Rentenalter in den Südwesten zogen, zog ich es vor zu bleiben. Ich kenne hier jeden, ich bin hier zu Hause. Das einzige Mal als ich darüber nachdachte zu gehen, war direkt nach der Sache mit Didier. Zu viele Erinnerungen, vor allem zu viele schlechte mit ihm. Aber sehr bald haben die guten die Oberhand gewonnen. Ich bewundere die Menschen, die hinausziehen, um die Welt zu entdecken, die ihre Koffer packen, um ein Jahr in Chile zu leben, die einen Australier heiraten, die sich einfach ein Flugticket kaufen, um dann an Ort und Stelle mal weiterzusehen. Dazu bin ich nicht in der Lage. Ich brauche meine Bezugspunkte, meine kleine Welt, und vor allem brauche ich Menschen, die sie bevölkern. Es stimmt schon, ich bin ziemlich anhänglich. Leben bedeutet für mich, Menschen um mich zu haben, mit denen ich es teilen kann. Ich liebe meine Familie, aber ich sehe sie nur zweimal im Jahr, während ich meine Freunde fast jeden Tag treffe. Der gemeinsam erlebte Alltag bindet oft stärker als ein Verwandtschaftsgrad. Sogar meine Bäckerin, Madame Bergerot, ist Teil dieser seltsamen Familie. Sie sieht mir an, wie es mir geht, sie redet mit mir, sie kennt mich von klein auf, und ich weiß, dass sie manchmal versucht ist, mir zusammen mit dem Wechselgeld ein Bonbon zuzustecken. Ihr Laden liegt direkt neben dem Lebensmittelgeschäft von Mohamed, das übrigens »Chez Mohamed« heißt. Es hat immer geöffnet. Er ist schon der dritte Mohamed, den ich kenne. Ich glaube, nur der erste hieß wirklich so, und die anderen, die nach ihm kamen, fanden es besser, sich so nennen zu lassen, als das Ladenschild zu ändern.

Je tiefer ich in meine Straße vordringe, desto wohler fühle ich mich. Sollte ich irgendwann einmal jedes Zeitgefühl verlieren, sollte ich verrückt werden, gibt es ein untrügliches Mittel, um herauszufinden, welcher Tag gerade ist. Es ist das Schaufenster des chinesischen Feinkosthändlers, Monsieur Ping. Manchmal frage ich mich, ob auch er einen falschen Namen hat. In den vergangenen fünf Jahren hat sich an seinem Französisch praktisch nichts getan, aber ich bin mir fast sicher, dass er seinen Akzent nur vortäuscht. Wenn man den Wochentag erfahren möchte, muss man nur in seiner Auslage lesen: Freitags gibt es rohe Garnelen im Angebot, samstags gebratene Garnelen mit Salz und Pfeffer. Sonntags gibt es Garnelen mit fünf Gewürzen. Montags sind sie süß-sauer, vor allem sauer. Dienstags mit Sechuan-Pfeffer und mittwochs Diavolo. Wenn ihr mal in die Gegend kommt, kauft ab Sonntag keine Garnelen mehr. Einmal, da war ich gerade eingezogen, habe ich mir welche am Mittwochabend gekauft. Ich bin nur knapp mit dem Leben davongekommen. Drei Tage habe ich praktisch nur auf dem Klo gelebt. Zum Schluss war ich bei der Lektüre des Telefonbuchs angelangt.

An dem Montag, als ich zurückkam, war es noch hell und sehr mild. Ich genoss den Moment. Ich ging an Nathalies Haus vorbei, in ihren Fenstern war Licht. Als ich auf mein Haus zuging, hatte ich ein Gefühl, wie wenn man müde Füße in seine Lieblingspantoffeln gleiten lässt. Nach drei Tagen bei Carole war ich wieder daheim, auf meinem Grund und Boden. Ich glaube, sogar dieses Arschloch von Didier wusste, dass er besser nicht mehr in meine Gegend kommen sollte. Mohamed war gerade damit beschäftigt, Aprikosen kunstvoll zu stapeln.

»Guten Abend, Mademoiselle Julie.«

»Guten Abend, Mohamed.«

Ich stand endlich vor meinem Haus, alles war dort, wo es hingehörte. Ich gab den Code ein, drückte die Tür auf und ging direkt zu der Briefkastenanlage. Ich schloss den kleinen Kasten auf. Zwei Rechnungen und Werbung. Auf einem Umschlag stand, dass ich ein Jahr Katzennahrung gewinnen konnte. Ich habe keine Katze und bin nicht verzweifelt genug, Trockenfutter zu essen. Wenn sie doch aufhören würden, uns mit so was zu überschwemmen. Demnächst wird man uns noch auf dicker Pappe schreiben, dass wir Papier sparen sollen, um den Planeten zu retten …

Als ich den Briefkasten wieder schloss, fiel mir ein Name auf dem Nachbarkasten ins Auge. Ich wusste, dass die Mieter aus der dritten Etage weggezogen sind, weil sie ihr zweites Kind erwarteten, aber ich wusste nicht, dass der neue Mieter schon eingezogen war. Ricardo Patatras. Was für ein Name. Da fragt man sich automatisch, ob ein Zirkus in der Nähe ist und der Clown beschlossen hat, hier seine Zelte aufzuschlagen … Ernsthaft, es ist nicht nett, sich über andere lustig zu machen, aber trotzdem. Ich stand einige Sekunden da und las immer wieder diesen Namen mit einem albernen Lächeln im Gesicht. Meinem ersten an diesem Wochenende.

Ich ging zu mir rauf. Ich rief Carole an, um ihr zu sagen, dass ich gut angekommen bin und dass der große Dunkelhaarige, der mir im Zug gegenübersaß, und auf den sie bei meiner Abfahrt zwinkernd gedeutet hatte, leider nicht versucht hatte, sich an mir zu vergehen. Ich hing Wäsche auf. Ich bin unter die Dusche gegangen und musste immer wieder an diesen Namen denken. Wie alt war wohl dieser Ricardo Patatras? Wie sah er aus? Ihr müsst zugeben, dass die Fantasie bei so einem Namen mit einem durchgeht. Wenn ein »François Dubois« ein Stockwerk über einem einzieht, hat man das Gefühl, schon alles über ihn zu wissen, vielleicht zu Unrecht. Bestimmt sogar, denn, wenn ich so darüber nachdenke, ich kannte in der Grundschule einen François Dubois, und das letzte Mal, als ich von ihm hörte, war es von der Blumenhändlerin, die gerade seine Mutter trösten musste. Er war zu zwei Jahren auf Bewährung und einer hohen Geldstrafe verurteilt worden, weil er mit gepanschtem Olivenöl gehandelt hatte. Da kann man mal sehen, auf so etwas wäre man nicht gekommen … Aber Ricardo Patatras, das ist eine Klasse für sich. Das klingt groß, das klingt gewaltig, wie der Name eines argentinischen Abenteurers, der für die Rechte von Orang-Utans kämpft, das klingt wie der Familienname des Erfinders des Hochröstungsverfahrens oder wie der Name eines spanischen Magiers, der ins Exil musste, nachdem er seine Partnerin mit seinen Degen aufgespießt hatte und nicht darüber hinwegkam, weil er sie nämlich heimlich geliebt hatte. Der bloße Name sagt einem viel, nur passt ernicht zu einem banalen Wohnungsnachbarn. Und in diesem Moment, unter der Dusche, habe ich beschlossen: Über diesen Menschen musste ich mehr erfahren. Ich stellte das Wasser ab und griff nach dem Handtuch, als ich auf einmal Schritte im Treppenhaus hörte. Ich rannte wie eine Verrückte den Flur runter, um durch den Türspion zu sehen, ob es nicht zufälligerweise er war, der gerade die Treppe hochging, und rutschte aus. Wenn ich auf billige Wortspiele stehen würde, hätte ich »patatras« sagen können, aber es war vielmehr ein »bums«. Da lag ich auf dem Boden, splitternackt, in meiner ganzen Pracht ausgebreitet, und von heftigen Schmerzen durchzogen. Dumme Kuh! Ich habe den Typen noch nicht mal gesehen, und schon machte ich mich wegen ihm zum Affen. Das war das erste Mal. Aber nicht das letzte und nicht das schlimmste.

4

Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, die gern in einer Bank arbeiten, aber ich hasse es. Für mich symbolisieren Banken den Bankrott unserer Zivilisation. Die Kunden und die Bankmitarbeiter sind gleichermaßen unglücklich, an diesen Ort gehen zu müssen, aber keiner hat eine Wahl.

Jeden Morgen müssen wir zuerst den Zustand der Bankautomaten überprüfen und, sollte etwas nicht stimmen, dem Wartungsdienst Bescheid geben. Wenn es nur ein Problem mit der Sauberkeit ist, müssen wir es selbst beseitigen. Das ist der Hammer, oder? Überall stellen sie Bankautomaten auf, die uns überflüssig machen, und dann dürfen wir uns auch noch selbst um die Dinger kümmern. Das ist, als würde man einen außerirdischen Parasiten füttern, um ihn ein bisschen aufzupäppeln, ihm die Zähne putzen und die Haare kämmen, damit er einen dann am Ende auffrisst. Heute Morgen war da nichts außer dem Aufkleber einer Rap-Gruppe. Und plötzlich stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn ich einen Aufkleber der Music Storm vorfinden würde, mit der Ankündigung einer ihrer jämmerlichen Tourneen. Hier bräuchte mich keiner zu zwingen, den Dreck wegzumachen. Ich würde direkt mit einem Flammenwerfer anrücken.

Um vor der Öffnungszeit in die Filiale zu gelangen, muss man zuerst durch die Sicherheitsschleuse. Jedes Mal, wenn ich in diesem Glaskasten eingesperrt bin, habe ich eine Mordsangst, Géraldine, die dumme Nuss, könnte auf den falschen Knopf drücken, mit dem sie, statt die Tür zu öffnen, das Betäubungsgas freisetzt, das in der Decke auf seinen Einsatz wartet. Ich sehe mich dann mit den Armen rudern und nach Luft schnappen, wie ein Fisch in einem geplatzten Plastikbeutel. Was wäre wohl mein letzter Gedanke? Ich mache mir gern vor, ich wäre fähig, etwas Weises und historisch Wertvolles rauszuhauen, aber ich glaube, es wäre eher etwas à la: »Ist die bescheuert! Typisch Géraldine!« Sie wäre nie stellvertretende Filialleiterin geworden, wenn sie nicht Beine hätte, deren Maße sich proportional umgekehrt zu der Länge ihrer Röcke verhalten.

An diesem Morgen habe ich die Sicherheitsschleuse überlebt, und die Tür öffnete sich.

»Guten Morgen, Julie. Du humpelst ja! Was ist dir denn passiert?«

»Ich bin unter der Dusche ausgerutscht.«

»Oh, dabei hast du bestimmt keine gute Figur gemacht.«

Ich habe nicht geantwortet. Die gute Géraldine. Schon klar, mit ihrem atemberaubenden Aussehen kann sie noch nicht einmal duschen, ohne eine gute Figur zu machen. Selbst wenn sie den Müll rausbringt, dürfte sie eine gute Figur machen. Ich glaube, im Grunde ist sie kein schlechter Mensch, ich mag sie sogar ganz gerne. Aber wenn man eine junge, blendend aussehende Frau vor sich hat, die die Kerle nach Belieben wie ihre Unterwäsche wechselt und außerdem noch beruflich erfolgreich ist, dann ist man ganz froh sich sagen zu können, dass sie eine dumme Nuss ist, weil man ja doch ein bisschen neidisch ist.

Ich wollte gerade meinen Platz hinter dem Schalter einnehmen, als Monsieur Mortagne seinen Kopf aus dem Büro steckte.

»Mademoiselle Tournelle, kommen Sie bitte einmal kurz zu mir?«

Mortagne ist der Filialleiter. Der Hahn, der den Hühnerstall regiert. Eine Strafe Gottes. Manchmal habe ich den Eindruck, er sei wirklich von dem überzeugt, was in den Hochglanzbroschüren, die wir den Kunden geben, steht. In seinem Anzug sieht er aus wie verkleidet. Unsere Welt muss ganz schön aus dem Ruder gelaufen sein, wenn Typen wie er auf verantwortlichen Posten sitzen dürfen.

»Setzen Sie sich, Julie.«

Er lässt sich in seinen Lehnstuhl fallen wie ein Airbus mit zwei kaputten Triebwerken. Er kneift die Augen zusammen, um die Schrift auf dem Bildschirm lesen zu können. Es ist Dienstagmorgen, der erste Tag unserer Bankwoche, und gleich wird er mir mit den »Unternehmenszielen« kommen.

»Das Konto von Madame Benzema wird doch von Ihnen betreut, oder?«

So ist es, du Horst, steht doch so in den Kundendaten.

»Jawohl, Monsieur Mortagne, sie gehört zu meinen Kunden.«

»Letzte Woche stand sie kurz davor, bei uns eine KFZ- und eine Hausrat-Versicherung abzuschließen. Sie wollte auch für ihre Tochter ein Sparkonto eröffnen. Und dann, auf einmal, nichts mehr. Sie hat doch den Termin bei Ihnen wahrgenommen?«

»Ja, letzten Donnerstag.«

»Wie kommt es also, dass sie die Papiere nicht unterzeichnet hat?«

»Sie hat mich um Rat gefragt …«

»Umso besser, sehr gut. Dafür sind wir ja da.«

»Sie war bereit, das alles abzuschließen, weil Sie ihr dafür einen günstigen Überziehungskredit eingeräumt haben.«

»Das stimmt. Wir haben eine Win-win-Vereinbarung getroffen.«

Schaut ihn euch an, mit seiner Siegerpose, seiner langweiligen Krawatte und dem vielen Gel in den Haaren. Trottel. Keine Moral, kein gesunder Menschenverstand. Wenn ich ein Mann wäre, wäre ich am liebsten aufgestanden und hätte auf seinen Schreibtisch gepinkelt, einfach so, nur um ihm auf eine einfache und primitive Art zu zeigen, wie sehr ich ihn verabscheue. Eigentlich glaube ich nicht, dass Frauen tief in ihrem Innern kultivierter sind als Männer. Das wahre Problem liegt darin, dass sie leider in ihren Möglichkeiten sehr viel beschränkter sind, wenn es darum geht, überall Pipi zu machen.

»Hören Sie mir zu, Mademoiselle Tournelle?«

»Selbstverständlich, Monsieur Mortagne.«

»Dann erklären Sie mal.«

»Ich habe es nicht übers Herz gebracht, sie da hineinzudrängen. Es wäre mir vorgekommen, als hätte ich ihr Vertrauen missbraucht …«

»Was glauben Sie denn, wo Sie hier sind? Bei den Barmherzigen Schwestern? In dieser Welt gibt es nur eine Regel: fressen oder gefressen werden. Das bedeutet, wenn es darum geht, einem Kunden einen ehrlichen Vertrag zur Unterschrift vorzulegen und darüber hinaus die Freundlichkeit zu besitzten, ihm auch sonst behilflich zu sein, sehe ich nicht, wie man von Hineindrängen reden kann! Sie müssen die Philosophie dieses Berufs begreifen, sonst können Sie Ihr Leben in Zukunft am Empfang verbringen.«

Er sah aus wie ein Pitbull mit einem Doktortitel in Gaunerei. Dann glätteten sich auf einmal seine hassverzerrten Züge, und er lächelte so plötzlich, als hätte er einen Stromschlag bekommen. In einem sanfteren Ton fügte er hinzu: »Gut, belassen wir es dieses Mal dabei. Mit Ihrem Humpelfuß sehen Sie auch so schon etwas angegriffen aus. Einmal noch lasse ich es Ihnen durchgehen, aber beim nächsten Mal werde ich Ihnen einen Malus verpassen müssen.«

Ich stand auf und verließ das Büro. Vergesst nie diese unantastbare Wahrheit: Das Schlimmste in der Welt ist die Ungerechtigkeit.

Trotz dieses recht katastrophalen Tagesbeginns, ließ ich nicht eine Sekunde lang die Ohren hängen. Ich dachte nur an eins: Heute Abend würde ich hinter meinem Türspion Stellung beziehen. In einigen Stunden würde ich endlich erfahren, wie der mysteriöse Ricardo Patatras aussah.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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