Junge weiße Männer - Julian Witzel - E-Book

Junge weiße Männer E-Book

Julian Witzel

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Beschreibung

»Ich möchte ein guter, moderner, junger – und später auch alter – weißer Mann sein. Ich möchte mich dem stellen, was Generationen vor mir auf groteske Weise falsch gemacht haben, und dem, was ich mir selbst vorwerfen muss. Ich möchte zuhören, verstehen, ändern – ohne darum gebeten zu werden, ich will es tun, weil es mir selbst wichtig ist.« Wie wurde ich der Mann, der ich bin? Was bedeutet es, Mann zu sein in Zeiten von Wokeness? Ist die Männlichkeit noch zu retten? Antworten sucht der Autor in persönlichen, unterhaltsamen Geschichten, in denen sich der Millennial-Hetero-Mann und alle, die ihn umgeben, wiederfinden können.

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2022

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JULIAN WITZEL

JUNGE WEISSE MÄNNER

JULIAN WITZEL

JUNGE WEISSE MÄNNER

Was ich als Mann zur neuen Männlichkeit zu sagen habe

riva

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

Wichtiger Hinweis

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

Originalausgabe

1. Auflage 2022

© 2022 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Petra Holzmann

Umschlaggestaltung: Karina Braun

Umschlagabbildung: Shutterstock.com/WAYHOME studio

Satz: abavo GmbH, Buchloe

Druck: CPI

eBook by tool-e-byte

ISBN Print 978-3-7423-2083-4

ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1855-5

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1856-2

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Für Hannah, Henri und Loni

Inhalt

Vorwort

Der erwachte Mann

Götterdämmerung

He, she, it

Die Wahl meiner Schwester

Ganz neue Seiten

Mit bloßen Händen

Schwarz oder weiß

Das falsche Jahrzehnt

Der Homeoffice-Dad

Männer müssen raus

Sex Sex Sex

Sag mir, was du liest

Boys do cry

Keine Herrenjahre

Tatsächlich übel

Werbung wirkt

Was würde Aurel tun?

Please don’t touch

Übermännlich

Man in the mirror

Die ganz harte Tour

Ich bin dein Vater

A good-looking man

Was für eine Spinnerei

Know your business

Über den Autor

Vorwort

Ich bin eigentlich sehr gerne ein »alter weißer Mann«. Entgegen landläufigen Unterstellungen handelt es sich hierbei, so empfinde ich es zumindest, nicht um eine abwertende Bezeichnung. Es handelt sich vielmehr um eine Art Gattungsbegriff. Ich glaube, man muss sich, einmal präziserweise als »alter weißer Mann« identifiziert, vollumfänglich mit dieser - ja völlig korrekten - Zuschreibung identifizieren, nach dem Motto: »Wenn du’s nicht verbergen kannst, musst du eben voll reingehen!«

Als der Begriff aufgekommen ist, war ich zunächst irritiert. Mittlerweile lebe ich großartig damit. Ich stehe gewissermaßen an der Spitze der Alte-weiße-Männer-Bewegung. Sicher, einige Sachen gehen nicht mehr. Ich würde einiges, was ich früher gemacht habe, so heute nicht mehr machen. Aber wenn es wieder einmal heißt, die »Grenzen des Sagbaren haben sich verschoben«, dann ist ja meistens völlig unklar, wohin sie sich verschoben haben sollen. Also: Sind diese Grenzen wirklich enger geworden? Oder kann man nicht heutzutage Facetten des Seins sprachlich zum Ausdruck bringen, von deren Existenz man bis vor Kurzem noch nicht einmal wusste?

Für mich ist das wie das Erlernen eines neuen Vokabulars. Ja, ich lerne die Sprache neu. Ich lerne die neuen Begriffe, weil es mir Spaß macht. Zum Beispiel das Wort Lehrer*innen: Wenn ich im Deutschlandfunk spreche, dann spreche ich das auch so aus, mit dieser kleinen Pause zwischen dem »Lehrer« und dem »innen«, der Deutschlandfunk ist da ja ganz weit vorne. Es gelingt dann leider nicht immer, die Nachrichten fehlerfrei zu artikulieren und vorzulesen, das ist ein wenig bedauerlich. Aber man lernt eben.

Vor einiger Zeit habe ich auf der Bühne in Wien die Begrüßung »Guten Abend, meine Herren, guten Abend, liebe Menschen ohne Penis« versuchsweise angewendet. Da hatte ich kurz vorher gelesen, dass das jetzt korrekt sein soll, sogar ultrakorrekt. Ich war damit auch für den Abend auf der sicheren Seite, in etwa die Hälfte des Publikums fühlte sich tatsächlich angesprochen. Man muss den Code beherrschen. Ich arbeite als alter weißer Mann daran, weiter zu sein als die Kritik an mir.

Für den jungen weißen Mann stellen sich da sicherlich noch ganz neue Herausforderungen. Denn wo ich mit einer gewissen Milde behandelt werde - oder die Aufregung auch gar nicht so mitbekomme, weil ich nirgendwo im Internet bin -, da wird beim jungen weißen Mann schon vorausgesetzt, dass er in der neuen Zeit angekommen ist. Ich empfinde das in gewisser Weise als gerecht, denn was uns als Alte-weiße-Männer-Gelesenen alles zugeschrieben wird, da muss man erst einmal hinkommen. Alter-weißer-Mann-Sein muss man sich verdienen.

Harald Schmidt

1Der erwachte Mann

Hier ist die Wahrheit: Ich möchte ein guter, moderner, junger - und später auch alter - weißer Mann sein. Ich möchte mich dem stellen, was Generationen vor mir auf groteske Weise falsch gemacht haben, und dem, was ich mir selbst an Verirrungen vorwerfen muss. Ich möchte zuhören, verstehen, ändern, manifestieren, das alles möchte ich tun, ohne darum gebeten zu werden, ich möchte es tun, weil es mir selbst wichtig ist. Ich möchte keinen Unterschied sehen zwischen Frau und Mann, ich möchte unter einer Chefin arbeiten, ohne es unter einer Chefin arbeiten zu nennen, weil es nichts ist, was einer besonderen Betonung bedarf. Ich möchte nie, nie wieder in der Beschreibung eines Menschen hören, dass er schwul sei, aber sehr nett. Ich möchte Freunde, die nur noch zweimal in der Woche ins Büro fahren, um an den anderen Tagen Pastinakenbrei für ihre Babys zu kochen, für die coolsten und härtesten Typen der Welt halten. Ich möchte meinen Sohn zum Ballett fahren und wegen meiner Tochter zum Gespräch in die Schule müssen, weil sie jemandem ein blaues Auge gehauen hat. Ich möchte überall Astronautinnen sehen, in der ganzen ISS soll es nur so wimmeln von ihnen.

Und ich möchte Pornos gucken. Weil ich es immer schon gemacht habe, und weil es einfach alle machen, auch die Freunde, die sagen, sie täten es nicht. Ich möchte meine Frau hin und wieder auf ihren Hintern reduzieren, weil sie einen wirklich schönen hat. Ich möchte sie zu Tim Raue einladen und die bizarr hohe Rechnung bezahlen, weil es mir Spaß macht, ein Gentleman für sie zu sein, weil sie es mag, wenn ich Türen aufhalte. Ich möchte mit einem roten alten Alfa Romeo Spider ins Büro fahren und trotzdem als modern gelten, weil ich nämlich über alles Bescheid weiß, was auf der Welt so geht, auch wer X Æ A-12 ist, nur sitze ich dabei eben in einem Oldtimer. Ich möchte über ein gutes Stück Entrecote reden und mir einbilden, dass ich Garpunkte fühlen kann, was überhaupt nichts zu tun hat mit der debilen Werbedarstellung freiheitssuchender Männer vor ihrem Grill im Schrebergarten. Ich möchte mich an früher erinnern und dabei nicht das Gefühl haben, ich hätte bis hierhin ein Leben als Perverser geführt - nur weil Männer heute anders, besser mit Frauen umgehen. Und ich möchte, dass Benjamin von Stuckrad-Barre weiterhin gelesen wird, auch wenn seine Werke immer noch so klingen wie vor zwanzig Jahren: weiß, männlich, Pop.

* * *

Ist dieses Wesen, das ich sein möchte, überhaupt lebensfähig?

* * *

Wer die letzten Jahre nicht als Eremit in einer Eishöhle verbracht hat, wird mitbekommen haben, dass der Mann im öffentlichen Diskurs zu einem wild verhandelten Konzept geworden ist. Da gibt es die Hatz auf den schlimmsten Vertreter seiner Zunft, den alten weißen Mann, da ist die Rede vom Ende des Patriarchats, da spricht der Feminismus plötzlich von einer normativen Männlichkeit, die nun endlich dekonstruiert gehöre, da bestimmt die sogenannte Wokeness, was richtig und was falsch ist. Die Deutungsmodelle reichen sogar bis zur Frage nach der Existenzberechtigung des Mannes. Damit befindet sich die Männlichkeit, so weit kann man schon gehen, in der größten Krise ihrer Geschichte - sie erlebt ihr persönliches Lehman Brothers. Was genau ist passiert?

Erst mal kann man sagen: Der heterosexuelle Cis-Mann, wie wir ihn seit Jahrzehnten kennen, wie ich ihn selbst abgab und vielleicht noch immer abgebe, war in der Vergangenheit einfach einmal zu oft in geradezu existenzielle Debatten verwickelt: Gendergerechtigkeit, MeToo, Identitätspolitik. Obwohl es dabei nie wirklich um Heteromännlichkeit als zu reformierendes Konzept ging und geht, leitet sich daraus zu Recht ein gewisser gesellschaftlicher Handlungssdruck ab. In jedem Unternehmen würde man das so angehen: Wer macht da immer Probleme? Aha, der Heteromann, schauen wir uns den mal genauer an. Dass sich die Männlichkeit an einem Punkt befindet, an dem der dringende Ruf nach Erneuerung laut wird, hat aber auch damit zu tun, dass der Männlichkeitsbegriff in den letzten Jahren durch die neue Diversität männlicher Akteure ganz andere Anforderungen zu erfüllen hat: alter weißer Mann, Transmann und queerer Paradiesvogel - sie alle gehören theoretisch unter ein Dach. Nur: Wie dieser neue Männlichkeitsbegriff genau aussehen soll, wer mit ihm gemeint ist und was in Zukunft arglos auf Instagram als männlich bezeichnet werden kann, ist noch nicht ganz klar. Wie feministisch muss der Mann werden? Und wie woke? Es scheint, als definierte sich dieses neue, wachsende Männlichkeitsverständnis und die daran aufgehängte Rolle in woken und feministischen Denkmustern zunächst durch die Abgrenzung vom Alten, Toxischen, Heteronormativen, vom falsch Anerzogenen, das es zu zerschlagen gilt.

* * *

Aber ist das fair? Und überhaupt praktikabel?

* * *

Schaut man sich die Missstände und Ungerechtigkeiten an, die diesen gesellschaftlichen Justagen als Startpunkt dienten und in deren Kontext sich der Heteromann nicht gerade von seiner altruistischen Seite gezeigt hat, scheint es völlig angemessen, ihn auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte nach hinten zu stellen, was die einfühlende Beschäftigung mit seinem Selbstverständnis, ja auch mit seinen Problemen angeht. Der Heteromann hat es krachen lassen, jetzt sind die anderen dran.

Bei allem Umschwung darf aber ein empirisches Detail nicht ausgebubblt werden: dass unsere Gesellschaft nun mal zu einem großen Teil aus heterosexuellen Cis-Män-nern besteht. Eine Gruppe, der die Lobby in den woken Communitys fehlt, der die schillernden Vertreter in den Newsfeeds abgehen, die unheilvoll zwischen Marteria, Markus Söder und Steve McQueen feststeckt, die aber als ebenjene zähe Biomasse irgendwie mit reinmuss in den Kuchen, der einmal allen schmecken soll. Der Wandel, um es bundespräsidial zu formulieren, kann nur mit Heteromännern wie mir gelingen. Mit Männern, die intellektuell die Notwendigkeit eines neuen Männlichkeitsverständnisses komplett einsehen, die schon erste Schritte gegangen sind oder sich selbst schon als Feministen bezeichnen und die es trotzdem nicht richtig hinkriegen, sämtliche toxische Anlagen, die sie meist nicht einmal zu identifizieren imstande sind, unter ihren Danger-Dan-T-Shirts zu verstecken.

Ich bin mir sicher, dass einem Verständnis von irgendeiner neuen Männlichkeit dringend ein Verständnis für die alte beziehungsweise aktuelle vorausgehen muss. Denn: Ist es nicht ein bisschen so wie damals mit der DDR? Als die innerdeutsche Grenze verschwand, stülpte man schneller westliche Werte über Spreewaldgurken, Jungpioniere und Ampelmännchen, als der eingemeindete Brandenburger »Bananenallergie« sagen konnte. Zu schnell, da sind sich Historiker und Soziologen einig. Vieles, was man in der DDR kultiviert hatte, war »natürlich« unvereinbar mit der Art und Weise, wie man in der Bundesrepublik leben wollte, aber man gab den Menschen in den neuen Bundesländern zu wenig Zeit, zu wenig Aufmerksamkeit und vermutlich zu viel Helmut Kohl, sodass die Wiedervereinigung niemals auf stabilem, gesellschaftlichem Grund hätte stehen können.

Machen wir diesen Fehler nicht ein zweites Mal. Betrachten wir den jungen weißen Mann als die DDR unter den Geschlechtern. Geben wir ihm die Chance, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, bevor wir ihn auf links drehen. Gönnen wir ihm diesen kurzen Moment, noch einmal über alles nachzudenken, mal zu schwelgen, mal zu staunen, dann zu erkennen, was wirklich schieflief und schiefläuft und an was er doch lieber festhalten möchte. Lassen wir ihn zu sich kommen. Aber nicht geweckt von der schrillen Fanfare, die aus dem Smartphone tönt, sondern von der Sonne, die Strahl für Strahl durch die Jalousien bricht.

* * *

Ich fang mal an.

2Götterdämmerung

Der erste große Mann in meinem Leben hieß Thomas Gottschalk. Da war ich vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Damals fand ich es natürlich auch ganz spannend, wenn mein Onkel in seinem Polizeiauto vorbeikam und mir eine echte 9-mm-Pistole in die klebrige Kinderhand legte oder wenn ein Freund des Hauses, der Klempner war und sehr viel früher Ostdeutscher Meister im Boxen, ein gekochtes Ei im Ganzen hinunterschluckte und mit bloßen Händen ein Seil zerriss; und ja, auch mein Vater beeindruckte mich damit, dass er Schlagzeug spielte und jedes Lied auf dem Klavier begleiten konnte - es waren in Wahrheit nur fünf Songs, die er beherrschte.

Aber: Wenn Thomas Gottschalk am Samstagabend die sogenannte Showtreppe herunterkam und zum Familien-Unterhaltungs-Smasher Wetten, das...? begrüßte, passierte etwas anderes, etwas jenseits von runtergeschluckten Eiern und Handfeuerwaffen. Eine Art Sonnenkönig der Gegenwart, in Gehrock und barocker Lockenpracht, trat einem da entgegen, eine Erscheinung, die man als Kind natürlich nicht ansatzweise reflektieren konnte, die einem deshalb keine andere Wahl ließ, als sich das Übermenschliche samt seiner Genialitätsparameter als höchstes Ziel menschlichen, kindlichen und eben auch männ-lichen Strebens wehrlos auf die Persönlichkeitsplatine zu stanzen.

Dabei war die Männlichkeit Gottschalks zumindest in Ansätzen ambivalent. Würde ein unwissender Nordamerikaner heute einen Blick auf den Achtzigerjahre-Gottschalk werfen, auf seine Kleidung, seine Frisur - er würde ihn wohl für eine frühe Führungsfigur der bundesrepublikanischen LGBTQ+-Bewegung halten. Tatsächlich glaube ich, dass Gottschalk mit seinen Outfits - den wallenden Mänteln, den Stiefeln mit hohem Absatz -, ohne es zu ahnen, ein Wegbereiter dessen war, was sich heute in Frauenkleidern tragenden Männern Bahn bricht, der Überzeugung nämlich, dass die Art, sich zu kleiden, nicht an das Geschlecht gekoppelt ist, dass Mode non-binär funktioniert.

Aber auch und gerade in den traditionell heterovertaggten Männlichkeitsfeldern bewegte sich Gottschalk als Pionier und ohne Konkurrenz. Da war zum Beispiel sein Humor, das Sprücheklopfen, diese Echtzeit-Schlagfertigkeit. In einer Phase, in der ich gerade die Gagzone rund um Scooby-Doo und DuckTales verlassen hatte und noch nicht ganz bei Slapstick-Großwerken wie Die nackte Kanone oder Hot Shots! angekommen war, wirkten die Gottschalk-Pointen wie Boten aus einer anderen Welt. Witze, die ich unbedingt gut finden wollte, weil sie meine Eltern gut fanden, weil sie insbesondere mein Vater, den ich für hinlänglich humorkompetent hielt und halte, durch sein Lachen zu etwas Edlem erhob. Oft lachte ich, ohne den Gag verstanden zu haben - irgendwas mit Dekolleté, irgendwas mit einer knappen Badehose, egal: Ultrawitzig! Das letzte bisschen, was da oft zur Durchdringung fehlte, dieser leichte inhaltliche Blurr, genau das machte es so reizvoll, ließ mich vor Amüsement prusten, in schallendem, vorstimmbruchlichem Grundschulsound, und ich stopfte mir dabei händeweise Kartoffelchips durch die Zahnlücken und fühlte mich ziemlich erwachsen und gleichzeitig aufgehoben in unserem kleinen, verschworenen Kreis von Gottschalk-Fans.

Dann waren da die ganzen Frauen an Gottschalks Seite. Wenn er mal wieder Madonna, Liz Hurley oder Michelle Hunziger an der Showtreppe abholte, um sich bald unter vorfreudigem Seufzen strahlend neben sie aufs Sofa zu werfen, verstand ich natürlich noch nicht ganz, was es mit schönen Frauen auf sich hatte, wohl aber, dass es gut sein musste, sie in seiner Nähe zu haben, sie zum Lachen zu bringen, ihren Kleidern und manchen Körperteilen Komplimente zu machen. Gottschalk tat dies ja quasi pausenlos.

In den Jahren also, in denen ich nach Heldenfiguren und männlichen Vorbildern außerhalb von Karl-May-Geschichten und der eigenen Verwandtschaft suchte, war Gottschalk das berühmteste und witzigste Vorbild, das die öffentlich-rechtliche Medienbubble der späten Achtziger feilbot. Hätte man mich damals gefragt, was ich später mal beruflich werden wolle, ich hätte mit großer Wahrscheinlichkeit gesagt: Thomas Gottschalk.

* * *

Vor Kurzem sah ich einen Fernsehausschnitt aus dem Jahr 2004, in dem Gottschalk die noch fast jugendliche Anna Netrebko im Rahmen eines Opernabends zum Talk begrüßte, und zwar mit den Worten: Und jetzt freue ich mich auf eine schöne Frau, die ich auch anfassen darf. Er hatte vorher bedauert, dass ihm bei seinem letzten Konzertbesuch vom Rang aus nur der Blick ins Dekolleté einer Cellistin geblieben sei. Nachdem sich Netrebko neben ihm niedergelassen hatte, legte er seine Hand auf ihr nacktes Knie und fragte gleich zu Beginn die irgendwie irritiert dreinschauende Ausnahmesängerin, ob ihr gutes Aussehen denn hinderlich sei bei der Arbeit an der Oper. Da stimmte natürlich gar nichts. Diese Moderation war das Gruseligste, was ich seit Langem gehört hatte, und sie war etwa zehn Jahre nach Gottschalks Schaffenshoch entstanden - leicht auszurechnen also, wie es um den Gottschalk’schen Sexismus nach Abzug einer Dekade Feminismus bestellt gewesen sein muss.

Gottschalk war selbstverständlich das, was man mittlerweile einen Sexisten nennen würde. Sicher nicht in einem juristisch relevanten Sinne, auch nicht, weil er es in einem Ausmaß war, das ihn vom damaligen sexistischen Grundrauschen abgehoben hätte - er führte vielmehr aus, was gesellschaftlicher Konsens war, und brachte ein weitverbreitetes männliches Mindset auf die große internationale Bühne. Kein üppiges Dekolleté, kein nacktes Bein, kein enges Kleid, das es nicht zu einer Erwähnung gebracht hätte, die allem anderen vorangestellt wurde, etwa beruflichen Erfolgen oder charakterlichen Eigenschaften. Begegnete ihm gar ein Netrebko-haftes freiliegendes Knie, blieb es nicht beim Sprechakt, dann packte Gottschalk gerne zu, so lange, bis ein ungünstig terminierter Flug Tina Turner und alle anderen Damen aus der Dauerbefühlung rettete.

* * *

Aber: Es geht ja gar nicht anders, als diese Verfehlungen vor dem Hintergrund ihrer Zeit zu beurteilen, da herrscht, glaube ich, Einigkeit. Gottschalk würde das heute anders machen, diese Wette gilt. Die Frage ist trotzdem: Hat er sich schuldig gemacht? War das Falsche immer schon falsch?