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Als mein Sohn nach zwei Tagen starb stand meine Welt Kopf. Nein, sie stand nicht nur Kopf, sie drohte auseinander zu brechen. Ich suchte einen Weg meine Trauer zu bewältigen. Mein Weg war wohl das Schreiben. Ich bin kein großer Schriftsteller, doch vielleicht ist meine Geschichte ein wenig Trost, Kraft oder Zuversicht für Menschen, die ähnliches erlebt haben. Heute hat mein Sohn, mein Sternenkind einen festen Platz in meinem Leben.
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Seitenzahl: 99
Veröffentlichungsjahr: 2020
Ich widme dieses Buch allen Eltern, die die schwere Aufgabe mit sich tragen, eines ihrer Kinder überlebt zu haben. Ich habe mal gelesen, dass mit dem Tod des eigenen Kindes die geltenden Lebensgesetze scheinbar außer Kraft gesetzt werden. Das Leben sieht nicht vor, dass Eltern ihre Kinder überleben. Ich glaube, gerade diese Tatsache macht es so schwer mit dem Tod des eigenen Kindes leben zu lernen. Aber woran hält man sich fest? Woran soll man noch glauben, wenn jetzt sogar scheinbar Lebensgesetze nicht mehr gelten? Dafür gibt es wohl keine allgemeingültige Antwort, denn Nein, man kann keinen Verlust mit einem anderen vergleichen. Jeder Verlust ist individuell und kann auf seine ganz eigene Weise tragisch und schmerzvoll sein.
Außerdem widme ich dieses Buch meiner Frau, die mir in gewisser Art und Weise das Leben gerettet hat und unseren beiden Familien. Ohne deren Unterstützung in dieser schwierigen Zeit ich wahrscheinlich nicht an diesen Zeilen schreiben würde.
Und vor Allem widme ich dieses Buch meiner Tochter Lia und ganz besonders meinem Sohn Vince. Ohne ihn würde es diese wunderschön traurige Geschichte nicht geben.
Auf unserem Weg der Trauer haben wir ganz viele Menschen und ihre Geschichten kennengelernt. Menschen mit Schicksalen, die unserem ähneln. Viele Menschen, die ihren Weg zu trauern gefunden haben. Aber auch einige, die noch auf der Suche sind. Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Die Schwierigkeit liegt wohl meist darin seinen eigenen Weg zu finden.
Ich glaube, dass ich meinen Weg gefunden habe. Ich weiß, dass meine Art der Trauerbewältigung nicht einfach auf andere Schicksale anwendbar ist. Doch vielleicht gibt unsere Geschichte anderen Menschen, die ähnlich schlimmes erlebt haben, Trost, Hoffnung, vielleicht sogar Kraft.
Es ist der Beginn eines angenehmen Frühlingstages. Die Sonnenstrahlen scheinen warm durchs Fenster. Ich liege mit meiner Tochter auf ihrer Spieldecke. Mit ihrem Lächeln versüßt sie mir den Morgen. In diesen Genuss komme ich sonst nur an Wochenenden. An normalen Wochentagen bin ich schon auf der Arbeit, wenn sie wach wird. Doch heute ist kein normaler Tag. Ich habe mir Urlaub genommen. Nicht, weil wir verreisen oder etwas anderes geplant haben. Ich habe mir Urlaub genommen, weil mir klar war, dass ich an diesem Tag nicht arbeiten möchte. Vielleicht sogar nicht arbeiten kann. Genau heute vor zwei Jahren hat sich unser Sohn entschieden diese Welt wieder zu verlassen. Zwei Tage hat er gekämpft oder vielleicht auch nur auf unsere Erlaubnis gewartet gehen zu dürfen.
Die Sonne scheint - und wir spüren sie
Abschied!?
Flucht
S. O. S.
Licht im Dunkeln
Briefe an meinen Sohn
Heute
Lebenszeichen
Wie sich unsere Gefühle schlagartig synchronisieren.
Wir haben uns in Naivität geflüchtet.
Weil wir wir sind.
Uns passiert nichts.
Das wir etwas verlieren.
Machtlosigkeit, wie sie plötzlich vor einem steht.
Und die Untätigkeit einem einverleibt.
Tätowiert in Geheimschrift.
Weil man so was nicht vergisst. Was bleibt ist ein
Gefühl in schwarz und weiß.
Dann fängt man an nach Gründen zu suchen.
Ich tröste mich mit Floskeln, die nicht lange halten.
Und dann denkt man: „Der Verlust hätte einen enger zusammen rücken lassen."
Aber brauchen wir das?
Brauchen wir einen Verlust um enger zusammen zu sein?
Ich denke Nein!
Wir müssen nicht erst etwas verlieren
Um zu wissen, dass wir zusammen gehören.
Und schlussendlich
War es wohl ein Gefühl, dass wir verloren haben.
Ein reales Gefühl.
Näher bei dir als bei mir.
Denn es war in dir.
Nicht in mir.
Ein Gefühl, das für einen Moment alles verändert hat.
Wir haben ein Gefühl verloren
Jetzt haben wir also Gewissheit, meine Frau muss bis zur Geburt unseres Sohnes im Krankenhaus bleiben. Zum ersten Mal wurde es uns nun ganz offiziell bestätigt. Ein Schock für mich, weil ich weiß, dass es ein Schock für meine Frau ist. Ich erinnere mich noch wie meine Frau das Kinderthema eröffnete. Damals erschien alles so klar und einfach: „Ein kleines Du und Ich, das wäre doch schön", sagte sie. Wir hatten vor einigen Monaten geheiratet, waren seid über sieben Jahren ein Paar. Ein Kind wäre das Ergebnis unserer Liebe gewesen. Und es ging auch Bilderbuch mäßig weiter. Meine Frau wurde schnell schwanger. Als sie es mir erzählte, war das ein unbeschreibliches Gefühl. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie so ein unglaubliches Glücksgefühl verspürt. Und genau so schnell verschwand dieses Gefühl wieder als wir erfuhren, dass meine Frau eine Fehlgeburt erlitten hatte. Keine einfache Zeit, doch wir kamen wieder auf die Beine und versuchten es erneut. Nein, nochmal würde uns so etwas nicht passieren. Und trotz unseres ersten Verlustes hatte ich, als meine Frau mir erzählte, dass sie wieder schwanger war, wieder dieses einnehmende Glücksgefühl, gegen das ich mich nicht wehren konnte. Und ich wollte mich auch nicht wehren. Doch leider ist das Leben kein Bilderbuch. In der neunten Woche, nachdem meine Frau erneut Blutungen hatte, erfuhren wir, dass es wieder eine fehlerhafte Schwangerschaft war. Meine Frau musste ins Krankenhaus. Der abgestorbene Fötus musste operativ entfernt werden. Dies war uns bei der ersten Schwangerschaft immerhin erspart geblieben. Ich erinnere mich noch wie sie nach der Operation aufwachte und einfach nur weinte. Es war schlimm. Wir wussten erst mal nicht mehr weiter. Nachdem wir durch verschiedene Ärzte abklären ließen, dass bei uns beiden körperlich alles in Ordnung war, schöpften wir neuen Mut. Wir versuchten es weiter. Und Ja, nachdem wir uns ein wenig Zeit für uns genommen hatten, klappte es erneut. Unsere dritte Schwangerschaft. Und ich habe gemerkt, dass man Gefühle nicht steuern kann. Wieder überwältigte mich dieses Gefühl, dass ich Vater werde. Und nach all dem was bisher passiert ist, sind wir letztendlich hier, im Krankenhaus. Ich kenne niemanden, der gerne im Krankenhaus ist. Gerade für meine Frau ist dieser Ort nicht der angenehmste. Sie bekommt ein Zimmer. Es ist kahl und sie ist alleine. Alleine mit unserem ungeborenen Sohn. Das Zimmer ist sauber, doch kein Fernseher. Im besten Fall bleibt sie drei Monate. Das klingt paradox, doch wir halten uns daran fest, dass es für unseren Sohn ist. Endlich haben wir auch eine Diagnose. Das HELLP- Syndrom. Eine Form der Schwangerschaftsvergiftung: „Also doch. Der Begriff, der vorher schon die ganze Zeit im Raum schwebte, hat sich jetzt also doch bestätigt. Aber das waren doch nur Oberbauchschmerzen. Schmerzen, die bei meiner Frau vor ein paar Wochen auftraten. Und dabei hieß es doch anfangs noch, dass es dieses Syndrom nicht sein kann, weil es dafür eigentlich viel zu früh ist. Weil diese Krankheit doch nur Frauen in einem höheren Schwangerschaftsmonat bekommen können.“ Doch eigentlich spielt das jetzt auch keine Rolle mehr. Wir planen die nächsten Tage, Wochen, Monate. Mit unseren Familien überlegen wir, wie meine Frau zum Fernsehprogramm kommt. Durch Tablet, Fernseh- Apps und Abonnements finden wir eine Lösung. Das klingt auch verrückt, als wäre Fern sehen jetzt so wichtig. Das ist es nicht, doch es ist wichtig, dass meine Frau sich so heimisch wie möglich fühlt. Auch für das ständige parken auf dem Universitätsgelände, das auf Dauer ziemlich teuer ist, finden wir in den kommenden Tagen eine Lösung. Um einen dauerhaften Parkschein zu bekommen muss ich zwischen drei verschiedene Gebäuden hin und her laufen, weil sich niemand verantwortlich fühlt. Wir stellen uns auf drei Monate ein. Das HELLP Syndrom also.
An einem Abend recherchiere ich diese Diagnose:
„Die bedrohlichste Form der Schwangerschaftsvergiftung. Lebensbedrohlich für Kind und Mutter... .“ Während ich das Internet durchforste realisiere ich so langsam was hier passiert. Es besteht die Möglichkeit, dass meine Frau und mein Kind sterben. Die möglichen Folgen treffen mich wie Schläge. Deshalb hängt meine Frau auch ununterbrochen am Tropf und wird mit Medikamenten versorgt. Das heißt aber auch, dass sie sich nicht gut bewegen kann. Es ist anstrengend und belastend. Sie weint viel und oft.
Vor allem, wenn wir uns Abends verabschieden.
Auch ich weine viel, doch ich versuche es vor meiner Frau zu vermeiden. Denn wenn ich bei ihr bin, will ich stark sein. Stark für sie. Stark für unseren Sohn. Das ist doch Wahnsinn. In dem einen Moment ist alles in bester Ordnung und wir sind in purer Freude in Erwartung unseres Kindes.
Nachdem wir die magische zwölfte Schwangerschaftswoche überschritten hatten war alles federleicht. Niemals hätte ich daran gedacht, dass irgendetwas schief gehen könnte. Und plötzlich leben wir in Angst. Doch dann nach ein paar Tagen ein erster kleiner Lichtblick. Meine Frau muss nicht mehr ständig am Tropf sein. Ihre Werte sind stabil genug und sie kann sich wieder frei bewegen. Ein toller Moment. Es wird zwar schwer, aber wir sind sicher: „Wir schaffen das!"
Meine Frau bekommt viel und oft Besuch. Gerade am Wochenende kommen viele Freunde und Familie. Dennoch habe ich Angst. Es kann jederzeit etwas schief gehen. Organversagen, ein Hirnschlag. All diese Gedanken begleiten mich.
Die Ärzte kontrollieren beide ständig und außer, dass sie im Krankenhaus sein muss, geht es ihr und unserem Sohn gut.
„Der Weg bis in dieses Krankenhaus war tatsächlich ein sehr weiter und steiniger Weg für mich und meine Frau. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits zwei Verluste erlebt. Zwei sehr frühe Verluste. Damals dachte ich, dass diese Verluste "normal" wären, weil wir mit der Zeit von so vielen Menschen gehört haben, die auch eine fehlerhafte Schwangerschaft während den ersten zwölf Wochen erlebt hatten. Wenn das so vielen Menschen passiert, dann kann man doch auch leicht darüber hinweg kommen. Heute sehe ich das anders. Auch diese zwei Verluste haben uns hart getroffen und wir haben an uns gezweifelt. Bei allem was bei uns danach noch passierte, erscheinen diese beiden Verluste in einem anderen Licht. Doch in dem Moment als sie passierten, fühlten wir uns ohnmächtig. Nein, wir haben damals nicht nur ein Gefühl verloren. Wir haben etwas, wenn auch noch sehr kleines verloren, dass unser Kind beziehungsweise unsere Kinder werden sollte/n. Vielleicht auf eine gewisse Art und Weise es auch schon waren. Ich habe diesen beiden ersten Verlusten nur wenige Zeilen gewidmet, doch ich will sie keinesfalls verharmlosen. Ein Verlust, ganz gleich in welcher Schwangerschaftswoche ist tragisch und kann schmerzen. Ich habe irgendwann von der Idee gelesen, dass Fehlgeburten möglicherweise kleine Seelen sind, die aus irgendeinem Grund noch nicht bereit sind in diese Welt zu treten. Und es besteht die Möglichkeit, dass diese kleinen Seelen es zu einem späteren Zeitpunkt erneut versuchen. Diese Idee gefällt mir. In unsere Geschichte passt diese Theorie, deshalb gefällt sie mir wohl auch so gut.“
Eigentlich ist auf dem Universitätsgelände immer viel los. Viele Menschen, Mitarbeiter, Bauarbeiter sind unterwegs. Zweieinhalb Wochen liegt meine Frau jetzt schon im Krankenhaus und an diesem einen Sonntag herrscht eine komische Stimmung.
Kein Baulärm von der anderen Straßenseite. Es kommt zwar Besuch, das Wetter ist schön und man setzt sich gemeinsam auf die Terrasse und plaudert ein wenig, doch irgendwann sind die Besucher alle weg. Ich und meine Frau sind allein. Wie eigentlich immer bin ich der letzte "Besucher", weil ich bei ihnen sein möchte, aber wahrscheinlich auch, weil ich nicht alleine sein will. Denn bei meiner Frau fühle ich mich stark.
An diesem Sonntag gehen wir nochmal spazieren.
Es ist angenehm warm und es herrscht eine komische Stille. Ich versuche meine Frau mit irgendeinem Blödsinn auf zu muntern. Es gelingt für kurze Zeit, doch dann heißt es Abschied nehmen. Besuchszeiten spielen zwar schon lange keine Rolle für mich, dennoch muss ich gehen.
Meine Frau weint, wie fast immer, wenn wir uns verabschieden. Ich tröste sie und bleibe stark. Im Auto, auf dem Weg nachhause halte ich an einer Ampel. Ich beginne zu weinen. Ich sitze alleine in meinem Auto und weine einfach. Das alles ist so unglaublich anstrengend. Das pendeln zwischen Arbeit und Krankenhaus. Die Angst meine Frau zu verlieren. Die Angst meinen Sohn zu verlieren.
