Kalte Strömung - Hendrik Berg - E-Book
SONDERANGEBOT

Kalte Strömung E-Book

Hendrik Berg

0,0
9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Der Mord an einem Fährkapitän erschüttert die kleine idyllische Gemeinde Dagebüll an der Nordseeküste. Der Fall verlangt dem erfahrenen Kommissar Theo Krumme einiges ab. Die Spur führt ihn bis an die Ostsee – doch der Zugriff auf den Tatverdächtigen scheitert, und im Garten seines Hauses macht die Polizei einen schockierenden Fund. Sofort nimmt Krumme die Verfolgung des Mannes auf. Unterdessen führt eine junge Frau in einem kleinen Ort an der Nordsee ein ruhiges Leben – nicht ahnend, dass sie ins Visier eines Mörders geraten ist, der auf tödliche Rache sinnt ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 358

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Buch

Sechs Fragen an Kommissar Theo Krumme

Warum sind Sie Polizist geworden?

Ich wollte die Welt zu einem besseren Ort machen. Mach es, hat mein Bauch gesagt. Und der ist immer mein bester Berater.

Nordsee oder Ostsee?

Gibt es an der Ostsee auch Deiche, Dünen und Marschwiesen?

Wann hatten Sie das letzte Mal Heimweh nach Ihrer Geburtsstadt Berlin?

Wenn ich jetzt Heimweh habe, dann nach dem Norden.

Lieber Wandern in den Bergen oder Faulenzen am Strand?

Wandern am Strand – mit meiner Freundin Marianne und meinem Hund Sonny.

Problem damit, dass Sie älter werden?

Nur mein Chef.

Obstkuchen oder Cheesecake?

Für mich immer Friesentorte.

Weitere Informationen zu Hendrik Berg

sowie zu lieferbaren Titeln des Autors

finden Sie am Ende des Buches.

Hendrik Berg

Kalte Strömung

Ein Nordsee-Krimi

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Originalausgabe März 2025

Copyright © 2025 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR)

Vermittelt durch die Literarische Agentur Kossack

Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München

Covermotive: Landschaft: getty images / Ralf Prien / 500px; Himmel: getty images / Achim Thomae; Wellen: getty images / HadelProductions

Redaktion: Lisa Caroline Wolf

KS · Herstellung: ik

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-32813-9V001

www.goldmann-verlag.de

Leevd is as en Schipp op de See. Wenn de Bülgen to hooch slaan, geiht allens to ’n Düvel!

Liebe ist wie ein Schiff auf dem Meer. Wenn die Wellen zu hoch schlagen, geht alles zum Teufel!

1

Schneller, sie hatte keine Zeit. Sie musste sich beeilen. Mit weiten Schritten lief sie den einsamen Strandweg entlang, auf dem Rücken einen kleinen Rucksack, vor der Brust in einem Tuch ihr Baby. Immer wieder schaute sie sich um.

Hatte er mitbekommen, dass sie das Haus verlassen hatten?

Nein, er hatte im Bett gelegen und geschnarcht. Genau so, wie sie es geplant hatte. Um sicherzugehen, dass er ihrem Vorhaben nicht im Weg stand, hatte sie ihm am Abend sogar etwas Schlafmittel in den Wein geträufelt.

Trotzdem.

Es blieb das Gefühl, dass er jeden Moment hinter ihr auftauchen konnte. Oder plötzlich vor ihr auf dem Weg wartete. Mit seinem schiefen Lächeln voller Spott und Verachtung. Einem Lächeln, das gleichzeitig auch seine kranke Liebe für sie zeigte. Seine Besessenheit. Und die Angst, sie zu verlieren.

Wie sie dieses Lächeln hasste.

Sie schaute nach oben in den Himmel. Nachdem der Tag so freundlich und sonnig begonnen hatte, schoben sich seit dem Abend vom Meer her graue Wolken übers Land. Ein böses Omen dafür, dass ihre Flucht scheitern würde? Sie schüttelte den Kopf. Nein, so war es perfekt. Eine klare, helle Nacht konnte sie überhaupt nicht gebrauchen.

Zum wiederholten Mal tastete sie in den Taschen ihrer Jacke nach den Papieren und dem Geld. Hatte sie nichts vergessen? Etwas übersehen? Egal, Schluss mit der Grübelei, sie musste jetzt nach vorne schauen. Ins Haus konnte sie sowieso unmöglich noch einmal zurückkehren.

Und das Wichtigste trug sie an ihrer Brust. Verliebt schaute sie auf ihr Baby, sog den vertrauten süßen Duft ein. Kaum zu glauben: Der Kleine war wach, gab jedoch keinen Pieps von sich, sondern blickte sie nur mit seinen großen, weisen Augen an. Ob er begriff, dass es sich nicht um einen normalen Ausflug handelte? Dass er genau wie sie in großer Gefahr schwebte?

Zärtlich strich sie ihm mit der Hand über das kleine, unschuldige Gesicht. War sie eine schlechte Mutter, wenn sie ihr Kind so einem Risiko aussetzte? Es durch diese Flucht in Lebensgefahr brachte?

Nein, was sie tat, tat sie vor allem für ihn. Ihr kleiner Schatz hatte so ein Leben in Dunkelheit und Hass nicht verdient. Sie musste ihn fortbringen, so weit weg wie möglich. Hier, in diesem Haus am hohen Kliff, erwarteten ihn nur Kummer und Schmerzen.

Wieder drehte sie sich um, blieb stehen. Hatte sie nicht ein leises Knirschen gehört? Einen Ast, der unter schweren Stiefeln brach?

Nein, nichts zu sehen. Hinter ihr schlängelte sich der Weg an der mit Brombeerbüschen bewachsenen Böschung entlang. Die langen dornigen Ranken griffen nach ihren nackten Beinen, als wollten sie sie in diesem Gefängnis zurückhalten.

Für einen Moment lauschte sie in die rauschende Stille der Nacht. Die ganze Welt schlief. Sie hörte nur das gleichmäßige Plätschern der Wellen, das müde Schnattern einiger Gänse, die unsichtbar im hohen Gras am Meer kauerten.

Und sie hörte das sanfte Rufen des Windes.

Hab keine Angst, ich trage dich weg von ihm. Zurück in die Freiheit.

Alles in Ordnung.

Sie stöhnte, atmete aus. Nein, nichts war in Ordnung. So kurz vor dem Ziel spürte sie die ständige Bedrohung durch ihn besonders intensiv. Wie ein großer Stein lag sie auf ihrer Brust, ein Schatten, der ihr den Atem nahm.

Sie dachte an ihre gemeinsame Zeit zurück.

Am schlimmsten war seine Übergriffigkeit, sein krankhafter Wunsch, jede Minute ihres Lebens zu überwachen. Ob beim Einkaufen im Dorf oder – was selten vorkam – bei ihren Besuchen in den Restaurants an der Strandpromenade. Immer blieb er an ihrer Seite, kontrollierte, was sie tat, mit wem sie redete, ja, wen sie auch nur anschaute. Als wäre sie sein Eigentum und kein lebendiges Wesen mit einem eigenen Willen.

Sie war immer ein freundlicher, geselliger Mensch gewesen, der mit offenen Armen auf andere zuging. Doch das hatte sich nach und nach geändert. Sie hatte sich verändert. Anfangs hatte sie sich noch gewehrt, protestiert und nach mehr Raum für sich verlangt. Doch in letzter Zeit hatte sie sich immer wieder dabei ertappt, wie sie sich in vorauseilendem Gehorsam auch dann in seinem Sinne verhielt, obwohl er gar nicht in der Nähe war.

Als hätte er sie dressiert. Als wäre sie sein Besitz, ohne Recht auf eine Meinung und eigene Interessen.

Jetzt war Schluss damit. Nicht mehr lange, dann würden sie und der kleine Schatz in ihren Armen frei sein und einen Neuanfang wagen. In einem anderen Land mit Menschen, die sie kannten und liebten.

Sie schloss die Augen, atmete die frische Meeresluft ein, stolz, dass sie endlich den Mut dazu gefunden hatte.

Wie kannst du nur so eine Egoistin sein und einfach davonlaufen?, fragte eine schrille Stimme, seine Stimme, die sie einfach nicht aus ihrem Kopf verbannen konnte. Du weißt, dass du mir das Herz brichst!

Nein, nicht! Sie schüttelte sich, wollte endlich aus der Dunkelheit treten, zurück ins Licht. Ihn nicht mehr in ihrem Leben haben.

Es ging um ihre Zukunft.

Und um die des kleinen Jungen, den sie direkt an ihrem Herzen trug. Sie hatte sich entschieden. Endlich! Weg, nur weg! Viel zu lange hatte sie es mit diesem Irren ausgehalten.

Nur ein paar Minuten später hatte sie den Steg erreicht, der weit hinaus ins Meer reichte und an dessen Ende das kleine Kabinenboot leise gurgelnd auf den Wellen hin und her schaukelte.

Mit dem Auto wäre es leichter gewesen zu verschwinden. Einfach den Schlüssel umdrehen und los. Über die Grenze und dann weit, weit weg von hier.

Aber das ging nicht.

Nicht nur, weil sie vorhin selbst zu viel Rotwein getrunken hatte. Um sich Mut zu machen. Um ihm das Gefühl zu geben, alles wäre in Ordnung, obwohl sie sich bereits entschieden hatte.

Nein, das Auto war keine Option. Auch deshalb, weil er seit Langem die Autoschlüssel vor ihr versteckte, damit sie nicht ohne seine Begleitung und seine Kontrolle irgendwelche Ausflüge unternahm.

Dann also mit dem Schiff.

Noch einmal schaute sie sich hinter einem Busch stehend um, vergewisserte sich, dass die Luft rein und er ihr nicht gefolgt war, um sie im letzten Moment doch einzufangen.

Sie spürte einen leisen Stupser an ihrem nackten Arm und zuckte erschrocken zusammen.

Aber es war nur ihr Baby, das sie mit seinem winzigen Händchen berührt hatte. Immer noch hellwach lag er in seinem Tuch. Sie drückte ihn an sich, küsste ihn zärtlich auf die Stirn.

»Keine Sorge, ich gebe jetzt nicht mehr auf«, flüsterte sie ihm in sein so wundervoll duftendes Öhrchen.

Dann rannte sie los. Die letzten Meter über den knirschenden Sandpfad und schließlich leise tapsend schnell über die glatten, in der Stille knarrenden Holzplanken zum Schiff.

Endlich war sie da.

Wieder drehte sie sich um, meinte erneut, ein leises, sirenengleiches Rufen gehört zu haben.

Doch am Ufer war nichts zu sehen von ihm. Und in die andere Richtung nur der endlose Blick zum Horizont.

Kaum zu glauben, sie hatten es geschafft. Der Rest war ein Kinderspiel. Sie würde aus seinem Leben verschwinden und keine Spur hinterlassen. Vorsichtig, die Hände immer schützend über dem Kopf des Babys stieg sie in das kleine, schwankende Schiff hinab. Dann wendete sie sich zum Außenbordmotor und senkte ihn langsam ins dunkle Wasser.

Sie waren schon oft mit dem kleinen Boot hinausgefahren. Natürlich hatte er sich immer um alles gekümmert. Aber sie hatte genau aufgepasst, damit sie später wusste, was zu tun war.

Als Nächstes brauchte sie das Starterkabel. Eigentlich lag es unter dem Sitz neben dem Außenborder, aber so sehr sie dort herumkramte, sie konnte das Kabel nicht finden.

»Suchst du das hier?«, hörte sie auf einmal eine tiefe Stimme hinter sich. Seine Stimme.

Eine Faust legte sich um ihr Herz, drückte erbarmungslos zu. Zitternd richtete sie sich auf und drehte sich um.

Da stand er vor ihr, mit dem Kabel in der Hand. Er musste sich in der Kabine versteckt, dort auf sie gewartet haben.

»Schatz …«, flüsterte sie mit auf einmal staubtrockenen Mund.

Er schüttelte stumm den Kopf, wollte nichts hören, und sie wusste auch nicht, was sie ihm sagen sollte. Passierte das gerade wirklich? War sie für alle Zeit in diesem Albtraum gefangen?

»Der gepanschte Wein. Deine Lügen. Hast du wirklich gedacht, ich fall auf dein falsches Spiel herein?«, sagte er mit eisiger Stimme. Kein Vorwurf, eine Feststellung.

Sie ließ die Schultern hängen. Sie war verflucht, ohne jede Chance, ihm zu entkommen.

Er musterte sie mit seinen dunklen Augen. »Wie konntest du mir das nur antun?«

Sie schüttelte den Kopf, zuckte hilflos mit den Schultern. Tränen liefen ihr über die Wangen, als sie ihr Baby an sich drückte.

Er zog den anderen Arm hinter dem Rücken hervor. Sie erstarrte, als sie sah, was er in der Hand hielt. Plötzlich fühlte es sich an, als würde ihr Geist sich von ihrem Körper lösen.

»Aber du hast dich getäuscht. Ich lasse mich von dir nicht hinters Licht führen. Und niemals«, fuhr er mit seiner Schlangenstimme fort und hob den Hammer in die Höhe, »niemals werde ich zulassen, dass ihr beide mich im Stich lasst.«

2

»Ich habe schon mal eine tote Ratte gesehen«, erklärte Marie mit feierlichem Ernst.

»Tatsächlich?«, stotterte Krumme, wollte fragen, wo, aber Torben kam ihm mit einem anderen Beitrag zuvor:

»Mein Papa hat gestern eine Taube totgefahren. Kommt er jetzt in den Knast?«

Krumme überlegte verwirrt, setzte zur Antwort an, aber schon erreichte ihn die nächste Frage.

»Hast du auch eine Pistole?«, wollte ein kleines Mädchen wissen und patschte neugierig mit ihren Händen auf sein Jackett. Wie alle hatte sie sich am Anfang vorgestellt. Aber Krumme konnte sich leider nicht mehr an ihren Namen erinnern.

Sollte er ausgerechnet über dieses Thema mit den Kindern reden? Er schüttelte verlegen den Kopf, war aber erneut nicht schnell genug für eine Antwort. Schon blickte er wieder in ein Meer aus hochgestreckten Fingern, begleitet von japsenden Rufen und hektischem Geschubse.

Krumme hob beide Hände. »Ganz ruhig, Kinder, nicht alle auf einmal!«, mahnte er mit strenger Stimme. Und zu seiner großen Überraschung war es sofort ruhig im Raum. Krumme lächelte. Na bitte, selbst die freche Bande konnte sich der Wirkung seiner natürlichen Autorität nicht entziehen.

Er zeigte zu einem Mädchen mit schwarzen Haaren. »Na, meine Kleine, was möchtest du über die Arbeit der Polizei erfahren?«, fragte er, jetzt wieder bemüht, wie ein freundlicher Vater zu klingen.

Das Mädchen holte tief Luft. »Dürfen wir Sonny noch mal streicheln?«, fragte sie.

»Klar«, murmelte Krumme, worauf sich gleich die gesamte Klasse jubelnd auf seinen Hund stürzte. Nicht zu fassen, wie Sonny in diesem Durcheinander so entspannt bleiben konnte. Sein Hund, eine bunte Mischung aus Bernhardiner und Hütehund lag nur ein paar Meter entfernt von ihm auf dem Boden, ein riesiger Fellhaufen, den die Kleinen nun als eine Art Sofa benutzten. Kein Problem für Sonny, der sich von allen streicheln ließ und nur manchmal mit seiner handtuchgroßen Zunge freundlich zurückschlabberte, was jedes Mal begeistertes Kreischen auslöste.

Krumme blickte auf die Uhr. Erst fünfzehn Minuten rum. Seufzend schaute er in die Runde, so anstrengend hatte er sich seinen Besuch in einer Klasse der Klaus-Groth-Grundschule in Husum nicht vorgestellt. Eine Idee seines Kripo-Chefs Polizeirat Horst Krüger. »Krumme«, hatte er gesagt, »Sie können doch so gut mit Kindern. Die Bürgermeisterin möchte, dass wir als Polizei bei den Schulen unser freundliches Gesicht zeigen und ein bisschen Werbung für uns machen.«

Krumme war nicht klar, warum ausgerechnet er den Ruf eines Kinderfreundes hatte. Und überhaupt: »Werbung für die Polizei?«, hatte er gefragt. »In einer Grundschule?«

»Ja, warum denn nicht?«, erwiderte Krüger. »Damit können wir nicht früh genug anfangen. Und die Eltern werden sich freuen. Aber nehmen Sie Ihren Hund mit, der ist ja fast so etwas wie ein Polizeihund. Kommt bei den Kleinen bestimmt gut an.«

Das tat Sonny allerdings. Die Kinder der ersten Klasse waren total vernarrt in ihn, wollten sich am liebsten alle gleichzeitig an ihn herankuscheln oder über ihn hinüberklettern. Dabei war Sonny überhaupt kein dressierter Polizeihund. Im Gegenteil. Genau wie sein Vater Watson machte er nur das, was er wollte. Und Krumme war viel zu gutmütig, um ihn aufzuhalten. »Da kommt wieder Sonny mit seinem Herrchen«, lachten die Händler auf dem Husumer Wochenmarkt, wenn der große Hund ihn freundlich bellend kreuz und quer über den Platz zerrte.

Aber bei den Kindern war er plötzlich völlig tiefenentspannt. Im Gegensatz zu Krumme. Selbst bei einem Verhör mit den gefährlichsten Gaunern hätte er nicht nervöser sein können als hier.

»Stellen Sie sich mal nicht so an, Krumme«, hatte Krüger abgewunken, als er ihm seine Befürchtungen gebeichtet hatte. »Das bekommen Sie schon hin. Und die Lehrerinnen und Lehrer sind ja auch noch da.«

Waren sie natürlich nicht.

Vor dem eigentlichen Termin hatte das halbe Kollegium noch in der Aula zusammengestanden. Die Direktorin hatte eine Rede gehalten, ein Fotograf viele Fotos geknipst. Gruppenbilder mit ihrem Ehrengast aus dem Polizeipräsidium. Dann war er mit Frau Krause, der jungen Lehrerin der 1b, in den Klassenraum gegangen. Auf dem Weg hatte sie ihm erzählt, dass ihr eigenes Baby sie gerade überhaupt nicht schlafen lassen würde. Erleichtert, dass jetzt ein erfahrener Kommissar übernahm, hatte sie ihn ihren Kindern nur kurz vorgestellt und sich anschließend verdrückt.

»Keine Angst, bin sofort wieder zurück«, hatte sie ihm zugeflüstert, als sie seinen panischen Blick bemerkte. Dann war sie durch die Tür verschwunden, noch bevor er etwas sagen konnte.

Mittlerweile waren zwanzig Minuten vergangen, und sie war immer noch nicht zurück.

Auf einem Kinderhocker kauernd, schaute er wieder auf die Uhr. Erst zwei Minuten vorbei, seit er das letzte Mal die Zeit gecheckt hatte. Er seufzte niedergeschlagen, als er spürte, wie ein kleines Mädchen auf seine Hand tippte, um ihn auf sich aufmerksam zu machen.

»Bist du ein Opa?«, fragte sie freundlich.

»Was?« Er sah sie verwirrt an. »Wie kommst du denn jetzt darauf?«

Die Kleine legte ihren Kopf an seine Seite. »Du siehst so alt aus. Wie ein Opa.«

Krumme verzog den Mund. Tatsächlich war er Opa, seine in Australien lebende Tochter hatte vor ein paar Jahren ein süßes Mädchen bekommen. Aber so alt wie ein Opa aussehen wollte er trotzdem nicht.

Müde schaute er in die Runde. Ein paar Jungs hatten inzwischen das Interesse an dem vor allem von den Mädchen umlagerten Sonny verloren und spielten Fangen, andere lagen miteinander ringend am Boden. Als Krumme dazwischenging, beruhigten sie ihn. »Wir machen doch nur Spaßkämpfen!«

So konnte es nicht weitergehen. In Ermangelung einer Pistole, um warnend in die Luft zu schießen, klatschte Krumme laut in die Hände und rief die Kinder zu sich. Es dauerte eine Weile, bis sich die Jungen und Mädchen zu ihm gesellten. Nur zwei Jungs legten sich kichernd auf einen Tisch und gaben vor, lieber schlafen zu wollen. Immerhin konnte Krumme sie davon überzeugen, dabei auf lautes »Spaßschnarchen« zu verzichten.

»He, Kinder«, rief er betont fröhlich, »Frau Krause hat mir verraten, dass ihr mit euren Eltern ein paar Fragen an die Polizei vorbereitet habt. Wer will anfangen?«

Sofort gingen wieder alle Händchen hoch. Einige Jungs, aber auch ein paar mutige Mädchen drängelten sich dichter an Krumme heran, in der Hoffnung, dass er sich für sie entschied.

Immerhin, dachte er erleichtert, wenn er nacheinander alle Fragen beantwortete, sollte die Zeit doch schnell vorbeigehen.

»Ist es nicht gefährlich, immer so viele böse Menschen zu jagen?«, fragte ein kleines, schwarzhaariges Mädchen mit großem Ernst.

»Eine sehr gute Frage«, erwiderte Krumme und meinte es auch so. »Ja, manchmal kann es schon gefährlich werden. Aber wenn ich Erfolg habe und ihr und eure Eltern keine Angst mehr vor diesen Menschen haben müssen, dann ist das ein sehr gutes Gefühl.«

Die Kinder nickten. Ob alle ihn verstanden hatten? Viele hatten nur Augen für Sonny oder schauten lieber aus dem Fenster als zu ihm.

Krumme zeigte auf ein anderes Mädchen in einem roten Kleid, das besonders hektisch die Hand hob. »Ja? Was willst du wissen?«

»Darf ich kurz püschern?«

Krumme sah sie erstaunt an. »Du willst aufs Klo? Jetzt?«

»Ich muss ganz dringend.«

Er stutzte. War es in Ordnung, wenn er sie so einfach gehen ließ? »Na, dann«, sagte er. »Aber beeil dich.«

Sofort sprang die Kleine auf und verließ den Raum. Krumme zeigte auf einen der Burschen, der eben noch als Spaßkämpfer auf dem Boden gelegen hatte. Jetzt stand er vor ihm und hob aufgeregt die Hand.

»Wie ist dein Name, mein Junge?«

»Kemal, Herr Kommissar.«

Krumme nickte, zufrieden über die korrekte Nennung seines Berufes.

»Was ist deine Frage?«

»Ich muss auch mal aufs Klo!«

»Jetzt? Warte, bis das Mädchen wieder zurück ist.«

Der Junge quetschte die Beine zusammen. »Bitte, ich muss ganz dringend.«

Krumme seufzte, nickte wieder. Sofort flitzte der Kleine davon.

»So, jetzt aber eine echte Frage. Was ist mit dir?« Er zeigte auf einen Jungen mit einem HSV-Trikot. »Sag auch erst mal deinen Namen.«

»Malte.«

»Ich sehe, du hast sogar ein paar Fragen auf einem Zettel notiert?«

Malte strahlte. »Zusammen mit meinem Papa. Soll ich vorlesen?«

Krumme musterte den Kleinen freundlich. »Kannst du denn schon lesen?«

Der Junge hob den Kopf. »Aber natürlich«, verkündete er stolz.

»Na dann los, ich bin gespannt.«

Malte lehnte sich gegen Sonny, als wäre er ein dicker Sessel. Auch die anderen Kinder setzten sich hin, als würden sie jetzt eine Geschichte erwarten. Sehr schön, dachte Krumme. So gemütlich konnte es weitergehen.

»Guu–ten Taag, Hö… Herr Komm… Kommissarr«, fing Malte konzentriert an, bemüht, jede Silbe, ja jeden Buchstaben deutlich auszusprechen. So gut konnte er wohl doch noch nicht lesen. Aber natürlich wollte Krumme ihn jetzt nicht stören.

»Wirr ha-ben geleeesen, dass Sie schooon mal beinahh…ee gestooorben siiind«, kämpfte Malte tapfer mit jedem Wort, während die Klasse in andächtiger Stille lauschte.

Krumme nickte dem Jungen mit gequältem Lächeln zu und blickte auf die Uhr. Egal, auf dieses Weise ging die Zeit auch rum.

»Uuunsre Fraa-ge«, murmelte Malte. »Haa-bben Siiie schooon … mal an eine Leeebens…« Ein langes Wort, Malte brauchte eine Pause und sah verlegen lächelnd zu Krumme. Der ahnte Böses, wollte unterbrechen, aber der Kleine vertiefte sich wieder in den Satz »…ver-siche-ruung gedaaaacht?«

Krumme lächelte schief. »Sehr gut gelesen, Malte«, sagte er. »Sag deinem Papa vielen Dank, aber ich bin ausreichend versichert.« Als der Kleine ihm im Auftrag seines Vaters eine Broschüre überreichte, nahm er sie dem Jungen zuliebe an. Und musste dabei an seinen Chef denken. Krüger, dachte er, das zahle ich dir heim, auch wenn ich noch nicht weiß, wie.

Er schaute auf die Uhr. Wo blieben das kleine Mädchen und der Junge? War das normal, dass sie so lange auf dem Klo hockten? Was, wenn sie irgendwo herumturnten und Quatsch machten? War er verantwortlich, falls sie sich dabei verletzten? Schon fielen ihm verschiedene Szenarien ein. Wenn sie aus der Schule hinaus auf die Straße liefen, könnten sie dort von einem Auto überfahren oder einem bösen Mann entführt werden.

Wo zum Teufel blieb Frau Krause? Hätte er sich bloß die Handynummer der Lehrerin geben lassen! Schon überlegte er, Pat, seine junge Kollegin im Präsidium, anzurufen. Die wusste immer, was zu tun war.

Er hatte sein Handy bereits in den Fingern, als er sich wieder dagegenentschied. Nein, er war ein erwachsener Mann. Er würde doch wohl allein mit einer Grundschulklasse fertigwerden.

Schon rutschten die Kinder wieder dichter an ihn heran, alle wollten ihre Fragen loswerden.

Krumme zeigte auf einen kleinen Jungen mit blonden Locken und erfuhr, dass er Janne hieß. »Also, was möchtest du wissen?«, fragte er.

»Kann ich auch aufs Klo?«

Krumme verdrehte die Augen. Verflucht, was gab’s in dieser Schule denn in der Pause zu trinken? »Nein«, brummte er, »erst wenn die anderen wieder da sind.«

Janne protestierte, war den Tränen nahe, aber Krumme wählte ein neues Kind. Er entschied sich wieder für Marie, die die ganze Zeit durchgehend die Hand gehoben hatte.

»Deine Frage bitte, Marie.«

»Die war total platt«, verkündete das Mädchen stolz, endlich wieder etwas sagen zu dürfen.

»Wie bitte?«

»Die tote Ratte, die ich gesehen habe. Die lag auf der Straße und war total platt.«

3

Wie schön es hier war!

Die milde Brise, die ihm wie eine liebevolle Hand durch die zerzausten Haare fuhr. Der Geruch nach Sand und Salz und feuchtem Gras.

Und dann die Aussicht. Der endlose Blick über die dunkelblaue See. In der Ferne entdeckte er ein einsames Segelschiff, schräg im Wasser liegend zog es hinaus zum Horizont.

Seine Heimat. Hier an der Küste, oben auf dem Kliff, stand sein Haus. Hier war er geboren und aufgewachsen.

Und hier wollte er sterben.

Heute.

Jetzt.

Er dachte an die sonnigen Tage, die er hier verlebt hatte. Wie er glücklich durch den tiefen Sand und über die saftig grünen Wiesen gelaufen war. Wie er mit den Kindern aus dem Dorf hinaus aufs Meer gesegelt war. Wie er Nächte lang unten am Strand gesessen hatte. Neben sich das knisternde Lagerfeuer, über sich das leuchtende Band der Milchstraße.

Aber er musste auch an die dunklen Tage und Nächte denken. An die Einsamkeit. An die endlosen Stunden im Keller. Die Schläge. Die Schmerzen.

Das war sein Leben gewesen. Freude und Enttäuschungen. Licht und Schatten.

Aber vor allem Schatten.

Er schloss die Augen, ließ sich in seine Erinnerungen fallen, auch wenn es bedeutete, dass es ihm das Herz zerriss.

Clara. Er hatte ihr seine Liebe geschenkt. Sein Herz. Alles hatte er für ihre gemeinsame Zukunft gegeben.

Doch sie hatte ihn verraten, hatte ihn im Stich gelassen. Die glücklichste Zeit seines Lebens, jetzt war sie nur eine traurige Erinnerung.

Er fasste sich an den Kopf. Die Schmerzen waren in den letzten Wochen immer schlimmer geworden. Manchmal bekam er nachts kein Auge zu. Am Tag stolperte er dann wie ein Zombie durch die Welt, todmüde, ständig gefangen zwischen Traum und Realität.

War er jetzt klar bei Sinnen? Traf er die richtige Entscheidung? Nur einen Schritt weiter, und es gab kein Zurück mehr.

Er stand direkt am hohen Kliff und blickte hinunter in den Abgrund, zu den spritzenden Wellen, die sich in der Tiefe krachend an den scharfen Felsen brachen.

Er stellte sich vor, wie er mit dem Kopf voran auf die großen Steine schlagen würde. Wie sein Körper aufplatzen und er mit gebrochenen Gliedern in der Brandung liegen würde. Kein schöner Anblick. Die alte Frau, die hier jeden Morgen mit ihrem bissigen Köter spazieren ging, würde sicher einen Schock davontragen. Und wie würden die anderen reagieren? Ob die Leute im Dorf sich Vorwürfe machen würden, weil sie ihm nicht den angemessenen Respekt entgegengebracht hatten?

Er lächelte, als er sich ihre betroffenen Gesichter vorstellte. Hoffentlich würde ihr schlechtes Gewissen sie ihr Leben lang quälen.

Wieder schaute er hinunter in die Brandung. Gut, der Grand Canyon war es nicht. Konnte er sicher sein, sofort zu sterben? Einfach weg, ohne Schmerzen? Um dann aufzuwachen, neugeboren in einer anderen, hoffentlich besseren Welt?

Seine größte Angst war es, dass er sich nach dem Sturz lange schwer verletzt quälen musste. In ein Krankenhaus kam, wo unfähige Ärzte sein Leben unnötig in die Länge zogen, ihn mit ihrem Pharmascheiß vollstopften und seinen wehrlosen Körper für Experimente missbrauchten.

Nein, bitte nicht, er wollte kein Spielzeug von Quacksalbern sein. Abhängig von ihrem fehlgeleiteten Verstand, ihrer Ignoranz und ihrem blinden Vertrauen in blinkende Geräte und überteuerte, aber nutzlose Medikamente.

Du Feigling!, schrillte eine Stimme laut in seinem Kopf. Suchst du eine Ausrede, um nicht zu springen?!

Wieder traf ihn dieser Schmerz, noch schlimmer als zuvor. Als würde ihm jemand eine Nadel in die Stirn rammen. Er stöhnte, starrte mit verdrehten Augen nach oben in den grauen Abendhimmel, schwankte, stolperte Richtung Abgrund. Schon tapste er mit dem rechten Fuß ins Leere. Er schrie erschrocken auf, trat dann schnell im letzten Moment einen Schritt zurück.

Trotz der kühlen Temperaturen lief ihm der Schweiß über die Stirn. Er schaute sich um. War da noch jemand auf dem Kliff? Er blinzelte. Irrte er oder sah er dort hinter der alten Eiche den Schatten eines Mannes?

Nein, lass das! Er schüttelte den Kopf. Reiß dich zusammen und hör auf, dir irgendwelchen Quatsch einzubilden! Du kannst das kontrollieren!

Er schloss für einen Moment die Augen, zählte leise von zehn rückwärts bis null, so wie er es gelernt hatte.

Mit Erfolg. Als er die Augen wieder öffnete, fühlte er sich schon viel besser. Erneut schaute er zu dem Baum, sah dort aber nur die sich sanft im Wind wiegenden Äste.

Er atmete erleichtert aus, lächelte.

Verrückt, dachte er, als Clara noch bei ihm gewesen war, hatte er keine Gespenster gesehen. Und keine Schmerzen gespürt. All das war erst gekommen, nachdem sie aus seinem Leben verschwunden war.

Vielleicht lag es daran, dass sie auf seine gesunde Ernährung geachtet hatte und genau wie er kein Freund dieser elenden Pharmalobby war.

Er nickte gedankenverloren. Ja, Clara war ein Engel. Sein Engel. Manchmal hatte sie allein im Garten gesessen. Mit ihrer Gitarre in der Hand hatte sie sanfte Lieder gesungen, nur begleitet vom leisen Vogelgezwitscher und dem Rauschen des nahen Meeres. Er schloss die Augen, lächelte, versunken in die Erinnerungen an diese verzauberten Momente, die umso schöner waren, weil nur er sie erleben durfte.

Ja, Clara war eine Seelenverwandte, selbst wenn sie das nie glauben, nie akzeptieren wollte. Klar, es hatte Meinungsverschiedenheiten gegeben, das war doch normal. Aber er hatte stets den Eindruck gehabt, dass sie zuhörte, wenn er ihr etwas erklärte. Und genau wusste, dass er sie nur vor schlechten, für sie schädlichen Einflüssen schützen, immer nur ihr Bestes wollte.

Doch dann hatte sie ihn verraten.

Wieso? Wie hatte sie ihm das nur antun können?

Wieder richtete er den Blick nachdenklich in den Himmel. Für einen Moment beobachtete er, wie sich eine kleine Wolke unter eine größere schob, bis sie sich komplett in ihr aufzulösen schien.

Er seufzte leise. Vielleicht lag die Schuld ja auch ein wenig bei ihm.

Er erinnerte sich an einen heftigen Streit. Sie hatte ihm vorgeworfen, sich zu sehr in ihr Leben einzumischen, weil er Nachbarn aus dem Haus geschmissen hatte. Dabei hatte er sie nur schützen wollen, schützen müssen. Wie so oft hatte sie nicht gesehen, was gut für sie war. Und was nicht.

Er wischte sich mit beiden Händen über die Schläfen, wollte ihr Bild aus seiner Erinnerung löschen. Wie wütend sie auf ihn gewesen war. Warum nur hatte sie ihm keine Gelegenheit gegeben, ihr zu erklären, warum er so reagierte? Stattdessen hatte sie sich ins Schlafzimmer zurückgezogen, sogar die Tür hinter sich abgeschlossen. Sah sie denn nicht, dass diese dekadenten Typen mit ihrem hohlen Gerede sie nur manipulieren wollten?

Stundenlang wechselten sie kein Wort. Bis in die Nacht lag sie weinend auf ihrem Bett, während er im Haus auf und ab marschierte, zu trotzig, zu dumm, um noch einmal das Gespräch zu suchen.

Er spürte, wie sein schlechtes Gewissen ihn wie eine heiße Flamme von innen verbrannte.

Jetzt war es zu spät.

Sie war weg. Und er musste sich mit dem Gefühl von dieser Welt verabschieden, dass sie ihn komplett missverstanden hatte.

Er folgte dem Flug einer Möwe, die sich zuerst nach oben in den Himmel schraubte, um sich dann vor dem Kliff in die Tiefe fallen zu lassen und in der Brandung auf einen der Felsen zu setzen. Er beobachtete, wie sie fast von einer gewaltigen Welle heruntergerissen wurde und erst im letzten Moment laut kreischend davonflog.

Wieder verlor er sich in seinen Erinnerungen. Fragte sich, ob man als Mensch nur Sklave seines Schicksals war. Nur ein Rädchen einer gewaltigen Maschine, dass man gezwungen war, nur genauso zu funktionieren, damit die anderen Teile reibungslos arbeiten konnten.

Er schüttelte den Kopf. Nein, trotz allem, was er erlebt hatte, er war immer sein eigener Herr geblieben.

Wenn Clara das nicht verstanden hatte, dann nur, weil er es ihr nicht mehr erklären konnte. Weil sie ihn, ihren Seelenverwandten, nicht mehr in ihren Kopf gelassen hatte.

Eine andere Möwe flog so dicht an ihm vorbei, dass er erschrocken zusammenzuckte und fast das Gleichgewicht verlor. Erneut konnte er erst im letzten Moment verhindern, in den Abgrund zu stürzen.

Beinahe wäre es um ihn geschehen und er für immer in einem dunklen Nichts verschwunden.

Na und?, rief eine schrille Stimme in seinem pochenden Kopf. Deshalb bist du Versager doch hierhergekommen, oder nicht?

Stumm starrte er hinunter auf die Wellen, die an den im Wasser glänzenden Felsen explodierten.

Ja, er war hier auf das Kliff gestiegen, um allem ein Ende zu bereiten. Er glaubte nicht an einen Gott, aber an die Macht des Schicksals. Unter Umständen war dieser lärmende Vogel ein Zeichen, eine Aufforderung, seinen Entschluss noch einmal zu überdenken.

Gab es doch Hoffnung? Musste er nur versuchen, seine Fehler wiedergutzumachen?

Konnte Clara ihm bei seinem Kampf gegen seine Krankheit helfen? War sie der Schlüssel, um doch noch gesund zu werden?

Aber wie? Wo anfangen? Hatte er denn nicht viele Nächte wachgelegen, weinend vor Liebeskummer und vor Wut und Schmerzen schreiend? Ohne Ergebnis überlegt, wo er mit seiner Suche nach einem Neuanfang beginnen sollte?

Sie war aus dem Nichts gekommen und ins Nichts wieder verschwunden. Ein Engel. Und er war unfähig, sie festzuhalten und an sich zu binden.

Traurig blickte er wieder hinaus auf das Meer, das sein ganzes Leben lang sein bester Freund gewesen war.

Und stutzte. Auf einmal schienen sich die Synapsen in seinem von Schmerzen gequälten Hirn auf eine neue Weise zu verbinden. War es nur die frische Luft hier draußen an der See? Oder konnte es sein, dass das Universum ihm erneut ein Zeichen gab? Denn durch das, was er da auf dem Meer sah, öffnete sich auf einmal eine Tür in seiner Erinnerung und zeigte ihm einen neuen Weg.

Wie um diese Idee zu bestätigen, spürte er plötzlich eisige Tropfen auf der Stirn, die der Wind von der Brandung herauf zu ihm wehte.

Vorsichtig trat er einen Schritt zurück, weg von dem Abgrund.

Er hatte verstanden.

Das hier war nicht das Ende.

Es war der Anfang.

4

Lasse Harms ließ sich mit einem erschöpften Seufzer zurück aufs Bett fallen. Schnaufend starrte er an die Decke, wartete, bis sich sein Kreislauf wieder beruhigt hatte.

Das dritte Set mit hundert Liegestützen – sein persönlicher Rekord! Mit dem Handrücken wischte er sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich auf die Bettkante, stand ächzend auf und ging zum großen Spiegel neben der Garderobe.

Zufrieden begutachtete er seinen muskulösen Oberkörper und seine kräftigen Bizepse. Ja, Disziplin zahlte sich aus. Seit einem Jahr startete er jeden Morgen mit seinem persönlichen Trainingsprogramm. Liegestütze, Klappmesser, Hanteltraining und dazwischen immer wieder Planks. Mochten andere in teure Fitnessclubs gehen, er sparte das Geld und trainierte seinen Luxuskörper lieber zu Hause.

Etwas anderes ließ sein Dienstplan auch gar nicht zu.

Harms schaute auf seine Smartwatch. Er musste sich beeilen, wenn er noch bei Maries Kaffeestube vorbeischauen und anschließend nicht zu spät zum Hafen kommen wollte, etwas, das ihm in den zehn Jahren, in denen er den Job nun schon machte, noch nie passiert war.

Kurz darauf stieg er aus der Dusche und kontrollierte erneut sein Aussehen und seinen definierten Body, dieses Mal im Badezimmerspiegel. Er nickte zufrieden.

Dann zog er sich an. Wie immer lagen seine Sachen schon sorgfältig gefaltet auf dem Bett. Besonders wichtig: das frisch gebügelte weiße Hemd mit den Kapitänsabzeichen.

Seit zehn Jahren fuhr Lasse Harms auf den Fähren der W.D.R., der Wyker Dampfschifffahrtsreederei, drei davon als Kapitän. Jeden Tag stand er oben auf der Brücke und brachte mit seinem Team Tausende von Urlaubern von Dagebüll nach Föhr und Amrum und wieder zurück aufs Festland.

Für ihn der absolute Traumjob. Auch nach den vielen Jahren konnte er nicht genug von der Aussicht auf die Inseln und Halligen des nordfriesischen Wattenmeers bekommen. Auf den modernen Schiffen der W.D.R. über die in der Sonne glitzernde Nordsee gleiten – konnte es etwas Besseres geben?

Dabei bedeutete das jeden Tag eine neue Herausforderung für Lasse und seine Mannschaft. Als geborener Föhrer wusste er, dass es hier im Norden immer die Natur war, die den Rhythmus des Lebens bestimmte. Mochten die kurzen Überfahrten von Insel zu Insel für seine Gäste oft wie harmlose Bustouren über das Meer wirken, so waren doch ständig neue Herausforderungen zu beachten. Sich immer wieder durch die Tide verändernde Fahrrinnen. Aufkommender Seenebel, der auch große Schiffe von einem Moment zum nächsten verschluckte. Die vielen Segler und Surfer im Wattenmeer, die plötzlich vor dem Bug der Fähren auftauchen konnten. Und natürlich die wilde Kraft der Nordsee, der hohe Seegang, der es manchmal nötig machte, den Fährverkehr einzuschränken, in seltenen Fällen sogar einzustellen.

Nein, Langeweile kannte Lasse in den schwierigen Gewässern an Nordfrieslands Küste nicht. Sollten andere Seeleute doch auf noch größeren Schiffen die ganze Welt umrunden. Er erlebte dafür jeden Tag die Wunderwelt der Nordsee und lag trotzdem am Abend in seinem Bett. Und als nur fünfunddreißig Jahre junger, gut aussehender Kapitän meistens nicht allein.

Harms hatte gerade seine Hose angezogen, als sein Handy klingelte. Irritiert schaute er auf das Display. Keine Nummer zu sehen. Ein Werbeanruf?

Er nahm ab. »Ja?«

Keine Antwort. Nur Stille. Verwirrt überprüfte er, ob er auf die richtige Taste gedrückt hatte. Hatte er.

Erneut lauschte er wieder in den Hörer, meinte, jetzt weit entfernt im Hintergrund sogar ein Radio erkennen zu können.

»Hallo? Wer ist denn da?«

Wieder keine Reaktion. Oder doch? Er hörte ein leises Atmen.

»Hör zu, du Arschloch, ich habe keine Zeit für Telefonstreiche. Wenn du …«

Ein plötzliches Knacken, dann ein gleichmäßiges Piepen. Sein Gegenüber hatte aufgelegt.

Harms schüttelte den Kopf. Was für ein Blödmann! Oder war es eine Frau gewesen? Er überlegte, ging in Gedanken mögliche von ihm gebrochene Frauenherzen durch. Nein, zumindest in letzter Zeit hatte er sich nichts vorzuwerfen.

Egal, bestimmt hatte sich nur jemand verwählt.

Endlich nahm er sein Kapitänshemd vom Bett und zog es sich an. Vorm Spiegel stehend begutachtete er zum letzten Mal sein Outfit, setzte sich sogar seine Sonnenbrille auf, obwohl die tief hängenden Wolken draußen einen eher trüben Tag versprachen.

In dem Moment klingelte es erneut. Aber dieses Mal an der Haustür.

Harms stöhnte genervt. Wer konnte das jetzt schon wieder sein? Er öffnete die Tür und stand im nächsten Moment einem Mann in einem blauen Kapuzenpullover, in Jeans und New-Balance-Sneakern gegenüber. Er hatte volles, vom Wind zerzaustes Haar, war unrasiert. Dunkle Schatten unter den Augen ließen ihn älter als Harms aussehen, obwohl er es wohl nicht war.

»Ja, bitte?«, fragte er seinen Besucher ungeduldig.

Der betrachtete ihn nur mit verständnisloser Miene, als wäre er ein Vollidiot. Harms bemerkte, dass er immer noch die Sonnenbrille trug und nahm sie schnell ab.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte er.

Der Unbekannte streckte sich. »Tschuldigung für die Störung. Mein Name ist Joris Lüdgen. Ich hätte ein paar Fragen an Sie.«

»Was für Fragen?«

Sein Besucher zögerte einen Augenblick. »Erinnern Sie sich nicht an mich?«, fragte er dann. »Ich bin der Freund von Clara Gerland.«

Harms sah ihn überrascht an. »Von … Clara?«

»Wir haben uns mal getroffen. Nur kurz, in einer Bar in Flensburg.«

Harms überlegte und nickte dann langsam. »Vielleicht, kann sein. Ja, okay, was ist denn?«

Der Mann holte tief Luft, bevor er antwortete: »Ich muss wissen, wo Clara jetzt ist.«

»Aber … Sie haben doch gesagt, Sie wären ihr Freund, woher soll ich …?«

»Ich habe keine Zeit für Spielchen«, unterbrach ihn der Mann ungeduldig. »Sagen Sie mir einfach, was Sie wissen.«

Harms musterte seinen Besucher, der noch im Flur vor der Tür stand. Was für ein seltsamer Typ! Wie hieß er noch gleich? Lüder? War er auf Drogen? Ihm fiel auf, dass er immer wieder seltsam nervös blinzelte.

»Sorry«, sagte Harms und schaute auf seine Uhr. »Ich kann Ihnen nicht helfen. Ich habe keine Ahnung, wo Clara steckt.«

»Wirklich nicht?«

»Denken Sie, ich lüge? Nein, das tue ich nicht.« Harms betrachtete den Kerl. Besonders gefährlich sah er nicht aus. Eher dünne Arme. Und auch die langen Finger deuteten darauf hin, dass der Bursche die meiste Zeit hinter einem Schreibtisch saß. »Tut mir leid, ich würde ja gerne weiter mit Ihnen plaudern. Aber die Arbeit ruft. Tschüs.«

Damit wollte er die Tür wieder schließen. Aber der Mann schob seinen Fuß dazwischen.

»Haben Sie nicht gehört?«, fragte Harms. »Ich habe keine Zeit.«

Sein Besucher verzog den Mund zu einem irren Lächeln, das verriet, dass Harms ihm auch nicht besonders sympathisch war. »Ich weiß, wo Sie arbeiten, Käpt’n«, fügte er spöttisch hinzu. »Und ich weiß, dass Sie Clara angemacht haben, damals in der Bar.«

»Was? Ich?«

»Sie haben mit ihr geflirtet. Haben gehofft, dass Sie sie irgendwie ins Bett kriegen.«

Harms starrte ihn mit offenem Mund an. »Habe ich nicht. Was für ein Blödsinn!«

»Tun Sie nicht so. Clara ist auf Sie reingefallen. Aber mir können Sie nichts vormachen.«

Harms schüttelte den Kopf. »Schluss mit dem Gequatsche! Los, hau ab, du Idiot!«

Er wollte ihn aus der Wohnung schieben. Aber der Mann blieb stehen und packte seine Hand. »Alles gut. Ich bin nicht nachtragend«, sagte er, und seine Augen funkelten dunkel. »Sagen Sie mir nur, was ich wissen will, dann bin ich gleich wieder weg.«

5

»Die Kollegen haben mich geschickt«, sagte Kriminalhauptkommissar Hauke Friedrichs und zeigte zu einem Vierertisch, an dem nicht nur sein kugelbauchiger Partner Karsten »Katsche« Ludwig saß, sondern auch zwei uniformierte Kollegen der Husumer Schutzpolizei. Mit breitem Grinsen beobachteten die drei Männer Friedrichs Auftritt am Tisch von Krumme und Pat.

Mit verschränkten Armen schaute der spindeldürre Beamte auf sie herab. »Ich soll einfach mal im Namen aller Polizisten hier in Husum Danke sagen«, hechelte er, »für das, was du hier in der Stadt für unseren Ruf leistest.«

»Nicht nötig«, brummte Krumme. »Gern geschehen.«

Er hatte es schon geahnt. Keine gute Idee, heute zu dem kleinen Italiener zu gehen, der sich praktisch im gleichen Gebäude wie das Präsidium befand und eine Art Kantine der Kripo war. Die Gefahr, hier Kollegen zu treffen, war viel zu groß. So starrte Krumme nur auf seine Pizza Hawaii, verspürte aber keinen Appetit mehr, solange der wie immer nach einem vollen Aschenbecher stinkende Friedrichs direkt neben ihm stand und über seinen gestrigen Auftritt spottete.

»Kannst du uns nicht in Ruhe essen lassen, Hauke?«, fragte die Krumme gegenübersitzende Pat, wurde aber wie so oft von ihrem hageren Kripokollegen überhaupt nicht beachtet.

»Du bist zu bescheiden«, wandte sich Friedrichs weiter an Krumme. »Nur dir ist es zu verdanken, dass die Husumer Bürger uns nicht mehr als schießwütige Maschinen sehen, sondern als liebenswürdige Gutmenschen, die keiner Fliege etwas zuleide tun.«

Krumme schnaufte verärgert. Er wusste, was nun kam, denn Friedrichs hielt die aktuelle Ausgabe der Husumer Zeitung die ganze Zeit in der Hand und legte sie jetzt neben Krummes Pizza auf den Tisch. Auf der Titelseite war nicht das Foto mit den Lehrerinnen aus der Aula zu sehen, sondern eine Aufnahme aus dem Klassenzimmer, die ihn erschöpft mit verkniffener Miene und zerzausten Haaren nach seinem anderthalbstündigen Auftritt inmitten der jubelnden Kinder zeigte.

»Ich bin nun mal nicht der Modelltyp«, versuchte Krumme zu erklären. »Die haben mich im falschen Moment erwischt. Ich habe dem Zeitungsfritzen gesagt, er soll ein anderes Foto nehmen, aber …« Er zuckte mit den Schultern.

»Hätte er das mal getan«, erwiderte Friedrichs mit zufriedenem Seitenblick zu seinem grinsenden Publikum am Nachbartisch. »Du siehst aus wie der Spinner aus diesem Horrorfilm.«

»Wie wer?«

»Na, wie … Jack Nicholson aus Shining. Total irre.«

»Also ich weiß nicht, was du hast, Hauke. Ich finde das Foto sehr süß!«, erklärte Pat.

Ihr Kollege betrachtete sie mit herablassendem Lächeln. »Ja, sehr süß«, spottete er. »Ist der Renner bei TikTok, da gibt’s sogar einen kleinen Film. Unser Kindergartencop! Ich bin sicher, in Zukunft werden alle bösen Buben einen großen Bogen um unser Husum machen.«

Die Kollegen am Nebentisch lachten laut. Krumme verdrehte die Augen. »Ja, sehr schön, jetzt haben wir alle unseren Spaß gehabt. Aber nun würden wir uns gerne wieder auf das Mittagessen konzentrieren.«

Endlich stakste Friedrichs mit seinen langen Spinnenbeinen zurück an seinen Tisch.

»So ein Arsch«, flüsterte Pat.

»Aber er hat ja recht«, murmelte Krumme. »Ich hab mich total lächerlich gemacht.«

»Blödsinn. Die Kinder haben dich geliebt. Ich bin sicher, die werden ihren Eltern zu Hause nur das Beste über die Polizei erzählt haben.«

Krumme sah seine junge Kollegin an, die wie so oft ihren schwarzen Hoodie und die gleichfarbige Jeans trug. Genauso hatte sie ihn gestern von der Schule abgeholt.

Krumme stopfte sich ein großes Stück Pizza in den Mund, während Pat sich ihrem Salat widmete.

»Auf jeden Fall werde ich Krüger sagen, dass ich für zukünftige Schuleinsätze nicht mehr zur Verfügung stehe«, sagte Krumme mit vollem Mund. »Ein zweites Mal mache ich mich bestimmt nicht zum Affen.«

»Aber was redest du denn? Du bist nun mal unser Star hier bei der Kripo.«

»Der Kindergartencop von Husum«, zischte Krumme verächtlich.

»Aber doch nicht nur deswegen. Du hast früher bei der Kripo in Berlin gearbeitet. Dadurch wirst du hier in Nordfriesland immer etwas Besonderes sein.«

»Ich will aber nichts Besonderes sein. Ich will nur meine Ruhe.«

Pat seufzte. »Aber unabhängig davon, du hast auch hier im Norden schon so viele spektakuläre Fälle gelöst …«

Krumme hob mahnend die Gabel: »Immer zusammen mit dir!«

»… dass fast jeder dich kennt«, fuhr Pat fort. »Also, ich verstehe sehr gut, warum Horst ausgerechnet dich für diesen Extrajob ausgesucht hat.«

Krumme holte tief Luft und schwieg. War ja klar, dass Pat Krüger in Schutz nahm. Was keiner der Kollegen außer ihm wusste: Polizeirat Krüger, der Leiter der Kripo Husum, war ihr Patenonkel.

»Ich würde gerne mal wieder einen ganz normalen Fall bekommen«, sagte er.

Pat zuckte mit den Schultern. »Sei doch froh, dass gerade nicht viel los ist.«