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Stella Eine junge Frau leidet an einer schweren Krankheit - wie seinerzeit vermutlich Richard III. Mit Geld konnte sie vorerst vieles bewerkstelligen, doch als ihre Finanzen sich dem Ende zuneigen, beschafft sie sich selbst das, was sie braucht... Candellight post mortum Es ist sooo schwer, jemanden zu finden, der zu einem passt - auch wenn diese Person tot ist Der nächste Morgen ...endet für manchen Discobesucher nicht so, wie vielleicht erhofft Ich bin die Kälte Endlich kann ein kleiner Junge, der misshandelt wurde sich den anderen anschließen, um zu sich zu rächen Kruzifix Ein Restaurationsauftrag der Sonderklasse kann der Karriere behilflich sein ... aber dieser hat einen enormen Preis Grillade d'Angel Wie kann man den Gourmetpapst aller Zeiten von seinem Können überzeugen? Schlaflose Nächte kosten dies einen genialen Koch Milan Ist es nur eine Selbstfindungsphase oder steckt mehr dahinter. Die Mutter eines jungen Mannes macht sich große Sorgen. Weder Tatoos noch Piercings stören sie ...
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Seitenzahl: 83
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Sieglinde Breitschwerdt
Kalter Hauch
7 Horrorstorys
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Stella
Candlelight post mortum
Der andere Morgen
Ich bin die Kälte
Das Kruzifix
Grillade d' Angel
Milan
Impressum neobooks
Der Spiegel zeigte ihr Gesicht: Die hohe Stirn, die schmale gerade Nase, fragende Brauen über dunkle und mandelförmige Augen. Ein dichter Wimpernkranz warf Schatten auf die ausgeprägten Wangenknochen. Doch etwas störte die Symmetrie.
Ein bitterer Zug grub sich in ihr Antlitz.
„Mit jedem Mal wird es schlimmer“, murmelte Stella vor sich hin. Sie beugte sich leicht vor und öffnete wider-strebend den Mund. Ihre Lippen hatten sich fast vollständig zurückgebildet. Dort, wo noch vor kurzer Zeit volle rote Lippen sinnliche Signale aussandten, zitterten zwei dünne, leicht glänzende Hautstriche, dahinter schimmerten fahlgelb ihre Zähne.
Sie schluckte.
Die Zahnhälse lagen fast frei, schienen jeden Augen-blick aus dem stark entzündeten Kiefer zu fallen.
Ihr deformierter Mund bebte. Nur mühsam gelang es ihr, ein hysterisches Schluchzen zu unterdrücken.
Es war wieder soweit!
Ihre Lichtempfindlichkeit nahm zu – Tag für Tag.
Bei der kleinsten körperlichen Anstrengung rang sie verzweifelt nach Atem.
Taumelnd hielt sie sich am Waschbecken fest.
Ein Gefühl der Unwirklichkeit umflorte ihre Sinne. Das Kribbeln in Händen und Füßen steigerte sich ins Unerträgliche. Sie fühlte den kalten Schweiß auf ihrer Stirn, er kroch weiter und legte sich eisig und klamm auf ihren ganzen Körper.
Stella spürte ein raues Kitzeln, eine kühl werdende Feuchtigkeit in ihren Kniekehlen, gefolgt von einem lang gezogenen Fiepen. Sie sah nach unten.
Bob blickte kurz zu ihr hoch und leckte liebkosend ihre Wade.
Sie lächelte und kraulte dem Hund kurz das Kinn.
Bob, der sie tröstete, wenn es ihr schlecht ging.
Bob, der sich um sie kümmerte.
Bob, der dafür sorgte, dass sie ihr Apartment verließ - der Struktur in ihr Leben brachte: Futter geben, Gassi gehen und hin und wieder ausgedehnte Wanderungen mitten in der Nacht.
Bob, der einzige Freund, der ihr noch geblieben war, der sie liebte - so wie sie war, der sich nicht von ihr abwandte.
In ihrem tiefsten Inneren steckte die zitternde Furcht zu sterben oder verrückt zu werden.
Auch Heinrich der III. von England soll dieselbe Krankheit wie sie gehabt haben.
Heinrich, der Bucklige, der abgrundtief Böse, der brutal
seine beiden Neffen ermorden ließ und somit die Thronfolge zu seinen Gunsten korrigierte.
Aber Stella besaß nicht die Macht eines ultimativen Herrschers, der wortlos von seinen Schergen mit dem versorgt wurde, was ihn noch Jahre überleben ließ.
Da sie auch kein Wesen aus einer anderen Welt war, das im Schutze der Dunkelheit ihre Triebe und Gier zügellos befriedigen konnte, regelte sie ihre Bedürfnisse mit Geld.
Mit Geld konnte sie vieles bewerkstelligen! Auch ihr Leben auf unbestimmte Zeit zu verlängern.
Geld – viel Geld, welches sie jetzt nicht mehr besaß.
Bis vor wenigen Monaten hatte sie einem mysteriösen Fremden ein paar große Scheine in die Hand gedrückt. Wortlos nahm dieser sie an, leckte an Daumen und Zeigefinger und zählte das Bündel durch. Grinsend tippte an seinen Hut - verschwand, tauchte nach wenigen Tagen wieder auf und überreichte ihr eine riesige, prall gefüllte Gefrierbox.
Mühsam schleppte sich Stella an den Kühlschrank und öffnete das kleine Gefrierfach.
Aus der Plastikschale brach sie einige Würfel ab, warf sie in den elektrischen Mixer, nahm aus einer Dose ein paar Knollen Rotebeete und gab sie dazu. Mit einem einzigen gierigen Zug leerte sie das Glas und stellte es hart auf den Tisch zurück. Das erdige Aroma der Knollen vermischte sich mit einem leicht süßlichen und metallischen Nachgeschmack.
Müde fuhr sie sich durchs Haar und genoss das Gefühl des langsam wiederkehrenden Wohlbefindens. Lächelnd kraulte sie Bob zwischen den Ohren.
In Zukunft musste sie vorsichtiger sein und rechtzeitig für Nachschub sorgen, ihre täglichen Rationen gewissenhafter einnehmen.
Dieser Schwindelanfall und diese rapide Veränderung ihres Gesichts innerhalb kürzester Zeit war mehr als eine deutliche Warnung.
Das nächste Mal…
Unwillig schüttelte sie den Kopf.
Zielstrebig ging sie in ihr Schlafzimmer und setzte sich an den Schminktisch.
Sie blickte in ihre Augen. Sie waren so leer - wie tot – und machten ihr Angst.
Ihr Blick fiel auf das Foto. Es zeigte ihren Vater - ein markantes, urlaubsgebräuntes Gesicht, vom Wind zerzaustes Haar und blitzende Augen. Er hatte den Kopf leicht geneigt. Es schien, als lächle er ihr aufmunternd zu.
Stella nahm den silbernen Rahmen zur Hand.
Ihr Puls beschleunigte sich. Die Portraitaufnahme ihres Vater - jung, dynamisch – und verdammt gut aussehend.
Das Bild begann vor ihren Augen zu flimmern - sein Gesicht nahm eine bronzene Verfärbung an. Die Haut schien unförmig aus seinen vorgegebenen Konturen hervorzuquellen, die Augen traten zurück. Der lächelnde Mund wurde schmal wie zwei Striche, die sich zu bewegen schienen.
„Stella“, glaubte sie seine Stimme zu vernehmen, unverkennbar das heisere Timbre, „wehre dich nicht! … Quäl dich nicht! … Du bist ein Kind der Nacht! - Genau wie ich! Du wirst den Kampf sonst verlieren! - Genau wie ich, denn in dir schlummern die …“
„Nein!“, schrie sie entsetzt, sprang auf und warf den Rahmen an die Wand. Klirrend zerschellte die Glasplatte, das Bild schwebte heraus.
Bob fiepte, schnappte nach der Fotografie und legte es in ihren Schoß.
Kommissar Greg Morgner wälzte seine kalte Zigarre von einem Mundwinkel in den anderen.
„Sein Vorgehen wird immer perfekter!“, murmelte er und kratzte sich nachdenklich die Stirn.
Dr. Arthur Kline, der Gerichtspathologe, nahm seine Brille ab und putzte sie umständlich.
„Und die Zeitspannen werden auch immer kürzer! Mittlerweile murkst diese Bestie alle paar Wochen einen ab!“
„Er hat ihm Organe entnommen und jeden Blutstropfen abgezapft! Er lässt seine Opfer ausbluten wie…“
Hilflos fuhr sich Greg Morgner durch sein schütternes Haar.
„Ich habe 16 Kleinstschnitte festgestellt“, erklärte der Gerichtspathologe. „Die Wundränder sind gedehnt wie sie nur nach dem Einsatz von Infusionsschläuchen vorkommen!“
„Steckt vielleicht eine Organmafia dahinter!“
Arthur Kline schüttelte entschieden den Kopf.
„Das halte ich für unwahrscheinlich. Die Nieren sind vorhanden, auch die Augen. Auf diese Teile hätte der Kerl keinesfalls verzichtet. Nieren und die Hornhaut der Augen bringen auf dem Schwarzmarkt ein Riesenvermögen!“
„Aber welche Teile wurden denn dann entfernt?“
„Es sind alle massiv blutführenden Organe wie Leber, Milz und Lungenflügel entwendet worden“, erwiderte Dr. Kline. „Was ich allerdings nicht so richtig verstehe, denn bei dieser Entnahme ist nur die Leber wirklich von immenser Bedeutung. Die Lungenflügel sind äußerst transportempfindlich. Wenn nicht alles auf Anhieb klappt! Wutscht, hat man nur noch einen zusammengeklebten Lappen. Auch die Milz ist nicht unbedingt lebensnotwendig. Und ein Herz kann durchaus schon durch das eines Schimpansen oder Schweins ersetzt werden! Bringt längst nicht mehr die Kohle wie früher!“
“Die Organ-Dealer würden auf ein Herz verzichten?“, erkundigte sich Greg Morgner ungläubig.
Dr. Kline schüttelte den Kopf.
„Bestimmt nicht! Das Herz ist der Motor, ein Blutpumpsystem, die Hauptzentrale und für alles verantwortlich, dass der Stoffwechsel und alle biochemischen Prozesse Nonstop im Einsatz sind. Nur wenn es ausfällt, dann ahoi. Und die Lunge dient zum Sauerstoffaustausch. In der Milz werden die roten Blutkörperchen gebildet, um es mal für einen Laien ganz simpel zu erklären!“
Minutenlanges Schweigen breitete sich zwischen den beiden Männern aus.
„Würden Sie sagen, Doktor, dass der Täter ein Laie ist?“
Arthur Kline nickte.
„Zumindest war er es. Es handelt sich um einen Täter, der rasch gelernt hat. Die Schnitte werden inzwischen sehr präzise geführt. Wenn ich so an das erste Opfer denke. Wahllos hat er die Organe entfernt. Die Schnitte entsprachen nur ungefähr der Region, der Tatort glich einem besudelten Schlachtfeld, doch jetzt …“
Der Arzt hob die Hand und ließ sie resigniert wieder
sinken.
„Vielleicht handelt es sich um so eine Gothic-Sekte! Vampir-Freaks, die mal wieder eine Party geben!“, mutmaßte Morgner, nahm die Zigarre aus dem Mund und kratzte sich nachdenklich am Kinn.
“Der Täter muss das Opfer beobachtet haben, wusste über seinen Lebenswandel Bescheid! Die ersten Opfer waren noch namenlose Penner, Obdachlose! - Und jetzt?! Jetzt sind es junge, sehr kräftige Männer, sie treiben Sport, leben ernährungsbewusst und vor allen Dingen sind sie solo.
„Und wenn es eine Frau ist? Sie hat ihn heiß gemacht, abgelenkt und …?”
Der Kommissar stellte sich mehr selbst diese Frage, doch Dr. Kline schüttelte entschieden den Kopf.
„Völlig ausgeschlossen! Die letzten Opfer waren meist über einsfünfundachtzig groß und sehr muskulös! Da hätte sogar eine Karatequeen die allergrößten Schwierigkeiten einen von ihnen zu überwältigen. Solche Typen treiben neben dem Krafttraining meist auch noch Kampfsport! Ne, das müsste schon eine Superlady sein.“
„You are the light of my life, you give me home…”, klang es asthmatisch aus dem Autoradio.
Die Heizung surrte.
Schneeflöckchen schwebten sanft herab, als Stella ihren Wagen gegenüber dem Eingang eines zwölfgeschossigen Apartmenthauses parkte.
Sie schaltete den Motor aus, stellte die Scheinwerfer
auf Parking.
Bob legte seinen Kopf auf ihre Schulter und hechelte leise.
Gedankenverloren kraulte sie sein Kinn, ohne den Blick vom Eingang zu wenden. In der Ferne heulten Polizeisirenen auf, um Sekunden später wieder zu verstummen.
Sie warf einen Blick auf die Uhr: Gleich 22:30 Uhr.
Bald würde Cole auftauchen, den Fitnessbeutel lässig über den rechten Arm geschultert und leichtschrittig die Stufen zum Eingang betreten. Ihn hatte sie erwählt! Wochenlang sorgfältig seine Lebensgewohnheiten studiert! Sie wusste, welche Zeitschriften er abonniert hatte, wer ihm Ansichtskarten schrieb und wie hoch sein Kontostand war.
Cole entsprach genau ihren Vorstellungen!
Er ernährte sich vitamin- und ballaststoffreich. Keine Zigaretten, kein Alkohol- und schon gar kein Drogenkonsum. Cole trieb Fitness und joggte jeden Morgen über eine Stunde durch den Park.
„Komm!“, befahl sie leise.
Sie stiegen aus. Schneeflöckchen tummelten sich im
Licht der Straßenlaternen wie ein Insektenschwarm.
Sie stellte den Kragen ihres Capes hoch, bis er ihr Gesicht fast völlig verbarg.
Instinktiv tastete sie Innenseite ihres Capes ab.
Stella atmete auf. Alles vorhanden! Klebeband, Infusionsschläuche, verschließbare Plastikbeutel in verschiedenen Größen und ein Skalpell.
Fest hielt sie die Handschellen in der rechten Hand. „Bei Fuß“, kommandierte sie und Bob verstand. Er ging so dicht neben ihr, dass kein Blatt Papier dazwischen passte. Ihre Stiefel und seine Pfoten hinterließen matschige dunkle Fußspuren auf dem schneebedeckten Asphalt.
