Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Anfangs stehen sie sich unversöhnlich, geradezu feindlich, gegenüber: Hier der Berliner palästinensischer Herkunft, Mitglied einer Straßengang und kriminell. Dort der Berliner Polizist, der Hassgegner schlechthin. Doch es passiert das Unglaubliche: Aus Konfrontation wird die gemeinsame Suche nach Lösungen, aus unversöhnlichen Gegnern werden Freunde. Die Geschichte einer besonderen Beziehung und des gemeinsamen Kampfes gegen die Jugendgewalt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 262
Veröffentlichungsjahr: 2012
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Fadi Saad · Karlheinz Gaertner
Kampfzone Straße
Jugendliche Gewalttäter jetzt stoppen
©Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012Alle Rechte vorbehaltenwww.herder.deISBN (E-Book): 978-3-451-33916-5ISBN (Buch): 978-3-451-30472-9
Wie alles begann
Der Alltag
„Ich bin überfallen worden!“
Seit über 40 Jahren als Polizist auf den Straßen
Der Körner-Kiez
Waffen und ihre Träger
Sie wollen sich alle nur verteidigen
Das Waffenrecht
Respekt und Toleranz
Respektlos, pöbelnd, aggressiv
Respekt – Angst, Unterwerfung oder Achtung?
Das erste Projekt: KörnerCup
Das Vorhaben
Gemeinsame Werte
Das große Turnier
Jugendgewalt und Prävention
Kooperation von Polizei und sozialen Einrichtungen
Hass auf die Polizei?
Kleiner Ausflug auf die Straßen Neuköllns
Jagd auf alte Damen
Faktor Drogen
Koma-Saufen
Tilidin
Die richtige Gewaltstimmung
Taten und Schuldzuweisungen
Überfallopfer – immer wieder
Hassan A., der arabische Friedensrichter
Die gescheiterte Suche nach Lösungen
Brennpunkt Schule
Elternarbeit
Zwangsurlaub von der Schule
Schulsozialarbeiter
Führt Kindesvernachlässigung automatisch zu Jugendgewalt?
Das Jugendamt
Zivilcourage
Ein anderer wird schon helfen
Verhaltensregeln im Notfall – „Sei kein Vogel Strauß!“
Täterprofile
Intensivtäter
Diversionsverfahren
Mitglied im Motorrad-Club werden
Du musst dein Leben ändern!
Die „Operative Gruppe Jugendgewalt“ – OGJ
Der Orientierungsplan
Unsere Arbeit an den Schulen
Gewalt an den Schulen
Zusammenarbeit von Schule und Polizei
Mädchengewalt
Schlimme Gewaltausbrüche und das Wort „Ehre“
Von Schulschwänzern und Suspendierten
Schulschwänzen, ein Teufelskreis
Der richtige Zugang zu den Eltern
139
Gewaltprävention in der Schule
„Das Schwein ist von der Polizei“
Straftaten im Gewaltenstrahl
Gewalttaten ohne Unterlass
Vorbildfunktion und Verantwortung
Sprachliche Umgangsformen und ihre Folgen
Vorbilder
Strafmündigkeit – von Schuld und Sühne
Der Knabe mit den weißen Kügelchen
Ich bin 14 Jahre alt, was jetzt?
Das Opfer als Opfer der Justiz
Was heißt es eigentlich, ein Opfer zu sein?
Ein Wochenende im Arrest
Opfer, Täter, Zeuge und die Justiz
Der Warnschussarrest
Interkulturelle Herausforderungen
Das Quartiersmanagement
Sie wollte nur frei sein
Interkulturelle Kompetenzen
Darf ein Deutscher eine Türkin heiraten?
Mein Sohn heiratet keine Deutsche
Das A und O der Vorurteile
Vom Schweige-Fuchs zum Grauen-Wolf
Ich hole sie da ab, wo sie sind
Auf den Punkt gebracht
Unser gemeinsames Fazit
Wer schrieb was?
Danksagung
Persönlicher Dank von Karlheinz Gaertner
Persönlicher Dank von Fadi Saad
Dieses Buch ist all denen gewidmet, die Opfer von Gewalt (Jugendgewalt) wurden, ohne dass die Täter gefasst oder angemessen bestraft wurden.
Zusätzlich soll all denen gedankt werden, die Zivilcourage bewiesen und so mutig Opfern von Gewalttaten geholfen haben.
Die Nachmittagssonne strahlte in den Wachbereich des Polizeiabschnitts 55 hinein und beleuchtete goldschimmernd den Publikumstresen. Ich stand etwas abseits und beobachtete das rege Hin und Her zwischen Strafanzeigenaufnahme und der Abarbeitung von Funkwageneinsätzen. Wie so häufig war auch an diesem Donnerstag der Polizeiabschnitt Anlaufpunkt für unzählige Hilfesuchende.
Auf einmal fiel mir ein junger Mann auf, groß gewachsen und breitschultrig, der mit bekümmertem Gesichtsausdruck die Wache betrat und sich gegen den Tresen lehnte. Unsicher und zurückhaltend sprach er eine Kollegin an und bat darum, eine Anzeige erstatten zu dürfen. Nach dem Grund fragend, erwiderte er höflich: „Ich bin überfallen worden!“
Aufgrund der Art und Weise seines Auftretens begab ich mich ebenfalls zur Kollegin und hörte mir seine Schilderung des Geschehens an. Unterbrochen von hilflosen Gesten seiner Arme und nur mühsam unterdrückter Wut berichtete er, dass er vor ca. einer halben Stunde mit der U-Bahn der Linie 7 in Richtung Rudow unterwegs war. Auf dem U-Bahnhof Parchimer Allee stiegen drei offensichtlich arabischstämmige Jugendliche in den Zug und kamen unmittelbar auf ihn zu. Zwei der etwa 15- bis 17-Jährigen setzten sich rechts und links neben ihn, während der Dritte vor ihm stehen blieb. Ohne zu zögern beleidigten sie ihn sofort mit den Worten: „Was is, du Schwuchtel, was glotzt du?“ Er, der in seiner Freizeit Taekwondo trainiert und sportlich fit ist, wollte aufstehen und dieser Provokation aus dem Weg gehen, als er bemerkte, dass der rechts neben ihm Sitzende ein überdimensionales Messer gegen seinen rechten Oberschenkel drückte. Stockend, nur mühsam seine eigene Hilflosigkeit unterdrückend, berichtete er weiter. Der mit dem Messer blaffte ihn erneut an mit den hasserfüllten Worten: „Los du Schwuchtel, gib mir Handy, sonst stech ich dich ab!“, während der links von ihm Sitzende die Szene in Richtung Wageninneres abdeckte. Starr gegenüber solcher bisher nicht erlebter Gewalt zog er sein neues Handy, welches er erst vor einer Woche von seinem Vater zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, aus der Tasche und übergab es dem „Messertyp“. Dieser nahm es an sich, sprach einige arabische Sätze zu seinen Mittätern, und plötzlich, ohne jegliche Vorwarnung, trat ihm der vor ihm Stehende mit seinem Fuß so stark gegen seinen Oberkörper, dass er gegen die Rückbank prallte. Der Schreck und der Schmerz raubten ihm fast den Atem. Als er um Hilfe rufen wollte, sah er, dass die drei aus dem Waggon heraus auf den zwischenzeitig erreichten Bahnsteig Britz-Süd rannten.
Beim Umsehen erkannte er, dass die anderen Fahrgäste im spärlich besetzten U-Bahn-Waggon nichts von dem Überfall mitbekommen hatten.
Während dieser Schilderung konnte ich erneut sehen, wie sehr ihn das Geschehene mitgenommen hatte, er hatte sogar Tränen in den Augen.
Ich merkte, wie sich mein Magen verkrampfte, und ich erinnerte mich sofort an den Übergriff auf meinen Sohn, der nur ein halbes Jahr zurücklag. Auch er war in ähnlicher Weise überfallen worden. Auf dem Nachhauseweg verließ er die U-Bahn-Station Rudow und wurde von zwei südländisch aussehenden Jugendlichen von vorne und von hinten mit einem Messer bedroht, übelst beleidigt und seines teuer erworbenen Handys beraubt. Glücklicherweise wehrte er sich nicht und wurde auch nicht verletzt. Wobei dies so einfach behauptet wird. Den seelischen Schaden, den solche Überfälle bei jungen Menschen verursachen, möchte ich hier gar nicht weiter erörtern. Festzustellen bleibt, dass diese Überfallenen mit Sicherheit in Gefahr geraten, von ausländerfeindlichen Agitatoren beeinflusst zu werden.
Nachdem ich mich längere Zeit mit dem jungen Mann unterhalten und ihm verdeutlicht hatte, dass er heutzutage leider ein typisches Opfer für diese potentiellen Täter darstellte und er keine Chance zur Gegenwehr gehabt hatte, ging er einigermaßen beruhigt nach Hause. Zuvor hatte er noch, bedauerlicherweise erfolglos, in der Bildlichtdatei nach den Tätern gesucht.
Für mich selbst stellte sich erneut wie schon so oft die Frage nach dem Sinn meines Berufs. Seit über 40Jahren bin ich als Polizist auf den Straßen Berlins und hier hauptsächlich im Bereich Neukölln unterwegs und versuche, meinem Beruf gerecht zu werden. Zunächst viele Jahre lang bei der Bereitschaftspolizei, wo sich mein Aufgabenbereich im Wesentlichen auf unzählige Demonstrationseinsätze und auf die damaligen Auseinandersetzungen mit Hausbesetzern erstreckte, dann während meiner 11-jährigen Tätigkeit als Leiter einer Einheit zur Straßenkriminalitätsbekämpfung und schließlich bis zum heutigen Tag als Dienstgruppenleiter auf einem Neuköllner Abschnitt erlebte ich oft eine hilflose Wut im Zusammenhang mit diesen sinnlosen Gewalttaten.
Während ich wieder einmal darüber nachdachte, welche Möglichkeiten des Schutzes es vor solchen Überfällen gäbe, klingelte das Telefon auf meinem Schreibtisch. Es meldete sich ein mir unbekannter Mann, der sich mit dem Namen Fadi Saad vorstellte. Er führte aus, dass er Quartiersmanager des Körner-Kiezes sei und dass er sich gerne mit mir treffen möchte, um ein gemeinsames Projekt zu entwerfen und durchzuführen. Nach dem unmittelbar zuvor Erlebten war ich nicht unbedingt euphorisch gestimmt und verhielt mich zunächst zurückhaltend. Wahrscheinlich auch, weil mein Gesprächspartner dem Namen nach arabischer Herkunft war und mir dabei einige kriminelle arabische Großfamilienmitglieder in den Sinn kamen. Diese besonders gewalttätig, aggressiv und dreist Auftretenden hatte ich in den letzten Jahren immer wieder nach diversen Straftaten festnehmen müssen. Sie störten empfindlich den Rechtsfrieden unseres Neuköllner Kiezes.
Aufgrund meiner Neugier, mehr über die Tätigkeit eines Quartiersmanagers zu erfahren, und des netten Gesprächsangebots von Herrn Saad kamen wir überein, uns am nächsten Tag auf dem Polizeiabschnitt zu treffen.
Oh ja, ich kann mich noch sehr gut an diesen Tag erinnern, an dem ich Karlheinz Gaertner kennenlernte. Seit Juli 2006 gehöre ich zum Team des Quartiersmanagements Körnerpark. Ich war noch neu im Körnerkiez.
„Was aber ist ein Quartiersmanagement und welche Aufgaben hat es?“ Fragen wie diese bekomme ich öfter gestellt. Einige glauben, wir vermieten Quartiere, also Wohnungen. Und wenn ich sage, dass ein Quartier ein Kiez ist, dann verbinden sie es mit dem Kiez in Hamburg. Und wenn ich in den Medien vorgestellt werde, dann als Sozialarbeiter, Streetworker oder Jugendbetreuer. Kurz gesagt: Kaum einer kennt den Beruf „Quartiersmanager“.
Gemeinsam mit den „Starken Partnern“ (Wohnungsbaugesellschaften, Stadtteilzentren, Nachbarschaftsheimen, Schulen, Kitas und der ortsansässigen Wirtschaft) im Gebiet initiieren und begleiten wir Quartiersmanager Projekte und Aktionen, die die Lebensperspektiven und das Gemeinschaftsgefühl der Bewohner verbessern und das Wohnumfeld attraktiver machen. Hierzu steht eine Finanzierung durch das Bund-Länder-Programm „Die Soziale Stadt“ und den „Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung“ (EFRE) der Europäischen Union zur Verfügung. Das Programm „Soziale Stadt“ dient der Stabilisierung und Weiterentwicklung von Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf.
Einen besonderen Entwicklungsbedarf gibt es dort, wo mehrere Faktoren der Stadtentwicklung zusammenkommen und sich Probleme überlagern und verstärken, wie zum Beispiel Defizite in der Infrastruktur, wirtschaftliche Stagnation auf niedrigem Niveau, eine unausgewogene Bevölkerungsentwicklung, hohe Arbeitslosigkeit, ein hoher Grad an Abhängigkeit von Transfereinkommen. Als Konsequenz nimmt die soziale Ungleichheit zu, es gibt Anzeichen von Verwahrlosung, eine zunehmende Gewaltbereitschaft innerhalb des öffentlichen Raums, die Kriminalität steigt an, das Image dieser Gebiete verschlechtert sich und häufig verlassen dann Familien, Erwerbstätige und einkommensstärkere Haushalte solche Stadtteile.
Dabei gibt es ungenutzte Chancen und Potentiale der Menschen und ihrer Stadtteile. Zumeist mangelt es an Kommunikation und Selbstorganisation. Sie zu wecken ist ein Anliegen des Programms und Aufgabe des Quartiersmanagements (QM). Im Gebiet Körnerpark leben rund 10.600Menschen unterschiedlicher Kulturen und Nationalitäten.
Meine Schwerpunkte im QM Büro liegen darin, die Akteure im Kiez zu vernetzen und die verschiedenen Kulturen und Generationen im Kiez zusammenzubringen und gemeinsame Dialoge und Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen. Vor allem die Jugendkriminalität ist eine meiner größten Prioritätensetzungen. Einerseits versuchte ich Projekte zu initiieren, die deutsche und nichtdeutsche Jugendliche zusammenbringen, um so Vorurteile abzuschaffen. Denn Vorurteile haben beide Seiten reichlich. Aber dies ist nur ein Problem, es gibt noch ein weiteres.
Einen Kriminellen auf 30Meter erkennen
Ein weiteres Problem war, dass es zwei Parteien gab, die nicht immer gut aufeinander zu sprechen sind und die nur sehr schwer zusammenzubringen waren. Wenn es mal zu Begegnungen kam, waren diese nicht immer auf freiwilliger Basis. Natürlich spreche ich von der Polizei und den Jugendlichen. Ihr Hass auf die Polizei sitzt bei einigen von ihnen sehr tief. Wenn ich an meine damalige Zeit denke, dann verstehe ich die Jugendlichen von heute auch. Als Jugendlicher hatte ich dieselben Erfahrungen wie sie gemacht. Wenn es Kontakt mit der Polizei gab, dann unfreiwillig und nur im negativen Sinn. Wann hatten wir schon mal mit der Polizei zu tun? Ich möchte damit sagen, dass es mehr positive Begegnungen mit ihr geben müsste.
Die Polizei sollte nicht die Aufgaben der Erzieher und Sozialarbeiter vor Ort übernehmen. Aber sie sollte ihren Kiez besser kennenlernen. Und dazu gehören auch die Jugendlichen.
Also musste ich einen Weg finden, wie ich die Vorurteile abbauen konnte. Ich erkundigte mich nach dem zuständigen Dienstgruppenleiter für den Bereich „Körner-Kiez“. Ich sprach mit Polizisten aus dem Polizeiabschnitt 55, um mir einerseits einen Rat einzuholen und andererseits etwas über den neuen Dienstgruppenleiter zu erfahren.
Und die Antworten darauf machten mir ehrlich gesagt große Sorgen. Denn es waren Sätze wie: „Viel Glück Fadi, denn dieser Dienstgruppenleiter versteht keinen Spaß! Das ist jemand, der einen Kriminellen auf 30Meter erkennt! Aber du könntest auch Glück haben, Herr Gaertner ist ein Praktiker.“
Ich stand vor dem Polizeiabschnitt 55 in der Rollbergstraße. Ich war sehr nervös. Was sollte ich ihm nur erzählen und was wollte ich ihm eigentlich vermitteln? Ich hatte das Gefühl, vor einer Prüfung zu stehen und keine Antworten mehr auf die Prüfungsfragen zu wissen.
Ich meldete mich auf der Wache und sagte, dass ich einen Termin mit Herrn Gaertner hätte. „Bitte warten Sie im Eingangsbereich, Sie werden abgeholt!“ Ich setzte mich auf die Bank und wartete.
Das Warten erinnerte mich an alte Zeiten. Wenn ich mal eine Vorladung zur Vernehmung hatte, musste ich mich auch auf der Wache melden und warten, bis ich abgeholt wurde. Unten warten müssen alle, ob Täter, Zeuge oder Quartiersmanager. Das Schlimmste daran ist: Was denken die Leute und Polizisten, die an einem vorbeilaufen? Denken sie, ich habe etwas angestellt? Wenn ich ehrlich bin, frage ich mich das Gleiche bei den anderen, die da sitzen.
„Herr Saad?“ – „Ja!“ – „Guten Tag, mein Name ist Karlheinz Gaertner, schön, dass Sie gekommen sind! Wir gehen hoch in mein Büro.“ Wir fuhren mit dem Fahrstuhl hoch. Im Fahrstuhl schaute ich mir Herrn Gaertner an und fragte mich, ob ich es wohl schaffen würde, ihn für eine Kooperation zu gewinnen.
Im Büro stellte ich mich und die Arbeit des Quartiersmanagements vor, ebenso Herr Gaertner sich und seine Dienstgruppe. Während des Gesprächs dachte ich mir, wenn ich ihn jetzt mit einem geplanten Riesenprojekt überfalle, könnte es sicher abschreckend wirken. Also machten wir einen zweiten Termin aus. Dieses Mal allerdings in meinem Büro.
Offen und ehrlich
Nachdem ich Fadi Saad verabschiedet hatte, gingen mir seine Worte durch den Kopf. Die Art und Weise, wie er offen und ehrlich betroffen die Probleme der Jugendkriminalität und Vorurteile jeglicher Art angesprochen hatte, beeindruckte mich. Vielleicht war er ja der richtige Mann, um ein gemeinsames Projekt zu starten, welches zumindest in unserem Körner-Kiez Erfolge im Hinblick auf die ständigen Gewaltausbrüche zeigen könnte. Diese Gewalttaten, meist unter Benutzung oder Einbeziehung von Waffen und hier speziell von Messern, machten uns als Polizei besonders viel Kummer, und so war und bin ich zu jeder Aktion bereit, um hier Abhilfe zu schaffen.
Fast drei- bis viermal täglich werden im Neuköllner Kiez Kinder, Jugendliche oder Heranwachsende Opfer von Raubtaten oder Körperverletzungen, in denen ein Messer als Tatmittel eingesetzt wird. Dabei wird mit dem Messer, je größer, umso besser, nicht nur gedroht, um die Opfer einzuschüchtern und sie so leichter zur Herausgabe der Beute zu veranlassen, nein, erschreckenderweise wird auch genauso schnell zugestochen. Dabei spielen, wie bei vielen Vernehmungen festgenommener Täter festgestellt, Motive eine Rolle, die zusätzlich betroffen machen. Da wird schon mal im „Rausch“ des Machtgefühls auf den sich wehrlos Ergebenden eingestochen, obwohl man bereits im Besitz der Beute ist. Das Erniedrigen des Opfers, einhergehend mit gruppendynamischen Prozessen, ist eine weitere abscheuliche Art, zusätzlich Gewalt im Übermaß anzuwenden. Meist will sich der Einzelne in der Gruppe als Überlegener darstellen, um so eine Machtposition zu erreichen oder zu festigen.
Weiterhin handeln die Täter nicht etwa aus wirtschaftlicher Not, wenn sie beispielweise die besonders beliebten Handys oder Jacken mit auffälligem Emblem „abziehen“ (ein verharmlosender Begriff untereinander für Raub oder räuberischen Diebstahl). Bei Vernehmungen höre ich immer wieder locker formulierte Sätze wie:
„Ich – wir hatten Langeweile… Wir hingen so auf der Straße rum und hatten Frust… Ich brauchte Geld für Spielautomaten… Ich wollte mal meinem Kumpel zeigen, wie schnell man an ein neues Handy kommt…“
Eine weitere bedrückende Art des Einsetzens von Waffen ist bei den Körperverletzungen die Nichtigkeit des Anlasses: „Der hat mich blöd angeguckt… Er hat mich angerempelt… Er hat meiner Freundin hinterhergeschaut… Er hat mir den Parkplatz weggenommen… Er hat mich beleidigt“ und viele Banalitäten mehr. Diese führen dazu, dass ein Mensch erheblich mit einer Waffe verletzt, ja sogar getötet wird.
Rettungsstelle Kiez-Krankenhaus
Dazu ein Fall, der nicht nur mich besonders erregt hat, da er sich in einem besonders schützenswerten Bereich, nämlich in der Rettungsstelle eines Kiez-Krankenhauses, abgespielt hat.
Die Rettungsstelle war an diesem Tag, wie fast immer, voller Menschen, die Hilfe suchten. Zwei junge, türkischstämmige Männer betraten den Warteraum und verlangten sofort in rüdem Ton, dass einer von beiden wegen Kopfschmerzen behandelt werden müsse. Als die Krankenschwester ihnen höflich klarzumachen versuchte, dass zunächst die bereits lange wartenden Patienten behandelt werden, wurde sie von den jetzt total Ausflippenden übel beleidigt und bedroht. Dies hörte ein Krankenpfleger und kam seiner Kollegin zu Hilfe. Er bat eindringlich darum, die Beleidigungen zu unterlassen und sich etwas zurückzunehmen. Dies reichte aus, dass einer der Männer ein Messer zog und es dem Pfleger in den Rücken rammte, während der andere mit den Füßen auf ihn eintrat, sogar noch, als dieser auf dem Boden lag.
Der Pfleger musste anschließend 14Tage auf der Intensivstation behandelt werden und bangte um sein Leben. Vollständigkeitshalber ist zu erwähnen, dass die Täter, die kurz nach der Tat gefasst wurden, bereits nach vier Stunden unverständlicherweise wieder auf freiem Fuß waren.
Banalitäten, auf die fast täglich mit unerklärbarer Gewalt reagiert wird.
Nachzutragen ist, dass der Messerstecher erst ca. eineinhalb Jahre später vor Gericht stand. Während der Hauptverhandlung zog es der mehrfach einschlägig als Gewalttäter bekannte Beschuldigte vor, aus dem Gerichtssaal zu flüchten, da er annahm, nun doch zu einer empfindlichen Haftstrafe verurteilt zu werden. Dies führte zu der für mich erstaunlichen Anordnung eines Haftbefehls durch den vorsitzenden Richter. Provokant gesagt, jemanden mit einem Messer fast zu erstechen ist offenbar kein ausreichender Grund, um in Untersuchungshaft zu kommen – erst das nicht ordnungsgemäße Verweilen bei der Hauptverhandlung führt zum sofortigen Erlass eines Haftbefehls. Verrückte Welt, wie ich meine.
Der Täter wurde später zu vier Jahren Haft verurteilt, aber nur, weil er bereits einschlägig vorbestraft war.
Vorfreude auf Fadi
Meine Gedanken schweifen zurück zu Fadi Saad. So wie er bei mir auf der Dienststelle erschienen war, hatte ich ihn mir gar nicht vorgestellt. Ein großer junger Mann, offen in seiner Art und offensichtlich sehr an der Praxis orientiert. Eine gewisse Vorfreude erfasste mich, denn ich spürte instinktiv, dass er ein Mensch ist, mit dem man zusammenarbeiten kann. Vielleicht wäre es uns möglich, gemeinsam etwas für die Menschen im Kiez zu erreichen. Ehrlicherweise war es mir in den zurückliegenden Jahren nicht gelungen, viele positive Erfahrungen mit jungen arabischstämmigen Mitmenschen zu sammeln, denn berufsbedingt resultierten die meisten meiner Erfahrungen aus dem Umgang bzw. aus der Verfolgung von Kriminellen. Bei meinen Festnahmen schlug mir häufig unendlicher Hass entgegen und ich selbst entwickelte auch nicht gerade freundschaftliche Gefühle. So stiegen also meine Erwartungen im Blick auf eine einvernehmliche Arbeitspartnerschaft mit Fadi.
„Attacke gegen Hundek…“
Dieses anrüchige Thema wird Jahr für Jahr von den Schülern der Peter-Petersen-Schule in einer Wochenaktion handfest angepackt. Die unappetitlichen Hundehaufen in der Umgebung der Schule, die unmittelbar am Körner-Park liegen, werden rot markiert und gezählt, bevor die Berliner Stadtreinigung zur Tat schreitet und diese entfernt.
Zusätzlich werden die Hundebesitzer mit selbst gefertigten Plakaten und direkten Ansprachen auf ihre Pflicht aufmerksam gemacht, die Hinterlassenschaften ihrer vierbeinigen Freunde zu beseitigen. Dass dabei der ein oder andere die Schüler mit unflätigen Bemerkungen überschüttet oder sogar deren angebrachte Plakate zerreißt, ist leider traurige Wirklichkeit. Hier wird schon mal die alteingesessene deutsche Oma zur wilden Hundeverteidigerin. Ein Grund mehr, dass wir unsere Präsenz an Fußstreifen dort verstärkt hatten.
Heute fand die Abschlusskundgebung auf der Thomashöhe statt und ich war dazu eingeladen. Schnell konnte ich feststellen, dass sich diese Aktion durchaus gelohnt hatte. In den vergangenen Jahren wurden teilweise über 1000 solcher glitschigen Tretminen gezählt. In diesem Jahr waren es „nur noch“ etwas über 400.Und wie wir alle fanden, immer noch viel zu viele! Was bleibt? Ein großer Dank an die Schulleitung und ihre fleißigen Schüler, übermittelt mit einem gesponserten Fußball meinerseits.
Kurz darauf befand ich mich mit einigen meiner Mitarbeiter bei einer weiteren Kampagne mit dem Slogan Aktion „Sauberer Kiez“. Bewaffnet nicht wie so häufig mit einem Messer, sondern mit Schaufel und Besen, zieht an diesem Morgen eine illustre Schar von Kiezbewohnern, Quartiersmanagementleuten, Stadtreinigungsangestellten und vielen Kindern durch die Straßen. Emsig werden die Gebüsche des Schierker Platzes von Unrat wie Flaschen, Papier, Zigarettenkippen, alten Windeln und sogar diversen Kleinmöbeln befreit. Parallel dazu werden Verkehrsschilder, Bänke, Tischtennisplatten und auch Spielgeräte geputzt und undefinierbare Schmierereien entfernt. Ruck, zuck liegen die ersten Müllhaufen bereit, die unmittelbar darauf von der Berliner Stadtreinigung abtransportiert werden. Während wir als Polizei darauf achten, dass die Autofahrer diesen fleißigen Dreckentfernern die notwendige Rücksicht entgegenbringen und es zu keiner Gefährdung kommt, fegen diese stundenlang von einer Straße zur anderen. Bürgersinn, bestehend aus dem Bewusstsein, dass nur ein sauberer Kiez wohnenswert ist und man folgerichtig selbst mit anzupacken hat, überzeugt hier nachhaltig!
Diese beiden Aktionen führten beim Nachhauseweg zu einer tiefen inneren Zufriedenheit meinerseits – das Wochenende konnte beginnen. Die neue Woche würde dann mit meinem Gang zum Büro des Quartiersmanagements in der Emserstraße beginnen, um das Gespräch mit Fadi Saad fortzusetzen. Es befindet sich in einer Alt-Berliner Ladenwohnung, mit drei großen Zimmern. Mit der sehr zweckmäßig ausgestatteten Einrichtung machte es auf mich einen recht nüchternen Eindruck. Ganz im Gegensatz dazu war der Empfang durch Herrn Saad, seinem Chef und zwei weiteren Mitarbeitern ausgesprochen warmherzig. Dies passiert mir als Polizeibeamtem nicht allzu häufig und so war ich sehr gespannt auf den weiteren verlauf unseres Treffens.
Erstes Treffen im Quartiersmanagementbüro
Als Quartiersmanagement-Team sollten wir stets einen guten Überblick im Kiez haben. Dazu gehört neben den verschiedenen Angeboten auch die aktuelle Kriminalitätssituation, sprich, gibt es besondere Vorkommnisse? Um dieser Frage nachzugehen und so die Projektideen gezielter entwickeln zu können, waren wir im Team schon auf das Gespräch mit Herrn Gaertner gespannt. Dieser kam allein und in Uniform und natürlich fragten später die Nachbarn, was denn passiert sei, weil doch die Polizei da gewesen sei. Ich sagte: „Nichts, nur so zum kennenlernen.“ Das war für einige schon zu viel, also unverständlich.
Nach der Vorstellrunde kamen wir recht schnell zum Thema. Herr Gaertner teilte uns mit, dass im Großen und Ganzen unser Gebiet unauffälliger sei als vergleichbare Gebiete im Norden Neuköllns. Es gäbe nur einige besondere Auffälligkeiten in den Bereichen Schmierereien (Graffiti), Sperrmüll auf den Straßen und einigen Jugenddelikten. Aber die seien nicht häufiger als in anderen Kiezen, im Gegenteil. Daraufhin stellten wir unsere Projekte wie auch die bevorstehenden Veranstaltungen vor. Wie jedes Jahr stand auch in diesem Jahr ein Kiezfest bevor, dazu wollten wir gerne die Polizei mit einem Fahrradparcours und weiteren Angeboten gewinnen. Gaertner sagte uns die Teilnahme der Polizei durch seine Dienstgruppe zu. Nachdem wir gemeinsam mit dem Team und Gaertner die allgemeinen Themen besprochen hatten, wollte ich noch gerne die Jugenddelikte genauer hinterfragen, was wir dann auch und diesmal nur unter vier Augen taten.
Und so schilderte mir Gaertner die aktuelle Situation der Jugendgewalt im Kiez aus seiner Sicht. Besonders die Bereitschaft der Jugendlichen, ein Messer zu tragen und dieses auch anzuwenden, wurde aus seinen Schilderungen deutlich. Ich konnte dies nur bestätigen.
Der Jüngste, dem ich ein Messer abgenommen habe, war erst zehn Jahre alt. Ich machte meine Kiezrunde und blieb auf dem Bolzplatz stehen, als mich ein kleiner Junge mit grünen Augen sehr höflich fragte: „Onkel, darf ich auch Fußball mitspielen?“ Nachdem ich seine Frage bejaht hatte, nahm er etwas aus seine Schultasche und rannte in Richtung Straße. Ich lief ihm unauffällig hinterher und konnte ihn dabei beobachten, wie er etwas unter einem parkenden Fahrzeug versteckte. Als ich hinter ihm stand, bat ich ihn, das, was er versteckt hatte, hervorzuholen. Das tat er auch, fing dann an zu weinen und übergab mir einen Gegenstand.
Es war ein etwa 20cm langes Messer. Auf meine Frage hin, wozu er ein Messer bei sich habe, antwortete er: „Ich habe Angst, ich werde oft von anderen Mitschülern in der Schule bedroht und will mich wehren können.“ Das ist eine Antwort, die ich von fast allen Kindern und Jugendlichen zu hören bekomme. Sie wollen sich alle nur verteidigen, aber keiner möchte angreifen. Die, die sich noch kein Messer kaufen können, nehmen sich ein großes Küchenmesser von zu Hause mit.
Messer oder Totschläger
Neben dem Messer ist bei den Jugendlichen auch das Tragen von Schlagringen und sogenannten Totschlägern (Teleskopschläger) üblich. Wenn ich mitbekomme, dass jemand von ihnen ein Messer oder Ähnliches bei sich trägt, nehme ich es ihm ab. Darauf bekomme ich von den Betreffenden zu hören: „Aber dieses Messer ist doch nicht verboten, es ist ja nicht länger als die Breite meiner Handfläche!“ Andere sagen mir: „Das ist doch keine feststehende Klinge, also darf ich es doch tragen!“
Ich weiß nicht, ob es wirklich so ist. Doch wenn ich meine Verwandten in Schweden besuche, sagt mir mein dortiger Cousin, hier bei uns in Schweden ist das Tragen von Messern oder anderen Waffen grundsätzlich verboten.
Natürlich ist ein Messer in erster Linie ein Werkzeug und erst der Mensch macht es zur Waffe. Warum aber haben wir hier in Deutschland ein Waffengesetz, das den Waffenbesitz zwar einschränkt, aber nicht grundsätzlich Waffen verbietet? Wozu sollte ein Mensch ein Messer tragen? Die zuständige Behörde kann in einzelnen Fällen ein Waffenbesitzverbot aussprechen. Sie unterrichtet den zuständigen Polizeiabschnitt über ausgesprochene Waffenbesitzverbote. Doch leider ist mir bislang noch kein einziger Fall bekannt, bei dem es tatsächlich ausgesprochen wurde.
Ein klein wenig erstaunt, aber insgesamt doch sehr froh vernahm ich, dass ich hier im Büro des Quartiersmanagements auf Menschen traf, die das Problem des Waffenbesitzes, welches uns als Polizei schon lange belastete, ebenso erkannt hatten und vor allem verurteilten. Damit Jugendgewalt eingedämmt wird, ist es durchaus auch aus meiner Sicht überlegenswert, das Mitführen von Messern in der Öffentlichkeit zu verbieten. Es ist nicht einzusehen, warum man (Mann) in einer Großstadt wie Berlin mit einem Messer durch die Gegend laufen muss. Natürlich gibt es berufsbedingte Ausnahmen und die sollen bestehen bleiben. Wenn ich mir aber das aktuelle Waffenrecht anschaue, welches Alterserfordernisse, Erlaubnisse und Verbote regelt, so finde ich dies nicht nur ausgesprochen unübersichtlich und verworren, sondern auch in Teilen nicht abschreckend genug.
In einer Fortbildungsschrift für die Polizei wird in über 34DIN-A4-Seiten versucht, die wesentlichen Bestimmungen des Waffengesetzes zu erläutern. Allein dies zeigt bereits, welchen Umfang das Waffenrecht abdeckt und wie schwer es auch dem normalen Bürger fallen muss, die richtige Einordnung zu treffen, ob er eine Waffe, welcher Art auch immer, mit sich führen darf. Der Umfang unseres Buches würde mit Sicherheit gesprengt, wenn ich mich hier auf eine Erläuterung des Waffenrechts einlassen würde. Fakt ist aber, wer eine Waffe mit sich führt, der setzt sie auch ein, dies bestätigen unzählige persönliche Erfahrungen. Auch die ständig gleichen Ausreden beim Auffinden von Messern und ähnlichen gefährlichen Gegenständen, von Schusswaffen ganz zu schweigen, belegen dies. Ob griffbereit in der Seitenablage des Kfz oder im Gürtel, in der Hosentasche oder im Jackenärmel getragen, immer wieder höre ich: „Das brauche ich zu meiner Verteidigung!“
Da ziehe ich dann Messer hervor, so lang wie Säbel, Messer mit Klingen von zwölf Zentimeter Breite und Krummdolche wie aus dem Mittelalter und höre immer die gleichen Phrasen. So komme ich mir vor, als lebte ich in einem Kriegsgebiet, oder befindet sich Deutschland gar im Bürgerkrieg? Was soll das also?
Neben dem wichtigen Thema „Waffenbesitz“ lag mir ein weiterer Aspekt am Herzen, der unbedingt als Motto für unser gemeinsames Projekt eine Rolle spielen sollte, nämlich: Respekt. Besser gesagt: mangelnder Respekt sehr vieler Jugendlicher gegenüber ihren Mitmenschen, Amtsträgern wie Lehrern, Polizisten, aber auch gegenüber den Eltern. Um dies zu verdeutlichen, beschrieb ich Fadi Saad den folgenden „stinknormalen“ Streifengang, den ich uniformiert auf der Sonnenallee absolvierte.
Die Sonnenallee ist neben der Karl-Marx-Straße und der Hermannstraße eine der drei Hauptverkehrsstraßen, die Nord-Neukölln vom Süden zum Norden hin durchqueren. Dienstagvormittag, mein Weg führt mich die Sonnenallee entlang Richtung Hermannplatz. Vor der Ernst-Abbe-Schule steht ein Daimler Benz quer über den Gehweg geparkt. Der Wagen ist unverschlossen und die Seitenscheibe geöffnet. Ich bleibe stehen und notiere mir das Kennzeichen. Mein Blick wandert rundherum, ein Verantwortlicher des Kfz ist nirgends zu sehen. Allerdings bemerke ich vier Burschen, die ein Telecafé verlassen und auf mich zuschlendern. „Was willst du?“, werde ich lautstark und mit grimmiger Miene angeblafft. „Gehört jemandem von Ihnen dieses Fahrzeug?“ Meine Frage verhallt ungehört, stattdessen: „Warum, hast du Problem?“ Ich gehe auf diese provozierende Frage nicht ein, sondern schreibe weiter.
„Ich kenne Fahrer, bleib da, ich holen!“ Einer dieser „netten“ Heranwachsenden entfernt sich, während die anderen sich auf Arabisch offensichtlich prächtig über mich amüsieren.
Kurze Zeit später kommt eine breitbeinige, vor Kraft strotzende, etwa 160cm große und der Mimik nach abfällig dreinblickende Person auf mich zu: „Hast du Problem?“ Worte voller Hass werden in meine Richtung ausgestoßen. „Ja, dieses Fahrzeug behindert nicht nur den Fußgängerverkehr, sondern ist auch nicht gesichert und steht zusätzlich noch im absoluten Halteverbot. Das ist mein Problem! Sind Sie eventuell der Halter?“, entgegne ich. Ein erneutes „Warum?“ wird mir entgegengeschleudert. Weitere unvollständige und verächtliche Sätze folgen. Erst meine Anmerkung, dass ich diesen Pkw abschleppen lasse, führt zu der Bemerkung: „Ich fahren Daimler – und jetzt?“ Meine Aufforderung, die Papiere zur Person und zum Fahrzeug vorzulegen, führt nach einer längeren Debatte dazu, dass mir der Fahrzeugschein übergeben wird. Meine Frage nach dem Führerschein bzw. nach seinen Personalpapieren wird mit „Schreib Anzeige!“, einer abfälligen Handbewegung und kraftmeierischen Schritten in Richtung Mittelstreifen bedacht.
Mit viel innerer Ruhe und Gelassenheit gelingt es mir doch noch, die Papiere zu überprüfen, den Fahrer zu veranlassen, das Fahrzeug zu entfernen, und eine Anzeige zu schreiben. Mittlerweile stehen bereits sieben Menschen, meist Jugendliche, um mich herum und ich verlasse diesen ungemütlichen Kreis mit einem deutlichen Grummeln im Bauch.
Während ich weiterlaufe, erreicht mein Pulsschlag langsam wieder normale Werte. Allerdings komme ich nur bis zur nächsten Kreuzung. Verwundert stelle ich fest, dass auf der anderen Fahrbahnseite nichts mehr „läuft“. Auf der Sonnenallee staut sich der Verkehr hinter einem Lastwagen mindestens 200Meter lang. Der Grund dafür ist schnell ausgemacht: ein blauer Polo, der in zweiter Spur steht und so den Lkw blockiert. Ich begebe mich in Richtung des Polo und sehe, dass mich die Insassen bemerken und sich sofort demonstrativ zueinander drehen. Mein Klopfen gegen das Fahrzeugfenster wird erst einmal nicht beachtet. Plötzlich wird die Tür aufgerissen und der Beifahrer stürzt wie ein wilder Stier auf mich zu. Durch einen gezielten Stoß mit der flachen Hand gegen seine Brust stoppe ich den vermeintlichen Angriff, er wankt zurück. Überrascht von meiner schnellen Reaktion näselt er schleimig und mit übertriebener Freundlichkeit: „Ich wollt dir bloß deine Brille wieder in die Hemdtasche stecken!“ Widerwillig lässt er anschließend die übliche Prozedur der Personalienfeststellung über sich ergehen, wobei er immer wieder wütend arabische Sätze in sich hineinmurmelt.
Kaum bin ich weitergegangen, etwa 30Meter entfernt, tönt es hinter mir her: „Wär’ ich deutsch, hättest du nicht gemacht!“ Eine Türkin läuft gemeinsam mit ihrer Tochter kopfschüttelnd vorbei und meint in meine Richtung: „Blöd, frech und respektlos, wo führt das bloß hin!“, wobei sie dies zusätzlich mit einer hilflosen Geste ihrer Arme unterstreicht.
Weiter geht’s. Die Rütlistraße ist mein nächstes Ziel. Vor dem dortigen Spielplatz laufen vier 12- bis 13-jährige Jungen mit arabischem Migrationshintergrund auf Stelzen den Gehweg herunter. Als sie mich sehen, laufen sie sofort in meine Richtung und stellen zunächst freundlich ein paar grundsätzliche Fragen zum Polizeiberuf. Meine Freude über so viel Interesse wird jäh unterbrochen, als diese frühpubertierenden Knaben plötzlich provokant und lautstark über die Größe ihres Phallus, über die Sexualpraktiken ihrer Schwestern und weitere hier nicht wiedergabefähige pornografische Darstellungen fabulieren. Mir vergeht der Dialog mit diesen Früchtchen ebenso wie die Lust an der Fortsetzung meines Streifenganges und ich kehre zügig zum Polizeiabschnitt zurück.
Doch bevor ich dort meine ernüchternden Erlebnisse schildern kann, kommt mir ein Kollege entgegen und berichtet mir aufgewühlt folgende soeben erlebte Begebenheit:
„Ich stehe am heutigen Morgen auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Sonnenallee, genau vor unserem Abschnitt. Dort warten ungefähr zehn Personen darauf, dass die Ampel von Rot auf Grün wechselt. Nicht so ein 20-jähriger afghanischer Mann. Demonstrativ provokant überquert er die Fahrbahn, wobei einige Fahrzeugführer laut hupend ausweichen müssen. Er aber blickt aufreizend in meine Richtung. Nach dem Erreichen meiner Gehwegseite spreche ich ihn an mit den Worten: „Dürfte ich Sie um ein Gespräch bitten?“ Hasserfüllt erwidert er: „Was willst du, du Schwuchtel?
