Katastrophen kommen vor - Robert A. Heinlein - E-Book

Katastrophen kommen vor E-Book

Robert A. Heinlein

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Beschreibung

Der gefährlichste Job der Welt

Die Arbeit in einem Atomreaktor ist belastend, sowohl physisch als auch psychisch. Die Techniker und Physiker stehen permanent unter Stress, immer in dem Wissen, dass der kleinste Fehler eine gigantische Katastrophe auslösen kann. Auch der Psychologe Dr. Lentz, der das Techniker-Team überwacht und versucht, Spannungen zu entschärfen, verbessert die Situation im Kraftwerk nicht …

Die Erzählung „Katastrophen kommen vor“ erscheint als exklusives E-Book Only bei Heyne und ist zusammen mit weiteren Stories und Romanen von Robert A. Heinlein auch in dem Sammelband „Die Geschichte der Zukunft“ enthalten. Sie umfasst ca. 63 Buchseiten.

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Seitenzahl: 95

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ROBERT A. HEINLEIN

KATASTROPHEN KOMMEN VOR

ERZÄHLUNG

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

DAS BUCH

Die Arbeit in einem Atomreaktor ist belastend, sowohl physisch als auch psychisch. Die Techniker und Atomphysiker stehen permanent unter Stress, immer in dem Wissen, dass der kleinste Fehler eine gigantische Katastrophe auslösen kann. Auch der Psychologe Dr. Lentz, der das Techniker-Team überwacht und versucht, Spannungen zu entschärfen, verbessert die Situation im Kraftwerk nicht …

Die Erzählung »Katastrophen kommen vor« erscheint als exklusives E-Book Only bei Heyne und ist zusammen mit weiteren Stories und Romanen von Robert A. Heinlein auch in dem Sammelband »Die Geschichte der Zukunft« enthalten.

DER AUTOR

Robert A. Heinlein wurde 1907 in Missouri geboren. Er studierte Mathematik und Physik und verlegte sich schon bald auf das Schreiben von Science-Fiction-Romanen. Neben Isaac Asimov und Arthur C. Clarke gilt Heinlein als einer der drei Gründerväter des Genres im 20. Jahrhundert. Sein umfangreiches Werk hat sich millionenfach verkauft, und seine Ideen und Figuren haben Eingang in die Weltliteratur gefunden. Die Romane »Fremder in einer fremden Welt« und »Mondspuren« gelten als seine absoluten Meisterwerke. Heinlein starb 1988.

www.diezukunft.de

Diese Erzählung ist dem Band Robert A. Heinlein: »Die Geschichte der Zukunft« entnommen.

Titel der Originalausgabe: Blowups happen

Aus dem Amerikanischen von Rosemarie Hundertmarck

Copyright © 1940 by Street & Smith Publications, Inc.

Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Covergestaltung: Stardust, München

Satz: Schaber Datentechnik, Wels

ISBN: 978-3-641-16968-8

»Legen Sie den Schraubenschlüssel hin!«

Der so angesprochene Mann drehte sich langsam zu dem Sprecher um. Seinen Gesichtsausdruck verbarg ein grotesker Helm, Teil einer schweren Blei-Kadmium-Rüstung, die seinen gesamten Körper schützte, aber der Ton seiner Stimme verriet Gereiztheit und Erbitterung.

»Zum Teufel, was haben Sie denn, Doc?« Er traf keine Anstalten, sich von dem in Rede stehenden Werkzeug zu trennen.

Sie standen sich gegenüber wie zwei behelmte, gepanzerte Fechter, die auf eine Eröffnung warten. Die Stimme des ersten Sprechers klang hinter der Maske hervor, höher und dringlicher geworden. »Sie haben gehört, was ich gesagt habe, Harper. Legen Sie diesen Schraubenschlüssel sofort hin, und gehen Sie von dem ›Auslöser‹ weg! – Erickson!«

Eine dritte in einer Rüstung steckende Gestalt kam vom anderen Ende des Kontrollraums herüber. »Sie wünschen, Doc?«

»Harper ist vom Dienst suspendiert. Sie übernehmen als Physiker vom Dienst. Lassen Sie Ihren Ersatzmann herkommen!«

»Gut.« Erickson akzeptierte die Situation ohne Kommentar; Stimme und Verhalten waren phlegmatisch. Der Atomphysiker, den er soeben abgelöst hatte, sah vom einen zum anderen. Dann legte er den Schraubenschlüssel sorgsam an seine Stelle im Regal.

»Ganz, wie Sie wollen, Doktor Silard – aber schicken Sie auch nach Ihrem Ersatzmann! Ich werde eine sofortige Anhörung verlangen!« Harper marschierte entrüstet hinaus. Seine bleiverkleideten Stiefel trampelten über die Fußbodenplatten.

Doktor Silard wartete die folgenden zwanzig Minuten unglücklich darauf, dass seine eigene Ablösung eintraf. Vielleicht hatte er voreilig gehandelt. Vielleicht irrte er sich, wenn er meinte, Harper sei nun auch unter der Belastung zusammengebrochen, die der Dienst an der gefährlichsten Maschine der Welt mit sich brachte – dem Schnellen Brüter. Aber wenn er schon einen Fehler machte, musste er zugunsten der Sicherheit sein. In diesem Geschäft durfte es keine Pannen geben, denn eine Panne mochte eine atomare Explosion von beinahe zehn Tonnen Uran-238, U-235 und Plutonium hervorrufen.

Vergeblich bemühte er sich, vor seinem geistigen Auge ein Bild heraufzubeschwören, was das bedeutete. Uran hat die zwanzigfache Sprengkraft von TNT, das wusste er, doch die Zahl sagte ihm nichts. Ein Stapel von hundert Millionen Tonnen hochexplosiven Sprengstoffs oder tausend Hiroshimas – das war für ihn immer noch nicht fasslich. Er hatte einmal gesehen, wie eine Atombombe abgeworfen wurde, als er Psychoanalytiker bei den Luftstreitkräften war. Die Explosion von tausend solcher Bomben konnte er sich nicht vorstellen. Sein Gehirn weigerte sich einfach.

Vielleicht brachten diese Atomphysiker es fertig. Vielleicht hatten sie mit ihren umfassenderen mathematischen Kenntnissen und dem besseren Verständnis für das, was tatsächlich innerhalb einer Atomspaltungskammer vor sich ging, ein lebhafteres Bild von dem verstandeszerrüttenden Grauen, das hinter diesem Schild eingeschlossen war. Wenn ja, dann war es kein Wunder, dass sie zu Nervenzusammenbrüchen neigten …

Er seufzte. Erickson sah von den Kontrollen des Linearbeschleunigers auf, an dem er ein paar Einstellungen vorgenommen hatte. »Was ist los, Doc?«

»Nichts. Es tut mir leid, dass ich Harper ablösen lassen musste.«

Silard spürte den wissenden Blick des großen Skandinaviers. »Sie werden es doch nicht selbst mit den Nerven bekommen, Doc? Manchmal erwischt es auch euch Gehirnschnüffler …«

»Ich? Das glaube ich nicht. Ich habe Angst vor dem Ding da drin – und ich wäre verrückt, wenn ich keine hätte.«

»Ich habe auch Angst«, teilte Erickson ihm sachlich mit und widmete sich wieder seiner Arbeit an den Kontrollen. Der eigentliche Beschleuniger lag hinter einem weiteren Schutzschild; seine Schnauze verschwand in dem letzten Schild zwischen ihm und dem Meiler und feuerte einen stetigen Strom von wahnsinnig beschleunigten subatomaren Kugeln auf das Beryllium-Target, das innerhalb des Meilers lag. Das gefolterte Beryllium gab Neutronen ab, die in alle Richtungen durch die Uran-Masse davonschossen. Einige dieser Neutronen trafen Uran-Atome genau auf ihren Kern und spalteten ihn. Die Bruchstücke waren neue Elemente, Barium, Xenon, Rubidium – das hing von den Proportionen ab, in denen sich das Atom aufteilte. Die neuen Elemente waren für gewöhnlich instabile Isotopen und zerbrachen in einer Kettenreaktion zu einem Dutzend weiterer Elemente.

Diese zweiten Transmutationen waren verhältnismäßig stabil; wichtig – und gefährlich – war die erste Spaltung des Uran-Kerns unter Freisetzung der überwältigenden Energie von zweihundert Millionen Elektronenvolt, die ihn zusammenhielt.

Denn während man Uran mit Neutronen bombardiert, damit es andere Kraftstoffe erzeugt, entstehen bei der Spaltung selbst wiederum Neutronen, die auf anderen Uran-Kernen landen und sie spalten. Sind die Bedingungen einer ständig zunehmenden Reaktion dieser Art günstig, kann der Vorgang außer Kontrolle geraten und das ganze Material in dem unmessbaren Bruchteil einer Mikrosekunde in einer Explosion hochgehen lassen, neben der eine Atombombe wie ein Kinderspielzeug wirken würde – einer Explosion, so ganz und gar jenseits aller menschlichen Erfahrung, dass sie ebenso unbegreiflich ist wie die Vorstellung von dem eigenen Tod. Man kann sie fürchten, aber nicht verstehen.

Andererseits waren sich selbst fortpflanzende Atomspaltungen gerade unter dem Niveau einer vollständigen Explosion notwendig für den Betrieb des Brüters. Die Spaltung des ersten Uran-Kerns mittels Bombardierung durch Neutronen, die das Beryllium-Target abgab, hatte mehr Energie gekostet, als der Tod des Atoms freigab. Damit der Brüter funktionierte, musste jedes von einem Neutron gespaltene Atom unbedingt viele andere spalten.

Ebenso wichtig war es, dass diese Kettenreaktion ständig dazu neigte abzuflauen. Sie durfte sich nicht steigern, sonst würde die Uran-Masse in einem Zeitabschnitt explodieren, der zu kurz war, um mit irgendwelchen Mitteln gemessen zu werden.

Es wäre auch niemand mehr da, der ihn messen könnte.

Der Atomphysiker, der Dienst am Meiler hatte, konnte diese Kettenreaktion mithilfe des »Auslösers« regeln. Unter diesem Ausdruck verstanden die Physiker die Gesamtheit von Linearbeschleuniger, Beryllium-Target und Kadmiumstäbchen innen sowie Kontrollen, Instrumentenpaneel und Energiequellen außen. Das heißt, er konnte das Bombardement des Beryllium-Zieles variieren, um die Energieerzeugung der Anlage zu heben oder zu senken, er konnte die »effektive Masse« des Meilers mit den Kadmiumstäben verändern, und er konnte von seinen Instrumenten ablesen, dass die innere Reaktion gedämpft wurde – oder vielmehr, dass sie vor einem Sekundenbruchteil gedämpft worden war. Er hatte keine Möglichkeit festzustellen, was sich jetzt innerhalb des Meilers abspielte – dazu sind subatomare Geschwindigkeiten zu groß und die Zeitspannen zu kurz. Deshalb war er wie der Vogel, der rückwärts flog: Er konnte sehen, wo er gewesen war, aber er wusste nie, wohin sein Flug ihn führte.

Trotzdem trug er allein nicht nur dafür die Verantwortung, dass der Meiler auf einer hohen Stufe der Leistungsfähigkeit gehalten wurde, er musste auch aufpassen, dass die Kettenreaktion niemals den kritischen Punkt überschritt, der zu einer Massenexplosion führt.

Aber das war unmöglich. Er konnte nicht sicher sein; er konnte niemals sicher sein.

Er mochte an seinen Arbeitsplatz alles Wissen mitbringen, das auf den besten Technischen Hochschulen zu erwerben ist, und es benutzen, um das Risiko auf den niedrigsten Wahrscheinlichkeitswert hinabzudrücken. Die blinden Gesetze des Zufalls, die bei subatomaren Vorgängen herrschen, konnten trotzdem einen Royal Flush gegen ihn in der Hand haben und ihn, so geschickt er auch spielte, schlagen.

Und jeder Atomphysiker wusste es, wusste, dass er nicht nur mit seinem eigenen Leben spielte, sondern auch mit dem Leben zahlloser anderer, vielleicht mit dem Leben jedes einzelnen menschlichen Wesens auf dem Planeten. Niemand konnte genau sagen, was eine solche Explosion anrichten würde. Eine vorsichtige Schätzung besagte, sie würde nicht nur die Anlage mitsamt ihrem Personal vollständig zerstören, sondern auch ein Stück aus der Los-Angeles-Oklahoma-Straßenstadt mit ihrer dichten Bevölkerung und ihrem starken Verkehr reißen, die hundert Meilen weiter nördlich lag.

Der offizielle optimistische Standpunkt, der die Grundlage für die Genehmigung des Werks durch die Atomenergie-Kommission bildete, berief sich auf Berechnungen, denen zufolge eine solche Masse an Uran sich selbst auf molarer Ebene zerreißen und so den Umfang der Zerstörung begrenzen würde, bevor eine beschleunigte Kettenreaktion die gesamte Masse erfasste.

Im Großen und Ganzen setzten die Atomphysiker keinen Glauben in die offizielle Theorie. Sie sahen in theoretischen mathematischen Voraussagen das, was sie wert sind: buchstäblich nichts, solange man keine Experimente durchgeführt hat, die sie bestätigen.

Aber selbst nach der offiziellen Version hielt jeder diensttuende Atomphysiker nicht nur sein eigenes Leben in der Hand, sondern auch das Leben von vielen anderen – von wie vielen, darüber dachte man besser gar nicht erst nach. Kein Pilot, kein General, kein Chirurg hat jemals Tag für Tag eine solche ständige Verantwortung getragen wie diese Männer jedes Mal, wenn sie ihren Dienst taten, wenn sie eine Feineinstellung vornahmen oder eine Anzeige ablasen.

Sie wurden nicht allein nach ihrer Intelligenz und ihrer Qualifikation ausgewählt, sondern ebenso nach ihrem Charakter und ihrem Sinn für soziale Verantwortung. Sensible Männer wurden gebraucht, Männer, die fähig waren, die Wichtigkeit der ihnen anvertrauten Aufgabe in ihrem ganzen Umfang zu erfassen. Andernfalls konnte man sie nicht einsetzen. Aber die Last der Verantwortung war zu groß, um von einem sensiblen Mann unbegrenzt lange Zeit getragen zu werden.

Es war zwangsläufig ein vom psychologischen Standpunkt aus labiler Zustand. Wahnsinn war eine Berufskrankheit.

Dr. Cummings tauchte auf, noch damit beschäftigt, die Gurte der Rüstung zuzuschnallen, die ihn gegen Streustrahlung schützen sollte. »Was gibt’s?«, erkundigte er sich bei Silard.

»Ich musste Harper ablösen lassen.«

»Das habe ich mir gedacht. Ich bin ihm auf dem Herweg begegnet. Er war fuchsteufelswild – hatte für mich nur böse Blicke übrig.«

»Ich weiß. Er verlangt eine sofortige Anhörung. Deshalb musste ich Sie herbitten.«

Cummings grunzte, dann nickte er dem Physiker zu, der in seiner ihn ganz umhüllenden Rüstung anonym war. »Wen habe ich gezogen?«

»Erickson.«

»Das ist gut. Quadratschädel können nicht verrückt werden, stimmt’s, Gus?«

Erickson sah kurz auf, antwortete: »Das ist Ihr Problem«, und widmete sich weiter seiner Arbeit. Cummings wandte sich wieder Silard zu und bemerkte: »Psychiater scheinen in dieser Gegend nicht sehr beliebt zu sein. Okay, ich löse Sie ab, Sir.«

»Danke, Sir.«

Silard folgte dem Zickzackweg durch den äußeren Schirm, der den Kontrollraum umgab. Sobald er draußen war, befreite er sich von der lästigen Rüstung, verstaute sie im Umkleideraum und eilte zu einem Aufzug. An der unterirdischen Röhrenstation stieg er aus und sah sich nach einer unbesetzten Kapsel um. Er fand eine, schnallte sich an, schloss die abgedichtete Tür und lehnte in Erwartung des Beschleunigungsdrucks den Kopf an die dafür vorgesehene Stütze.

Fünf Minuten später und zwanzig Meilen weiter klopfte er an die Bürotür des Generaldirektors Dr. King.