Kein Lebenszeichen - Harlan Coben - E-Book

Kein Lebenszeichen E-Book

Harlan Coben

4,4
9,99 €

oder
Beschreibung

Als Junge gab es für Will Klein nur einen Helden: seinen älteren Bruder Ken. Als Ken verdächtigt wird, eine junge Frau vergewaltigt und ermordet zu haben, bricht für Will eine Welt zusammen. Ken flieht, taucht unter und wird schließlich für tot erklärt. Doch dann erfährt Will, dass Ken noch lebt. Gleichzeitig verschwindet Sheila, Wills Freundin, spurlos. Die Vergangenheit scheint sich auf alptraumhafte Weise zu wiederholen, und Will muss seinen Bruder um jeden Preis finden, da nur dieser die Wahrheit kennt …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 579

Bewertungen
4,4 (42 Bewertungen)
26
6
10
0
0



Buch

»Die erste Liebe vergisst man nie. Meine wurde ermordet.« Als Junge gab es für Will Klein nur einen Helden: seinen älteren Bruder Ken. Als Ken verdächtigt wird, eine junge Frau vergewaltigt und ermordet zu haben, bricht für Will eine Welt zusammen. Die unfassbaren Vorwürfe sind umso entsetzlicher, da es sich bei dem Opfer um Wills erste große Liebe handelt. Die Beweise gegen Ken sind erdrückend, auch wenn dieser trotzdem seine Unschuld beteuert. Noch bevor es zum Prozess kommt, taucht Wills Bruder unter und ist trotz eines internationalen Suchbefehls unauffindbar. Nur sein Schatten bleibt – und die Gerüchte, die Wills Leben für immer verändern. Seine Familie erklärt Ken schließlich für tot.

Elf Jahre sind seither vergangen, als Wills Mutter ihm auf dem Sterbebett eröffnet, dass Ken noch lebt. Doch dieser unfassbaren Nachricht folgt ein entsetzlicher Schock: Sheila, Wills Freundin, verschwindet spurlos – und man findet ihre Fingerabdrücke später am Schauplatz eines Mordes. Hat Ken womöglich etwas mit diesem neuerlichen Verbrechen zu tun? Die Vergangenheit droht sich auf albtraumhafte Weise zu wiederholen, und Will muss um jeden Preis Kontakt zu seinem Bruder aufnehmen, der als Einziger die Wahrheit zu kennen scheint …

Autor

Harlan Coben wurde 1962 in New Jersey geboren. Nach einem Studium der Politikwissenschaften arbeitete er in der Tourismusbranche, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er hat bislang zehn Thriller geschrieben, die in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Harlan Coben wurde als erster Autor mit den drei wichtigsten amerikanischen Krimipreisen ausgezeichnet, dem Edgar Award, dem Shamus Award und dem Anthony Award.

Er lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in New Jersey.

Mehr zu Autor und Buch unter www.harlancoben.com

Von Harlan Coben bereits bei Goldmann erschienen:

Kein Sterbenswort. Roman (45251)

Keine zweite Chance. Roman (45689)

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorWidmungKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Copyright

Für Anne

A ma vie de cœur entier

1

Drei Tage vor ihrem Tod sagte meine Mutter mir – es waren fast, wenn auch nicht ganz, ihre letzten Worte –, dass mein Bruder noch lebte.

Das war alles. Sie erläuterte es nicht weiter. Sie sagte es auch nur ein einziges Mal. Es ging ihr ziemlich schlecht. Das Morphium hatte sie bereits fest im Griff. Ihre Hautfarbe lag irgendwo zwischen Gelbsucht und verblichener Sommerbräune. Ihre Augen waren tief eingesunken. Meist schlief sie. Danach hatte sie nur noch einen einzigen lichten Moment – falls der, in dem sie mir das erzählt hatte, ein solcher gewesen war, was ich stark bezweifelte – und den nutzte ich dazu, ihr zu sagen, dass sie eine wunderbare Mutter gewesen sei und dass ich sie sehr liebte. Dann verabschiedete ich mich von ihr. Wir sprachen nicht mehr über meinen Bruder. Das hieß nicht, dass wir nicht an ihn dachten, als säße auch er an ihrem Bett.

»Er lebt.«

Das waren ihre Worte. Und wenn sie der Wahrheit entsprachen, wusste ich nicht, ob das gut oder schlecht war.

Vier Tage später trugen wir meine Mutter zu Grabe.

Als wir hinterher zur siebentägigen jüdischen Totenwache ins Haus zurückkehrten, rannte mein Vater zornig über den Teppichboden im Wohnzimmer. Sein Gesicht war rot vor Wut. Ich war natürlich da. Meine Schwester Melissa war mit ihrem Mann Ralph aus Seattle gekommen. Tante Selma und Onkel Murray gingen im Zimmer auf und ab. Sheila, meine Lebensgefährtin, hielt meine Hand.

Das waren dann auch schon alle.

Nur ein einziges Blumengebinde stand da, ein prachtvolles Monstrum. Sheila lächelte und drückte meine Hand, als sie die Karte sah. Darauf waren keine Worte, keine Botschaft, nur eine Zeichnung:

Dad sah immer wieder aus dem Erkerfenster – das in den letzten elf Jahren zweimal mit einer Schrotflinte zerschossen worden war – und murmelte leise: »Schweinehunde.« Hin und wieder drehte er sich um, wenn ihm noch jemand einfiel, der nicht gekommen war. »Herrgott noch mal, die Bergmans hätten ja wenigstens mal kurz reinschauen können.« Dann schloss er die Augen und sah zur Seite. Wieder packte ihn die Wut und vermischte sich mit der Trauer zu einer Überspanntheit, der ich mich nicht gewachsen sah.

Ein neuer Verrat, einer von vielen in den letzten zehn Jahren.

Ich brauchte frische Luft.

Ich stand auf. Sheila sah mich besorgt an. »Ich geh spazieren«, sagte ich leise.

»Soll ich mitkommen?«

»Lieber nicht.«

Sheila nickte. Wir waren seit fast einem Jahr zusammen. Ich hatte noch nie eine Freundin gehabt, die mit meinen manchmal ziemlich unvermittelten Stimmungsschwankungen so gut zurechtkam. Sie drückte meine Hand noch einmal, um mir zu sagen, dass sie mich liebte, und mir wurde etwas wärmer ums Herz.

Die Fußmatte vor unserer Haustür war aus hartem Kunstrasen, mit einem Plastik-Gänseblümchen in der oberen linken Ecke, und sah aus, als hätten wir sie von einem Golfplatz mitgehen lassen. Ich trat darüber und schlenderte den Downing Place hinunter. Die Straße war gesäumt von unsäglich langweiligen Split-Level-Einfamilienhäusern mit Aluminiumfassaden aus den frühen Sechzigern. Ich trug noch immer den dunkelgrauen Anzug. Er juckte bei der Hitze. Unbarmherzig brannte die Sonne vom Himmel, und in einem Anflug von Nekrophilie dachte ich, dass heute ein perfekter Tag zum Verrotten wäre. Das Lächeln meiner Mutter, das – bevor das alles geschehen war – die ganze Welt hatte erstrahlen lassen, erschien vor meinen Augen. Ich verdrängte es.

Ich wusste, wohin ich ging, glaube aber kaum, dass ich es mir eingestanden hätte. Eine unsichtbare Macht zog mich an. Manche würden es eine masochistische Ader nennen, andere womöglich darauf hinweisen, dass ich einen Schlussstrich ziehen wollte, aber ich glaube, es war nichts dergleichen.

Ich wollte einfach den Ort sehen, an dem alles ein Ende genommen hatte.

Der Anblick und die Geräusche der sommerlichen Vorstadt gingen mir auf die Nerven. Kreischende Kinder fuhren auf Fahrrädern hin und her. Mr Cirino, dem das Ford/Mercury-Autohaus gehörte, mähte seinen Rasen. Die Steins – sie hatten eine kleine Kette von Haushaltsgeräteläden aufgebaut und geleitet, bis sie von einer größeren Ladenkette geschluckt worden war – gingen Hand in Hand spazieren. Vor dem Haus der Levines wurde Touch-Football gespielt, allerdings kannte ich keinen der Mitspieler. Aus dem Garten der Kaufmans wehte Grillgeruch herüber.

Ich kam am alten Haus der Glassmans vorbei. Mark »der Depp« Glassman war mit sechs Jahren durch die geschlossene Glasschiebetür gesprungen. Er hatte Superman gespielt. Ich kann mich noch gut an die Schreie und das Blut erinnern. Er musste mit mehr als vierzig Stichen genäht werden. Später ist er einer dieser Internet-Start-up-Zillionäre geworden. Ich glaube nicht, dass man ihn noch »der Depp« nennt, aber man kann nie wissen.

An der Ecke stand das Haus der Marianos. Es hatte immer noch diese scheußliche schleimig-gelbe Farbe, und der Plastikhirsch stand auch noch im Vorgarten. Angela Mariano, unser hiesiges Flittchen, war zwei Jahre älter als wir und uns damals wie ein fast überirdisches, Ehrfurcht einflößendes Wesen vorgekommen. Als ich Angela beim Sonnen in ihrem Garten in einem der Schwerkraft trotzenden Oberteil mit Nackenträger beobachtet hatte, waren die ersten schmerzlichen Schübe tiefen, hormonell bedingten Verlangens aufgetreten. Mir war buchstäblich das Wasser im Mund zusammengelaufen. Angela hatte dauernd mit ihren Eltern gestritten und heimlich im Schuppen hinter dem Haus geraucht. Ihr Freund hatte ein Motorrad. Letztes Jahr bin ich ihr zufällig in Midtown Manhattan begegnet. Ich hatte erwartet, dass sie furchtbar aussehen würde – man hört immer wieder, dass das mit den Mädchen passiert, bei deren Anblick man erste Lustgefühle verspürt hat –, aber Angela sah fantastisch aus und machte einen glücklichen und zufriedenen Eindruck.

Vor Eric Frankels Haus am Downing Place 23 schwenkte ein Rasensprenger langsam hin und her. Eric hatte seine Bar-Mizwa im Chanticleer in Short Hills als Raumfahrtparty gefeiert, als wir beide in die siebte Klasse gingen. Die Decke war angestrahlt gewesen wie ein Planetarium – Sternbilder an einem schwarzen Himmel. Auf meiner Einladungskarte stand, dass ich am »Apollo 14«-Tisch saß. In der Mitte des Saals stand ein geschmücktes Raketenmodell auf einer grünen, mit Pflanzen und seltsamen Tieren dekorierten Landeplattform. Die Kellner in realistisch anmutenden Raumanzügen sollten die Mitglieder der Mercury 7 darstellen. Wir wurden von »John Glenn« bedient. Zwischendurch bin ich für eine Stunde mit Cindi Shapiro in der Kapelle verschwunden und habe mit ihr rumgemacht. Es war mein erstes Mal. Ich wusste nicht, was ich tat. Cindi schon. Ich weiß noch, wie herrlich und überraschend es war, als ihre Zunge mich auf unerwartete Weise liebkoste. Aber ich weiß auch noch, wie verwundert ich war, als nach etwa zwanzig Minuten, na ja, Langeweile einsetzte – ein verdutztes »Und jetzt?« in Verbindung mit einem naiven »Ist das alles?«.

Als Cindi und ich verstohlen, etwas verknittert und in bester Post-knutsch-Stimmung, zum »Apollo 14«-Tisch von Cape Kennedy zurückkehrten (die Herbie Zane Band spielte gerade Fly Me to the Moon), nahm mein Bruder Ken mich beiseite und wollte Einzelheiten erfahren. Ich erzählte sie ihm natürlich nur zu gerne. Er belohnte mich mit diesem gewissen Lächeln, und wir klatschten uns ab wie zwei Footballspieler. Als wir dann nachts in unserem Etagenbett lagen, Ken oben, ich unten, und in der Stereoanlage Don’t Fear the Reaper von Blue Öyster Cult lief (Ken’s absoluter Lieblingssong), erläuterte mir mein großer Bruder die Geheimnisse des Lebens aus der Sicht eines Neuntklässlers. Später sollte ich feststellen, dass er in den meisten Punkten danebenlag (so übertrieb er zum Beispiel die Bedeutung der Brüste), trotzdem kann ich mir ein Lächeln nie ganz verkneifen, wenn ich an diese Nacht zurückdenke.

»Er lebt …«

Ich schüttelte den Kopf und bog an dem Haus, in dem die Holders früher gewohnt hatten, nach rechts in die Coddington Terrace ein. Es war derselbe Weg, den Ken und ich zur Grundschule, der Burnet Hill Elementary School, gegangen waren. Von hier hatte damals eine gepflasterte Abkürzung zwischen zwei Häusern hindurch geführt. Ich fragte mich, ob es den Pfad noch gab. Meine Mutter – alle, selbst die Kinder der Nachbarschaft hatten sie Sunny genannt – war uns immer mehr oder weniger heimlich gefolgt. Ken und ich hatten die Augen verdreht, wenn sie sich hinter den Bäumen versteckte. Mir war es peinlich gewesen, aber Ken hatte nur die Achseln gezuckt. Mein Bruder war cool genug gewesen, so etwas durchgehen zu lassen. Ich nicht.

Ich spürte einen Stich im Herzen und ging weiter.

Vielleicht war es nur Einbildung, doch ich meinte, die Leute würden anfangen, mich anzustarren. Die Fahrräder, die dribbelnden Basketbälle, die Rasensprenger und -mäher, die Schreie der Touch-Footballspieler – alles schien leiser zu werden, als ich vorbeiging. Manche blickten mir neugierig hinterher, weil ein vorbeischlendernder Fremder in einem dunkelgrauen Anzug an einem heißen Sommerabend eine Art Kuriosität war. Aber die meisten schienen zu erschrecken, weil sie mich erkannten und nicht glauben konnten, dass ich diesen geheiligten Boden betrat.

Ohne zu zögern ging ich auf das Haus Nummer 47 in der Coddington Terrace zu. Ich hatte die Krawatte gelockert und meine Hände tief in den Hosentaschen vergraben. An der Stelle, wo die Zufahrt auf den Bordstein traf, zögerte ich. Was wollte ich hier? Der Vorhang im Wohnzimmer bewegte sich. Mrs Millers verhärmtes, geisterhaftes Gesicht erschien am Fenster. Sie starrte mich feindselig an. Ich rührte mich nicht und wich ihrem Blick nicht aus. Sie starrte weiter – und zu meiner Überraschung wurden ihre Züge weicher. Es war, als hätte unser beider Leid eine Art Verbindung zwischen uns hergestellt. Mrs Miller nickte mir zu. Ich nickte zurück und spürte, wie mir Tränen in die Augen schossen.

Vielleicht haben Sie die Geschichte in 20/20 oder in PrimeTime Live oder einem anderen Fernseh-Äquivalent zu Fischeinwickelpapier gesehen. Für alle, die es verpasst haben, hier eine Zusammenfassung des offiziellen Polizeiberichts: Am 17. Oktober vor elf Jahren hat mein Bruder Ken Klein, damals 24 Jahre alt, in Livingston, New Jersey, unsere Nachbarin Julie Miller brutal vergewaltigt und erdrosselt.

In ihrem Keller. Coddington Terrace 47.

Dort wurde die Leiche zumindest gefunden. Es wurde nie eindeutig geklärt, ob sie tatsächlich in jenem dürftig eingerichteten Kellerzimmer ermordet worden war oder ob der Mörder die Leiche nachträglich hinter der fleckigen Couch mit Zebramuster versteckt hatte. Die meisten vermuten Ersteres. Meinem Bruder gelang es, sich der Festnahme zu entziehen und in unbekannte Gefilde zu entkommen – so steht es zumindest in den offiziellen Berichten.

In den letzten elf Jahren ist es Ken gelungen, einer internationalen Ringfahndung zu entgehen. Er wurde allerdings mehrmals »gesichtet«.

Zum ersten Mal etwa ein Jahr nach dem Mord in einem kleinen Fischerdorf in Schweden. Interpol war sofort zur Stelle, doch irgendwie ist mein Bruder ihrem Zugriff entkommen. Angeblich hatte er einen Tipp bekommen. Ich habe keine Ahnung, wie oder von wem.

Das nächste Mal wurde er vier Jahre später in Barcelona gesehen. Ken hatte – laut einem Zeitungsartikel – »eine Hazienda mit Meerblick gemietet« (Barcelona liegt nicht am Meer), in der er – wieder Zitat – »mit einer geschmeidigen, dunkelhaarigen Frau, vermutlich einer Flamencotänzerin« zusammenlebte. Ein Einwohner Livingstons, der dort Urlaub machte, behauptete nichts Geringeres, als dass er Ken und seine kastilische Geliebte beim Abendessen in einem Strandlokal gesehen hätte. Er hatte meinen Bruder als braun gebrannt und durchtrainiert beschrieben, in einem weißen Hemd mit offenem Kragen und Mokassins ohne Socken. Der Livingstoner, ein Mr Rick Horowitz, war mit mir in Mr Hunts vierte Klasse gegangen. Im Sommer jenes Jahres hatte Rick zu unserer Erbauung in den Pausen regelmäßig Raupen verspeist.

Aber auch Barcelona-Ken schlüpfte durch die Maschen des Gesetzes.

Das letzte Mal wurde mein Bruder angeblich beim Skifahren in den französischen Alpen gesehen (vor dem Mord war Ken interessanterweise nie Ski gefahren). Die Ermittlungen brachten kein Ergebnis, mit Ausnahme eines Berichts in 48 Hours. Im Lauf der Jahre ist der Flüchtlingsstatus meines Bruders eine Art kriminalistische Version einer »Was macht eigentlich …?«-Sendung geworden, die immer wieder aufgewärmt wird, wenn neue Gerüchte in die Welt gesetzt werden oder einer der Fischeinwickelpapier-Fernsehmagazine das Material ausgeht.

Natürlich hasste ich die Reportagen über »die Schattenseiten der Vororte« oder wie immer sie so etwas nannten, die gern »aus aktuellem Anlass« gesendet werden. Die »Exklusivberichte« (nur einmal möchte ich erleben, dass sie einen »normalen Bericht, den alle anderen Stationen auch bringen« senden) zeigten immer dieselben Fotos von Ken in seinem Tennisoutfit – er war zeitweise in der US-Rangliste vertreten –, auf denen er extrem hochmütig aussah. Ich habe keine Ahnung, wie sie an die Bilder gekommen sind. Sie lassen Ken auf jene Art attraktiv aussehen, die unwillkürlich Hassgefühle hervorruft. Großspurig, Kennedy-Frisur, tiefbraun in weißer Kluft und breit lächelnd. Der Ken auf dem Foto sah aus wie einer dieser Privilegierten (was er nicht war), die mit jungenhaftem Charme (davon hatte er ein wenig) und einem Treuhandkonto (hatte er nicht) locker das Leben genossen.

Ich war in einer dieser Sendungen aufgetaucht. Ein Produzent hatte Kontakt zu mir aufgenommen – das war noch ziemlich am Anfang der Berichterstattung gewesen – und behauptet, er wollte »beide Positionen fair nebeneinander stellen«. Er sagte, sie hätten genug Leute, die meinen Bruder lynchen wollten. Um »die Ausgewogenheit« zu gewährleisten, bräuchten sie unbedingt jemanden, der den Leuten ein Bild des »echten Ken« vermitteln könnte.

Ich bin drauf reingefallen.

Eine blond gesträhnte Nachrichtensprecherin mit angenehmem Auftreten hatte mich eine halbe Stunde interviewt. Es hatte mir sogar Spaß gemacht. Ich hatte mir etwas von der Seele geredet. Sie hatte sich bedankt und mich hinausbegleitet. In der Sendung hatten sie dann nur einen winzigen Ausschnitt gebracht, und den auch noch ohne die dazugehörige Frage (»Aber Sie wollen doch nicht sagen, dass Ihr Bruder perfekt war? Sie wollen uns nicht erzählen, dass er ein Heiliger war, oder?«), und sie untermalten meine Worte mit dramatischer Musik, als ich in einer so großen Totale, dass man jede Pore erkennen konnte, antwortete: »Ken war kein Heiliger, Diane.«

Das war jedenfalls die offizielle Version dessen, was damals geschehen war.

Ich habe es nie geglaubt. Ich will nicht sagen, dass es absolut ausgeschlossen ist. Aber ich glaube an ein viel wahrscheinlicheres Szenario: Meiner Ansicht nach ist mein Bruder tot – und zwar seit elf Jahren.

Vor allem war auch meine Mutter immer der Ansicht, dass Ken tot ist. Sie war sich sicher. Für sie gab es keinen Zweifel. Ihr Sohn war kein Mörder. Ihr Sohn war ein Opfer.

»Er lebt … Er hat’s nicht getan.«

Die Haustür der Millers wurde geöffnet. Mr Miller trat heraus. Er schob seine Brille auf die Stirn. Dann stemmte er in einer jämmerlichen Kopie der Supermann-Pose die Fäuste in die Hüften.

»Mach, dass du hier wegkommst, Will«, sagte Mr Miller zu mir.

Und das tat ich dann auch.

Der nächste Schock traf mich eine Stunde später.

Ich war mit Sheila oben im Schlafzimmer meiner Eltern. Solange ich mich erinnern kann, haben in diesem Zimmer dieselben verblichenen grauen Möbel mit der blauen Zierleiste gestanden. Wir saßen auf dem Doppelbett mit der durchgelegenen Matratze. Die persönlichsten Habseligkeiten meiner Mutter – das, was sie in ihren Nachttisch-Schubladen aufbewahrte – hatten wir auf der Bettdecke verteilt. Mein Vater starrte unten weiter trotzig aus dem Erkerfenster.

Ich weiß nicht, warum ich mir die Dinge ansehen wollte, die für meine Mutter so bedeutungsvoll gewesen waren, dass sie sie so nah bei sich aufbewahrt hatte. Ich wusste, dass es mir wehtun würde. Es besteht eine seltsame Verbindung zwischen Trost und dem Schmerz, den man sich selbst zufügt, das ist ein Zugang zur Trauerarbeit, bei dem man allerdings mit dem Feuer spielt. Ich glaube, ich konnte einfach nicht anders.

Ich betrachtete Sheilas hübsches Gesicht – sie hatte den Kopf etwas schief gelegt und konzentrierte sich mit gesenktem Blick auf die Gegenstände – und spürte, wie mir das Herz überging. Es mag eigenartig klingen, aber ich konnte Sheila stundenlang ansehen. Es war nicht allein ihre Schönheit – eine Schönheit im klassischen Sinne war sie sowieso nicht, ihre Züge waren alle etwas verrutscht, was entweder ererbt oder, wie ich eher vermutete, auf ihre undurchsichtige Vergangenheit zurückzuführen war –, aber ihr Gesicht war so lebhaft, so wissbegierig und dabei so zart, als könnte ein einziger weiterer Schlag sie irreparabel zerstören. Ich wollte – entschuldigen Sie, ich kann nicht anders – ihr Held sein.

Ohne aufzublicken lächelte Sheila kurz und sagte: »Hör auf damit.«

»Ich mach doch gar nichts.«

Schließlich sah sie mich an und bemerkte meinen Gesichtsausdruck. »Was ist?«, fragte sie.

Ich zuckte die Achseln. »Du bist meine Welt«, sagte ich nur.

»Du bist auch ’ne ziemlich heiße Nummer.«

»Ja«, sagte ich. »Ja, stimmt natürlich.«

Sie tat kurz, als wollte sie mich schlagen. »Du weißt, dass ich dich liebe.«

»Alles andere wäre auch unerklärlich.«

Sie verdrehte die Augen. Dann konzentrierte sie sich wieder auf die Sachen auf dem Bett. Ihr Gesicht wurde still.

»Woran denkst du?«, fragte ich.

»An deine Mutter«, sagte Sheila lächelnd. »Ich mochte sie wirklich gern.«

»Schade, dass du sie nicht vorher schon gekannt hast.«

»Finde ich auch.«

Wir fingen an, die eingeschweißten vergilbten Zeitungsausschnitte durchzusehen. Geburtsanzeigen – Melissas, Kens, meine. Die Artikel über Kens Erfolge im Tennis. Seine Trophäen, die vielen winzigen Bronzefiguren in der Aufschlagbewegung, standen immer noch in seinem alten Schlafzimmer. Auch ein paar Fotos dazwischen, meist ältere – von vor dem Mord. Sunny. Meine Mutter hatte diesen Spitznamen schon seit ihrer Kindheit gehabt. Er passte zu ihr. Ich fand ein Foto von ihr als Vorsitzende des Elternbeirats. Ich weiß nicht, was sie da gerade machte, aber sie stand mit einem komischen Hut auf einer Bühne, und die anderen Mütter bogen sich vor Lachen. Auf einem anderen Bild war sie auf dem Schul-Jahrmarkt. Sie trug ein Clownskostüm. Sunny war bei meinen Freunden die beliebteste Erwachsene gewesen. Alle freuten sich, wenn sie bei der Fahrgemeinschaft zur Schule an der Reihe war. Und das Klassenpicknick sollte auch immer bei uns zu Haus stattfinden. Sunny war eine coole Mutter, die einem trotzdem nicht auf die Nerven ging. Sie war gerade seltsam genug, vielleicht sogar ein bisschen verrückt, so dass man nie wusste, was sie als Nächstes vorhatte. Wenn meine Mutter in der Nähe war, lag immer eine gewisse Spannung in der Luft – ein Knistern, wenn man so will.

Wir beschäftigten uns über zwei Stunden lang mit den Sachen. Sheila ließ sich Zeit und betrachtete jedes Bild nachdenklich. Dann musterte sie eins genauer. Sie kniff die Augen zusammen und fragte: »Wer ist das?«

Sie reichte mir das Foto. Links stand meine Mutter in einem fast schon obszönen gelben Bikini; ich würde sagen 1972er-Stil, und sehr kurvenreich. Sie hatte den Arm um einen fröhlich lächelnden kleinen Mann mit dunklem Schnurrbart gelegt.

»König Hussein«, sagte ich.

»Wie bitte?«

Ich nickte.

»Der mit dem Königreich Jordanien?«

»Ja. Mom und Dad sind ihm im Fontainebleau in Miami begegnet.«

»Und?«

»Und Mom hat ihn gefragt, ob er sich mit ihr fotografieren lässt.«

»Das ist nicht dein Ernst.«

»Den Beweis hältst du in der Hand.«

»Hatte er keine Leibwächter oder so?«

»Vielleicht sah sie nicht aus, als wäre sie bewaffnet.«

Sheila lachte. Ich weiß noch, wie Mom mir von dem Zusammentreffen erzählt hatte. Wie sie sich neben König Hussein in Pose gestellt hatte, wie Dads Fotoapparat nicht funktioniert hatte, und wie der vor sich hin gemurmelt und hektisch daran herumgefummelt hatte, während sie ihn mit Blicken zur Eile drängte und der König geduldig daneben stand, und wie sein Sicherheitschef schließlich die Kamera geprüft, den Fehler behoben und sie meinem Dad zurückgegeben hatte.

Meine Mutter. Sunny.

»Sie war bezaubernd«, sagte Sheila.

Es klingt vielleicht wie ein Klischee, wenn ich behaupte, dass ein Teil von ihr starb, als Julie Millers Leiche entdeckt wurde, doch das Interessante an Klischees ist, dass sie oft hundertprozentig zutreffen. Das Knistern, das meine Mutter umgeben hatte, ließ nach und verstummte schließlich ganz. Als sie von dem Mord hörte, bekam sie keine Wutanfälle oder weinte hysterisch. Vielleicht wäre das besser gewesen. Meine vorher so impulsive Mutter war plötzlich beängstigend ausgeglichen. Ihr ganzes Verhalten wurde flach, monoton – leidenschaftslos ist wohl das beste Wort –, was bei einem Menschen wie ihr quälender anzusehen war als die absurdesten Totenklagen.

Es klingelte. Ich sah aus dem Schlafzimmerfenster und erkannte den Lieferwagen von Eppes-Feinkost. Fast Food für Trauernde. In seiner Fürsorglichkeit hatte Dad viel zu viele kalte Platten bestellt. Selbsttäuschung bis zum letzten Tag. Er harrte in diesem Haus aus wie der Kapitän der Titanic. Ich erinnere mich noch daran, als das Fenster kurz nach dem Mord zum ersten Mal mit einem Schrotgewehr zerschossen worden war – wie er starrsinnig mit der Faust gedroht hatte. Mom wollte, glaube ich, wegziehen. Für Dad kam das nicht in Frage. In seinen Augen wäre ein Umzug einer Kapitulation gleichgekommen. Das Eingeständnis der Schuld ihres Sohnes. Ein Umzug wäre Verrat gewesen. Dumm.

Sheila sah mich an. Ich konnte die Wärme, die von ihr ausging, fast auf der Haut spüren, wie einen Sonnenstrahl, und einen Augenblick lang badete ich darin. Wir hatten uns vor ungefähr einem Jahr bei der Arbeit kennen gelernt. Ich bin Senior Director des Covenant House an der 41st Street in New York City. Wir sind eine Wohltätigkeitsorganisation, die jungen Ausreißern hilft, auf der Straße zu überleben. Sheila hatte sich als freiwillige Helferin gemeldet. Sie stammte aus einem Dorf in Idaho, aber das Mädchen vom Lande sah man ihr kaum noch an. Sie erzählte mir, dass sie vor vielen Jahren auch von zu Hause abgehauen war. Mehr verriet sie nicht über ihre Vergangenheit.

»Ich liebe dich«, sagte ich.

»Alles andere wäre auch unerklärlich«, erwiderte sie.

Ich verdrehte nicht die Augen. Sheila war bis zum Schluss gut zu meiner Mutter gewesen. Sie war mit dem Stadtbus von Port Authority zur Northfield Avenue gefahren und von dort zu Fuß zum St. Barnabas Medical Center gegangen. Vor ihrer Krankheit war meine Mutter das letzte Mal im St. Barnabas gewesen, als sie mich zur Welt gebracht hat. Wahrscheinlich konnte man darin etwas Ergreifendes über den Kreislauf des Lebens erkennen, das interessierte mich im Augenblick allerdings wenig.

Aber ich hatte gesehen, wie Sheila mit meiner Mutter umgegangen war. Und ich fragte mich, wie es um sie stand. Ich riskierte es.

»Du solltest deine Eltern anrufen«, sagte ich leise.

Sheila sah mich an, als hätte ich ihr ins Gesicht geschlagen. Sie stand auf.

»Sheila?«

»Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, Will.«

Ich nahm einen kleinen Bilderrahmen mit einem Foto meiner braun gebrannten Eltern in die Hand. »Wieso nicht?«

»Du weißt nichts über meine Eltern.«

»Dann kannst du mir ja mal was von ihnen erzählen«, erwiderte ich.

Sie wandte mir den Rücken zu. »Du hast doch mit Ausreißern gearbeitet«, sagte sie.

»Und?«

»Du weißt, wie furchtbar das oft ist.«

Das stimmte. Wieder dachte ich an ihre leicht verrutschten Gesichtszüge – zum Beispiel die Nase mit dem verräterischen Höcker – und probierte es trotzdem noch einmal. »Ich weiß auch, dass es oft noch schlimmer ist, wenn man nicht darüber redet.«

»Ich habe darüber geredet, Will.«

»Nicht mir mir.«

»Du bist nicht mein Therapeut, Will.«

»Ich bin der Mann, den du liebst.«

»Ja.« Sie sah mich an. »Aber nicht jetzt, okay? Bitte.«

Darauf konnte ich nichts entgegnen, aber vielleicht hatte sie Recht. Ich spielte abwesend am Fotorahmen herum. Da geschah es.

Das Foto im Rahmen verrutschte etwas.

Ich sah es an. Dahinter kam ein anderes Bild zum Vorschein. Ich schob das obere Bild noch etwas weiter zur Seite. Auf dem unteren Foto erschien eine Hand. Ich versuchte, das obere noch etwas weiter zu verschieben, doch es ging nicht. Ich drehte den Rahmen um und öffnete die Klammern an der Rückseite. Sie fielen aufs Bett. Zwei Fotos segelten hinterher.

Eins – das obere – war das meiner Eltern auf der Kreuzfahrt. Sie wirkten glücklich, gesund und so entspannt, wie ich mich kaum noch an sie erinnern kann. Mir jedoch stach das zweite, versteckte Foto ins Auge.

Der rote Stempel am unteren Rand zeigte ein Datum, das noch keine zwei Jahre alt war. Das Bild war auf einem Feld oder an einem Hang oder so etwas Ähnlichem aufgenommen worden. Im Hintergrund waren keine Häuser zu sehen, nur schneebedeckte Berge – fast wie in der Eröffnungsszene von The Sound of Music. Der Mann auf dem Bild trug Shorts, einen Rucksack, eine Sonnenbrille und abgewetzte Wanderschuhe. Ich kannte das Lächeln. Ich kannte auch das Gesicht, obwohl es jetzt mehr Falten hatte. Die Haare waren länger. Im Bart sah man graue Strähnen. Trotzdem bestand kein Zweifel.

Der Mann auf dem Foto war mein Bruder Ken.

2

Mein Vater saß allein auf der Veranda. Es war Nacht geworden. Reglos starrte er in die Dunkelheit. Als ich hinter ihn trat, packte mich eine bittere Erinnerung.

Rund vier Monate nach Julies Ermordung hatte ich meinen Vater im Keller gesehen. Genau wie jetzt hatte er mir den Rücken zugewandt. Er dachte, er wäre allein im Haus. In der rechten Hand hielt er seine .22er Ruger. Er umfasste die Pistole sanft, wie ein kleines Tier. Nie zuvor hatte ich solche Angst verspürt. Ich war vollkommen erstarrt. Er konzentrierte sich ganz auf die Pistole. Nach einigen langen Minuten schlich ich auf Zehenspitzen die Treppe hinauf und tat, als wäre ich gerade ins Haus gekommen. Als ich die Treppe hinunterstapfte, war die Waffe verschwunden.

Eine Woche lang war ich meinem Vater nicht von der Seite gewichen.

Jetzt schlüpfte ich durch die Glasschiebetür. »Hey«, sagte ich zu ihm.

Er fuhr herum, während sich auf seinem Gesicht bereits ein freundliches Lächeln ausbreitete. Das hatte er immer für mich parat. »Hey, Will«, sagte er, und seine mürrische Stimme wurde sanft. Dad freute sich immer, seine Kinder zu sehen. Vor jenen Ereignissen war mein Vater recht beliebt gewesen. Die Leute hatten ihn gemocht. Er war freundlich und zuverlässig, wenn auch manchmal ein bisschen bärbeißig, wodurch er aber eigentlich nur noch verlässlicher wirkte. Doch selbst wenn mein Vater jemanden anlächelte, interessierte er sich doch nicht die Bohne für ihn. Seine Welt war die Familie. Alle anderen Menschen waren ihm egal. Das Leid von Fremden und selbst von Freunden ging ihm nicht wirklich nah – für ihn drehte sich alles um seine Familie.

Ich saß neben ihm im Sessel und wusste nicht, wie ich das Thema ansprechen sollte. Ich holte ein paar Mal tief Luft und hörte, wie er dasselbe tat. In seiner Nähe fühlte ich mich unglaublich sicher. Auch wenn er älter war und mehr Falten hatte und ich inzwischen größer und kräftiger war als er, wusste ich doch, dass er immer noch für mich eintreten und sich für mich in die Bresche werfen würde, wenn ich in Schwierigkeiten geraten sollte.

Und dass ich immer noch einen Rückzieher machen und ihn gewähren lassen würde.

»Ich muss den Ast zurückschneiden«, sagte er und deutete in die Dunkelheit.

Ich sah ihn nicht. »Ja«, sagte ich.

Das Licht aus dem Spalt über der Schiebetür fiel auf sein Profil. Seine Wut war verraucht, und er wirkte erschöpft. Manchmal glaube ich, dass er tatsächlich versucht hat, für Ken einzutreten und sich für ihn in die Bresche zu werfen, als Julie ermordet worden war, dass er es jedoch nicht verkraftet hat. Ich sah in seinen Augen immer noch die schmerzliche Überraschung eines Menschen, dem man ohne Vorwarnung in den Unterleib getreten hatte, und der nicht wusste, warum.

»Alles klar?«, fragte er. Seine übliche Gesprächseröffnung.

»Mir geht’s gut. Na ja, gut nicht, aber …«

Dad unterbrach mich mit einer Geste. »Ja, war ’ne dumme Frage«, sagte er.

Wieder schwiegen wir. Dad zündete sich eine Zigarette an. Er hatte sonst nicht zu Hause geraucht. Die Gesundheit der Kinder und so. Er nahm einen Zug und dann, als wäre es ihm plötzlich wieder eingefallen, sah er mich an und drückte sie aus.

»Schon okay«, sagte ich.

»Ich habe mit deiner Mutter abgemacht, dass ich nie zu Hause rauche.«

Ich ließ ihn gewähren, dann stürzte ich mich ins Gefecht. »Vor ihrem Tod hat Mom mir was erzählt.«

Er sah mich an.

»Sie hat gesagt, dass Ken noch lebt.«

Einen kurzen Augenblick lang erstarrte Dad. Dann entspannte er sich wieder und sagte traurig lächelnd: »Das waren die Medikamente, Will.«

»Das habe ich auch gedacht«, sagte ich. »Zu Anfang.«

»Und jetzt?«

Ich sah ihm ins Gesicht, suchte nach irgendwelchen Anzeichen dafür, dass er mich belog. Natürlich hatte es Gerüchte gegeben. Ken war nicht reich. Viele fragten sich, wie er es sich hätte leisten können, so lange unterzutauchen. Meine bisherige Antwort war natürlich gewesen, dass er nicht untergetaucht, sondern in jener Nacht umgekommen war. Andere, vielleicht die meisten, glaubten jedoch, dass meine Eltern ihm irgendwie Geld zukommen ließen.

Ich zuckte die Achseln. »Ich frag mich bloß, warum sie das nach so vielen Jahren sagt.«

»Die Medikamente«, wiederholte er. »Außdem lag sie im Sterben, Will.«

Der zweite Teil der Antwort schien so viel auszudrücken, dass ich ihn einen Augenblick lang im Raum stehen ließ. Dann fragte ich: »Glaubst du, dass Ken noch lebt?«

»Nein«, sagte er. Und dann blickte er zur Seite.

»Hat Mom irgendetwas zu dir gesagt?«

»Über deinen Bruder?«

»Ja.«

»So ziemlich das, was du eben erzählt hast«, sagte er.

»Dass Ken lebt.«

»Ja.«

»Sonst noch was?«

Dad zuckte die Achseln. »Sie hat gesagt, dass er Julie nicht umgebracht hat. Und dass er jetzt schon zurück wäre, aber erst noch was erledigen muss.«

»Was muss er erledigen?«

»Sie hat wirres Zeug geredet, Will.«

»Hast du sie gefragt?«

»Natürlich, aber sie hat einfach weiter vor sich hin gemurmelt. Sie hat mich nicht mehr verstanden. Ich habe sie beruhigt und ihr gesagt, dass schon alles in Ordnung kommt.«

Wieder blickte er zur Seite. Ich überlegte, ob ich ihm das Foto von Ken zeigen sollte, entschied mich aber dagegen. Ich musste erst einmal in Ruhe darüber nachdenken, bevor ich ihn da mit hineinzog.

»Ich hab ihr gesagt, dass alles in Ordnung kommt«, wiederholte er.

Durch die Glastür sah ich einen Foto-Würfel mit alten, gelbgrün verblichenen Bildern. Neuere Fotos gab es im Zimmer nicht. Unser Haus war seit elf Jahren in einer Zeitschleife gefangen, wie in dem alten Lied, wo die Standuhr stehen bleibt, als der alte Mann stirbt. »Ich bin gleich wieder da«, sagte Dad.

Ich sah ihm nach, als er aufstand und so weit ging, bis er sich außer Sicht glaubte. Aber ich sah seine Silhouette in der Dunkelheit. Ich sah, wie er den Kopf senkte. Seine Schultern fingen an zu zucken. Ich glaube nicht, dass ich meinen Vater je weinen gesehen hatte. Ich wollte jetzt nicht damit anfangen.

Ich wandte mich ab und dachte an das andere Foto, das von meinen Eltern auf der Kreuzfahrt, auf dem sie braun gebrannt und glücklich aussahen, und fragte mich, ob er vielleicht auch daran dachte.

Als ich spätnachts aufwachte, lag Sheila nicht im Bett.

Ich setzte mich auf und horchte. Nichts. Jedenfalls nicht in der Wohnung. Ich hörte das vertraute nächtliche Summen des Straßenverkehrs drei Stockwerke unter uns. Ich blickte zum Bad hinüber. Das Licht war aus. Alle Lichter in der Wohnung waren aus.

Ich überlegte, ob ich sie rufen sollte, doch die Stille hatte etwas Zerbrechliches an sich, so zart wie eine Seifenblase. Ich glitt aus dem Bett. Meine Füße berührten den Teppichboden, den man in Mietshäusern verlegen muss, um die Geräusche von oben und unten zu dämpfen.

Die Wohnung war nicht groß. Sie hatte nur ein Schlaf- und ein Wohnzimmer. Ich tappte zum Wohnzimmer und sah hinein. Da war Sheila. Sie saß auf der Fensterbank und blickte auf die Straße hinunter. Ich starrte ihren Rücken an, den Schwanenhals, die wunderbaren Schultern und die Art, wie ihre Haare auf die weiße Haut fielen, und wieder ging mir das Herz über. Unsere Beziehung hatte das Anfangsstadium noch nicht ganz überwunden, die Gott-ist-das-Leben-nicht-wunderbar-Phase, in der man nicht genug voneinander bekommen kann, dieses faszinierende Kribbeln im Bauch, wenn man durch den Park läuft, um sie zu sehen. Ein Gefühl, von dem man einfach weiß,dass es sich bald in etwas anderes, Tieferes und Bedeutsameres verwandeln wird.

Ich war erst einmal verliebt gewesen. Und das war sehr lange her.

»Hey«, sagte ich.

Sie drehte den Kopf nur ein wenig, aber es reichte. Tränen liefen ihre Wangen hinab. Sie glitzerten im Mondschein. Sheila gab keinen Laut von sich – kein Wimmern oder Schluchzen und ihre Brust bewegte sich nicht. Nur die Tränen. Ich stand in der Tür und wusste nicht, was ich tun sollte.

»Sheila?«

Bei unserer zweiten Verabredung hatte Sheila mir einen Kartentrick vorgeführt. Ich musste zwei Karten aussuchen und sie mitten in ein Kartenspiel hineinstecken, während sie wegsah. Dann hatte sie das ganze Spiel mit Ausnahme meiner beiden Karten auf den Boden geworfen. Sie hatte breit gelächelt, nachdem sie diesen Trick vorgeführt hatte, und mir die beiden Karten zur Prüfung vorgehalten. Ich hatte ihr Lächeln erwidert. Es war – wie soll man es sagen – albern? Sheila war oft albern. Sie mochte Kartentricks, Kirschsirup und Boygroups. Sie sang Opernarien, war ein absoluter Bücherwurm und weinte bei Werbespots für Hallmark-Glückwunschkarten. Ihre Imitation von Homer Simpson und Mr Burns war fantastisch, ihr Smithers und ihr Apu fielen allerdings etwas ab. Vor allem aber tanzte Sheila gern. Sie schloss die Augen, legte den Kopf auf meine Schulter und versank.

»Tut mir Leid, Will«, sagte Sheila, ohne sich umzudrehen.

»Was denn?«, fragte ich.

Sie sah weiter aus dem Fenster. »Geh wieder ins Bett. Ich komm in ein paar Minuten nach.«

Ich wollte bei ihr bleiben und sie beruhigen. Doch ich tat es nicht. Ich kam im Moment nicht an sie heran. Irgendetwas hatte sie von mir weggezogen. Worte oder Handlungen wären bestenfalls überflüssig, wenn nicht gar schädlich. Das redete ich mir zumindest ein. Also machte ich einen Riesenfehler. Ich ging wieder ins Bett und wartete.

Aber Sheila kam nicht zurück.

3

Las Vegas, Nevada

Morty Meyer lag auf dem Rücken in seinem Bett und schlief tief und fest, als er die Mündung der Pistole auf seiner Stirn spürte.

»Aufwachen«, sagte eine Stimme.

Morty riss die Augen auf. Das Schlafzimmer lag im Dunkeln. Er wollte den Kopf heben, doch die Pistole drückte ihn nach unten. Er wandte den Blick in Richtung des Radioweckers auf dem Nachttisch. Aber da stand kein Wecker. Jetzt fiel ihm ein, dass er seit Jahren keinen mehr hatte. Seit Leahs Tod. Seit er das Kolonialstil-Haus mit den vier Schlafzimmern verkauft hatte.

»Hey, ihr kriegt das Geld«, sagte Morty. »Das wisst ihr doch.«

»Aufstehen.«

Der Mann nahm die Pistole weg. Morty hob den Kopf. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte er, dass der Mann einen Schal ums Gesicht gebunden hatte.

Morty musste an die Radiosendung The Shadow aus seiner Kindheit denken. »Was wollen Sie?«

»Ich brauche deine Hilfe, Morty.«

»Kennen wir uns?«

»Steh auf.«

Morty gehorchte. Er schwang die Beine aus dem Bett. Als er sich erhob, drehte sich alles um ihn. Er geriet ins Stolpern – er war genau in der Phase, wo der Alkoholrausch langsam abklingt und der Kater düster wie ein nahender Sturm am Horizont aufzieht.

»Wo ist deine Arzttasche?«, fragte der Mann.

Morty entspannte sich. Darum ging es also. Er suchte sein Gegenüber nach einer Wunde ab, doch es war zu dunkel. »Geht’s um Sie?«, fragte er.

»Nein. Sie ist im Keller.«

Sie?

Morty griff unters Bett und zog seine lederne Arzttasche hervor. Sie war alt und abgewetzt. Seine Initialen, die früher in Gold geglänzt hatten, waren längst verschwunden. Der Reißverschluss ließ sich nicht mehr richtig schließen. Leah hatte sie ihm vor über vierzig Jahren gekauft, als er seinen Abschluss an der Columbia Medical School gemacht hatte. Dann hatte er über dreißig Jahre als Internist in Great Neck gearbeitet. Gemeinsam hatten sie drei Söhne großgezogen. Und jetzt, kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag, wohnte er hier in diesem winzigen Loch und schuldete praktisch jedem Geld oder irgendeinen Gefallen.

Spielen. Das war Mortys Lieblingslaster. Jahrelang hatte er seine Spielsucht verbergen können, hatte sich mit den bösen Geistern in seinem Inneren verbrüdert und sie doch im Zaum halten können. Schließlich waren sie dann doch übermächtig geworden. Wie immer. Manche hatten behauptet, Leah sei sein Gegengift gewesen. Vielleicht stimmte das ja. Doch als sie gestorben war, hatte er keinen Grund zum Kämpfen mehr gehabt. Er hatte sich von den bösen Geistern erobern lassen, und sie hatten ihr Bestes gegeben.

Morty hatte alles verloren, einschließlich seiner Approbation. Er war nach Westen gezogen, in dieses Dreckloch. Er spielte fast jeden Abend. Seine Jungs – sie waren alle erwachsen und hatten selbst Familien – riefen ihn nicht mehr an.

Sie gaben ihm die Schuld am Tod ihrer Mutter. Sie sagten, seinetwegen sei sie vor der Zeit gealtert. Wahrscheinlich hatten sie Recht.

»Beeil dich«, sagte der Mann.

»Okay.«

Sie gingen die Kellertreppe hinunter. Morty sah, dass unten das Licht brannte. Das Gebäude, seine schäbige neue Bleibe, hatte vorher einem Bestattungsunternehmer gehört. Morty hatte die Wohnung im Erdgeschoss gemietet. Dadurch konnte er den Keller mitbenutzen – in dem man damals die Leichen aufbewahrt und einbalsamiert hatte.

In der hinteren Kellerecke stand eine rostige Spielplatzrutsche. Damit hatte man damals die Leichen in den Keller geschafft  – Park and Slide. Die Wände waren gefliest, aber viele Fliesen waren gesprungen oder abgefallen. Um Wasser aus dem Hahn zu bekommen, brauchte man eine Zange. Die meisten Schranktüren fehlten. Aber der Geruch der Toten lag immer noch im Raum wie ein alter Geist, der dazu verdammt war, weiter hier zu spuken.

Die Verletzte lag auf einem Stahltisch. Morty sah sofort, dass es nicht gut um sie stand. Er sah den Mann an.

»Hilf ihr«, sagte der.

Sein Ton gefiel Morty nicht. Die Stimme klang wütend, vor allem aber lag nackte Verzweiflung darin, so dass sie in erster Linie flehentlich erschien. »Das sieht nicht gut aus«, meinte Morty.

Der Mann drückte Morty die Pistole auf die Brust. »Wenn sie stirbt, stirbst du auch.«

Morty schluckte. Das war deutlich. Er trat an den Operationstisch. Im Lauf der Jahre hatte er hier unten viele Männer behandelt – aber dies war die erste Frau. Damit verdiente er sich seinen kläglichen Lebensunterhalt. Flicken ohne Fragen.

Wenn jemand mit einer Schuss- oder Stichwunde in eine Notaufnahme kam, war der Arzt gesetzlich verpflichtet, dies der Polizei zu melden. Also kamen viele lieber in Mortys Behelfslazarett.

Er versuchte sich an die Erste-Hilfe-Lektionen an der Uni zu erinnern. Das ABC, wenn man so will – Atemwege frei machen, nötigenfalls Beatmen, Circulation – auch Kreislauf genannt – prüfen und nötigenfalls in Gang bringen. Ihr Atem ging schwer und rasselnd.

»Haben Sie ihr das angetan?«

Der Mann antwortete nicht.

Morty tat, was er konnte. Eigentlich war es nur Flickwerk. Stabilisieren, dachte er. Und wenn sie stabil ist, sofort raus mit ihr.

Als er fertig war, nahm der Mann sie behutsam auf die Arme. »Wenn Sie irgendwas erzählen …«

»Das hör ich nicht zum ersten Mal.«

Der Mann trug die Frau hinaus. Morty blieb im Keller. Seine Nerven waren vom übereilten Aufstehen gereizt. Er seufzte und entschloss sich, wieder ins Bett zu gehen. Doch bevor er die Treppe hinaufging, machte Morty Meyer einen entscheidenden Fehler.

Er sah aus dem Fenster.

Der Mann trug die Frau zum Wagen. Vorsichtig, beinahe zärtlich, legte er sie auf den Rücksitz. Morty beobachtete ihn. Und dann sah er eine Bewegung.

Er kniff die Augen zusammen. Ein Schauder erfasste seinen ganzen Körper.

Noch ein Mitfahrer.

Auf dem Rücksitz saß noch ein Mitfahrer. Ein Mitfahrer, der hier absolut nichts zu suchen hatte. Instinktiv griff Morty nach dem Telefon, aber noch ehe er den Hörer abgenommen hatte, hielt er inne. Wen sollte er anrufen? Was sollte er sagen?

Morty schloss die Augen und kämpfte gegen den Drang an, etwas zu unternehmen. Er schleppte sich die Treppe hinauf, kroch wieder ins Bett und zog die Decke über sich. Dann starrte er ins Leere und versuchte, das Gesehene zu vergessen.

4

Die Nachricht, die Sheila mir hinterlassen hatte, war kurz und lieb:

Ich werde dich immer lieben.

S

Sie war nicht ins Bett gekommen. Ich nehme an, sie hat die ganze Nacht aus dem Fenster gesehen. Es war still gewesen, bis ich um fünf Uhr morgens gehört hatte, wie sie die Wohnung verließ. Für sie war das keine so ungewöhnliche Zeit. Sheila war Frühaufsteherin – eine von denen, die mich an den alten Army- Werbespot erinnern, in dem es heißt, dass man vor neun Uhr morgens mehr erledigt hat, als die meisten Menschen am ganzen Tag tun. Sie kennen diese Typen: In ihrer Gegenwart kommt man sich vor wie ein Faulenzer, und trotzdem liebt man sie dafür.

Sheila hatte mir einmal – und nur dieses eine Mal – erzählt, dass sie immer so früh aufstand, weil sie früher auf der Farm gearbeitet hatte. Als ich mich nach Einzelheiten erkundigte, hatte sie sofort wieder dichtgemacht. Die Vergangenheit lag hinter einer klar definierten Linie. Überschritt man diese Linie, so geschah das auf eigene Gefahr.

Ich war eher überrascht von ihrem Verhalten, als dass ich mir Sorgen gemacht hätte.

Ich duschte und zog mich an. Das Foto meines Bruders lag in der Schreibtischschublade. Ich nahm es heraus und studierte es ausgiebig. Ich verspürte eine große Leere in der Brust. In meinem Kopf drehte sich alles – trotzdem überwog ein ziemlich grundsätzlicher Gedanke:

Ken hatte es geschafft.

Jetzt fragen Sie sich vielleicht, warum ich all die Jahre so fest davon überzeugt gewesen war, dass Ken tot ist. Zum Teil war es die gute alte Intuition in Verbindung mit törichter Hoffnung. Ich liebte meinen Bruder. Und ich kannte ihn. Ken war nicht perfekt. Ken war reizbar und liebte Konfrontationen. Ken war in irgendeine finstere Geschichte verwickelt. Aber Ken war kein Mörder. Da war ich mir sicher.

Aber die Klein’sche Familientheorie beruhte nicht nur auf diesem absurden gemeinsamen Glauben. Erstens, wie hätte Ken eine solche Flucht überstehen sollen? Er hatte nur achthundert Dollar auf der Bank gehabt. Woher hätte er die Mittel bekommen, einer internationalen Fahndung zu entgehen? Und warum hätte er Julie umbringen sollen? Warum hatte er in den letzten elf Jahren keinen Kontakt zu uns aufgenommen? Warum war er bei seinem letzten Besuch so nervös gewesen? Warum hatte er zu mir gesagt, er sei in Gefahr? Und warum, fragte ich mich rückblickend, hatte ich ihn nicht gedrängt, mir mehr zu erzählen?

Aber das Belastendste – oder, je nach Standpunkt, Ermutigendste  – war das Blut, das am Tatort gefunden worden war. Ein Teil davon war Kens Blut. Ein großer Fleck im Keller und eine Spur kleiner Tropfen, die die Treppe hinauf nach draußen führte. Und später hatten sie in einem Strauch im Garten der Millers noch einen Blutfleck entdeckt. Die Theorie der Familie Klein lautete, dass der echte Mörder Julie umgebracht und meinen Bruder schwer verletzt hatte. Die der Polizei war einfacher: Julie hatte sich gewehrt.

Es gab noch ein weiteres Argument, das die Familientheorie stützte – allerdings hatte es direkt mit mir zu tun, und deshalb nahm es wohl niemand so richtig ernst.

Ich hatte in jener Nacht einen Mann um das Haus der Millers herumschleichen sehen.

Wie schon gesagt, hatten die Behörden und die Presse das als ziemlich nebensächlich abgetan – ich hätte schließlich ein persönliches Interesse daran, die Unschuld meines Bruders zu beweisen  –, trotzdem ist es wichtig, wie wir auf unsere Theorie gekommen sind. Unsere Familie hatte schließlich die Wahl. Wir konnten akzeptieren, dass mein Bruder grundlos eine hübsche junge Frau umgebracht hatte und dann ohne ersichtliches Einkommen elf Jahre lang untergetaucht war (und zwar – vergessen Sie das nicht – trotz umfangreicher Medienberichterstattung und einer intensiven polizeilichen Fahndung) – oder wir konnten glauben, dass er einvernehmlichen Geschlechtsverkehr mit Julie Miller gehabt hatte (in diesem Punkt war die Beweislage eindeutig), und dass derjenige, der ihm solche Schwierigkeiten bereitet und solche Angst eingejagt hatte, und der womöglich auch in jener Nacht um das Haus in der Coddington Terrace herumgeschlichen war, ihm den Mord in die Schuhe geschoben und dafür gesorgt hatte, dass seine Leiche nie gefunden wurde.

Ich behaupte nicht, dass alles perfekt zusammenpasste. Aber wir kannten Ken. Das, was sie ihm unterstellten, hatte er sicher nicht getan. Wie also sollte das Ganze sonst abgelaufen sein?

Manche Menschen hielten unsere Theorie für plausibel, die meisten davon waren allerdings ganz wild auf Verschwörungstheorien  – die gleichen Leute, die auch glauben, dass Elvis und Jimi Hendrix zusammen in irgendwelchen Clubs auf den Fidschi-Inseln jammen. Wenn ihre Thesen in den Fernsehberichten überhaupt einmal zur Sprache kamen, wurden sie so ironisch vorgebracht, dass man den Fernseher geradezu grinsen sah. Mit der Zeit hatte ich aufgehört, öffentlich für Ken einzutreten. Es mag etwas selbstsüchtig klingen, aber ich war zu dem Schluss gekommen, dass ich mein eigenes Leben führen musste. Ich wollte meinen eigenen Weg gehen und nicht nur als Bruder eines flüchtigen Mörders bekannt sein.

Die Entscheidungsträger bei Covenant House hatten mich mit Sicherheit nur unter größten Bedenken eingestellt. Wer wollte ihnen das zum Vorwurf machen? Obwohl ich Senior Director bin, erscheint mein Name nicht auf dem Briefkopf. Bei Benefizveranstaltungen halte ich mich im Hintergrund. Ich trete fast nie öffentlich in Erscheinung. Und eigentlich bin ich ganz zufrieden damit.

Wieder betrachtete ich das Bild des Mannes, den ich so gut kannte und der mir doch gänzlich unbekannt war.

Hatte meine Mutter mich von Anfang an belogen?

Hatte sie Ken heimlich unterstützt, während sie meinem Vater und mir erzählte, dass sie ihn für tot hielt? Wenn ich darüber nachdenke, war meine Mutter eigentlich immer die stärkste Verfechterin der Ken-ist-tot-These gewesen. Hatte sie ihm die ganze Zeit heimlich Geld zukommen lassen? Hatte Sunny von Anfang an gewusst, wo er war?

Darüber musste ich nachdenken.

Ich löste meinen Blick von dem Foto und öffnete den Küchenschrank. Ich hatte bereits entschieden, heute Morgen nicht nach Livingston zu fahren – ich hätte schreien können bei dem Gedanken, noch einen Tag in diesem sargähnlichen Haus zu verbringen –, außerdem musste ich wirklich zur Arbeit. Meine Mutter hätte bestimmt nicht nur Verständnis dafür gehabt, sondern mich sogar noch ermuntert. Also machte ich mir eine Schale Golden-Graham-Frühstücksflocken und rief Sheilas Anrufbeantworter im Büro an. Ich sagte ihr, dass ich sie liebte, und bat sie, mich zurückzurufen.

Meine Wohnung – na ja, inzwischen ist es unsere Wohnung – liegt an der Ecke 24th Street und 9th Avenue, ganz in der Nähe des Chelsea Hotel. Die siebzehn Blocks bis zum Covenant House, das an der 41st Street in der Nähe des West Side Highway liegt, gehe ich normalerweise zu Fuß. Vor den großen Säuberungsaktionen an der 42nd Street war diese übel riechende Gegend ein Zentrum schlimmster menschlicher und unmenschlicher Erniedrigungen und damit der ideale Ort für ein Straßenkinderasyl. Die 42nd Street war eine Art Tor zur Hölle gewesen, ein Ort der aberwitzigen brünstigen Vermischung unterschiedlicher Spezies. Pendler und Touristen flanierten an Prostituierten, Drogenhändlern, Zuhältern, Head Shops, Pornoläden und -kinos vorbei und waren am Ende entweder erregt oder wollten dringend unter die Dusche und sich eine große Dosis Penizillin spritzen lassen. Meiner Ansicht nach war die Perversion so schmutzig und beschämend, dass sie einen deprimieren musste. Ich bin ein Mann. Ich habe ähnliche Bedürfnisse und Gelüste wie die meisten Männer, die ich kenne. Aber ich habe nie verstanden, wie jemand die Verdrecktheit zahnloser Crack-Huren mit Erotik verwechseln kann.

In gewisser Weise hat die Säuberung der Stadt unsere Arbeit erschwert. Früher hatte der Rettungsbus von Covenant House seine feste Route. Die Ausreißer trieben sich auf den Straßen herum und waren mit geübtem Blick leicht zu erkennen. Jetzt lief alles versteckter ab. Und was noch schlimmer war, die Stadt an sich war keineswegs sauberer geworden – sie sah nur sauberer aus. Die so genannten anständigen Menschen, die eben erwähnten Pendler und Touristen, standen nicht mehr vor zugeklebten Fenstern mit der Aufschrift Unter 18 Zutritt verboten und vor Ankündigungen von Pornos mit Titeln, die auf Hollywoodfilme anspielten, wie Ein Babe namens Schweinchen oder Fegefeuer der Unterhöschen. Doch solcher Schmutz stirbt nie aus. Er ist wie die Kakerlaken. Er überlebt immer. Er gräbt sich ein und versteckt sich. Ich glaube nicht, dass man ihn ausrotten kann.

Und es hat durchaus Nachteile, den Schmutz zu verstecken. Wenn man ihn sieht, kann man darüber spotten und sich überlegen fühlen. Die Menschen brauchen das. Für manche ist es eine Art Ventil. Ein weiterer Vorteil des sichtbaren Schmutzes: Was wäre Ihnen lieber – ein direkter Angriff von vorne oder eine schlangengleiche Gefahr, die durchs hohe Gras schleicht? Schließlich – aber da gehe ich vielleicht zu sehr ins Detail – kann eine Medaille keine Vorderseite haben, wenn es nicht auch eine Kehrseite gibt, es kann kein Oben ohne Unten geben. Ich weiß nicht einmal genau, ob man Licht ohne Dunkelheit haben kann, Reinheit ohne Schmutz, Gut ohne Böse.

Beim ersten Hupen drehte ich mich nicht um. Schließlich lebe ich in New York City. Hupende Autofahrer zu vermeiden, während man die Straße entlangging, war so aussichtslos wie der Versuch, beim Schwimmen nicht nass zu werden. Also drehte ich mich erst um, als ich die vertraute Stimme hörte. »Hey, du Saftsack!« Der Covenant-House-Kleinbus hielt mit quietschenden Bremsen neben mir. Squares saß am Steuer. Er war allein. Er öffnete das Fenster und riss sich die Sonnenbrille von der Nase.

»Steig ein«, sagte er.

Ich öffnete die Tür und sprang hinein. Der Streetworker-Bus roch nach Zigaretten, Schweiß und ein wenig nach Aufschnitt von den Sandwiches, die wir jeden Abend an die Jugendlichen verteilen. Der Teppichboden wies Flecken in allen Größen und Farben auf. Das Handschuhfach war nur eine leere Höhle, die Sitze waren durchgesessen.

Squares sah auf die Straße. »Was machst du denn hier?«

»Ich geh zur Arbeit.«

»Wieso?«

»Therapie«, sagte ich.

Squares nickte. Er war die ganze Nacht im Bus unterwegs gewesen – ein Racheengel auf der Suche nach Kindern, die er retten konnte. Er sah nicht allzu mitgenommen aus, hatte aber auch von Anfang an nicht unbedingt den frischesten Eindruck gemacht. Seine Haare waren so lang wie die von Aerosmith in den Achtzigern, durch einen Mittelscheitel geteilt und ein wenig fettig. Glattrasiert habe ich ihn wohl noch nie gesehen, er trug aber auch keinen richtigen Bart oder auch nur echte, coolgepflegte Miami Vice-Stoppeln. Die sichtbaren Teile seines Gesichts waren von Aknenarben übersät, seine Arbeitsstiefel so abgestoßen, dass sie fast weiß waren. Seine Jeans sah aus, als wäre eine Büffelherde darüber hinweggetrampelt, und sie war zu weit um die Hüften, wodurch er beim Bücken dieses immer wieder faszinierende Bauarbeiter-Dekolleté präsentierte. Er hatte eine Schachtel Camels in den Ärmel gekrempelt. Seine Zähne waren vom Rauchen dunkelgelb wie ein Ticonderoga-Bleistift.

»Du siehst echt beschissen aus«, meinte er.

»Wenn sogar dir das auffällt«, erwiderte ich, »will das was heißen.«

Das gefiel ihm. Wir nannten ihn Squares, eine Kurzform von Four Squares, wegen der Tätowierung auf seiner Stirn. Es waren, na ja, eben vier Quadrate, zwei mal zwei, sah also genauso aus wie das Four-Squares-Spielfeld, das man manchmal noch auf alten Schulhöfen sieht. Jetzt, wo Squares ein angesagter Yoga-Lehrer mit eigenen Unterrichts-Videos und mehreren Studios war, gingen die meisten Leute davon aus, dass das Tattoo irgendein bedeutsames Hindu-Symbol darstellte. Das ist falsch.

Es war früher mal ein Hakenkreuz gewesen. Er hatte einfach vier Striche ergänzt. Und so mit der ganzen Sache abgeschlossen. Ich konnte mir das nicht recht vorstellen. Von allen Menschen, die ich kenne, ist Squares vermutlich derjenige, der am wenigsten zu vorschnellen Urteilen neigt. Außerdem ist er wahrscheinlich mein bester Freund. Als er mir zum ersten Mal von der Entstehung der vier Quadrate erzählte, war ich perplex und schockiert. Er hat es mir nie erklärt oder versucht, sich zu rechtfertigen, und genau wie Sheila spricht er nie über seine Vergangenheit. Durch andere habe ich ein paar weitere Einzelheiten erfahren. Inzwischen verstehe ich ihn besser.

»Danke für die Blumen«, sagte ich.

Squares antwortete nicht.

»Und fürs Kommen«, ergänzte ich. Er hatte im Bus ein paar Freunde aus dem Covenant House mitgebracht. Sie hatten praktisch den gesamten Teil der Trauergesellschaft ausgemacht, der nicht zur Verwandtschaft gehörte.

»Sunny war ein toller Mensch«, sagte er.

»Ja.«

Nach kurzem Schweigen fuhr Squares fort: »Aber was für ein Scheißabgang.«

»Danke für den Hinweis.«

»Ich meine, großer Gott, wie viele Leute waren denn da?«

»Das ist echt tröstlich, Squares. Vielen Dank, Mann.«

»Du willst getröstet werden? Ich sag dir was: Die Menschen sind Arschlöcher.«

»Warte, ich muss eben Stift und einen Zettel suchen, damit ich mir das aufschreiben kann.«

Stille. Squares hielt vor einer roten Ampel und sah mich an. Seine Augen waren blutunterlaufen. Er wickelte die Zigarettenschachtel aus dem Ärmel. »Willst du drüber reden, was mit dir los ist?«

»Äh, na ja, weißt du, ist erst ein paar Tage her, tja. Meine Mutter ist gestorben.«

»Okay«, sagte er. »Dann halt nicht.«

Die Ampel wurde grün. Der Bus setzte sich wieder in Bewegung. Das Foto meines Bruders schoss mir durch den Kopf. »Squares?«

»Ich höre.«

»Ich glaube«, sagte ich, »dass mein Bruder noch lebt.«

Squares sagte erst einmal gar nichts. Er zog eine Zigarette aus der Schachtel und steckte sie sich in den Mund.

»Was für eine Epiphanie«, sagte er.

»Epiphanie«, wiederholte ich nickend.

»Ich hab Kurse auf der Abendschule gemacht«, sagte er. »Woher dieser plötzliche Sinneswandel?«

Er bog in den kleinen Hof von Covenant House ein. Früher haben wir den Bus auf der Straße geparkt, aber es sind immer wieder Leute eingebrochen und haben darin geschlafen. Natürlich haben wir nicht die Polizei gerufen, aber die Kosten für neue Fenster und aufgebrochene Schlösser wurden mit der Zeit lästig. Nach einer Weile haben wir die Türen nicht mehr abgeschlossen, so dass die Bewohner einfach einsteigen konnten. Morgens klopfte dann derjenige, der als Erster ins Büro kam, an die Tür. Die nächtlichen Bewohner machten sich dann aus dem Staub.

Aber auch damit mussten wir aufhören. Der Bus wurde – ohne dass ich jetzt allzu sehr ins Detail gehen will – zu eklig, um ihn weiterhin nutzen zu können. Obdachlose sind nicht immer appetitliche Menschen. Sie übergeben sich. Sie beschmutzen sich. Oft schaffen sie es nicht rechtzeitig zur Toilette. So viel dazu.

Während ich noch im Bus saß, fragte ich mich, wie ich das Thema angehen sollte. »Ich hab da mal eine Frage.«

Er wartete.

»Du hast mir nie gesagt, was du von der Sache mit meinem Bruder hältst«, sagte ich.

»Ist das die Frage?«

»Eher eine Feststellung. Hier kommt die Frage: Wieso nicht?«

»Wieso ich dir nie gesagt habe, was ich von der Sache mit deinem Bruder halte?«

»Ja.«

Squares zuckte die Achseln. »Du hast mich nie gefragt.«

»Aber wir haben oft darüber geredet.«

Wieder zuckte Squares die Achseln.

»Okay, dann frag ich dich jetzt«, sagte ich. »Hast du geglaubt, dass er noch lebt?«

»Die ganze Zeit.«

Einfach so. »Dann hast du immer, wenn ich Argumente vorgebracht habe, die dagegen sprechen …«

»Ich hab mich nur gefragt, wen du damit eigentlich überzeugen willst, mich oder dich.«

»Du hast mir das nie abgenommen?«

»Nein«, sagte Squares. »Nie.«

»Aber du hast auch nicht widersprochen.«

Squares nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. »Ich dachte, es wär ein harmloser Selbstbetrug.«

»Selig sind die geistig Armen, was?«

»Im Allgemeinen schon, ja.«

»Aber ein paar triftige Gründe hatte ich doch.«

»Wenn du meinst.«

»Meinst du nicht?«

»Nein, meine ich nicht«, sagte Squares. »Du warst der Ansicht, dein Bruder hätte nicht die Mittel, sich im Untergrund zu verstecken, aber man braucht keine Mittel. Guck dir die Ausreißer an, mit denen wir jeden Tag arbeiten. Wenn einer von denen wirklich verschwinden will, dann ist er auf der Stelle weg.«

»Aber nach denen läuft auch keine internationale Ringfahndung.«

»Internationale Ringfahndung«, sagte Squares schon fast angewidert.

Die Originalausgabe erschien 2002 unter dem Titel »Gone for Good« bei Dutton, a division of Penguin Group, New York

1. Auflage Taschenbuchausgabe Oktober 2005

Copyright © der Originalausgabe 2002 by Harlan Coben

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2003 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagfoto: W. Huber Redaktion: Marie-Luise Bezzenberger AB · Herstellung: Str Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

eISBN 978-3-641-08437-0

www.goldmann-verlag.de

www.randomhouse.de

Leseprobe