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»Es scheint, als kenne ich alle Pflanzen dieses Landes, aber niemals ihre Wurzeln« »Sabres« heißen auf Hebräisch Kaktusfrüchte, die zwar außen stachelig sind, innen aber mit ihrem süßen Fruchtfleisch überraschen. Genauso sehen sich viele der in Israel geborenen Juden selbst: Ihre Vorfahren haben die Wüste Palästinas nicht nur besiedelt, sondern das Land kultiviert, so meinen sie. Doch immer mehr dunkle Farben mischen sich in dieses Bild, seitdem der jüdische Staat als Besatzerstaat auftritt. Wie ist es, in einem Land aufzuwachsen, in dem die jüdische Hegemonie die arabische Bevölkerung verdrängt, ausschließt und zum Schweigen bringt? Und wo kann ein Jude heute einheimisch sein – in Israel, Palästina, Deutschland? Tomer Dotan-Dreyfus schreibt die vom Holocaust überschattete Geschichte seiner Familie und hinterfragt zugleich die israelische Gründungsgeschichte. Sein Großvater beteiligte sich an der Nakba, doch erzählt wurde die Vertreibung der Palästinenser später als »Befreiung«. Welche Rolle spielte der Großvater 1948 wirklich? In Keinheimisch verschmelzen Kindheitserinnerungen mit Reflexionen über Geschichte, Literatur und Politik. . Eine berührende Erzählung über Erzählungen und die Frage, wie sehr man ihnen trauen kann.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Keinheimisch
TOMER DOTAN-DREYFUS, geboren 1987 in Haifa, Israel, lebt seit 2011 als Autor und Übersetzer in Berlin. Er schreibt regelmäßig über Israel und Palästina sowie über Antisemitismus in Deutschland. Seine Artikel erschienen unter anderem in Süddeutsche Zeitung,taz und Berliner Zeitung. Sein Roman Birobidschan stand 2023 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.
Tzabar heißen auf Hebräisch Kaktusfrüchte, die zwar außen stachelig sind, innen aber mit ihrem süßen Fruchtfleisch überraschen. Genauso sehen sich viele der in Israel geborenen Juden selbst: Ihre Vorfahren haben die Wüste Palästinas nicht nur besiedelt, sondern das Land kultiviert, so meinen sie. Doch diese Perspektive erzählt nur einen Teil der Geschichte und verschweigt ihre dunklen Seiten. Tomer Dotan-Dreyfus schreibt gegen das Schweigen an und hinterfragt nicht zuletzt die eigene Familienerzählung: Welche Rolle spielte sein zionistischer Großvater – gegen wen kämpfte er 1948 und wessen Land » befreite « er? Welche Traumata und Erfahrungen prägten seine anderen Großeltern, die als Holocaust-Überlebende in dem konfliktbeladenen Gebiet Zuflucht fanden?»Dem Anschein zum Trotz ist Aufrichtigkeit ein notwendiges Merkmal großer Literatur, vielleicht sogar ihr Erkennungsmerkmal. Tomer Dotan-Dreyfus schreibt unbeirrbar aufrichtig in unerträglichen Zeiten.« OMRI BOEHM
Tomer Dotan-Dreyfus
Kindheit in Israel, Leben in Deutschland
Ullstein
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Das Buch
Titelseite
Impressum
Das Podest
Fenster
Dornen
Das Loch
Disteln
Zwickmühle
Das Kind
Schubladen
Ausnahmen
Trauer
Danksagung
Anmerkungen
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Das Podest
Dieses Buch ist den toten Kindern in Gaza gewidmet, deren Namen niemand kennt, da so viele Familien vollständig ausgelöscht wurden.
Wir erinnern uns an euch.
»Das wird ein ganz langweiliges Buch«, sagen meine Mutter und mein Vater unabhängig voneinander, als ich ihnen von diesem Buch erzähle. »Dein Leben war ziemlich normal.«
»Das ist doch der Punkt, diese Normalität. Wie kann man ein normales Leben in einem solchen Staat führen.« Das sage ich ihnen natürlich nicht. Viel einfacher ist es, ein Buch in einer Sprache zu schreiben, die sie nicht lesen. In Gespräche mit meinen Eltern zu gehen, die ihre und meine Identität infrage stellen, an diesem Punkt sind wir nicht.
Was meine Schreibmethode anbelangt: Es gibt keine, derer ich mir bewusst wäre. Es ist eine verwirrte Suche – ein Lauf durch den Wald, bei dem ich die Richtung nicht weiß und nur hin und wieder ein paar Bäume wiedererkenne. Diese Bäume sind Momente aus meiner Kindheit, Erinnerungen an Familienmitglieder. Es sind Werke der Literatur, die meine jüdische Identität geprägt haben – von der Bibel und dem Talmud bis hin zu zeitgenössischen jüdischen und israelischen Schriften. Einige Bäume stehen für politische Ideen, andere für die Wut, die ich gegenüber den politischen Ideen anderer empfand. Manche Bäume sind jung, mit dünnen, zerbrechlichen Stämmen. Andere sind alt, erfahren und nicht so leicht zu brechen. An manchen gehe ich rasch vorbei, bei anderen bleibe ich stehen und verweile. Sie alle sind miteinander verbunden – in einem verborgenen, wurzelhaften Netz unter der Oberfläche. Es mag Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wie ein Bewusstseinsstrom erscheinen – doch dieses Bewusstsein sprudelt vor Dringlichkeit.
Dies ist ein Buch über Einheimischsein. Was es bedeutet, was es beinhaltet. Wo bin ich einheimisch? Polen? Israel? Palästina? Deutschland? Jeder dieser vier Orte, jedes dieser Gebiete, die nicht nur geografische Gebiete sind, sondern auch kulturelle, gesellschaftliche, kulinarische Gebiete, die auch Denkweisen sind, die Sprachen sind, jedes dieser vier Gebilde erhebt Anspruch darauf, dass ich in erster Linie dort einheimisch bin. Und doch gibt es für jedes auch einen guten Grund, weshalb ich es genau dort nicht bin.
Drei meiner Großeltern, meine zwei Großmütter und ein Großvater väterlicherseits, kommen aus Polen, doch ich spreche die polnische Sprache nicht und bin in den vergangenen Jahren nur hingefahren, weil der Zahnarzt in Stettin viel billiger ist als der in Berlin, wenn es um ernste Eingriffe geht. In Deutschland lebe ich seit fast fünfzehn Jahren. Damals, als ich nach einem Ort zum Leben suchte, fühlte ich mich in diesem Land akzeptiert. Heute ist es mit der Akzeptanz leider vorbei – und vielleicht habe ich sie mir von Anfang an nur eingebildet. Den Ekel in den Augen der Beamten der Ausländerbehörde in Berlin habe ich lange für die Ausnahme gehalten, heute denke ich, er war die Regel. Die mich in Deutschland willkommen heißenden Menschen waren und sind die Ausnahme.
Ich komme nicht aus Palästina. Ich bin nicht in der palästinensischen Kultur, Sprache und Gesellschaft aufgewachsen, und ich kenne sie bis heute sehr wenig. Was ist Palästina? Ein Land, ein Gebiet, ein Name? Während das umstrittene Land Palästina heißt, heißt der Staat streitlos Israel. Was hat aber der Staat mit Einheimischkeit zu tun? Offenbar sehr viel, so will es jedenfalls dieser Staat. Denn dieser Staat hat alles um uns herum so gebaut und konstruiert, dass wir unser Einheimischsein möglichst unumkehrbar mit ihm verknüpfen.
Als die Enttäuschung stattfand, oder besser, als ich entdeckte, wie groß sie war, in welchem gigantischen Ausmaß meine »israelische Einheimischkeit« auf Lügen und Täuschungen aufgebaut ist, beschloss ich, dieses Buch zu schreiben. Es ist nicht einfach, meine Einheimischkeit dingfest zu machen. Der Begriff ist zu fluide, um ihn allgemein zu definieren und eigentlich geht es mir auch gar nicht darum. Ich suche nach meinem persönlichen Verständnis von Einheimischkeit: Nach dem, was ich beim Nachdenken darüber über mich selbst herausfinden kann.
Ich schreibe dieses Buch in einer bedenklichen Zeit. Die Debatte um die Themen dieses Buches kennt klare Algorithmen und ist von Schlagworten bestimmt, aber auch von dem Verschwinden dieser Worte. Ein Gesetzessystem, in dem eine ethnische Gruppe per Definition mehr Rechte als eine andere hat, darf man nicht beim Namen nennen. Die Auslöschung des Lebens in Gaza – und »Leben« bedeutet auch die Universitäten, die Krankenhäuser, die Würde, die Gebetsorte, die Bilder abgemagerter, kaum lebendiger Körper, erschossen in der Schlange für minimale Hilfsgüter – darf man nicht beim Namen nennen. Manche Tatsachen sind tatsächlich sehr einfach. Dass das internationale Völkerrecht respektiert werden soll, zum Beispiel. Dass Hunger und sexualisierte Gewalt keine Kriegswaffen sind, genauso wenig wie das massenhafte Töten von Zivilistinnen und Zivilisten. Ich schreibe dieses Buch also im Schatten sehr einfacher und sehr realer Dinge.
Aber die eigene Einheimischkeit, und damit die eigene Identität infrage zu stellen gehört sogar in dieser Welt der einfachen Tatsachen zu den komplizierteren Dingen. Und gerade die, die sich dieser Komplexität verweigern, ermöglichen mir beim Schreiben dieses Buches eine gewisse Freiheit: Zu wissen, dass sie ein Buch, auf dem mein Name steht, allein deswegen in der Luft zerreißen werden, weil mein Name darauf steht, erlaubt es mir, einen Wenn-schon-denn-schon-Ansatz zu verfolgen, unter diesen Umständen nämlich vorbehaltlos alles zu schreiben, was ich zu sagen habe – und wie ich denke, es sagen zu müssen.
Die Arbeit an Keinheimisch ist für mich wie eine Therapie, die ihren Zweck nicht erfüllt, denn es gibt keine Entlastung. Ich quäle mich durch einen sisyphoshaften, verwirrenden und einsamen Schreibprozess, als wäre ich in unbekanntes Land geraten und würde mich bei dem Versuch, es zu kartieren, immer mehr verlaufen. Am Ende werde ich also möglicherweise genauso überwältigt sein, wie ich es jetzt bin, und das Einzige, was ich in der Hand haben werde, ist eine Karte, die zu entziffern wieder eine neue Suche sein wird.
Es ist ein schmerzhafter Prozess von der eigenen Kindheit, der Familie, den Traumata, den Orten zu erzählen, selbst wenn all dies nicht in einem politisch derart aufgeladenen Gebiet stattgefunden hätte. Umso schwieriger ist es, wenn es genau dort stattgefunden hat und das Gebiet, in dem man aufgewachsen ist, sich als ein gewöhnlicher Ort maskiert, als ein Ort, der seine politische Aufgeladenheit banalisiert und normalisiert hat. Mit einem halben Lächeln im Gesicht würden Israelis Fremden immer sagen, crazy place Israel, als wäre die ganze Sache etwas Lustiges oder überhaupt Positives. Yes, crazy place.
Crazy place, hier gehen alle 18-Jährigen – Männer und Frauen – zum Militär, das ist gar nicht dramatisch. Ja, ab und zu kommen sie in einem Sarg zurück. Raketenalarm ist ganz normal. Tja, zwei, drei Mal am Tag muss man dann zum Schutzraum rennen. Die Entmenschlichung des anderen und seiner Toten – ganz normal. Witze über Araber zur prime time im Fernsehen. Zweimal im Jahr, am Gedenktag des Holocaust und eine Woche danach, am Gedenktag für die gefallenen IDF-Soldaten, gibt es eine ganz normale einminütige Sirene. Wenn man auf der Autobahn durch Israel fährt, oder auch auf den kleineren Straßen, sind diese von ganz normalen Ruinen von ehemaligen Steinhäusern gesäumt. Wir nennen sie chirbe, das arabische Wort für Ruinen. Es wird nie gefragt warum, warum dort diese Häuser sind, warum wir sie auf Arabisch benennen. An den Wänden unserer Klassenzimmer hing eine Karte von einem Land, das nicht existiert. Das »Land zwischen dem Fluss und dem Meer« war dort zu sehen, einschließlich des Westjordanlands, Ostjerusalems, des Gazastreifens und der Golanhöhen, als ein Staat. Ich habe mir darüber nie wirklich Gedanken gemacht. Alle Orte auf der Karte trugen die hebräischen Namen, die wir auch im Bibelunterricht lasen. Alle. Die Stadt Nablus beispielsweise war nicht zu finden, sie hieß Schchem. Nablus hätte bedeutet, diese Stadt gehört »ihnen«, Schchem ist ein Wort, das wir aus »unserer« Bibel kennen, also gehört Schchem »uns«. Als würde man in Deutschland den Namen »Lemberg« auf einer Karte sehen und sagen, Lemberg klingt doch ziemlich deutsch, wie eigenartig, dass in einer Stadt mit einem solchen Namen vor allem ukrainisch und auch polnisch gesprochen wird. Wenn dort, wo ich und Millionen weitere Menschen Palästina, Falastin, sehen, genau die gleiche Karte auf Wänden von zerstörten palästinensischen Schulen gefunden wird, teilen Politiker das Foto und zeigen es als Beweis dafür, dass »sie« uns alle vernichten wollen. In Haifa, aber auch in anderen Orten Israels war das, als ich zur Schule ging – in den 1990er- und den Nullerjahren – ganz normal.
In diese ganz normale Welt bin ich gekommen. In die Welt von Karten nicht-existierender Länder, in die Welt der explodierenden Busse, in eine Welt, in der die Kinder auf der Klassenfahrt Lieder über »Vergewaltiger-Araber« singen, während der Bus, in dem sie fahren, von einem Palästinenser gelenkt wird. In eine ganz normale Welt, in der mein Opa mütterlicherseits 1948 Kirjat Schmona befreit hatte, Kirjat Schmona, die Stadt, die doch erst 1950 als jüdisches Übergangslager gegründet wurde. In diese Welt, in der steinige Ruinen zu romantischen Kulissen für Hochzeitsfeiern gemacht wurden, in eine Welt, in der niemand Fragen stellt. Und wo niemand Fragen stellt, erscheint der Akt des Fragenstellens als etwas Merkwürdiges, als wäre etwas falsch mit einem, dem eine Frage im Kopf umgeht. Ich war wie alle anderen. Was sonst.
In dieser ganz normalen Welt schwebten die Palästinenser durch unseren Alltag wie Gespenster. Es gab Hinweise auf ihre Existenz, sie waren aber nirgendwo zu sehen. Und wenn sie doch in Erscheinung traten, waren sie nicht wirklich da, sondern spielten eine Nebenrolle in der Produktion, die unser zionistisches Projekt war. Auch wenn sie in ihrer menschlichen Form vor uns auftauchten, waren sie wie die Ruinen und die rassistischen Witze, wie verschiedene umgangssprachliche Worte in unserer Sprache oder unsere nahöstliche Küche,1 bloß Spuren von etwas, das abwesend blieb. Anwesenheit einer Abwesenheit.
Unsere Einheimischkeit wurde auf Kosten ihrer Einheimischkeit gebaut, auf ihren Ruinen. Und obwohl unsere Einheimischkeit erfunden ist, künstlich, erfahren wir sie als genauso echt wie sie die ihre. Inwiefern? Als ich siebzehn Jahre alt war und meine erste Freundin mit mir Schluss machte, lag ich wochenlang im Bett und hörte die auf Hebräisch verfassten Lieder des Singer-Songwriters Eviatar Banai. Die Sprache, die für den zionistischen Zweck wieder erweckt wurde, ist die Sprache, in der Banai singt. Und zu seiner Musik trennte sich damals D. von mir, und ich trennte mich von ihr. Oder: Ab und zu schaute ich eine Folge von Florentin, der Drama-Serie aus den Neunzigern über eine Gruppe von Freunden und Nachbarn im Florentinkiez in Tel Aviv. Ich war damals zu jung und durfte sie, so meine Eltern, nicht sehen, aber der Fernseher stand genau in der Sichtachse vor der Tür meines Zimmers, also konnte ich die Tür einen Spalt aufmachen und direkt hinter dem Rücken meiner Eltern mitschauen. Mein Herzbruch und die Tragödien, aber auch das Glück der Figuren in Florentin, mein erster richtiger Crush mit elf auf die Schauspielerin Ayelet Zurer: Das alles passierte, während Palästinenser und Palästinenserinnen tagtäglich unterdrückt, festgenommen, gefoltert und getötet wurden. Diese kleinen Ereignisse der Normalität: gebrochenes Herz, Lieblingsserien, Klassenfahrt, Wanderung am Wochenende, erster Sex, Lachen über Eis am Stiel (damals hatten wir kein Wort für den Grund des Lachens, heute würde man von cringe sprechen) – sie alle haben die Unterdrückung, die nur wenige Kilometer von uns entfernt durch unsere älteren Brüder und Schwestern, durch unsere Mütter und Väter geschehen ist, ermöglicht. Ohne zu glauben, dass unsere Leben ganz normal sind, hätten wir es nicht geschafft, so beharrlich nicht wissen zu können. Die Aufkleber auf der Wohnungstür der Tel-Aviver Figuren von Florentin, Aufkleber von Peace Now und anderen berühmten israelischen Friedensorganisationen haben die Illusion geschaffen, dass wir die einzige Demokratie im Nahen Osten sind, dass wir als solche besser sind als alle anderen Länder und Staaten im Umfeld, und dass wir den anderen all das antun dürfen, von dem wir ja in unserer ganz normalen Welt eigentlich doch alle wussten, dass es getan wird – schließlich gab es viele Menschen in Tel Aviv, die gegen Unterdrückung, Folter und Mord waren. Deshalb sind wir demokratisch. Manchmal gewinnt das Leben die Wahlen, manchmal der Tod. Demokratie halt. Und ich glaubte mit meinem ganzen Herzen an unsere Demokratie. Außerdem hatte ich einen Crush auf Ayelet Ayelet Zurer. Seit dem 7. Oktober 2023, einem Tag, an dem auch ich Bekannte verlor, die auf grausamste Weise starben, brachen viele Freunde und Familienangehörige den Kontakt zu mir ab. In Deutschland erhielt ich Absagen für Veranstaltungen und Veröffentlichungen, weil ich mich nicht hinter die menschenverachtende und mittlerweile sogar vernichtende Reaktion der israelischen Regierung stelle, weil ich nach Erklärungen – nicht nach Rechtfertigungen – für den schrecklichen Angriff an jenem Tag suche und weil ich darauf bestehe, Palästinenser als Menschen zu sehen. Nicht einmal, als ich beschloss, in das Land zu ziehen, das sechs Millionen Jüdinnen und Juden im großen industriellen Stil ermordet hatte, wurde ich dermaßen ausgegrenzt. Aber die einfache Feststellung, dass Kinder Kinder sind, dass uns mehr Mittel als diese endlose Gewalt zur Verfügung stehen, um den Konflikt zu lösen, und dass die Wurzeln des Problems, mit dem wir konfrontiert sind, viel älter sind als die Attacke des 7. Oktober, war für viele der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Der autobiografische Roman W oder die Kindheitserinnerung des französischen Schriftstellers Georges Perec ist in zwei Teile geteilt.2 Der erste Teil ist eine Kindheitserinnerung oder ein Versuch, größtenteils ein fehlgeschlagener, sich an die Ereignisse der Kindheit zu erinnern. In dieser Hälfte des Buches wiederholt Perec immer wieder die Entschuldigung, hier und da erinnere er sich nicht sehr gut oder überhaupt nicht. Diese Hälfte ist voller Lücken. Aber eines ist klar: Als er 13 Jahre alt war, erfand er schreibend und zeichnend eine Geschichte, die er wieder vergisst. Sieben Jahre später erinnert er sich plötzlich an sie und beginnt sie stückweise zu rekonstruieren. Der zweite Teil des Buches erzählt genau diese Geschichte: W. W ist eine Insel in Südamerika, auf der einige Dörfer stehen, die ständig zu anstrengenden Sportwettbewerben miteinander antreten. Diese kleine olympische Utopie erweist sich jedoch im Laufe der Erzählung als Dystopie. Die Regeln ändern sich ohne Sinn, bis zum Schluss klar wird, dass W in der Tat ein Konzentrationslager ist.
Perec war nie in einem Konzentrationslager interniert. Seine 1943 verschleppte Mutter wurde vermutlich im KZ Auschwitz-Birkenau umgebracht, er selbst überlebte bei Verwandten. Trotzdem schreibt er eine »Kindheitserinnerung«, die sich mit einem Konzentrationslager beschäftigt, als könnte man Erinnerungen erben. Wer das Buch liest, entdeckt im Verlauf der Geschichte die Grausamkeiten des Konzentrationslagers, wie Perec selbst das KZ im Laufe seines Lebens oder sogar im Laufe des Schreibens als ein zunächst fremdes Objekt in seiner Erinnerung entdeckt, das dort implantiert ist. Dadurch zeigt er, wie vielschichtig Erinnerung sein kann, vor allem nach einem kollektiv erlebten Trauma. Die zwei Orte im Roman, W und das KZ, der echte und der fiktionalisierte echte, verflechten sich miteinander und kreieren eine Erinnerung, in der nicht nur Realität und Fiktion miteinander vermischt sind, sondern auch persönliche und intergenerationelle Erinnerungen, die in der Überlieferung der Nachlebenden zur kollektiv weitererzählten Erinnerung werden. Konkreter gesagt: Die kollektive Erinnerung taucht in den Lücken der individuellen Erinnerung auf und füllt sie. Das Intergenerationelle und das Kollektive tarnen sich als das Persönliche, und plötzlich wird das KZ, das Perec nie erlebt hat, zum Teil seiner Kindheitserinnerungen.
Auf eine ähnliche Weise wurde das KZ implantierter Teil unserer Kindheitserinnerungen, wie es zum Beispiel David Grossman in Stichwort: Liebe erzählt. Sein Protagonist Momik, dessen Eltern Holocaust-Überlebende der schweigenden Art sind, versucht seinen Onkel zum Holocaust zu befragen, der aber nur in Wort- und Satzbruchstücken spricht. Momik, der in Jerusalem geboren und aufgewachsen ist, muss die sprachlichen Lücken selbst füllen und nimmt damit aktiv an der Erinnerung teil, die auf diese Weise auch zu seiner Erinnerung wird. Er füllt die Lücken in der Erinnerung (oder in der Sprache) seines Onkels, und sie füllen im Gegenzug die Lücken in seinen Kindheitserinnerungen.
Unsere kollektive Erinnerung funktioniert prima. Zum Beispiel an Pessach. Da feiern wir unseren Auszug aus Ägypten, aus der Sklaverei in die angebliche Freiheit. Die Geschichte ist lang und breit im Buch Exodus zu lesen, aber in kürzerer Form für die Häretiker unter uns lautet sie so: Die Hebräer, wie wir damals noch hießen, wanderten nach Ägypten quasi als Wirtschaftsmigranten aus. Die Arbeitsbedingungen der hebräischen Migranten waren aber eher schlecht, Zwangsarbeit eben, und noch etwas Merkwürdiges gab es damals, nämlich, dass das autoritäre Regime des Pharaos die Ausländer nicht ziehen lassen wollte, als sie genug von ihrem Leben in Unterdrückung hatten. Dann mischte sich Gott ein, der immer wieder versuchte, den Pharao durch Gewalt zu überzeugen, Ausreisepapiere zu verteilen. Ein Pharao redet aber grundsätzlich nicht mit Terroristen. Irgendwann verliert Gott die Geduld und tötet praktisch alle erstgeborenen Söhne in Ägypten, so angemessen wie der Gott des Alten Testaments manchmal ist, und die Hebräer müssen in dieser Nacht schnell alles einpacken und loslaufen, raus aus Ägypten und durch die Wüste nach Kanaan. Unterwegs tut Moses, was Moses eben tun muss. Einmal im Jahr sitzt die ganze Familie um den Tisch und muss gemeinsam diese Geschichte und zusätzliche Texte lesen, bevor man essen darf. Da man noch vor dem Essen vier Gläser Wein trinken soll, ist diese familiäre jährliche Veranstaltung für alle das reine Vergnügen (Zynismus).
In der Haggadah von Pessach, also dem Text, den man am Pessachabend hungrig zusammen liest, steht der Satz: »In jeder Generation soll sich der Mensch betrachten, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen.« Dieses Gebot verweist auf einen geografischen Ort, der einerseits real, andererseits auch eine Metapher ist. Die Metapher »Ägypten« fordert, uns nicht daran zu erinnern, welches Land das unsrige sei, sondern welches nicht. Es heißt eben »Auszug aus Ägypten« und nicht »Einzug in Kanaan« (das ist der biblische Name des »Lands zwischen dem Jordanfluss und dem Mittelmeer«). Kein Wort davon, dass dieser Auszugsmythos mit einem kriegerischen Einzug in ein anderes Gebiet, mit Besatzung, Kolonisierung und rigorosem Töten der dort Lebenden verbunden wäre. Das intergenerationell verbriefte Erzählgebot ist eines der wenigen Dinge, die in meinen Augen Jüdinnen und Juden als jüdisch ausmachen, und es ist eine der Säulen meiner jüdischen Identität. Das Erzählen wird zu einer Praxis, die eine Gemeinschaft überhaupt erst ausmacht. Es übernimmt ihren Gründungsmythos, der aber von Anfang an dynamisch ist: Wenn man eine Geschichte über Generationen immer weiter erzählt, wird sie im Verlauf dieser Stillen Post unweigerlich mit neuen Bedeutungen beladen.
Viele von uns sind gar nicht religiös. Viele identifizieren sich auch nicht mit »der Nation« oder »dem Zionismus«. Ethnisch sind wir Jüdinnen und Juden eine diverse Gruppe. Manche beschneiden ihre Söhne, manche nicht. Manche feiern Weihnachten.
Und ich selbst?
