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Auftakt der Bestseller-Serie von Antonia Blum: authentisch, kurzweilig und zum Mitfiebern! Das erste Kinderkrankenhaus Berlins und zwei junge Frauen, die sich aufopferungsvoll um ihre kleinen Patienten kümmern Berlin 1911: Die Schwestern Marlene und Emma Lindow können ihr Glück kaum fassen: Sie dürfen als Lernschwestern in der Kinderklinik Weißensee anfangen. Die forsche Marlene lernt schnell, die schüchterne Emma fühlt sich hingegen bald von ihrer Schwester zurückgesetzt. Denn Marlene hat sich gleich doppelt verliebt: in den vornehmen Assistenzarzt Doktor Maximilian von Weilert und in das noch junge Fachgebiet Kinderheilkunde. Sie ist fest entschlossen, selbst Kinderärztin zu werden. Doch der Weg nach oben ist steinig, der in Maximilians Familie erst recht. Emma geht in ihrer Rolle als Kinderkrankenschwester auf und entfernt sich immer mehr von ihr. Erst als das Leben des kleinen Fritz Schmittke am seidenen Faden hängt, erkennen Emma und Marlene, dass sie zusammenstehen müssen, um ihre wichtigste Aufgabe zu erfüllen: den Kindern zu helfen. Die Kinderärztin-Serie - Kinderklinik Weißensee – Zeit der Wunder - Kinderklinik Weißensee – Jahre der Hoffnung - Kinderklinik Weißensee – Tage des Lichts - Kinderklinik Weißensee – Geteilte Träume *** Wer Ulrike Schweikert und Helene Sommerfeld mag, wird Die Kinderklinik Weißensee von Antonia Blum verschlingen! Ein Muss für alle Berliner, die die Geschichte ihrer Stadt kennenlernen wollen und für Fans historischer Romane. ***
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Seitenzahl: 550
Veröffentlichungsjahr: 2020
Kinderklinik Weißensee - Zeit der Wunder
ANTONIA BLUM lebte längere Zeit in Berlin, ohne den Weißen See dort je gesehen zu haben. Erst Jahre später, nachdem sie die Hauptstadt längst verlassen hatte, entdeckte sie durch einen Zufall die Ruine der einstigen Kinderklinik in Weißensee und kommt seitdem von dem Ort und seiner bewegten Geschichte nicht mehr los. Heute fährt Antonia Blum nicht nur zum Spazierengehen an den Weißen See, der dem Berliner Stadtteil seinen Namen gab. Sie ist überzeugt, dass dort ein Tor in die Vergangenheit existiert.
Bei der feierlichen Einweihung der Kinderklinik Weißensee sind Ärzte und Schwestern gleichermaßen aufgeregt. Marlene und Emma sind die einzigen Waisen unter den Lernschwestern und werden mit Argusaugen beobachtet. Emma fällt es nicht schwer, sich unterzuordnen. Still geht sie in der Kinderpflege auf, während ihre Schwester nach den Sternen greift. Weil Marlene immer weniger Zeit mit ihr verbringt, geht sie auf die Avancen des lustigen Melkers Tomasz ein. Ob er ihre große Liebe ist? Seit die forsche Marlene einem kleinen Patienten bei einer Mandeloperation beistehen durfte, interessieren sie Medizinbücher mehr als Pflegebücher. Besonders wenn sie ihr vom Assistenzarzt Doktor Maximilian von Weilert angetragen werden. Heimlich lehrt er sie, wie Krankheiten diagnostiziert werden und wie man Walzer tanzt. Marlene verliebt sich zum ersten Mal und vertraut ihm ihren geheimsten Wunsch an: Sie will selbst Kinderärztin werden. Doch seine Eltern sind gegen die Verbindung. Als es zu einem folgenreichen Zwischenfall in der Klinik kommt, bei dem das Leben eines Kindes in Gefahr gerät, drohen Marlenes Träume wie Seifenblasen zu zerplatzen …
Antonia Blum
Roman
Ullstein
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Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch1. Auflage Dezember 2020© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2020Umschlaggestaltung: bürosüd° GmbH, MünchenTitelabbildung: Trevillion Images / © Lilia Alvarado (Junge); www.buerosued.de (Landschaft); Berliner Denkmalschutzbehörde, Straßenansicht von der Gierstraße, um 1911 (Klinik)E-Book powered by pepyrus.com
ISBN 978-3-548-06405-5
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Die Autorin / Das Buch
Titelseite
Impressum
Prolog
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Nachwort
Literaturhinweise
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Prolog
9. Juli 1911
Emma bekam kein Auge zu, obwohl sie noch nie zuvor auf einer gefederten Matratze gelegen hatte. Ohne Marlene an ihrer Seite fand sie einfach keinen Schlaf. Im Waisenhaus hatte ihre Schwester ihr gerne Geschichten erzählt, bis sie beide aneinandergeschmiegt eingeschlafen waren. Andererseits, wenn Emma wach bliebe, würde wenigstens ihr schrecklicher Albtraum nicht zurückkommen. Seit Jahren war es immer derselbe. Sie sah ihre sterbende Mutter im Bett unter einer Decke und einem Stapel Kleidung frieren, als läge sie im Winter nackt im Wald. »Mama«, flehte Emma dann halb schlafend, halb wach. »Du darfst nicht sterben!« Das Herz hatte ihr selbst dann immer noch in der Brust gehämmert, als Marlene sie zum Trost in den Armen gewiegt hatte.
Emma entwich ein Schluchzer. Marlene und sie hatten bisher immer einander gehabt, ein Trost an schlimmen Tagen im Waisenhaus, wenn niemand sie haben wollte, während die Freunde nacheinander an Pflegeeltern ausgegeben worden waren. Ob Kalle bald neue Eltern bekam, vielleicht sogar mit einer großen Blumenwiese im Garten? Und ob Liese eine gute Anstellung als Dienstmädchen fand?
»Emma?«, hörte sie Clarissas Stimme. »Ist alles in Ordnung?«
Noch bevor Emma sich fassen und antworten konnte, trat ihre Zimmerschwester an ihr Bett. Clarissa schaute sie aus kindlich großen Augen an. Ihr helles Gesicht war mit kupferfarbenen Sommersprossen übersät, die sich besonders auf ihrem Stupsnäschen verdichteten und sie fröhlich aussehen ließen.
»Du weinst ja«, bemerkte Clarissa besorgt beim Blick in Emmas verräterisch gerötete Augen.
»Ich habe nur schlecht geträumt«, schob Emma vor und wandte sich von ihrer Zimmerschwester ab. Clarissa war nicht weniger fein als die anderen Elevinnen und bestens in guten Manieren geübt – das war Emma beim Mittagessen aufgefallen. Und wie perfekt ihr kupferrotes Haar stets zu einem Knoten gesteckt – wohlgemerkt gesteckt, nicht nur gebunden – war. Beim Mittagessen hatte Emma die anderen Mädchen tuscheln gesehen und gemeint, das Wort »Botten« herausgehört zu haben, womit alte, liederliche Schuhe gemeint waren. Es hatte ihr das Herz zusammengezogen, bis Marlene sie mit einem Gespräch abgelenkt hatte.
»Ich träume auch manchmal merkwürdige Sachen«, gestand Clarissa und strich sich das Haar aus dem Gesicht. »Von Menschen mit sechs Beinen, von Ungeheuern und solch verrückten Dingen.«
Emma wandte sich nun doch wieder Clarissa zu. »Du träumst auch schlecht?«, fragte sie irritiert, weil sie sich keinen Grund dafür vorstellen konnte. Den Großteil des gemeinsamen Kleiderschranks nahmen Clarissas feine Blusen und glockenförmige Röcke ein. Das war die Ausstattung einer echten Dame, die von einer unbeschwerten Jugend am Wannsee oder in Dahlem zeugte. Zum Glück hatte Emma ihre alten Halbschuhe tief unters Bett geschoben, wo niemand sie sehen konnte. Ihr Weidenkorb stand ganz hinten im Kleiderschrank.
»Weißt du, was mir bei schlechten Träumen hilft?«, fragte Clarissa.
Emma schüttelte betreten den Kopf. Ihr halfen eigentlich nur Marlenes Nähe und ihre tröstenden Worte.
Clarissa trat an ihren Nachtschrank und zog eine der oberen Schubladen auf. Emma hörte es rascheln, und kurz darauf hielt ihre Zimmerschwester ihr etwas Süßes hin. »Pistaziennougatpralinen.«
Emma starrte die Naschereien an, die verführerisch in glänzendes Silberpapier eingewickelt waren.
»Greif zu!«, forderte Clarissa sie auf. »Meine Mama hat mir eine ganze Schachtel davon mitgegeben. Sie sagt, dass eine junge Dame ruhig auch mal naschen darf.« Ein kindliches Kichern folgte.
Sie, eine Dame? Zögerlich richtete Emma sich auf, ihre Augen glänzten noch feucht. »Die waren doch bestimmt teuer.«
»Na und!« Clarissa nickte ihr bestärkend zu, sodass Emma schließlich doch zugriff. Zuerst biss sie nur eine kleine Ecke der Praline ab und ließ diese auf ihrer Zunge schmelzen. Sie schmeckte köstlich nach Nougat und Pistazie und etwas nach Salz. Jeden der folgenden Bissen kaute sie ein Dutzend Mal, um den Geschmack lange auszukosten.
»Und, hilft die Praline schon etwas?«, wollte Clarissa wissen.
Emma kaute gerade den letzten Bissen der Süßigkeit und nickte. »Es war nett von dir, mir eine zu schenken.«
Die Oberschwester steckte ihren Kopf zur Tür herein. »Ich habe noch Stimmen gehört, fehlt Ihnen etwas?«
»Geht es Lene gut, Oberschwester?«, fragte Emma und richtete sich im Bett auf. »Ich meine, Schwester Marlene Lindow in Zimmer eins?«
Ida von Treskow lächelte, sodass Emma gleich zuversichtlicher wurde. »Allen Elevinnen geht es gut«, beruhigte sie. »Die erste Nacht hier ist für alle aufregend, schlafen Sie trotzdem etwas. Der morgige Tag wird anstrengend.«
»Ich will es versuchen«, versprach Emma.
»Schwester Clarissa, gehen Sie wieder ins Bett«, bat die Oberschwester noch.
Clarissa war gebannt vom Anblick Ida von Treskows, und erst als ihr dies bewusst wurde, stieg sie in ihr Bett zurück. Die Tür wurde zugezogen, und es war wieder dunkler im Schwesternzimmer.
»Oberschwester Ida sieht so fein aus wie eine Adlige und scheint so verständnisvoll zu sein wie eine Freundin.« Clarissa gluckste amüsiert. »Ich bin froh, dass wir es so gut mit ihr getroffen haben.«
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Lübars bei Berlin3. Juli 1898
Marlene stand an der Tür der kleinen, windschiefen Kate und hielt sich die Hände vors Gesicht. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und ihre Hände waren feucht vor Aufregung. Sie musste sich anstrengen, nicht doch zum Tisch hinüberzulinsen, von wo ein Rascheln und kleinkindliches Flüstern zu hören waren. Es duftete herrlich süß.
»Und wer im Juli geboren ist, tritt ein, tritt ein, tritt ein«, erklang endlich die zärtliche Stimme ihrer Mutter, untermalt von Emmas Singversuchen, die noch Probleme hatte, sich den Text des Geburtstagsliedes zu merken.
Für Marlene war ihr Geburtstag der schönste Tag im Jahr, noch schöner als Weihnachten, weil sie trotz der Feststimmung nicht in die Kirche mussten. An Geburtstagen konnten ihre Mutter, ihre jüngere Schwester Emma und sie ganz unter sich sein, die kleine Familie Lindow. Anmutig schritt Marlene zum Geburtstagstisch. Der liebevolle Blick ihrer Mutter gab ihr das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, eine Prinzessin mit Krone und Schleier.
»Der macht vor uns einen tiefen Knicks, recht fein, recht fein, recht fein«, sang Elisabeth Lindow weiter, wie sie es an vielen Abenden zuvor schon vor dem Einschlafen für ihre Kinder getan hatte.
Marlene knickste ungelenk wie jedes Jahr, weil sie nur Augen für den Geburtstagskuchen hatte. Sechs Kerzen leuchteten auf dem Streuselkuchen, gelb wie die Sterne am Himmel über Lübars. Sie war so froh darüber, dass ihre Mutter doch noch eine sechste Kerze hatte kaufen können, obwohl zuletzt nicht einmal mehr Geld für die Arztrechnung da gewesen war.
»Mädel, dreh dich, Mädel …«, sang Elisabeth weiter und tanzte mit, fasste sich dabei aber an den Bauch.
Marlene drehte sich so eifrig, dass ihre dicken Zöpfe aufflogen. Erst als sich ihre Mutter abwandte und ihr die Stimme versagte, hielt auch sie inne. »Mama, was ist mit dir?«, fragte sie, während sich die Wände um sie herum noch zu drehen schienen.
»Es geht schon«, wiegelte Elisabeth ab und lächelte ihre Tochter liebevoll an, sodass diese ihre Sorge auch gleich wieder vergaß. Es war ihr Geburtstag, der Tag ausgelassener Fröhlichkeit, und wie ihre Mutter immer sagte: Traurigkeit ist an diesem Tag nicht erlaubt.
»Mädel, dreh dich, Mädel, dreh dich, hei hopsasasa!«, sang Elisabeth weiter und drehte sich wieder.
Marlene lachte auf. Bei der nächsten Liedzeile drehte auch Emma sich mit und wollte gar nicht mehr aufhören, bis sie taumelnd gegen das Bett stieß.
»Und natürlich gibt es einen Streuselkuchen für dich«, sagte ihre Mutter, nachdem die letzte Zeile des Liedes verklungen war.
»Mit ganz viel Butter?«, fragte Marlene ungeduldig.
»Natürlich, Lene«, antwortete Elisabeth, und Marlene wollte sich schon an den Tisch setzen und nach einem Stück Kuchen greifen, als ihre Mutter sie noch einmal zu sich heranzog und an sich drückte. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, meine liebe Lene.« Eine Träne lief Elisabeth über die Wange. »Es ist ein Wunder zu sehen, wie schnell du groß wirst. Jetzt bist du schon sechs Jahre alt.« Schnell wischte Elisabeth sich die Träne fort und lächelte jenes Lächeln, das Marlene so an ihrer Mutter liebte, das ihr das Gefühl gab, bedingungslos geliebt zu werden. Sie umarmte ihre Mutter lang und fest und bemerkte dabei, dass diese stark schwitzte, was sie sonst nicht tat. Letzte Nacht, als sie eng aneinandergeschmiegt geschlafen hatten, war das Nachthemd ihrer Mutter auch schon ganz feucht gewesen. Jetzt stand ihrer Mutter schon wieder der Schweiß auf der Stirn, obwohl es nicht heiß im Haus war.
Emma holte einen kleinen Sommerblumenstrauß mit Kornblumen unter dem Bett hervor: Margariten und eine Distel, die die Blätter schon etwas hängen ließen. »Die habe ich gestern für dich gepflückt.« Sie überreichte Marlene den Blumenstrauß und schmiegte sich an das Bein ihrer Mutter.
»Der Strauß ist wunderschön, Emmalein, danke!« Marlene wuschelte ihrer Schwester durch das weiche Haar. »Und jetzt essen wir endlich den Streuselkuchen, ja?«
Sie nahmen auf den Hockern am Tisch Platz, an dem ihre Mutter viele Stunden in der Woche Damenpantoffeln nähte. Fünfzig Pfennig gab es für das Dutzend Paar.
Elisabeth schnitt den Blechkuchen in Stücke. Unter ihrem milden Blick tat Marlene sich gleich drei davon auf, und auch auf Emmas Teller stapelte sie mehrere. Während sie gebutterten Hefeteig und zuckersüße Streusel schmeckte, überlegte Marlene, ob sie die Tür für einen Luftzug öffnen sollte, damit ihrer Mutter nicht mehr so heiß war. Die winzigen Fensterluken hakten, solange sie denken konnte.
Auch Emma aß mit Appetit und versuchte gleichzeitig noch »hei hopsasasa « zu singen, was ihre Mutter lächeln ließ.
Wie jedes Jahr war Marlene der Überzeugung, dass dieser Geburtstag ihr schönster war. Sie aßen den besten Streuselkuchen von ganz Lübars, waren fröhlich beieinander und tranken Kakao, der auch nur an Festtagen auf den Tisch kam.
Plötzlich versuchte Elisabeth jedoch ein Würgen zu unterdrücken. Sie erhob sich vom Tisch und verließ mit der Hand vor dem Mund die Kate. Marlene konnte hören, dass sie sich im Abort hinter dem Haus übergab. Als ihre Mutter zuletzt nach Berlin zum Arzt gefahren war, hatte sie auch so geschwitzt und sich erbrochen. Marlene legte ihr drittes Stück Kuchen auf den Teller zurück und wollte gerade hinauslaufen, um ihrer Mutter zu helfen, da stand Elisabeth bereits wieder in der Tür. »Es geht schon«, sagte sie und lächelte Marlene an. »Heute ist dein Geburtstag, Lene.« Sie deutete zum Tisch, wo Emma unbeschwert Kuchen aß.
Elisabeth straffte sich unter Schmerzen. »Lasst uns weiterfeiern«, sagte sie, aber eine neuerliche Schmerzwelle ließ sie zum Bett taumeln, wo sie unter Stöhnen zusammensackte.
Verängstigt starrte Marlene ihre Mutter an, die nun auch zitterte. »Mir ist plötzlich so kalt«, murmelte Elisabeth.
Marlene breitete die Bettdecke über ihrer Mutter aus, aber Elisabeth fror nur noch mehr. Marlene meinte, die Zähne ihrer Mutter klappern zu hören. Aufgeregt holte sie Wäsche aus dem Schrank neben dem Bett, drei Röcke, Schürzen und ihre Unterhemden, und breitete alles über ihrer Mutter aus. Letzten Winter hatten sie oft gefroren, weil kein Geld mehr für Holz da gewesen war, es hatte sich schrecklich angefühlt.
»Komm, Emma, wir wärmen Mama, damit sie nicht mehr frieren muss.« Marlene half Emma an die linke Seite ihrer Mutter, sie selbst schmiegte sich an deren rechte. Dabei fielen ihr hellrote Streifen am Unterarm ihrer Mutter auf, die nun schnell und flach atmete und sich immer wieder an den Bauch fasste. Ganz vorsichtig, wie Elisabeth es bei ihr zu tun pflegte, wenn sie Bauchschmerzen hatte, begann Marlene, ihr den Bauch zu streicheln, der sich hart wie ein Brett anfühlte.
»Wir müssen weiterfeiern«, murmelte Elisabeth, Schweiß rann ihr an den Schläfen hinab und nässte ihr Haar.
Sehnsüchtig schaute Marlene zu den sechs Kerzen auf dem Streuselkuchen hinüber. Der Tag fühlte sich gar nicht mehr wie ein Geburtstag an, ihrer Mutter ging es immer schlechter. »Was kann ich tun, Mama, damit du dich besser fühlst?« Auch vor dem Arztbesuch im großen Berlin, wohin der Armenarzt sie geschickt hatte, hatte ihre Mutter schon Schmerzen im Bauch gehabt, aber nicht so schlimm wie heute.
»Schmieg dich an mich«, bat ihre Mutter mit erstickter Stimme, woraufhin Marlene noch einmal näher rückte.
»Liegst du auch ganz eng an Mama dran?«, fragte Marlene ihre Schwester.
Emma hob ihren Kopf, Streuselkrümel hingen ihr in den Mundwinkeln. »Ganz eng«, bestätigte sie unter Nicken und schmiegte sich wieder an ihre Mutter.
Elisabeth zwang sich ein Lächeln ins verschwitzte Gesicht. »Du musst jetzt mutig sein, meine große Lene.«
»Ich tue alles, damit es dir schnell wieder besser geht«, versprach Marlene ihrer Mutter, die sich nun mit schmerzerfülltem Gesicht auf die Seite drehte und die Beine vor den Bauch zog wie ein Säugling.
»Pass gut auf dich und unser Emmalein auf«, flüsterte Elisabeth.
Marlene richtete sich auf. »Warum sagst du das?«
Elisabeth röchelte. »Ihr seid das Beste, was mir je passiert ist.«
Marlene beugte sich über ihre Mutter, die die Augen nun geschlossen hatte. »Mama ist eingeschlafen«, flüsterte sie ihrer Schwester zu und atmete erleichtert aus. Wenn ein Kranker viel schläft, sagte ihre Mutter immer, wird er schneller gesund. »Schlaf du jetzt auch etwas, Emma.«
Kurz darauf vernahm Marlene ein kaum hörbares »Ja« von der anderen Seite des Bettes, dann schmiegte sie sich wieder enger an ihre Mutter, die der Schlaf zu entspannen schien. Am nächsten Morgen, so nahm sie sich vor, würde sie sich um den Haferbrei zum Frühstück kümmern, damit ihre Mutter sich im Bett noch von ihren Bauchschmerzen erholen konnte. In Gedanken bei dem verbliebenen Streuselkuchen schlief Marlene ein.
Mitten in der Nacht wachte sie auf. Der Mond schien durch die Fensterluke aufs Bett, es roch seltsam, unangenehm. Sie schob ihre Hand in die ihrer Mutter und erschrak! Die Hand ihrer Mutter fühlte sich steif und kalt an, viel kälter noch als an Wintertagen, wenn Elisabeth Lindow auf den Kartoffeläckern gearbeitet hatte. »Mama?«, fragte Marlene leise, um Emma nicht aufzuwecken. Der Mund ihrer Mutter stand zwar etwas offen, aber ihre Lippen blieben reglos.
Das Herz schlug Marlene bis zum Hals, Tränen schossen ihr in die Augen. »Mama, sag doch was!« Sie ruckelte etwas fester an dem Körper ihrer Mutter, aber auch darauf reagierte Elisabeth nicht. Als Letztes hielt Marlene ihr die feuchte Hand vor den Mund. Kein Atemhauch war daran zu spüren. Ihre Mutter war tot. Marlene setzte sich auf, Tränen liefen ihre Wangen hinab. Es fühlte sich an, als drehte sich alles um sie herum, nur viel schneller als beim Geburtstagslied. Mädel, dreh dich, Mädel, dreh dich, hei hopsasasa. Obwohl der Dorfpfarrer sagte, dass nach dem Tod alles besser sei als im Leben, war sie untröstlich. Sie kroch zurück unter die Bettdecke, um noch einmal ganz nah bei ihrer Mutter zu sein.
Während das Mondlicht über das Bett wanderte, weinte sie leise vor sich hin, obwohl sie viel lieber laut und verzweifelt geschrien hätte. Keinen Tag wollte sie ohne ihre Mutter sein. Es war unvorstellbar, dass der Pfarrer Mutters Körper bald in ein kaltes Erdloch legen würde. Und sie selbst? Was würde aus ihr und Emma werden? Sobald die Leute aus dem Dorf ihre tote Mutter fänden – spätestens vor dem nächsten Kirchgang – würden Emma und sie ins Waisenhaus gebracht werden, weil sie keine Verwandten hatten. Genauso war es dem Nachbarsjungen ergangen. In Lübars erzählte man sich, dass Waisenhäuser dunkle Mördergruben seien, Orte, an denen verwahrloste, kriminelle Kinder hausten, die wie ausgezehrte Gerippe aussahen. Dorthin wollte Marlene auf keinen Fall! Hastig wischte sie sich ihre Tränen fort. »Emma, wach auf! Wir müssen fort von hier.«
Emma lag an den Rücken ihrer Mutter geschmiegt und schaute sie aus verschlafenen Augen an.
»Mama schläft jetzt ewig«, sagte Marlene mehr zu sich selbst als zu ihrer Schwester. »Und wir sind in Gefahr!«
Emma klammerte sich aber nur fester an ihre tote Mutter.
»Mamas Seele ist jetzt da oben im Himmel.« Marlene deutete durch die Fensterluke in den Nachthimmel, wo die Sterne funkelten. »Sie sitzt auf einem Stern und schaut auf uns herab.« Das war ihr sehnlichster Wunsch in diesem Moment.
»Ist Mamas Bauchweh denn besser?«, wollte Emma wissen, was Marlene bewies, dass ihre Schwester gerade nichts begriff.
Marlene musste ihre Tränen zurückhalten, als sie mit brüchiger Stimme erklärte: »Hoch oben bei den Sternen gibt es kein Bauchweh. Auch frieren wird Mama dort nie, und es ist immer genug zu essen da. Jeden Tag gibt es Streuselkuchen und Kakao.«
Kurz stahl sich ein Lächeln in Emmas Mundwinkel.
»Wir müssen weg, Emma, sonst sperren sie uns in ein Waisenhaus, wo wir nichts zu essen kriegen.« Marlene hielt ihrer jüngeren Schwester die Puppe hin, die Mutter ihr zum vierten Geburtstag aus Filzresten von Damenpantoffeln genäht hatte, mit zwei blauen Knöpfen als Augen. »Schau mal, Rosi kommt mit uns mit.« Sie klang alles andere als überzeugend.
Zögerlich griff Emma nach der Puppe, aber ohne ihre Mutter mit der anderen Hand loszulassen.
»Alles wird gut werden«, versprach Marlene, weil sie sonst nicht wusste, wie sie ihrer vierjährigen Schwester etwas erklären sollte, das sie selbst nicht verstand. Während sie einige nötige Dinge in einen Beutel packte, schluchzte sie vor sich hin. Sie nahm ein Messer mit, das kleine Kirchenbuch unter Mutters Kopfkissen, das diese verehrt hatte, und ein halbes Brot. Außerdem steckte sie sich die Reste vom Streuselkuchen in die Taschen. Dann ging sie noch einmal zum Bett zurück, strich der Toten das Haar aus dem Gesicht und küsste sie zum Abschied auf die kalte Stirn. »Auf Wiedersehen, bei den Sternen«, flüsterte sie ihrer Mutter zu.
Dieses Mal versuchte sie ihre Stimme nicht so betrübt klingen zu lassen, als sie zu Emma sagte: »Und nun komm!«
Die Puppe fest vor die Brust gedrückt, hielt Emma ihren Blick auf das Bett geheftet, in dem ihre Mutter unter dem Berg aus Decken und Kleidung begraben lag.
Als sich Wolken vor den Mond und die Sterne drängten, schob Marlene ihre Schwester aus der Kate. Die Angst vor dem Waisenhaus trieb sie die Dorfstraße hinab und auf jenen Weg, den ihre Mutter zum Arzt nach Berlin genommen hatte. Von ihr wusste sie auch, dass Berlin so groß war, dass man dort sogar einen Riesen verstecken konnte. In Berlin würden Emma und sie vor dem Waisenhaus sicher sein.
»Kommt Mama wirklich nicht nach?«, fragte Emma und schaute einmal mehr zur windschiefen Kate zurück. Tränen schimmerten auf ihren Wangen.
Marlene schüttelte verzweifelt den Kopf, dann nahm sie ihre Schwester fester bei der Hand. Sie überlegte krampfhaft, wie lange sie vom Streuselkuchen und einem halben Brot würden satt werden können, und redete sich ein, dass sie sich vor der Dunkelheit nicht zu fürchten bräuchten.
Mit Beinen schwer wie Blei ging Marlene weiter in Richtung Berlin und wusste dabei nur, dass sie ihren Geburtstag nie wieder feiern würde. Wenn ihre Mutter nicht so viel mit ihr hätte tanzen und singen müssen, wäre sie nicht gestorben.
Berlin-Wedding8. Juli 1911
Fräulein Kalkwasser betrat den dunklen Schlafsaal. »Alle in einer Reihe antreten!«, verlangte sie und ging zwischen den Eisenbetten entlang zum Tisch am Fenster, von dem aus sie den Schlafraum allabendlich überwachte. »Sofort!«
Die strenge Stimme der Erzieherin konnte nichts Gutes bedeuten. Marlene saß im Bett auf. Vor Aufregung hatte sie sowieso kein Auge zugetan. Emma neben ihr fröstelte. Selbst im Sommer wurde es nicht richtig warm im Schlafsaal, und manchmal knackten die alten Maschinen noch vor sich hin.
Fräulein Kalkwasser zündete die Öllampen an, sodass bald etwas Licht den Raum erhellte. Bis zu den alten Spinn- und Krempelmaschinen, die nach der Schließung der Tuchfabrik vor mehr als dreißig Jahren nie weggeräumt worden waren, reichte das Öllicht aber nicht.
Hastig setzte Marlene sich ihre Messingbrille mit den großen runden Gläsern auf. Nur so erkannte sie, dass die Uhr auf dem Tisch des Fräuleins halb sechs anzeigte. Aufstehzeit war eigentlich erst in einer halben Stunde – es sei denn, Fräulein Kalkwasser hatte bei ihrem morgendlichen Rundgang etwas entdeckt, das den Hausregeln zuwiderlief. Marlene wusste aus jahrelanger Erfahrung, dass die Erzieherin tagsüber besser gelaunt war, wenn sie sich schon morgens über eine Sache so richtig ärgern konnte.
Marlene stellte sich in der Reihe vor der langen Wand des Schlafsaales zuvorderst auf. Sie war die Größte und die Älteste im Saal. Emma stand dicht neben ihr, dann folgten Liese und Otto und die mehr als fünfzig anderen Kinder. Am Ende standen die Kleinsten, zu denen auch der siebenjährige Kalle gehörte. Kalle war zwar nicht der Jüngste, aber kaum kräftiger als die vierjährigen Kinder neben ihm. Er war der Neuzugang im Weddinger Waisenhaus und erst vor sechs Wochen von der Fürsorge in Friedrichshain im Gebüsch aufgelesen worden.
Fräulein Kalkwasser ging vor der Reihe von Kindern entlang wie ein Offizier bei der Inspektion seiner Fußsoldaten. »Wer von euch hat ins Bett gemacht und das nasse Bettlaken unter der Treppe im Hof versteckt?« Erst hielt sie das zusammengeknüllte Laken hoch, dann ließ sie es theatralisch zu Boden fallen.
Der arme Kalle!, dachte Marlene verzweifelt. Wer einmachte, musste Strafarbeit im Kohlenkeller leisten, und Kalle hatte panische Angst davor, in dunklen Räumen eingesperrt zu werden.
Die Erzieherin wurde ungeduldiger und richtete ihren Blick auf die Kleinsten. »Wem also gehört dieses Betttuch?« Wenn sie aufgebracht war, tippte sie ihre Finger, die lang wie Spinnenbeine aussahen, immer schneller aneinander, was sie nun auch tat. Die Öllampen warfen ihren Schatten mit der langen Nase und dem spitzen Kinn an die unverputzte Ziegelwand.
Der magere Karl-Heinz, den alle Kinder nur »Kalle« riefen, hielt den Blick gesenkt wie ein reuiger Sünder, als die Erzieherin vor ihn trat. Sein linkes Augenlied zuckte nervös.
»Ich war es. Es ist mein Betttuch«, rief Marlene, weil sie Kalles Not nicht länger mit ansehen konnte.
Aber Fräulein Kalkwasser ließ nicht von dem Jungen ab. »Ach ja?«, entgegnete sie in spitzem Ton. »Karl-Heinz, ich bin ziemlich sicher, dass du es warst.«
»Ich war es wirklich, vor Aufregung wegen des Abschieds heute«, beteuerte Marlene, obwohl sie das letzte Mal vor mehr als zehn Jahren eingenässt hatte. Aber aufgeregt war sie ganz sicher, weil heute ihr großer Tag war. Sie und Emma würden das Waisenhaus verlassen, um eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester in Weißensee zu beginnen.
Fräulein Kalkwasser schritt die Reihe erneut ab und kam vor Marlene zum Stehen, um sie zu mustern: ihr Schlafhemd, das aus einer Armeespende stammte, ihr zerzaustes Haar und die nackten Füße auf dem Steinboden.
»Sogar das Berliner Tageblatt hat die Einweihungsfeier des neuen Kinderkrankenhauses angekündigt«, erklärte Marlene aufgeregt. »Es heißt, dass Ärzte von weit her angereist sind, um die Eröffnung mitzufeiern, sogar aus Russland. Die ganze Nacht konnte ich deswegen nicht schlafen.«
»Ich konnte auch nicht schlafen«, fügte Emma kaum hörbar hinzu.
Die Erzieherin beachtete Emma nicht, sondern konzentrierte sich weiter auf Marlene. Marlene war schlank und so hochgewachsen, dass sie als Einzige mit Fräulein Kalkwasser auf Augenhöhe war. »Du denkst, nur weil heute dein letzter Tag ist, darfst du mich anlügen, Marlene Lindow?«
Marlene wich keinen Zentimeter zurück. »Nein«, entgegnete sie bemüht sachlich, wie sie es sich vom Waisenhausdirektor in Konfliktsituationen abgeschaut hatte. »Aber sogar der Herr Direktor hat die Ausbildung eine herausragende Chance genannt.«
»Du bestehst also darauf, dass du die Übeltäterin bist?«, verlangte Fräulein Kalkwasser zu wissen. Ein Windstoß ließ die Flammen der Öllampen erzittern.
Marlene nickte gleich mehrmals, ohne zu Kalle zu schauen.
»Also gut«, sagte die Erzieherin nach einigem Überlegen. »Für Strafarbeiten im Kohlenkeller bleibt dir keine Zeit, aber du wirst das Waisenhaus nicht eher verlassen, bis du das dreckige Bettlaken gewaschen hast.«
»Aber dann kommen wir zur spät zur Eröffnungsfeier der Kinderklinik«, widersprach Marlene. Um sieben Uhr würden sie das Waisenhaus verlassen, um pünktlich um neun Uhr in Weißensee zu sein. Der Fußmarsch dauerte zwei Stunden.
Fräulein Kalkwasser verschränkte die Arme vor der Brust und trat von Marlene zurück. »Dann musst du dich eben beeilen. Und bevor du in die Waschküche gehst, löschst du das Licht, damit die anderen noch bis sechs Uhr schlafen können.« Nach diesen Worten verließ sie den Saal.
Erst als ihre Schritte verklungen waren, regten sich die anderen Kinder wieder und stiegen zu zweit in ihre Betten und auf die Strohsäcke zurück.
»Danke, Marlene«, murmelte Kalle und schaute wie ein geschlagener Hund zur ihr auf.
Emma setzte sich zu dem Jungen und nahm ihn in den Arm. Mit zarter Stimme sang sie: »Guten Abend, gut’ Nacht, mit Rosen bedacht, mit Näglein besteckt, schlupf unter die Deck.«
»Meine Lieblingsrose ist eine rosa centifolia«, flüsterte Kalle und schloss die Augen. »Die kenne ich von meiner Oma, die Gärtnerin war, bevor die Schwindsucht sie …« Er brach ab, Emma sang weiter.
Nachdem Marlene die Öllampen gelöscht hatte, lief sie in die Waschküche, wo sie den Waschkessel erst umständlich aufheizen musste. Als sie dann endlich das Betttuch über das Waschbrett zog, versuchte sie sich wie so oft zuletzt, Weißensee vorzustellen. Aus der Zeitung wusste sie, dass der Weiße See dem Ort seinen Namen gegeben hatte, dass es dort ein Schloss gab und dass die reichen Berliner an den Wochenenden zum Erholen und Spazierengehen nach Weißensee fuhren. In den Wedding kam niemand freiwillig.
Eine halbe Stunde später als geplant und ohne einen einzigen Bissen im Magen stand Marlene schwer atmend mit Emma bereit für den Abschied im Hinterhof des Waisenhauses. Es war schon nach sieben Uhr. Die anderen erwarteten sie am Fabriktor. Ob sie wirklich nichts vergessen hatte? Auf die Schnelle hatte sie sich ihr widerspenstiges, lockiges Haar mehr schlecht als recht am Hinterkopf zusammengebunden. Gerade steckte sie sich noch den Zipfel ihrer Waisenbluse in den Rock, der eigentlich viel zu kurz für ihre langen Beine war. Dazu trug sie Halbschuhe, die außer bei feierlichen Verabschiedungen wie heute nur sonntags zum Kirchgang herausgeholt werden durften. So ausgetreten, wie die Schuhe waren, fiel sie im Wedding damit nicht auf, aber in Weißensee?
Marlene kam es immer noch unwirklich vor, dass sie und Emma das Waisenhaus tatsächlich verlassen würden. Hier hatten sie die zurückliegenden zwölf Jahre verbracht, hier waren sie zu jungen Frauen herangewachsen. Schläge hatte Fräulein Kalkwasser nie verteilt, einer der Gründe, warum sie nie fortgelaufen waren. Das Waisenhaus, das mitnichten eine Mördergrube war, hatte sie mehr als nur vor dem Verhungern gerettet. Der Direktor hatte Emma und Marlene nie voneinander getrennt, und nun bekamen sie diese einzigartige Chance zur Ausbildung als Kinderkrankenschwester. Marlene schaute zum Himmel hinauf. Keine Wolke war zu sehen, der Tag würde heiß werden.
Der Direktor wünschte ihnen alles Gute und gab noch zu bedenken: »Eine Rückkehr ins Waisenhaus wird nicht möglich sein, weil ihr mit euren neunzehn und siebzehn Jahren zu alt seid.«
Marlene nickte eifrig. Die beiden Schwestern hatten so lange bleiben dürfen, wie sie für den Abschluss ihrer Schulbildung benötigt hatten, das war ihnen schon vor geraumer Zeit mitgeteilt worden. Als Einzige aus dem Waisenhaus hatten sie Gymnasialkurse besuchen und in Pankow an einem Knabengymnasium ihre Abiturprüfung ablegen dürfen.
»Alles Gute für die Zukunft«, wünschte Fräulein Kalkwasser kurz und knapp, wie bei jeder Verabschiedung.
»Müsst ihr wirklich nach Weißensee?«, fragte Otto betrübt.
»Wir dürfen«, korrigierte Marlene und wuschelte dem Jungen durch das Haar.
Liese liefen Tränen die Wangen hinab, und der kleine Kalle schenkte ihnen zum Abschied einen Strauß Löwenzahn, der zwischen den Betonplatten beim Fabriktor wuchs. »Taraxacum«, wusste er den lateinischen Namen der Pflanze.
Emma drückte Kalle zum Abschied, und er wollte sie gar nicht mehr loslassen. »Du darfst nicht gehen!«, flehte er weinerlich.
Bevor Emma es sich doch noch anders überlegte, weil ihr der Junge in so kurzer Zeit so sehr ans Herz gewachsen war, antwortete Marlene für sie: »Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder.«
»Ja, wirklich?«, fragte Kalle hoffnungsvoll und ließ Emma nun endlich los.
Marlene lächelte bei dieser Vorstellung, aber sobald ihr Blick auf Fräulein Kalkwasser fiel, wurde sie wieder ernster. Die Erzieherin fixierte das Lokal auf der anderen Straßenseite, in dem sich Arbeiter nach der Nachtschicht betranken und Frauen mit angeblich loser Moral verkehrten. Es war klar, wie Fräulein Kalkwasser ihre Erfolgschancen in Weißensee einschätzte. Die wenigsten Kinder aus dem Waisenhaus schafften den Sprung ins normale Leben gleich beim ersten Anlauf. Marlene und Emma hatten aber nur diesen einen.
Als die älteren Kinder das Fabriktor quietschend aufschoben, hängte Marlene sich ihren Weidenkorb über den Arm, den jedes Waisenkind am Abschiedstag bekam, um darin seine persönliche Habe mitzunehmen, selten mehr als eine Handvoll Dinge.
Marlene tat den ersten Schritt an den Kindern vorbei und durch das Fabriktor nach draußen. Emmas warme Hand kam in die ihre.
»Schau dich nicht noch einmal um«, flüsterte Marlene ihrer Schwester zu, »das macht den Abschied schwerer.« Das wusste sie, seit sie sechs Jahre alt war. Mutters jährlicher Todestag lag keine Woche zurück.
Erst ging Marlene nur langsam, wie auf Glatteis, dann beschleunigte sie ihren Schritt und zog Emma mit sich durch das steinerne Meer aus vielgeschossigen Mietskasernen, die den Berliner Wedding ausmachten. Arbeiter auf dem Weg zu den Borsig-Fabriken in Tegel strömten ihnen entgegen. Die Männer und Frauen gingen zu Fuß in den nordwestlich angrenzenden Stadtteil, weil sie sich die fünfzig Pfennig für die Arbeiter-Wochenkarte der elektrischen Straßenbahn nicht leisten konnten. Tegel gehörte wie der Wedding zur hässlichen Rückseite von Berlin, wo Wohnungen wie Krankheiten waren, an denen man starb. Wo in Not geratene Mütter ihre Miete oft nicht mehr mit Geld bezahlen konnten.
Mit jedem Meter, den sie sich Weißensee näherten, schlug Marlenes Herz schneller. Sie versuchte, nicht daran zu denken, wer die jüngeren Kinder von nun an in Schutz nehmen oder wer mit Otto heimlich Lesen üben würde. Marlene hatte schon mehrmals mit Fräulein Kalkwasser über die Bestrafung von Bettnässern gestritten, aber abgeschafft worden war diese angebliche Erziehungsmaßnahme nie. Sie war überzeugt davon, dass die Bloßstellung eines Kindes den Druck noch erhöhte und das Bettnässen sogar beförderte.
Sobald Pankow in Sicht kam, wurde es heller, die Menschen sahen gesünder aus, mit rosiger Haut und geradem Rücken, und einige lächelten sogar.
Am Ortseingang von Weißensee, Emma hielt Kalles Löwenzahn die ganze Zeit über fest in der Hand, zogen sie sich trotz der aufkommenden Hitze ihre Strickjacken über, die das aufgenähte »W« an den Ärmeln ihrer Blusen verbargen. Die meisten Menschen, die sie kannten, hielten Kinder aus dem Waisenhaus für kriminell.
»Das Gebäude sieht aus wie ein Schloss«, staunte Marlene, als sie endlich vorbei an Gepäckdroschken und feinen Herrschaften das Gelände der Kinderklinik betraten. Mit seinen turmartigen Anbauten, den großen Doppelfenstern und dem vielen Grün drumherum mutete die Klinik wie die Residenz einer Königin an. Emma schaute sich verloren um. Auf der Zufahrtsstraße wurde ein Festplatz für die feierliche Eröffnung hergerichtet.
Marlene lief auf die Eingangstreppe zu, neben der ein Gärtner gerade noch letzte Hand an den Rasen anlegte.
»Ob wir hier wirklich richtig sind?«, fragte Emma ungläubig und verstaute Kalles Löwenzahn in ihrem Weidenkorb.
»Bestimmt, Emmalein.« Marlene atmete noch einmal tief durch, dann betrat sie zusammen mit ihrer Schwester die Kinderklinik. Neugierig schaute sie sich in dem überwölbten Korridor mit den zarten Blütenmalereien um. Auch im Inneren wirkte die Klinik wie ein modernes, lichtdurchflutetes Schloss – kein Vergleich zu der alten Tuchfabrik im Wedding, die nach der Schließung mit wenigen Handgriffen in ein Waisenhaus umgewandelt worden war. Marlene berührte die glatten Wände, die mit Emaillefarbe gestrichen waren. Ein sehr schönes Fräulein mit weizenblondem Haar, das sehr vornehm frisiert war und etwa in ihrem Alter, schaute sie im Vorbeigehen länger an. Ihr prüfender Blick war Marlene etwas unangenehm, aber sie ließ es sich nicht anmerken. »Emma, sieh doch! Alles ist abgerundet, es gibt keine Ecken oder Kanten«, staunte sie. Und es gab weder Löcher im Boden noch Schwellen, über die man stolpern konnte. In der alten Tuchfabrik hatte sich in den Löchern im Zementboden Dreck gesammelt, und wenn es im Herbst feucht in den Räumen wurde, hatte es übel nach Brackwasser gerochen. Hier in der Kinderklinik würde es den kranken Kindern gut gefallen, war Marlene überzeugt.
Eine vornehme Rotkreuzschwester, die sich eben noch mit zwei Herren unterhalten hatte, kam auf sie zu. »Gehören Sie zu den neuen Elevinnen?«, fragte sie und strahlte dabei eine freundliche Würde aus.
Marlene nickte und zog sich ihre Strickjacke gleich fester um die Schultern. »Wir sind Emma und Marlene Lindow.« Sie schaute sich nach weiteren Schwesternschülerinnen um, sah aber nur viele feine Herrschaften.
»Willkommen in Ihrer neuen Wirkungsstätte, ich bin Oberschwester Ida von Treskow«, stellte sich die Frau vor. Ihre Haut war fein und blass wie Porzellan, ihre Züge edel, mit hohen Wangenknochen und dünnen rotblonden Augenbrauen.
Emma knickste ehrfürchtig, Marlene lächelte die nette Frau einfach nur an. Sie war noch nie zuvor gesiezt worden.
»Wir sollten uns etwas beeilen, bitte folgen Sie mir zu den Schwesternzimmern hinauf«, sagte die Oberschwester und führte sie eine kunstvoll gedrechselte Wendeltreppe hinauf. Marlene war begeistert davon, wie neu, sauber und hell hier alles war und dachte gleichzeitig, dass Fräulein Kalkwasser – anders als die Oberschwester – ihren Vornamen nie preisgegeben hatte.
In der Mansarde angekommen, holte Oberschwester Ida einen Stapel Wäsche aus einer Kammer und brachte Marlene und Emma in das Schwesternzimmer mit der Nummer drei an der Tür. »Ziehen Sie sich die Schwesternkleidung an und binden Sie Ihr Haar zu einem Knoten. Die Oberin wird Sie gleich für die Feierstunde abholen. Und atmen Sie ruhig noch einmal tief durch, der Tag wird anstrengend werden.« Die Oberschwester lächelte gütig und vornehm zugleich. »Bei Fragen oder Problemen rund um die Krankenpflege können Sie sich jederzeit an mich wenden.«
»Danke, Oberschwester Ida«, entgegnete Marlene begeistert über das Angebot und kniff sich dann kurz in den Unterarm, weil sie wirklich sicher sein wollte, dass sie nicht träumte und dass sie für ihr Zuspätkommen nicht bestraft wurden.
Emma befühlte die Schwesternkleidung, als seien Goldfäden darin eingewebt. Die Kleidung war aus guten Stoffen gemacht und hübsch gestärkt, geplättet und gefaltet. Und erst die Dienstbroschen. Das waren Schmuckstücke!
Marlene schob sich ihre Messingbrille die Nase hinauf und schaute sich genauer im Schwesternzimmer um, das ihre Schlafstatt während der zwölfmonatigen Ausbildung sein würde. Solange sie sich zurückerinnern konnte, war sie jede Nacht ihres bisherigen Lebens ganz nah an Emma eingeschlafen, was im Schwesternzimmer wegen der großzügig auseinanderstehenden Betten nun nicht mehr möglich war. Ein kleiner Wermutstropfen.
Ansonsten war das Zimmer hell, mit hohen Decken und großen Fenstern, die viel Tageslicht einließen. Es gab einen Kleiderschrank, jedem Bett war ein Nachtschränkchen im modernen Stil beigestellt, und sogar Teppiche lagen auf dem Boden. Nie mehr kalte Füße!
Marlene zog sich bis auf die Unterwäsche aus und verstaute die Waisensachen in ihrem Weidenkorb. Das graue Schwesternkleid mit dem hübschen weißen Kragen fühlte sich angenehm auf der Haut an. Als Nächstes nahm sie ihren wirren Pferdeschwanz am Hinterkopf zu einem Knoten zusammen und setzte sich die weiße Schwesternhaube auf. Feierlich wie bei ihrer Einsegnung entfaltete sie die reinweiße Schwesternschürze, legte sie sich um die Taille und band mit den Bändern auf dem Rücken eine Schleife. Emma half ihr, die Träger des Schürzenlatzes auf dem Rücken zu überkreuzen und festzuknöpfen. Von nun an würden sie diese Handgriffe täglich verrichten.
»Das Schwesternkleid ist etwas zu kurz«, bemerkte Emma, womit sie eigentlich meinte: zu kurz, um die ausgetretenen Halbschuhe zu verdecken. Oberschwester Ida hatte tadellose Schuhe getragen.
»Emma, die anderen werden uns in die Augen schauen und nicht auf die Füße«, sagte Marlene und lächelte, um ihre Schwester zu beruhigen, obwohl auch ihr etwas mulmig zumute war. Wie immer, wenn sie aufgeregt war, wurden ihr die Hände feucht. Sie wischte sie sich schnell an der Schürze ab und schaute an sich hinab. Zumindest war das Schwesternkleid lang genug, um ihre dürren Beine zu verbergen. Sie ging zum Emaille-Waschbecken, und betrachtete sich in dem Spiegel darüber. In der Schwesterntracht fühlte sie sich vornehm, die Dienstbrosche zwischen den Kragenspitzen rundete ihr neues Erscheinungsbild ab. Die Brosche zeigte vor weißem Hintergrund das rote Kreuz und war schwarz umrahmt. Sie war das Erkennungszeichen der Rotkreuzschwestern, dessen unbefugtes Tragen oder dessen Nachahmung unter Strafe stand. Marlene strich sich eine dunkelblonde Locke aus dem Gesicht und reinigte ihre Brille noch einmal.
»Ich habe Angst, dass wir es hier nicht schaffen, Lene«, gestand Emma und machte sich daran, sich ebenfalls umzuziehen. »Hast du die vielen strengen Herren mit ihren vornehmen Zylindern auf dem Festplatz gesehen? Wie aus Grunewald oder Charlottenburg sehen die aus.«
Marlene band ihrer Schwester die Schürze um, überkreuzte die Latzträger auf dem Rücken und knöpfte sie fest. »Alles wird gut werden, Emmalein. Wir werden es allen zeigen, auch den Herren mit den Seidenzylindern. Du wirst schon sehen.« Sie stemmte die Hände in die Hüften und sagte gespielt streng: »Die können doch den Lindow-Schwestern nichts anhaben!«
Der Anflug eines Lächelns huschte über Emmas Züge. »Meinst du wirklich?« Sie strich sich mit den Fingern ihre Ponyfransen glatt und steckte sich die Dienstbrosche an.
»Aber sicher!« Marlene nickte in Erinnerung daran, wie Emma und sie geholfen hatten, die Kinder im Waisenhaus im Krankheitsfall zu versorgen. »Das Anlegen von Umschlägen und das Fiebermessen beherrschen wir immerhin schon.« Entschlossen setzte Marlene Emma die weiße Schwesternhaube auf, die sie als Elevin auswies, und steckte diese mit Klemmen im Haar fest. »Die Haube steht dir gut. Wie eine waschechte Kinderkrankenschwester siehst du schon aus.«
Emmas Hände zitterten vor Aufregung, als Marlene ihr den Kragen am Schwesternkleid richtete. »Wir tragen viel Verantwortung«, sagte Emma leise. »Was ist, wenn ich etwas falsch mache und es einem Kind deswegen schlecht geht? Wenn es die ganze Zeit weint, vielleicht sogar stirbt?«
Marlene legte ihrer Schwester zur Beruhigung die Hand auf die Schulter, auch ihr Herz raste. »Emmalein, wir werden hier nicht als Oberschwestern arbeiten, sondern als Elevinnen, Schwestern in Ausbildung. In allem, was wir tun, werden wir angeleitet, und zu Beginn werden es nur Hilfstätigkeiten sein. Niemand lässt uns mit einem todkranken Kind allein.« So zumindest stellte Marlene sich das vor. Darauf, dass sie in der Ausbildung viel lesen und lernen durften, freute sie sich besonders.
Emma fuhr mit der zitternden Hand über den Kragen des Schwesternkleides. »Ein feiner Stoff. Fast zu fein für zwei Waisen wie …«
Marlene unterbrach sie augenblicklich, indem sie ihr den Finger auf die Lippen legte. »Lass uns vor und nicht zurückschauen, einverstanden? Wenn wir nett zu den anderen Schwestern sind, werden sie auch nett zu uns sein. Bestimmt finden wir neue Freundinnen hier.« In der Schwesterntracht, so hoffte sie, würden alle Lernschwestern gleich sein.
»Das wäre schön«, flüsterte Emma sehnsüchtig.
Marlene fand, dass Emma in der neuen Kleidung, mit ihren zarten, symmetrischen Zügen und dem dunkelblonden, seidigen Haar wunderschön aussah. Sie kam ganz nach Mutter.
Ein unwirsches Klopfen an der Tür ließ die Mädchen zusammenfahren. »Sind die Damen Lindow bereit?«, fragte eine Frauenstimme im Korridor. »Hier spricht Oberin Polsfuß.«
Marlene öffnete die Tür des Schwesternzimmers und trat der Oberin entgegen. Mit dem streng gescheitelten, stahlgrauen Haar, das zu einem straffen Knoten gebunden war, und mit der schwarzen Tracht wirkte die Vorsteherin der Schwesternschaft wie eine ältliche Witwe. Nur die weiße, freundliche Rotkreuzhaube wollte nicht so recht dazu passen. Marlene schätzte die Oberin auf fünfzig oder sechzig Jahre. Es war schwer zu sagen, weil ihre lebhaften silbergrauen Augen noch von der Energie einer Jüngeren zeugten.
»Natürlich«, bestätigte Marlene, während Emma kein Wort herausbekam. »Wir sind bereit.« Es fiel ihr nicht leicht, dem Blick einer Person, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließ, länger standzuhalten.
»›Natürlich, Oberin Polsfuß‹, heißt es korrekt«, verbesserte die Oberin.
»Natürlich, Oberin Polsfuß«, wiederholte Marlene und schielte zu den Mädchen hinter der Vorsteherin.
»Natürlich, Oberin Polsfuß«, fügte nun auch Emma leise an.
Obwohl die anderen Mädchen die gleiche Schwesterntracht trugen, wirkten sie auf Marlene eleganter und vornehmer.
»Was ist denn mit Ihrer Haube passiert? Warum rutscht sie auf Ihrem Kopf hin und her?«, unterbrach die Oberin Marlenes Gedanken.
Die Mädchen hinter der Oberin kicherten los, verstummten aber in dem Augenblick, in dem die Vorsteherin sich ihnen zuwandte.
Mit den Worten: »Schwester Marlene, wo sind Ihre Klemmen, um die Haube festzustecken?«, nahm die Oberin sie erneut ins Visier.
Schwester Marlene, wiederholte Marlene in Gedanken die neue Anrede. Es klang noch ungewohnt, aber schön. Im Waisenhaus war sie immer nur Marlene Lindow gewesen. Schwester Marlene klang vertrauter, beinahe als sei sie ein neues Familienmitglied in der großen Klinikfamilie.
Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass an ihrer Haube überhaupt Klemmen gesteckt hatten. »Ich habe keine Klemmen bekommen.«
Die Oberin reagierte nicht auf die Anmerkung, stattdessen sagte sie: »Und noch zwei Dinge. Das komplette Kopfhaar gehört zusammengenommen. Nicht eine einzige Strähne darf mehr heraushängen, wenn wir gleich den Festplatz betreten.«
Hastig stopfte Marlene jede wirre Locke, die sie zu fassen bekam, in den Haarknoten zurück, und auch Emma fingerte nervös an ihrer Frisur, die aber schon tadellos war.
Die Oberin schüttelte über so viel Nachlässigkeit den Kopf. »Außerdem gehört die Schürze vor dem Bauch und nicht auf dem Rücken gebunden.«
Marlene spürte, wie die anderen Mädchen sie beäugten, als Emma und sie sich die Schleifen neu banden.
»Schwester Emma, Sie reihen sich gleich hinter mir ein«, wies die Oberin an, kaum dass sie mit den Schürzen fertig waren. »Solche Verzögerungen gilt es in Zukunft zu vermeiden.«
Marlene nickte, während Emma schon eilfertig zur Gruppe trat.
»Und Sie, Schwester Marlene, lassen sich zwei Haarklemmen im Kanzleizimmer aushändigen. Linker Hand im Erdgeschoss.« Die Oberin wies auf die Wendeltreppe, die mittig vom Korridor abging. »Keine Unregelmäßigkeit soll den Anblick meiner Schwesternschaft beim Festakt stören«, betonte sie. »Ich erwarte Sie in zehn Minuten unten vor dem Haupteingang.«
»Ja, Oberin Polsfuß«, antwortete Marlene und eilte los.
Sie lief die Stufen hinab und begegnete Ärzten in weißen Kitteln und mit Seidenkrawatten. Blumensträuße wurden von Fräulein über die Korridore getragen, und irgendwo stimmten sich Bläser ein. Alles war festlich geschmückt mit Stoffgirlanden. Im Erdgeschoss angekommen, ging sie vor den Türen auf der linken Seite des Korridors entlang. Auf der Suche nach dem Kanzleizimmer las sie die polierten Namensschilder, die neben den Türen an der Wand hingen. Das Bakteriologische Laboratorium kam zuerst, und Marlene dachte bei dessen Anblick, dass sie wenig Ahnung von Bakterien hatte. Sie würde gerne etwas über die kleinsten Lebewesen lernen, die in ihrem Biologieunterricht nicht behandelt worden waren, weil Mädchen nicht mehr als nötig in die Naturwissenschaften eingeführt werden sollten. Warum Mikroskopie angeblich Männersache sein sollte, hatte sie nie verstanden.
Vom Ende des Korridors hörte sie englische und französische Satzfetzen, deren Klang sie aus den Abiturkursen kannte. Sie passierte auch das Zimmer des Oberarztes, eines gewissen Doktor Buttermilch. Plötzlich rumste es, und Marlene spürte etwas brennend Heißes auf ihrer Hand, Geschirr klirrte. Ein Herr mit einer dicken Brille trat von ihr weg und schüttelte sich die Hand. Sein Hemd und die Seidenkrawatte waren mit Kaffeeflecken übersät, und seine goldverzierte Porzellantasse lag zersprungen auf dem Boden zwischen ihnen.
»Verzeihung«, murmelte Marlene und schämte sich für ihr Missgeschick. Manchmal war sie einfach zu unkonzentriert!
»Wo soll ich innerhalb von zehn Minuten noch ein Ersatzhemd herbekommen?«, erboste sich der Mann. Eine tiefe Zornesfalte zwischen seinen Augenbrauen unterstrich seinen Ärger.
Marlene schob ihre Brille die Nase hinauf. »Es tut mir wirklich leid«, beteuerte sie und senkte den Blick auf ihre puterrote Hand, die schrecklich brannte.
»Wer sind Sie, Schwester?«, verlangte er zu wissen und schaute sie durch seine dicken Brillengläser hindurch genauer an. Er schien ihr viel kurzsichtiger als sie selbst zu sein, seine Augen wirkten durch die Gläser deutlich kleiner.
»Ich gehöre zu den neuen Elevinnen und suche das Kanzleizimmer«, entgegnete sie und deutete mit der brennenden Hand an ihren Kopf. »Ich brauche noch Haarklemmen für meine Haube.«
Durch das Fenster sah sie die Oberin draußen mit den Elevinnen und einem Dutzend weiterer Schwestern stehen und ungeduldig auf den Haupteingang des Klinikgebäudes schauen.
»Da lang!« Er wies schräg hinter sich. »Aber beim nächsten Mal machen Sie besser die Augen auf.«
Mit einem zerknirschten »Danke« entfernte sie sich. Ihre verbrühte Hand schmerzte schlimm, aber das war ihr gerade nicht wichtig. Als Marlene den gesuchten Raum betrat, war der Kanzlist zwischen Kisten versunken. Aus einem Berg von Schachteln suchte er ihr zwei Klemmen heraus.
Auf dem Weg hinaus befestigte Marlene sich im Gehen ihre Haube. Fortwährend schaute sie sich nach allen Seiten um, damit sie nicht noch einmal im Weg sein würde.
Die Oberin empfing sie mit kritischem Blick. »Schwester Marlene, sind Sie von allen guten Geistern verlassen?«
Marlene war noch ganz außer Atem und schaute fragend zu Emma, die bei den anderen Elevinnen stand. Zwei tuschelten miteinander, die anderen schauten gebannt zur Oberin. Emma deutete möglichst unauffällig auf Marlenes Schürze.
Marlene schoss die Hand vor den Mund, als sie die Kaffeeflecken auf dem Latz ihrer Schürze entdeckte. »Ach du grüne Neune!«, stieß sie hervor.
»War Ihnen die reinweiße Schürze zu langweilig, Schwester?«, fragte die Oberin mit schneidendem Unterton.
Marlene schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht, Oberin Polsfuß. Ich habe nicht aufgepasst, als …«
»Darüber sprechen wir später noch. Die feierliche Eröffnung beginnt jeden Augenblick. Und für diese halten Sie sich ihre Hand vor die Flecken. Mit etwas Glück denken die Gäste, Sie fassen sich vor Rührung ans Herz. Danach besorgen Sie sich eine frische Schürze in der Wäschestelle.«
»Sehr wohl, Oberin Polsfuß.« Marlene reihte sich neben der Oberin ein und hatte alle Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Im Waisenhaus hatte sie sich schon überlegt, wie sie die Oberin von ihrer Eignung überzeugen würde. Durch Fleiß, Höflichkeit und Aufmerksamkeit. Das war ihr bereits in den ersten Stunden misslungen.
Die Oberin führte die Schwesternschaft durch das Tor des Klinikgeländes auf den Festplatz. Auf Höhe des Rednerpults stoppte sie und wandte sich ihnen zu. »Bedenken Sie heute besonders, dass der Titel ›Schwester‹ ein Ehrentitel ist, und verhalten Sie sich entsprechend. Die internationale Ärztewelt blickt dieser Tage auf Weißensee.« Sie schaute jede Elevin aufmerksam an. Marlene und Emma nickten gleichzeitig. Trotz des Schnitzers eben wollte Marlene sich als würdig erweisen. Sie presste sich ihre Hand noch einmal fester auf die Kaffeeflecken. Dann schaute sie sich um, während Emma den Blick gesenkt hielt. Hunderte Menschen waren gekommen, um den Feierlichkeiten beizuwohnen.
Der Platz hinter dem Rednerpult war den höchsten Herrschaften vorbehalten: den internationalen Kinderärzten und Männern in Uniformen. Marlene erkannte in dem rundlichen Herrn mit Zylinder und Frack den Bürgermeister von Weißensee wieder, den sie schon auf Fotografien im Berliner Tageblatt gesehen hatte. Dem Pflegepersonal wurde der Bereich neben dem Bürgermeister, links vom Rednerpult, zugewiesen. Die Elevinnen sollten in der ersten Reihe stehen, dahinter die examinierten Schwestern und die Oberschwester. Marlene bewunderte »die Examinierten«, wie die fertig ausgebildeten Schwestern auch genannt wurden. Erst examinierte Krankenschwestern, die einer Rotkreuzschwesternschaft beigetreten waren, durften die Rotkreuzhaube tragen. Am Stirnsaum dieser Haube war eine Borte befestigt, auf der sich ein Kreuz und die Abkürzung RK abwechselten. Wie ruhig und beherrscht die Examinierten dastanden, sie wirkten beeindruckend souverän. So wollte Marlene eines Tages auch auftreten können. Die Oberin stellte sich neben sie an den Rand und prüfte noch einmal, ob Marlene die Kaffeeflecken verdeckte.
Neben den Schwestern und ebenfalls zur Linken des Rednerpults reihten sich die Melker auf, die weiße Kappen und weiße Arbeitskleidung trugen. Neben ihnen standen der Gärtner und weiteres Dienstpersonal. Zur anderen Seite des Pults hoben sich vor allem die Ärzte durch ihre stolze Haltung vom Rest des Klinikpersonals ab. Sofort fiel Marlene ein blonder, junger Arzt auf, weil er besonders steif dastand, wie aus Stein gehauen.
Punkt zehn Uhr eröffnete eine Blaskapelle die Feierstunde mit dem Marsch Preußens Gloria. Eine erwartungsvolle Anspannung lag in der Luft. Marlene erlebte eine besondere Geburtsstunde mit, das war ihr bewusst, und einmal mehr lächelte sie Emma neben sich an, die nun ebenfalls lächelte und nach ihrer Hand griff.
Nachdem der letzte Ton des Marsches erklungen war, schritt Bürgermeister Woelk an das Rednerpult. »Herzlich willkommen, hochansehnliche Weißenseer Bürger, Berliner und Interessierte.Die Fürsorge eines Volkes für seine Jüngsten ist ein Maßstab für die Kultur eines Volkes! Nicht nur ein Haus für bedürftige Säuglinge feiern wir heute«, drang seine mächtige Stimme an Marlenes Ohren, »nicht nur eine Stätte für ernährungsgeschwächte Säuglinge oder Frühgeborene, sondern eine Anstalt einzigartiger Ausgestaltung: ein kommunales Krankenhaus, in dem alle Anlagen und das gesamte Personal auf Säuglinge und kleine Kinder spezialisiert sind.«
Vom Zauber des Anfangs erfüllt, schloss Marlene kurz die Augen und sog die frische Weißenseer Luft ein. Als sie die Augen wieder öffnete, fiel ihr auf, wie die elegante Elevin neben Emma immer wieder zu den Ärzten hinüberschaute, besonders zu dem Blonden, der nun wie ein Offizier beim Fahnenappell dastand. Die Elevin besaß auffällig rote Lippen und ihr weizenblondes Haar leuchtete in der Sonne, sodass man sie einfach anschauen musste. Marlene versuchte, ihre elegante Haltung zu imitieren, aber sie fühlte sich unwohl damit und stand dann doch wieder wie die schlaksige Marlene Lindow mit den viel zu langen Beinen da.
Nachdem der Bürgermeister seine Rede beendet und den ärztlichen Direktor angekündigt hatte, brandete Beifall auf. Marlene vergaß ihre Kaffeeflecken und fiel in den Applaus mit ein.
Als nun der ärztliche Direktor Doktor Ritter an das Rednerpult trat, entfuhr Marlene ein verzweifeltes: »Oh nein!« Sie kannte den Mann, denn sie hatte ihn vorhin mit Kaffee überschüttet.
»Hauptursachen der hohen Kinder- und Säuglingssterblichkeit sind mangelnde Pflege und Ernährung«, trug Doktor Ritter vor, der als einziger Arzt seinen Kittel geschlossen trug. Nur er und Marlene kannten den Grund dafür.
»Mit unserer Klinik treten wir an, ebendiese Ursachen auszumerzen. Wir wollen die Brusternährung fördern und eine erstklassige Heilernährung ermöglichen. Dazu sind der Klinik eine Nahrungsbereitungsanstalt und ein Kuhstall angegliedert, beides vereint unter dem Dach der Milchkuranstalt.« Er deutete erst in Richtung der Melker und dann auf das Gebäude dahinter. Die Sonne spiegelte sich in seiner Brille.
Marlene hatte in den Zeitungsartikeln von der Milchkuranstalt gelesen, die sich gleich neben dem Hauptgebäude befand, und war fasziniert davon.
»Die Schwestern, die sich der kleinen Patienten annehmen werden, entstammen dem Vaterländischen Frauenverein vom Roten Kreuz«, fuhr der ärztliche Direktor fort. »Die Oberin, die Ober- und die Stationsschwestern sind im Mutterhaus Weißensee ausgebildet worden und werden die frisch eingetretenen Elevinnen zu einem leistungsfähigen Schwesternstamm formen.«
Marlene ließ Emma los und tastete nach ihrer Dienstbrosche. Von nun an gehörten sie dazu. Es kribbelte in ihren Fingerspitzen, so musste sich Glück anfühlen.
»Die einjährige Ausbildung der Elevinnen endet mit einem Examen«, erklärte Doktor Ritter und wandte sich nun den Elevinnen zu. Marlene brannte die Hand wie Feuer, als sein Blick auf sie fiel und länger an ihr festhielt, aber ohne eine Regung zu zeigen. Sie rückte näher an Emma heran, sodass niemand von vorn sehen konnte, dass sie sich wieder an den Händen hielten.
Erst als der Schlussapplaus erklang und die Blaskapelle den Fehrbelliner Reitermarsch spielte, ließ sie ihre Schwester wieder los. Die Fotografen erstürmten das Tor des Klinikgeländes und eiferten nach Interviews mit den internationalen Ärzten und dem ärztlichen Direktor.
Nach einer Weile folgten auch die Weißenseer Gäste dem Klinikpersonal, den Ärzten und Journalisten auf das Gelände. Während sie durch den Park spazierten, Bier tranken und die mustergültigen Kuhställe einsahen, führte die Oberin ihre Elevinnen zurück in die Mansarde des Hauptgebäudes. Die zwölf Mädchen sollten sich im Korridor in einer Reihe vor ihr aufstellen.
»Heute und morgen sind Ausnahmetage für Sie, Schwestern, weil wir noch keine Patienten haben«, sagte die Oberin. »Ab übermorgen, wenn die ersten Kinder zu uns kommen, beginnt der Tagesdienst um sieben Uhr. Der Speiseraum der Schwesternschaft befindet sich im Erdgeschoss. Das Abendessen nehmen Sie nach dem Ende Ihres Dienstes auch dort ein, zum Mittag stehen Klappstullen bereit.«
Marlene war bemüht, sich die Anweisungen der Oberin gut einzuprägen.
»Pro Woche steht Ihnen ein freier Nachmittag von zwei bis neun Uhr zu. Nur die erste Dienstwoche werden Sie durcharbeiten. Keine Schwester darf sich ohne meine Erlaubnis von der ihr zugewiesenen Station entfernen. Damit ich stets weiß, wo und mit wem Sie sich auch außerhalb der Kinderklinik an Ihren freien Nachmittagen aufhalten, wird ab nächster Woche ein Buch bei Pförtner Pinke ausliegen, in dem Sie vorm Verlassen des Hauses entsprechende Angaben zu machen haben. Fortan bürgen Sie für den tadellosen Ruf der Klinik, der durch nichts beschmutzt werden darf. Am allerwenigsten durch zügellose Freizeitvergnügungen.«
Marlene nickte beeindruckt, Freizeitvergnügen waren ihr sowieso nicht wichtig. Schließlich war sie zum Lernen und nicht zum Ausgehen an die Kinderklinik gekommen.
»Rotkreuzschwestern erhalten freie Kost, freie Logis hier im Mansardengeschoss und freie Wäsche«, erklärte die Oberin den Neuankömmlingen weiter. »Dann räumen Sie jetzt Ihre Sachen aus und finden sich Punkt ein Uhr zum Mittagessen im Speiseraum der Schwestern ein.«
Marlene schaute sich schon nach Zimmer drei um, wo ihre Weidenkörbe standen, als die Oberin noch hinzufügte: »Bis auf Schwester Marlene und Schwester Emma können alle auf ihre Zimmer gehen.«
Marlene fuhr zusammen, und Emma senkte den Blick, als hätte sie etwas in dieser Art kommen sehen.
»Schwester Marlene, Sie werden sich mit Schwester Heidemarie ein Zimmer teilen.« Die Oberin wies auf die Tür mit der Nummer eins, in der ein rundliches, hübsches Mädchen eben verschwunden war, das nicht glücklich ausgesehen hatte. »An Ihrer statt wird Schwester Clarissa das zweite Bett in Zimmer drei beziehen.«
»Bitte nicht!«, entfuhr es Emma
»Muss das wirklich sein, Oberin Polsfuß?«, fragte Marlene zerknirscht. Sie wollte nicht von Emma getrennt werden. Ihre Schwester war die einzige Familie, die sie besaß.
Die Oberin verengte ihre silbergrauen Augen. »Sie widersprechen Ihrer Vorgesetzten?«
Marlenes Blick wurde von der Kette der Oberin gebannt, an der ein schweres, silbernes Kreuz hing. Es schien viel zu groß für die zierliche, kleine Frau zu sein. »Ich meinte nur …«
Emma nickte, um den Einspruch ihrer Schwester zu unterstreichen.
»Emma und ich … wir … Oberin Polsfuß …« Marlene bat mit einem Blick um Verzeihung. Sie hatte nichts gegen Schwester Heidemarie, aber ohne Emma konnte sie bestimmt nicht einschlafen.
»Als Elevin haben Sie nichts zu meinen!«, stellte die Oberin klar. Marlene war sich sicher, dass die Zurechtweisung in den Schwesternzimmern hinter ihnen gut zu hören war.
»Haben Sie mich verstanden?«, wollte die Oberin wissen.
Marlene schaute zu Emma, die ganz blass geworden war. Am liebsten wollte sie die Oberin bitten, ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken, aber im letzten Moment schluckte sie den Satzanfang wieder herunter. »Ja, Oberin Polsfuß.« Vielleicht durften Heidemarie und Emma in ein paar Wochen Betten tauschen, wenn sie sich gut führten.
Die Oberin trat vor sie und hob ihre knöchrige Hand. Marlene dachte schon, sie wollte ihr die Hände um den Hals legen, aber sie öffnete den Nadelverschluss der Dienstbrosche vor Marlenes Hals und zog ihr das Schmuckstück von der Kleidung.
»Aber …«, wollte Marlene ansetzen, entschied sich im letzten Moment jedoch dazu zu schweigen.
Emma löste ihre Brosche nun auch vom Kragen und hielt sie der Oberin hin.
Nach einem kurzen Zögern nahm Oberin Polsfuß das Stück entgegen. »Sie werden erst nach einer Probezeit von zwei Monaten einen sicheren Ausbildungsplatz haben. Wenn Sie diese Zeit zu unserer Zufriedenheit meistern, erhalten Sie die Dienstbrosche zurück.«
»Die anderen müssen sich ihre Broschen nicht erst verdienen?«, fragte Marlene entrüstet, sie konnte einfach nicht anders.
»Schwester Marlene und Schwester Emma, Sie scheinen mir deutlich ungefestigter als die anderen Elevinnen«, antwortete Oberin Polsfuß dieses Mal ohne zu zögern.
Marlene verstand ganz genau. Weil sie aus dem Waisenhaus kamen, machte man ihnen zusätzliche Auflagen. Sie rieb sich den Oberarm, wo auf der Bluse aus dem Waisenhaus das »W« aufgenäht gewesen war, und schob sich ihre große Messingbrille die Nase hinauf. Es kostete sie die Kraft einer Bärin, den nächsten Satz ruhig vorzutragen: »Wir werden zu Ihrer Zufriedenheit arbeiten, Oberin Polsfuß.«
Tief in ihrem Inneren war ihr jedoch zum Schreien zumute. Es war so ungerecht. Würden Emma und sie für immer gebrandmarkt bleiben, egal, wohin sie gingen, egal, was sie taten?
