Klaras Haus - Sabine Kornbichler - E-Book
SONDERANGEBOT

Klaras Haus E-Book

Sabine Kornbichler

0,0
8,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 8,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Klara Wilander vererbt den Nichten und Neffen ihres verstorbenen Mannes Ferdinand ein Haus auf der Nordseeinsel Pellworm. Sie hinterläßt ihnen kein Ferienhaus, sondern einen Zufluchtsort für den Fall, dass sie einmal nicht mehr weiter wissen. Was den meisten als skurrile Laune erscheint, wird für eine der Erbinnen, Nina Tilden, schon bald zur rettenden Fluchtburg. In Klaras Haus bleibt sie jedoch nicht lange allein. Die schützenden vier Wände, die sie nur mit Hanni Jensen, der Haushälterin, teilt, öffnen sich auch für Charlotte Munzinger, die Frau ihres Cousins Johannes. Die Mutter von vier Kindern wird im Familienkreis als glückliche Ehefrau gepriesen, doch wie Nina hat auch sie ein Geheimnis. Beide Frauen tasten sich vorsichtig aneinander heran und stützen sich gegenseitig in der Verzweiflung, die sie in Klaras Haus geführt hat. Nina erfährt, dass Charlotte schon früher in diesem Haus war. Sie hat Klara gut gekannt und erzählt Nina schließlich den Grund für deren Testament: Klaras Schwester Anne, die noch leben könnte, wenn es damals einen solchen Zufluchtsort für sie gegeben hätte.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2014

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.piper.de

Für Frieder

ISBN 978-3-492-96885-0 Februar 2015 © der E-Book-Ausgabe: Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2014 © der gedruckten Originalausgabe: Knaur Verlag 2000 Covergestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung eines Fotos von Stephen Carroll/Trevillion Images Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

1 Ich habe Träume, von denen ich weiß, dass sie nie in Erfüllung gehen werden, weil sie nicht in Erfüllung gehen können, nicht mehr. Trotzdem bewahre ich sie mir. Nicht als traurige Erinnerung, sondern als vertraute Begleiter, die mir einen immer wiederkehrenden, wundervollen Blick gönnen auf das, was hätte sein können. Es ist lange kein wehmütiger, bereuender Blick mehr, sondern ein wissender, keiner, der der Vergangenheit verhaftet ist, sondern einer, der akzeptiert, was war und was nicht.

So geht es mir auch mit meinem Wunsch, Klara noch einmal zu treffen, diese blasse, unscheinbare Frau, die immer am Rand stand, fluchtbereit in der Nähe einer Tür, um ihren Mitmenschen den Rücken zu kehren, sobald sich eine Gelegenheit dazu bot. Ich sehe sie noch vor mir mit ihrem ungeschminkten Gesicht, den fest zusammengebundenen Haaren und ihren düsteren Kleidern, die fernab jeder Modeströmung entstanden sein mussten. Klara hatte wahrhaft nichts Freundliches oder Gefälliges an sich, nichts, was mich auch nur im Entferntesten bewegt hätte, auf sie zuzugehen. Im Gegenteil, in ihr sah ich sämtliche meiner Vorurteile gegenüber kopflastigen Graustrümpfen Gestalt annehmen. Ihr unverblümter, forschender Blick durchbrach unaufgefordert die Barrieren natürlicher Zurückhaltung, sodass ich, wenn möglich, einen Bogen um sie machte, zumal sich Unterhaltungen mit ihr regelmäßig als unerfreulich gestalteten. Unfähig zu unterhaltsamer Konversation, stieß sie ihr Gegenüber schroff vor den Kopf, indem sie auf höfliche Annäherung mit unverhohlenem Desinteresse reagierte. Sie als nicht einfach zu beschreiben hätte die Grenzen schamloser Untertreibung weit unterlaufen. Als ich sie näher kennenlernte und mir wünschte, mit ihr reden zu können, war sie tot.

Klara war die Frau meines Onkels Ferdinand. Wenn es stimmt, dass Gegensätze sich anziehen, dann muss zwischen beiden ein unbezwingbarer Magnetismus bestanden haben. Mein Onkel war äußerst attraktiv, bis zum Umfallen charmant und voller Humor, der in allen Winkeln seines Gesichts zum Ausdruck kam. Er war einer jener Junggesellen, die das weibliche Geschlecht zu Hochtouren auflaufen lassen, in der Hoffnung auf den Platz des Lotsen, der das Schiff schließlich in den sicheren Hafen der Ehe steuert. Und die potenziellen Lotsinnen konnten sich sehen lassen. Bei Wettbewerben um Chic, Esprit und Sinnlichkeit hätten sie mühelos die ersten Plätze belegt. In jedem Fall genossen sie ausnahmslos und hin und wieder sogar gleichzeitig die Gunst von Onkel Ferdinand und die manchmal recht augenscheinliche Aufmerksamkeit seiner Brüder und Freunde.

Als er vor elf Jahren mit Klara auftauchte und freudestrahlend verkündete, dass er heiraten werde, im stolzen Alter von vierundsechzig Jahren, sah er sich auf breiter Front mit Unverständnis konfrontiert. Was seine Freude jedoch in keiner Weise trübte. Die Frau seiner gereiften Träume habe endlich Ja gesagt, sein Glück sei kaum in Worte zu fassen. Die Meinung der anderen hatte ihn früher nicht interessiert und tat es auch jetzt nicht.

Nun hätte man denken können, er sei allein dem Reiz einer mehr als zwanzig Jahre jüngeren Frau erlegen, jedoch waren seine früheren Auserwählten allesamt noch jünger gewesen, sodass dies nicht das Motiv sein konnte. Und bei Klara von Reizen zu sprechen wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Was fand er also an ihr? War es Reizüberflutung durch den nicht enden wollenden Strom hinreißender Schönheiten, die ihn in seinen reiferen Jahren nach einem Antimodell suchen ließ? Wobei ich Klara zu meiner Schande eher in die Reihe der Auslaufmodelle eingeordnet hätte. Dass ihn einfach Liebe bewegt haben könnte, auf die Idee kam ich nicht. In meinen Augen war sie eine graue Maus mit zugegebenermaßen hohem Intellekt, das typische späte Mädchen, dessen Augen nur glänzten, wenn Ferdi in der Nähe war.

Die beiden waren gerade vier Jahre verheiratet, als Onkel Ferdinand an einem bösartigen Hirntumor starb. Es hatte keinerlei Vorwarnungen gegeben, die sein Leben vielleicht hätten retten können. Er erlitt einen plötzlichen massiven Krampfanfall, fiel ins Koma und wachte nicht mehr daraus auf. Von meinem Vater erfuhr ich, dass Klara jede Minute seines langsamen Sterbens begleitet hatte und nicht von seiner Seite gewichen war. Auf seiner Beerdigung erlebte ich sie vollkommen versteinert. Sie musste sich auf den Arm meines Vaters stützen, um nicht zusammenzubrechen. In diesem Augenblick tat sie mir leid. Auch wenn mir nicht klar war, was Onkel Ferdinand bei ihr gesucht und offensichtlich auch gefunden hatte, so war ich mir sicher, dass mit ihm für kurze Zeit etwas Strahlendes und Unersetzliches den Weg in ihr Leben gefunden hatte. Jetzt würde sie allein weitergehen müssen, und dafür bedauerte ich sie. Während ich zusah, wie der Sarg in die Tiefe hinabgelassen wurde, stellte ich mir vor, wie es wäre, meinen eigenen Mann zu verlieren, ohne ihn leben zu müssen. Der Gedanke schreckte mich so sehr, dass ich ihn sogleich in die hinterste Ecke meines Bewusstseins zurückverbannte.

Klara brach kurz nach der Beerdigung ihre Zelte in München ab und zog auf eine der nordfriesischen Inseln, von der ich vorher noch nie gehört hatte. Ich kannte Sylt, aber Pellworm? Der Einzige, der hin und wieder mit Klara telefonierte, war mein Vater, wie er mir erzählte. Er hatte einen für meine Mutter vollkommen unverständlichen Narren an ihr gefressen. Obwohl ich höchstens in jedem zweiten Schaltjahr einmal einer Meinung mit meiner Mutter bin, in dem Fall war ich es. Ich hatte Onkel Ferdinand nicht verstanden, und ich verstand meinen Vater nicht. Er hingegen nannte sie eine bemerkenswerte Person, die ihn sehr beeindruckt habe. Sie sei ein unerschütterlicher Menschenfreund und genieße seine ehrliche Hochachtung. Zum Glück sagte er das nicht in Gegenwart meiner Mutter, und so blieb uns zumindest einer ihrer Migräneanfälle erspart.

Vier Jahre später starb mein Vater an einem schweren Schlaganfall. Wie meinen Onkel, so ereilte auch ihn sein Schicksal ohne spürbare Vorwarnung oder die geringste Aussicht auf Heilung. Zwei Stunden nachdem er ins Krankenhaus gekommen war, saß ich auf der Intensivstation an seinem Bett und hielt seine Hand. Seine Augen waren geschlossen, und sein Körper lag bewegungslos inmitten all der Apparaturen, die mir mit ihren beängstigenden Tönen unruhige Lebenszeichen von ihm sendeten. Ich hielt seine Hand und betete um dieses Leben, für das die Ärzte uns keine Hoffnung mehr machten. Ich strich sanft über seinen Arm und erzählte ihm die Geschichten meiner Kindheit, von dem wundervollen Vater, der eine strahlende, wärmende Sonne, glitzernde, geheimnisvolle Sterne und einen beruhigenden, lächelnden Mond in mein kindliches Universum gebracht hatte. Ich legte meine Hände schützend um sein Gesicht und erzählte ihm von meiner Jugend, von dem fordernden Vater, der mir erklärte, was Mut ist und Zivilcourage, und der mich neugierig machte auf das belebende Gefühl, gegen den Strom zu schwimmen. Ich legte meine Hand auf sein Herz und erzählte ihm von meinem Heute, das so viel ärmer ohne ihn sein würde, ich flehte ihn an, mich nicht allein zu lassen. Meine Tränen tropften auf das sterile Laken und hinterließen dort das Bild meiner Angst. Ich hielt seine Hand so fest, als ränge ich mit dem Tod um sein Leben und als wäre es nur eine Frage der Kraft, die ich aufbringen musste, um ihn zu retten, ihn hinüberzuziehen an das Ufer des Hier und Jetzt. Ich wollte ihn beschützen, ihm einen Teil meiner Energie geben, um weiterzuleben. Er durfte nicht sterben mit diesem unerfüllten Traum.

Auf einem unserer ausgedehnten Spaziergänge hatte ich ihn danach gefragt. Es hatte ganze achtzehn Jahre gedauert, bis ich mir eingestehen konnte, dass im Universum meiner Mutter nur ein einziger Mensch Platz hatte, nämlich sie selbst. Sie zelebrierte ihre Person mit einer solch unglaublichen Virtuosität, dass ich lange Zeit glaubte, was sie sagte. Dass sie aufopferungsvoll, selbstlos und aufrichtig allein das Glück ihrer Familie im Auge habe, ihre gelegentlichen gesundheitlichen Attacken ausschließlich ein Ausdruck ihrer Traurigkeit und tiefen Betroffenheit seien, wenn eines der Familienmitglieder einmal den von ihr so wohlbedacht vorgezeichneten Weg verließ und sich damit ihrer klugen Vorsehung entzog. Was nichts anderes hieß, als dass einer von uns anderer Meinung war als sie.

Meine Mutter war ein narzisstisches Biest in einer verblüffenden ätherischen Hülle, die Beschützerinstinkte aufkommen ließ, wo Fluchtreflexe oder aber ein undurchlässiger Schutzpanzer angebracht gewesen wären. Ich war immer wieder verblüfft, wie willig alle auf sie hereinfielen und sie als einen wahrhaft guten, arglosen Menschen priesen, der allein das Wohl der anderen im Sinn hatte. Meine beiden Schwestern hatten ihre narzisstische Ader mit den Genen aufgesogen und bildeten mit ihr zusammen ein Dreiergespann, das sich gegenseitig duldete und zu gegebenen Anlässen entsprechend beweihräucherte. Auch mein Vater war auf meine Mutter hereingefallen, anders konnte ich mir das Zusammenfinden der beiden nicht erklären. Er war das, was sie vorgab zu sein: ein guter, feinsinniger Mensch ohne Argwohn. Er war bereit zu glauben, was er sah und hörte. Als ich achtzehn war, stellte ich ihm die Frage, die mir auf der Zunge brannte.

»Warst du jemals glücklich mit ihr?«

Er sah mich lange und traurig an. »Eine Weile glaubte ich es zu sein, wieder eine Weile versuchte ich mir etwas vorzumachen, und die ganze lange Zeit, die darauf folgte, habe ich mich arrangiert, weil ihr drei da wart. Wenn ich ihr schon kein guter Ehemann sein konnte, so wollte ich wenigstens euch ein guter Vater sein.«

»Aber hier geht es nicht darum, dass du ein guter Ehemann sein sollst. Sie hat noch nicht an einem einzigen Tag in ihrem Leben versucht, dir eine gute Frau zu sein. Sie müsste etwas ändern, nicht du.« Er machte mich rebellisch mit seiner ungehinderten Bereitschaft, die Schuld für das emotionale Scheitern seiner Ehe auf die eigenen Schultern zu laden. »Hast du nie davon geträumt, glücklich zu sein?«, fragte ich ihn schwärmerisch in meinem jugendlichen Glauben an den Sieg der Gefühle.

»Doch«, antwortete er wehmütig lächelnd, »ich träume immer noch davon, und gleichzeitig hoffe ich, vielleicht doch noch einmal das Herz deiner Mutter zu erwärmen.«

So fing ich an, ihn vor ihr zu schützen, ihre verbalen Hiebe auf sein Selbstbewusstsein abzufangen, wann immer ich in der Nähe war, und von Auseinandersetzungen mit ihr Abstand zu nehmen. Mein Widerspruch hätte sie nur erneut auf ihm herumhacken lassen, und das wollte ich um jeden Preis vermeiden. Ich konnte das Haus jederzeit verlassen, mein Vater blieb ihr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, weil er nicht die Kraft fand, sich von der irrigen Hoffnung zu lösen, die Frau, für die er sich einmal entschieden hatte, könne doch noch den Spiegel aus der Hand legen und ihn ansehen.

An seinem Krankenbett löste sich diese Hoffnung in flüchtige Seifenblasen auf. Meine Mutter sah keinen Sinn darin, sich an sein Bett zu setzen und eine Hand zu halten, die – wie ihr die Ärzte prophezeit hätten – schon bald unter der Erde läge. Er sei bewusstlos, und sie sei aufs Höchste beunruhigt, was nun aus ihr werden solle, wie sie versorgt sei, er habe nie ein Wort darüber verloren. Sie habe schon mit der Bank gesprochen und mit den Versicherungen und sei inzwischen so geschwächt, dass sie erst einmal Ruhe brauche, sonst würden ihre drei Kinder nicht nur den Vater, sondern auch noch die Mutter verlieren. So laste eine zentnerschwere Verantwortung auf ihr, der sie sich mit all ihrer Kraft stellen müsse.

Meine Schwestern hatten keine Zeit, tagelang um sein Bett herumzuschleichen und auf ein letztes Erkennen, auf einen bewussten Abschied zu hoffen. Das werde sowieso nicht geschehen, versuchte ich ihnen zu erklären. Es gehe nur darum, in seiner Nähe zu sein, ihn spüren zu lassen, dass wir da seien. Aber in seiner Bewusstlosigkeit sahen sie bereits einen totenähnlichen Zustand, der jede Annäherung überflüssig machte. Zu Hause würden ihre Kinder warten, lebendig und fordernd, sie als ihre Mütter hätten schließlich Pflichten zu erfüllen.

So blieben wir in trauter Zweisamkeit, um voneinander Abschied zu nehmen. Es hätte nicht mehr der Töne auf den Monitoren bedurft, um mir das nahende Ende zu signalisieren. Ich spürte die Unruhe meines Vaters wie ein letztes Aufbäumen. Ich hielt seine Hand an meine Wange und ließ ihn die Tränen spüren, die ich um ihn weinte. Ich erzählte ihm von dem Engel, der dort drüben auf ihn warte und mit sanfter Liebe alle Wunden schließen werde, die hier nicht hatten heilen können. Ich erzählte ihm von der tiefen Vertrautheit, die ihn mit diesem Engel verbinden würde, dass er mutig hinübergehen solle, weil dort sein Traum auf ihn warte. In diesem Augenblick war es, als würde noch ein letztes Zucken in seine tränenfeuchte Hand gelangen, der Hauch von einem Zeichen des Abschieds. Ich empfand noch die Freude darüber, als ein lang gezogener Ton in mein Bewusstsein drang und mich die Endgültigkeit spüren ließ. Eine der Krankenschwestern stellte den Monitor ab, strich mir übers Haar und ließ uns wieder allein. Die Zeit hatte ausgesetzt in diesen vier Wänden, und so schien es mir als ein ewiger Augenblick, in dem ich mir jede Einzelheit seines Gesichts einprägte.

Seine Trauerfeier durchlebte ich wie in Trance. Er hatte mir mit festen braunen Haaren, grauen Augen und dem hochgewachsenen Körper nicht nur mein Äußeres hinterlassen, mit ihm hatte ich meinen Seelenfreund verloren, dessen Güte und augenzwinkerndes Verständnis für mich unersetzbar blieben. Die Urnenbeisetzung war ein vergleichsweise prosaischer Akt, der seinem Wesen nicht gerecht wurde und den ich nur so schnell wie möglich hinter mich bringen wollte. Klara war extra von ihrer Insel gekommen, um meinen Vater mit uns zusammen auf diesen letzten Metern zu begleiten. Es war der erste Moment, in dem ich mich ihr nahe fühlte. Sie sah mich mit Tränen in den Augen an, strich mit ihren dünnen Fingern zart über meine Wange und sagte: »Er wohnt jetzt in deinem Herzen, so wie du immer in seinem gewohnt hast.« Aber dieser Moment war schnell vorüber, und ich verlor mich in einer Trauer, die lange andauern sollte. Nach der Begegnung auf dem Friedhof brach die Verbindung zu Klara völlig ab. Meinen Vater vermisste ich unendlich, Klara dagegen hatte kaum eine Spur in meinen Gedanken hinterlassen. So nahm ich die Nachricht von ihrem Tod mit distanziertem Bedauern, fast gleichmütig hin. Sie war einundfünfzig Jahre alt geworden, hatte meinen Onkel nur um sechs Jahre und meinen Vater nicht einmal um zwei Jahre überlebt.

Ich wünschte mir heute, ihr Todestag hätte sich mir um ihretwillen eingeprägt, aber so war es nicht. Sie starb kurz vor meinem vierzigsten Geburtstag, als ich mitten in den Vorbereitungen für mein Fest steckte. Es sollte etwas Prachtvolles, Unvergessliches werden, etwas, worüber man noch wochenlang reden würde. Ich zerbrach mir gerade den Kopf über die Tischordnung, als meine Mutter anrief und mir etwas von Sargausstattung, Trauerkränzen und Todesanzeige erzählte. Mit anderen Worten, sie drückte mir kurzerhand die Beerdigung von Klara aufs Auge.

»In zwei Wochen ist mein Geburtstag, und ich habe wirklich noch jede Menge zu tun«, sagte ich ziemlich genervt.

»Wenn es eine andere Möglichkeit gäbe, würde ich dich nicht fragen.« Ihr dezent beleidigter Grundton sprach Bände.

»Warum denn ausgerechnet ich? Kann nicht vielleicht Nora oder Emma…«

»Du weißt ganz genau, wie eingespannt die beiden sind«, unterbrach sie mich ungerührt. »Deine Schwestern haben schließlich Kinder. Vergiss das nicht, Nina!«

Ich kenne niemanden, der ein Ausrufezeichen so gekonnt mit einem Vorwurf ausstatten kann wie meine Mutter. Außerdem versteht sie sich auf Imperative.

»Wie sollte ich«, sagte ich schneidend. Mit der Zeit hatte ich begonnen, den wenig subtilen Hinweis auf meine so viel beschäftigten, weil fruchtbaren Schwestern zu hassen. Er erinnerte mich nicht nur immer wieder an meine eigene Kinderlosigkeit, er lud mir auch regelmäßig die undankbaren Aufgaben auf.

»Spar dir deinen Sarkasmus, und tu mir den Gefallen«, insistierte sie, vollkommen unbeeindruckt von meinem Einwurf. »Dein Vater hat sie, nun ja … geschätzt ist wohl das richtige Wort.«

Es musste ihr schwerfallen, diesen Ausdruck im Zusammenhang mit Klara zu benutzen, und ich konnte an ihrer Stimme hören, dass sie es ihm noch über seinen Tod hinaus verübelte.

»Er wäre sehr traurig, dich jetzt so zu hören«, sagte sie samtweich und mit leiser Drohung. »Ich verlasse mich auf dich, hörst du?«

»Ja, Mutter, ich habe verstanden.«

Die Erpressung mit meinem Vater war auch diesmal erfolgreich. Ich machte innerhalb einer Stunde eine meiner erprobten Checklisten, hakte einen Punkt nach dem anderen systematisch ab und organisierte im Schnelldurchlauf aus der Ferne die Beerdigung, perfekt und lieblos. Hätte ich Klara zu diesem Zeitpunkt schon gekannt, dann hätte ich an ihrem Abschied teilgenommen, aber es sollte eine Weile dauern, bis ich das nachholte und Blumen auf ihr Grab legte.

Einige Wochen nach ihrem Tod erhielt ich ein Schreiben ihres Hamburger Anwalts Dr.Carstens. Klara habe die Nichten und Neffen ihres verstorbenen Mannes in ihrem Testament bedacht, hieß es darin. Wir sollten möglichst alle zur Verlesung in Hamburg erscheinen, was – welch Wunder – sogar meine beiden überlasteten Schwestern schafften. Wir flogen gemeinsam von Frankfurt nach Hamburg und trafen unsere Cousine und ihre drei Brüder direkt in der Kanzlei am Neuen Wall. Ich war überrascht, dass Klara sich einen so jungen Anwalt ausgesucht hatte, der in seiner geschliffenen, offenen Art gar nicht zu ihr gepasst haben konnte. Eigentlich hatte ich eher ein verstaubtes Hinterzimmer mit einem ältlichen, verhärmten Advokaten erwartet. Aber Klara hatte offensichtlich auch hier den Gegensatz im anderen Extrem gesucht.

Dr.Carstens begrüßte uns kurz und ging gleich zur Testamentseröffnung über. Wie sich herausstellte, war Klara sehr wohlhabend gewesen. Neben einem beträchtlichen Kapitalvermögen hinterließ sie das Haus auf Pellworm, in dem sie die Jahre nach Onkel Ferdinands Tod verbracht hatte. Man wird es verkaufen müssen, überlegte ich, was sollen wir mit einem Ferienhaus auf einer Insel, die niemand kennt. Wie sich herausstellte, waren meine Gedanken jedoch etwas zu voreilig gewesen. Dr.Carstens musste meine imaginären Streifzüge bemerkt haben, denn er bat mich höflich, aber sehr bestimmt, zuzuhören. Es sei wichtig, dass wir ganz genau verstünden, was Klara Wilander verfügt habe. Da wir ihre Erben waren, hatte ich angenommen, die Summen würden einfach durch sieben geteilt, aber das Geld sollte nicht angerührt und das Haus nicht verkauft werden.

»Ich hinterlasse meinen gesamten Besitz den Nichten und Neffen meines verstorbenen Mannes Ferdinand Wilander, und zwar stellvertretend für die gesamte Familie. Das Geld geht in einen Treuhandfonds ein, der von meinem Anwalt gewinnbringend verwaltet wird. Diesem Fonds dürfen Gelder nur zum Erhalt des Hauses und zum Unterhalt seiner jeweiligen Bewohner entzogen werden. Das Haus wird ein Zufluchtsort sein für Euch, Eure Familien und Freunde. Es wird kein Ferienhaus sein, jedenfalls nicht im üblichen Sinne. Dieses Haus steht Euch zur Verfügung, wenn Ihr nicht mehr weiterwisst oder nicht mehr weiterkönnt. Wann immer das der Fall ist, geht zu Dr.Carstens, er hat den Schlüssel.«

Als Dr.Carstens Klaras Letzten Willen zu Ende vorgelesen hatte, sah er uns der Reihe nach an und forderte uns auf, Fragen zu stellen, falls noch etwas unklar sei.

»Mir ist nur nicht klar«, rutschte es mir heraus, »warum wir für diesen Unsinn extra hierherkommen mussten. Das hätte man auch auf dem Postweg erledigen können.«

»Erstens, Frau Tilden«, wies er mich geduldig, aber unmissverständlich zurecht, »gibt es bestimmte Formen, die bei Testamentseröffnungen zu wahren sind. Und zweitens«, betonte er, »hoffe ich für Sie, dass Sie nie in eine Situation geraten, in der sich dieser Unsinn, wie Sie es nennen, für Sie als Rettung erweist.«

»Darauf können Sie wetten«, sagte ich gereizt. Was bildete der sich überhaupt ein?

Meine Schwestern sahen mich entsetzt an und entschuldigten sich bei Dr.Carstens geflissentlich für meinen ebenso ungewohnten wie unüberlegten Ausbruch.

Dr.

2 Fast auf den Tag genau ein Jahr später betrat ich aneinem ungemütlichen Apriltag zum zweiten Mal die Kanzlei von Dr.Carstens. Ich war schon sehr früh in Frankfurt aufgebrochen und kam nach der sechsstündigen Fahrt und mehreren Staus missgelaunt an meinem Zwischenziel an. Nach langem Hin und Her hatte mir seine Sekretärin kurzfristig einen Termin gegeben. Und das auch nur, weil ich hoch und heilig versprochen hatte, dass ich höchstens zwei Minuten der kostbaren Zeit ihres Chefs in Anspruch nehmen würde. Ich wollte den Schlüssel zu Klaras Haus abholen. Als ich Dr.Carstens endlich gegenübersaß, versuchte ich ihm zu erklären, warum ich nun doch auf die Insel fahren wollte. Vor einem Jahr hatte ich nicht gerade einen Hehl daraus gemacht, was ich von dem Testament hielt, aber er ließ mich gar nicht ausreden.

»Sie sind mir keine Rechenschaft schuldig, Frau Tilden. Als Frau Wilander ihr Testament aufsetzte«, sagte er sachlich, »hat sie immer wieder betont, dass sie in subjektiv empfundener Not helfen wolle. Sie lehnte Beurteilungen jedweder Art als absolut anmaßend ab. Und ich respektiere ihre Wünsche.«

Umso besser, dachte ich, schließlich geht es ihn auch wirklich nichts an. Er gab mir den Schlüssel, die notwendigen Unterlagen, um über ein Konto auf der Insel verfügen zu können, und einen Grundriss des Hauses. Ich verstaute alles in meiner Tasche.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!