Klassismus - Andreas Kemper - E-Book

Klassismus E-Book

Andreas Kemper

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Beschreibung

›Klassismus‹ ist ein bislang noch wenig bekannter Begriff zur Bezeichnung der individuellen, institutionellen und kulturellen Diskriminierung und Unterdrückung aufgrund des tatsächlichen, vermuteten oder zugeschriebenen sozial- oder bildungspolitischen Status. Menschen in Armutsverhältnissen wird zum Beispiel gewalttätiges Verhalten oder Alkoholismus stereotyp unterstellt und medial inszeniert, obwohl diese Phänomene klassenübergreifend gleichermaßen vorkommen. Der Begriff ›Klassismus‹ beschreibt die Erfahrung persönlicher Diskriminierung von Menschen als gesellschaftliches, strukturelles Problem. Damit ergänzt und überschneidet er sich mit der Analyse von Rassismus, Sexismus und anderen Diskriminierungsformen. Die Verfasser*innen zeigen die Ursprünge des Klassismusbegriffs auf, seine Alltags- und Widerstandspraxen in den USA sowie seine politische Anschlussfähigkeit im Kontext der Bundesrepublik Deutschland.

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Seitenzahl: 216

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Andreas Kemper, Heike Weinbach

Klassismus

Eine Einführung

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Kemper/Weinbach: Klassismus

6., überarbeitete Auflage, Mai 2025

eBook UNRAST Verlag, Dezember 2025

ISBN 978-3-95405-237-0

© UNRAST Verlag, Münster 2007

Fuggerstraße 13 a, 48165 Münster

www.unrast-verlag.de | [email protected]

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Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung, der Übersetzung sowie der Nutzung des Werkes für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag: Dieter Kaufmann, March

Satz: UNRAST Verlag, Münster

Inhalt

Vorwort zur dritten Auflage (2020)

Einleitung

1 Einführung: Was bedeutet Klassismus?

1.1 Was Klassismus nicht bedeutet

1.2 Klassismus und der Klassenbegriff

1.3 Ökonomie und Klassismus

1.4 Verschiedene Ebenen von Klassismus

1.5 Klassismus als Ideologie und Konstruktion

1.5.1 Naturalisierung

1.5.2 Kulturalisierung

1.5.3 »Oben« und »Unten«

1.5.4 Sprachliche Zuschreibungen

1.5.5 Institutionalisierung

1.6 Warum wir Wissen über Klassismus brauchen

2. Geschichte und US-amerikanische Theorien des Klassismusbegriffs

2.1 Ursprünge des Klassismusbegriffs: Feminismus und Klasse in den USA

2.1.1 Die Furies

2.1.2 Classism und die US-amerikanischen Frauenbewegungen

2.2 Antirassismus und Klasse

2.3 Working Class and Poverty Class Academics

2.4 Anti-Klassismus im Kontext von Social Justice

3. Historische Widerstandskulturen und Klassismus

3.1 Vorgeschichten: Arbeiter*innenkulturen und Klassismus

3.2 Klassismus in der Arbeiter*innenkulturforschung

3.3 Unterdrückung, Diskriminierung und Verfolgung von Arbeiter*innenkultur

3.4 Arbeiter*innenkultur und Nationalsozialismus

3.5 Proletkultbewegung

3.6 Arbeiter*innenkulturen in der DDR

3.7 Cultural Studies und Antiklassismus in Großbritannien

3.8 Frauenbewegung und Klasse in der BRD

4. Klassismus im Kontext von Psychologie und Psychotherapie

4.1 Klasse und die Anfänge der Psychologie in Deutschland

4.2 Klassismus und Psychotherapie in den USA

4.2.1 Antiklassismus historisch: Working-Class-Therapie: Co-Counseling

4.2.2 Aktuelle Klassismus-Diskussionen in der US-amerikanischen Psychologie

4.2.3 Perspektiven für nicht-klassistische, psychotherapeutische Praxen in den USA

5. Umstrittene Felder

5.1 Neue Antidiskriminierungsdebatten: Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, EU-Richtlinien und Chartas

5.2 Bildung

5.2.1 Bildungsbenachteiligung

5.2.2 Definitionsmacht über den Bildungsbegriff

5.2.3 Bildungsbeschränkungen und Torwächter*innen

5.2.4 Ressourcenverteilung: Erbschaft und »Begabung«

5.2.5 Selbstorganisierung von Bildungsdiskriminierten

5.3 Arbeit

5.3.1 Das Recht auf Faulheit

5.3.2 »Gast«arbeiter*innen

5.3.3 Arbeitslose, Bürgergeld-Bezieher*innen, Arme

5.3.4 Leiharbeiter*innen

5.3.5 Hausarbeiter*innen

5.3.6 Diversity

5.4 Zusammenleben: »Arbeiter*innensexualität«, Beziehungs- und Familienstrukturen

5.4.1 »Arbeiter*innensexualität«

5.4.2 Beziehungen

5.4.3 Familienpolitik

5.5 Wohnverhältnisse: Räumliche Ausgrenzungen

5.6 »Bevölkerungsqualität« oder Lebensqualität: Demografisierung und Umweltklassismus

6. Ausblick: Verschiebung von Sehweisen

Literatur

Weblinks

Anmerkungen

Vorwort zur dritten Auflage

Als 2007 der vorliegende Einführungsband zum Themenbereich Klassismus erschien, war dieser Begriff vor allem im deutschsprachigen Raum nur wenigen Menschen bekannt.

Leider hat sich an der Dringlichkeit, Klassismus zu thematisieren, nichts geändert. Die Einkommens- und Vermögensschere geht weiter auseinander; die PISA-Studie von 2019 konstatiert wie vor fast zwanzig Jahren, dass in keinem Land der OECD ein signifikant stärkerer Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft besteht als in Deutschland. Hinzu kommen mit Klassismus zusammenhängende Probleme wie die gesellschaftlich verursachte Klimakatastrophe oder die Faschisierung der Gesellschaft durch die AfD. Wir wiesen schon vor zehn Jahren auf den Umweltklassismus hin: Arme haben den geringsten energetischen Fußabdruck, leiden aber stärksten unter Umweltzerstörungen und zugleich besteht die Gefahr, dass vermeintliche Abwendungen von Umweltkatastrophen unverhältnismäßig zulasten von Armen gehen. Dass Ärmere immer seltener wählen gehen, wurde von uns ebenfalls schon vor zehn Jahren thematisiert. Heute stellen Studien fest, dass die AfD dort stark ist, wo die Wahlbeteiligung gering ist. Mit dem Programm des ›Solidarischen Patriotismus‹ des faschistischen Flügels der AfD werden Lösungen für gesellschaftliche Probleme angeboten, die klassistischer Natur sind – je weniger vernünftige Lösungen für diese Probleme greifbar sind, umso mehr kann die AfD mit ihren Scheinlösungen auf Stimmenfang gehen, je stärker gesellschaftliche Gruppen von (politischer) Bildung und damit Partizipation ausgeschlossen werden, umso leichter hat es die AfD.

Daher freuen wir uns über die positiven Entwicklungen: Verschiedene Organisationen wie das Institut für Klassismusforschung oder Klassismus ist keine Kunstepoche (KIKK) sind in den letzten Jahren entstanden. Zu den Referaten für studierende Arbeiter*innenkindern in Münster und Wien stieß nun das SoFiKuS-Referat in Marburg. Das Magazin für studierende Arbeiter*innenkinder Dishwasher wurde mit einer neuen Ausgabe weitergeführt. Die Bundesinitiative Schule für Courage – Schule gegen Rassismus gab eine eigene Broschüre zum Thema Klassismus heraus. Auch in der Antidiskriminierungsstelle des Bundes wird Klassismus als Problem diskutiert – leider sind klassistische Diskriminierungen noch immer nicht im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz anerkannt. Noch weniger als die studentischen Initiativen gegen Klassismus finden Obdachlosen-Organisierungen gehör. Doch aktuell finden jede Woche Veranstaltungen und Workshops zum Thema Klassismus statt – dies wird nicht ohne Wirkung bleiben.

Andreas Kemper / Heike Helen Weinbach,

Münster 2020

Einleitung

Dieses Buch führt einen politischen Begriff ein, der in Deutschland kaum bekannt ist. Unter »classism« wird im US-amerikanischen Kontext analog zu z.B. Rassismus, Sexismus oder Heterosexismus eine Diskriminierungs- und Unterdrückungsform verstanden. Dementsprechend definiert sich der Begriff vom Denken der Diskriminierung (Weinbach 2007) und Unterdrückung her. Zum einen bedeuten Unterdrückung und Diskriminierung den Ausschluss von materiellen Ressourcen und politischer Partizipation, zum anderen die Verweigerung von Respekt und Anerkennung gegenüber Menschen mit ihren Rechten, Lebensweisen, Wertvorstellungen (vgl. Weinbach 2006).

Wir sind in verschiedenen Kontexten, beispielsweise in der Praxis von Antidiskriminierungs-Trainings oder in der Bildungspolitik, auf die Notwendigkeit gestoßen, die Diskriminierungs- und Unterdrückungsform, die sich aus dem Klassenverhältnis ergibt, mit einem Begriff auf den Punkt zu bringen. Dieser Begriff – Klassismus – gehört in US-amerikanischen Klassenkonflikten zum Grundvokabular. Gerade in den jetzigen Zeiten, in denen die Schere zwischen Arm und Reich immer schneller immer größer wird und gleichzeitig diskriminierende Bilder von Armen zementiert werden, glauben wir, die politische Sprache beweglicher machen zu müssen. Dieses Buch, welches nur als sporadische Einführung gedacht ist (und gleichzeitig als Anregung für weitere Forschungen), soll helfen, die Diskriminierungen im Klassenverhältnis deutlicher sehen und benennen zu können.

Wir werden uns zunächst der Geschichte und den US-amerikanischen Theorien des Klassismusbegriffs widmen. Hier gehen wir auf die Lesbengruppe mit dem Namen »The Furies« ein, die Pionierinnenarbeit leistete. Neben den Frauenbewegungen sind auch die »Black Movements« für das amerikanische Verständnis von »classism« wichtig, u. a. da sich diese Bewegungen auf soziale und kulturelle Aspekte des »Lumpenproletariats« bezogen und später Gruppen wie das »Combahee River Collective« Thesen der Mehrfachunterdrückung politikfähig machten. Ein dritter zentraler Punkt betrifft die Selbstorganisierung der Working Class Academics im US-amerikanischen Bildungssystem. Innerhalb der sozialen Bewegungen und Universitäten in den USA wurde das Antidiskriminierungskonzept »Social Justice« entwickelt, welches wir uns unter dem Aspekt des Klassismus genauer ansehen wollen. Wie wurde und wird jedoch Klassismus in der Bundesrepublik Deutschland betrachtet? Wir geben einen historischen Rückblick zum Thema Arbeiter*innenkultur und Klassenbewusstsein. Deutlich wird, dass sowohl die Widerstandskultur als auch die Diskriminierung der Arbeiter*innenkultur zu wenig erforscht worden sind. Thematisiert werden weiterhin die Proletkult-Bewegung, das Klassenverständnis in der DDR sowie der angelsächsische Ansatz der Cultural Studies. Auf der Ebene der kulturellen Diskriminierung thematisieren wir die Verschränkung von Patriarchat und Klasse: Wie anschlussfähig gestaltete sich Anti-Klassismus-Denken an die Ziele und Kämpfe der Frauenbewegungen? Ein Aspekt, der uns dann wieder zurückführt in die Vereinigten Staaten, ist das dortige Verhältnis von Psychologie / Psychotherapie und Klasse. Anders als in Deutschland werden dort die verschiedenen Aspekte von Klassismus auch im Feld der Psychotherapie diskutiert. Liegt dies daran, dass in den USA Diskriminierung generell stärker thematisiert wird? Wir haben jetzt auch in Deutschland in Form des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes Antidiskriminierungsgrundlagen – wie sind diese mit Bezug auf Klassismusanalysen zu verorten? Ein Punkt, der in Deutschland in den letzten Jahren immer wieder den Klassismus sehr deutlich gemacht hat, ist die Bildungspolitik. Während hier die soziale Selektion immerhin angeprangert wird, ist der Klassismus beim Thema Arbeit sehr viel rigoroser, was wir im Kapitel zum Thema »Klassismus und das Denken von Arbeit« darstellen. Unter dem Thema »Zusammenleben« haben wir schließlich so verschiedene Aspekte wie die sogenannte »Arbeiter*innensexualität«, die Frage der Beziehungen (»wer heiratet wen«? – bzw. wer zieht mit wem in eine WG?), die neue klassistische »Bevölkerungspolitische Familienpolitik« (»wer soll Kinder kriegen?«), Aspekte der räumlichen Ausgrenzung von Wohnen bis zur Stadtpolitik und schließlich Überschneidungen von Klassismus und Umweltzerstörung (Stichwort New Orleans) thematisiert. Zum Schluss werden wir die Thematisierung von Klassismus als eine Verschiebung gewohnter Sehweisen diskutieren.

1. Einführung: Was bedeutet Klassismus?

Der Begriff Klassismus ist in der Bundesrepublik Deutschland noch relativ unbekannt. Obschon er genau so alt ist wie der verwandte Begriff »Sexismus«, hat er sich hier bislang noch nicht durchgesetzt. Zuerst wurde der Begriff im deutschsprachigen Raum durch das Buch Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus von Anja Meulenbelt (1988) bekannt. Die Einführung des Begriffs blieb aber für die Debatten zunächst ohne Konsequenzen. Auseinandersetzungen mit dem Begriff finden erst seit kurzem statt (vgl. Kemper 2005, Weinbach 2006, Weinbach 2006b ). Klassismus thematisiert die Geschichte und Gegenwart von Sklav*innen, Dienstbot*innen, Handlungsgehilfen, Tagelöhner*innen, Vagabund*innen, Handwerksgesell*innen, Bettler*innen, Arbeiter*innen, Arbeitslosen, Armen, Working Poor, Hausarbeiter*innen, Illegalisierten und ähnlichen Klassenzugehörigen und deren Kindern als eine Realität von Verfolgung, Unterdrückung, Diskriminierung, Ausgrenzung und Widerstand. Klassismusanalysen hinterfragen die Stereotypisierungen und Herabsetzungen, die mit dem sozialpolitischen Status einhergehen und dadurch legitimiert werden. Die von der Bielefelder Forschungsgruppe fortgeschriebene Studienreihe zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit kommt in ihrer Ergebnispräsentation zur Feststellung von klassistischen Einstellungen in der bundesdeutschen Bevölkerung: 36% der Menschen empfinden Obdachlose in den Städten als unangenehm. 34% der Befragten stimmen der Meinung zu, dass Obdachlose arbeitsscheu und selbst schuld an ihrer Lage seien. 64% der Befragten waren der Meinung, dass denjenigen, die an ihrer Not selbst schuld seien, nicht geholfen werden sollte und nur diejenigen Anspruch auf Unterstützung haben sollten, die etwas für die Gesellschaft leisteten (vgl. Zick/Küpper 2006, 226f.) Solche Sichtweisen entstehen nicht automatisch oder zwangsläufig, sondern sind Resultate von komplexen, strukturellen Diskriminierungsprozessen mit einer langen Geschichte. Bislang gab es dafür keinen eigenständigen Begriff. Mit dem Begriff Klassismus und der Formulierung von Klasse als Konstruktion werden neue Felder für das Denken von Macht- und Herrschaftsmechanismen in der Gesellschaft eröffnet. Häufig stößt der unbekannte Begriff noch auf Erstaunen, Ablehnung oder Verwechslungen.

1.1. Was Klassismus nicht bedeutet

Klassismus und Klassizismus, Letzterer zuweilen auch als Klassismus bezeichnet und genauso geschrieben, werden häufig verwechselt. Klassizismus meint aber eine Stilrichtung in Architektur und Malerei. Diese ist zwar aus heutiger Sicht auch ein Spiegel von Herrschaftsverhältnissen. Zunächst war der Klassizismus jedoch auf die bürgerliche Emanzipation vom Adel orientiert. Der Begriff ist also durchaus mit Klassengeschichte verwoben, auch wenn er etwas ganz anderes meint als der in diesem Buch verhandelte Begriff »Klassismus«. Auch nicht gemeint ist mit dem Begriff Klassismus, dass die Klassenunterschiede in Theoriedebatten zu sehr betont werden. Es gibt marxistische Theoriedebatten, in denen mit dem Begriff »Klassismus« die verkürzte Sichtweise der Gesellschaft als Klassengesellschaft kritisiert wird. Klassismus als Ideologiekritik ist hingegen ein Bestandteil von Klassismusanalysen und soll im Folgenden vorgestellt werden.

1.2 Klassismus und der Klassenbegriff

Die erste Frage, die zum Begriff in der Regel gestellt wird, lautet: Was ist denn mit Klasse überhaupt gemeint? Meint ihr einen Klassenbegriff, der sich auf Marx bezieht oder auf Bourdieu oder auf Max Weber oder …? Und ist der Begriff Klasse nicht überholt? Ist es nicht besser von Schicht oder Milieu zu sprechen?

Mit diesen Fragen wird eine Orientierung an bürgerlichen, akademischen Definitionen und den entsprechenden, in diesem Milieu bekannten Personen selbstverständlich vorausgesetzt. Im Kontext der Debatten um Klassismus ist jedoch ein eigener Klassenbegriff konstruiert worden. Dieser Klassenbegriff unterscheidet sich von den genannten Richtungen: Zum einen wird zwar eine Position der Gruppen, um die es hier vorrangig geht, im Produktionsprozess zum Ausgangspunkt genommen, zugleich geht es aber nie ausschließlich um diese ökonomische Stellung im Produktionsprozess, sondern immer auch um die Aberkennungsprozesse auf kultureller, institutioneller, politischer und individueller Ebene. Dementsprechend finden wir dort verschiedene Personengruppen (z.B. lateinamerikanische Hausarbeiter*innen; Schwarze Minenarbeiter*innen; lesbische Obdachlose; jüdische Bürgergeld-Bezieher*innen) mit unterschiedlichen Ausgrenzungserfahrungen wieder, die sich auch überschneiden. Aus diesen Erfahrungen heraus wurde der Klassismusbegriff entwickelt. Diese Idee von Klasse beschreibt Menschen, die ökonomisch und kulturell in der Gesellschaft verortet sind bzw. werden und daraus resultierend Diskriminierungs- und Unterdrückungserfahrungen machen. Diese sind der Ausgangspunkt von Klassismus- und Antiklassismusreflexionen. Classism ist abgeleitet vom Begriff »class«, mit dem im angloamerikanischen Raum unterschiedliche theoretische Ansätze und Schwerpunktsetzungen gemeint sein können: class, social class, social-economic class. Wie diese ökonomische Bestimmung erfolgt, ist abhängig vom jeweiligen theoretischen Bezugspunkt. Dem in der Antiklassismus-Bildungsarbeit verwendeten Begriff von »class« liegt in der Regel eine Unterteilung in folgende Klassen zugrunde:

Ruling Class: herrschende politische Klasse

Owning Class/Rich: besitzende Klasse, die andere für sich arbeiten lassen kann, ohne selbst unbedingt arbeiten zu müssen

Middle Class: hohe Einkommen, hoher Bildungsgrad, hohe Sicherheitsfaktoren

Upper-Middle-Class: höhere Einkommen, gut qualifizierte Jobs

Lower-Middle-Class: geringere und weniger stabile Einkommenssituation, weniger qualifizierte, instabile Jobsituation

Working Class: Arbeiter*innenklasse. Haushalte deren Einkommen auf einer nach Stunden entlohnten Arbeit basiert

Lower Class/Poor People: Haushalte, deren Einkommen es schwierig macht, die materiellen Grundbedürfnisse des Lebens abzudecken.(Adams 1997, 238)

Die Debatte um Klasse, Schicht und Milieu in der Bundesrepublik ist vielfältig, von fächerspezifischen und unterschiedlichen politischen und wissenschaftlichen Konzepten bestimmt (vgl. u.v.a. Boccara u.a. 2003; Ritsert 1998; Vester/Gardemin 2001). Betrachten wir die Wissenschaftler und Autoren, so wird deutlich, dass die Bezugspunkte häufig Theorien von Männern (wie Friedrich Engels, Karl Marx, Max Weber) sind, die entweder aus den sogenannten Mittel- und Oberschichten stammen oder aber zumindest in diesen Schichten Anerkennung erfahren. Ihre Bedeutung und ihre Begriffe für Wissenschaft, Forschung und Philosophie wurden in einem Herrschaftssystem, das klassenstrukturiert ist, konstruiert, und ihre eigene Position in diesem System (Geschlecht, soziale und ›ethnische‹ Herkunft) wurde zu wenig reflektiert.

Um zu verdeutlichen, was wir damit meinen, gehen wir weit in der Geschichte zurück, bis in die Entstehungsphase des industriellen Kapitalismus, also nach Manchester im Jahr 1839/40, mitten hinein in den Manchesterkapitalismus.

In dieser Zeit findet der Begriff ›Classism‹ (Klassismus) zum ersten Mal Erwähnung und scheint somit der mit Abstand älteste der Antidiskriminierungsbegriffe zu sein[1].

Er wird in dem Buch Passage in a Life of a Radical (1839-41)[2] von Samuel Bamford, einem Funktionär der Arbeiter*innenbewegung von Manchester, verwendet. Im 31. Kapitel schreibt Bamford vom »verächtlichen Gefühl des Klassismus«, dem Fluch Englands und der Engländer und auch der Engländerinnen« (Bamford 1839-41, https://minorvictorianwriters.org.uk/bamford/c_radical_(9).htm).

Samuel Bamford war Weber und Lagerarbeiter in Manchester in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es handelt sich um jene historische Phase, die als ›Manchesterkapitalismus‹ bekannt wurde, also die Form von Gesellschaftsordnung, die Thomas Piketty als »Eigentumsgesellschaft« bezeichnete: eine vom Kapitalismus geprägte Gesellschaft, in der es weder allgemeines Wahlrecht noch Arbeitsrechte, noch allgemeine Schulbildung, noch Verbot von Kinderarbeit, noch Sozialversicherung, noch Arbeitslosenversicherung gab. Dies alles wurde erst nach und nach von der Arbeiter*innenbewegung, von Menschen wie Samuel Bamford, erkämpft. Bamford führte 1819 eine Gruppe von ca. eintausend Arbeiter*innen zum St. Peters Field, einem Platz in Manchester. Dort versammelten sich 60.000 bis 100.000 Arbeiter*innen, die für Parlamentsreformen, einen eigenen Abgeordneten und gegen die Korn-Gesetzgebung protestierten. Dieser friedliche Protest wurde brutal angegriffen, die Kavallerie hieb mit Säbeln auf die Arbeiter*innen ein und trampelte Hunderte mit ihren Pferden nieder. Mindestens 15 Arbeiter*innen wurden bei diesem staatlichen Angriff im Auftrag der herrschenden Klasse ermordet. Bamford wurde neben dem wohlhabenden Henry Hunt und anderen Radikalen der Prozess gemacht. Hunt wurde zu 30 Monaten, Bamford zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Dieses Vorwissen ist zum Verständnis der folgenden Passage aus dem oben genannten Buch wichtig, in der Bamford das Geschehen mit dem Begriff ›Classism‹ skizziert. Bamford schildert eine Szene, aus der Zeit, als der Prozess gegen ihn und Hunt stattfand, und in der Hunt ein verletzendes und klassistisches Verhalten an den Tag legte.

»Eine Zeugin aus Middleton, eine verheiratete Frau, hat in beeindruckender Weise ein sehr wichtiges Zeugnis abgelegt und sollte am nächsten Morgen nach Hause zurückkehren. Bevor sie ging, wollte sie Mr. Hunt sehen, um die Ehre zu haben, zu sagen, dass sie dem großen Mann die Hand geschüttelt hatte. Ich bot ihr an, sie einzuführen, und wir gingen zu Hunts Wohnung, aber er war nicht da, und man verwies uns an eine Kneipe, den ›Schwarzen Schwan‹, glaube ich, in der Coney Street. Dort fanden wir heraus, dass Hunt, Bryant und einige andere oben waren, und ich meldete meinen Namen an, und nachdem wir eine kurze Zeit an der Bar gestanden hatten, sagte der Kellner: ›Mr. Hunt ist nicht zu sprechen, er ist beschäftigt.‹ Ich dachte, es müsse sich um einen Irrtum handeln, und bat den Mann, Herrn Hunt zu grüßen und ihm zu sagen, dass ich ihn gerne kurz sehen würde. Der Mann tat dies und kam mit demselben Ergebnis zurück. Ich war beschämt und beleidigt, weil ich so beleidigt worden war; aber ich war entschlossen, dass er keinen Grund haben sollte, sich auf ein Missverständnis zu berufen, und bat den Kellner, noch einmal hinaufzugehen und zu sagen, dass eine Dame, die nach Lancashire gehen würde, sich von ihm verabschieden wolle. Der Diener war sehr zuvorkommend, ging erneut hinauf und kehrte wie zuvor zurück: ›Mr. Hunt war nicht zu sehen.‹ Am nächsten Morgen nahm ich in einiger Entfernung von ihm im Hof Platz, und erst nach wiederholten Bitten seinerseits und vielen inbrünstigen Bekundungen des Bedauerns nahm ich die Unterhaltung mit ihm wieder auf. Aber ich hätte es kaum rechtfertigen können, wenn ich es zugelassen hätte, dass irgendeine persönliche Beleidigung mich während des Prozesses von ihm entfremdet hätte. Ich hielt die Sache für zu groß, zu heilig, um durch irgendeinen Umstand, der einen so bescheidenen Menschen wie mich betraf, auch nur im Geringsten verletzt zu werden. Ich war in der Tat zu einfältig, zu aufrichtig und zu großmütig für die Situation, in der ich mich befand; und erst nachdem mir mehrfach Betrug und Undankbarkeit vorgeworfen worden waren, lernte ich (wenn ich es denn bis heute getan habe), die Menschen nach ihrem wirklichen Wert zu schätzen. Ich erzähle dies als ein Beispiel für den Umgang und das Vertrauen, das zwischen uns in York herrschte. Dasselbe wirklich verachtenswerte Gefühl des Klassismus, der Fluch Englands und der Engländer und auch der Engländerinnen, herrschte in allzu großem Maße unter den Zeugen.«[3]

Es ist unwahrscheinlich, dass Bamford sich den Begriff ›Classism‹ ausgedacht hat, da er ihn mit einer großen Selbstverständlichkeit benutzt. Wir können davon ausgehen, dass der Begriff im Arbeiter*innenmilieu von Manchester in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bereits kursierte, dass der Begriff allerdings kaum von denen verwendet wurde, die in der Lage waren, Bücher und Artikel zu schreiben. Wer publizieren konnte, gehörte in der Regel nicht zu den Arbeiter*innen, Bamford war da eine Ausnahme. Der Begriff ›Classism‹ wandte sich u.a., wie in diesem Fall, gegen Reiche, die aufseiten der Arbeiter*innen kämpften, aber dennoch Klassenunterschiede im persönlichen Alltag bestehen ließen. Vielleicht erklärt dies auch, warum Friedrich Engels den Begriff ›Classism‹ in seiner Studie Die Lage der arbeitenden Klasse in England nicht erwähnte.

Uns ist nicht bekannt, dass Marx oder Engels irgendwo den Begriff ›Classism‹ oder ›Klassismus‹ benutzten, obwohl sie über die Klassengesellschaft schrieben.

Engels war wohlhabend und ähnelte damit Henry Hunt. Der zwanzigjährige Engels reiste 1842 nach Manchester, um sich dort in der Textilfabrik Ermen&Engels seines Vaters mit der Arbeit von Fabrikanten vertraut zu machen. Er lernte dort die irische Baumwollspinnerin Mary Burns kennen und begann eine Beziehung mit ihr. Wahrscheinlich stammt viel von dem Wissen über die Lage der Arbeiter*innenklasse in England von Mary Burns.

Trotz seiner Beziehung mit Mary Burns finden sich in Engels Die Lage der arbeitenden Klasse in England Schilderungen über irische Arbeiter*innen, ihre »keltische Physigonomie« im Vergleich zur »sächsischen« der Engländer*innen, die eindeutig rassistisch sind:

»Überall, wo ein Bezirk sich durch besondern Schmutz und besondern Verfall auszeichnet, kann man darauf rechnen, vorzugsweise diese keltischen Gesichter anzutreffen, die man auf den ersten Blick von den sächsischen Physiognomien der Eingebornen unterscheidet.« (Engels 1845/1972, S. 321)

Tatsächlich bezog sich Engels in diesem Kapitel direkt auf den Rassisten Thomas Carlyle und distanzierte sich nur halbherzig von dessen »übertriebene[r] und einseitige[r] Verwerfung des irischen Nationalcharakters«. Im Gegensatz zur Bezugnahme auf Thomas Carlyle, den Sohn eines wohlhabenden schottischen Pächters, findet sich keine Erwähnung des Manchester-Arbeiters Samuel Bamford. Dies verwundert, da Edward P. Thompson in seinem Werk The Making of the Englisch Workingclass schrieb, dass Bamfords Passages in the Life of a Radical eine unverzichtbare Lektüre (»essential reading«) sei. Bamford sei laut Thompson »the greatest chronicler of 19th century radicalism«. Engels betrachtete trotz seiner Nahaufnahme in Manchester die Arbeiter*innenklasse sehr formalistisch, es ging ihm darum, ihre klassische Form herauszuarbeiten, ihre Klassizität zu benennen.

»Die proletarischen Zustände existieren aber in ihrer klassischen Form, in ihrer Vollendung nur im britischen Reich, namentlich im eigentlichen England […] Für Deutschland insbesondere hat die Darstellung der klassischen Proletariatszustände des britischen Reichs – und namentlich im gegenwärtigen Augenblick – große Bedeutung. […] Und wenn auch die proletarischen Zustände Deutschlands nicht zu der Klassizität ausgebildet sind wie die englischen, so haben wir doch im Grunde dieselbe soziale Ordnung, die über kurz oder lang auf dieselbe Spitze getrieben werden muß, welche sie jenseits der Nordsee bereits erlangt hat – falls nicht beizeiten die Einsicht der Nation Maßregeln zustande bringt, die dem ganzen sozialen System eine neue Basis geben. « (Engels 1845/1972, 232f.)

Wenn die Arbeiter*innenklasse ihre Reinform, ihre Klassizität, erreicht habe – und dies sah er nach den Unruhen von 1843, als sich die Interessen der ›Chartisten‹ von denen der liberalen Fabrikbesitzer trennten, als gegeben –, müsste es unmittelbar zur Revolution kommen, die Engels auf die zweite Hälfte der 1850er-Jahre datierte:

»Das sind alles Schlüsse, die mit der größten Bestimmtheit gefolgert werden können, Schlüsse, deren Voraussetzungen unbestreitbare Tatsachen, einerseits der geschichtlichen Entwicklung, andrerseits der menschlichen Natur sind. Das Prophezeien ist nirgends so leicht als gerade in England, weil hier alles so klar und scharf in der Gesellschaft entwickelt ist. Die Revolution muss kommen, es ist jetzt schon zu spät, um eine friedliche Lösung der Sache herbeizuführen.« (Engels1845/1972,504f)

Engels irrte sich. Es kam bis heute zu keiner Revolution in England. Im Gegenteil. Vielleicht lag Engels richtig in seiner Einschätzung der geschichtlichen Entwicklung, nicht jedoch in der Einschätzung einer so von ihm benannten »menschlichen Natur«. Dieses Bild war bei ihm verzerrt, geprägt durch die Distanz seiner Herkunft und einer noch allzu wohlwollenden Lektüre von Rassisten. Sehr viel realistischer schätzte Samuel Bamford die Entwicklung ein. Bis zum Peterloo-Massaker und vor allem unmittelbar danach war Bamford in seiner politischen Strategie noch ein Radikaler. Die Brutalität, mit der nach und nach die Demonstrationen niedergeschlagen wurden, machten ihn zu einem Reformer, der vor allem auf Arbeiter*innenbildung setzte. Martin Hewitt arbeitete 1991 in seinem Aufsatz »Radicalism and the vitorian working class: The case of Samuel Bamford« heraus, dass Bamford trotz seiner Positionierung gegen den Chartismus und trotz seiner Kollaborationen mit Vertretern des Kapitals seine Ziele einer klassenlosen Gesellschaft nie aus den Augen verlor. Bamford fehlte die marxistische Analyse. Engels aber hatte auf ›das falsche Pferd gesetzt‹, als er sich auf Thomas Carlyle statt auf Samuel Bamford bezog. Es wäre viel gewonnen gewesen, wenn Engels sich nicht mit dem »Gods Trick« (Donna Haraway) zum objektiven Betrachter gemacht hätte, in dem er sich und seine eigene Herkunft aus dem Spiel nahm, sondern wenn er »streng objektiv« (Sandra Harding) sich selber aufgrund der Herkunft auf rassistische, sexistische und klassistische Befangenheiten überprüft hätte.

Es geht nicht darum, Engels und Bamford gegeneinander auszuspielen. Aber ein objektiverer, materialistischer Blick hätte Engels Analyse gutgetan. So aber war auch Engels’ Analyse der arbeitenden Klasse von England vom Klassismus ›verflucht‹.

Britische Autor*innen schlagen deshalb vor, ›working class‹ nicht zu definieren und somit auch keinen autoritativen Bezugspunkt zu setzen, andere plädieren für einen Definitionsmix aus verschiedenen Theorien und eine ständige Veränderung und Überprüfung des Begriffs (Linkon 1999, 3f.). Diese Herangehensweise scheint sich auch im Kontext von Klassismusstudien und Working-Class-Studien durchzusetzen. Es geht in erster Linie um die Beschreibung der Phänomene von Klassismus und die Sensibilisierung für neue Sehweisen, weniger um begriffliche Schärfe und starre Definitionen.

In diesem Zusammenhang ist »Ausbeutung« ebenfalls ein zentraler Begriff, weil er das Benutzen und Funktionalisieren von Menschen zu thematisieren erlaubt.

»Der Klassenbegriff … bezeichnet eine Gegensatzbeziehung auf Basis verschiedener Interessen; er impliziert Konflikt, Kampf oder Auseinandersetzung auf verschiedenen Ebenen gesellschaftlicher Realität sowie eine Dimension des Politischen. Die entscheidende Differenz zum Schichtbegriff ist aber wohl ›Ausbeutung‹ …« (Frerichs 1997, 30).

Mit Ausbeutung sind »Ausbeutungsbeziehungen aufgrund verschiedener Ressourcenausstattungen« gemeint. Dadurch wird ein System sozialer Ungleichheit produziert, welches sich nicht allein durch die materiell strukturierten Ausbeutungsverhältnisse aufrecht erhalten lässt, sondern mit dem Begriff »social class« auch so beschrieben werden kann, dass es sich um Gruppen von Menschen handelt, die durch Zuschreibungen von außen und Selbstzuschreibungen als soziale Gruppe konstituiert werden.

1.3 Ökonomie und Klassismus

Wenn von Klassismus gesprochen wird, liegt die Annahme zugrunde, dass mit dem ökonomischen Status in der Gesellschaft unterschiedliche außerökonomische Anerkennungsformen und Wertschätzungen einhergehen. Dementsprechend wird Klassismus definiert als:

»Das institutionelle, kulturelle und individuelle Repertoire an Praxen und Vorstellungen, durch die Menschen aufgrund ihres unterschiedlichen ökonomischen Status’ ein unterschiedlicher Wert zugeschrieben wird; dies im Kontext eines ökonomischen Systems, durch das massive Ungleichheit bis hin zu Armut produziert wird« (Adams 1997).

Die Produktion bzw. das Vorhandensein von Ungleichheit beschreibt aber noch keinen Diskriminierungs- und Unterdrückungszustand. Ungleichheit wird von konservativen und neoliberalen Theoretiker*innen ebenso gerechtfertigt wie von sozialistischen oder sozialdemokratischen. Klassismus liefert als affirmativer »Negativ«begriff, ebenso wie racism, sexism, heterosexism u.a., zunächst einmal eine Grundlage dafür, bestehende Verhältnisse in ihren unmenschlichen und brutalen Formen zu beschreiben, zu kritisieren, sich grundsätzlich dagegen zu positionieren und Alternativen sichtbar zu machen:

»Klassismus kann definiert werden als die systematische Unterdrückung einer Gruppe durch eine andere, basierend auf ökonomischen Unterscheidungen, oder genauer formuliert: basierend auf der Position einer Person innerhalb des Produktions- und Distributionssystems.« (Barone o.J., 8).

Dabei wird immer davon ausgegangen, dass die ökonomische Distinktionslinie mit weiteren Distinktionslinien verknüpft ist:

»Klassismus ist die systematische Unterdrückung der armen Menschen und der Lohnabhängigen durch diejenigen, die Zugang zur Kontrolle der für alle zum Leben notwendigen Ressourcen haben. Klassismus wird ebenso aufrechterhalten durch ein Glaubenssystem, in dem Menschen aufgrund ihres ökonomischen Status’, ihrer Kinderzahl, ihres Jobs, ihres Bildungsniveaus hierarchisiert werden. Klassismus sagt, dass Menschen aus einer höheren Schicht klüger sind und sich besser artikulieren können als Menschen aus der Arbeiterklasse oder arme Menschen. Es ist eine Art und Weise, Menschen klein zu halten – damit ist gemeint, dass Menschen aus der höheren Klasse und reiche Menschen definieren, was ›normal‹ oder ›akzeptiert‹ ist. Viele von uns haben diese Standards als die Norm akzeptiert, und viele von uns haben den Mythos geschluckt, dass die meisten im Land zur Mittelklasse gehören.« (Handbook of Nonviolent Action).

Klassismus beschreibt ein System der Zuschreibung von Werten und Fähigkeiten, die aus dem ökonomischen Status’ heraus abgeleitet oder besser: erfunden und konstruiert werden: