Klima-Korrektur-Konzern - Uwe Post - E-Book

Klima-Korrektur-Konzern E-Book

Uwe Post

0,0

Beschreibung

Die Erde verändert sich – in Deutschland ist es warm geworden. Energieverbrauch und CO2-Ausstoß sind dominierende Aspekte in der Wirtschaft.
Das alles belastet Phil nicht wirklich. Doch als er wegen eines Programmierfehlers den Job verliert, weiß er zunächst nicht, wie es weitergehen soll. Mit seinem Lebenslauf kann er froh sein, jemals neu angestellt zu werden.
Gezwungenermaßen nimmt er als Administrator eine neue Stelle bei OxiGreen an. Die Firma will das Klima mithilfe genveränderter Pflanzen retten. Phil ist skeptisch, doch er freundet sich mehr und mehr mit der Idee und seinem Team an. Endlich läuft es in Phils Leben. Bald schon findet er heraus, dass die Sache einen Haken hat.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 221

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Uwe Post

KLIMA-KORREKTUR-KONZERN

© 2022 Polarise

Ein Imprint der dpunkt.verlag GmbH

Wieblinger Weg 17

69123 Heidelberg

www.polarise.de

1. Auflage 2022

Autor: Uwe Post

Lektorat: Dr. Benjamin Ziech

Copy-Editing: Irina Sehling

Satz: Veronika Schnabel

Herstellung: Stefanie Weidner, Frank Heidt

Illustration Cover: licarto

ISBN:

Print978-3-947619-92-4

PDF978-3-947619-93-1

ePub978-3-947619-94-8

mobi978-3-947619-95-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind über www.dnb.de abrufbar.

Uwe Post wohnt am Rand des Ruhrgebiets, hat ein Diplom in Physik und Astronomie, eine Games-App-Firma, ist IT-Berater und schreibt Fachbücher sowie satirische Science Fiction. Er erhielt 2011 den Deutschen Science-Fiction-Preis und Kurd-Laßwitz-Preis für seinen Roman »Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes«. Sein Lieblingsthema ist die POSTapokalypse und deren Verhinderung durch schwarzen Humor.

Inhalt

Kapitel 01

Kapitel 02

Kapitel 03

Kapitel 04

Kapitel 05

Kapitel 06

Kapitel 07

Kapitel 08

Kapitel 09

LESEPROBE

PROLOG

01

»Außerordentliche Kündigung!«

Normalerweise öffnet Phil keine Mails mit einem solchen Betreff, genauso wenig wie jene mit »Ihr Gewinn«, »Volksbank Kundenservice« oder »Medikamente für Potenz«. Aber wenn sie vom Chef persönlich kommt …

Zweimal überprüft Phil die digitale Signatur der Mail. Sie ist echt. Die Nachricht ist wirklich von Hank Newton, dem CEO von SaveData. Fahrig wischt er über den Screen. Der Text ist lang. Einzelne Satzfragmente springen ihm ins Auge: »Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen«, »aus aktuellem Anlass«, »alle Zugänge wurden bereits gesperrt«.

Die Schnipsel schwirren Phil durchs Hirn. Bürokratendeutsch braucht immer etwas länger, um seine verheerende Wirkung zu entfalten. Wie wenn man in Hundekacke tritt und sich zwei Straßen weiter fragt, was hier so stinkt.

Im Moment riecht es nach Asien. Phil steht am Rand des Marktplatzes, als er die Mail auf seinem Smartphone liest. Rein zufällig direkt neben der Mahnwache für den unbekannten Arbeitslosen. Zwei Räucherstäbchen, dazwischen ein Greis mit einem Gesicht wie eine Ruine, und das Plakat reklamiert: Meinen Job macht jetzt eine bekackte KI.

Phil hat den Alten schon oft gesehen, aber heute spürt er zum ersten Mal einen Anflug von Mitgefühl.

Er verzieht das Gesicht. »Hurra«, sagt er freudlos zu sich selbst. »Ich muss nie wieder da hin.« Er denkt an seinen Kontostand. Der neue Gaming-PC war nicht ganz billig. Und das Gehalt kommt erst am Fünfzehnten.

Wäre gekommen.

Phil wird sich einen neuen Job suchen müssen. Eine außerordentliche Kündigung macht sich nicht gut im Lebenslauf. Die Zahnrädchen in Phils Hirn klemmen gerade ein bisschen, aber um zu kapieren, dass er jetzt ein ernsthaftes Problem hat, muss er nicht extra eine Pulle Schmieröl zu sich nehmen.

Was für ein Mega-Bockmist! Phil stößt hintereinander alle Flüche hervor, die ihm in den Sinn kommen.

Eine ältere Frau im bunten Sommerkleid schiebt sich an Phil vorbei. »Ist das nicht ein wunderschöner Tag?«, strahlt sie ihn an.

Es ist der 2. November 29. Ein Freitag. Brückentag. Halb Deutschland hängt bei sommerlichen Temperaturen in der Stadt ab und freut sich des Lebens.

Nur Phil mal wieder nicht.

»Ist bloß das Klima«, grunzt er der Frau hinterher, die schon unterwegs zum nächsten Marktstand ist, um original badische Ananas zu kaufen.

Phil macht, dass er weiterkommt. Das Phone noch in der Hand, drängt er sich an Ständen mit Goldkartoffeln und Pilzbrötchen vorbei, um anschließend die Treppe zur U-Bahn hinunterzustürmen.

Das Phone klingelt. Es ist Annie.

»Hey!«, ruft Phil ins Gerät.

»Bist du noch unterwegs?«, fragt Annie.

»Ja, wieso?«

Annie schnaubt. »Kannste dir sparen. Sie haben deine Zugangskarte gesperrt. Du kommst eh nicht rein.«

Als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gerannt, bleibt Phil stehen. Eine Oma hinter ihm kann gerade noch ausweichen und wünscht ihm eine eklige Krankheit.

»Danke vielmals«, gibt Phil zurück.

»Für was?«, kommt Annies Stimme aus den Lautsprechern.

»Ich habe nicht mit dir …« Phil lässt den Strom der Pendler links liegen und stellt sich an die Wand, direkt vor das Plakat von Zirkus Elektromaus: »Nur an drei Terminen, Kartenvorverkauf jetzt, 13 Euro, keine Funktionsgarantie!«

»Ich bin schon in der Firma«, erklärt Annie. »Sie haben es mir sofort erzählt. Du bist gefeuert.« Es klingt, als könne sie es selbst nicht glauben.

Phil hört seine U-Bahn ein Stockwerk tiefer abfahren. »Hank hat mir eine Mail geschickt.«

»Was hast du gemacht?«, fragt Annie.

»Gemacht?« Phil zuckt zusammen. Außerordentliche Kündigung – ausgesprochen wegen eines schweren Vergehens? »In der E-Mail stand nichts«, sagt Phil. »Glaube ich.«

»Ich frag mal die anderen.«

Phil schüttelt den Kopf. »Lass nur. Ich rufe Ahmed an. Der weiß immer über alles Bescheid.«

»Gehen wir nachher zusammen Mittag essen? Ach … Sorry. Du kommst ja gar nicht ins Büro.«

»Danke für die Erinnerung«, brummt Phil. »Ich melde mich später nochmal.«

Er beendet das Gespräch.

Schwerfällig schleppt er sich die Treppe rauf ans Tageslicht. Er schwitzt, als er oben ankommt, und hält sich einen Moment lang an dem Werbescreen fest, der neben dem Abgang zur U-Bahn steht. Das Teil ist abgestürzt und zeigt bloß Pixelmüll. Alle 35 Sekunden rebootet es sich und ein Windows-XP-Logo erscheint. Dann wieder Pixelmüll.

Phil ruft Ahmed an. Es geht aber nur dessen Sprachassistent ran. »Sorry«, schnarrt die Stimme eines brunftigen Hirschs (so klingt es jedenfalls). »Ahmed genießt seinen Brückentag und möchte nicht dabei gestört werden. Möchten Sie eine Nachricht hinterlassen? Diese Option wurde deaktiviert. Auf Wiedersehen.«

Phil überlegt, welcher Fluch jetzt angemessen wäre, aber ihm fällt spontan keiner ein. Dafür knurrt sein Magen. Normalerweise frühstückt er immer in der U-Bahn. Irgendwas aus dem Brötchenautomaten.

Kurz entschlossen geht er zum Marktstand von Onkel Ernst’s Im’biss, dessen Personal sich um diese frühe Uhrzeit ein bisschen langweilt. Der Grauhaarige mit langem Zopf starrt intensiv auf sein Gerät. Vermutlich daddelt er irgendwas.

»Eine Spaßwurst«, bestellt Phil. »Eine grüne.«

»Geschnitten oder am Stück?«, grunzt der Verkäufer, womöglich unzufrieden darüber, dass er sein Game unterbrechen muss. Er zeigt auf die Currywurst-Schneidemaschine auf der Theke.

»Am Stück bitte.«

»Aus Erbsen oder Linsen? Wir haben dieses Wochenende wegen Fronleichnam auch ein Rosenkohl-Knackerle im Angebot.«

Phil seufzt unentschlossen, er hat wirklich andere Sorgen. Er wirft im Kopf einen dreiseitigen Würfel. Eine Eins, also Erbsenwurst.

Während er auf sein Frühstück wartet, liest er ein weiteres Mal die E-Mail seines Chefs.

Eins ist klar: Das ist eine Textvorlage aus dem Personalabteilungs-Baukasten. Hank D. Newton, Texaner, kann bei weitem nicht so gut Deutsch, wie er immer behauptet. Bestimmt hat Sara den Text rausgesucht. Sara, die deprimierendste Teamassistentin diesseits des Styx, immer bleich, immer blass, immer krank. Aber zur Arbeit kommt sie trotzdem, pflegt sie zu wimmern. Sie will ja nicht entlassen werden.

Phil wählt die Nummer der Firmenzentrale.

»SaveData, Ihr verlässlicher Ansprechpartner für alle Fragen der IT-Sicherheit. Ich bin Sara, was kann unser Expertenteam für Sie tun?«

»Hier ist Phil«, sagt Phil, obwohl Saras Telefon das eigentlich anzeigen müsste. Er zögert. »Wie … wie geht’s?«

»Gut«, sagt Sara.

Und nichts weiter.

»Ich, äh …«, macht Phil. Er hat mal wieder vergessen, seine Frage vor dem Sprechen zu formulieren. Dergleichen geht selten gut aus. »Äh, schönes Wetter heute.«

»Stimmt«, sagt Sara tonlos. »Hab deswegen Kopfschmerzen. Bin aber trotzdem im Büro. Sonst noch was? Ich hab zu arbeiten, weißt du?«

»Warte …« Phils Gedanken rasen. Will Sara ihn abwimmeln? Falls sie die Kündigung geschrieben hat, müsste sie doch kapieren, dass er deswegen anruft. »Ich habe eine Mail bekommen!«, stößt Phil schließlich hervor.

»Ich auch, gerade eben«, sagt Sara freudlos. »Verdiene 7000 Euro pro Tag von zuhause aus. Was tue ich eigentlich noch hier im Büro?«

»Das … das ist eine Falle, klick nicht auf den Link!« Phil beißt sich auf die Lippen, als am anderen Ende der Leitung Stille eintritt. Alle Mitarbeiter von SaveData wissen, was mit Bitcoin-Scam zu tun ist, der sich irgendwie durch die Spamfilter geschummelt hat. Auch die Teamassistentin.

»Willst du mich eigentlich verarschen?«, fragt Sara unvermittelt.

Phil ist zu perplex, um zu antworten.

»Erst bringst du unsere Firma in Gefahr, wirst gefeuert, und dann besitzt du die Unverschämtheit, hier anzurufen und übers Wetter zu plaudern, als ob nichts wäre.«

»Na ja, es ist ja auch schön warm …« Einige Zahnräder in Phils Hirn rasten ein. »Äh … Ich habe die Firma in Gefahr gebracht?«

»Tu nicht so, als wüsstest du von nichts.«

»Aber …«

»Verarsch mich nicht, davon werde ich depressiv.«

»Ich weiß wirklich von nichts, ich …«

»Dann lies die Nachrichten.« Das Gespräch wurde beendet. Phil nimmt das Gerät vom Ohr und starrt den Bildschirm an.

Du hast heute schon 8 Minuten telefoniert, steht da. Noch weitere 12 Minuten und du kannst mit etwas Glück einen zufälligen Gutschein gewinnen!

Der Verkäufer reicht Phil eine dampfende Erbsenwurst. Echt knackig, das Teil. Und ECHT GRÜSUND. So steht es jedenfalls in großen Lettern auf der Pelle der Wurst.

Seit es Essensdrucker gibt, erübrigt sich die Verpackung. Die war früher ohnehin nur dafür da, um mit besonders großen Buchstaben gute Stimmung zu verbreiten und mit besonders kleinen die ganzen Inhaltsstoffe made by Chemiefabrik aufzulisten.

Phil beißt in seine knackige, gesunde Wurst. Essen bessert immer die Stimmung. Langsam setzt sich Phil in Bewegung. Erst die Badstraße runter, dann in die Turmstraße. Richtung Homebase. Egal wie sonnig das Wetter sein mag – Phil verbringt seine Zeit lieber drin. Zu viel UV-Strahlung tut seiner Haut nicht gut.

Zuhause angekommen, zieht Phil die Sneaker aus und wirft den Rest der Wurst auf den Küchentisch. Er hat alles bis auf »ECHT« aufgegessen. Auf dem Sofa liegt sein Laptop herum. Phil nimmt ihn auf den Schoß und klappt ihn auf. Er schließt eine noch geöffnete, tendenziell peinliche Webseite, dann ruft er den Feed mit den einschlägigen Meldungen zur IT-Sicherheit auf. Lies die Nachrichten, hat Sara gesagt. Wieso auch immer.

Datenbank-Crash: Börse in Budapest seit 9 Uhr offline

Bonn: Gehackte Wasserpistolen-Drohne verfolgt Grundschullehrerin

Unbekannte bieten vier Millionen Profile von Dating-App bei eBay an – ab 1 Euro

München: Abgestürzter Suppendrucker überschwemmt Armenküche

Phil grinst. Das Foto aus der Armenküche ist wirklich sehr traurig. Es wurde mit einem Pseudo-3D-Effekt aufgenommen, was die Suppe noch unappetitlicher aussehen lässt, und über die Füße der Leute, die darin herumwaten, möchte Phil keine Details wissen.

Dann fällt sein Blick erneut auf die vorletzte Überschrift.

Dating-App?

Klingelt da nicht was?

Phil öffnet den Artikel, sieht sich drei Werbevideos an – Dating, Suppen, Lieferservice – und darf anschließend den eigentlichen Text lesen. Hacker haben die Kundendaten der Dating-App in die Finger bekommen, weil ein Update eine Sicherheitslücke enthielt. Eine ziemlich bekannte.

Mit einem Schnauben bringt Phil seine Missgunst zum Ausdruck. Updates sind dafür da, Sicherheitslücken zu schließen. Nicht umgekehrt. Sicher, die meisten Sicherheitslücken werden nie geschlossen. Updates sind teuer. Jemand muss sie programmieren, jemand muss dafür sorgen, dass sie auf die Geräte gelangen. Und man verdient damit – nichts. Deshalb gehen Hersteller schon seit einer Dekade dazu über, auf Updates zu verzichten. Nutzer müssen dann früher oder später neue Geräte kaufen, oder Hacker freuen sich über ungepatchte Sicherheitslücken. So verdient man Geld, ohne unnötigen Aufwand in Softwarewartung zu stecken oder Nutzer mit umständlichen Updatemechanismen zu belästigen.

Als Phil im Kommentarbereich zum Artikel auf den Namen der Dating-App stößt, stellen sich seine Härchen auf.

TriffMichNochHeuteSüßer.

Diese App kennt Phil nur zu gut.

Das Update, das vor etwa einer halben Woche erschienen ist, stammt nämlich von ihm.

Zu Phils Job gehörte es nicht nur, am Schreibtisch oder in Meetings zu sitzen und Mails zu lesen. Gut, das nahm den größten Teil ein. Aber zum Glück gab es ja Überstunden. Nach 18 Uhr, wenn der Vorstand so tat, als wäre jeder verantwortungsbewusste Mitarbeiter im Feierabend, konnte man in Ruhe arbeiten. Phils Job bestand darin, Code auf Sicherheitslücken hin zu überprüfen. Security Audit nennt sich das übersetzt in Angeberisch, die Gemeinsprache der IT.

Eine wichtige und verantwortungsvolle Arbeit. Sie verhindert, dass Hacker Daten abgreifen und bei eBay mit einem Startgebot von 1 Euro zum Verkauf anbieten.

Den Auftrag für den Audit der TriffMichNochHeuteSüßer-App hatte SaveData zum wiederholten Male erhalten. Reine Routine.

Phil kennt den Code sehr genau, und er ist einer der Besten seines Fachs. Auch wenn das auf den ersten Blick jetzt gerade vielleicht nicht so aussieht.

Irgendwas ist gründlich schiefgegangen. Phils Neuronen stellen sich quer, ein Autobahnkreuz mit Monsterstau, ohne Rettungsgasse für klare Gedanken.

Zur Entspannung startet Phil erstmal Cosmic Hero, sein Lieblings-Game. Es ist ein ziemlich kompliziertes Kartenspiel, das nur die ganz smarten Typen zocken. Spielen kann man es nur am Gaming-PC, nicht in der echten Welt, weil sich die Karten in monströse Raumschiffe oder gelenkige Kampfroboter verwandeln können, je nach Bedarf. Eine Art Transformers, nur mit Karten statt Autos.

Phil ist ziemlich gut in Cosmic Hero. Er steht im Moment auf Platz 795 der weltweiten Rangliste. Jeder Sieg bringt ihn ein oder zwei Plätze nach oben, jede Niederlage nach unten. Das System sucht immer ungefähr gleich starke Gegner aus, außer vormittags, wenn die meisten Leute arbeiten. Dann kann man schon mal Glück haben und einem Anfänger zugelost werden. Das ist dann ein leichter Sieg.

Die heutigen Gegner sind allerdings eine andere Nummer. Gegen einen gewissen RunAway04 verliert Phil, weil er nicht verhindern kann, dass ein feindlicher Kampfroboter jede Runde einen kleineren Klon von sich erzeugt. Nach der ausgesprochen nervigen Pleite gegen Luca1920, der Schwarze Löcher benutzt, um Phil zum Abwerfen von Karten zu zwingen, so dass seine Raumschiffe reihenweise zu Spaghetti gedehnt in Singularitäten verschwinden, steht er auf Platz 808. Jetzt reicht es für heute.

Phil schaut zur Uhr. Wenn er die nächste U-Bahn zum Rathausplatz erwischt, kann er die Kollegen auf dem Weg zum Mittagessen abpassen.

Ex-Kollegen.

Sie essen freitags immer rechteckige Pizza bei Kurzweils Runde, was wirklich unglaublich komisch ist.

Zumindest für Informatiker.

Unterwegs hört Phil unaufmerksam einen aktuellen Podcast des Klima-Korrektur-Konzerns. In Südgrönland liegt ein Meter Neuschnee, hurra. Der reflektiert das Sonnenlicht ins All, so dass es schön kalt bleibt, wie es sich gehört. Bevor Phil darüber aufgeklärt werden kann, was mit dem leer stehenden Luxus-Resort in der nun wieder eisbedeckten Bucht von Friedrichstal an der Südspitze Grönlands geschehen soll, erreicht er sein Ziel.

Wie sich herausstellt, haben bloß Annie und Hector versäumt, für den Brückentag Urlaub einzureichen. Phil erwischt die beiden dabei, wie sie vor der Pizzeria über die Vor- und Nachteile eckiger Nahrungsmittel diskutieren.

»So passen die Pizzen platzsparender in den Ofen«, sagt Hector gerade. »Das ist energieeffizient und verringert den Ausstoß von CO2.«

»Wenn ich Rechtecke essen will«, entgegnet Annie, »nehme ich Schokolade.«

»Mahlzeit«, sagt Phil, der sich mit beiden Händen in den Taschen hinter die anderen gestellt hat, als wäre heute ein Mittag wie jeder andere.

»Was machst du denn hier?«, will Annie wissen und gibt ihm einen flüchtigen Kuss.

»Sein Programmcode ist noch nicht umgeschrieben«, vermutet Hector. »Wenn Freitag, dann Kurzweils.«

»Ich wollte euch sehen«, sagt Phil und schiebt sicherheitshalber ein »Vor allem dich« in Richtung Annie hinterher. Sie lächelt. Das wirkt bei ihr immer ein bisschen wie ein Versehen. So als würde man bei YouTube hektisch ein falsches Video anklicken und sofort danach das richtige starten.

Das richtige Video zeigt Annie Li und ihr Lächeln live und in 3D. Sie ist gebürtige US-Amerikanerin, die vor den Unruhen Anfang der Zwanziger nach Europa geflohen ist. Ihre schwarzen Haare sind zu einem schlanken Zopf geflochten, den ein bei jeder Bewegung bunt blinkender Leuchtgummi fixiert.

Annie ist etwas kleiner als Phil, der sich darüber freut, sie als seine Freundin bezeichnen zu können, ohne dass sie widerspricht.

Wäre Phil ehrlich zu sich, dann würde er ihre Beziehung eher als offene Affäre und sich selbst als jederzeit einbestellbaren, biologisch abbaubaren Dildo bezeichnen.

Aber das ist er gerne.

»Wollen wir mit dem da gesehen werden?«, fragt Hector im Mafia-Tonfall.

»Nein«, entgegnet Annie, bevor Phil antworten kann. »Jedenfalls nicht hier in aller Öffentlichkeit. Gehen wir rein. An den muffigen Ecktisch in der Nische.«

Phil braucht jetzt dringend eine rechteckige Pizza, deshalb legt er keinen Widerspruch ein.

An Ofen, Tresen und Pizzadrucker vorbei huschen Annie und Hector vorneweg, gefolgt von Phil. Dann schieben sie sich in die hinterste Nische, wo sonst nur der Pizzabäcker in Ruhepausen heimlich raucht.

Die drei bestellen per App auf ihren Geräten, nachdem sie den QR-Code in der Mitte des Tisches eingelesen haben. So weiß der Kellner, wohin er die fertige Pizza bringen muss.

»Hört zu«, beginnt Phil. »Ich weiß von nichts. Ehrlich. Ich habe nachgedacht. Es gab keine nennenswerten Änderungen am Code. Da kann gar keine Sicherheitslücke gewesen sein. Wenn, dann hätten die Tools Alarm geschlagen.«

»Wir haben eine Versicherung gegen solche Fälle«, sagt Hector und legt sein Gerät auf den Tisch.

»Ja, und?«

»Du fliegst nicht raus, bloß weil du was übersiehst. Du fliegst raus, wenn du absichtlich eine Lücke einbaust.«

»Ich habe keine …«

»Dann gibt es auch keinen Alarm durch Tools. Der Boss hat Beweise.«

»Was denn für …«

Annie greift nach Phils Hand. »Süßer«, sagt sie, »sollen wir nicht lieber übers Wetter reden? Oder über eine neue Play-Tech bei Cosmic Hero? Wenn man streitet, schmeckt doch hinterher die Pizza nicht.«

Phil schüttelt energisch den Kopf. »Wenn ich nochmal in den Code schauen könnte, könnte ich beweisen, dass ich …«

»Du darfst aber nicht mehr rein.«

»Aber ihr. Ihr könntet …«

Hector unterbricht ihn. »Hier, siehst du das?« Er hält Phil sein Gerät vor die Nase. Der Bildschirm zeigt das Willkommen-zurück-Logo von TriffMichNochHeuteSüßer. Zwei ineinander verknotete Herzen. »Ich bin da angemeldet, und statt eines Dates – denn keiner benutzt die App noch – kann ich jetzt meine Intimsphäre zurückersteigern. Aktuell übrigens für 24,50 Euro.«

»Niemand hat sich jemals über die App verabredet«, versetzt Annie. »Alle weiblichen Personen sind Bots, das weiß doch jeder.«

»Und zwar sehr zeigefreudige Bots, ja.« Phil nickt. »Die App ist nur dazu da, um die angelegten Nutzerprofile an Werbepartner zu verkaufen. Für etwas mehr als 24,50, vermute ich. Das ist ja gerade das Problem.«

»So ein Quatsch«, sagt Hector. »Die Profile sind reine Angeberei, um bei Frauen zu landen. Damit kann niemand was anfangen. Ich zum Beispiel bin laut Profil sportlich, kreativ und eine Granate im Bett.«

»Ach, und das bist du gar nicht?«, fragt Annie spitz.

»Du kannst es ja ausprobieren«, gibt Hector zurück.

»Auf keinen Fall!«, rufen Annie und Phil gleichzeitig.

Hector, 22, hat leider etwas Übergewicht. Seine interessanteste Eigenschaft ist eine schillernde Holo-Hose, und über deren Inhalt weiß vermutlich niemand irgendwas außer ihm selbst. Aber er hat was in der Birne, sonst hätte Hank ihn nicht eingestellt. Phil fragt sich, was sich daraus schlussfolgern lässt, aber zunächst muss er sich um die Pizza kümmern, die gerade gebracht wird.

Rechteckige Pizza lässt sich prima in gleich große Stücke schneiden, eignet sich aber nur bedingt dazu, Mathe-Muffeln Bruchrechnung beizubringen. Das geht mit dem runden Format einfach besser: Ein Viertel plus ein Viertel ist eine halbe Pizza. Eine ganze Pizza minus (mampf) ein Viertel: drei Viertel.

»In Wirklichkeit«, sagt Phil eine halbe Mut spendende Pizza später, »seid ihr nur froh, dass es nicht euch erwischt hat.«

»Du hättest einfach keine mit Roter Bete bestellen sollen«, gibt Annie kauend zurück.

»Ich meinte nicht meine Pizza«, erklärt Phil. »Mal im Ernst. Angenommen, ich hätte wirklich absichtlich den Code manipuliert und die Sicherheitslücke eingebaut. Säße ich dann mit euch hier?«

»Nee«, meint Hector und leckt sich die Finger. »Dann könntest du dir was Besseres leisten.« Er zeigt auf sein Gerät. »Die Auktion steht schon bei 149 Euro.«

»Versteht ihr nicht? Irgendjemand hat etwas in den Code geschmuggelt. Ich bin das Opfer. Und es hätte euch auch passieren können, wenn es eure und nicht meine Aufgabe gewesen wäre, den Audit für TriffMichNochHeuteSüßer zu machen.«

»Ja, dann sind wir eben froh, dass es uns nicht erwischt hat«, sagt Annie. »Juhuu.«

»Dass wir unsere Traumjobs behalten können«, ergänzt Hector. »Von denen wir uns immerhin jeden Freitag rechteckige Pizza aus dem Drucker leisten können.«

»Es gibt Schlimmeres«, behauptet Phil.

»Ja«, sagt Annie, »Arbeitslosigkeit. Wie wär’s, wenn du uns heute in einer Woche berichten würdest, wie grauenvoll es ist, die ganze Zeit zuhause zu sitzen und Cosmic Hero zu zocken?«

»Tue ich gar nicht«, behauptet Phil. »Ich kann mir die Zeit nehmen, um für uns zu kochen.«

»Das ist süß«, sagt Annie und schiebt ihren geleerten Teller von sich. Da der im Gegensatz zur geometrisch optimierten Pizza rund ist, kommt sie nicht weit, weil der Tisch zu klein ist. »Hör zu, ich bin genauso verzweifelt wie du, aber du weißt ja, dass ich nie Gefühle zeige.«

»Ja«, grinst Phil humorlos, »weiß ich.«

Da ist es wieder, Annies Danebengeklickt-Lächeln. An, aus. »Du wirst doch einen anderen Job finden.«

»Klar«, sagt Hector und wischt sich mit dem Ärmel den Mund ab. »Aber schreib nicht in die Bewerbung, wieso du nicht mehr bei SaveData bist.«

»Apropos«, sagt Annie, »wenn wir unsere Jobs nicht verlieren wollen, sollten wir langsam zurück ins Büro.«

»Sehen wir uns?«, fragt Phil, während sie aufstehen.

»Ich melde mich«, flüstert Annie ihm noch zu.

Wie oft hat sich Phil früher gewünscht, nach dem Mittagessen nicht wieder ins Büro zu müssen!

Heute sieht er Annie und Hector sehnsüchtig nach, bleibt allein zurück auf dem spätsommerlichen Rathausplatz. Unschlüssig. Überflüssig. Arbeitslos.

Drüben, vor dem Brunnen, hängen ein paar Typen von Fridays for Future ab. Seitdem die Klimarettung konkret in Arbeit ist, beeindrucken sie vor allem durch ihre Hartnäckigkeit.

Tatsächlich tragen die Aktivisten T-Shirts mit Logos von Terra1st und OurChoice. Am Zaun vor dem Brunnen hängt eine Regenbogenfahne mit den weltweit bekannten verschnörkelten drei großen Ks: Sie stehen für den Klima-Korrektur-Konzern.

Phil hat alle Zeit der Welt. Also beschließt er, mit einem Leih-Roller zu fahren. Lieber frische Luft als muffige U-Bahn.

Hier oben riecht es einfach besser. Nach Honig, Frühling, Rosen und Zitronengras. Je nachdem, welches Auto gerade an Phil vorbeifährt. Die Geschmäcker sind verschieden. Deshalb füllen die Fahrer ganz unterschiedliche Düfte in die Zerstäuber ihrer E-Autos. Ein schwarz-gelber Sportwagen mit Heckspoiler riecht verdächtig nach dem neuen Männerduft Ich kann immer, der seit ein paar Wochen mit einer ziemlich teuer wirkenden Werbekampagne in den Markt gedrückt wird, in der es meist um wohlriechende Wettrennen geht.

Inzwischen gibt es Auto-Düfte an fast allen Tankstellen. Von irgendwas müssen die ja auch leben. Seit Pkws keine Zapfsäulen mehr benötigen und jedes Lebensmittelgeschäft so lange öffnen kann, wie es möchte, haben viele Tankstellen ihre Existenzgrundlage verloren. Aber irgendwie gehören ja die aromatischen Zapf-Gerüche – ein Mix aus Kaffee und Diesel – zur Folklore. Genau wie die großen Preisanzeiger. Niemand möchte auf diese Monumente im Stadtbild verzichten. Zwar hat neulich eine Discounter-Kette angefangen, ähnliche Anzeiger an ihren Zufahrten aufzustellen. Aber ob der Liter Milch nun gerade 1,299 kostet und das halbe Pfund Butter 1,199 oder was sonst – das hat einfach nicht das emotionale Potenzial wie ein Cent Preisunterschied bei Super Plus.

Phil nimmt sich vor, zuhause direkt als Erstes den Stellenmarkt zu durchsuchen. Er wird schon etwas anderes finden. Schließlich beherrscht er Java, Python, C++ und noch ein paar andere Programmiersprachen. Er weiß alles über Verschlüsselung und Sicherheitslücken.

Das Problem ist bloß, dass viele Firmen ihre IT-Abteilungen verkleinert haben. Seit einige Geschäftsführer rausgekriegt haben, dass 24 Stunden täglich laufende Computer CO2-Ausstoß verursachen und Hacker anziehen wie Hausabfälle wilde Neozoen-Äffchen, sind etliche wieder zu Akten aus Papier und Mitarbeitern aus Fleisch und Blut übergegangen. Die produzieren zwar ebenfalls ein wenig CO2, haben aber nicht ganz so viele Sicherheitslücken. Außerdem benötigen sie keine regelmäßigen Software-Updates, um weiterhin ordentlich zu funktionieren. Ein paar Wochen Urlaub im Jahr und eine bescheidene Betriebsrente genügen völlig. Selbst Datenverluste sind bei Akten aus Papier nachweislich seltener.

Phil genießt die Fahrt über den Radweg. Er passiert eine Mauer mit einem verblassten Scheißcorona-Graffiti. Während ein Brennstoffzellen-Reisebus neben ihm eine Fuhre Senioren laut Seitenaufschrift Für nur 9,95 Euro inklusive Begrüßungscocktail zu einer Weinprobe an der Mosel karrt, erreicht er die Turmstraße und damit seine Wohnung. Er muss sich unbedingt sofort um einen neuen Job bemühen.

Nachdem er die Schuhe ausgezogen hat, wirft er sich auf sein Sofa und startet Cosmic Hero.

02

»Guten Morgen! Es ist 13 Uhr, Samstag, 3. November!«, tönt die Stimme von Phils persönlicher Assistentin durchs Apartment.

Phil versteckt sich unterm Kopfkissen.

»Du hast heute zwei Termine«, fährt die Assistentin ungerührt fort. »Einer ist als wichtig markiert: 15 Uhr, Beginn doofe Silberhochzeit doofer Eltern.«

»Scheiße«, murmelt das Kopfkissen gedämpft.

»Zweiter Termin: 14 Uhr, Geschenk für doofe Silberhochzeit doofer Eltern besorgen.«

»Scheiße!« Phil springt auf.

Er sieht an sich runter. Immerhin: Er muss sich nicht anziehen. Denn offenbar ist er vergangene Nacht bekleidet ins Bett gekrochen.

Ist wohl spät geworden.

Phil erinnert sich vage. Erst hat er ein paar Runden Cosmic Hero gezockt. Als er dafür zu müde geworden ist, hat er im Netz zugesehen, wie andere Gamer Cosmic Hero zocken, und ab und an einen witzigen Kommentar eingeworfen.

Dabei wurden einmal mehr unterschiedliche Auffassungen von Humor deutlich.

Auf »Lol, schieb ihm lieber die Fehlprogrammierte Kampfdrohne quer in den Hintern, macht drei Schaden mehr« antwortete irgendein Random User doch glatt: »Nee, dir in die Fresse, Angeber«.

Danach hat Phil sich lieber mit anderen Themen beschäftigt.

Phil schiebt sich einen doppelten Toast mit Echt künstlichem Honig in die Fresse und sucht gleichzeitig online nach einem Geschenk für seine Eltern, die ihren 25. Hochzeitstag für einen Grund zum Feiern halten. Phils Meinung nach hätte es so weit gar nicht kommen dürfen. Aber seine dringende Empfehlung, sich endlich scheiden zu lassen, ist immer wirkungslos geblieben. Vermutlich glauben seine Eltern nicht, dass sie nochmal neue Partner finden würden, und sie wollen ungern einsam sterben. Im Grunde kann Phil beides nachvollziehen, einen Anlass zum Feiern vermag er trotzdem nicht zu erkennen.

Um den Eltern nicht den furchtbaren Tag zu verderben, sollte Phil ihnen also ein hübsches Geschenk beschaffen.

Bestellbar mit Drohnen-Lieferzeit unter 60 Minuten findet er auf die Schnelle:

ThermoPrint, der Essensdrucker mit eingebautem Ernährungsberatungsassistenten. Heute besonders günstig im Bundle mit Psalmen und Gebeten zum Mitsingen oder Nachsprechen.

Okay, das ist auf den zweiten Blick der Versandhandel einer evangelikalen Sekte. Phil schüttelt sich und sucht weiter.

»Wie du mir«, die neueste Ausgabe des beliebten Retro-Kartenspiels für die fortgeschrittene Partnerschaft, jetzt mit lustiger App und bunten Würfeln mit zufälligem Wohlgeruch!

Ein Kartenspiel aus echter Pappe? Phil hat gar nicht gewusst, dass es dergleichen noch gibt. Die armen Bäume!

Probierpackung Fart++ (18 Zäpfchen plus zwei umwerfende Extra-Bonus-Überraschungen): Werden auch Sie Teil der wachsenden Community, deren Darmwinde nicht mehr als Belästigung, sondern frische Brise empfunden werden! Düfte ferner Länder erwarten Sie, exotisch und frei.

Phil kann sich einfach nicht entscheiden.

Planlos schaut er aus dem Fenster. Eine Lieferdrohne mit Pizza-Fähnchen surrt vorbei, und er begreift, dass andere Leute schon zu Mittag essen.