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Lozen Graham kommt nach elf Jahren aus dem Knast. Tote Zeit. Verlorene Zeit. Eine lange Zeit. Ihr Bewährungshelfer ist der Sheriff der Kleinstadt Homer City. Kein netter Mensch. Der Gesetzeshüter ist kriminell und brutal. Für Lozen Graham hat er besondere Pläne.
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Thanx, Uta von den Plot Holes.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Das eiserne Gefängnistor schloss sich langsam mit einem quietschenden Geräusch, das Lozen an ein sterbendes Riesenmonster aus einem japanischen Kaiju-Film erinnerte. Sie warf einen letzten Blick zurück auf die rechteckigen roten Gebäude von Maka Prison, die dreitausend Häftlinge fassten und in denen sie die vergangenen elf Jahre verbracht hatte. Tote Zeit. Verlorene Zeit. Eine lange Zeit.
Sie atmete durch. Die Luft roch anders als drinnen. Besser. Frischer. Maka Prison lag auf einer Ebene mit vereinzelten Baumgruppen und Senken, die sich bis zum Horizont zogen. Sie stand an der Landstraße, die am Gefängnis vorbeiführte. Ein leichter Wind ging. Weiße Wolken hingen im strahlend blauen Himmel. Die Temperatur war angenehm. Ein herrlicher Spätsommertag.
Sie schaute erneut auf die Ebene. Nach den Jahren hinter Gefängnismauern hatte die Weite etwas Beunruhigendes. Sie musste lächeln. Angst vor der Freiheit war etwas Neues. Lozen hatte halblanges schwarzes Haar, das an den Seiten rasiert war. Über die rechte Wange zog sich eine Narbe, über der linken Augenbraue trug sie ein Tattoo. Es war das Wort Strike, geschrieben in einer altertümlichen Schreibschrift wie für das Cover eines Fantasy-Romans. Ein Motorrad fuhr vorbei. Der graubärtige Biker schaute kurz zu ihr.
Weil ihr warm war, zog sie die schwarze Kapuzenjacke aus und knotete sie um ihre Hüften. Darunter trug sie ein schwarzes Tanktop. Die muskulösen Arme und Schultern waren komplett tätowiert. Auffällig waren die vielen kleinen Tattoos am linken Unterarm. Es waren dunkelrote Blitze und schwarze Rehe, die wie Höhlenmalereien aus der Steinzeit aussahen. Auch ihre Hände waren tätowiert. Auf der rechten Hand war ein Drachenkopf, auf der linken Efeuranken.
Aus der Beintasche der schwarzen Cargohose nahm sie das Smartphone, das ihr eine Mitgefangene zum Abschied geschenkt hatte. Es war ein gebrauchtes Wenwu 2.3., eine gute Handfläche groß, grünglänzend, das angesagte Gerät eines chinesischen Herstellers, das amerikanische und europäische Konkurrenten in den vergangenen Jahren überholt und Designpreise gewonnen hatte. Lozen wusste das, weil sie die fürchterliche Werbung der Firma kannte.
Sie stellte das Wenwu an. Smartphones waren im Gefängnis verboten, aber wer Geld hatte, konnte einfach eines bekommen. Die Wärter verdienten sich damit ein Zubrot. Sie steckte die In-Ear-Kopfhörer in die Ohren und startete einen Song, in dem die Sängerin gestand, total besoffen ein Verbrechen begangen zu haben. Das Lied war langsam, sommerlich, relaxed, einfach perfekt, um sich irgendwo hinzusetzen und zu kiffen.
Lozen setzte sich in Bewegung, die Landstraße runter Richtung Westen. Nach einer Weile passierte sie die Haltestelle der Fernbuslinie, die aus einem verrotteten Holzpfosten bestand, an dem ein verbeultes Schild mit orangefarbenem Wolfs-Logo und der Name der Buslinie stand: Wolf Lines. Die Wächterin, die sie zum Tor gebracht hatte, hatte ihr gesagt, dass in einer guten halben Stunde einer kommen würde.
Sie hatte keine Lust auf eine Busfahrt. Sie wollte zu Fuß gehen. Richtung Homer City, einer Kleinstadt in Chayton County. Der Bezirk gehörte zum Bundesstaat South Dakota und lag am Rande der Black Hills zwischen Butte und Lawrence County an der Grenze zum Nachbarstaat Wyoming. Nicht, dass sie freiwillig dahin wollte. Sie war auf Bewährung raus und musste die nächsten anderthalb Jahre in Homer verbringen. Sie atmete erneut tief durch. Die Sängerin sang irgendetwas über Drogen. Ein alter Pickup mit einem noch älteren Typen am Steuer fuhr vorbei.
Zu Fuß würde sie rund drei Stunden nach Homer brauchen, schätzte sie. Das war okay. Sie hatte es nicht eilig. Draußen, das war in den vergangenen Jahren der Gefängnishof gewesen. Ein Platz, umgeben von Betonmauern, mit Frauen, von denen die meisten eine potenzielle Bedrohung gewesen waren. Sich frei zu bewegen, das hatte ihr gefehlt.
Sie bemerkte eine Prärieklapperschlange, bestimmt anderthalb Meter lang, mit dem typisch dreieckigen Kopf und dem mit dunklen Flecken bedeckten Körper. Mit Reptilien kannte sie sich aus. Sie kam gebürtig aus New Mexico, wo es viele gab. Diese Schlange war giftig und erinnerte sie daran, dass ihr Leben außerhalb von Maka Prison nicht unbedingt ungefährlich sein würde.
Der Fernbus fuhr vorbei. Früher, als die Wärterin gesagt hatte. Die wollte mich verarschen, dachte Lozen. Sie blieb stehen, scrollte durch ihre Playlist und startete einen Folksong, in dem die Sängerin eines wollte: Sich gut fühlen. Ich brauche positive Vibes, dachte Lozen und marschierte weiter.
Nach knapp einer Stunde wurde die Landschaft hügeliger und grüner. Sie erreichte die Ausläufer der Black Hills. Sie mochte die Berge; seit ihrem ersten Besuch in dieser Gegend. Wahrscheinlich hatte sie zu viele alte Western gesehen. Sie wanderte weiter. Wenn es bergab ging, spürte sie leicht ihr linkes Knie. Leichter Anriss des Meniskusanriss, wahrscheinlich eine Verschleißerscheinung, hatte der Gefängnisarzt gesagt, nachdem sie ihm erzählt hatte, dass sie es ab und zu nach Kniebeugen und Seilspringen spürte. Mit knapp Mitte fünfzig völlig normal, hatte er gelangweilt hinzugefügt, was sie geärgert hatte, auch wenn sie nicht wusste, warum. In dem Moment, in dem ein Mensch geboren wurde, starb er. Der Tod war nicht gut oder schlecht, sondern einfach da und wartete. Doch es schien, dass ihr der Verfall Probleme machte. Vielleicht, weil sie nie damit gerechnet hatte, so lange zu leben, vielleicht war sie aber nur ein Weichei.
Irgendwann erreichte sie eine von einem dichten Wald umgebene Tankstelle, die an einer Kurve lag und aussah, als hätte sie sich seit den 1950ern nicht verändert. Zwei rot-weiße Zapfsäulen, dahinter ein schuhkastenförmiges Gebäude mit einem knalligen roten Neonzeichen auf dem Dach. Bei einem Dicken mit Sonnenbrand kaufte sie eine Flasche Wasser und ein Käsesandwich.
„Wie weit nach Homer?“, fragte sie, als sie die Dollar auf die Theke legte.
„Zwanzig Minuten.“
„Und zu Fuß?“
„Zu Fuß?“
„Yeah.“
Er sah sie an, als wäre sie wahnsinnig.
„Ein, zwei Stunden würde ich sagen.“
„Thanx.“
Er gab ihr das Wechselgeld. Sie verließ den Verkaufsraum und ging sandwichessend die Landstraße bergauf. Nach anderthalb Stunden erreichte sie eine Anhöhe, von der sie ins Tal sehen konnte, in dem Homer City lag. Sie setzte sich im Schneidersitz ins Gras, trank den Rest Wasser und schaute auf die Stadt, die seit ihrem letzten Aufenthalt gewachsen war.
Da unten war Schluss mit der Freiheit, dachte sie. Der Bewährungshelfer wartete auf sie. Sorgen machte sie sich über die abgelaufene Zeit. In elf Jahren veränderte sich viel. Konnte sie sich anpassen oder war sie ein Dinosaurier, bestimmt dazu auszusterben? Sie musste an den Blockbuster denken, in dem künstlich erzeugte Saurier durch Tierhändler in die USA gebracht wurden und sich am Ende auf dem Kontinent verbreiteten. Nicht schlecht, mein Pep-Talk, dachte sie. Totgeglaubte lebten länger.
Lozen ging die Main Street entlang. Früher hatte es Klamotten- und Schmuckläden, Kunstgalerien und eine Bäckerei gegeben. Die waren nun durch Fast-Food-Restaurants, Bars und Casinos ersetzt. Mike’s Diner, das früher schon aus der Zeit gefallen war und sie deshalb gemocht hatte, existierte glücklicherweise noch.
Viele Menschen waren unterwegs, was sie nervös machte. Elf Jahre lang hatte niemand hinter ihr stehen, niemand sich näher als eine Armlänge an sie heranwagen dürfen. Ein junger Typ streifte sie. Lozen merkte, dass sie anfing, schnell zu atmen, zu schnell. Hyperventilation lautete die Selbstdiagnose. Diese rationale Erkenntnis half ihr nicht. Sie hatte das Gefühl, ohnmächtig zu werden, lehnte sich an eine Hauswand, schloss die Augen und versuchte, ihre Sauerstoffzufuhr zu kontrollieren, was ihr nach einer Weile gelang.
Als sie die Augen öffnete, stand eine Frau mit Cowboyhut vor ihr und fragte, ob sie auf Drogen wäre. Lozen verneinte.
„Gut so“, sagte die Frau und zog ab.
Die erste Panikattacke meines Lebens, dachte Lozen, als sie der Frau hinterherschaute. Was für ein Mist. Sie musterte die Vorbeiziehenden. Familien, Rentner, Biker, Teenager, niemand, den sie als Bedrohung einstufte. Sie atmete erneut durch. Die Luft hatte den Geruch von Körpersprays, Waschpulver und Schweiß. Am liebsten wäre sie zurück in die Black Hills gelaufen.
Relax, sagte sie sich. Auf der anderen Straßenseite bemerkte sie einen Fan4, einen eiförmigen Polizeiroboter auf Rädern, den sie aus den Nachrichten kannte und von dem sie wusste, dass er seit einigen Jahren in den Dakotas eingesetzt wurde, mit vier Kameras ausgerüstet war und Gesichtserkennung einsetzte.
Ein junger Typ in weitem Shirt und weiten Hosen drückte ihr ein Flugblatt in die Hand, das auf den Auftritt irgendeiner Rockband hinwies. Sie faltete es zusammen, steckte es in die Gesäßtasche und ging weiter, am Larsen Hotel vorbei, dem ersten Casino in der Stadt. Es war ein dreistöckiges Gebäude aus rotbraunem Backstein, dessen Geschichte sie kannte. Erbaut 1894 von John Larsen, damals Sheriff von Homer City. Über dem Eingang hing ein Büffelkopf, darüber ein Schild mit dem Namen.
Die Main Street zog sich. Es dauerte, bis sie das Sheriff’s Office erreichte, ein aus rotbraunem Backstein gebautes, schmuckloses Etwas, von dessen Eingang aus man auf einen begrünten Platz mit einem Brunnen in der Mitte und auf das Rathaus sehen konnte, ein imposantes Gebäude aus grauem Stein aus dem frühen 20. Jahrhundert.
Sie zog das Hoodie über und betrat das Sheriff’s Office, in dem sie vor einer gefühlten Ewigkeit schon mal gewesen war. Es sah fast aus wie früher. Die Wände bestanden aus unverputztem Stein, der Boden aus abgenutzten Dielen. Den Dienstraum füllten vier Schreibtische und eine Zelle, die durch ein Gitter vom übrigen Raum abgetrennt war. Links führte eine Tür ins Büro des Sheriffs. Neben der Tür hingen Fotos der Gesetzeshüter von Homer seit John Larsen. Die hatte es früher nicht gegeben. Die letzten beiden Sheriffs hatte Lozen gekannt. Earl Arendts war vor acht Jahren an einem Herzanfall gestorben. Sein Nachfolger Eike Wolfen, mit dem sie befreundet gewesen war, lag wegen einer Überdosis im Koma. Im Fernsehraum von Maka hatten einige applaudiert, als die Nachricht vermeldet wurde.
Am vordersten Schreibtisch saß eine Uniformierte mit schmalen Schultern und breiten Hüften. Sie trug eine altmodische Hornbrille und eine schwarze Uniform.
Die war früher beige gewesen, erinnerte sich Lozen.
Auf ihrem Schreibtisch standen zwei Monitore. Auf einem waren die Aufnahmen des Fan4 zu sehen.
„Ma’am, was kann ich für Sie tun?“, fragte die Frau.
„Den Sheriff bitte.“
„Und Sie sind?“
„Lozen Graham.“
„Graham?“
„Yeah.“
„Die Killerin auf Bewährung.“
„Genau die.“
Die Polizistin griff zum veralteten Telefon, drückte
auf die Kurzwahltaste und sagte:
„Sie ist hier.“
Die Frau legte auf.
„Er erwartet dich.“
„Wie schön.“
„Da hinten ist sein Büro.“
„Hm.“
Der Gesetzeshüter saß hinter einem massiven Holzschreibtisch, auf dem ein schwarzer Laptop mit silbernem Logo stand. An der Wand hinter ihm hingen die Flaggen der USA und von South Dakota, die das Staatssiegel zeigte, umgeben von einer goldenen Sonne in einem blauen Feld, drumherum in gelben Buchstaben der Schriftzug „South Dakota The Mount Rushmore State". Rechts vom Schreibtisch zierten ein altmodisches Wild-West-Gemälde und eine Aufnahme des legendären Western-Darstellers Sean McCormack das Büro. Die Aufnahme stammte aus dem Film, für den er in den 1960ern den Oscar gewonnen hatte und der ihn als Marshall mit Augenklappe zeigte. Das Büro wirkte auf Lozen wie eine Kulisse.
Der Sheriff war ein schlanker Typ Ende dreißig mit rotem Bart und kurzem dunklem Haar, das gefärbt aussah.
„Ich bin Sheriff Devin Leisten.“
„Sheriff.“
Er musterte sie. Lozen fand, er besaß listige Augen. Wegen der Wangenknochen und dem fliehenden Kinn kam er ihr wie ein Fuchs in einem Menschkörper vor. Sie überlegte, in welchen Filmen es Tiere, gefangen in einem Menschenkörper gab, und es fiel ihr eine Serie ein, in der zwei Geister als Detektive arbeiteten und dabei auf einen Mann trafen, der eigentlich ein Walross war.
„Setz dich, Graham.“
Sie folgte der Anweisung. Befehle war sie gewohnt. Von der Army, von den Wärtern in Maka. Gemocht hatte Lozen sie nie.
Der Sheriff räusperte sich. Am Halsansatz meinte Lozen ein Tattoo zu erkennen.
„Wir sind eine kleine Stadt. Deshalb mach ich auch den Job als Bewährungshelfer.“
Sie nickte.
„Und ich sage es frei heraus: Ich hab dich in Homer nicht gewollt. Ich befolge die Monroe-Initiative.“
Sie zuckte mit den Schultern.
Weil viele privat geführte Gefängnisse wie Maka Prison überfüllt und die katastrophalen Zustände an die Öffentlichkeit gekommen waren, hatte die Bundesregierung in Washington DC gedroht, die Verträge nicht zu verlängern, wenn sich das nicht änderte. Sal Monroe, der republikanische Gouverneur von South Dakota, ein Anhänger der Todesstrafe, der die Gefängnisindustrie in seinem Bundesstaat massiv ausgebaut hatte, hatte widerwillig, aber als Erster reagiert und Häftlinge, die in seinem Staat länger als zehn Jahre hinter Gitter saßen, auf Bewährung entlassen. Eine einfache Lösung, um die Zustände in den Gefängnissen zu entspannen. Seine Umfragen gingen danach in den Keller. Seine konservativen Wähler verstanden nicht, dass er sich Washington beugte und die Kriminellen freiließ.
Die Bundesregierung hätte ihn gezwungen, erklärte er unermüdlich. Dabei war es eine wirtschaftliche Entscheidung. Die Gefängnisse brachten Geld, das er nicht verlieren durfte. Für Chayton County war Maka Prison der wichtigste Arbeitgeber. Der Besitzer, ein Enkel eines früheren Gouverneurs, bekam von der Regierung für jeden Häftling einen Tagessatz von über 100 Dollar. Die Freilassungen brachten kurzfristig Verlust, sicherten aber mittelfristig die Einnahmen. Andere Bundesstaaten waren Sal Monroes Beispiel gefolgt. Dass die Initiative von den Medien seinen Namen bekommen hatte, beklagte der Gouverneur regelmäßig.
„Diese Idioten aus Washington“, sagte der Sheriff und kniff die Augen zusammen.
Der Typ schauspielert, dachte Lozen. Er war wirklich ein Fuchs. Wahrscheinlich hatte ein Tiergeist von ihm Besitz genommen und er erinnerte sich an nichts. Sie fragte sich, aus welchem Film dieses Szenario stammte. Es fiel ihr nicht ein.
„Hier die Regeln, Graham. Auf Bewährung entlassene Personen müssen zwanzig Dollar pro Monat für die reguläre Aufsicht zahlen. Bei schwerwiegenden medizinischen Problemen und Arbeitslosigkeit können diese Zahlungen erlassen werden. Die Einnahmen gehen an den Staat von South Dakota. Ich bin jederzeit berechtigt, Durchsuchungen durchzuführen. Dir ist es untersagt, Drogen zu nehmen und Waffen zu besitzen. Bei einem Verstoß gegen diese Auflagen geht’s zurück nach Maka. Ich kann jederzeit einen Alkohol- oder Drogentest durchführen. Verstanden?“
„Yeah.“
„Gut.“
„Um deine Papiere kümmern wir uns später. Wenn jemand nach einem Ausweis oder Führerschein fragt, schick ihn zu mir.“
„Okay.“
Er machte eine kurze Pause:
„Wir treffen uns jeden Montag um 4.30 UIhr nachmittags in diesem Büro. Du informierst mich über deinen Wohnort und deine Versuche, einen Job zu finden.“
„Okay.“
Er schob ihr ein bedrucktes Blatt Papier zu.
„Falls ich zu schnell geredet habe“, sagte der Sheriff, „hier schriftlich die Regeln für Häftlinge auf Bewährung. Die findest du auch auf unserer Website und unserer App.“
Ihr fiel auf, dass er einen silbernen Neptune-Ring am rechten Mittelfinger trug, der Gesundheitsdaten sammelte, so wie Herzfrequenz, Körpertemperatur, Atemfrequenz und Schlafqualität, die über Bluetooth an eine App übertragen wurden. Der Arzt in Maka hatte ihn immer getragen.
Als sie das Sheriff’s Office verließ, bemerkte sie, wie ihre Hände leicht zitterten. Sie fluchte leise. Sie hatte gedacht, das Problem wäre sie los. Kein Mal war es im Knast passiert. Davor schon. Nach einem Anschlag, bei dem sie verletzt worden war, war das Zittern der Hände nach Stresssituationen aufgetaucht.
Damals hatte sie kiffen müssen, um es zu stoppen. Sie setzte sich auf den Brunnen und schaute auf ihre Hände. Warum hatte sie das Problem nicht im Knast gehabt, fragte sie sich. Weil da Stress der Dauerzustand war? Doch hätten dann die Hände nicht ständig zittern müssen? Scheiße, wer versteht die menschliche Psyche. Sie erinnerte sich an ein Gerücht, das in Maka kursierte, nämlich dass die Wärter Betäubungsmittel ins Essen mischten, um die Häftlinge ruhigzustellen.
Wäre eine logische Erklärung. Bei all der Gewalt im Knast allerdings eine sehr unwahrscheinliche.
Es dauerte fünf Minuten, bis das Zittern verschwand.
Soundwords und furchteinflößende Kreaturen bedeckten den Vierzig-Fuß-Seefrachtcontainer am Eingang des George-Crook-Trailerpark. Lozen fragte sich, wie der es nach Chayton geschafft hatte. Vor ihm saß eine kräftige indigene Frau in einem verdreckten grünen Overall auf einem Plastikstuhl und rauchte eine stinkende Zigarre. Lozen Graham schätzte sie auf um die sechzig. Aus einer Bluetooth-Box dröhnte ein fröhlicher Retro-Song, in dem es um eine Frau ging, die weder Geld noch Diamanten haben wollte.
Als die Frau im Overall Lozen bemerkte, stellte sie die Musik leise und stand auf.
„Kenn ich dich?“
„Bin neu in der Gegend.“
„Aha.“
„Du bist keine Sioux.“
An Chayton County grenzte die Buffalohead-Indian-Reservation.
„Nein. Chiricahua.“
„Apachin? Du bist weit weg von zu Hause.“
„Absolut.“
„Du bist die, die von Zikana kommt.“
„Yeah.“
In Maka gab es vier Gruppierungen, deren Anführerinnen vom Wachpersonal ironisch als Königinnen bezeichnet wurden. Lozen hatte nicht lange nachdenken müssen, welcher sie sich anschließen sollte. Die Nazi-Bräute waren natürlich keine Option gewesen.
Die mit überwiegend deutschen und norwegischen Wurzeln ebenfalls nicht. Die Afroamerikanerinnen wären eine gewesen, hätte es nicht die Gruppe aus First Americans gegeben, die aus Lakota, Arapaho und Cheyenne bestand.
Die Anführerin nannte sich Zikana, die wie die anderen Königinnen eine Lebenslange war. Seit über zwanzig Jahren führte sie die First Americans an, was ein Rekord war. Keine andere Königin hatte es geschafft, sich so lange an der Macht zu halten. Sie war eine schlanke Frau undefinierbaren Alters mit kurzen grauen Haaren, ohne Tattoos, die Autorität ausstrahlte und von einer riesigen Chinesin namens Mantis begleitet wurde, die sich ihr angeschlossen hatte und ursprünglich aus der Industriestadt Shenzhen stammte, was sie Lozen bei einem Besäufnis erzählt hatte.
Zikana hatte Lozen sofort aufgenommen. Nicht ohne Grund. Ihr war bewusst, welche Fähigkeiten sie besaß.
Lozen war bereits in Maka inhaftiert gewesen. Eine Frau wie dich kann ich immer gebrauchen, hatte Zikana beim Wiedersehen gesagt.
„Ich bringe dich zum Trailer“, sagte die Frau und löschte die Zigarre mit Daumen und Zeigefinger.
Die Sonne verabschiedete sich langsam.
„Ich war auch in Maka“, sagte sie zu Lozen.
„Ein beliebtes Ausflugsziel.“
„Da wird man schnell alt.“
„Die meisten sterben jung.“
„Scheiße, ich hatte meine Menopause da.“
„Nicht gut.“
„Die Hölle.“
„Menopause mit einundzwanzig ist die Hölle.“
Die Frau sah sie fragend an. Lozen führte die Antwort nicht weiter aus.
Sie gingen die schlecht asphaltierte Straße hinunter, an der links und rechts die typisch langgezogenen amerikanischen Wohnwagen standen. Die meisten waren in einem miesen Zustand. Einige sahen mit ihren Spitzdächern und Veranden aus wie richtige Häuser, andere standen auf rohen Fundamentklötzen, wieder andere auf Rädern. Vor den Trailern saßen Familien, Paare, alleinstehende Frauen und Kerle verschiedenster Altersgruppen und Ethnien, die aßen, soffen, rauchten und auf Smartphones, Laptops oder TV-Geräten aus dem vorherigen Jahrhundert konsumierten. Es war eine abgewirtschaftete Trailerpark-Siedlung am Fuße der Black Hills für Gestrandete, Geflüchtete, Gescheiterte, die sich kein Haus oder Apartment leisten konnten und einen Schritt entfernt von der Obdachlosigkeit waren.
„Wie heißt du?“
„Rahne. Und du?“
„Lozen.“
„Zikana muss dich mögen. Sonst hätte sie dir den Trailer nicht besorgt.“
„Was soll ich sagen? Alte Knastliebe.“
„Du bist witzig.“
„Danke.“
Zikana war es auch gewesen, die ihr das Wenwu 2.3 geschenkt hatte. Zwei Gefallen, sie würde eine Gegenleistung einfordern, da war sich Lozen sicher. Umsonst gab es von der Königin nichts.
Sie bogen auf einen nicht asphaltierten Weg.
„Auf Bewährung? Monroe?“, fragte Rahne.
„Yeah.“
„Und Zikana?“
„Keine Ahnung.“
Lozen hatte die Königin nie gefragt, warum sie nicht entlassen wurde. Hatte in Maka nicht ihrer Position entsprochen.
„Schon beim Sheriff gewesen?“
„Yeah.“
„Ein brutaler Arsch.“
Sie sah Rahne fragend an.
„Hat Frauen aus dem Trailerpark vergewaltigt.“
Lozen zog die Augenbrauen hoch.
„Anzeigen?“
„Eine hat es versucht. Der Richter hat das Verfahren eingestellt.“
„Fuck.“
„Yeah.“
„Eunuchen waren eine geile Erfindung.“
Sie passierten einen Wohnwagen, vor dem eine greise Frau mit grauen wirren Haaren eine Pfanne mit Chili con Carne über ein Feuer hielt. Rahne blieb stehen.
„Lois, ich habe dir mehrfach gesagt: Kein offenes Feuer. Besorg dir einen Elektrogrill oder eine Kochplatte“, sagte sie.
Die Greisin sah sie mit leeren Augen an.
„Löschen. Wenn ich dich nochmal erwische, bist du raus. Das weißt du.“
Die Greisin schüttete die Füllung einer Teekanne mit abgebrochenem Henkel über die Flammen. Sie gingen weiter.
„Der Trailerpark ist riesig“, sagte Lozen.
„Und er wächst.“
„Grausam.“
„Würde nachts keine romantischen Spaziergänge raus aus dem Trailerpark, rein in die Black Hills machen.
Da hausen die, die sich nicht mal dieses Drecksloch leisten können.“
„Verstehe.“
Sie erreichten einen asphaltierten Weg.
„Das ist es“, sagte Rahne und zeigte auf ein langgezogenes Ding in einer seltsamen Farbe zwischen Braun und Grün, das auf dunklen Bausteinen stand und vor dem umgeworfene Plastikstühle lagen. In der Mitte gab es eine grob zusammengezimmerte Holztreppe, die zu einer Tür mit Fliegengitter davor führte. Links und rechts des Eingangs gab es jeweils zwei Fenster, von denen eines offensichtlich nachträglich in den Trailer gesägt worden war, was an den schiefen Kanten des Rahmens zu erkennen war.
„Zweihundertdreißig Dollar. Zahlbar am ersten. In Cash. Weil Zikana für dich bürgt, keine Monatsmiete als Sicherheit. Wenn du die Kohle nicht pünktlich auf den Tisch legst, fliegst du, Zikana hin oder her“, sagte Rahne mit gelangweilter Stimme, die gelangweilt klang, weil die meisten der Mieter nicht pünktlich zahlten und Zwangsräumungen zu ihrem Alltag gehörten.
„Strom? Internet?“
Rahne zeigte auf ein dickes blaues Kabel, das aus dem Trailer kam.
„Die ganze Anlage hat WiFi.“
„Schön, dass die Digitalisierung auch die Slums erreicht hat.“
Rahne gab ihr den Schlüssel, an dem eine bunte abgegriffene Plastikkugel hing, nickte ihr zu und kehrte zurück zum Eingang.
Lozen stieg die knarrende Holztreppe hoch, öffnete das Fliegengitter, schloss die Tür auf und trat ein. Ein merkwürdiger Geruch aus Zigarettenrauch und Raumduft umgab sie. Links neben der Tür entdeckte sie den Lichtschalter. Sie drückte darauf. Es war ein schummriges, gelbbraunes, angenehmes Licht, das sie an Straßenlaternen in Zürich erinnerte, wo sie kurze Zeit gelebt hatte. Auf dem Boden lag ein brauner, ausgetretener Teppich mit Flecken und Brandlöchern.
Der Trailer besaß keine Raumseparierungen. Rechts am Ende lag eine Matratze und darauf ein Schlafsack und ein Kissen.
Die Matratze sah okay aus. Sie roch an ihr. Parfüm.
Sie griff nach dem Schlafsack, öffnete und inspizierte ihn. Auch okay. Waschmittelgeruch. Dasselbe beim Kissen. Sie hoffte, sie würde endlich vernünftig schlafen können. In Maka war sie meistens müde gewesen.
Vor allem, wenn ihr eine neue Zellengenossin zugeteilt worden war, und sie nicht wusste, ob die Nacht der langen Messer ausgerufen wurde.
Sie schaute sich um. In einer Ecke stand ein Fernseher mit Internetverbindung. Neben ihm lag eine Fernbedienung. Sie ging zurück zum Eingang. Links gegenüber gab es eine Spüle, daneben einen brummenden Kühlschrank und ein Regal mit ein paar Tellern, Tassen, Töpfen, zusammengerollten schwarzen Müllbeuteln, einem Wasserkocher und einem Behälter mit Besteck. Über der Spüle gab es eine Luke, die aufs Dach führte.
Unweit des Regals sah sie einen Plastikvorhang mit dem Subway-Netz von New York als Motiv. Sie zog ihn auf. Dahinter befand sich eine Dusche und das Klo. Auf den ersten Blick gab es wenig Schimmel.
