Komplexe - und jetzt? - Daniel Reinemer - E-Book

Komplexe - und jetzt? E-Book

Daniel Reinemer

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Beschreibung

"Was ist denn jetzt bloß passiert?" - das denkt sich das Umfeld oft, wenn ein Mensch in dessen Nähe plötzlich von einem Komplex erfasst wird und anders reagiert als erwartet. Gerade war doch noch alles gut?! Und ohne erkennbaren Grund hat sich der Komplex seinen Weg an die Oberfläche gebahnt und gipfelt in einer Abwehrhaltung, einer Explosion oder dem Rückzug in sich selbst. Therapeut Daniel Reinemer erklärt, woran ich merke, welche Komplexe ich ausgebildet habe, wie ich mit ihnen umgehe, wie ich mit meinem Umfeld über überraschende Reaktionen sprechen und gibt Tipps, wie ich trotz Komplexen weder meine Karriere noch meine persönlichen Beziehungen zerstöre.

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Seitenzahl: 214

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Daniel Reinemer

Komplexe – und jetzt?

Daniel Reinemer

Komplexe – und jetzt?

Wie wir sie erkennen und mit ihnen leben

© Verlag Komplett-Media GmbH

2018, München/Grünwald

1. Auflage

www.komplett-media.de

ISBN E-Book: 978-3-8312-6954-9

Text-Mitarbeit und Konzept: Marc Vogel

Umschlaggestaltung: X-Design München

Illustrationen: Laura Reinemer

Lektorat: Redaktionsbüro Julia Feldbaum, Augsburg

Korrektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg

Satz und Layout: Daniel Förster, Belgern

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.

Für Laura und Sara

Inhalt

Vorwort

Einführung

Du hast doch Komplexe!

Die Dame in Schwarz

Der Komplex – womit haben wir es zu tun?

Der Komplex in seiner Wirkung und Vielfalt

Komplexe gibt es, solange es Menschen gibt

Vom Assoziationsexperiment zum Lügendetektor

Wie Komplexe wirken

Entstehung – vom Werden und Gewordensein

Einige bekannte Komplexe

Der Minderwertigkeitskomplex

Der Mutterkomplex

Der Vaterkomplex

Sexualkomplexe

Körperkomplexe

Eifersucht – etwa auch ein Komplex?

Der Geldkomplex

Der Ödipuskomplex

Die bewusste Auseinandersetzung

Den Komplex erkennen und verstehen

Integrieren: der Komplex im Alltag

Typische Komplexsituationen

Schon wieder dieser Chef

Diese Zahnpastatube

Immer diese Verantwortung

Mama, bekomm endlich dein Leben klar!

Der allein gelassene Künstler

Mich mag ja eh niemand

Schlechte Noten

Alles muss den Regeln folgen

Schuldig

Schlusswort

Danksagung

Anhang

Selbstinformation – Selbsthilfe

Quellen- und Literaturverzeichnis

Register

Vorwort

Es gibt wenige Arbeiten, die sich intensiver und so praktisch dicht mit den seelischen Komplexen beschäftigen, wie dieses Buch von Daniel Reinemer. Grundlage dafür ist das Komplexverständnis der Analytischen Psychologie C. G. Jungs. Diese Theorie der Komplexe von Jung ist die einzige differenziert ausgebildete psychologische und psychodynamische Theorie hinsichtlich Bildung und Auswirkung von Komplexen. Der Begriff wie das allgemeinere psychologische Verständnis (im Sinne einer schwierigen und konflikthaften psychischen Konstellation) finden zwar auch in anderen Psychologien Verwendung, so zum Beispiel beim Ödipuskomplex in der kindlichen Entwicklungstheorie Sigmund Freuds oder beim Minderwertigkeitskomplex Alfred Adlers. Und auch im psychologischen Alltagsverständnis ist das Komplexverständnis seit Längerem gebräuchlich, um eine heikle und affektiv überladene Persönlichkeitsseite zu bezeichnen.

Die Komplextheorie Jungs findet allerdings im Mainstream der heute dominierenden psychodynamischen und verhaltenstherapeutischen Konzepte wenig Beachtung. Dies liegt auch daran, dass Jungs Verständnis der Komplexbildungen kein einfaches ist und in seinen Schriften Veränderungen erfahren hat. Diese mehrschichtige Komplextheorie ist denn auch nicht so direkt in eine operationalisierte Therapiepraxis umzusetzen. Hier ist zudem die Interpretation und der persönlich-subjektive Stil des Therapeuten maßgeblich.

Daniel Reinemers Arbeitsstil ist ein direkter, persönlicher, fast leidenschaftlicher. Auch sollen die Darstellung und Sprache in diesem Buch gut zugänglich sein und insbesondere zur eigenen Nachdenklichkeit anregen. Dem Leser will der Autor Begleiter sein und nicht nur Empfänger.

Daniel Reinemer vermag uns dafür zu sensibilisieren, was bei Jung so zentral in seinem Komplexverständnis ist: Der Kern eines Komplexes ist ein Schmerz, eine Verletzung oder Verwunderung, eine Beschämung oder Angst. Oder eine Art Legierung davon. Der Komplex als Ganzes ist wie eine schützende Ummantelung eines tiefen Seelenschmerzes. Der Komplex will und soll uns schützen vor der Wiederkehr des Unerträglichen. Doch diese (wie jede) Schutzbildung hat ihren Preis. Vermeidung und Verleugnung generiert Unwahrheit im seelisch Ganzen und bedeutet Verlust an Lebendigsein. Und vor allem bedeutet es Einschränkung im offenen »in Verbindung Sein« mit anderen. In Daniel Reinemers Darstellungen ist dieses Doppelgesicht eines Komplexes nah. Nur wenn wir mit einem solchen Blick uns anerkennend unseren eigenen Komplexen nähern, beginnen diese, sich auch uns, unserem Ich und Bewusstsein, (wieder) zu nähern. Daniel Reinemers Buch will Begleiter sein auf einem solchen Weg.

Dr. phil. Roland Huber

Einführung

Man muss Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen.

RAINER MARIA RILKE

Du hast doch Komplexe!

Das hat wohl jeder von uns schon einmal zu hören bekommen. Vielleicht gar nicht einmal besonders negativ gemeint, sondern eher als Ansporn, nicht so schwarzzumalen. Sich mehr zu schätzen, selbstbewusster zu sein. Oder wir haben das selbst jemandem an den Kopf geworfen. Er oder sie solle sich nicht so anstellen.

Dabei wussten wir jedoch gar nicht so genau, was überhaupt mit Komplexen gemeint ist, woher das kommt. Wie das halt so ist bei geflügelten Worten. Oder wissen Sie, woher die Begriffe kommen, jemandem »einen Bären aufbinden« oder ein »Kind ist in den Brunnen gefallen«? Nein? Google könnte Ihnen sicher ein wenig weiterhelfen. Ein wenig. Ich würde Ihnen gern ein bisschen mehr über Komplexe erzählen. Denn, ob Sie es glauben oder nicht, Komplexe können unser gesamtes Leben bestimmen. Von unserer Kindheit bis hin zu unserem Abschied. Deshalb weiß ich nicht, ob Ihnen das Folgende gefallen wird: Wenn Ihnen jemand sagt, dass Sie Komplexe haben, dann stimmt das höchstwahrscheinlich.

Wir alle haben Komplexe. Und wir alle sind von unseren Komplexen abhängig. Sie sind unsere Struktur- und Taktgeber. Sie bestimmen zu einem großen Teil mit, wie wir in den verschiedenen Situationen reagieren.

Ob in der Arbeit, in der Familie, bei einem Hobby oder in absoluter Ruhe und Einsamkeit – Komplexe sind unsere Begleiter. Fühlen Sie sich in bestimmten Situationen unwohl, könnte das ein Komplex sein. Regen Sie sich immer wieder über den strengen Chef oder die neugierige Nachbarin auf, sage ich Ihnen: Das könnte ein Komplex sein.

Und das meine nicht nur ich, Daniel Reinemer, das sagte vor allem Carl Gustav Jung (1875–1961), der Schweizer Psychiater und Begründer der Analytischen Psychologie. Neben Sigmund Freud (1856–1939) ist er wahrscheinlich der bekannteste, bedeutendste und nachhaltigste Psychotherapeut. Bevor ich aber später zu ihm und seinem »komplexen« Schaffen komme, ein wenig zu mir.

Nach meiner Fortbildung am C. G. Jung-Institut in Zürich arbeite ich nun seit fast zehn Jahren psychotherapeutisch in meiner eigenen Praxis in München und halte Vorträge im deutschsprachigen Raum. Dabei war mir nicht immer schon klar, dass ich psychotherapeutisch arbeiten möchte. Auch wenn ich es mittlerweile als Berufung empfinde.

Mein Interesse galt damals der Medizin, dem Menschen, seinem Körper und der Verbindung zur Psyche. In München begann ich also ursprünglich mit einem Medizinstudium. Nach sechs Semestern musste ich aber das Studium beenden. Der Abbruch fiel mir damals sehr schwer, aber er öffnete auch ein neues Tor für mich: Eine dreijährige Vollzeitausbildung zum Heilpraktiker folgte, in der ich mein Interesse an Körper, Medizin und Psyche vertiefen konnte. Am Ende dieser Ausbildung wurde mir klar, dass es hauptsächlich die Psyche und das Innenleben des Menschen ist, was mich fasziniert. Ich wollte mehr darüber wissen.

So ging ich also nach Zürich und wurde zur tiefenpsychologisch-analytischen Ausbildung zugelassen. Dort war ich fast vier Jahre und konnte in die Welt der Tiefenpsychologie eintauchen. Mich haben Dozenten wie Verena Kast, Ingrid Riedel, Detlev von Uslar, Carl Möller und natürlich viele andere sehr geprägt und bewegt. Mir wurde in dem Idyll am Zürichsee eine Welt gezeigt, die ich so vorher nicht gesehen und erfahren hatte.

Und ja, natürlich habe auch ich Komplexe. Ich konnte aber eine Haltung und einen Umgang erlernen, mich mit ihnen zu beschäftigen, sie möglichst in mein Leben zu integrieren und so mit ihnen umzugehen. Das heißt natürlich nicht, dass ich alles über mich weiß oder alle Komplexe in mir kenne. Dies wäre ziemlich vermessen zu behaupten.

Denn ganz wichtig: Wenn Sie sich in den folgenden Kapiteln angesprochen fühlen, ist das nicht schlimm. Im Gegenteil. Es ist sogar wunderbar, einen tieferen Eindruck von seiner Seele und Psyche zu erhalten. Selbstreflexion ist ein wichtiger Schritt zu einem glücklicheren, umfassenderen Leben. Auf diesem Weg möchte Sie dieses Buch die ersten Schritte begleiten. Sollten Ihre Komplexe aber überhandnehmen, Sie schmerzen oder Sie zu sehr im Griff haben, würde ich Ihnen Gespräche mit Fachleuten empfehlen.

Um Ihnen nun meinen therapeutischen Ansatz näherzubringen sowie Sie in die Welt der Komplexe einzuführen, würde ich Ihnen gern über eine sehr besondere Person erzählen.

Die Dame in Schwarz

Vielleicht haben Sie eine spezielle Angst? Angst vor zu vielen Leuten, vor engen Räumen oder vor Spinnen?

Es gibt verschiedene therapeutische Herangehensweisen, die Angst beispielsweise vor Spinnen, zu behandeln. Oder besser gesagt: mit ihr umzugehen. Ich suche nicht nach der schnellen Lösung. Die Angst könnte durch eine Verhaltenstherapie mithilfe der Konfrontation gelindert werden. Indem Sie sich eine Spinne zunächst ansehen und sie beobachten, bis Sie sich dann trauen, sie auf die Hand zu nehmen – und so die zehrenden Gefühle überwinden lernen. Im besten Falle lässt sich die Angst sogar beseitigen, und Sie werden ein leidenschaftlicher Spinnensammler.

Selbstverständlich gibt es auch die Möglichkeit, die Angst zu ignorieren. Aber ob das die Lösung ist? Zumal es die interessante Variante gibt, sich mit der Angst an sich auseinanderzusetzen. Sich die richtigen Fragen zu stellen.

Weshalb ist die Angst da? Welchen Ausdruck findet sie? Vielleicht sogar die gewagte Frage zu stellen: Was will diese schreckliche Angst von mir?

In einem Gespräch soll C. G. Jung einmal gefragt worden sein, was Depression für ihn genau sei und wie er sie behandle. Seine Antwort soll gelautet haben: »Die Depression ist gleich einer Dame in Schwarz, tritt sie auf, so weise sie nicht weg, sondern bitte sie als Gast zu Tisch, und höre, was sie zu sagen hat.«

Eine Dame in Schwarz also. Hört sich erst einmal bedrohlich an. Aber meiner Meinung nach bringt es wenig, Symptome, Beschwerden und Schwierigkeiten einfach so schnell wie möglich abzuschalten und wegzuschieben. Sie zu verdrängen. Fangen wir also an, Teile in uns nicht mehr wegzuschicken, sondern sie einzuladen. Ihnen die Erlaubnis zu geben, da zu sein.

Wir alle haben es vielleicht verlernt, gewisse Themen auch auszuhalten. Uns mit ihnen zu konfrontieren und sie zu betrachten. Dabei hat genau eine solche Herangehensweise meiner Meinung nach einen deutlichen Mehrwert.

Natürlich hat dieser therapeutische Ansatz auch seine Grenzen. Wenn ein Mensch durch sein Leid nur eingeschränkt ist und es ihn weitestgehend blockiert, macht es durchaus Sinn, ihm schnell und systematisch Stabilität zu geben. Damit er sich wohler fühlt, freier leben kann.

Anschließend sollte man aber zumindest einmal fragen, was das eigentlich war. Woher kam das? Wieso gerade ich? Und zwar zielgerichtet und intensiv.

Dies wird leider zu oft versäumt, und so laufen wir Gefahr, dass uns Ähnliches wieder passieren kann, wir fast blind erneut in eine solche Lage gelangen. Wir in einen Kreislauf geraten, einen Strudel, der uns immer weiter herunterzieht. Der Zugang nach innen wird gleichzeitig immer mehr erschwert.

Es macht also Sinn zu verstehen, wie wir in eine Situation gekommen sind und was unser persönlicher Part dabei war. So erhalten wir schließlich bestenfalls Kontrolle darüber. Beim nächsten Mal können wir solche Situationen schon besser erkennen und womöglich Maßnahmen ergreifen.

Wenn wir Situationen, Gedanken, Gefühle nicht verstehen, sondern immer nur verdrängen, werden sie uns immer wieder passieren.

Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit dem Auto auf einer etwas unübersichtlichen Landstraße. In absoluter Dunkelheit, vielleicht scheint schwach der Mond. Die Straße ist zudem eng, und an der Seite verläuft jeweils nur ein schmaler Kiesstreifen. In einer Kurve kommen Sie nun ein wenig von der Fahrbahn ab. Sie fahren auf einen dieser Kiesstreifen, die Reifen drehen durch, und Sie driften noch weiter von der Straße weg. Nicht mehr rechtzeitig treten Sie auf die Bremse. Es kommt zur Gefahrensituation: Sie verlassen die Fahrbahn komplett. Glücklicherweise ist Ihnen nichts weiter passiert – noch nicht.

Ausgeschlafen erzählen Sie am nächsten Morgen jemandem davon, reflektieren die Situation noch einmal. Sie können sagen: »Ich war ja auch hundemüde und deshalb nicht konzentriert.« Oder: »Es war ja so dunkel, ich konnte natürlich nichts sehen.«

Diese Analyse der Situation könnte zunächst helfen, nicht mehr in eine solche Lage zu kommen. Aber ob es allerdings sinnvoll wäre, als Maßnahme nicht mehr im Dunkeln zu fahren, wage ich zu bezweifeln.

Was könnte aber wirklich helfen?

Sie könnten am nächsten Tag bei Tageslicht zur Unfallstelle zurückgehen und sich die Straße, die Kurve und den Kiesstreifen genauer betrachten. Sich fragen, wie der Unfall passieren konnte, wie Sie mit den Reifen auf diese Spur gekommen sind, was hätte helfen können und warum das passiert ist. Wenn Sie so vorgehen, werden Sie das nächste Mal bei einer solchen Straße vermutlich sofort den Kiesstreifen bemerken und die erforderlichen Schritte einleiten und achtsam sein.

Also gilt hier wie bei der Dame in Schwarz: Schicken Sie die Ereignisse nicht einfach weg, sondern betrachten Sie sie genauer. Betrachten Sie unangenehme, stressige, beunruhigende Situationen bei Tageslicht – sodass Sie die Ursache erkennen.

Genau so sehe ich meine Arbeit und meine Rolle. Zu erforschen, welche Faktoren, welche Umstände zu einer jeweiligen Situation beigetragen haben. Sie zu erkennen, sie zu verstehen und sie dann ins Leben einzubauen und zu lösen – und die Problematik nicht nach außen und ans Außen zu schieben.

Umso sinnvoller ist es, unsere Begleiter und Strukturgeber möglichst zu kennen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Aus diesem Grund habe ich dieses Buch geschrieben – denn ein Unfall ist schnell passiert.

 

Der Komplex – womit haben wir es zu tun?

Das Leben bildet eine Oberfläche, die so tut, als ob sie so sein müsste, wie sie ist, aber unter ihrer Haut treiben und drängen die Dinge.

ROBERT MUSIL

Der Zusatz im Buchtitel »Und jetzt?« könnte vermuten lassen, es ginge um ein »Na und?« oder ein »Und weiter?«, ein »Was interessiert mich das, mir macht das nichts aus«. Wie Sie aber sicher erkannt haben, ist dieser Zusatz eben nicht trotzig gemeint. Er ist vielmehr ein optimistisches Eingestehen und ein interessiertes »Und, wie geht es jetzt weiter, was kann ich tun?«

Dieses Buch ist eine Einladung – eine Einladung hinabzutauchen in Ihre Psyche, ins Unbewusste. Vorzudringen zu Ihren eigenen Komplexen. Ich als ihr ausgebildeter Tauchlehrer versehe Sie mit der Taucherbrille und der sonstigen Ausrüstung. So können Sie lernen, wie Sie auch Tauchgänge allein unternehmen können. Sie werden erstaunt sein, welche Schätze Sie mit an die Oberfläche bringen werden und wie Ihr Leben reicher wird. Seien Sie gespannt.

Es geht mir nicht darum, Fehler bei Ihnen zu suchen – Sie zu optimieren in einer Zeit von Achtsamkeitskursen für Manager und lösungsorientierten Schweigeseminaren. Sondern Sie hinzuführen zu einem bewussteren Leben. Ihnen die Erlaubnis zu erteilen, zu Ihren Gefühlen zu stehen. Leiden ist ein gesunder Gegenpol des Glücks, den wir zulassen sollten, vielleicht sogar müssen.

Mein persönlicher Ansatz ist dabei auf Jungs Haltung aufgebaut. Jeder Mensch hat Komplexe, und zwar in unterschiedlicher Ausprägung. Aber jeder Mensch ist anders. Deshalb sollen die folgenden Seiten kein dogmatischer Tunnel sein, durch den wir kriechen, in der Hoffnung auf Licht und Erlösung. Sondern vielmehr möchte ich die Sicht auf das eigene Leben freimachen.

In meiner Praxisarbeit sind die Komplexe ein wichtiger, wenn nicht sogar zentraler Teil, sie bilden eine Art Basis, zu der ich immer wieder zurückkehren und von der ich ausgehen kann. Natürlich spielen unsere frühkindlichen und die späteren Erfahrungen eine wichtige Rolle, wie wir als Erwachsener reagieren.

Regen Sie sich auf, wenn Ihre Partnerin oder Ihr Partner zu spät nach Hause kommt? Fühlen Sie sich oft überfordert, wenn jemand Erwartungen an Sie stellt? Scheinbar banale Alltagssituationen, über die Sie sich ärgern, können Ausdruck eines Komplexes sein.

»Warum habe ich denn jetzt schon wieder so extrem reagiert?« Kennen Sie dieses Gefühl der Ohnmacht gegenüber den eigenen Emotionen?

Keinem von uns dürfte das unbekannt sein. Es sind häufig Momente, in denen scheinbar alles in Ordnung ist. Von außen oder von innen kommt dann ein Reiz, und die komplette Stimmung ist auf den Kopf gestellt. Wir regen uns auf, sind außer uns, empören uns!

Dafür wird dann gern der Reiz verantwortlich gemacht. Der Chef ist ja wirklich unfair, der Partner könnte aber endlich mal aufmerksamer sein oder die Freundin nicht so egoistisch. Die Reize können dabei beispielsweise Gesten, Worte, Handlungen, Gerüche sein.

Was aber passiert wirklich in solchen Momenten? Was bedeutet es, wenn ein Reiz auf einen Komplex trifft und dieser dann ausbricht? Was ist überhaupt ein Komplex? Wie können wir damit umgehen, wenn wir plötzliche Gefühlsausbrüche haben? Kann ein solcher Ausbruch sogar verhindert werden?

Diesen Fragen möchte ich gern intensiv nachgehen. Denn Komplexe können zu einer echten Belastung und Einschränkung für den betroffenen Menschen und häufig auch für sein Umfeld werden. Heftige Gefühle, wie zum Beispiel Angst, lähmen uns und führen uns weg von unserer Selbstwahrnehmung. Wenn uns diese Wahrnehmung aber abhandenkommt, können wir nicht mehr auf Situationen reagieren, wie sie sind, sondern wie es uns der Komplex vorgibt. Wir sind fremdgesteuert.

Das, was uns umtreibt, treibt auch viele andere Menschen um. Wir alle haben Komplexe, und wir alle brauchen sie. Komplexe haben eine gesellschaftliche und kollektive Ebene. Wenn wir es schaffen, zu uns zu stehen und dies der Umwelt zu zeigen, können wir dadurch auch unseren Mitmenschen näherkommen. Mehr Verständnis für sie aufbringen. Uns einander echter begegnen.

Meine Haltung ist, wie bereits erwähnt, sehr deutlich gegen ein Bekämpfen oder Verdrängen der Komplexe. Doch das Gegenteil gibt es leider viel zu häufig. Gerade in einer Welt und Gesellschaft, die eher darauf programmiert ist, zu funktionieren und Leistung zu erbringen. Es scheint häufig leichter, das störende Element einfach auszuschalten, zu verdrängen und weiterzumachen.

Da es wohl aber schwer möglich ist, die Komplexe einfach auszuschalten oder komplett zu löschen, ist die gesunde und sinnvollere Variante, sich ihnen zu stellen und die Themen in die bewusste Psyche zu integrieren.

Wer sich besser kennt, hat die Chance, ein erfüllteres Leben zu leben. Sicherlich ist es nicht immer einfach, mehr von sich zu erfahren. Die Themen in uns sind aber dennoch da. Da scheint es schlauer zu sein, sich ihnen zuzuwenden, als so zu tun, als wären sie nicht vorhanden.

Nach den Jahren meiner intensiven Auseinandersetzung mit der Tiefenpsychologie und therapeutischer Tätigkeit kann ich nur erahnen, welche Tiefe in uns Menschen vorhanden ist.

DANIEL REINEMER

»Was ist denn jetzt bloß passiert?«, denkt sich das Umfeld oft, wenn ein Mensch von einem Komplex erfasst wird und anders reagiert als erwartet. »Gerade war doch noch alles gut?!« Und ohne erkennbaren Grund hat sich der Komplex seinen Weg an die Oberfläche gebahnt und gipfelt in einer Abwehrhaltung, einer Explosion oder dem Rückzug in sich selbst.

Ich erkläre Ihnen, woran Sie merken, welche Komplexe Sie oder Ihre Mitmenschen vermutlich ausgebildet haben, wie Sie mit ihnen umgehen und wie Sie mit Ihrem Umfeld über die überraschende Reaktion sprechen können. Ich gebe Ihnen Tipps, wie es gelingen kann, trotz Ihrer Komplexe sowohl Ihre Karriere als auch Ihre persönlichen Beziehungen voranzubringen und positiv zu gestalten.

In meiner Zeit am C. G. Jung-Institut in Zürich hatte ich die Möglichkeit, der Analytischen Psychologie zu begegnen und mich mit ihr auseinanderzusetzen. Dabei ist mir sehr früh aufgefallen, welch wichtige Stellung die Komplexe in unserer seelischen Landschaft einnehmen und wie sie unser Leben formen und gestalten.

Komplexe sind wichtige Form- und Strukturgeber unserer Psyche. Sie können positiv oder auch negativ gerichtet sein. Sie können »übertreiben« und aus dem Ruder laufen. Auf vielen meiner Vorträge zur Komplextheorie stelle ich fest, wie spannend es für die Zuhörer ist, in diese Welt einzutauchen. Das bislang negative Bild zu überdenken. Denn im Kontakt mit anderen wird klar, dass das Wort »Komplex« sehr negativ verstanden und auch verwendet wird. Da heißt es sehr schnell: »Der hat doch Komplexe«, und der jeweilige Mensch wird abgestempelt und meist stehen gelassen. Dabei könnte der Umgang ganz anders aussehen.

Ich möchte Ihnen mit diesem Buch zeigen, wie sinnvoll es ist, die Verantwortung für die eigenen Reaktionen nicht ans Außen zu schieben. Zu erforschen, weshalb und vielleicht wozu Sie auf die jeweilige Situation so reagieren, wie Sie eben reagieren. Und was es mit Ihnen zu tun hat.

Diese Denkweise hilft, sich mit komplexen inneren Themen zu befassen und mit ihnen zu leben. Dies unterstützt uns dabei, eine Veränderung wahrzunehmen. Eine Erleichterung zu empfinden, wieder Hoffnung zu bekommen und Stärke ins Leben zu integrieren.

Dieses Buch kann Ihnen die Möglichkeit geben, den Kontakt zu inneren komplexen Themen zu ermöglichen, und Lust darauf machen, Ihren inneren Strukturgebern zu begegnen. Ich bin dankbar, dass ich mit und durch die Menschen, mit denen ich arbeite, vieles lernen und erfahren durfte. Unter anderem, dass sich ein Umdenken lohnt. Nicht gleich alles »wegmachen« zu wollen, was uns belastet. Zu spüren, dass es einen enormen Mehrwert bringen kann, seinen Innenwelten zu begegnen und offen für sich zu sein und zu bleiben. Dazu führe ich auch mehrere Beispiele aus meiner Praxis an, damit Sie am wirklichen Leben sehen, wie Komplexe wirken, wie sie blockieren – und wie wir mit ihnen umgehen können.

Was aber genau ist ein Komplex? Sehen wir uns die Herkunft und Wirkungsweisen an. Schaffen wir eine Landkarte. Eine Landkarte der Psyche, auf der ich Ihnen die Komplexe einzeichnen möchte. Falls Sie aber eher zur praktischen Sorte Mensch gehören, können Sie gern auch etwas vorblättern. In späteren Kapiteln zeige ich anhand klassischer stressiger Alltagssituationen Muster auf und biete erste Lösungsansätze – sogenannte »Reflexionen«.

Das folgende Grundwissen hilft, Gefühle besser zu analysieren und zu verstehen.

Seien Sie also Gast »auf meiner Couch«, und machen Sie es sich bequem. Denn es gibt wohl keine spannendere, intensivere Reise, als die zu sich selbst.

Der Komplex in seiner Wirkung und Vielfalt

Komplexe sind geradezu Brenn- oder Knotenpunkte des seelischen Lebens, die man gar nicht missen möchte, ja, die gar nicht fehlen dürfen, weil sonst die seelische Aktivität zu einem fatalen Stillstand käme.

CARL GUSTAV JUNG1

Um diese Brenn- und Knotenpunkte, wie Carl Gustav Jung Komplexe äußerst passend an einer Stelle benennt, soll es nun gehen. Was bedeutet es, dass diese im Leben nicht fehlen dürfen?

Komplexe gibt es, solange es Menschen gibt

Waren Sie schon einmal verliebt? Vielleicht sind Sie es ja auch gerade ganz frisch? Bestimmt erinnern Sie sich zumindest daran.

Ich möchte an dieser Stelle diesen wunderbaren Zustand nicht infrage stellen. Im Gegenteil, jeder mag wohl dieses angenehme Gefühlschaos. Weil dann genau nur dieses Verliebtsein im Zentrum unseres Lebens steht – und das zusätzlich in einem süßlich betörenden Licht. Alles andere wird nichtig. Das ist wichtig im Hinterkopf zu behalten für die Komplextheorie, für das Verständnis von Komplexen, weil es eben sehr viel erklärt und nachvollziehbar macht. Zum besseren Verständnis der Komplexe müssen wir schon etwas tiefer in die Theorie eintauchen. Deshalb: Taucherbrille auf!

Das folgende Zitat von Jung stammt aus Band 3 seiner insgesamt 22 Werke, ein für ihn eher schmaleres Buch. Zum sogenannten »Verliebtheitskomplex« stellt er fest: »Es tritt eine partielle Verblödung, mit einer Gemütsverödung für alle nicht zum Komplex passenden Reize ein. Selbst die Gefühlsbetonung wird inadäquat. Nichtigkeiten wie Bändchen, trockene Blumen, Bildchen, Zettelchen, Haare usw. werden mit größter Aufmerksamkeit behandelt. Wichtige Lebensfragen aber mit Lächeln oder Teilnahmslosigkeit abgetan.«2

Klingt das vertraut? Für mich schon. Bin ich verliebt, tritt alles andere in den Hintergrund. Das Leben ist schön.

Nun kann man dies aber genauso umdrehen und sich Menschen genauer ansehen, die unter solchen Zuständen im negativen Sinne leiden. Eben nicht frei zu sein. Nicht bei sich zu sein. Und eben nicht im Sinne der Verliebtheit, sondern wenn sie nur noch aus einem Komplex heraus reagieren, der sich in ihrem Zentrum befindet und alles andere überschattet – beispielsweise ein Schuld- oder ein Minderwertigkeitskomplex.

Ein Komplex kann sich also ins Zentrum unserer Wahrnehmung schieben und alles überschatten. Natürlich gab es Komplexe schon vor der Einführung und Definition des Wortes. Solange es Menschen gibt. Der erste Mensch hatte wahrscheinlich noch nicht alle Komplexe, die wir heute kennen. Es fand ein Prozess der Entwicklung und Reifung in unserer Spezies statt. Aber seit jeher wurde im Zusammenhang mit plötzlicher Gefühlsveränderung, Verrücktheit oder Teuflisch-Dämonischem im Menschen von Besessenheit gesprochen. Etwa in der Bibel: »Das Volk antwortete: Du bist besessen; wer sucht dich zu töten?«3 oder »Johannes ist gekommen, aß nicht und trank nicht; so sagen sie: Er ist besessen«4.

Plötzliche Gefühlsveränderung sind das klassische Symptom für Komplexe. Die Beispiele aus der Bibel zeigen, dass die Menschen früher keine schlüssige Erklärung dafür hatten, weshalb sich von jetzt auf gleich die Gefühlslage so dramatisch verändern konnte.

War ein Mensch eben noch ausgeglichen und ruhig, sorgte die spontane Veränderung bei Mitmenschen für Angst. So wurden Menschen mit starken Komplexen von der Gesellschaft isoliert und ausgeschlossen. Denken Sie an dieser Stelle auch an den Umgang mit anderen psychologischen Phänomenen. Menschen wurden damals in sogenannte Irrenasyle und Irrenhäuser eingewiesen, wenn sie entschieden anders waren als die »Norm«. Nicht nur Ödipus hatte also Komplexe.

Ein Hund, ein Baum, ein Haus

Der Begriff des Komplexes taucht als solcher Ende des 19. Jahrhunderts bei verschieden Psychologen auf. In dem Text Studien über Hysterie (1895), verwenden Sigmund Freud und Josef Breuer (1842–1925), ein österreichischer Arzt, Internist, Physiologe und Philosoph, den Begriff »Komplex«.

»Die Erinnerung daran (…) tritt, auch wenn sie nicht abreagiert wurde, in den großen Komplex der Assoziation ein, sie rangiert dann neben anderen, vielleicht ihr widersprechenden Erlebnisse, erleidet eine Korrektur durch andere Vorstellungen«.5 Breuer gilt neben Sigmund Freud als Mitbegründer der Psychoanalyse. Auch der deutsche Psychologe Theodor Ziehen (1862–1950) und der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler (1857–1939) scheinen die Begriffe verwendet zu haben.6

Kurz zum klaren Verständnis von »bewusst« und »unbewusst«: Stellen Sie sich vor, Sie schauen in ein Aquarium oder auf eine Wasseroberfläche. Alles oberhalb des Wassers ist das Bewusste, alles darunter, Sie ahnen es, das Unbewusste.

Können Sie sich an den Namen Ihrer Kindergärtnerin erinnern? Ich kann es nicht auf Anhieb. Aber an uns, die wir es nicht sofort können: Der Name und die Erinnerung sind vermutlich nicht weg. Sondern sie wabern in irgendeiner Art und Weise im Unbewussten herum. Es kann sein, dass Sie morgen früh aufwachen und Ihnen auf einmal der Name einfällt. Er ist eigentlich da und vorhanden. Die Frage ist, ob wir Zugriff erhalten.

In der Psychologie ist somit das, was man in diesem Moment weiß, bewusst. Der Komplex aber agiert zuallererst im Unbewussten. Bis er betrachtet wird.