Kopfzerbrechen - Olle Wadström - E-Book

Kopfzerbrechen E-Book

Olle Wadström

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Beschreibung

Warum können wir nicht aufhören zu grübeln? Unnötiges Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte – ständiges Grübeln zermürbt. Wir quälen uns mit immer wiederkehrenden Gedanken, ohne zu einem Schlusspunkt zu gelangen, suchen Antworten auf Fragen, für die es keine (eindeutigen) Antworten gibt, oder Erklärungen für Unfassbares. Oft wird Ablenkung als Maßnahme gegen das Grübeln empfohlen. Doch tatsächlich macht diese Strategie es nur schlimmer. Die grüblerischen Gedanken schleichen sich immer wieder in unsere Köpfe. Wie bei einem Tennisspiel – bei dem die beunruhigenden Gedanken und die innere Unruhe, die sie mit sich bringen, stets gewinnen. In diesem Buch analysiert Olle Wadström die Dynamik des Grübelns. Er erklärt, warum wir grübeln, was das Grübeln antreibt und warum es so schwerfällt, es zu stoppen. Er stellt eine Methode vor, die darauf abzielt, das Gehirn zu „trainieren“, sodass es beunruhigende Gedanken und Sorgen gar nicht erst produziert und das Grübeln auf diese Weise fortdauernd unterbunden wird.

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Seitenzahl: 184

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Olle WadströmKopfzerbrechenWenn das Grübeln zur Belastung wird

Über dieses Buch

Warum können wir nicht aufhören zu grübeln? 

Unnötiges Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte – ständiges Grübeln zermürbt. Wir quälen uns mit immer wiederkehrenden Gedanken, ohne zu einem Schlusspunkt zu gelangen, suchen Antworten auf Fragen, für die es keine (eindeutigen) Antworten gibt, oder Erklärungen für Unfassbares. Oft wird Ablenkung als Maßnahme gegen das Grübeln empfohlen. Doch tatsächlich macht diese Strategie es nur schlimmer, denn die grüblerischen Gedanken schleichen sich immer wieder in unsere Köpfe. Wie bei einem Tennisspiel – bei dem die beunruhigenden Gedanken und die innere Unruhe, die sie mit sich bringen, stets gewinnen. 

In diesem Buch analysiert Olle Wadström die Dynamik des Grübelns. Er erklärt, warum wir grübeln, was das Grübeln antreibt und warum es so schwerfällt, es zu stoppen. Er stellt eine Methode vor, die darauf abzielt, das Gehirn zu „trainieren“, sodass es beunruhigende Gedanken und Sorgen gar nicht erst produziert und das Grübeln auf diese Weise fortdauernd unterbunden wird.

Olle Wadström ist Psychotherapeut mit dem Schwerpunkt Kognitive Verhaltenstherapie. Zu seinen Klienten gehören vor allem Menschen mit Angststörungen. Er schaut bereits auf eine 40-jährige Berufslaufbahn zurück.

Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2019

Copyright der Originalausgabe: © Olle Wadström, 2018

Die Originalausgabe ist erstmals 2007 unter dem Titel Sluta älta och grubbla: Lättare gjort med kognitiv beteendeterapi (KBT) bei Psykologinsats erschienen.

Übersetzung: Leena Flegler

Coverfoto: © Jo.Sephine / photocase.de

Illustrationen: Lars-Åke Pettersson

Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Alle Rechte vorbehalten.

Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2019

ISBN der Printausgabe: 978-3-95571-882-4

ISBN dieses E-Books: 978-3-95571-883-1 (EPUB), 978-3-95571-885-5 (PDF), 978-3-95571-884-8 (MOBI).

Für Denker Janne

Vorwort

Dieses Buch zeigt einen neuen Ansatz auf, um krank machendem Grübeln Einhalt zu gebieten. Wir grübeln in Krisenzeiten, wenn wir angesichts eines Ereignisses oder einer Entscheidung Bedenken haben und aus vielen anderen Gründen. Das Grübeln beschert uns schlaflose Nächte und unnötiges Kopfzerbrechen.

Oft wird uns Ablenkung als Maßnahme gegen das Grübeln empfohlen. Mittels Ablenkung soll dem Grübeln ein schnelles Ende gesetzt werden – doch tatsächlich führt diese Strategie oftmals dazu, dass die grüblerischen Gedanken wiederkehren, und zwar mit erneuter Kraft. Die Methode, die ich Ihnen in diesem Buch nahelegen möchte, zielt stattdessen darauf ab, das Gehirn auf längere Sicht dahingehend zu „trainieren“, dass es beunruhigende Gedanken und Sorgen gar nicht erst produziert, und das Grübeln auf diese Weise fortdauernd zu unterbinden.

Das Vorgehen wurde erstmals 2007 in Schweden vorgestellt und erfreut sich dort seither bei einem breiten Publikum ebenso wie bei Psychologen, Therapeuten und Wissenschaftlern großer Beliebtheit und Anerkennung. In zwei groß angelegten Studien hat PhD Erik Andersson vom renommierten Stockholmer Karolinska Institutet die herausragende Wirksamkeit gerade im Vergleich zu früheren gängigen Methoden nachgewiesen, die für gewöhnlich zur Behandlung z. B. einer Generalisierten Angststörung (GAS) und anderer Angststörungen, die mit Grübeln einhergehen, herangezogen werden.

Dieses Buch ist seitdem überwiegend in der Lehre eingesetzt worden, richtet sich aber eigentlich an jeden Leser, der etwas gegen unnötige Besorgnis und zwecklose, belastende Grübelei unternehmen will.

Die Methode basiert auf verhaltenstherapeutischen Prinzipien (Kognitive Verhaltenstherapie). Lesern mit einem weiter reichenden wissenschaftlichen Interesse sei der Link http://quitruminating.com/scientific-base-2 empfohlen oder den (englischsprachigen) Artikel „When Mowrer Is Not Enough“ zu googeln.

Linköping, im Februar 2018

Olle Wadström

Einleitung

… bevor Sie anfangen zu lesen

Wenn auch Sie unter Phasen des intensiven Grübelns und innerer Unruhe leiden und daran etwas ändern möchten, schlage ich vor, Sie nehmen sich zuallererst den Fragebogen in Anhang A zur Hand. Notieren Sie sich Ihre Punktzahl. Überdies möchte ich Ihnen nahelegen, täglich zur selben Uhrzeit zu protokollieren, wie viele Minuten Sie im Verlauf der zurückliegenden 24 Stunden etwa mit Grübeln zugebracht haben.

Allein schon indem Sie dieses Buch lesen, wird sich Ihre Einstellung gegenüber dem Grübeln und somit das Grübeln selbst verändern. Ich versichere Ihnen, dass es sich vermindern wird, noch ehe Sie sich bewusst zu Gegenmaßnahmen durchgerungen haben. Wenn Sie sich dann auch noch aktiv um eine Veränderung bemühen, wird sich die Entwicklung in Ihrem Minutenprotokoll niederschlagen: Sie werden anhand des Fragebogens in Anhang A ein anderes Ergebnis erzielen, sobald Sie ihn sich von Neuem vornehmen. Insofern können Sie die fortlaufende Veränderung anhand der Zeit, die Sie aufs Grübeln verwenden, und mittels Fragebogen A selbst nachvollziehen.

Indem Sie so Ihr Grübeln messbar machen, können Sie sich Ihren eigenen Fortschritt vor Augen führen. Wenn der Fortschritt indes ausbleibt, haben Sie die Möglichkeit, der Ursache nachzugehen.

Ein Buch über das Grübeln – wozu?

Meines Wissens hat bisher noch niemand eine Verhaltensanalyse von grüblerischem Denkverhalten vorgenommen, aus der sich eine dezidiert formulierte Behandlungsstrategie ergeben hätte. Daher wollte ich mich mit der Frage auseinandersetzen, was jenes grüblerische Verhalten aufrechterhält, selbst wenn der Grübler eigenen Angaben zufolge darunter leidet und damit aufhören will.

Nach eingehender Analyse habe ich eine Methodik entwickelt, die ich inzwischen an zahlreichen Patienten ebenso wie an Freunden angewendet habe, die eher maßvoll-alltäglichen Grübeleien nachhängen. Sie alle konnten mir bestätigen, dass sie von meiner Methode profitiert haben. Überdies haben sie berichtet, dass die Analyse das Grübeln für sie „greifbarer“ gemacht habe und sie nun endlich verstünden, warum sie nicht bereits zuvor aus ihrem Gedankenkarussell aussteigen konnten. Die Bestandteile der Methode, die ich Ihnen nahelegen möchte, sind mitnichten neu. Es handelt sich um bewährte verhaltenstherapeutische Strategien, die von Forschungsergebnissen in ihrer Wirksamkeit untermauert werden. Das einzig Neue, Spannende ist, dass wir sie auf das Phänomen des Grübelns anwenden – ein kognitives (Denk-)Verhalten.

Ich hoffe, mit diesem Buch jedem Grübler dabei zu helfen, sein selbstquälerisches Verhalten zu überwinden. Entsprechend habe ich versucht, den folgenden Text einfach zu halten, sodass auch der Laie ihn gut lesen und verstehen kann, selbst wenn ich hoffe, dass (kognitive) Verhaltenstherapeuten und anderes therapeutisches Fachpersonal ebenfalls davon profitieren. Die Herleitungen in diesem Buch fußen samt und sonders auf verhaltenstherapeutischen und lernpsychologischen Prinzipien.

Wie dieses Buch zu lesen ist

Dieses Buch besteht aus zwei Teilen: der allgemeinen Darstellung einerseits und Beispielen ernst zu nehmenden Grübelns andererseits, wie es sich bei länger anhaltenden Angstzuständen und Zwangsstörungen manifestiert.

Der allgemeine Teil widmet sich dem Grübeln in jeglicher Ausprägung, also dem alltäglichen ebenso wie dem krankhaften Vor-sich-Hinbrüten. Wir lernen, was genau es mit diesem Verhalten auf sich hat, warum wir es nicht ohne Weiteres einstellen, aber auch, wie wir es tatsächlich überwinden können. Dieser allgemeine Teil – Kapitel 1 bis Kapitel 3 – stellt den Kern dieses Buches dar und ist genau wie Kapitel 6 für jeden Leser zu empfehlen.

Den Mittelteil – die Beispiele schweren, krankhaften grüblerischen Verhaltens – finden Sie in Kapitel 4 bis Kapitel 5. Die Schilderungen stammen aus der Arbeit mit Patienten, die an Zwangsstörungen und sozialen Ängsten, aber auch an Hypochondrie und Eifersucht leiden, und sind insofern ebenfalls für ein allgemeines Lesepublikum und auch für all jene geeignet, die meinen, „nur“ Alltagsgrübeleien (ohne Krankheitswert) nachzuhängen.

Weite Teile dieses Buches dürfen als Ergänzung oder neues, wichtiges Kapitel meines Buches über Zwangsstörungen (2017) angesehen werden.

Mithilfe zahlreicher verschiedener Beispiele aus der klinischen Erfahrungswelt und meiner alltäglichen Umgebung möchte ich veranschaulichen, dass – abgesehen vom Kontext und dem betroffenen Individuum – hinsichtlich des Verhaltensmusters im Prinzip kein grundlegender Unterschied zwischen alltäglichem Grübeln und einem länger anhaltenden Grübelzwang besteht. Entsprechend werden Sie gewisse Stichworte an mehreren Stellen wiedererkennen. Wenn Sie sich dafür entscheiden sollten, das Buch in Gänze zu lesen, werden Sie nach und nach die Parallelen zwischen den verschiedenen Fallbeispielen ausmachen. Was Ihnen zunächst wie eine Wiederholung erscheinen mag, ist keinem grüblerischen Verhalten meinerseits geschuldet, sondern den verschiedenen Fallbeispielen aus unterschiedlichen Kontexten und mit verschiedenen Schweregraden.

Da das Grübeln grundsätzlich ein schwierig zu behandelndes Problem darstellt, empfehle ich Ihnen allen, dieses Buch von Anfang bis Ende zu lesen, auch wenn viele Fallbeispiele für Sie ähnlich klingen oder vereinzelt nicht mit Ihrer eigenen Problematik vergleichbar erscheinen mögen.

Trotzdem ist Grübeln immer gleich Grübeln. Auch wenn Ihnen die eigenen Phasen des Sorgenmachens und der Nachdenklichkeit nicht sonderlich schwerwiegend erscheinen, können Sie von der Kenntnis ernsterer Formen profitieren: indem sie Ihre eigene Einstellung zum Grübeln durchleuchten und auf diese Weise verhindern, dass sich Ihr Problem zu einem gravierenderen auswächst.

Am Ende dieses Buches finden Sie mehrere Anhänge, u. a. den schon erwähnten Fragebogen und ein Glossar mit Erklärungen zu einzelnen Fachbegriffen, die beim erstmaligen Lesen eventuell schwer zu verstehen sein könnten.

1. Grübeln und Besorgnis

Ein normales menschliches Verhalten

Von allen Lebewesen beschäftigt sich einzig und allein der Mensch mit Themen auf eine Weise, die sich zu einem regelrechten Kopfzerbrechen, zu einem Grübeln auswachsen kann. Das Grübeln selbst wiederum ist eine psychologische „Plage“, die jeden Menschen heimsucht – also nicht nur Patienten, die therapeutische Hilfe benötigen, sondern tatsächlich jeden Einzelnen von uns. Früher oder später schlägt sich jeder ganz unwillkürlich mit Dingen herum, gegen die er im Grunde nichts ausrichten kann. Dann brüten wir darüber, während wir nachts wach liegen. Es lässt uns keine Ruhe, sobald wir mit uns allein sind – oder wann immer wir einen Teil unserer gedanklichen Kapazität zur freien Verfügung haben. Es verfolgt uns stunden-, tage-, jahrelang, manchmal ein ganzes Leben.

Was ist Grübeln überhaupt?

Wenn wir grübeln, machen wir uns Gedanken. Sich Gedanken zu machen stellt eine Form des Verhaltens dar – eine Form des kognitiven Verhaltens. Eine andere Verhaltensform ist zum Beispiel das motorische (äußerlich wahrnehmbare) Verhalten, sprich: alles, was wir mit unserem Körper tun, was für gewöhnlich nach außen hin sichtbar ist, während man einen kognitiven Prozess nicht unmittelbar von außen erkennen kann. Eine weitere Form des Verhaltens wäre das Gefühlsverhalten, das auch autonomes Verhalten genannt wird.

Dieses autonome Verhalten unterscheidet sich vom motorischen und kognitiven Verhalten durch den Umstand, dass es nicht willentlich kontrollierbar ist, sondern durch ein eigenes Nervensystem – das vegetative Nervensystem – gesteuert wird. Autonomes Verhalten ist entsprechend solches, das in unserem Körper vonstattengeht, zumeist ohne dass wir uns dessen bewusst wären, wie etwa das Schlagen unseres Herzens, sich weitende Adern, ein Schweißausbruch, wenn unser Magen eine Mahlzeit verarbeitet, der Darm ihr die Nährstoffe entzieht usw. Auch all das, was in unserem Körper geschieht, wenn wir wütend werden, Panik oder Erregung verspüren, fällt unter autonomes Verhalten.

Der Mensch kennt drei grundlegende Verhaltensformen: das motorische Verhalten, das kognitive Verhalten und das autonome Verhalten.

Wann grübeln wir?

Wenn wir wach sind, grübeln wir beinahe zu jeder Zeit und an jedem Ort. Grübeln können wir, sobald uns ein funktionierendes Gehirn zur Verfügung steht. Typischerweise grübeln wir in Situationen, die von Unsicherheit, Zweifeln oder Unschlüssigkeit geprägt sind. In derlei Situationen stellt Grübeln den Versuch dar, kraft des Nachdenkens sowohl lösbare als auch unlösbare Probleme zu bewältigen. Dabei geht es oft darum, eine richtige Wahl zu treffen; allerdings bleibt diese „richtige Wahl“ mangels hinreichender Informationen über die Zukunft ein Ding der Unmöglichkeit. „Soll ich die Stelle annehmen, die mir gerade angeboten wurde, oder …?“ – „Ist er wirklich der Richtige für mich?“ – „Ob ich mich wohl Gefahren aussetze, wenn ich in die USA reise?“ Insofern stellt das Grübeln oftmals den vergeblichen Versuch dar, Antworten auf Fragen zu finden, auf die es keine Antworten gibt.

Grübeln kann aber auch der Versuch sein, sich mittels Gedanken vor echten oder eingebildeten Bedrohungen zu schützen. Viele machen sich Gedanken und grübeln über Dinge, die bereits geschehen sind und die man im Nachhinein klarer sehen will, selbst wenn eine solche Klarheit objektiv nicht realisierbar ist. „Warum habe ich den Job nur abgelehnt, der mir angeboten wurde?“ – „Warum habe ich mich von Stina getrennt? Wenn ich das nicht getan hätte, wäre sie heute nicht mit Stellan verheiratet.“

Wir grübeln im Zusammenhang mit Situationen, in denen wir die Wahl haben oder einen Beschluss fassen müssen. Wir wägen Alternativen ab, ehe wir unsere Wahl treffen, und grübeln im Nachhinein darüber, ob wir uns richtig entschieden haben. Grübeln in derlei Entscheidungssituationen wird oft als Entscheidungsangst bezeichnet.

Wir grübeln überdies, wenn es um Fragen geht, die wir als peinlich empfinden oder die wir nicht zu stellen wagen. „Ich frage mich, wie die anderen mich wahrgenommen haben, als ich den ganzen Abend lang nichts gesagt habe.“ – „Ob sie wohl merken, dass ich nervös bin?“ Über etwas nachzugrübeln kann eine Möglichkeit sein, sich innerlich für eine bestimmte Antwort oder eine besorgniserregende Situation zu wappnen oder im Nachhinein nachzuspüren, wie man auf andere gewirkt haben mag und ob man sich blamiert hat. In solchen Situationen grübelt man lieber, als Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, indem man direkt nachfragt.

Grübeln ist eine Kette oder Reihung von Handlungen (Gedanken), die wir vornehmen, um uns Klarheit zu verschaffen, uns selbst zu überzeugen, uns für etwas zu wappnen oder uns einer Sache zu vergewissern, in der wir aber nie erreichen, was wir eigentlich anstreben.

1.1 Alltagsgrübeleien

Grübeln im täglichen Leben

Unser Denkvermögen ist gleichermaßen Fluch und Segen. Als unsere Urahnen noch in der Wildnis wohnten und Raubtiere ihr Leben bedrohten, stellte die Fähigkeit, Gefahren vorauszuahnen, noch ehe sie sich bewahrheiteten, einen entscheidenden Überlebensvorteil dar. Es galt, sein Vorstellungsvermögen einzusetzen und sich auszumalen, dass hinter einem Felsbrocken ein Bär lauern könnte, um daraufhin einen Umweg einzuschlagen und sich so gegebenenfalls einen Vorsprung für die Flucht zu sichern. Es war überlebenswichtig, Gefahren vorauszusehen, um sie zu vermeiden.

Menschen mit einer lebhaften Fantasie, die imstande waren, Gefahren zu wittern, bevor sie sich real manifestierten, hatten entsprechend größere Überlebenschancen. Allein indem sie erkannten, dass eine Situation potenziell gefährlich werden konnte, vermochten sie sich Gegenmaßnahmen sowie Abwehrstrategien auszudenken. Das Bewusstsein für die eigene Umgebung sowie die Fähigkeit, Bedrohungen vorauszusehen, mündeten in Verhaltensmustern, die der eigenen Sicherheit dienten. Die Fähigkeit, vorauszudenken und Gefahren zu wittern, kann insofern als lebensrettende (Denk-)Maßnahme des Steinzeitmenschen betrachtet werden. Das Überleben unserer Urahnen hing schlicht und ergreifend von ihrer Fähigkeit zu grübeln ab. Nun ist dieselbe Fähigkeit in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr annähernd so überlebenswichtig. Wir leben inzwischen in einer Welt, in der das Grübeln nicht mehr in derselben Weise unser Überleben sichert.

Dennoch hat unser Gehirn im Lauf der Evolution ausgerechnet jenes Vorstellungsvermögen entwickelt, das uns Bedrohungen erkennen lässt, wo in unserer heutigen, vergleichsweise ungefährlicheren Welt gar keine Bedrohungen mehr existieren. Wir verspüren ein gänzlich unnötiges Unbehagen, das uns vor Gefahren warnt, die in Wahrheit gar keine Gefahren sind, und weil wir uns zudem in einer komplett anderen Welt bewegen als der Steinzeitmensch, gaukelt uns unser Gehirn auch komplett andere Gefahren vor.

Wir machen uns Sorgen, wir könnten unseren Traumjob nicht bekommen, und grübeln, wie wir uns in einem solchen Fall verhalten sollten. Wir machen uns Gedanken darüber, was unsere Kollegen von uns denken und was wir selbst tun können, um es herauszufinden und sie gegebenenfalls umzustimmen. Wir fragen uns, was wir nur tun sollen, wenn die Waschmaschine ausgerechnet jetzt kaputtgeht, da wir uns nicht sofort eine neue leisten können. Wir zerbrechen uns sogar den Kopf darüber, ob wir irgendetwas gesagt haben, was Lisa traurig gestimmt hat, und wenn ja, wie wir es wiedergutmachen können. Wir wollen wissen, ob es ein Leben nach dem Tod gibt und ob wir unser derzeitiges Leben tatsächlich so leben, wie wir sollten. Wir stellen uns die großen Fragen: Gibt es einen Gott? Was ist der Sinn des Lebens?

Derlei Fragen und Gedanken kommen in den unterschiedlichsten Situationen auf und sind nicht selten von einem Gefühl der Unsicherheit oder Angst begleitet. Je nach Zusammenhang treten sie in verschiedenem Gewand und unter unterschiedlichen Namen auf: mal als schlechtes Gewissen, mal als Erwartungsangst, in anderem Kontext als Entscheidungsangst und mit einem anderen Inhalt als religiöse Sinnsuche oder als Lebenskrise. Doch ganz gleich, wie man es bezeichnet: Im Gehirn laufen dabei ein und dieselben Prozesse ab. Nur der Inhalt der Gedanken ist verschieden.

Auch die Funktion, die das Grübeln dabei einnimmt, ist immer dieselbe: Wir versuchen, indem wir nachdenken, ein Problem zu lösen. Manchmal ist dieses Problem jedoch unlösbar oder kann lediglich durch motorisches Verhalten ausgeräumt werden. Trotzdem versuchen wir, das unlösbare Problem durch Nachdenken auszuräumen.

1.2 Grübeln im Zusammenhang mit Angstzuständen

So gut wie jeder von uns grübelt. Unsere Alltagsgrübeleien unterscheiden sich im Grunde nicht von jenem Grübeln, das mit einer ernst zu nehmenden Angststörung einhergeht. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass Alltagsgrübeleien weniger hartnäckig und lang anhaltend sind – und auch nicht annähernd so quälend. Indes werden diverse Angststörungen anerkanntermaßen von hartnäckigem Grübeln begleitet; die am weitesten verbreiteten sind Zwangsstörungen, Eifersucht, Hypochondrie, soziale Ängste und die Generalisierte Angststörung.

Bei diesen Ausprägungen stellt das Grübeln einen elementaren Teil des Problems dar; in bestimmten Fällen ist es der dominierende und für den Patienten leidvollste Teil seiner Erkrankung. Hier dient das Grübeln oftmals dem Versuch, sich selbst zu überzeugen, sich zu beschwichtigen oder eine Klarheit bzw. Gewissheit zu erlangen, von der das eigene Wohlbefinden abhängt.

1.2.1 Grübeln als Symptom einer Zwangserkrankung

Grübeln ist ein unsichtbares zwanghaftes Verhalten, das zusammen mit den Aspekten Kontrolle, Vermeidung und Rückversicherung eine sogenannte Zwangserkrankung (engl. obsessive-compulsive disorder, OCD) kennzeichnet. In letzterem Fall besteht das Grübeln darin, sich in einem fort Rückversicherungsfragen zu stellen und dann zu versuchen, sie sich selbst zu beantworten. Es heißt mitunter, das Grübeln sei derjenige Aspekt eines Zwangsverhaltens, der am schwierigsten zu überwinden sei, und nicht wenige Patienten mit Zwangsstörungen geben an, ihre komplette wache Zeit mit Grübeln zu verbringen.

Ebenso wie andere Zwangshandlungen zielt das Grübeln darauf ab, Zweifel oder Unsicherheiten auszuräumen und eine Besorgnis oder Angst zu überwinden. Das Grübeln gerät hier zum Selbstüberzeugungsmechanismus. Insofern ähnelt es den Rückversicherungsfragen, nur dass diese sich an einen selbst richten und man sich selbst eine Antwort geben muss.

Ein Beispiel dazu: Karin arbeitete am Flughafen am Check-in-Schalter. Eines Tages – unmittelbar nach dem Start eines Flugzeugs – entdeckte sie ein Paket etwa in der Größe eines Fußballs, das aufgrund einer Nachlässigkeit nicht verladen worden war. Der Schreck fuhr ihr in die Glieder. In dem Paket musste doch etwas Wichtiges liegen! Sie sorgte dafür, dass das Paket schnellstmöglich mit dem nächsten Flieger an seinen Zielort gebracht wurde.

Doch das Paket ließ ihr keine Ruhe. In einem fort dachte sie darüber nach, dass es etwas sehr Wichtiges enthalten haben mochte und sie durch ihre Nachlässigkeit womöglich Schaden angerichtet hatte. Was, wenn das Paket ein Herz enthalten hatte, das eilig zu einem Transplantationspatienten hätte gebracht werden müssen? Bei der Vorstellung geriet sie derart in Panik, dass sie mit niemandem mehr darüber reden konnte. Sie traute sich weder nachzuforschen noch überhaupt etwas zu tun, was auf sie selbst zurückverwiesen hätte. Am allerwenigsten traute sie sich, ihren Vorgesetzten einzuweihen. Womöglich hatte sie den Tod eines Menschen zu verantworten? Aber Herzen verschickte man doch nicht per Linienflug? Nur – warum eigentlich nicht? Weil das Herz während des Transports in der Wärme beschädigt würde? Dann wiederum gab es doch ganz brauchbare Methoden, um Spenderorgane zu kühlen, insofern wäre es doch sicher möglich … Im Handumdrehen hatte das Gedankenkarussell Fahrt aufgenommen.

Ein geschlagenes Jahr lang hing Karin derlei Grübeleien nach, ohne je zu einem Schluss zu gelangen. Dann kam sie in Kontakt mit einem Therapeuten, dem sie nach einigem Zögern ihr Problem schilderte. Der Therapeut versicherte ihr, dass sich in dem Paket selbstredend kein Herz habe befinden können. Im ersten Moment wirkte die Aussage tröstlich – doch dann kam ihr sofort der nächste unbehagliche Gedanke: Woher sollte denn der Therapeut das wissen? Mit jeder Beteuerung seinerseits wurde Karin besorgter und setzte ihre Grübeleien fort.

Das Grübeln schien kein Ende mehr zu nehmen. Und es bescherte ihr weder die Ruhe noch die Gewissheit oder die Sicherheit, die Karin durch das Grübeln zu erzielen suchte.

1.2.2 Grübeln als Symptom von sozialen Ängsten

Sozialphobiker verfallen zumeist dann ins Grübeln, wenn ihnen eine gesellige Situation bevorsteht, die sie verunsichert oder die als erniedrigend empfunden werden könnte. Ihre Gedanken kreisen um den Verlauf einer Begegnung, um Gesprächsthemen und Maßnahmen für den Fall, dass es zu Peinlichkeiten kommt.

Nach einer anstrengenden oder unangenehmen Situation beschäftigen sie sich wieder und wieder damit, was überhaupt geschehen ist und wie es dazu kommen konnte: Was genau ist da passiert? Und wie fiel die Reaktion auf mein Verhalten aus? Hielten die anderen mich für schwach? Für lächerlich?

Ein Beispiel dazu: Jonas fragt sich (und grübelt), wie er sich während eines bevorstehenden Meetings bei der Arbeit verhalten soll. Er ist Teamleiter, insofern wird er einiges zu der Besprechung beitragen müssen. Es lässt sich einfach nicht vermeiden. Wenn er errötet, könnte er vielleicht ein Telefonat vorschieben und eilig den Besprechungsraum verlassen …

Nach dem Meeting grübelt er darüber, wie er sich wohl geschlagen hat. Haben die anderen gesehen, wie ich rot geworden bin? Lachen sie jetzt über mich? Bin ich ein schlechter Vorgesetzter? Bin ich für sie überhaupt noch eine Respektsperson? Er versucht, sich Gründe zurechtzulegen, warum es so schlimm nicht gewesen sein kann. Er grübelt sowohl im Vorfeld der Begegnung als auch im Nachhinein und leidet somit gleich zweimal.

Die Grübeleien rund um ein nebensächliches, unbedeutendes Meeting können Tage in Anspruch nehmen, immer wiederkommen und ihn Mal ums Mal heimsuchen und quälen, wenn er nachts allein wach liegt.

2. Was genau ist denn nun Grübeln?

Grübeln ist eine Form des Verhaltens, und zwar des kognitiven Verhaltens. Klassischerweise ist Grübeln eine Art innerer Dialog, eine innere Debatte, bei der man in Gedanken abwägt, welche Möglichkeiten man hat, um etwas zu beeinflussen, zu verändern, vorauszusehen, zu verstehen oder sich auf etwas vorzubereiten. Mitunter ist die Thematik, über die man grübelt, weder in Gedanken noch in der Praxis zu lösen.

Man kann Gedanken kontrollieren und beeinflussen, was schwer zu glauben sein mag, wenn man unter ausgeprägten Grübeleien leidet. Es fühlt sich eher an, als könnte man nie mehr mit dem Grübeln aufhören, sosehr man es auch wollte. Die negativen Gedanken neigen dazu, den Grübler immer wieder heimzusuchen. Und doch ist es nun mal so, dass wir sowohl unsere äußerlich sichtbaren Handlungen (das motorische Verhalten) als auch unsere Gedanken (das kognitive Verhalten) steuern können. Ich will Ihnen den Unterschied zwischen der Steuerung von Handlungen und dem Steuern von Gedanken erläutern.

Wir können ganz bewusst beschließen, den rechten Arm zu heben oder aber ihn keinen Millimeter zu bewegen. Wir können außerdem beschließen, etwas zu sagen oder zu schweigen. Motorische Verhaltensweisen unterliegen – von Reflexen und Tics einmal abgesehen – völlig unserer Kontrolle.

Mit den Gedanken liegt die Sache ein wenig anders. Wir können ganz bewusst beschließen, an eine bestimmte Sache zu denken, aber wir können nicht beschließen, nicht