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Das angebliche Ende der Welt verändert alles: Die planetare Quarantäne wird aufgehoben, und die Menschheit erhält überraschend die Möglichkeit, Kontakt zu außerirdischen Kulturen aufzunehmen. Eine Xeno-Linguistin erlebt das nicht immer konfliktfreie Aufeinandertreffen des Menschen auf seine kosmischen Mitbewohner hautnah mit. Diese Fortsetzungsgeschichte und weitere SciFi-Storys und –Miniaturen, ursprünglich im Rahmen eines temporären Blogs und "fraktalen Romans" veröffentlicht, sind hier in einer Auswahl der besten 34 Science-Fiction-Kurzgeschichten aus dem "Korridorium" versammelt – zusammen mit dem unveröffentlichten SciFi-Hörspiel "Turillas Tanz". (Käufer des Buchs erhalten Link und Passwort zur archivierten Originalversion des Blogs "Korridorium" mit sämtlichen 398 Texten und den dazugehörigen Soundtracks von Tychonian Soundworks.)
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Cory d'Or
Korridorium – der SciFi-Fraktor
Erzählungen, Storys, Miniaturen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
21/398
31/398
36/398
70/398
83/398
94/398
106/398
111/398
112/398
149/398
156/398
163/398
191/398
192/398
210/398
220/398
222/398
257/398
258/398
273/398
286/398
290/398
291/398
295/398
332/398
335/398
336/398
343/398
362/398
368/398
370/398
385/398
388/398
Bonuskorridor
Nachwort
Impressum neobooks
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11.11.11
Ich betrete den Korridor …
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»Ich betrete den Korridor …« Dieser unscheinbare Satz war am elften November 2011 der Startschuss für das in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche literarische Blog Korridorium.de.
Von diesem Tag an veröffentlichte Cory d’Or Tag für Tag weitere Beiträge: Storys, Fabeln, Offenbarungen, Einwürfe, Glossen und miteinander verwobene Fortsetzungsgeschichten – alle mit dem gleichen Anfangssatz und begleitet von einem Soundtrack passender Länge, komponiert und produziert von Tychonian Soundworks.
Zum angekündigten Ende des Projekts am zwölften Dezember 2012 waren es insgesamt 398 Blogeinträge, darunter auch so ausgefallene wie ein QR-Code, eine Infografik und ein Filmnachspann.
Was anfangs wie eine wilde und genreübergreifende Mischung von Prosa-Miniaturen und Kurzgeschichten wirkt, entfaltet sich Tag für Tag, Kapitel für Kapitel, zu einem Kaleidoskop aus Themen, Figuren, Orten, popkulturellen und historischen Verweisen, Selbstbezüglichkeiten und Erzählperspektiven, dessen einzelne Facetten mit der Zeit verborgene Querverbindungen offenbaren und sich zu einer großen, »pluridimensionalen« Geschichte entfalten – durchsuchbar mit Hilfe einer Reihe von Kategorien und Keywords (wobei Tags wie »Nous« und »K.« in den eingebauten FAQs des Blogs näher erläutert wurden).
Ein zentrales Datum im Korridorium ist der 21/12/12, das angebliche Ende des Maya-Kalenders. Und das Ende der Welt? Zumindest wurde an diesem Tag das Blog, bis dahin kostenlos für jedermann zugänglich, von Cory d’Or abgeschaltet. In einer der Fortsetzungsgeschichten ist dieses Datum gleichzeitig der Beginn einer neuen Ära für die Menschheit und der Anfang eines Weltraumabenteuers, das eine Xeno-Linguistin auf eine kosmische Reise mit fantastischen Begegnungen der dritten Art führt. Zu Begegnungen ganz anderer Art kommt es zwischenzeitlich auch im Zimmer 27 eines kleinen Landhotels. Aber lesen Sie selbst!
Dieses E-Book präsentiert Ihnen – in einer handverlesenen Auswahl aus den 398 Kapiteln des Blogromans – die in das Korridorium eingebetteten Science-Fiction-Storys in chronologischer Reihenfolge. Als Bonus ist das bislang unveröffentlichte Science-Fiction-Hörspiel Turillas Tanz angefügt.
Exklusiv für Sie als Leser eines Korridorium-E-Books erhalten Sie im Nachwort das Passwort für das Original: eine archivierte Version des gesamten fraktalen Blogromans mit allen zwischen dem 11/11/11 und dem 21/12/12 veröffentlichen Texten von Cory d’Or – inklusive der externen Links unter vielen der »Korridore« sowie aller 398 Soundtracks zu den Texten, exklusiv für das Korridorium komponiert und produziert von Tychonian Soundworks.
Weitere E-Books mit (Fortsetzungs-)Geschichten aus dem fraktalen Blogroman:
• Korridorium – ein pluridimensionaler Thriller
• Korridorium – Zeitgeistfrakturen
• Korridorium – Storys aus dem Labyrinth
• Korridorium – Mythenwege, Märchenpfade
• Korridorium – fraktale Romanzen
• Korridorium – magische Abenteuer
• Korridorium – letzte Erkenntnisse
Die acht Korridorium-E-Books, mit Cory d’Ors freundlicher Genehmigung als E-Book-Reihe herausgegeben von Margret Phlippen, enthalten insgesamt 328 der originalen 398 Kapitel des Blogs (mit – aus inhaltlichen Gründen – sieben Dopplungen) sowie sieben bislang unveröffentlichte Bonus-»Korridore« aus der Feder von Cory d’Or, Texte, die es aus unterschiedlichen Gründen zwischen dem 11.11.11 und dem 12.12.12 nicht ins Blog geschafft haben.
1.12.11
Ich betrete den Korridor. Dies ist der letzte, der noch nicht sterilisiert ist, zeigt mir das Display meines Skaphanderärmels an – gleich werden diese vermaledeiten Kxax in meinem Schiff Geschichte sein! Ich greife meinen Zapper fester, während ich die Schatten in den Korridorecken scanne. Ein scharfer Schmerz fährt mir in den linken Knöchel. Der Stachel eines Kxax hat den Skaphander perforiert. Ich ziele mit meinem Zapper. Der sengende Blast zerschmirgelt zwar nicht allein den Angreifer, sondern mein halbes linken Bein gleich mit – aber das Aliensekret ist schneller: das diabolische Gift des Kxax hat bereits mein Herz erreicht. Ich kannte das Risiko, weiß, dass man mich als Held feiern wird. Schade, dass ich nichts mehr davon haben werde.
11.12.11
Ich betrete den Korridor, das Tablett mit den zwei Mahlzeiten in der Hand. Es ist Coq au Vin und duftet köstlich.
Unser Gast möchte, dass ich um fünf Minuten nach Mitternacht serviere. Es ist ein netter älterer Herr mit grauen Bartstoppeln, der bereits alles im Voraus bezahlt hat. »K. K. Koriander« hat er auf den Meldezettel geschrieben und sich gleich mehrfach versichert, dass die Rezeption in unserem kleinen Landhotel auch wirklich rund um die Uhr besetzt und der Zimmerservice absolut pünktlich ist. Die nächtliche Rezeptionistin und der Zimmerservice, das bin ich, und es ist genau fünf nach Mitternacht. Ich klopfe an die Tür von Zimmer Nr. 27.
Die Tür öffnet sich: »Kommen Sie herein. Das riecht ja köstlich.« Herr Koriander ist nicht allein. Es sitzt ein junger Mann dort, vielleicht dreißig Jahre alt. Er trägt einen Anzug, und sein Haar ist ein wenig verstrubbelt.
Herr Koriander weist auf den Tisch. Ich stelle ihnen die Teller hin, lege Besteck und Servietten hinzu und gieße zwei Gläser stilles Tafelwasser ein. Der junge Mann lächelt mir zu. Mir ist etwas seltsam zumute. Wie ist er hier hereingekommen? Ich stand doch die ganze Zeit an der Rezeption. Oder kam er gerade in den Minuten, in denen ich in der Küche war und den Coq au vin holte?
»Bleiben Sie bitte«, meint Herr Koriander zu mir, »falls wir noch etwas benötigen sollten.« Ich nicke und trete neben das Bett. Sollte um diese Zeit unerwarteterweise jemand etwas von mir wollen, gibt es dafür einen Rufknopf an der Rezeption.
Die beiden Männer prosten sich mit dem Wasser zu, und während sich der junge Mann heißhungrig auf sein Hähnchen stürzt, stellt ihm der ältere Fragen. Sie unterhalten sich auf Englisch, und Herr Korianders Gast ist offenbar Amerikaner. Es geht, soweit ich das verstehe, um den Mars und irgendwelche Lebewesen dort.
»Tweerl?«, fragt Herr Koriander, oder zumindest klingt es so. Der junge Mann lacht und meint, Menschen können das nicht aussprechen, also er selbst auch nicht. Herr Koriander jedenfalls ist ganz interessiert an etwas, dass er nicht-menschliches Bewusstsein nennt. Es ist sehr seltsam, was die beiden da reden – der junge Mann, der immer wieder fertigkaut und schluckt, bevor er antwortet, und Herr Koriander, der überhaupt nicht isst, sondern sich in ein kleines Büchlein Notizen macht.
Sie reden über das Wesen mit dem unaussprechlichen Namen, als stünde es im Raum. Herr Koriander will wissen, wie es sich entwickeln konnte, und was mit den anderen »Thots« ist. Ich bin ganz verwirrt, denn einerseits scheinen sie über eine Art Vogel zu reden – »beak« heißt doch »Schnabel«, oder? –, andererseits über einen ägyptischen Gott, der den alten Ägyptern das Schreiben und Lesen beigebracht haben soll.
Der junge Mann wirft den letzten abgenagten Knochen zurück auf den Teller und wischt sich die Hände an der Serviette.
»Ich hätte gerne noch über die Venus mit Ihnen gesprochen«, meint Herr Koriander bedauernd, »und die intelligenten Pflanzen dort.« Mir scheint ziemlich verschroben, über was die beiden sich da mitten in der Nacht unterhalten. Der junge Mann zuckt mit den Schultern. »Yummie«, sagt er und wischt sich über die Lippen, was wohl heißen soll, dass es ihm geschmeckt hat.
Herr Koriander wendet sich mir zu: »Wir sind dann fertig. Sie können abräumen.« Das tue ich. Das Wasser lasse ich ihnen stehen.
Eigenartig, denke ich, als ich mit unserem alterschwachen Aufzug nach unten fahre. »Tweerl« geht mir noch einmal durch den Kopf. Was immer es ist, es muss ein sehr eigenartiges Wesen sein, das ganz anders denkt als normale Menschen. Aber normale Menschen waren das ja nicht gerade, die beiden.
Kurze Zeit später tritt Herr Koriander zu mir an den Counter und gibt mir seinen Zimmerschlüssel. »Möchten Sie noch ausgehen?«, frage ich verwirrt, denn hier im Dorf liegt um diese Zeit alles im tiefen Schlaf. Doch Herr Koriander möchte auschecken. Er legt mir ein großzügiges Trinkgeld hin. Ich bedanke mich und blicke ihm verwundert hinterher. Es ist kurz nach eins in der Nacht.
Und erst dann fällt mir der junge Amerikaner ein. Aber irgendwie weiß ich schon, dass er nicht mehr im Hotel ist. Er wird auf die gleiche Weise verschwunden sein, wie er aufgetaucht ist.
Der Coq au vin, den Herr Koriander nicht angerührt hatte, schmeckt jedenfalls auch kalt noch überaus köstlich.
[Unter der originalen Blog-Veröffentlichung des obenstehenden Textes gibt es einen externen Link zu Informationen über den Science-Fiction-Autor Stanley G. Weinbaum († 1935). Sämtliche externen Links des Korridoriums finden Sie in der archivierten Version; s. Nachwort. Anm. d. Hrsg.]
16.12.11
Ich betrete den Korridor, der einmal ein Abluftrohr gewesen ist, um zum mehrstöckigen Einkaufsviertel zu gelangen, das wir ins Tai He Dian, in die Halle der Höchsten Harmonie, gebaut haben. Hier leben, auf viele Ebenen verteilt, Millionen von uns. Die jungen Menschen hier in den Straßen und auf den geschwungenen Brücken sehen mich mit einer gewissen Ehrfurcht an: ein Greis. Sie mögen ahnen, dass ich ein Relikt bin und zur allerersten Generation der Neuen Chinesen gehöre, den Pionieren des Großen Umbaus. Der Gedanke, die Verbotene Stadt könne Platz für knapp drei Milliarden von uns bieten, rückte damals in den Bereich der technischen Umsetzbarkeit, und tatsächlich gehörte ich damals zu den Wissenschaftlern, die dem Nationalen Volkskongress vorschlugen, unser Volk zu verkleinern, um die Ressourcen unseres Kontinents zu schonen und unserem Volk eine lange und glückliche Zukunft im Wohlstand zu ermöglichen.
Auch wenn wir das Projekt eines Neuen China mit großem Ernst und akribischer Sorgfalt zu Ende gebracht haben, bin ich heute nicht mehr sicher, ob die großangelegte Miniaturisierung eine gute Idee war. Zwar verbrauchen wir jetzt – nur noch ein Dreißigstel unserer ursprünglichen Größe messend – nicht mehr als knapp ein Hundertstel der vorherigen Ressourcen. Dennoch ist unser Plan, mit gutem Beispiel voranzugehen und zum ehrenhaften Vorbild für die anderen Völker der Welt zu werden, nicht aufgegangen. Aus dem Riesenreich China haben wir, wenn auch mit den ehrenhaftesten Absichten, ein Zwergenreich gemacht. Einmal ganz abgesehen von dem Rattenproblem, das wir, auch wenn es vertuscht wird, hier in der Verbotenen Stadt haben und vor dem uns auch nicht unsere 13844 antiken geschnitzten Drachen bewahren: Nicht nur, dass sich kein anderes Land unserem Gemeinsamen Marsch Zur Wahren Größe anschließen mochte – man achtet uns nicht mehr und nimmt uns nicht mehr für voll. In den Augen der Welt sind wir Chinesen zu einem unbedeutenden und bestenfalls niedlichen Kuriosum geschrumpft.
19.1.12
Ich betrete den Korridor. Oder vielleicht sollte ich angesichts der fehlenden Schwerkraft besser sagen: Ich schwebe in eine der Speichen unserer Raumstation hinein. Hier lagern unsere Archäologen die Artefakte einer Zivilisation halbwegs intelligenter Wesen, die sich offenbar selbst vernichtet haben. Was genau auf diesem Planeten geschehen ist, bleibt derzeit Gegenstand der Spekulation, da wir die Schrift der Aliens noch nicht entziffert haben. Sie besiedelten den gesamten Planeten, und fast überall fanden unsere Wissenschaftler ihre mit Motoren und Rädern versehenen Metallpanzerungen, die sie offenbar industriell anfertigten. Dass sie sich bevorzugt damit auf der Oberfläche ihres Planeten umherbewegten, führen unsere Forscher in einer ersten Arbeitshypothese auf eine übertriebene Angst vor Meteoriten zurück – zu ihrer Vernichtung muss allerdings etwas anderes geführt haben.
1.2.12
Ich betrete den Korridor und beeile mich, rechtzeitig zu Zimmer Nr. 27 zu gelangen. Herr Koriander, unser Gast, legt Wert darauf, dass ihm das Essen – wieder ist es Coq au vin, eine Spezialität unseres Hauses – pünktlich um fünf Minuten nach Mitternacht serviert wird. Heute hat Pascal, der Koch, ein wenig getrödelt, und ich muss es ausbaden. Doch Herr Koriander, der mir die Tür aufmacht, scheint nicht böse zu sein, dass ich mich ein wenig verspätet habe. Wieder ist er nicht allein. Es sitzt ein älterer Herr dort, mit erstem Gesicht und dichtem schwarzem Haar, der ein wenig steif und unsicher wirkt.
Ich serviere beiden ihre Mahlzeit und gieße jedem ein Glas stilles Tafelwasser ein, so, wie es Herr Koriander wünscht. »Bitte bleiben Sie doch«, bietet er mir an, und ich stelle mich neben das Bett in dem kleinen Gästezimmer, um jederzeit nachschenken zu können.
Der Gast von Herrn Koriander beäugt ein wenig kritisch das Hähnchen auf seinem Teller. »Man is no more than a little fleck of foam …«, sagt Herr Koriander, und als sein Gast fortfährt »… on the torrent of existence«, höre ich heraus, dass er Engländer ist. Er lächelt. Das Eis scheint gebrochen.
Der Engländer beginnt zu essen, und Herr Koriander stellt lauter Fragen und schreibt eifrig in seine Notizbuch. Mich scheinen die beiden vergessen haben, oder vielleicht denken sie auch, ich spreche kein Englisch. Ich verstehe aber genug, um mitzubekommen, dass die beiden kurz den Mars und seine Bewohner streifen, um dann zur Venus, auf der Menschen leben, was mich sehr verwirrt. Herrn Koriander scheint es immer wieder um Dinge wie Intelligenz und Bewusstsein zu gehen, denn er stellt ständig Fragen danach und lässt sich von seinem Gast dessen Sicht auf diese Dinge erklären.
Plötzlich dreht sich der Engländer zu mir um. Er hat einen sehr wachen Blick, und ich glaube, ich werde ein wenig rot. Ohne seine tiefliegenden Augen von mir zu lassen, fragt er Herrn Koriander, ob sie hier im Hotel vielleicht ein Schwimmbad haben. Herr Koriander verneint. Auch ich schüttle den Kopf. Der Engländer senkt wieder den Blick und murmelt so etwas wie »too bad«.
Das intensive Gespräch der beiden geht weiter, und die Reise in eine ferne Zukunft setzt sich fort. Nicht nur von einer, von unserer Menschheit, ist die Rede, sondern von einer ganzen Reihe aufeinanderfolgender Menschheiten und sogar einer, in der sich die einzelnen Menschen telepathisch zusammenschließen zu einer Art Superintelligenz, wenn ich das richtig verstanden habe. In zwei Milliarden Jahren – kann es wirklich sein, dass die beiden über eine solche unvorstellbare Zeitspanne reden? Und das, wo doch unsere Welt noch in diesem Jahr enden soll?!
Der Engländer hat schließlich den Teller leergegessen, schüttelt aber den Kopf, als ihm Herr Koriander noch seine Portion anbietet, die er nicht angerührt hat. »Sie können abräumen«, meint dieser dann zu mir. Gerne hätte er sich, sagt er zu seinem Gast, als ich mit dem Tablett das Zimmer verlasse, noch über die Intelligenz und das Bewusstsein von Sternen und Galaxien unterhalten hätte. Mir schwirrt der Kopf. Ich starre oft staunend in den lichterübersäten nächtlichen Himmel. Dass aber die abertausend Leuchtpunkte über mir ein eigenes Bewusstsein, dass sie Intelligenz besitzen könnten, ist mir noch nie in den Sinn gekommen!
Pascal ist noch da und löchert mich, als ich ihm das Tablett in die Küche stelle. Eigentlich müsste ich ihm erklären, dass es zwei Verrückte sind – von denen der eine auf rätselhafte Weise aufgetaucht ist, denn ich habe den ganzen Abend die Rezeption nicht verlassen, außer einmal, als ich aufs Klo musste. Aber mir stehen noch ihre beiden Gesichter vor Augen und die Ernsthaftigkeit, mit denen sie sich über ihre verschrobenen Themen unterhalten haben. Deshalb sage ich Pascal nur, dass sich da oben in Zimmer 27 bei uns zwei Schriftsteller getroffen hätten.
»Schriftsteller, hm-hm«, sagt Pascal mit einem süffisanten Grinsen, »und nur Tafelwasser, sagst du?« Er möchte noch einen Wein mit mir aufmachen, aber ich schicke ihn nach Hause.
Kurze Zeit später steht Herr Koriander mit Hut und Mantel an der Rezeption und legt mir den Zimmerschlüssel und ein Trinkgeld hin. Fast hätte ich ihn gefragt, wer dieser Mann mit den intensiven Augen gewesen ist, aber da ich glaube, Herr Koriander hat unser kleines Landhotel deshalb ausgewählt, weil wir hier sehr diskret sind, halte ich dann doch den Mund.
Das Zimmer ist leer, das Bett unberührt. Wie es der Engländer geschafft hat, unbemerkt aus dem Hotel zu kommen, bleibt mir ein Rätsel. Aber vielleicht macht ja genau das einen guten Zimmerservice aus: sich einfach über nichts zu wundern.
[Unter der originalen Blog-Veröffentlichung des obenstehenden Textes gibt es einen externen Link zu Informationen über den Science-Fiction-Autor Olaf Stapledon († 1950). Sämtliche externen Links des Korridoriums finden Sie in der archivierten Version; s. Nachwort. Anm. d. Hrsg.]
12.2.12
Ich betrete den Korridor, weil ich ein seltsames Geräusch gehört habe. Auf Kopfhöhe leuchtet an der Haustür ein blendendes Licht auf, zwei-, dreimal. Schweißt sie jemand von außen auf? Es leuchtet wieder gleißend auf, dreimal, wie ein Klopfen, doch völlig lautlos. Ohne lang nachzudenken reiße ich, obwohl ich nur im Pyjama dastehe, die Tür auf.
Im nächtlichen Treppenflur steht – etwas. Oder besser: es schwebt. Es wirkt wie ein dreidimensionales Kaleidoskop, dessen leuchtende Splitter ständig nach innen wandern, bis sie plötzlich die Richtung ändern und wie geschmolzenes Eisen vom Zentrum aus nach außen verlaufen.
Die Stimme ist sehr leise und sanft, und es kommt mir vor, als höre ich ein vertrautes, geliebtes Wiegenlied. Sie sagt: »Du hast einen Spiralarm der Galaxis verdampfen lassen.«
Ich starre die Erscheinung an. Mir fehlen die Worte. Ich will wegrennen, mich verstecken oder einfach nur ohnmächtig werden. Aber es ist, als würden meine Gedanken keinen Widerhall mehr in meinem Körper finden, keine Andockstelle, um eine tatsächliche Handlung auszulösen. Ich bleibe einfach stocksteif vor diesem Ding stehen.
»Du hast eine Maschine gebaut«, sagt die Stimme.
Eine Maschine? Ja, da war was. Aber das war nicht ich. Nur ein Traum. Seit Wochen wache ich immer um genau dieselbe Zeit mitten in der Nacht auf, um 2:22 Uhr, und erinnere mich jedes Mal an einen lebhaften Traum, in dem ich eine Art Ingenieur bin, der wie besessen an einer hochkomplexen Maschine baut – sie füllt fast die ganze von mir gemietete Lagerhalle aus und verwendet starke Hadronen-Laser und eine Art miniaturiserten Fusionsreaktor, um die Schwerkraft zu manipulieren und das Raumzeitkontinuum aufzusprengen. Traum für Traum vollendete ich mein Werk, obwohl ich insgeheim wusste, dass die Anlage unkontrollierbare Nebenwirkungen haben konnte. Bis ich schließlich letzte Nacht die fertige Maschine in Gang setzte. Was sie bewirkte, kann ich nicht sagen, denn in dem Moment, in dem sie hochlief und auf Touren kam, wachte ich auf. Das war gestern. Es war 2:22 Uhr.
Auch jetzt wieder, mitten in der Nacht, könnte es 2:22 Uhr sein. Aber dies ist kein Traum.
»Du hast eine Maschine gebaut«, wiederholt die Stimme, während ich wie hypnotisiert auf das zeitlupenhafte Fließen flüssigen Metalls starre und gleichzeitig ahne, dass mir das Wesen mit seinem sanften Singsang etwas Schreckliches mitteilen will.
»Deine Maschine hat die Dimensionen der Welt durchlöchert, deinen Planeten zertrümmert und dazu noch viele, viele Sterne und Planeten im Umkreis mit ins Verderben gerissen.«
»Aber das ist doch Unsinn! Die Erde ist nicht untergegangen, nur weil ich irgendwas geträumt habe!«
Das Kaleidoskopmuster verändert sich, ohne dass ich sagen kann, wie. Die Stimme erscheint mir jetzt strenger. Sie sagt: »Die Welt in deinem Traum war real. So real wie diese hier. Wir hatten gehofft, dass du dich im letzten Moment entscheiden würdest, die Maschine nicht in Gang zu setzen, sondern sie zu zerstören.«
»Ich hatte doch keine Ahnung, was sie bewirkt!« Wirklich nicht? Doch. Im Traum wusste ich sehr wohl, was für ein Risiko ich einging. Ich hatte es nur immer wieder verdrängt.
»Viele Zivilisationen mussten sterben«, sagt die Stimme.
Meinetwegen? Ich soll daran schuld sein? »Was ist mit dir?«, frage ich, »du lebst doch – nehme ich an.«
»Einige, wenige Wesen wurden wie ich durch die perforierten Dimensionen in parallele Welten geschleudert.«
Parallele Welten: Im Traum verdrängte ich immer wieder die Sorge, meine genial ausgetüftelte Maschine, mit der ich die Vakuumfluktuation anzapfen wollte, um unbegrenzt viel Freie Energie zu erzeugen, könnte das Gefüge von Zeit und Raum durcheinanderbringen. Und jetzt steht ein Wesen vor mir, das durch ein Dimensionsloch in meine Welt geschleudert wurde – vielleicht der letzte Überlebende einer ganzen planetaren Zivilisation, die ich auf dem Gewissen habe. Nur langsam kommt mir die ungeheure Bedeutung dessen, was mir das Wesen da gerade mitteilt, zu Bewusstsein.
»Wenn ihr davon wusstet: Warum habt ihr es nicht verhindert?«, frage ich mit belegter Stimme.
»Das musst du schon selbst tun«, antwortet das flüssige Kaleidoskop, das vor mir im Treppenflur schwebt.
»Wie?«, frage ich verdattert.
Das Wesen schwebt langsam aufwärts und verblasst. Es hat seine Botschaft überbracht und tritt nun den Rückweg an – wohin auch immer. »Wie soll ich das anstellen?«, rufe ich.
Das Wesen verschwindet. Ich höre keine Antwort mehr, aber in meinem Kopf bildet sich ein Gedanke, der sagt: »Erträume eine neue Welt.«
Eine heillose Verzweiflung ergreift mich. Das war nicht ich!, schreie ich innerlich. Es war dieser verblendete Ingenieur!
Doch das Wesen hat recht: Ich war der Mann in den Träumen, der entschieden hat, das Risiko in Kauf zu nehmen. Ich habe die Menschheit auf dem Gewissen, ich habe mit meiner Besessenheit und Gier nach Ruhm Milliarden von Menschen in den Tod gerissen, und ein ganzes Stück unserer Milchstraße gleich mit. Ich will es wegschieben, abstreiten, irgendjemand anderem die Schuld geben. Aber obwohl es nur Träume waren, weiß ich tief in meinem Inneren, dass mein Besucher recht hat mit seiner Schuldzuweisung. Ich war dieser besessene Ingenieur, der alle bösen Vorahnungen in den Wind geschrieben hat und die Maschine in Gang setzte.
Als ich die Haustür schließe, zittert meine Hand. Ich muss es verhindern!, denke ich, und gleichzeitig lache ich bitter: Wie soll ich etwas verhindern, das bereits geschehen ist?
Aber könnte nicht ein Raum-Zeit-Gefüge, in dem es Parallelwelten gibt, auch die Möglichkeit beinhalten, die Zeit zurückzudrehen? Hat das Kaleidoskop-Wesen vielleicht davon gesprochen, als es sagte »Das musst du schon selbst tun«?
Wenn es stimmt, beschließe ich, – wenn es wahr ist, das durch meine Schuld die Menschheit und noch eine Handvoll weiterer Zivilisationen zerstört wurden – dann werde ich diese furchtbare Tat um jeden Preis vereiteln! Zahlen, Gleichungen, Schaltungen gehen mir durch den Kopf. Die langen Nächte als Ingenieur haben sich ausgezahlt. Langsam verdichtet sich in meinem Geist das Bild von einer Apparatur, einer Zeit- und Weltmaschine, die nur einen einzigen Zweck hat und nur ein einziges Mal zum Einsatz kommen wird. Sie wird eine Art Arche sein. Doch ich werde sie nicht mit Tieren oder Menschen füllen: Sie wird mich an einen Ort und zu einem Zeitpunkt bringen, der es mir möglich macht, zu verhindern, dass ich Löcher in das Dimensionsgefüge des Kosmos stanze. Ich werde es ungeschehen machen, und zwar auf gründliche, physikalische Weise! Es muss möglich sein!
In dieser Nacht liege ich noch lange wach.
24.2.12
Ich betrete den Korridor, ertaste mit einem meiner Tentakel eine Nische in der Wandung und ziehe meinen Körper hinterher. Indem ich die Farbe des Hintergrundes annehme, bin ich jetzt für Augen, die kein Ultraviolett wahrnehmen, kaum noch zu erkennen.
Wir kamen zum Schiff der Fremden, um sie auf unserem Planeten willkommen zu heißen. Ich, als der Theologe in unserer Delegation, sollte mit ihnen über universale Mystik und kosmische Liebe reden. Doch sie jagen uns und merzen uns erbarmungslos aus. Nur noch ich und mein Schüler sind noch übrig.
Einer von ihnen betritt den Korridor. Er ist schwer gepanzert und trägt eine ihrer tödlichen Waffen. Als er mir ganz nahe ist, stelle ich die Frage, warte aber nicht die Antwort ab, sondern morphe gleich einen meiner Tentakel zu einem spitzen, harten Stachel. Ich hätte so gerne mit ihm über Gott gesprochen. Dann müssen wir es eben auf diese Weise tun.
Voller Mitgefühl und Liebe steche ich zu …
29.2.12
