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Glauben Sie nicht alles, was Sie über den Minotaurus hören! Er kann ein netter Kerl sein, solange man ihm nicht quer kommt. Und wenn Sie dann schon mal auf Kreta sind, freunden Sie sich doch gleich mit weiteren Mythen- und Märchengestalten an – oder suchen Sie zusammen mit Cory d'Or nach dem passenden Mythos für unsere Zeit, der uns unsere postmoderne (und post-postmoderne) Welt erklärt und – mit den richtigen Handlungsanweisungen – am besten auch gleich rettet. 34 Korridore führen in die märchenhaften und mythischen Welten des Korridoriums – unter den Kurz- und Kürzestgeschichten erwartet Sie auch ein Wiedersehen mit dem Kleinen Prinzen und ein Besuch in Borges' Bibliothek von Babel. (Käufer des Buchs erhalten Link und Passwort zur archivierten Originalversion mit sämtlichen 398 Texten des Blogs Korridorium und den dazugehörigen Soundtracks von Tychonian Soundworks.)
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Seitenzahl: 67
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Cory d'Or
Korridorium – Mythenwege, Märchenpfade
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
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Bonuskorridor
Nachwort
Impressum neobooks
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11.11.11
Ich betrete den Korridor …
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»Ich betrete den Korridor …« Dieser unscheinbare Satz war am elften November 2011 der Startschuss für das in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche literarische Blog Korridorium.de.
Von diesem Tag an veröffentlichte Cory d’Or Tag für Tag weitere Beiträge: Storys, Fabeln, Offenbarungen, Einwürfe, Glossen und miteinander verwobene Fortsetzungsgeschichten – alle mit dem gleichen Anfangssatz und begleitet von einem Soundtrack passender Länge, komponiert und produziert von Tychonian Soundworks.
Zum angekündigten Ende des Projekts am zwölften Dezember 2012 waren es insgesamt 398 Blogeinträge, darunter auch so ausgefallene wie ein QR-Code, eine Infografik und ein Filmnachspann.
Was anfangs wie eine wilde und genreübergreifende Mischung von Prosa-Miniaturen und Kurzgeschichten wirkt, entfaltet sich Tag für Tag, Kapitel für Kapitel, zu einem Kaleidoskop aus Themen, Figuren, Orten, popkulturellen und historischen Verweisen, Selbstbezüglichkeiten und Erzählperspektiven, dessen einzelne Facetten mit der Zeit verborgene Querverbindungen offenbaren und sich zu einer großen, »pluridimensionalen« Geschichte entfalten – durchsuchbar mit Hilfe einer Reihe von Kategorien und Keywords (wobei Tags wie »Nous« und »K.« in den eingebauten FAQs des Blogs näher erläutert wurden).
Eine der Figuren, der Sie in den verschlungenen (und durch überraschende Querverbindungen miteinander korrespondierenden) Korridoren von Cory d’Or immer wieder begegnen werden, ist der Minotaurus. Aber lassen Sie sich von seinem monströsen Äußeren nicht täuschen: Er kann ein richtig netter Kerl sein. Auch andere Mythen- und Sagenstoffe werden im Korridorium aus neuen Perspektiven betrachtet und variiert, und einer der Korridore führt gar ins Schlaraffenland. Aber lesen Sie selbst!
Dieses E-Book präsentiert Ihnen – in einer handverlesenen Auswahl aus den 398 Kapiteln des Blogromans – die in das Korridorium eingebetteten Märchen und Mythenmetamorphosen in chronologischer Reihenfolge: Fortsetzungsgeschichten und in sich geschlossene Kurzprosa. Als Bonus ist eine unveröffentlichte Prosaminiatur über den Minotaurus angefügt, die es nicht ins Original-Blog geschafft hat.
Exklusiv für Sie als Leser eines Korridorium-E-Books erhalten Sie im Nachwort das Passwort für das Original: eine archivierte Version des gesamten fraktalen Blogromans mit allen zwischen dem 11/11/11 und dem 21/12/12 veröffentlichen Texten von Cory d’Or – inklusive der externen Links unter vielen der »Korridore« sowie aller 398 Soundtracks zu den Texten, exklusiv für das Korridorium komponiert und produziert von Tychonian Soundworks.
Weitere E-Books mit (Fortsetzungs-)Geschichten aus dem fraktalen Blogroman:
• Korridorium – ein pluridimensionaler Thriller
• Korridorium – Zeitgeistfrakturen
• Korridorium – Storys aus dem Labyrinth
• Korridorium – der SciFi-Fraktor
• Korridorium – fraktale Romanzen
• Korridorium – magische Abenteuer
• Korridorium – letzte Erkenntnisse
Die acht Korridorium-E-Books, mit Cory d’Ors freundlicher Genehmigung als E-Book-Reihe herausgegeben von Margret Phlippen, enthalten insgesamt 328 der originalen 398 Kapitel des Blogs (mit – aus inhaltlichen Gründen – sieben Dopplungen) sowie sieben bislang unveröffentlichte Bonus-»Korridore« aus der Feder von Cory d’Or, Texte, die es aus unterschiedlichen Gründen zwischen dem 11.11.11 und dem 12.12.12 nicht ins Blog geschafft haben.
14.11.11
Ich betrete den Korridor, der in das Labyrinth führt, das ich nie mehr verlassen werde. Dädalus steht hinter mir und lächelt stolz. Er hat Monate damit verbracht, es zu konstruieren und für mich einzurichten. Er nennt es »Palast«.
»Ich werde verdursten und verhungern«, sage ich. Dädalus schüttelt den Kopf: »Wirst du nicht. Unten, im Keller des Palastes, gibt es eine Quelle. Es gibt Innenhöfe mit zahlreichen Obstbäumen, und es gibt ein feuchtes Gewölbe, in dem zahllose Champignons wachsen.«
»Ich werde einsam sein«, prophezeie ich düster. Dädalus hält dagegen: »Wir werden dir immer wieder Unterhaltung schicken. Junge Männer und Jungfrauen unserer Vasallenstaaten, mit denen du verfahren kannst, wie du möchtest.«
»Fleisch«, sage ich. »Wie du meinst«, sagt Dädalus.
»Ich werde mich nach Freiheit sehnen und verrückt werden.« Dädalus scheint wenig beeindruckt: »Wirst du nicht. Der Palast wird dir unendlich groß erscheinen, und du wirst immer wieder neue Räume entdecken, neuen Wundern begegnen. Ich habe dafür gesorgt, dass du dir einen geregelten Tagesablauf gestalten kannst, mit allem, was du gerne tust. Das fängt an mit einem großen, weichen Bett aus Stroh, an das ich eine kleine Glocke gestellt habe, die – sobald die Sonne aufgeht – von einem Mechanismus angeschlagen wird. Das Bimmeln wird dann immer lauter, bis du endlich aufstehst.« Als er mich stöhnen hört, fügt er an: »Wenn du allerdings noch ein wenig weiterschlafen möchtest, kannst du den Mechanismus mit einem kleinen Hebel dazu bringen, für einige Zeit mit dem Schlagen der Glocke aufzuhören.«
»Erfindungen …« sage ich abfällig, »das ist alles, was du kannst: Dir irgendwelche Mechanismen und Vorrichtungen ausdenken. Was aber ist mit den Menschen und ihren Gefühlen?«
»Du bist kein Mensch. Jedenfalls nicht richtig.« Doch als er bemerkt, dass mir Tränen in die Augen treten, beeilt er sich zu sagen: »Aber auch an deine Gefühle habe ich gedacht, mein Lieber.«
Hoffnungsfroh sehe ich ihn an, wie er da im Eingang zu dem Korridor steht, hinter ihm der blaue Himmel und das Meer – die Freiheit, die ich jetzt zum letzten Mal sehen, riechen und hören darf.
»Ich weiß«, sagt Dädalus, »dass dir eigentlich die Königswürde zustünde. Dass ein … böses Schicksal dir dein Erbe und Anrecht verwehrt.« Er vergisst zu sagen, dass er es war, der dieses Schicksal herbeigeführt hat. Dennoch lausche ich erwartungsvoll seinen Worten. Was hat er mir zugedacht?
»Du wirst in deinem Palast«, sagte er, »einen Balkon finden, der sich auf einen großen Platz hin öffnet. Dort kannst du dich präsentieren und Reden halten. Und wenn du an dem hölzernen Knauf ziehst, den du neben der Brüstung siehst, wird dir dein Volk applaudieren und aus vielen Kehlen zujubeln.«
»Mein Volk?«
»So wird es sich anhören, ja. Ich habe lange an der Hydraulik getüftelt.«
Ich sacke in mich zusammen. Wieder nur eine mechanische Vorrichtung, eine Attrappe wie die, auf die mein Vater, der Stier, hereinfiel.
»Es wird dir gefallen. Da bin ich ganz sicher!«
Dädalus lächelt mir aufmunternd zu. Er tritt einen Schritt zurück, ins Freie, und legt einen Hebel um. Mit einem Knirschen senkt sich ein Wandstück herunter, um den Korridor zu verschließen. Ich könnte diese Stelle hier markieren, mit meinen Hörnern ein Kreuz in die Wand ritzen, damit sich sie wiederfinden und zerstören kann. Aber ich bin sicher, auch daran hat Dädalus gedacht und Mittel und Wege ersonnen, mich daran zu hindern, mich zu verwirren und zu narren und auf ewig zum Gefangenen in diesem Palast zu machen.
Er beugt sich herunter, um mir unter der langsam herabrutschenden Wand ein letztes Mal zuzuwinken.
»Sei nicht traurig! Du weißt ja …«, ruft er.
»Es ist für alle das Beste so«, wiederhole ich brav, was er mir immer wieder eingeschärft hat, »auch für mich.« Dädalus nickt lächelnd. Dann ist er hinter der Wand verschwunden. Mit einem dumpfen Laut schließt sie den Korridor ab, als habe sie immer schon dort gestanden.
Ich fühle mich ein wenig niedergeschlagen. Schließlich mache ich kehrt und betrete meinen Palast auf der Suche nach dem Balkon.
26.11.11
Ich betrete den Korridor. Den Faden, der hindurchläuft, rolle ich immer weiter auf: Ich habe bereits ein beachtliches Knäuel in der Hand. Ich sehe, dass der Faden unter einer der Türen verschwindet. Hier werde ich sie finden, hier wartet sie auf mich! Ich werfe das Knäuel achtlos von mir und laufe zu der Tür, die sich in nichts von den zahllosen anderen unterscheidet. Als ich sie öffne und mit ihrem Namen auf den Lippen hindurcheile, steht mir ein Wesen mit einem Stierkopf gegenüber und reißt mir mit einem seiner Hörner das Fleisch meiner Brust auf, legt mein Herz frei. Ich stürze zu Boden. »Er ist doch mein Bruder«, höre ich ihre Stimme ganz nah an meinem Ohr.
Wie viele vor mir? Und wie viele werden sie noch locken? Und all das viele Blut … Der Wasserfall in meinen Ohren wird lauter und lauter, bis nur noch ein alles verschlingendes Rauschen da ist, das mich gnädig in sich aufnimmt.
5.1.12
