Korridorium – letzte Erkenntnisse - Cory d'Or - E-Book

Korridorium – letzte Erkenntnisse E-Book

Cory d'Or

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Beschreibung

Die Suche nach Glück, Sinn und Selbst und danach, wie all das miteinander zusammenhängt, hält jede Menge Fallstricke, Rückschläge, Stolpersteine und Überraschungen bereit – aber auch Erfolgsmomente und beglückte Aha-Erlebnisse mit unerwarteten Einsichten. Als Anregung zum Selberdenken gehen die Heldinnen und Helden in Cory d'Ors spirituellen Kurz- und Kürzestgeschichten das Abenteuer Bewusstsein auf ganz verschiedene Weise an und kommen zu sehr unterschiedlichen, aber immer sehr lehrreichen Ergebnissen. Ursprünglich im Rahmen eines temporären Blogs und "fraktalen Romans" veröffentlicht, gibt es in "Letzte Erkenntnisse" ein Wiedersehen mit 70 der "einsichtsvollsten" und inspirierendsten Kurz- und Kürzestgeschichten aus dem Korridorium – zusammen mit der unveröffentlichten Erzählung "Bekenntnisse eines Erkenntnissuchers". (Käufer des Buchs erhalten Link und Passwort zur archivierten Originalversion des Blogs "Korridorium" mit sämtlichen 398 Texten und den dazugehörigen Soundtracks von Tychonian Soundworks.)

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Seitenzahl: 178

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Cory d'Or

Korridorium – letzte Erkenntnisse

Erzählungen, Storys, Miniaturen

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

2/398

22/398

26/398

32/398

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62/398

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76/398

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126/398

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141/398

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164/398

166/398

170/398

173/398

176/398

184/398

193/398

195/398

207/398

208/398

213/398

214/398

215/398

216/398

221/398

226/398

227/398

229/398

239/398

240/398

263/398

271/398

274/398

275/398

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280/398

283/398

289/398

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302/398

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349/398

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Bonuskorridor

Nachwort

Impressum neobooks

Vorwort

––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

1/398

11.11.11

Ich betrete den Korridor …

––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

»Ich betrete den Korridor …« Dieser unscheinbare Satz war am elften November 2011 der Startschuss für das in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche literarische Blog Korridorium.de.

Von diesem Tag an veröffentlichte Cory d’Or Tag für Tag weitere Beiträge: Storys, Fabeln, Offenbarungen, Einwürfe, Glossen und miteinander verwobene Fortsetzungsgeschichten – alle mit dem gleichen Anfangssatz und begleitet von einem Soundtrack passender Länge, komponiert und produziert von Tychonian Soundworks.

Zum angekündigten Ende des Projekts am zwölften Dezember 2012 waren es insgesamt 398 Blogeinträge, darunter auch so ausgefallene wie ein QR-Code, eine Infografik und ein Filmnachspann.

Was anfangs wie eine wilde und genreübergreifende Mischung von Prosa-Miniaturen und Kurzgeschichten wirkt, entfaltet sich Tag für Tag, Kapitel für Kapitel, zu einem Kaleidoskop aus Themen, Figuren, Orten, popkulturellen und historischen Verweisen, Selbstbezüglichkeiten und Erzählperspektiven, dessen einzelne Facetten mit der Zeit verborgene Querverbindungen offenbaren und sich zu einer großen, »pluridimensionalen« Geschichte entfalten – durchsuchbar mit Hilfe einer Reihe von Kategorien und Keywords (wobei Tags wie »Nous« und »K.« in den eingebauten FAQs des Blogs näher erläutert wurden).

Einige der Ich-Erzähler und Ich-Erzählerinnen im Korridorium stellen sich den großen Fragen und suchen nach Erkenntnis und Sinn, versuchen, sich aus der sumpfigen Beliebigkeit der Postmoderne am eigenen Schopf herauszuziehen – was nicht immer gelingt. Aber lesen Sie selbst!

Dieses E-Book präsentiert Ihnen – in einer handverlesenen Auswahl aus den 398 Kapiteln des Blogromans – die in das Korridorium eingebetteten Weisheitsgeschichten und Erkenntnissplitter in chronologischer Reihenfolge: Fortsetzungsgeschichten und in sich geschlossene Kurzprosa.

Als Bonus-Korridor ist eine bislang unveröffentlichte Erzählung von Cory d’Or angefügt: »Bekenntnisse eines Erkenntnissuchers«.

Exklusiv für Sie als Leser eines Korridorium-E-Books erhalten Sie im Nachwort das Passwort für das Original: eine archivierte Version des gesamten fraktalen Blogromans mit allen zwischen dem 11/11/11 und dem 21/12/12 veröffentlichen Texten von Cory d’Or – inklusive der externen Links unter vielen der »Korridore« sowie aller 398 Soundtracks zu den Texten, exklusiv für das Korridorium komponiert und produziert von Tychonian Soundworks.

Weitere E-Books mit (Fortsetzungs-)Geschichten aus dem fraktalen Blogroman:

• Korridorium – ein pluridimensionaler Thriller

• Korridorium – Zeitgeistfrakturen

• Korridorium – Storys aus dem Labyrinth

• Korridorium – der SciFi-Fraktor

• Korridorium – Mythenwege, Märchenpfade

• Korridorium – fraktale Romanzen

• Korridorium – magische Abenteuer

Die acht Korridorium-E-Books, mit Cory d’Ors freundlicher Genehmigung als E-Book-Reihe herausgegeben von Margret Phlippen, enthalten insgesamt 328 der originalen 398 Kapitel des Blogs (mit – aus inhaltlichen Gründen – sieben Dopplungen) sowie sieben bislang unveröffentlichte Bonus-»Korridore« aus der Feder von Cory d’Or, Texte, die es aus unterschiedlichen Gründen zwischen dem 11.11.11 und dem 12.12.12 nicht ins Blog geschafft haben.

2/398

12.11.11

Ich betrete den Korridor der schwindenden Sinne. Er wird nach hinten hin immer enger und dunkler, doch je weiter ich vordringe, desto farbenfroher und heller werden die Bilder an Wänden, Boden und Decke, und desto deutlicher werden die Klänge, die mäandernd durch den Raum schweben und manchmal auf mein drittes Ohr treffen.

»Eure Majestät, darf ich versuchen, Nemo hierher zu bringen? Ich habe da eine äußerst brillante Idee.«

Fasziniert und staunend betrachte ich die Imaginationen und Manifestationen meines Geistes, lausche der inneren Musique concrete meiner Seele.

Leider kann ich, trotz jahrelangen Trainings, nur eine kurze Zeitlang einen Rest Bewusstsein dafür bewahren, und wenig später (und viel zu schnell, immer viel zu schnell) nimmt mich Hypnos in seine Arme, umfängt mich der Schlaf.

22/398

2.12.11

»Ich betrete den Korridor wie alle anderen auch«, sagte der Meister zu seinem Besucher, als der gefragt hatte, wie er seinen Weg durchs Leben finden könne.

»Dann seid Ihr ein Sucher wie ich?«, fragte der Besucher weiter.

Doch der Meister schüttelte den Kopf: »Der Weg verzweigt sich, viele Gänge stehen zur Auswahl, lange, kurze, gerade, abknickende, über Treppen hinauf und hinunter führende – und die meisten enden als Sackgasse.«

»Das ist es ja gerade«, klagte der Besucher. »In diesem Labyrinth finde ich meinen Weg nicht.«

Wieder schüttelte der Meister den Kopf: »Labyrinth? Das wäre ein langer gewundener Gang, der in vielen Schlaufen, aber ohne Abzweigungen ins Zentrum führt. Du dagegen sprichst von einem Irrgarten.«

Der Besucher zögerte. »Und wie finde ich nun meinen Weg durch den Irrgarten?«

Ein drittes Mal schüttelte der Meister den Kopf und wiederholte: »Ich betrete den Korridor wie alle anderen auch.« Dann lächelte er. »Doch unter meinen Schritten verwandelt sich der Irrgarten in ein Labyrinth.«

26/398

6.12.11

Ich betrete den Korridor. Hier herrscht ein lustiges Treiben. Eine Frau in bunten, weiten Gewändern begrüßt mich lächelnd und mit einem Kuss auf die Stirn. Sie führt mich zu ihren Freunden, die mit ein paar Kindern um ein Feuer herumsitzen, singen, tanzen und Marshmallows braten. Ich gefalle offenbar noch weiteren Frauen aus der Gruppe. Sie betasten mich, schmiegen sich an mich und binden mir Blumen ins Haar. Als ich weitergehen will, zieht mich eine von ihnen zu Boden und bietet mir ein glimmendes Röllchen Papier an. Die Türen des Korridors – sehe ich nun – haben sie mit Fantasiewelten bemalt, mit Mandalas und Blumengirlanden.

Ich habe meinem Volk versprochen, nicht eher in meiner Suche innezuhalten, als ich das Tjurunga wiedererlangt habe, ohne das unser Schamane machtlos ist. Dennoch: Kann ich nicht kurz verweilen, mich von den Strapazen der Wanderung erholen? Vielleicht sollte ich die Sprache dieses Volks erlernen und bei ihnen in Erfahrung bringen, was mich am Ende des Korridors erwartet – und hinter den vielen Türen, die sie seit Jahren, vielleicht Jahrzehnten nicht mehr und womöglich nie geöffnet haben. Die fröhliche Stimmung dieser Menschen steckt mich an. Ja, ich bleibe: Ich nicke den Frauen zu und gebe ihnen zu verstehen, dass ich die freundliche Einladung annehme. Möglicherweise finde ich das Tjurunga ja hier bei ihnen. Mir wird ein wenig schwindlig von all den neuen Eindrücken. Der schwelende Papierstengel ist heruntergebrannt, und irgendwie weiß ich, dass der Rauch nie mehr bitter schmecken wird.

32/398

12.12.11

Ich betrete den Korridor zwischen den Zellen. Eine große Ehre! – was habe ich gebeten, gebettelt und gebetet, einmal die Chance zu bekommen, mit den alten Meisterpoeten zu sprechen, ihren Rat einzuholen, von ihrer Weisheit zu profitieren? Nun endlich, nach langen Verhandlungen, wird mir der Zutritt zum Akasha-Palast gewährt. Hier werden nicht nur ihre zeitlosen Werke sicher verwahrt, hier lebt ebenfalls ihre damalige Persönlichkeit in immerwährender Sicherheitsverwahrung fort. Nichts vergeht, auch nicht der Geist unserer Ahnen, die uns Rede und Antwort stehen, falls wir denn den Weg zu ihnen finden.

Man hat mich in den Korridor der Dichter gelassen – einen eigenen für Kurzprosatexter gibt es nicht – und wer sich von ihnen nicht nur auf Lyrik beschränkt hat, dessen Zelle öffnet sich schätzungsweise noch zu anderen Korridoren hin: Tragödien, epische Dichtung, Komödien, Chorlyrik, astrologische Deutungen …

Aber das ist nur eine Vermutung, keine Gewissheit. Die Wächter hier sind nicht sehr auskunftsfreudig. Jedenfalls scheint das Aufnahmekriterium für die Insassen der Kuss einer Muse zu sein. Hier also wohl der von Euterpe. Ich lese auf den Schildchen an den Türen Namen wie Milton, Dante, Bolo, Orpheus, Neidhart, Brant, Shiki, Bukowski, Vergil, Yeats, Tyrtaios, Tao Yuanming und viele, die ich noch nie gehört habe. Euterpe war fleißig. Oder war es Erato?

Wen soll ich hier befragen? Man lässt mir nicht viel Zeit. Ich darf einem der Dichter hinter den schweren Bohlentüren eine Frage stellen. Jahre, Jahrzehnte habe ich über diese eine Frage nachdenken können. Ich kenne sie in- und auswendig. Es ist die Frage, der Schlüssel zur Antwort hinter allen Antworten.

Der Wächter wirkt bereits ungeduldig. Aus der Zelle Bukowskis scheint ein Heulen zu dringen, aber vielleicht ist es auch der Wind der Zeit, der sich in diesen endlosen verschlungenen Korridoren gefangen hat. Mein Blick fällt auf den Namenszug Rumi. Ja! Er soll es sein! Er wird die Antwort wissen und sie mir gerne sagen. Innerlich jubiliere ich, als ich die kleine Holzplatte in der Tür zur Seite schiebe. Ja, wer könne mir besser Auskunft geben als der persische Meisterpoet und Visionär der mystischen Liebes- und Gottesekstase!

»Dschalaluddin?«, rufe ich ins Dunkel seiner Zelle. Undeutlich sehe ich dort einen Mann mit einer turbanumkränzten Derwischmütze, der sich mit ausgebreiteten Armen auf der Stelle dreht. Er strahlt, jenseits aller denkbaren Worte, eine unendliche Ruhe dabei aus, und gleichzeitig dringt mir eine unsägliche Freude, die in schimmernden Spiralen von ihm ausgeht, tief ins Herz.

Ich weiß nicht, ob ich einen Atemzug lang dort stand oder eine Ewigkeit verging. Die Hand des Wächters schiebt die kleine Holzpforte zu Rumis Zelle zu. Er geleitet mich zurück. Als ich endlich wieder im Freien stehe und der Wächter die Tore des Palasts hinter sich geschlossen hat, beginne ich mich zu drehen, langsam um meine Achse, mit ausgebreiteten Armen.

34/398

14.12.11

Ich betrete den Korridor aus verschiebbaren Plastikwänden. Die Forscher starten ihre Stoppuhr. Sie wollen testen, ob ich etwas weiß, was ich eigentlich nicht wissen kann: ob sich aus den Lernerfahrungen einzelner Individuen sogenannte morphische Felder bilden, auf die andere Individuen derselben Spezies Zugriff haben.

Ich für meinen Teil kenne den Weg durch diesen Irrgarten nicht. Aber vor mir sind unzählige andere Ratten solange hindurchgeirrt, bis sie sich die kürzeste Route zum Futter merken konnten. Einige von ihnen sind inzwischen tot und seziert – sie begleiten mich unsichtbar mit ihren Kenntnissen, helfen ihrem unwissenden Genossen, geben mir Impulse ein, hier rechts, dort links zu laufen oder Abzweigungen zu ignorieren.

Am Ziel des Parcours lasse ich mir das Dosenfleisch schmecken, die Belohnung für mich, während die Forscher ihr Ergebnis in eine Tabelle eintragen.

Alle Lebewesen haben Ahnen, die ihnen helfen. Auch die Forscher. Nur dass diese sich, ähnlich wie sie ihre unbehaarten Körper mit Fellen und Stoffen vor Auskühlung bewahren müssen, auch alle Ahnungen von sich fernhalten. Wahrscheinlich hat sich ihr Gehirn zu dem Zweck so sehr aufgebläht, dass keiner dieser schwachen Impulse mehr ins empfindsame Innere dringen kann.

So gehen sie oft und immer wieder in die Irre, bevor sie, wenn sie viel Glück haben, ans Ziel ihrer Wünsche gelangen.

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15.12.11

Ich betrete den Korridor. Wieder einmal. Es ist fast, als würde ich es jeden Tag aufs Neue tun und immer wieder denselben Korridor betreten: den zur philosophischen Fakultät. Doch ist das überhaupt möglich? Nein. Es scheint nur so. Das Ich ist nicht mehr das von gestern, und noch weniger das von letztem Jahr. Und auch der Korridor wirkt zwar wie der, den ich kenne und der mir wohlvertraut ist – mitsamt der Schleifspuren, die die metallenen Aktenschränke beim Umzug des Sekretariats auf den Fliesen hinterlassen haben, und einschließlich des schalen Geruchs aus der Zeit, als hier noch das Rauchen erlaubt war –, aber auch er kann gar nicht der von gestern sein.

Die Täuschung ist perfekt. Ich könnte schwören, dass ich genau diese Schritte hier schon einmal gemacht habe, mir genau diese Gedanken hier schon durch den Kopf gegangen sind. Selbst mit vorgehaltener Pistole könnte man mich nicht dazu zwingen, dies alles neu und unverbraucht wahrzunehmen. Obwohl: unter Lebensgefahr oder in dem Wissen, diesen Korridor zum letzten Mal zu betreten und in wenigen Augenblicken mein Leben zu verlieren, vielleicht ja doch?

Denn wie heißt es schon von alters her: »Man kann nicht zweimal denselben Korridor betreten. Auch die Seelen steigen gleichsam aus den Korridoren empor.«

41/398

21.12.11

Ich betrete den Korridor, der zu einem der Tempel in der Pirámide del Adivino in Uxmal führt. Die Maya waren großartige Baumeister, aber letztlich wurde ihnen ihr Erfolg zum Verhängnis: Eine mehrjährige Dürre zwang ihre stark angewachsene Bevölkerung trotz ausgeklügelter Bewässerungssysteme in die Knie. Sie hinterließen prächtige Bauten und einen komplexen Kalender, der – so meinen manche – das Ende unserer Welt für den 21. Dezember 2012 vorhersagt.

Eigentlich bekomme ich Panikattacken in engen Fluren und Durchgängen, doch seit ich die Halbinsel Yucatán betreten habe, überfallen mich Erinnerungen an seltsame, langvergangene Ereignisse, kommen mir die Ruinen vor, als würde ich sie in ihrem ursprünglichen Zustand kennen – diese Innenräume hier erzeugen kein Unbehagen bei mir, sondern ziehen mich im Gegenteil wie magisch an.

Habe ich meine lästige Klaustrophobie verloren, die ich in einer Art Selbstbehandlung mit einem Blog zu bekämpfen versuche? Nein, ein Rest Panik ist noch da. Aber es zeichnet sich eine deutliche Besserung ab, und die Bestrebungen, meine Ängste zu meistern, scheinen schon erste Erfolge zu zeitigen. Ich gebe mir noch genau ein Jahr! Dann wird, beschließe ich spontan noch vor Ort im Tempelkorridor von Uxmal, die Welt enden – zumindest die meines kleinen Therapie-Blogs, das ich an genau diesem Tag rigoros löschen werde als Zeichen dafür, dass ich es jetzt mit den Korridoren in naturam aufnehmen kann, den leibhaftigen aus Stein, Metall, Holz und Glas. Während dann ein ganzes Universum echter Korridore auf mich wartet, wird eine Welt ausgedachter Korridore auf einen Schlag der Vernichtung anheimfallen. Als ob die Maya es vorhergeahnt hätten …

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11.1.12

Ich betrete den Korridor. Stationen des Kreuzwegs hängen als Holzschnitzereien zwischen den groben Holztüren. Stumm (natürlich stumm) zeigt der Schweigemönch, der mich führt, auf die Tür, hinter der sich die Zelle befindet, meine neue Heimat für den Rest meiner Tage. Erst jetzt in diesem Moment wird mir im vollen Ausmaß bewusst, dass ich von nun an nie wieder ein Wort sprechen werde, geschweige denn schreiben.

63/398

12.1.12

Ich betrete den Korridor. Großformatige Schwarzweißfotos von Nashörnern hängen an den Wänden zwischen den Türen – Schnappschüsse meiner letzten Afrikareise. Einen Augenblick lang bleibe ich unschlüssig stehen. Was wollte ich hier noch? Nun, eigentlich ist es gleichgültig, welche der Türen im Korridor ich wähle oder ob ich überhaupt weitergehe – zumindest für einen Anhänger der Viele-Welten-Theorie wie mich, der davon ausgeht, dass sich durch jede Entscheidung, die getroffen wird, so viele parallele Wirklichkeiten bilden, wie alternative Entscheidungen möglich sind.

Jetzt weiß ich’s wieder: Ich will in den Rauchsalon – rechte Tür. Aber das gilt nur hier. Ein Alter Ego von mir in einer anderen, ansonsten völlig identischen Welt öffnet jetzt die linke Tür und betritt das Billardzimmer. Eine weitere Version von mir läuft einfach weiter bis zur Tür in den Garten, was ebenso eine neue Welt erschafft, die dieser hier ansonsten bis aufs i-Tüpfelchen gleicht, wie sich auch eine parallele Wirklichkeit von der meinigen abspaltet durch den von uns, der einfach kehrt macht und wieder zurück in die Küche geht, um sich da noch einen zweiten (oder dritten oder vierten …) Magenbitter zu genehmigen.

Sie verstehen, worauf ich hinauswill?

Was immer ich mache – letztlich mache ich in Form unzähliger Inkarnationen, die ebenso zahllose Parallelwelten bevölkern, alles. Allein eine banale Handlung wie das Betreten eines Korridors kreiert bereits eine Vielzahl von Welten. Und das ist keine philosophische Spinnerei, sondern schlicht die Konsequenz, die Physiker aus ausgeklügelten Experimenten ziehen.

Irgendwo im Multiversum hängen in diesem Korridor Farbfotos von Nashörnern. Oder Fotos von Giraffen. Oder von Einhörnern. Oder es sind alte Stummfilmplakate.

Irgendwo bin ich ein Einbrecher in diesem Korridor. Oder ein Besucher. Der Gerichtsvollzieher. Oder die Putzfrau.

Irgendwo toben meine Kinder durch die Gänge. Gab es einen Bürgerkrieg, und das Haus ist bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Liegt alles wie ausgestorben da, weil eine Seuche das Land entvölkert hat. Feiern ich, meine Familie und Freunde ein beschwingtes Fest, weil ab heute auf diesem Planeten endlich kein Mensch mehr hungern muss.

Schon ziemlich irre, welche Horizonte sich da eröffnen. Leider weiß ich das nur in der Theorie – meinem Gefühl nach leibt und lebt nur eine einzige Ausgabe meiner selbst, nämlich diese hier, und selbst da bin ich mir manchmal nicht ganz sicher. Momentan bin ich nämlich etwas unleidlich wegen meiner Magenverstimmung, und da hilft es mir wenig, zu wissen, dass anderswo – unerreichbar, wenn auch genauso real wie Sie und ich – ein Parallelwelten-Alias von mir verliebt ist, Schmetterlinge im Bauch hat und die ganze Welt umarmen könnte. Um nur eine von vermutlich Myriaden weiterer Realitäten zu nennen …

Und wenn Sie jetzt glauben, dass es angesichts dieser jede Vorstellung sprengenden Aussichten doch völlig gleichgültig wäre, wie man sich entscheidet oder auch nur, wie man sich fühlt: mitnichten! Das hier ist allein meins, mein ganz eigenes Ding, und kein wie auch immer gestaltetes Ebenbild von mir macht, wo auch immer, exakt diese Erfahrung. Gut, mit einer Magenverstimmung habe ich gerade eine schlechte Karte gezogen. Aber das geht vorbei. Wie steht es mit Ihnen?

Klar ist, was immer ich schreibe (und was immer Sie gerade lesen oder vorgelesen bekommen): Letztlich schreibe ich in Gestalt einer parallelen Ausgabe meiner selbst auch irgendwo das Gegenteil. Oder eine Version, die mit 140 Zeichen auskommt. Oder vielleicht sogar eine packende, emotionalere, die die Herzen meiner Leserinnen höher schlagen lässt und einen namhaften Hollywoodproduzenten auf den Gedanken bringt, das müsse ein abendfüllender Film werden.

Sie können also ganz beruhigt sein: Irgendwo im Multiversum der Quantenphysiker gibt es eine Parallelwelt, in der dieser Text oder eine alternative Les- und Spielart davon tief in Ihrem Inneren etwas anrührt, das Sie dazu inspiriert, diese, diese Welt auf Ihre ganz persönliche Weise gestalten und vielleicht sogar zu einer besseren zu machen.

(Sie können mir glauben oder nicht. Das macht für mich und für Sie keinen Unterschied, denn natürlich trifft letztlich beides zu.)

76/398

25.1.12

Ich betrete den Korridor. Es wird mein letzter Gang sein. Nur kurz werfe ich einen Blick zurück in meine Zelle, zu den Essensresten auf dem Tablett. Der Henker und ein Geistlicher, der nichts Persönliches zu sagen weiß, sondern nur Bibelverse vor sich hin murmelt, begleiten mich. Und meine Engel. Die hellschimmernden Gestalten, die niemand außer mir sehen kann, die mich besuchen kamen nach langen Monaten in der Zelle, mir plötzlich erschienen und mich seitdem nicht mehr verlassen haben. Ich höre das Rauschen ihrer langen, filigranen Flügel und ihr Flüstern. Ihr heiseres, säuselndes Flüstern, von dem ich nie ein Wort verstehen konnte. Obwohl, doch, just in diesem Moment: Hat nicht einer von ihnen direkt in mein Ohr geflüstert? Leise, gehaucht fast, aber doch verständlich? Oder bildet sich mein durch die lange Haft unzuverlässig gewordener Verstand nur ein, etwas gehört zu haben, ein Wort, ein letztes persönliches, das nur mir gilt, eine Botschaft allein für mich: Jetzt!

78/398

27.1.12

Ich betrete den Korridor. Nett, dass Sie mich begleiten. Allerdings frage ich mich, was Sie hier wollen. Was erhoffen Sie sich von diesem Korridor? Dass er Sie wo hinbringt? Dass er Ihnen Türen und Möglichkeiten eröffnet? Neue Ausblicke, Einblicke womöglich? Oder erwarten Sie gar etwas von mir? Dass ich Sie in ungesehene Welten führe und Ihnen Dinge offenbare, geheime, numinose, unsagbare Dinge – mit der wohligen Vorfreude auf Nervenkitzel und einem ehrfürchtigen Schaudern angesichts des Unglaublichen?

Gut. In dem Fall möchte ich Sie nicht länger aufhalten. Ich mache gerne kehrt und gehe meiner eigenen Wege. Nur zu, keine Scheu: Betreten Sie den Korridor.

81/398

30.1.12

Ich betrete den Korridor. Er ist breit und kurz, und an seinem Ende befinden sich zwei Türen. Die linke trägt die Aufschrift »Der leichte Weg«, die rechte die Aufschrift »Der schwere Weg«. ›Ha!‹, denke ich. ›Mich könnt ihr nicht schrecken!‹ Ich greife an mein Schwert. Mit meiner Ausrüstung, dem Training, mit dem unbeugsamen Willen: Was soll mich da schon aufhalten können? Ich lege die Hand auf die Klinke der rechten Tür. Bin ich nicht stärker als die, die schneller sind, schneller als die, die klüger und klüger als die, die stärker sind als ich? Die Tür steht bereits einen Spalt weit offen. Doch dann kommt mir unvermittelt ein ungeheurer Gedanke in den Sinn, eine Frage, die alles in Frage stellt: Wem eigentlich muss ich etwas beweisen?

Es ist die Entscheidung eines Augenblicks, und doch gibt es kein Zögern: Ich nehme die linke Tür. Bevor ich erkennen kann, was mich dahinter erwartet, erwache ich in meinem Schlafsack – und bin einige Augenblicke lang ein wenig orientierungslos, denn hier, mitten in der Wildnis auf dem Appalachen-Trail, gibt es weit und breit keine Korridore und Türen. Es war ein Traum! Ein guter Traum. Irgendwie habe ich das Gefühl, eine wichtige, lebenswichtige Entscheidung getroffen zu haben. Ich bin stolz auf mich, öffne das Zelt, genieße die schneidend kalte Morgenluft in meinen Lungen und mache mich ans Frühstück.

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4.2.12

Ich betrete den Korridor, oder besser gesagt: Ich schwebe hinein, noch etwas ungelenk mit den Flügeln schlagend. Der Korridor ist rund wie ein Bohrloch. Türen kann ich nicht erkennen. Am Ende erwartet mich ein überirdisches Strahlen, das mich mit tiefer, süßer Sehnsucht erfüllt. Ich flattere und versuche, schneller voranzukommen. Wabernde Umrisse in dem Leuchten vor mir lassen mich an Freunde und Geliebte denken, die ich schon lange vergessen habe. Ich eile voran. Obwohl: Sollte ich nicht noch einmal zurückblicken? Habe ich vielleicht etwas unerledigt zurückgelassen?

Oh, und ob!

Idreana!

Noch habe ich sie – in all den Korridoren, hinter den zahllosen Türen – nicht wiedergefunden! Ich wende mich um, auch wenn es schwerfällt, zurück zum Anfang des Tunnels. Das verführerisch schimmernde Licht hinter mir wird schwächer, und ich kann die Enttäuschung der dort auf mich Wartenden spüren.

Es tut mir leid.

Aber ich habe ihr mein Wort gegeben!

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5.2.12