Korrigierte Körper - Annelie Ramsbrock - E-Book

Korrigierte Körper E-Book

Annelie Ramsbrock

0,0

Beschreibung

Was verbindet bürgerliche Frauen des 19. Jahrhunderts mit den Verstümmelten des Ersten Weltkriegs? Was hat die "Neue Frau" der Weimarer Republik mit den Patienten der Sozialmedizin gemein? Sie alle waren Teil einer Debatte, die um kosmetisch korrigierte Körper kreiste und von Gesellschaft handelte. Annelie Ramsbrock schreibt eine Geschichte der künstlich gestalteten Schönheit vom Ende der Aufklärung bis zum Beginn des Nationalsozialismus. Dabei verdeutlicht sie, dass die Ausbildung von Schönheitsidealen immer grundlegenden gesellschaftlichen Ordnungsmustern unterlag. Zum einen zeigt sich in Bereichen wie der Transplantationsmedizin oder der Herstellung von Kosmetika die Entwicklung des naturwissenschaftlichen Wissens. Zum anderen boten korrigierte Körper eine Projektionsfläche für soziale Ordnungsvorstellungen. Indem die Geschichte der Schönheit sowohl als eine Geschichte des Wissens als auch des Wertens gedacht wird, stellt die Autorin nicht zuletzt den "Mythos Schönheit" zur Disposition.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 488

Veröffentlichungsjahr: 2012

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Annelie Ramsbrock

Korrigierte Körper

Annelie Ramsbrock

Korrigierte Körper

Eine Geschichte künstlicher Schönheit in der Moderne

WALLSTEIN VERLAG

Gedruckt mit Unterstützung der

Gerda Henkel Stiftung, Düsseldorf

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2011

www.wallstein-verlag.de

Vom Verlag gesetzt aus der Adobe Garamond

Umschlaggestaltung: Basta Werbeagentur, Steffi Riemann

Umschlagfoto: Anzeigenwerbung »Kosmetologisches Institut«,

in: Kosmetologische Rundschau, Nr. 7./8. 1937, 43.

ISBN (epub) 978-3-8353-2144-1

ISBN (pdf) 978-3-8353-2132-8

eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmundwww.readbox.net

Für Jacob

Inhalt

Einleitung

I.    Von der Weisheit zum Wissen Körper und künstliche Schönheit im 18. Jahrhundert

1. Die Idee der »inneren Schönheit«: Religiöse und moralische Argumente gegen das Schminken

2. Das Ideal der Vollkommenheit: ästhetische Fürsprachen für die Kunst des Schminkens

3. Die »trockene Toilette« und die antike Humoralpathologie

4. Der Einfluss der Naturwissenschaften: moderne Argumente gegen die »trockene Toilette«

II.   Regulierte Körper Kosmetik und Hygiene im 19. Jahrhundert

1. Zur Popularisierung der Kosmetik: Leitbilder und Regulative

2. Soziale Implikationen: Bildung, Moral und das Ideal der Natürlichkeit

3. Exkurs: Kosmetik und Normalität

III.  Renovierte Körper Medizinische Kosmetik zwischen Fin de Siècle und Weimarer Republik

1. Die kosmetische Dermatologie: chemische und physikalische Verfahrensweisen

2. Die Wiederherstellungschirurgie: Entwicklungen vom 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg

3. Zur Entstehung der Schönheitschirurgie: psychophysische und kunstanatomische Denkweisen

IV. Simulierte Körper Kosmetik und Konsum in der Zwischenkriegszeit

1. Weichenstellungen: moderne Weiblichkeit und Werbepsychologie

2. Das Gesicht: Jugendlichkeit und das Ideal der ›zweiten Natur‹

3. Die Silhouette: das Ideal der androgynen Formen und die (Un-)Ordnung der Geschlechter

4. Schönheit als Visitenkarte: eine Lust und eine Last

5. Medizin oder Konsum? Kosmetiker im Schönheitssalon

V.   Vom Wissen zum politischen Gewissen Soziale Kosmetik zur Zeit der Weltwirtschaftskrise

1. Martin Gumpert: soziale Kosmetik als Sozialmedizin

2. Schönheit als Politikum: soziale Kosmetik im Widerstreit der Sozialversicherungen

3. Sozialpolitische Maßnahmen: die »Fürsorgestellen für Entstellungskranke«

Resümee

Quellen- und Literatur

Abbildungsnachweise

Dank

Einleitung

Im Jahr 1756 fragte das Hannoverische Intelligenzblatt seine Leserinnen und Leser, ob »das Schminken oder das sogenannte Anlegen der rothen Schönfarbe sündlich« sei »oder nicht«? Manche sprachen sich gegen das Schminken aus. Es sei nicht mit der Vorstellung menschlicher Gottebenbildlichkeit zu vereinbaren. Andere erhoben es dagegen zum »allerliebsten Kammermädgen der Natur«.1 1816 suchte der Schmiedegesell Michael Schubring den Chirurgen Carl Ferdinand von Graefe auf. Schubring hatte seine Nase durch einen Säbelhieb verloren. Greafe transplantierte das fehlende Organ.2 1895 entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen die nach ihm benannten Strahlen. Schon wenige Jahre später dienten sie auch der Heilung von Hautkrankheiten.3 1896 kam ein kleiner Junge mit seiner Mutter in die Sprechstunde des Berliner Chirurgen Jacques Joseph. Physisch war das Kind vollkommen gesund, doch litt es unter so genannten »Eselsohren«.4 Es wollte eine Schönheitsoperation; Joseph willigte ein. 1903 stellte der dänische Arzt Niels Ryberg Finsen die stimulierende Wirkung ultravioletter Sonnenstrahlen auf das Gewebe der Haut fest. Da er den Versuch mit einer elektrischen Bogenlampe gemacht hatte, war ein »kosmetischer Heilfaktor ersten Ranges« entstanden: die künstliche Höhensonne.5 1918 wurde der türkische Leutnant Mustafar Ipar von Helfern des Roten Kreuzes in die Berliner Charité gebracht. Er hatte bei einer Schlacht an den Dardanellen beide Wangenknochen, die Nase, den Oberkiefer, die Lippen, die Zunge und das rechte Auge durch Granatbeschuss verloren. Nach einer aufwändigen Transplantation konnte er entlassen werden – mit einem vollständig rekonstruierten Gesicht.6 1928 portraitierte das Zeitmagazin Uhu den Harvard-Professor Bennet O. Flaxlander als neuen »Schlankheitsapostel«. Er hatte den »Pneumatischen Hüftformer« erfunden – eine Apparatur, die zur Modellierung der weiblichen Silhouette geeignet erschien.7 1933 berichtete die Vossische Zeitung: »Aus der Schönheitspflege ist die soziale Kosmetik hervorgegangen. Sie stellt eine unentbehrliche Waffe im Lebenskampf dar«. Damit habe sich die Kosmetik »durchaus und grundlegend geändert«; sie sei nicht mehr nur »einer Gesellschaftsschicht vorbehalten«.8 Kosmetik war zum Bestandteil der Sozialmedizin geworden.

*

All diese Begebenheiten, fast zwei Jahrhunderte umfassend, sind Teile einer gemeinsamen Geschichte. Sie erzählt von Schönheit und von Hässlichkeit, von Kunst und von Natur, von Gesundheit und von Krankheit, von Gesellschaft und Geschlecht, von Konsum, Kapital und Politik und dabei stets vom Körper, der, wie Carolyn Walker Bynum betont hat, entweder »überhaupt kein eigenes Thema« ist oder »so gut wie alle Themen« umfasst.9 Sämtliche Begebenheiten handeln von korrigierten Körpern, genauer: von einer Kunst, die bis heute dazu dient, die Erscheinung jeweils geltenden Schönheitsvorstellungen anzupassen. Diese Kunst wird seit dem 19. Jahrhundert als »Kosmetik« bezeichnet, was, von kosméo (ΧΟσμέω) abgeleitet, so viel wie »ordnen« und »schmücken« bedeutet.

Dieses Buch untersucht die Geschichte kosmetischer Ordnungen als Geschichte der physischen Anverwandlung gesellschaftlicher Ordnungsmodelle. Dabei geht es einerseits um die Ordnung naturwissenschaftlichen Wissens, das das kosmetische Handeln leitete, und andererseits um soziale Ordnungsmodelle, an denen sich kulturelle Lesarten kosmetischer Korrekturen ausrichteten. Zwar folgten Schönheitsvorstellungen stets ästhetischen Standards, doch soll im Folgenden verdeutlicht werden, dass es – so die grundlegende These dieser Arbeit – gleichermaßen Kulturen des Wissens und des Wertens waren, die diese Standards überhaupt erst hervorbrachten.

Indem dieses Buch die gesellschaftliche Bedeutung von Schönheit behandelt, widmet es sich einem Thema, das in den Kultur- und Sozialwissenschaften zunehmend Beachtung findet. Entsprechende Studien lenken ihre Aufmerksamkeit zumeist auf die Wirkungsmacht der schönen Erscheinung und heben ihre Bedeutung als Garant für evolutionsbiologische Vorteile10 oder Sozialprestige11 hervor. Sicherlich: Schönheit wird sinnlich erfahren, und ihre Feststellung kann persönliche und gesellschaftliche Auswirkungen haben. Und dennoch ist sie mehr als nur eine ästhetische Momentaufnahme und mehr als nur ein Agent sozialer Wirkungsmächtigkeit. Sie hat auch eine Geschichte, die erkennen lässt, dass die Ausprägung und Beurteilung schöner Körper selbst Ausdruck von gesellschaftlichen Normen ist. Schönheitsideale waren in der Moderne stets das Ergebnis von Verwissenschaftlichung und Vergesellschaftung, die beide einen wesentlichen Ausdruck in kosmetischen Korrekturen fanden. Daher war die Feststellung des schönen Körpers auch nicht nur die Sache eines »Geschmacksurteils«, sondern zudem eines »Erkenntnisurteils« im Sinne einer vermeintlich objektiven Einsicht.12 Auf welche Weise aber wandelten sich diese Erkenntnisse und Einsichten seit dem späten 18. Jahrhundert? Welche konkreten Vorstellungen von Schönheit brachten sie hervor, welche gesellschaftlichen Deutungsmuster des schönen Körpers? Diese Fragen möchte das vorliegende Buch beantworten, indem es die Geschichte physischer Schönheit als eine Geschichte ihrer technischen Erzeugung und sozialen Bewertung denkt und analysiert.

Die stete Veränderung der kosmetischen Wissensordnung ist daher ein wesentlicher Aspekt dieses Buches, das keinem heute gängigen Verständnis von Kosmetik folgt und keine Geschichte des Schminkens schreibt.13 Stattdessen nimmt es den wissenshistorischen Bedeutungswandel des Begriffs »Kosmetik« ernst und beleuchtet eine Reihe von Verfahren, die in der Moderne ausgebildet wurden, um Körper im Namen der Schönheit zu gestalten. Was meint aber »Kosmetik«? Seit der Begriff erstmals 1853 in die Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände aufgenommen wurde, bedeutete er zwar »Salben, Puder und besonders Schminke«, doch wies das Lexikon zugleich darauf hin, dass »kein vernünftiger Mensch« darin die »wahren Schönheitsmittel« suchen würde.14 Seitdem meint Kosmetik stets mehr: im 19. Jahrhundert moderne Hygiene; im frühen 20. Jahrhundert kosmetische Dermatologie und Schönheitschirurgie; nach dem Ersten Weltkrieg auch medizinisch-technische Apparaturen zum Hausgebrauch und am Ende der Weimarer Republik zudem »soziale Kosmetik«.

Die Verwissenschaftlichung der Kosmetik

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung liegt es nahe, die Geschichte der Kosmetik zunächst als Geschichte von Verwissenschaftlichung zu denken. Damit fügt sich dieses Buch in eine Reihe von Studien, die in den vergangenen Jahren verfasst wurden, um die gesellschaftlichen Auswirkungen moderner natur- und sozialwissenschaftlicher Erkenntnisprozesse aufzuzeigen.15 Schon Max Weber hatte das zentrale Element dieses Prozesses beschrieben: den Glauben an die prinzipielle Berechenbarkeit und Beherrschbarkeit aller vermeintlich natürlichen und sozialen Phänomene.16 Dass zu diesen nicht nur die Lebenswelt des Menschen zählte, sondern auch der Körper und die Psyche, konnten historische Studien mittlerweile zeigen. Sei es am Beispiel der Physiologie,17 der Biologie,18 der Kriminologie19 oder der Psychiatrie;20 sie alle stellen einen Beitrag zur neueren Wissenschaftsgeschichte dar, die sich nicht mehr als ein bloßer »Erinnerungsdienst« an prominente Wissenschaftler und ihre Entdeckungen versteht, sondern »die historische Dimension des Wissens und seine Repräsentationsformen, seine grundlegenden Kategorien und Medien, seine Praktiken und kulturellen, sozialen und ökonomischen Verwebungen« aufdecken will.21

Diese Arbeiten greifen, mal mehr und mal weniger explizit, die Erkenntnistheorie des polnischen Mikrobiologen und Wissenschaftstheoretikers Ludwik Fleck zur »Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache« auf, die erstmals 1935 auf Deutsch erschien.22 Darin hat Fleck das Konzept der diskursiven Eigenlogik (natur)wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse in Frage gestellt und stattdessen die Bedeutung des wissenschaftlichen »Denkkollektivs« als »Träger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes, eines bestimmten Wissensbestandes und Kulturstandes, also eines besonderen Denkstiles« hervorgehoben.23 Wissenschaftler seien aufgrund ihrer Zeitgenossenschaft an bestimmte »Denkstile« gebunden, als ein »gerichtetes Wahrnehmen, mit entsprechendem gedanklichen und sachlichen Verarbeiten des Wahrgenommenen«,24 weshalb ihr Erkenntnisgewinn auch als Ausdruck von historischen und sozialen Faktoren verstanden werden müsse. Auf welche Weise diese Denkfigur für die Geschichte der humanwissenschaftlichen Wissensproduktion nutzbar gemacht werden kann, ist zwar im Hinblick auf den menschlichen Körper untersucht worden, doch bewegen sich entsprechende Studien vor allem ›unter der Haut‹.25 Dass aber auch die Körperoberfläche das Interesse von ›Denkkollektiven‹ auf sich zog und ebendaran die Verflechtung von wissenschaftlichen Erkenntnisprozessen und gesellschaftlichen Ordnungsmodellen deutlich gemacht werden kann, hat die Wissenschaftsgeschichte dagegen kaum beachtet.

An diesem Punkt setzt die vorliegende Arbeit an und fragt erstens nach den verschiedenen Archiven des Wissens, aus denen sich die Kosmetik vom späten 18. Jahrhundert bis zum Ende der Weimarer Republik bediente. Dabei zeigt sich, dass ihre Denkfiguren und ihre Handlungsmaximen im Verlauf von hundertfünfzig Jahren mit disparaten Kulturen des Wissens verwoben waren: zunächst mit den Erkenntnissen der Pharmazie, der Pharmakologie und der Physiologie, sodann mit denen der Radiologie, der Bakteriologie, der Chirurgie und der Psychologie und schließlich mit denen der Sozialmedizin. Diese Verflechtung lässt deutlich erkennen, dass die Kosmetik, selbst wenn sie sich stets wissenschaftlich gab, keine Wissenschaft im engeren Sinn war. Sie produzierte keine eigentlichen humanwissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern schöpfte aus denjenigen Wissensbeständen, die zu verschiedenen Zeiten über Konzepte von Gesundheit und Krankheit entschieden.

Dennoch kann die Geschichte korrigierter Körper als eine Geschichte der Verwissenschaftlichung begriffen werden. Zum einen verweist sie auf den Transformationsprozess von natur- und sozialwissenschaftlichem Wissen in den Bereich der Schönheitsproduktion; zum andern lässt sie eine Abfolge von Entwicklungen erkennen, die als paradigmatisch für Verwissenschaftlichungsprozesse beschrieben worden sind: 1. die wissenschaftliche Thematisierungund Problematisierung eines Phänomens, das in vormodernen Gesellschaften nicht wissenschaftlich behandelt oder gedeutet worden ist:26 Auch die künstliche Herstellung von Schönheit rückte erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts ins Blickfeld der Medizin, nachdem die modernen Naturwissenschaften die Deutungsmacht über die Funktionen des menschlichen Körpers von der Naturgeschichte übernommen hatten. 2. die Ausdifferenzierung und Professionalisierung neuer medizinischer Fachdisziplinen:27 Gegen Ende des 19.Jahrhunderts vereinten sich die kosmetische Dermatologie und die Schönheitschirurgie zu einer medizinischen Kosmetik und entwickelten physikalische und operative Verfahren zur nachhaltigen Modellierung der Körperoberfläche. 3. die Verwissenschaftlichung des Sozialen:28 Zwar hatten Mediziner ihre Forschungen schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts auf gesellschaftliche Probleme bezogen, doch erhoben sie Schönheitsfehler erst zur Zeit der Weltwirtschaftskrise zu einem milieubedingten sozialen Nachteil und entwickelten »soziale Kosmetik« als spezifische Form staatlicher Fürsorgebemühungen.

Um die jeweiligen Kennzeichen des kosmetischen Verwissenschaftlichungsprozesses herausarbeiten zu können, geht das erste Kapitel in die 1750er Jahre zurück und beleuchtet die wissenschaftlichen Voraussetzungen für die Entstehung moderner Kosmetik. In einem ersten Schritt werden Schönheitsdebatten in zeitgenössischen Intelligenzblättern untersucht, die zu verstehen geben, dass die Herstellung von Schönheit vornehmlich in der Anwendung von Puder und Schminke bestand. Zugleich lassen diese Abhandlungen erkennen, dass die Bewertung des Schminkens zumeist religiösen bzw. philosophischen Anthropologien folgte. In einem zweiten Schritt werden Gesundheitskatechismen und populärwissenschaftliche Schriften des späten 18. Jahrhunderts analysiert, die auf einen epistemischen Wandel in der Beurteilung des geschminkten Gesichts verweisen. Die Entstehung und Entwicklung der empirisch-experimentell denkenden Naturwissenschaften hatten das Wissen von der Anatomie und den biochemischen Vorgängen im Körper radikal verändert. Einerseits erkannte die moderne Physiologie die Stoffwechselfunktionen der Haut und hob die gesundheitliche Bedeutung gereinigter Poren hervor. Andererseits machte die moderne Pharmakologie darauf aufmerksam, dass Quecksilber, Blei und Zinnober als Bestandteile der Schminken toxisch seien und durch die Haut ins Körperinnere geleitet würden. Beides, das Wissen der Physiologie und das der Pharmakologie, wurde schließlich von Ärzten herangezogen, um auf die negativen Folgen des Schminkens hinzuweisen und die Herstellung von Schönheit eng mit der Gesundheitspflege zu verknüpfen.

Das zweite Kapitel zeigt, dass ebendiese Entwicklung den Beginn des kosmetischen Verwissenschaftlichungsprozesses markierte. Darin werden die Strukturen, Medien und Regeln des kosmetischen Diskurses im 19. Jahrhundert untersucht, und es wird nach den Denkfiguren gefragt, die das moderne kosmetische Handeln leiteten. Wissenschaftsgeschichtlich betrachtet war es die moderne Hygiene, die zum leitenden Paradigma der Gesundheitspflege wurde. Allerdings war Hygiene mehr als nur ein »Zauberwort der Moderne« und stellte mehr als nur den »Ort der Gesundheit« dar;29 sie hatte auch konkrete Auswirkungen auf die Wahrnehmung und Herstellung von Schönheit und bestimmte die kosmetischen Paradigmen. Auf welche Weise aber die Kosmetik die hygienische Ordnung zu ihrer Leitidee machte und die Herstellung von Schönheit diesem Wissen sowohl normativ als auch in der praktischen Anwendung unterordnete, ist in diesem Zusammenhang eine zentrale Frage. Es wird verdeutlicht, dass Kosmetik wie Hygiene primär zu einem Verhaltensideal wurde, das Ärzte im Namen der Schönheit anleiteten. Was verstanden diese Männer konkret unter ›normalem Verhalten‹? Welche Umgangsweisen mit dem eigenen Körper empfahlen sie? Inwieweit spielten Umweltfaktoren bei der Herstellung von Schönheit eine Rolle? Da die kosmetische Wissensordnung von populärwissenschaftlichen Schönheitsratgebern verbreitet wurde, wird zudem deutlich werden, wie eng Verwissenschaftlichungs- und Popularisierungsprozesse schon in der Entstehungsphase moderner Kosmetik miteinander verwoben waren. Schließlich geraten auch die Adressaten dieser Bücher in den Blick. Da sie sich zumeist an »gebildete Frauen« wandten,30 aber zugleich keine klassischen Bildungswerte vermittelten, wird abschließend der Frage nach ihrem spezifischen Bildungsauftrag nachgegangen und das Verhältnis von Schönheitsproduktion und bürgerlicher Selbstbildung ausgelotet.

Im dritten Kapitel geht es um die Entstehung der professionellen medizinischen Kosmetik um die Wende zum 20. Jahrhundert. Auch hier geraten zunächst die epistemischen Voraussetzungen in den Blick. Aus der Bakteriologie war seit den 1870er Jahren die Dermatologie hervorgegangen, die Hautkrankheiten nun als Folge bakterieller Infektionen behandelte. Außerdem konnte mit den Entdeckungen von Asepsis und moderner Anästhesie in den 1840er Jahren das Operationsspektrum deutlich erweitert werden: Die Gefahr von Infektionen und der Schmerz beim Schnitt in den Körper hatten infolge dieser Errungenschaften deutlich nachgelassen. Beide Entwicklungen sollten Einfluss auf die Herstellung von Schönheit nehmen, die damit zunehmend in das Betätigungsfeld von Ärzten rückte.31 Mit welchen Begründungsmustern Dermatologen und Chirurgen eine medizinische Kosmetik etablierten und welche medizinisch-technischen Apparaturen und Operationstechniken sie entwickelten, um Körper professionell zu korrigieren, sind dabei die leitenden Fragen. Medizinische Handbücher und Fachzeitschriften, von Ärzten für Ärzte geschrieben, liegen diesem Kapitel als Quellen zugrunde. Sie geben einerseits Auskunft über medizinische Verfahrensweisen, andererseits verweisen sie auf neuartige Konzepte von Schönheit, die im Zuge dieser Entwicklung entworfen wurden. Obwohl sich diese Konzepte grundlegend vom Schönheitsideal des 19. Jahrhunderts unterscheiden, ging es der Kosmetik nach wie vor um die Herstellung von Normalität als Ausdruck von Gesundheit. Während der kosmetischen Dermatologie medizinisch anerkannte Kriterien zur Bestimmung der pathogenen Epidermis zur Verfügung standen, war die Schönheitschirurgie mit der Aufgabe konfrontiert, das ›normale‹ bzw. ›pathologische‹ Profil des Gesichtes als ihren wesentlichen Behandlungsgegenstand überhaupt erst bestimmen zu müssen. Wie veränderten sich dabei die Begründungsmuster für operative Eingriffe in den Körper, die bis dahin nur im Namen der physischen Gesundheit vorgenommen wurden? Welchem Normalitätsverständnis folgten sie, und welche konkreten Konzepte von Gesundheit gingen daraus hervor? Welche Techniken und Apparate wurden zur Vermessung des Körpers herangezogen bzw. entwickelt, und auf welche Weise konnten ›objektive‹ Daten dazu beitragen, das neue Wissen von den ›normalen‹ Formen zu stabilisieren?

Da der Professionalisierungsprozess der Schönheitschirurgie in einem engen Zusammenhang mit Entwicklungen in der Wiederherstellungschirurgie steht, behandelt das dritte Kapitel auch die Denk- und Verfahrensweisen dieser medizinischen Fachdisziplin. Dazu werden entsprechende Lehrbücher und Operationsprotokolle herangezogen, die seit dem 19. Jahrhundert verfasst wurden. Eine besondere Stellung nimmt der Erste Weltkrieg ein, den Schönheitschirurgen als ihren »großen Lehrmeister« bezeichneten.32 Anhand von Archivmaterial aus der Berliner Charité, konkret: der Abteilung für Gesichtsplastik, die von Juni 1916 bis Januar 1922 von der Heeresleitung unterhalten wurde, wird erkennbar, dass die Gesichtsverletzten ein bis dahin nicht dagewesenes chirurgisches Experimentierfeld boten, auf dem sich die Handlungsmaximen der Wiederherstellungschirurgie mit denen der Schönheitschirurgie verknüpften.

Das vierte Kapitel verdeutlicht, dass zu den zentralen Instanzen der Popularisierung kosmetisch-medizinischen Wissens in den zwanziger Jahren die Kosmetiker und Kosmetikerinnen gehörten. Sie waren keine Ärzte, strebten aber wie die Schönheitschirurgen nach der Anerkennung ihre Profession als Heilberuf. Dazu machten sie sich neben dermatologischen Erkenntnissen auch die Anwendung von Techniken zunutze, die von der Apparatemedizin bereits Ende des 19. Jahrhunderts zur Heilung von Hautkrankheiten bereitgestellt worden waren. Kosmetiker arbeiteten vornehmlich in klinisch eingerichteten Schönheitssalons und organisierten sich Ende der zwanziger Jahre in einem Berufsverband. Dadurch unterstrichen sie ihren Expertenstatus. Zudem gründeten sie eigene Fachzeitschriften und verfassten eigene Ausbildungsstatuten, die deutlich machen, dass der Professionalisierungsprozess dieser Berufsgruppe von der gleichzeitigen Aneignung medizinischen Wissens und der Abgrenzung zur professionellen Dermatologie gekennzeichnet war. Dass sich Kosmetiker darüber hinaus als Konkurrenten der kosmetischen Industrie verstanden, wirft die Frage auf, inwieweit diese Profession nicht selbst als ein Produkt der modernen Konsumgesellschaft verstanden werden muss. Dazu werden die Schönheitssalons und der kosmetische Berufsverband als Orte der Schönheitsvermittlung untersucht und gezeigt, inwiefern medizinisches Wissen und moderner Konsum miteinander verflochten waren.

Das fünfte Kapitel zeigt schließlich, dass durch die zunehmende Möglichkeit des kosmetischen Konsums ganz neue soziale Problemlagen entstanden, aufgrund derer sich das Betätigungsfeld der Sozialmedizin ausweitete. Hatte diese ihr Augenmerk bis dahin auf Krankheiten wie Syphilis, Tuberkulose oder Alkoholismus gerichtet, die sich aus den oft erbärmlichen Lebensverhältnissen der sozialen Unterschichten ergaben, identifizierte sie in den Jahren der Weltwirtschaftskrise auch die »Entstellung« als eine »soziale Krankheit«. Das »riesige Angebot von Arbeitskräften«, so die Beobachtung von Sozialmedizinern, bringe »eine gewisse physische Auslese« mit sich.33 Deshalb entwickelten sie ein sozialstaatliches Programm für »soziale Kosmetik«, das auf den Handlungsprinzipien öffentlicher Fürsorgestellen beruhte. Vor diesem Hintergrund wird gezeigt, in welchem Maße die »Verwissenschaftlichung des Sozialen« Raum griff und auch die »soziale Kosmetik« an der »Konstruktion der sozialen Welt« beteiligt war.34 Welche Ursachen identifizierten Sozialmediziner in dieser Phase der Verwissenschaftlichung für äußere Makel als ein vermeintlich dringliches Problem der Mittellosen? Mit welchen Begründungen nahmen sie für sich in Anspruch, auch dieses Problem lösen zu können? Welche Vorstellungen von Gesundheit entwickelten sie? Welche Konzepte von Normalität? Weiter wird herausgearbeitet, aus welchen Gründen sich die sozialmedizinischen Experten mit ihrer »sozialen Kosmetik« im sozialpolitischen Feld nur bedingt durchsetzen konnten und mit welchen öffentlichen Ressentiments sie sich auseinandersetzen mussten. Abschließend stellt sich die Frage, welche konkreten Möglichkeiten sich denjenigen boten, die glaubten, von äußeren Makeln gezeichnet zu sein, allerdings keine finanziellen Mittel für eine kosmetische Behandlung hatten, und welche Instanzen es waren, die ihre vorgebrachten Leiden am Ende verwalteten. Als Grundlage dienen hier der Sozialmedizin nahestehende Fachzeitschriften, die Tagespresse mit ihrer emphatischen Debatte über die Notwendigkeit »sozialer Kosmetik« sowie die Selbstzeugnisse des Sozialmediziners Martin Gumpert und der Nachlass des Sozialpolitikers Julius Moses, der beiden wichtigsten Wegbereiter »sozialer Kosmetik«.

Kosmetik und Vorstellungen von Normalität

Obwohl die Geschichte der Kosmetik so weit als eine Geschichte ihrer Verwissenschaftlichung geschrieben werden kann, ist sie damit noch nicht angemessen zu erfassen. Denn: Was verbindet bürgerliche Frauen des 19. Jahrhunderts mit den Gesichtsverletzten des Ersten Weltkriegs? Was haben Kundinnen von Kosmetikinstituten mit den Patienten »sozialer Kosmetik« gemein? Kann es allein die Beobachtung sein, dass ihre Körper alle zum Gegenstand von Verwissenschaftlichung wurden? Oder deuten die disparaten Wissenskulturen sowie die verschiedenen Adressaten der Kosmetik nicht vielmehr an, dass es sich um unterschiedliche Geschichten handelt, die keinen gemeinsamen Fluchtpunkt haben? Die Geschichte der Kosmetik stellt zwar eine Geschichte von Verwissenschaftlichung dar, sie umfasst allerdings zugleich verschiedene Geschichten des Wissens. Dennoch haben diese Geschichten einen Fluchtpunkt, ein gleiches Thema, das die Schönheitsdiskurse leitete und das kosmetische Handeln bestimmte: die Vorstellung von Normalität – eine neue »Leitidee«, die sich im 19. Jahrhundert »langsam gegenüber älteren, diätetischen Vorstellungen der Gesundheit« durchsetzte und in die verschiedensten Gesellschaftsbereiche diffundierte.35

Dass der Körper zu diesen Bereichen zählte und Vorstellungen von Normalität unterworfen wurde, ist mittlerweile unumstritten.36 Dabei haben körper- und wissenshistorische Arbeiten gezeigt, dass die modernen Naturwissenschaften sich diverser Messinstrumente wie Uhren, Waagen, Thermometer oder Pulsmessgeräte bedienten, um die Natur des Körpers als »objektiv, rational und wissenschaftlich« zu beschreiben.37 Stets ging es ihnen um dasselbe Ziel: die »Kenntnis pathologischer und abnormer Zustände«, die, wie Claude Bernard bereits 1865 für die Konzeption der wissenschaftlichen Medizin konstatierte, nur über die Einsicht in den »Normalzustand« gewonnen werden könne.38 Das allerdings entsprach nicht nur dem allgemeinen Anspruch der Naturwissenschaften, sondern auch dem Anspruch der Kosmetik. Doch anders als der Medizin standen ihr keine besonderen Vermessungstechniken zur Verfügung, um die Natur des schönen Körpers objektiv zu erfassen. Genauer: Die Kosmetik entwickelte dazu (mit Ausnahme der Schönheitschirurgie) keine spezifischen Apparate und Verfahren. Stattdessen erhob sie den korrigierten Körper (und das gilt wiederum auch für die Schönheitschirurgie) zu einem Dispositiv medizinischen Wissens, indem sie Vorstellungen von Schönheit mit normativen Konzepten von Gesundheit verknüpfte.

Vorstellungen von Gesundheit, das ist in der Forschung ebenfalls unstrittig, können nicht ohne gesellschaftliche Zusammenhänge verstanden werden, innerhalb derer sie entstehen und Geltung gewinnen. Das formulierte der Schweizer Arzt und Medizinhistoriker Henry E. Sigerist bereits in den 1930er Jahren, wenn er schrieb: »Wir erkennen, daß die Medizin aufs engste verknüpft ist mit der allgemeinen Kultur, daß jede Wandlung im medizinischen Denken bedingt ist durch die Wandlungen in der Weltanschauung ihrer Zeit.«39 Da sich die kosmetischen Verfahrensweisen an vorherrschenden Konzepten von Gesundheit ausrichteten, waren sie wie die Medizin mit der ›allgemeinen Kultur‹ und ihren Vorstellungen von Normalität verwoben. Deshalb kann auch für die Wissensgeschichte der Kosmetik angenommen werden, was schon im Anschluss an Niklas Luhmann für die Soziologie beobachtet worden ist: Sie ist »selber nur ein Teil, eine besondere Ausdrucksform der Selbstbeschreibung der Gesellschaft«, wodurch »die strikte Trennlinie zwischen wissenschaftlichen und alltagsweltlichen Deutungen der Wirklichkeit ein Stück weit eingeebnet wird und die Wissenschaftsgeschichte ein Teil der allgemeinen Mentalitäts- und Ideengeschichte werden kann«.40

Insofern können auch Gesundheitskatechismen und Schönheitsratgeber, medizinische Handbücher, Fachzeitschriften und Lehrbücher von Kosmetikern, Zeitmagazine und kosmetische Werbeanzeigen sowie sozialmedizinische und sozialpolitische Schriften zur »sozialen Kosmetik« als Texte gelesen werden, die sowohl die zu ihrer Zeit möglichen kosmetischen Techniken vermittelten als auch auf gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität verweisen, die historisch so wandelbar sind wie die Archive des Wissens, aus denen sich die Kosmetik bediente. Da Vorstellungen von Normalität auf jeweils anerkannten Werten beruhen, ist davon auszugehen, dass diese Werte auch Eingang in Schönheitsideale fanden.

Um die jeweiligen Verflechtungen von wissenschaftlichen und kulturellen Ansichten des Normalen in den Blick zu bekommen, werden verschiedene Konzepte von Normalisierung für die Analyse fruchtbar gemacht. So lässt sich die Kosmetik des 19. Jahrhunderts auf den von Jürgen Link geprägten Begriff des »normalen Verhaltens« bringen, das er als wesentlich für moderne Vergesellschaftungsprozesse erachtet;41 in diesem Zusammenhang ließe sich auch von einer »Disziplinierung« im Sinne Michel Foucaults sprechen, also von einer bewussten An- und Einpassung von Körpern an und in ein bestimmtes Regulativ.42 Die kosmetischen Denk- und Handlungsweisen im frühen 20. Jahrhundert (der Schönheitschirurgie ebenso wie der »sozialen Kosmetik«) knüpfen hingegen an die Überlegungen des französischen Wissenschaftsphilosophen George Canguilhem an, der zeigen konnte, dass Annahmen des Pathologischen nicht nur auf der quantitativen Verschiebung vom naturwissenschaftlich bestimmten Normalzustand beruhen, sondern sich ebenso aus der »Beziehung des Organismus zu seiner Umwelt« ergeben.43 Auf welche Weise wissenschaftliche und soziale Konzepte von Normalität eine Repräsentanz in Schönheitsvorstellungen fanden, ist eine Frage, die über den gesamten Untersuchungszeitraum verfolgt wird und die Klammer um die verschiedenartig korrigierten Körper und die unterschiedlichen Adressaten der Kosmetik bildet.

Da korrigierte Körper somit gleichermaßen das Produkt von medizinischen und gesellschaftlichen Normen waren, sie nicht nur hergestellt wurden, sondern stets auch sozialen Deutungen unterlagen, stellen sie zudem ein gesellschaftliches Ordnungssystem dar und geben Auskunft über soziale, kulturelle und politische Werte. Sie dienten der Gesellschaft, so lautet deshalb eine weitere Grundannahme, als eine besondere Spielart ihrer Selbstbeschreibung und dem Einzelnen zur praktischen Selbstreflexion. Welche konkreten sozialen Ordnungsmuster spiegelten sie, welche Strukturen von Gesellschaft? Mit welchen spezifischen Werten wurden sie verbunden? Das ist ein zweiter Fragezusammenhang dieses Buches.

Korrigierte Körper als Ort gesellschaftlicher Selbstbeschreibung

Dass Körper kulturell codiert sind und wissenschaftliche Denksysteme wie soziale Repräsentationen und politische Handlungsmaximen zum Ausdruck bringen, haben körperhistorische Arbeiten vielfach deutlich gemacht.44 Ebenso ist der Körper als Träger sozialer Symbole und als Medium der Selbstinszenierung untersucht worden.45 Sowohl geschichtswissenschaftliche wie soziologische Studien haben dabei auf die klassische Unterscheidung von Natur und Kultur Bezug genommen. Eine solche Lesart des Körpers folgt einer Denkfigur, die seit den 1960er Jahren von der Sozialanthropologie verbreitet wird. Insbesondere Mary Douglas hat auf die enge Verflechtung des »individuell-physischen« und des »gesellschaftlich-symbolischen« Körpers hingewiesen und das Ganze auf die Formel des »sozialen Körpers« gebracht:46 Der Körper als »soziales Gebilde« steuert einerseits die Art und Weise, wie er als »physisches Gebilde« angesehen wird; andererseits werde in der durch soziale Kategorien modifizierten Wahrnehmung des Körpers eine »bestimmte Gesellschaftsauffassung« manifest. Zwischen dem sozialen und dem physischen »Körpererlebnis« findet demnach ein »ständiger Austausch von Bedeutungsgehalten« statt, bei dem sich beide wechselseitig stärken. Infolge dieser »beständigen Interaktion« sei der Körper ein »hochgradig restringiertes Ausdrucksmedium«: ein Symbol, das allein im Kontext seiner Verwendung an Bedeutung gewinnt.47 Douglas erläuterte: »Ein für unterschiedliche Kulturen gültiges, allgemein menschliches Symbolsystem, ist schlechterdings unmöglich, denn erstens entwickelt sich jedes Symbolsystem eigenständig, nach bestimmten, ihm innewohnenden Regeln, zweitens unterliegt es den formenden Einflüssen unterschiedlicher kultureller Umwelten, in denen dann unterschiedliche Sozialstrukturen noch ein weiteres Moment der Variabilität bilden.«48 Demnach können physische Symbole nur dann sinnstiftend wirken, wenn sie systematisch mit jeweils geltenden gesellschaftlichen Werten verbunden werden. Wenn aber nicht einmal die »Natur« des Körpers ein in allen Kulturen gleichermaßen zu lesendes Symbol ist, so liegt es erst recht nahe, kosmetische Korrekturen als Symbole zu deuten, die nur in Zeit und Raum sozialen Sinn gewinnen können.

Auf welche Weise die korrigierten Körper als symbolhafte »soziale Körper« wahrgenommen wurden, wird in diesem Buch, das ist schon hervorgehoben worden, anhand historisch wandelbarer Vorstellungen von Normalität erschlossen. Dabei wird einerseits deutlich, dass Vorstellungen von Normalität eng mit Konzepten von Gesundheit verflochten waren; andererseits zeigt sich das, was Mary Douglas dem »sozialen Körper« an sich zusprach: dass der »Wert«, der den Symbolen der Körperkontrolle beigemessen wird, »um so höher« sei, »je höher die sozialen Zwänge« bewertet werden.49 Tatsächlich wurden Konzepte von Gesundheit im kosmetischen Denken stets erweitert – von der organischen über die psychische zur ›sozialen Gesundheit‹; zugleich erfasste der gesundheitliche Wert der Kosmetik nach und nach alle sozialen Schichten: vom Bürgertum im 19. Jahrhundert über die »neue« Mittelschicht der Angestellten in der Weimarer Republik bis zu den sozialen Unterschichten in den Jahren der Weltwirtschaftskrise. Diese Entwicklung legt die Annahme nahe, dass Kosmetik als ein spezifisches Mittel zur Formung der Gestalt nicht nur peu à peu immer mehr Menschen die Möglichkeit der Körperinszenierung bot. Offenbar gab es außerdem eine zunehmende Schönheitspflicht, der sich am Ende der 1920er Jahre keine Gesellschaftsschicht mehr entziehen konnte.

Vor diesem Hintergrund kann die Kosmetik in Anlehnung an Mary Douglas ebenfalls als eine Form der »Körperkontrolle« verstanden werden. Dabei geht es allerdings nicht um die Relation von Mensch und Maschine und nicht um die Frage nach dem »Technischen« am Körper und dem »Lebendigen« an der Technik, die zunehmend zur Diskussion steht;50 auch geht es nicht um die ethisch-moralische Beurteilung der Amalgamierung von Mensch und Maschine.51 Da mit kosmetischen Praktiken stets gesellschaftliche Werte zum Ausdruck gebracht wurden, liegt es weit näher, ihre Kontrollfunktion auf sozialer Ebene zu vermuten, konkret: in der persönlichen Selbstkontrolle. Doch anders als es soziologische Studien im Hinblick auf die heutige Bedeutung von Kosmetik – insbesondere die Schönheitschirurgie – nahelegen, schlug »das menschliche Streben nach Selbstperfektion« im Verlauf der Moderne keinesfalls in »Selbstzerstörung« um.52 Vielmehr will diese Arbeit darauf hinlenken, dass die korrigierten Körper als ein Medium der Selbstbildung dienten, die in der physischen Anverwandlung solcher Werte bestand, die zu verschiedenen Zeiten als gesund und normal angesehen wurden.

Auf einer zweiten Ebene wird deshalb verdeutlicht, inwieweit der kosmetische Verwissenschaftlichungsprozess mit der fortschreitenden sozialen Ausdifferenzierung der Gesellschaft korrespondierte.

Wie eng die Wahrnehmung des Physischen mit moralischen Wertsetzungen verflochten war, lässt sich schon im Schönheitsdiskurs des 18. Jahrhunderts erkennen, den deshalb das erste Kapitel in den Blick nimmt. Doch es waren erst die Schönheitsratgeber des 19. Jahrhunderts, die ein ›natürliches‹ Schönheitsideal systematisch mit den Werten der Aufklärung verknüpften. Dass es diesen Büchern nicht nur um den »normalen Zustand« des weiblichen Organismus ging,53 sondern ebenso um den der Gesellschaft, wird im zweiten Kapitel herausgearbeitet. Da Ulrike Döcker bereits gezeigt hat, dass Gesundheit zu einer Chiffre für die »leibhaftige Vernunftbegabtheit des Mittelstandes« geworden war, stellt sich die Frage, inwieweit auch die korrigierten Körper »zu einem Beweis höherer Bildung und größerer Begabung für gesellschaftliche Beziehungen und damit auch zu einem Mittel der sozialen Distinktion« gemacht wurden.54 So sprachen aus der Kritik am Schminken zwar stets die Sorgen um die Physiologie, darüber hinaus diente sie aber als eine Strategie bürgerlicher Selbstbeschreibung. Während Natürlichkeit zu einem Symbol für Tugend und Sittsamkeit erhoben wurde, erklärten diese Bücher das geschminkte Gesicht zum Zeichen von Luxus und Frivolität. Allerdings finden sich in ihren Anhängen immer auch Rezepte zur Herstellung von Schminken, was die Frage aufwirft, mit welchen Begründungsmustern diese Mittel Akzeptanz finden konnten und ob die darin zum Ausdruck kommende Ambivalenz zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit nicht schon als Teil bürgerlicher Selbstbeschreibung zu begreifen ist. Dass sich die Schönheitsratgeber explizit an Frauen wandten, obwohl sie Gesundheit als universellen Wert verhandelten, muss ebenfalls als Ausdruck bürgerlichen Ordnungsdenkens verstanden werden. Da sie nicht nur die Herstellung physischer Schönheit anleiteten, sondern zudem bestrebt waren, die »Idee der Schönheit« als weiblichen Teil der Geschlechtscharaktere zu regulieren,55 stellt sich abschließend die Frage nach dem Verhältnis von Kosmetik und weiblicher Lebensführung.

Im Rahmen der Schönheitschirurgie, die im dritten Kapitel behandelt wird, steht nicht mehr die Gesundheit der Gesellschaft, sondern die des Individuums im Vordergrund. Während es in einigen anderen Wissenschaften um die Jahrhundertwende, wie beispielsweise der Eugenik, weiterhin um die Gesundheit der Gesellschaft ging,56 zeigt sich bei der medizinischen Kosmetik, dass diese – wie etwa die Psychoanalyse – sehr viel stärker mit den mentalen Befindlichkeiten einzelner Menschen befasst war. Patienten der Schönheitschirurgie beiderlei Geschlechts klagten nämlich vor allem über psychische Leiden, die sie auf die Gestalt ihres Gesichtes zurückführten und die sie zum Anlass nahmen, eine Schönheitsoperation einzufordern. Das Kapitel analysiert deshalb die spezifischen Problemlagen, mit denen die medizinische Kosmetik seit der Jahrhundertwende konfrontiert war. Der Erste Weltkrieg nimmt auch in diesem Zusammenhang eine besondere Stellung ein, da er den Höhepunkt der Wiederherstellungschirurgie und zugleich die Ausdifferenzierung der Schönheitschirurgie bedeutete. Denn auch in dieser medizinischen Disziplin waren – wenngleich sie es mit vollkommen anderen Erscheinungen zu tun hatte als die Schönheitschirurgie – schon seit dem 19. Jahrhundert psychophysische Denkweisen vertreten worden, an deren Plausibilität mit Blick auf die Gesichtsverletzten niemand mehr zweifelte. Inwieweit aber die Schönheitschirurgie auf objektiv feststellbare Schönheitsfehler reagierte oder diese Entwicklung nicht vielmehr von Seiten der Betroffenen mit angestoßen wurde, was bedeutet, dass je individuelle Vorstellungen von Normalität auch medizinisches Denken und Handeln bestimmten, ist eine Frage, der bislang kaum nachgegangen worden ist und die deshalb im Zentrum dieses Kapitels steht.57

Parallel zur Entwicklung der Schönheitschirurgie entstand nach dem Ersten Weltkrieg eine kosmetische Konsumkultur, die auf eine veränderte Ordnung der Geschlechter reagierte und deren ›Gesundheit‹ diskutierte. Frauen hatten mit der Weimarer Verfassung von 1919 nicht nur das Recht auf politische Partizipation erhalten, sie nahmen auch zunehmend am öffentlichen Erwerbsleben teil. Dabei besetzten sie vor allem Posten im Dienstleistungssektor, die noch vor dem Krieg hauptsächlich Männersache waren, so etwa Sekretäre, Stenographen oder Verkäufer. Da sich die Frau der neuen Mittelschicht, die Angestellte, auch äußerlich zumeist von der Erscheinung traditioneller Weiblichkeit unterschied und zudem ökonomisch unabhängig war, wurde sie bereits von Zeitgenossen als Ikone weiblicher Emanzipation gedeutet.58 Dagegen ist bis heute kaum bemerkt worden, dass die von Illustrierten, Werbeanzeigen und Romanen verbreiteten Vorstellungen weniger berufliche Kompetenzen als vielmehr die äußere Erscheinung zur eigentlichen Qualifikation der Frau erklärten. Wie daraus eine neue Konkurrenzsituation zwischen Frauen geschaffen wurde, die den Eindruck steigerte, dass erst die ›Vermännlichung‹ der Frau beruflichen Erfolg garantiere, wird im Rahmen des viertenKapitels gezeigt. Umgekehrt deuteten Zeitgenossen das androgyne Schönheitsideal als Reaktion auf ein verändertes Bild des Mannes, was die Forschung bislang ebenfalls nicht berücksichtig hat. Als Folge des verlorenen Krieges und der häufig bis in die zwanziger Jahre hinein wirkenden Erfahrung von Tod und Verwundung hatte dieses Bild andere Konturen angenommen, worauf schon zeitgenössische Publizisten aufmerksam machten; viele Veteranen hätten die »Idee der Kraft«59 auf den Schlachtfeldern hinter sich gelassen und seien nunmehr »verweiblicht«.60 Deshalb suchten sie – im Sinne der antiken Sage des Hermaphroditen – nach ihrem geschlechtlichen Pendant: einer maskulin wirkenden Partnerin. Diese Vorstellung entsprach zwar zeitgenössischen Theorien der Bisexualität, wie sie etwa aus Otto Weiningers Geschlecht und Charakter hervorgehen,61 doch wirft sie vor allem die Frage auf, inwiefern die Erscheinung moderner Weiblichkeit überhaupt als ein Hinweis auf ihre politische und ökonomische Emanzipation gelesen werden kann oder ob daraus nicht vielmehr traditionelle geschlechtsspezifische Ordnungsvorstellungen sprechen, die noch immer als ›gesund‹ und ›normal‹ angesehen wurden.

Im Rahmen der »sozialen Kosmetik« rückten die korrigierten Körper wieder ins Blickfeld der Medizin, konkret: der Sozialmedizin, womit sich auch Vorstellungen von Gesundheit auf dem sozialmedizinisch abgesteckten Feld des Normalen und Pathologischen bewegten. Sozialmediziner wollten Schönheitsoperationen zum Bestandteil staatlicher Fürsorge machen, da sie selbst leichte »Entstellungen« als milieubedingte Krankheiten identifiziert hatten. Sie argumentierten, dass die operative Korrektur von »Entstellungen« ein Privileg der Wohlhabenden sei, jeder äußere Makel aber zugleich den Wettbewerb um Arbeit erschwere, weshalb die sozial schwachen Schichten in doppelter Weise benachteiligt seien. In diesem Zusammenhang ging es nicht etwa um schwere Deformationen, wie sie die Gesichtsverletzten zeichneten, sondern um reine Schönheitsfehler, die als Zeichen einer »sozialen Krankheit« verstanden wurden. Inwieweit dabei aber konkrete Vorstellungen des Hässlichen erst hervorgebracht und bestimmte Erscheinungsformen des Gesichtes zum Makel erklärt wurden, die nicht zuletzt die Selbstwahrnehmung der Unterschichten mit prägten, ist eine leitende Frage im fünften Kapitel. Dabei handelte es sich niemals nur um das Problem, dem die allgemeine Schönheitschirurgie nachging, nämlich das Selbstbild und das gebrochene Selbstwertgefühl von Einzelnen zu korrigieren. Stattdessen will dieses Kapitel zeigen, dass sich Vorstellungen von »Entstellung« aus der öffentlichen Wahrnehmung eines Individuums ergaben, also aus der »Beziehung des Organismus zu seiner Umwelt«.62 Daran anschließend stellt sich schließlich die Frage, inwieweit die (wenn auch gebrochene) sozialpolitische Akzeptanz »sozialer Kosmetik« konkrete Auswirkungen auf die gesellschaftliche Wirklichkeit der Unterschichten zeitigte und auf welche Weise sie den Rahmen ihrer wirtschaftlichen Handlungsmöglichkeiten mit absteckte.

Während es noch im Nationalsozialismus »soziale Kosmetik« gab, ging die Behandlung von ›Entstellungen‹ nach 1945 peu à peu im Pflichtleistungskatalog der Krankenkassen auf. Doch nicht nur »soziale Kosmetik« ist heute (wenn auch anders genannt) zum selbstverständlichen Bestandteil der Schönheitspflege geworden. Überhaupt ist das gegenwärtige kosmetische Handeln, wenngleich fraglos ausdifferenzierter und verfeinerter, im Kern von denjenigen Techniken bestimmt, die im Zuge der Verwissenschaftlichung der Schönheitspflege vom 19. Jahrhundert bis zum Ende der Weimarer Republik entwickelt wurden. Auch ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Gestaltung des Körpers weiterhin nicht frei von sozialen Werten und Normsetzungen erfolgt, die sich, je nach gesellschaftlicher Stellung und politischer Haltung, in verschiedenster Weise in den kosmetischen Praktiken widerspiegeln, trotz der scheinbaren Hegemonie des Individualismus. Wissenschaft und Gesellschaft begannen also am Ende der Aufklärung gleichermaßen vorzugeben, was als schön anzusehen sei, und bis heute hinterlassen sie ihre Spuren ›auf der Haut‹ – vollkommen unabhängig davon, welches ästhetische Ideal der Einzelne zum Ausdruck bringen will.

I. Von der Weisheit zum Wissen Körper und künstliche Schönheit im 18. Jahrhundert

Das Hannoverische Intelligenzblatt war ein Anzeigenblatt, das nach englischem Vorbild amtliche Bekanntmachungen wie Gerichtstermine, Ausschreibungen, Konkurse, Verkäufe, Vermietungen oder Familienanzeigen veröffentlichte. Dabei bezog sich der Begriff der Intelligenz nicht etwa auf den geistigen Zustand der Adressaten, sondern verwies im Sinne des englischen Wortes intelligence auf den Begriff der Nachricht.1 Seit 1756 brachte das Blatt eine Beilage mit Namen Nützliche Sammlungen heraus, in der unter anderem so genannte »Aufgaben« gestellt wurden. Sie fragten teils nach dem Wissen und teils nach der Meinung der Leserinnen und Leser, und sie umfassten Themen, die gesellschaftlich mal mehr und mal weniger relevant waren, sei es die Entstehung von Sprichwörtern, die Konservierung von Lebensmitteln, die Erklärung von Naturgewalten oder – wie im 83. Stück vom 15. Oktober 1756 – die Einstellung zum Schminken.

»Ist das Schminken oder das sogenannte Anlegen der rothen Schönfarbe von dem weiblichen Geschlecht sündlich, oder nicht? In wie weit ist dieses mit dem Gebrauch des Haarpuders zu vergleichen, und welches ist am strafbarsten? die Ursache dieser Verlarvung?«2

Diese Fragen gewinnen vor dem Hintergrund der Zeit an Sinn, in der die Nützlichen Sammlungen erschienen, der so genannten »Sattelzeit«, in der sich das politische Denken ebenso veränderte wie gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen. Mit dem aufgeklärten Absolutismus endete nicht nur eine Staatsauffassung, die allein dem Adel die gesellschaftliche Elitenbildung zusprach, sondern zudem die »selbsteigene Verfälschung«, wie Daniel Caspar von Lohenstein (1635-1683) die Erscheinung der alten Aristokratie bezeichnet hatte.3 Dem künstlichen Schönheitsideal stellten der aufgeklärte Adel und das aufstrebende Bürgertum ein natürlich erscheinendes entgegen, woraus mehr als nur eine ästhetische Vorliebe sprach. Natürlichkeit stand für die Werte der Aufklärung, für Tugend, Moral und Verstand, Künstlichkeit dagegen für Hoffart und Hochmut, Verschwendung und Verlogenheit – Eigenschaften, die schon das geschminkte Gesicht der höfischen Gesellschaft zu symbolisieren schien.

Auch die Nützlichen Sammlungen erhoben das Schminken zu einem moralischen Problem. Schließlich wollten sie nicht diskutieren, ob das geschminkte Gesicht ein schönes sei, sondern, ob das Schminken »sündlich« sei. Obwohl die »Aufgabe« tendenziös gestellt war, lehnten nicht alle Leserinnen und Leser den Gebrauch der »rothen Schönfarben« ab. Zwar pflichteten die meisten der Aufgabenstellung bei und verwarfen das Schminken aus religiösen, moralischen oder politischen Gründen. Doch erhoben sich auch Stimmen, die es mit einem Verweis auf philosophische Konzepte von Vollkommenheit oder naturgeschichtliche Körperkonzeptionen rechtfertigten.

Indem das Schminken im Spannungsverhältnis von Artefakt und Authentizität, Maskerade und Aufrichtigkeit bewertet wurde, ging es um soziale und kulturelle Wertsetzungen, die vor allem auf theologischen und philosophischen Weisheiten gründeten, nicht aber auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Erst am Ende des 18. Jahrhunderts sollte sich dieser Blickwinkel mit der Durchsetzung der modernen Naturwissenschaften verschieben.

1. Die Idee der »inneren Schönheit«: Religiöse und moralische Argumente gegen das Schminken

Obwohl das Zeitalter der Aufklärung von einer zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft geprägt war, hatte die christliche Kirche ihre Deutungsmacht über den menschlichen Körper nicht vollständig verloren. Dass auch die Bewertung des Schminkens religiösen Anthropologien unterlag, geht nicht nur aus der Fragestellung der Nützlichen Sammlungen hervor, sondern zudem aus eingesendeten Antworten. So erhoben manche die Frage nach den »rothen Schönfarben« zu einer »theologischen, oder auch nur moralischen Entscheidung«, die von solchen Menschen zu fällen sei, »deren Jahre, Amt, oder Verhältnis« zu Gott es erlaube, die Öffentlichkeit »in der Sittenlehre zu unterweisen«. Gemeint waren die Pfarrer und Theologen, die »das unzuläßige, ja das sündliche, einer solchen thörigten Eitelkeit, ohnwidersprechlich« erweisen könnten, ohne dass es ihnen an »unumstößlichen Gründen« dazu fehle.4 Dass die »Gottesgelehrten gar viel« gegen das Schminken einzuwenden hätten, bezweifelten jene Leser nicht, schließlich folge der christliche Glaube bestimmten »Grundsätzen«, nach denen es eine »hochgetriebene Eitelkeit« sei.5 Zu diesen Grundsätzen zählte die Lehre des Kreationismus, aus der die Vorstellung der menschlichen Gottebenbildlichkeit hervorgegangen war. Im ersten Buch Mose, der Genesis, stand geschrieben, dass Gott »den Menschen nach seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf«.6 Da die Erscheinung des Menschen demzufolge analog zur Erscheinung Gottes gedacht wurde, bedeutete eine kosmetische Korrektur des Körpers eine Kritik sowohl an der Schöpfung als auch am Bild des Schöpfers selbst.

Die christliche Kirche kritisierte die künstliche Herstellung von Schönheit seit ihrem Bestehen als ein Vergehen an der imago dei. Folgt man einem Schönheitskatechismus des späten 17. Jahrhunderts, so lassen sich entsprechende Hinweise schon bei dem bekannten Bischof Cyprian von Karthago (200-258) finden. Er hatte darauf hingewiesen, dass Menschen, die sich schminken, »ihre Hände an GOtt« legen, da sie »reformierten«, was Gott »formiert« habe.7 Auch Ludwig Kotelmann machte in seiner 1890 veröffentlichten Gesundheitspflege im Mittelalter darauf aufmerksam, dass der Franziskaner Berthold von Regensburg (1210-1272) »zweierlei Jäger des Teufels in der Christenheit« benannt habe: die »gemalten« und die »gefärbten«, die keine Gnade vorm Jüngsten Gericht finden sollten.

»Schemest du dich des antlützes, daz dir der almehtige got gegeben hat, des schoenen antlützes, so schemet er sich din ouch iemer und iemer in sinem riche ewecliche unde wirfet dich an den grunt der hellen.«8

Demnach orientierten sich diejenigen Leser, die das Schminken als sündig erachteten, an der wörtlichen Bibelauslegung, obwohl die sich als wissenschaftlich verstehende Exegese der Aufklärung bereits eine Trennung von Literalsinn der Bibel und »Wort Gottes« propagierte.9

Während die kosmetische Veränderung der Haare Miroslawa Czarnecka zufolge noch im ausgehenden 17. Jahrhundert als eine Form der Gotteslästerung empfunden wurde10, lassen die Nützlichen Sammlungen erkennen, dass bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts allein der Gebrauch der »rothen Schönfarben« moralisch verworfen wurde. Es mache einen »grossen Unterschied«, konstatierte eine der Leserinnen, ob man seine Haare pudert oder das Gesicht schminkt, da die »Hare zu der Phisionomie eines Menschen« kaum etwas »beytrügen«. Die Augenbrauen, die in der Regel »ordinair von der Farbe« wie die »andern Hare« seien, gäben ohnehin zu erkennen, »was für Hare der Mensch trägt«. Deshalb habe Puder »noch nie den Betrug spielen können, daß man blonde für braune, und schwarze Hare für weisse« halte. Die Schminken würden dagegen verhindern, »daß man die wahre Gestalt, die der Mensch von Natur empfangen hat, sehen« könne.11

Obwohl diese Leserin von »Phisionomie« sprach, beruhte ihre Schminkkritik nicht auf den Denkweisen der Physiognomik, zumal Johann Caspar Lavater (1741-1801) dieser ›Wissenschaft‹ erst zwanzig Jahre später mit seinen Physiognomischen Fragmenten zu neuer Popularität verhelfen sollte.12 Seine Ansicht aber, dass »die Schönheit und Häßlichkeit des Angesichts« im »genauen Verhältnis zur Schönheit und Häßlichkeit der moralischen Beschaffenheit des Menschen« stehe, wurde auch bei der moralischen Bewertung des Schminkens vertreten, wenngleich unter anderen Vorzeichen.13 Es ging dabei nicht um den Knochenbau und die Muskulatur, von denen Physiognomiker auf den Charakter eines Menschen schlossen, sondern um den »Einbruch des Authentischen«. Das »Spiel im Künstlichen«, so Henning Ritter, »war so weit getrieben worden, daß sein Gegenteil, das Natürliche, zu einer neuen Macht heranwuchs«.14 Die Gesellschaft des Ancien Régime wurde im Namen der Natur verurteilt: dem neuen universellen Ideal, das Tugend, Moral und Vernunft symbolisierte. Zugleich wurde die »Natur des Menschen« als Analogie von Erscheinung und Wesen entwickelt, wobei die ›natürliche‹ Erscheinung auf eine sittsame und vernunftbegabte Person schließen ließ.15 »Das Natürliche ist allemal dem gekünstelten vorzuziehen«, betonte in diesem Sinn auch die Leserin, da die Kunst des Schminkens ein »Betrug« sei und die Person betrügerisch erscheinen lasse.16 Der »Kunstgriff« sei »tadelhaft«, hieß es ebenso an anderer Stelle, da die geschminkte Person ein »eigennütziges und zugleich falsches Herz« habe.17

Mit solchen Ressentiments korrespondierte ein Schönheitsideal, das in der klassischen Ästhetik als »innere Schönheit« bezeichnet wurde. Die schöne Erscheinung von Naturwesen und Artefakten entsprach demnach der sinnlich wahrnehmbaren Erscheinung eines guten und normativ richtig disponierten Wesens. Da dem Wesen aber grundsätzlich ein höherer Wert beigemessen wurde als der Fassade, galt der bessere Mensch auch als der schönere.18 Dementsprechend wurden auch in den Nützlichen Sammlungen »Tugend« und »Verstand«, eine »ungezwungene Reinlichkeit«, ein »mit anständiger Freundlichkeit vermischtes, sittsames Wesen« und die Gabe zu »Wirthschaftlichkeit« als Zeichen von Schönheit genannt.19

Alle diese Eigenschaften wurden jedoch nicht erst im 18. Jahrhundert zum Zeichen idealer Weiblichkeit gemacht und der geschminkten Person gegenübergestellt. Vielmehr benutzte die theologische Argumentation gegen das Schminken »von Anfang an den Topos der weiblichen Laster, vor allem der Geilheit, der natürlichen Neigung zur Sünde wie Hoffart, Maßlosigkeit, Zügellosigkeit und Verschwendung«,20 was auch in der Schminkdebatte des 18. Jahrhunderts zum Ausdruck kommt. So vermutete ein anonymer Leser der Nützlichen Sammlungen bei denjenigen Frauen, die sich schminkten, eine besondere »Begierde zu gefallen«, die »über die Schranken der Sittenlehre und Vernunft« weit hinausreiche und tugendhafte Weiblichkeit ausschließe.21 Diese ließ ihn auf ein frevelhaftes und ausschweifendes Liebesleben schließen, das er mit Huren ebenso in Verbindung brachte wie mit den Damen der höfischen Gesellschaft.

Bei der Hure bedarf dieser Bezug keiner Erklärung, zu deutlich wich ihr Sexualleben von bürgerlichen Moralvorstellungen ab. Bei der Adeligen dagegen lagen die Dinge eher im Verborgenen. Obwohl sie die Ehe zumeist aus politischem Kalkül und nicht aus Liebe schloss, war sie immerhin eine verheiratete Frau. Sie bekam Kinder und musste sich den Gefahren des Wochenbettes aussetzen, weshalb sich ihre Lebenskoordinaten mit denen bürgerlicher Frauen durchaus überschnitten. Auch mussten Damen der höfischen Gesellschaft dem Regiment ihres Gatten folgen, doch zählte der Haushalt ebensowenig zu ihren Aufgaben wie die Pflege und Erziehung der Kinder. Sie konnten auf einen Hofstaat zurückgreifen, auf Kindermädchen und Gouvernanten, auf Hofmeister und weitere Dienstboten, und schienen deshalb vor allem eines zu haben: Zeit. Zudem lebten manche Eheleute der adeligen Aristokratie nicht einmal in der gleichen Residenz. Sie repräsentierten lediglich gemeinsam und zeugten ihre Kinder, ansonsten ging er seinen politischen Verpflichtungen nach und sie auf Reisen. Obwohl solche Lebensentwürfe auch in diesen Kreisen kein Standard waren, mussten sich adelige Frauen den Ruf gefallen lassen, Stunden und Tage jenseits der Familie mit etlichen Verhältnissen zu verbringen und von einer dauernden Sphäre der amour passion umgeben zu sein.22

Trotz solcher Schmähbilder konnte das Konzept der »inneren Schönheit« nicht jede Frau überzeugen, so wie nicht jede glaubte, dass sich ihre Schönheit allein aus ihrem Wesen speise. Schließlich befanden sich unter den Leserinnen der Nützlichen Sammlungen auch solche, die »mit ihrer natürlichen Schönheit nicht zufrieden« waren, aber heiraten wollten und nicht »ins Kloster ziehen« und deshalb fragten, »wie man es denn machen solle, daß man gefalle, wenn das Schminken nicht erlaubet sey?«.23 Zwar wurden diese Frauen durchaus mit Antworten bedacht, doch werden sie kaum befriedigt gewesen sein. Die Schminken, so ein Leser, hätten noch »kein Frauenzimmer schön« gemacht, sondern »höchsten« die »Fehler eines Hässlichen« verborgen. Zudem müsse eine Person, die »bey einer unangenehmen Gestalt die Stärke des Gemüths« besitze, »um diese durch wesentliche Schönheiten des Geistes zu ersetzen«, doch »viel zu erhaben« sein, um »sich bis zum Schminken« herabzulassen.24 Demnach galt noch immer, was schon der Kirchenvater Tertullian den Frauen gepredigt hatte: »Die Einfalt ziere eure Stirn, die Schamhaftigkeit schminke eure Wangen, die Keuschheit bekleidet euch mit dem schönsten Purpur.«25 Kosmetische Alternativen wurden erst von den Schönheitsratgebern des 19. Jahrhunderts angeboten, die angesichts moderner Konzepte von Gesundheit auch gewandelte Vorstellungen von Schönheit proklamierten.

Auch die in den Nützlichen Sammlungen aufgeworfene Frage nach der »Ursache dieser Verlarvung« wurde von der Leserschaft beantwortet. Wie »vieler anderer Verderb der Sitten« auch, so glaubten manche, habe die »Unverschämtheit des Schminkens« ihren »Ursprung« in Frankreich genommen.26 Tatsächlich gab es diese Kunst bereits im alten Ägypten,27 bei den Assyrern,28 in der hellenistischen Welt29 und in der römischen Antike.30 Arzneibücher aus dem 12. und 13. Jahrhundert beinhalteten Rezepte zur Herstellung von Schminken,31 und selbst im 15. Jahrhundert sollen Frauen ihre Wangen rot und ihre Augenlieder mit grüner, blauer, grauer oder brauner Farbe getuscht haben.32 Doch ungeachtet der klerikalen Ablehnung dieser Kunst, die besonders im Mittelalter zu finden ist, erwuchs seit der Renaissance ein »Kosmetik-Fieber«, das zum Anstieg der Kosmetikproduktion und ihrem internationalen Handel führte. Dass Frankreich dabei ein besonderer Stellenwert zukam, mag auch den Lesern der Nützlichen Sammlungen bekannt gewesen sein und den Verweis auf Frankreich erklären.33 In dieser Hinsicht konkreter wurden aber erst Publikationen der 1780er Jahre, die darauf hinwiesen, dass in ganz Frankreich nicht nur über zwei Millionen Schminktöpfchen jährlich verbraucht würden,34 sondern es solche Produkte auch in die deutschen Länder exportiere, nicht ohne sie sich »gewaltig theuer bezahlen« zu lassen.35

Angesichts der demographischen und ökonomischen Verhältnisse im Europa der 1750er Jahre gewinnen solche Annahmen zumindest an Plausibilität. Paris war mit rund einer Million Einwohner die größte Stadt Europas, in Berlin lebten dagegen nur 200.000 Menschen, in Hamburg 100.000 und in München 60.000. 90% der deutschen Bevölkerung wohnte in Kleinstädten und Dörfern und ging dem Kleinhandel oder der Landwirtschaft nach. Da weniger als des deutschen Sozialprodukts vom nichtagrarischen Handel und Gewerbe aufgebracht wurde,36 mussten zahlreiche Industrieprodukte exportiert werden. Dass insbesondere Kosmetikartikel aus Frankreich kamen, ist dabei nicht auszuschließen.37

Doch die Frage nach dem Ursprungsland der Schminkkunst wird ebenso wenig historisch gedacht gewesen sein, wie der Verweis auf Frankreich ökonomisch gemeint war. Dass er auf politische Konflikte zielte, wie Sabine Gieske vermutet, und die außenpolitischen Verhältnisse und Bündnisverschiebungen in den 1750er Jahren aufgriff (renversement des alliances), ist zwar denkbar, aber nicht hinlänglich zu be legen.38 Stattdessen liegt es weit näher, hier ein ohnehin vorhandenes antifranzösisches Stereotyp zu vermuten, das auf Sittenlosigkeit und mangelnde Moral als vermeintlich typischen französischen Eigenschaften beruhte.

Eine solche Lesart legen auch einige Anekdoten nahe, die Leser der Nützlichen Sammlungen beibrachten, um die Kultur des Nachbarlandes als frevelhaft zu diskreditieren. So wollte etwa eine Leserin gehört haben, dass man den »Dames« in Frankreich bei der »Toilette Visiten giebet« und das Schminken somit ein öffentliches Ereignis sei. Nicht nur, dass sich die Damen »in Gegenwart der Anwesenden« anmalen würden, auch sei deren »Urtheil« ausschlaggebend für die Frage, »ob sie mehr oder weniger roth anlegen, und wie weit sie die rothen Flecken ausbreiten sollten«.39 Eine weitere Leserin fürchtete, dass es die »jungen Ritter«, wenn sie aus Frankreich kämen, »viel Zeit und Überwindung« koste, »ehe sie sich wieder an deutsche Gesichter und Schönheiten« gewöhnt hätten. Schließlich seien sie »dorten der gefärbeten, und das Auge mehr reizenden Gesichter gewohnet« gewesen.40 Aus dieser Angst spricht allerdings nicht nur die Annahme, dass sich Frauen in Frankreich übermäßig schminkten, sondern zudem der Glaube, dass das Schminken durchaus seine Reize habe, besonders im Spiel der Geschlechter. Schließlich ›berichtete‹ ein Leser vom Besuch eines französischen Gesandten am Hofe Friedrichs II. bzw. von der Anwesenheit der entsprechenden Gemahlin. Schon vor ihrer Ankunft soll die Französin bei Elisabeth Christine (1715-1797) haben anfragen lassen, »ob es in Berlin Mode sey, daß sich das Frauenzimmer anstreiche, in Frankreich sey es jetzo durchgängig Mode«. Um das Protokoll des Stadtschlosses, der Winterresidenz der Königin, aber nicht zu verletzen, wollte sie sich dem Leser zufolge »nach der Mode in Berlin und nach ihro Majestät Befehl richten«. Zwar lassen zeitgenössische Gemälde darauf schließen, dass sich auch Elisabeth Christine schminkte, doch wurde sie hier mit anderen Worten zitiert: Das Schminken sei »in Berlin zwar nicht Mode«; unterdessen habe sie, die Frau Gesandtin, »vollkommene Freiheit, die Pariser Mode auch in Berlin zu beobachten«. Daraufhin sei die Französin »mit schönen gemahlten Wangen« erschienen, was der Leser nicht nur als Affront gegen das preußische Königshaus bewertete, sondern zudem als Zeichen französischer Sittenlosigkeit. Zwar gab er zu verstehen, dass ein »großer Theil der Frauenzimmer in Berlin« dem französischen Vorbild gefolgt sei und »aus ihrem Anstrich kein Geheimnis« mehr gemacht habe, doch fügte er auch hinzu, dass »viele sittsame Frauenzimmer« durchaus »Bedenken getragen« hätten, diese Unverschämtheit anzunehmen«. Da sich diese gegen die Sinnlichkeit und für die Sitten entschieden hatten, bedachte er sie schließlich mit »allen Lobeserhebungen«.41

All diese Geschichten richteten sich gegen das Schminken als öffentliche Inszenierung und damit gegen den Pomp, das Verführungsspiel und eine frivole, lasterhafte Gesellschaft, die insbesondere Frankreich zu verkörpern schien. Damit stellten sie sich gegen die »Rokokoseite des Jahrhunderts«,42 die sich in Verschwendung, Luxus und dem Spiel der Masken auslebte und in der »das geschminkte Gesicht den Charakter eines Gemäldes nicht zu verleugnen hatte«.43 Dagegen stand das unverstellte Gesicht, das Authentische, das jene gesellschaftlichen Visionen symbolisierte, in denen Tugend, Moral und Vernunft die herrschenden Maximen waren. Das entsprach der »Natur des Menschen«, wie sie in der Aufklärung formuliert wurde – der Analogie von Erscheinung und Wesen –, die sich nicht zuletzt im Schminkdiskurs widerspiegelt.

2. Das Ideal der Vollkommenheit: ästhetische Fürsprachen für die Kunst des Schminkens

Obwohl die Schminkkritik in den Nützlichen Sammlungen bei weitem überwog, kamen auch Stimmen zu Wort, die dem Ideal der »inneren Schönheit« nichts abgewinnen konnten. Sie wiesen darauf hin, dass der Körper auf verschiedenste Weise korrigiert werde, aber allein das Schminken einem moralischen Werturteil unterläge:

»Man pudert sich; man bohret Löcher durch die Ohren; man wässert sich mit wohlriechenden Wassern; pucklichte tragen Volanten, und hinkende erhöhen einen Absatz; die keine hübsche Nasen haben, lassen sich in der Gestalt einer Marie Magdalene mahlen, damit das Gesicht gen Himmel gekehret und die Nase im Prospekt so viel verkürzet werde; die keine hübschen Zähne haben, verkleinern den Mund; der Busen wird durch die Schnürbrüste erweitert und verschönert.«

Die hier aufgeführten Korrekturen dienten der Verschönerung der Menschen und richteten sich gegen seine äußere Natur, wurden aber weder theologisch noch moralisch diffamiert: »Ist das nicht seltsam?«, fragte eine Leserin. »Sollte die Natur dem Gesichte allein ein Privilegium gegeben haben?«44 Viele Zeitgenossen hätten dem wohl zugestimmt, doch ging es der Autorin, einer »bejahrten Matrone«, wie sie sich nannte, nicht um Antworten, sondern allein um Rhetorik. Seit dem »14ten Jahre, o gute Zeit!« habe sie noch »kein einziges mahl« ihr »eignes Gesicht gezeigt«, und sei nur deshalb »mit Ehren 76 Jahre alt geworden«; vor allem für die »Alten« sei die Schminke »unentbehrlich«.45

Allein um Ästhetik war es dieser Leserin aber nicht bestellt. Vielmehr scheint hier die soziale Wahrnehmung der alternden Frau auf, wie sie noch im Barock gang und gäbe war. Heide Wunder zufolge wurden Frauen ab dem fünfzigsten Lebensjahr – anders als ihre Ehemänner – als alt angesehen.46 Während der alternde Mann mit dem Nimbus des Weises umgeben war, wurde der Körper älterer Frauen zum Objekt der Ausgrenzung. Sie erschienen als hässlich und wurden deshalb häufig als moralisch suspekt angesehen.47

Obwohl der französische Historiker Jean-Pierre Bois darauf hingewiesen hat, dass die alte Frau im Zeitalter der Aufklärung in der Rolle der Betreuerin und Erzieherin der Enkelkinder zunehmend Akzeptanz fand und somit eine gesellschaftliche Aufwertung erfuhr,48 zeichnet der Schminkdiskurs dieser Zeit ein anderes Bild.49 Wie die Matrone betonten auch weitere Frauen, dass sie sich ihres Alters wegen schminken würden. »Seit einigen Jahren«, so eine Leserin, greife sie zur Schminke, um sich »gefällig zu machen« und »ihre kleine Person mehr relevieren« zu können.50 Eine weitere gab ebenfalls zu verstehen, dass sie sich »nun seit vielen Jahren« schminke, »deswegen« aber »nicht mehr und nicht weniger geliebet, oder verachtet« würde. Stattdessen hätten »alle und jede«, die ihr »Gesicht in beyderlei Gestalt kennen«, ihr noch immer »ernstlich versichert, daß ihnen solches mit der Schminke besser gefalle, als ohne dieselbe«.51

Die gesellschaftliche Bedeutung des Alters spielte in diesen Stellungnahmen sicherlich eine Rolle, daneben wandten sie sich aber gegen die Lehre des Kreationismus. So gab die »Matrone« zu verstehen, dass sie sich durchaus für eine gläubige Christin halte, aber weder die Religion noch die »Moralisten« zu Rate ziehe, wenn es um die Ausstaffierung ihrer Erscheinung gehe. Das Schminken begriff sie dementsprechend auch nicht als Hoffart, sondern vielmehr als Zeichen ihrer »Bescheidenheit«, eine »Würkung der Demuth« und »offenherzige Beichte unverschuldeter Mängel«, mit denen der Mensch nun einmal behaftet sei und die er nach bestem Wissen retuschieren dürfe.52

Dieses Argument korrespondiert mit einem Menschenbild, das sowohl einem Teil der protestantischen Theologie entsprach als auch der Vorstellung der menschlichen Vervollkommnungsfähigkeit des philosophischen Diskurses dieser Zeit. Denn neben der literalen Bibelexegese wurde die Idee der menschlichen Gottebenbildlichkeit auch im allegorisch-moralischen Sinn ausgelegt, was bedeutet, dass die Ähnlichkeit zwischen beiden nicht in der Gesichtsbildung liege, sondern in der Fähigkeit, Weisheit, Güte und Freiheit auszubilden, die als Eigenschaften am Gesicht ablesbar seien.53 Dementsprechend wurde der Mensch in der anthropologischen These der aufklärerischen Schulphilosophie dadurch von den anderen Wesen der Schöpfung unterschieden, dass er die Fähigkeit zur Vervollkommnung seines Körpers und Geistes habe.54

Aus der Fähigkeit, sich zu vervollkommnen, wurden im zeitgenössischen Schminkdiskurs auch »Schönheitspflichten« abgeleitet, die das Künstliche in ein vollkommen anderes Licht rückten.55 Der »Verschönerungstrieb«56 und das »Bestreben sich zu veredeln«57 galten in diesem Zusammenhang nicht etwa als Ausdruck übertriebener Eitelkeit, sondern Eitelkeit galt als naturgegebener und positiv zu bewertender Bestandteil des Menschlichen. Ein »Frauenzimmer«, heißt es in einem Schönheitskatechismus von 1754, sei sogar »verpflichtet, sich nach ihrem Wesen vollkommen zu machen«, und dazu gehöre »der Körper«. Die »Schönheit des Körpers« mache immerhin »ein Stück weit die Vollkommenheit des Körpers aus«, und folglich tue eine Frau gut daran, die »natürliche, äußerliche, sinnliche Schönheit zu erhalten, und, wo möglich, zu verbessern«.58 Bei Konrad Anton Zwierlein heißt es 1789 in ebendiesem Sinn, dass man eine Frau nicht verachten solle, »wenn sie die Schönheit studirt, wenn sie anwendet, dieselbe zu erhöhen und zu vervollkommnen: denn sie thut dadurch weiter nichts, als daß sie dem Winke der Natur folgt, daß sie die Natur nachahmt und in ihren Verrichtungen unterstützt; das ist gewiß unschuldig und erlaubet!«59 Der »Verschönerungstrieb«60 wurde demzufolge für eine anthropologische Grundgegebenheit gehalten und bildete die auf den Körper weisende Analogie zum geistigen Vervollkommnungstrieb.

Von der Ästhetik der Aufklärung war die Erkenntnis von Vollkommenheit zum entscheidenden Kriterium für das Geschmacksurteil »schön« erhoben worden, das in diesem Zuge eine Neubestimmung erfuhr.61 An die Stelle einer objektivistischen Anschauung von Schönheit als ›Ordnung‹ trat ihre Reflexion auf der Grundlage des subjektiven Geschmacksurteils,62 wofür insbesondere Kants Analytik des Schönen spricht. Demzufolge war die »Schönheit eines Menschen« wesentlicher Ausdruck seiner »Vollkommenheit«, von der Kant ein Gefühl des »Wohlgefallens« beim Betrachter ableitete.63 Gesa Dane spricht in diesem Zusammenhang von einer »Entnormierung« der Schönheit, die auch das Urteil über die körperliche Erscheinung bestimmte.64 Das bedeutet, dass neben objektiven Kriterien der individuelle Geschmack an Bedeutung gewann. Während der Arzt Tobias Vogel noch 1687 mehr als dreißig Bestimmungen aufgestellt hatte, um Schönheit genau zu definieren, und dabei auf kunstanatomische Berechnungen zurückgriff,65 konnte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Einsicht in die Subjektivität des Geschmacksurteils allmählich durchsetzen. Der »Begriff und der Geschmack von der Schönheit«, so Struve 1754, »ist also unterschieden. Wir werden schön nennen können, was uns gefällt und uns sinnliches Vergnügen gewährt«.66

Obwohl dem subjektiven Empfinden des Schönen eine erhöhte Bedeutung zugesprochen wurde und das Schminken dementsprechend als legitim galt, gab es Versuche, die schöne Wirkung dieser Kunst vor dem Hintergrund des zeitgenössischen optischen Wissens zu objektivieren. So hob die bereits erwähnte »Matrone« mit einen Verweis auf »Neuton und Algarotti« hervor, dass die Schminken »eine andere Farbe für den Tag, und eine andre für den Abend« auf das Antlitz zaubern würden, da die »gelben Lichtstrahlen sich mit unsern Gesichtsfarben vermischen«. Deshalb brächten die Schminken stets »frische Reizungen« hervor und seien das »allerliebste Kammermädgen der Natur«.67

Was hier mehr metaphysisch als wissenschaftlich klingt, waren die epistemischen Standards der zeitgenössischen Optik, wie sie der englische Physiker Isaac Newton (1643-1727) 1704 in seinem Buch Optics, or a Treatise of the Reflections, Refractions, Inflections and Colours of Light entworfen hatte. Abweichend vom antiken Glauben, dass das Licht immer weiß sei und farbige Erscheinungen auf seiner nicht näher zu bestimmenden Veränderung beruhen, kam Newton durch Experimente mit einem Prisma zu der Erkenntnis, dass Licht aus ganz verschiedenen Farben – den Regenbogenfarben – bestehe.68 Dieses Wissen nahm der italienische Philosoph Francesco Algarotti (1712-1764), ein enger Vertrauter Voltaires und Friedrichs II., zum Anlass, Newtons Dispersionstheorie zu popularisieren und eine Abhandlung über die Wirkung des Lichts auf geschminkten Gesichtern zu schreiben.69 Sie erschien im Jahr 1736 unter dem Titel IlNewtonianismo per le dame ovvero dialoghi sopra la luce e i colori und wurde 1745 ins Deutsche übersetzt.70 In