Krieg der Maschinen - Christopher Golden - E-Book

Krieg der Maschinen E-Book

Christopher Golden

3,8
8,99 €

oder
Beschreibung

Unsere Zivilisation steht vor dem Ende – nur eine Handvoll Elitesoldaten kann uns retten!

Weltweit bricht die Wirtschaft zusammen, Umweltkatastrophen erschüttern die Erde, Krieg droht jeden Moment auszubrechen. Daher hat das Militär eine neue Einheit von Elitesoldaten rekrutiert, die für Frieden sorgen sollen. Der Geist dieser tapferen Soldaten wird mit einem Roboter verbunden und ist somit Teil der Maschine. Einer von diesen Soldaten ist Danny Kelso. Während seiner Schicht kappt ein Terroranschlag weltweit die Stromversorgung. Für die Elitesoldaten beginnt ein Rennen gegen die Zeit, um nicht nur sich selbst, sondern die Zivilisation vor dem Untergang zu retten. Doch Dannys Roboter bleibt aktiv – und sein Geist in der Maschine gefangen …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 633




Buch

Weltweit bricht die Wirtschaft zusammen, Umweltkatastrophen erschüttern die Erde, Krieg droht jeden Moment auszubrechen. Aus diesem Grund hat das Militär eine neue Einheit von Elitesoldaten rekrutiert, eine Einheit, die die Welt so noch nicht gesehen hat … Der Geist dieser mutigen Soldaten wird mit einem Kampfroboter verbunden, wodurch sie schneller und besser kämpfen können. Dieser technische Fortschritt ermöglicht es, die Soldaten in von Krieg geplagten Ländern zu stationieren, wo sie für Frieden sorgen sollen.

Einer dieser Soldaten ist Danny Kelso, der an einem Tag seine Schicht in Syrien beginnt. Eine unheimliche Stille heißt ihn willkommen, die nichts Gutes ahnen lässt. Als ein elektromagnetischer Puls die Elektrizität weltweit kappt, wird alles in Dunkelheit geworfen – nur Dannys Roboter bleibt aktiv und sein Geist in der Maschine gefangen. Für die Elitesoldaten beginnt ein Rennen gegen die Zeit, um nicht nur sich selbst, sondern die gesamte Zivilisation vor dem Untergang zu retten …

Autor

Christopher Golden ist in den USA bereits ein preisgekrönter New-York-Times-Bestsellerautor. Geboren und aufgewachsen ist er in Massachusetts, wo er auch heute noch mit seiner Familie lebt.

CHRISTOPHER GOLDEN

KRIEG DERMASCHINEN

TECHNO-THRILLER

AUS DEM ENGLISCHENVON MICHAEL KUBIAK

Die amerikanische Originalausgabeerschien unter dem Titel »Tin Men« bei Bellantine Books, New York.

1. AuflageDeutsche Erstausgabe November 2015bei Blanvalet, einem Unternehmen derVerlagsgruppe Random House GmbH, MünchenCopyright © der Originalausgabe 2015by Daring Greatly Corporation, Inc.Published in agreement with the author,c/o BAROR INTERNATIONAL, INC., Armonk, New York, U.S.A.Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015by Blanvalet Verlag, München, in derVerlagsgruppe Random House GmbH, MünchenUmschlaggestaltung: Johannes Frick, NeusäßUmschlagmotive: ShutterstockRedaktion: Joern Rauserue · Herstellung: samSatz: DTP Verlagsservice Apel, HannoverISBN: 978-3-641-16560-4Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvaletund www.twitter.com/BlanvaletVerlag.www.blanvalet.de

Für Howard Morhaim

BUCH EINS

1

An dem Morgen, als die Welt zerfiel, wachte Danny Kelso zum letzten Mal neben Nora auf. Sein Mund fühlte sich wie Pappe an, und in der Nase hatte er immer noch Biergeruch. Während er sich den Schlaf aus den Augen rieb, erinnerte er sich an den Streit vom Vorabend, an das Grausame in ihrem Lächeln und an den wütenden Sex anschließend, um alles ungeschehen zu machen.

»Scheiße«, knurrte er leise, um sie nicht zu wecken.

In Wahrheit machte der Sex nichts ungeschehen. Nicht am Morgen. Und auch jetzt nicht, da er wieder nüchtern war. Diese Routine des Streitens mit anschließendem Sex steigerte lediglich seinen Selbsthass von Tag zu Tag ein wenig mehr. Ganz gleich, wie oft Nora etwas sagte, mit dem sie eine Grenze überschritt, er war niemals so wütend auf sie wie auf sich selbst.

Kennengelernt hatten sie sich in einer Spelunke in Ginsheim, einen Steinwurf vom Rhein entfernt, er auf einem Hocker an der Bar und sie dahinter, die Gäste mit Drinks versorgend. Ihr gefiel seine Uniform, obwohl so nah beim Armeeflugplatz in Wiesbaden die Bar jeden Abend mit amerikanischen Soldaten hätte bevölkert sein müssen. Dennoch war ihm das Interesse in ihren Augen auf Anhieb aufgefallen, und der erste Drink ging aufs Haus – wobei auch das die übliche Anmachprozedur gewesen sein dürfte. Die restliche Welt hatte das amerikanische Militär während der vorangegangenen sieben Jahre hassen gelernt, aber die meisten Läden und Bars und Restaurants in den Städten rund um den Stützpunkt scheuten keine Mühe, die Wünsche der Amerikaner zu erfüllen. Über jeden US-Dollar, der in ihren Kassen klingelte, waren sie glücklich.

Danny stand auf und schlurfte ins Badezimmer. Er pinkelte, wusch die Hände, putzte die Zähne und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Nun hellwach, kehrte er in Noras Schlafzimmer zurück, blieb vor ihrem Bett stehen, betrachtete sie, während sie schlief, und empfand nichts. Nein, das war eine Lüge. Die Leere, die er in sich spürte, hatte einen Namen – Bedauern. Bedauern darüber, dass er wusste, er würde nicht zurückkommen. Bedauern darüber, dass er so viele Monate zuvor überhaupt in ihre Wohnung mitgegangen war.

Sein Blick wanderte über das Durcheinander im Zimmer, die schmutzige Kleidung, das Make-up-Sortiment auf dem kleinen Schminktisch in der Ecke – das alles konnte man eher im Zimmer einer Achtzehnjährigen als einer dreiundzwanzig Jahre alten Frau antreffen. Leere Bierflaschen, halbvolle Flaschen Tequila und Whiskey, ein Aschenbecher, der von Zigarettenstummeln überquoll. Auch Bücher lagen da. Nora mochte eine Menge emotionaler Probleme haben, aber dumm war sie nicht. Wenn sie nicht mehr gewesen wäre als ein umwerfend aussehender Hohlkopf, er wäre nie so lange mit ihr zusammengeblieben.

Nun hingegen wurde es Zeit zu gehen. Am Vorabend hatte sie etwas gesagt, was sie nicht mehr zurücknehmen konnte. Die Worte hallten immer noch in seinem Bewusstsein nach.

Warum bringst du nicht noch ein paar Babys um?

In diesem Moment hätte er sie am liebsten geschlagen. Er hatte sogar schon die Hand erhoben – so etwas hatte er zuvor noch nie getan. Danny diente zusammen mit weiblichen Soldaten und hatte während des Fitnesstrainings des Öfteren Sparringskämpfe mit ihnen ausgefochten. Aber darüber hinaus hatte er noch nie eine Frau geschlagen und auch nicht die Absicht, jetzt damit anzufangen. Er hatte Nora nicht angerührt. Es gab Dinge, die sich mit Gewalt lösen ließen – man konnte nicht Soldat sein, wenn man nicht davon überzeugt war. Aber dies gehörte nicht dazu.

Nora dagegen glaubte, dass es auf der Welt kein Problem gab, das nicht mit Alkohol und Sex gelöst werden konnte. Für ihn war nun die Zeit gekommen, von dieser Philosophie Abstand zu nehmen.

Er zog sich eilig an, weil er sie nicht aufwecken wollte, aber er war auch nicht sonderlich besorgt, dass es geschehen werde. Nora schlief wie eine Tote. Der Alkohol verhinderte schlechte Träume, sagte sie immer. Mehr als einmal hatte er versucht, ihr klarzumachen, dass er auch die guten abhielt. Aber das war eine Diskussion, die er, wie er wusste, niemals würde für sich entscheiden können.

In Jeans und einem verblichenen Five-Finger-Death-Punch-T-Shirt, das er aus dem Wäscheschrank seines beschissenen großen Bruders geklaut hatte, als er sechzehn war, setzte er sich auf die Bettkante und zog seine Stiefel an. Die Zeit lief, und er musste zum Stützpunkt zurückkehren. Seine Schicht begann um acht Uhr.

Während des vergangenen Jahrzehnts war der gesamte Globus im Chaos versunken. Hitzewellen führten zu Dürreperioden, die Lebensmittelknappheit zur Folge hatten, welche wiederum Hungerkrawalle auslöste. Die Benzinpreise schossen durch die Decke, so dass eigentlich nur noch die Privilegierten irgendwohin fahren konnten. Alternative Energiequellen standen zur Verfügung, aber die Bastarde, die die Zügel in der Hand hielten, das waren die Erdöl- und Steinkohlemagnaten, hatten keinerlei Hemmungen, den Umweltkollaps zu riskieren. Ansteigende Meeresspiegel. Überflutete Städte. Eine Katastrophe nach der anderen, allesamt ausgelöst durch den üblichen Mist – Bürgerproteste und internationale Zwischenfälle, Menschen, die sich erhoben, um Unterdrücker zu stürzen und sie am Ende durch neue zu ersetzen, die genauso korrupt waren.

In den meisten Fällen hatte vor zehn Jahren, als alles in Bewegung geraten war, niemand einschreiten wollen. Die Vereinten Nationen mokierten sich darüber, konnten jedoch nichts tun, gelähmt durch den eigenen Sicherheitsrat. China und Russland machten sich das zunutze und taten, was immer ihnen gefiel, während die Welt anderweitig beschäftigt war. Die einzige Regierung auf der Welt, die bereit war, sich in diese Konflikte einzumischen, um auf diesem chaotischen Globus für Ordnung zu sorgen, war die der Vereinigten Staaten von Amerika. Die US-Army hatte während des letzten Jahrzehnts keine Mühen gescheut, die Dinge unter Kontrolle zu halten.

Und dafür hasste die Welt sie.

Während der letzten sieben Jahre hatten die Spannungen nur noch zugenommen. Sie mussten einen ganzen Planeten überwachen und den Frieden unter Einsatz von Gewalt erhalten. Sergeant Morello nahm diese Aufgabe mit Leib und Seele wahr. Danny musste sich beeilen, um pünktlich zur Basis zurückzukehren. Der Sarge ließ keine Entschuldigung gelten.

Nora bewegte sich unter dem Laken und streckte sich so, dass sie jetzt die Fläche bedeckte, auf der Danny geschlafen hatte. Sie stellte sich bereits auf seine Abwesenheit ein. Ihr blondes Haar verdeckte ihr Gesicht fast zur Hälfte, aber er konnte noch sehen, wie schön sie war. Sämtliche Härte verflüchtigte sich, wenn sie schlief. Ohne den Nasenring, die drei dünnen Zöpfchen und die tätowierten japanischen Schriftzeichen an ihrem Hals hätte sie so süß und unschuldig ausgesehen wie ein kleines Mädchen. Als er sie schlafen sah, verstand er die Bedeutung des Schminktisches in der Ecke ihres Schlafzimmers. Er gehörte zu dem, was sie früher gewesen war. Aber man konnte jemanden nicht lieben – nur für das, was er war, während er schlief. Man musste ihn lieben, wenn er hellwach war, und das tat er nicht. Hatte er nicht getan und konnte er nicht tun.

Sein Bruder hatte ihn einmal mit einem Haifisch verglichen – er könne nicht längere Zeit an einem Ort oder in einer Beziehung ausharren, sondern müsse schwimmen, müsse ständig in Bewegung bleiben, um zu atmen. Bisher war das Militär die einzige Ausnahme von dieser Regel, aber er hatte gehofft, dass Nora eine weitere sein würde.

Behutsam strich ihr Danny das Haar aus dem Gesicht. Er dachte daran, sie zum Abschied zu küssen, ließ es jedoch lieber. Es wäre nicht ehrlich gewesen.

Er stand auf und schaute sie ein letztes Mal an, dann holte er seinen Schlüsselring aus der Tasche, schob den Schlüssel zu ihrer Wohnung heraus, legte ihn auf die Kommode und rückte den Aschenbecher zur Seite, damit sie den Schlüssel sofort bemerkte.

Als er die Wohnung verließ und in den kühlen Augustmorgen hinaustrat, hatte Danny nicht die Absicht, jemals zurückzukommen. Und das war auch das Beste, denn er würde nie mehr die Gelegenheit dazu bekommen.

Irgendwann einmal hatte das Wiesbaden Army Airfield die 66th Military Intelligence Brigade und das 5th Signal Command beherbergt – die Truppe, die Informationen sammelte, und der Verein, der dafür sorgte, dass sie zu den Einsatzkommandos gelangten. Aber nachdem die Vereinigten Staaten begannen, die europäischen Stützpunkte zusammenzulegen, war es zur Zentrale für militärische Operationen auf dem Kontinent und zum Sitz des Component Command der NATO geworden. Sämtliche in Heidelberg und Mannheim ansässigen Abteilungen waren auf dem WAAF untergebracht worden, und nun betrachteten es Dutzende von militärischen Dienststellen als ihre Heimat. Die Baracken der Seventh Army standen in Wiesbaden, aber sie enthielten nur einen kleinen Prozentsatz des dort stationierten Personals.

Während all das – Umzug, Zusammenlegung, Neuorganisation – im Gange war, hatte anscheinend niemand bemerkt, dass die Army umfangreiche Grabungsarbeiten durchführte und am westlichen Rand der Basis einen unterirdischen Raum anlegte. Selbstverständlich war es bemerkt worden, aber jeder, der autorisiert war, nahe genug heranzukommen, um zu fragen, was dort geschah, hatte außerdem den strikten Befehl, diese Frage niemals laut zu stellen.

Dort hatten sie einen Bunker gebaut, der sicherer war als die NORAD-Anlage in den Cheyenne Mountains, die sich unter sechshundertzehn Metern solidem Fels befand. Danny wusste nicht viel über Bergbau und Bautechnik, aber er stellte sich vor, dass es ein Mordsjob gewesen sein musste, etwas derart Sicheres in dieser Tiefe und so nah am Rhein fertigzustellen. Bessere Bauplätze hatten sich ganz sicher angeboten, aber irgendjemand dachte wohl, dass es sinnvoll sei, den Hump dorthin zu setzen, wo das Signal Command mit seiner ständig eingehenden Flut von Spionagesatellitendaten residierte. Damit befanden sich sämtliche Fernlenkzentralen des in Europa stationierten amerikanischen Militärs unter einem Dach – eine einzige, glückliche Familie.

Die Army nannte den Bunker Humphreys Deep Station One nach Generalmajor A. A. Humphreys, der seinen Ruhm als Divisionskommandeur des V Corps bei Antietam begründet hatte. Danny hatte keine Ahnung, was das mit Europa zu tun haben sollte. Jemand, der für Namensgebungen verantwortlich war, hatte offensichtlich eine Schwäche für den Bürgerkrieg. Aber Soldaten wählten stets den wahren Namen des Ortes, an dem sie lebten, und die Soldaten, die in der Einrichtung unter dem Wiesbaden Army Airfield Dienst taten – die einzigen Männer und Frauen, denen es erlaubt war, seine Existenz überhaupt zu erwähnen –, nannten den Bunker einfach den Hump.

Danny stand um 07:47 Uhr vor dem Haupttor, später zwar, als ihm lieb war, aber noch nicht so spät wie schon manchmal. Er zeigte seinen Ausweis und schaffte es, an den Wachen vorbeizukommen, ohne dass sie ihm lästige Fragen wegen seines Wagens, eines zehn Jahre alten Audi e-tron, stellten. Bei all den Bemühungen, die die Vereinigten Staaten und die Europäische Union unternommen hatten, um den Ölfluss in Gang zu halten, hätte sich der typische Soldat nicht einmal über seine Leiche in einem elektrisch betriebenen Wagen erwischen lassen. Je nachdem, wer am Tor stand, überschütteten ihn die Wachen manchmal mit beißendem Spott, weil sie meinten, der e-tron sei eine Art stummer Protest gegen die Politik der Vereinigten Staaten. Dabei verhielt es sich in Wirklichkeit so, dass die lausige kleine Blechbüchse alles war, was ihm sein Vater hinterlassen hatte. Der hatte die Kiste seinerzeit gebraucht gekauft, als er nach Deutschland gekommen war, um in der Nähe seines Sohnes zu leben. Nur acht Monate später hatte ihn der Krebs dahingerafft, ganze siebenundzwanzig Tage nachdem er diagnostiziert worden war.

Danny fuhr aufs Gelände der Basis, wobei der Wagen wie ein Haarföhn klang, kurz vor dem Durchbrennen, und erreichte den Nebenparkplatz, der für den Hump reserviert war. Natürlich war er nicht gesondert markiert. Lediglich ein Blechschild verkündete RESTRICTED PARKING, ein Gebot, gegen das niemand wagen würde zu verstoßen, wenn er nicht über die notwendige Genehmigung verfügte.

Ein Blick auf die Uhr im Armaturenbrett verkündete ihm 07:51. Noch in der Zeit. Trotzdem beeilte er sich, stieg aus und steckte die Schlüssel in die Tasche, schlug die Tür zu und trabte über den gepflasterten Verbindungsweg. Mehrere der ältesten Gebäude waren auf ihre nüchterne Art schön, aber die Baracken und die meisten modernen Bauwerke des Wiesbaden Army Airfield zeichneten sich bestenfalls durch reine Nützlichkeit aus. Der riesige Brocken von einem Gebäude, der auf Humphreys Deep Station One stand, bildete die Krone langweiliger Architektur. Dagegen wirkten Staatsgefängnisse wie verspielte Luftschlösser. Die Insassen der Büros in den oberirdisch gelegenen Abteilungen des Gebäudes waren ebenfalls so langweilig wie irgend denkbar, Bürohengste und Kostenrechner, Leute, die in die Luft zu sprengen niemand ernsthaft wünschte.

Am Eingang zückte Danny abermals seinen Ausweis, ging durch einen gewundenen Korridor und zeigte das Papier noch zwei weitere Male vor. Dabei passierte er jeweils Sperren mit höherem Geheimhaltungsstatus, bis er schließlich vor der Doppeltür im Zentrum der Kelleretage des Gebäudes stand. Dort waren keine Wachen zu sehen. Die Verteidigungssysteme so nah beim Hump funktionierten automatisch und verlangten sowohl Handflächen- als auch Netzhaut-Scans. Zum Handflächen-Scan gehörte ein Einstich in die Haut – zur Entnahme einer mikroskopisch kleinen Blutprobe zwecks einer DNS-Analyse, die nur drei oder vier Sekunden in Anspruch nahm.

Ein Schloss schnappte nach mehrmaligem lautem Klicken auf, und die Tür schwang nach innen. Er schlüpfte hinein, und die schweren Edelstahltürflügel kehrten, begleitet von einem hydraulischen Zischen, wieder in ihre alte Position zurück, gefolgt von dem metallischen Klirren der einrastenden Schließbolzen. Danny blieb eine Sekunde lang stehen und machte einen tiefen Atemzug. Er litt nicht unter Klaustrophobie, aber er brauchte immer einen Moment, um nach dem Schließen der Tür das Gefühl des Eingesperrtseins zu verdrängen. Nach dieser Stelle gab es keinen Ausgang und kein Fenster mehr. Das Ganze konnte ebenso gut eine Gruft sein und er unterwegs zu seinem eigenen Sarg.

Er ging durch einen kurzen Korridor und drückte auf den Fahrstuhlknopf. Die Wanduhr zeigte 07:57. Seine Ankunft würde als pünktlich registriert werden, wenn auch knapp. Sergeant Morello wäre alles andere als begeistert.

Ein lauter Piepton erklang hinter ihm, und er wandte sich um, als die Schlösser wieder zu rattern begannen, die Türen zischend aufschwangen und eine Frau in einem Rollstuhl in Sicht kam.

»Kelso, Sie sind spät dran«, sagte sie und bugsierte den Rollstuhl in den Vorraum des Fahrstuhls, noch ehe die Türen sich wieder vollständig hinter ihr geschlossen hatten.

»Auch Ihnen einen schönen guten Morgen, Corporal Wade«, sagte er.

»Zeit für ein Frühstück im sonnigen Damaskus«, erwiderte sie mit finsterer Miene.

Danny lachte. »Lieber Himmel, Kate. Wer hat Ihnen denn in die Cornflakes gepinkelt?«

Sie hob eine Augenbraue und verzog das Gesicht zum Anflug eines Lächelns. »Ich hatte nur keine Lust, aus dem Bett zu kriechen.«

»Ist das wahr?«, fragte Danny. »Hatte die Königin der Blechsoldaten in der vergangenen Nacht vielleicht Gesellschaft?«

»Und was für welche«, sagte sie, während ihr Blick ins Verträumte überging. »Wenn ich nur an diese Tattoos denke.«

»Ich wusste gar nicht, dass Sie auf Tätowierungen stehen.«

Sie zuckte die Achseln. »Nach acht Stunden pro Tag im Full-Metal-Jacket-Modus wollte ich ein wenig menschlichen Kontakt.«

»Und mich haben Sie nie angesprochen«, sagte Danny. »Das tut weh, Corporal.«

Ein seltsamer Ausdruck huschte über ihr Gesicht, und sie blickte zu ihm hoch. »Na ja, PFC Kelso, Sie haben sich auch niemals bei mir gemeldet.«

In seiner Brust entstand ein Flattern. Er sah sie an, wusste, dass er es schon viel zu lange tat und es gleich peinlich werden würde. Mit diesen fast violetten Augen, der Haut in der Farbe von Milchschokolade, den hohen Wangenknochen und den vollen, sinnlichen Lippen war Kate Wade nichts anderes als eine Schönheit. Sogar in ihrer Uniform und ungeschminkt sah sie aufregend aus. Sie scherzten ständig miteinander, flirteten und spielten, aber sie dienten in derselben Einheit, und keiner von ihnen hielt es für eine gute Idee, einen Schritt weiterzugehen. Nur ein einziges Mal war dieser Punkt zwischen ihnen zur Sprache gekommen, aber Danny erinnerte sich deutlich daran. Kate war damals verheiratet gewesen – ihr Ex war ein kompletter Mistkerl –, und Danny war natürlich mit Nora zusammen. Von diesem Morgen an traf nichts von beidem mehr zu, aber das wusste Kate nicht.

»Bist du okay?«, fragte sie.

Er lächelte und senkte den Blick. »Ich dachte gerade daran, mir ein Tattoo stechen zu lassen.«

»Du wüsstest nichts mit mir anzufangen, wenn du mich hättest«, sagte sie. »Außerdem kenne ich Typen wie dich. Kaum liegt ihr einige Zeit im Hafen, schon könnt ihr es kaum noch erwarten weiterzusegeln.«

Dem konnte Danny nicht widersprechen. Die Erinnerung daran, die schlafende Nora zum Abschied fast geküsst zu haben, war noch zu frisch.

Ein Glockenton erklang, und die Fahrstuhltüren glitten auf. Danny betrat die Kabine als Erster, da er wusste, dass Kate ihn umbringen würde, wenn er auf sie Rücksicht nahm. Sie rollte nach ihm über die Schwelle und wendete mit dem Rollstuhl so geschickt, als benutzte sie ihn aus freiem Willen wie ein Straßenkid ein Skateboard oder ein California Girl seine Rollerblades, um damit über die Strandpromenade zu düsen. Natürlich war es nicht ihre freie Wahl, und es war auch nicht lustig, aber es war nun mal ihr Transportmittel, und sie hatte es schon vor langer Zeit zu meistern gelernt, so wie sie fast alles meisterte.

Erst seit achtzehn Monaten war sie beim US Army Remote Infantry Corps, hatte aber vor dem Verlust ihrer Beine schon lange in der Army gedient. Danny hatte nicht den geringsten Zweifel, dass Kate einen rasanten Aufstieg durch die Ränge vor sich hatte. Eines Tages würde sie tatsächlich die Königin der Tin Men sein.

»Gott im Himmel, ich brauche dringend einen Kaffee«, sagte sie, während die Kabine mit ihnen zügig in die Eingeweide des Hump hinabsank, wo ihre restliche Schichtbesatzung – achtzehnhundert Männer und Frauen – bereits für ihren Einsatz präpariert wurde.

Dannys Magen knurrte. Offiziell waren sie bereits im Dienst, aber ihnen blieb noch eine halbe Stunde, bis sie an Ort und Stelle sein mussten, also genug Zeit für Kaffee und ein kräftiges Frühstück, wenn er sich beeilte. Die Röhren versorgten sie mit Flüssigkeit und Nährstoffen und lieferten sogar während der Schicht wichtige Proteine. Aber all das war kein Ersatz für eine anständige Mahlzeit. Am Ende jeder Schicht hatte er das Gefühl zu verhungern.

Während eines normalen Arbeitszyklus befanden sie sich für neun oder mehr Stunden unter Tage.

Aber heute würde nichts normal sein.

Danny hastete eine Rampe hinunter, wobei er bedauerte, das Omelett gegessen zu haben. Den Pfeffer- und Zwiebelgeschmack würde er den ganzen Tag im Mund haben. Ein Stück Melone oder Orange hätte das Problem gelöst, aber ihm lief die Zeit weg. Das war ihm eine Lehre.

Kate war vorausgefahren, da sie wusste, dass es vielleicht einige Minuten dauern würde, bis jemand frei wäre, um ihr beim Einsteigen in ihren Behälter behilflich zu sein, aber er rechnete nicht damit, dass sie ihn entschuldigte. Morello würde sowieso nicht zuhören, selbst wenn sie es tat.

Am Ende der Rampe präsentierte er seinen Ausweis an den Fahrstuhltüren, die aufglitten, um ihn einzulassen. Humphreys Deep Station One verfügte, soweit Danny wusste, über sechs Untertageebenen, und es hätte ihn nicht überrascht, wenn es noch weitere gab. Die erste Ebene, Level One, bestand aus nichts anderem als den Sicherheitstoren, einer beeindruckenden Lobby und Konferenzräumen, in denen der Kommandostab Besucher empfing, die keine Zugangsberechtigung für tiefer gelegene Ebenen hatten. Die Bereitstellungsräume für die Tin Men, Staging Areas genannt, nahmen drei Ebenen ein – mit Rechercheservice, technischem Hilfsdienst und Stabsabteilungen sowie der Messe auf den unteren beiden Ebenen. Die gesamte Basis war zylindrisch angelegt, mit Korridoren, die wie die Speichen eines Rades von der in der Mitte gelegenen Kommandozentrale ausstrahlten. Dannys Ziel war das Ende einer dieser Speichen.

Er fuhr mit dem Fahrstuhl zu Level Three hinauf, umrundete die Kommando-Achse und bog in den Korridor ein, der ihn zu Staging Area 12 – seinem Bereitstellungsraum – brachte, die auch das Sixth Battalion der 1st Remote Infantry Division beherbergte. Dannys Zug bestand aus sechsunddreißig Männern und Frauen unter dem Kommando von Lieutenant Khoa Trang mit Sergeant Morello als seinem Stellvertreter. Staging Area 12 sah genauso aus wie alle anderen, eine nichtssagende Lagerhalle mit silbern glänzenden Behältern, von der Army als Remote Combat Stations bezeichnet, die dem Augenschein nach jedoch nichts anderes als überdimensionierte Stahlsärge waren. Während seiner Ausbildung hatte Danny mindestens ein halbes Dutzend Männer und Frauen ohne nachgewiesene klaustrophobische Störungen die Nerven verlieren sehen, nachdem sie zehn Minuten in ihren Behältern eingesperrt gewesen waren. Aber ihm hatte es nie etwas ausgemacht. Für Danny waren die Stahlsärge nichts anderes als Kokons, und sich in einem davon einschließen zu lassen gestattete ihm, als etwas anderes – etwas Besseres – irgendwo weit entfernt wieder zum Vorschein zu kommen.

Soldaten strömten an ihm vorbei. Mehrere von ihnen, die soeben die Nachtschicht beendet hatten, kommentierten sein Zuspätkommen mit Pfiffen und nicht ganz ernst gemeinten Schimpfworten. Außerhalb seines eigenen Zugs gab es nur eine Handvoll Angehörige des Bataillons, die er persönlich kannte. Wenn sie aus ihren Behältern ausstiegen, hatte niemand Lust, lange herumzutrödeln. Im Gegensatz zu traditionellen Soldaten waren sie nicht gezwungen, in der Basis zu wohnen, und die meisten hatten in den Städten der Umgebung eigene Apartments gemietet. Nach ihrem Dienst brauchten sie frische Luft und ausreichend Platz und Freizeit.

Innerhalb der Züge war es vollkommen anders. Im Dienst befanden sie sich jeweils in den Köpfen ihrer Mitstreiter, und zwar für acht Stunden am Stück. Da war es unmöglich, die Männer und Frauen nicht genau kennenzulernen, die einem jeden Tag den Rücken freihielten. Natürlich kannte er einige besser als andere. Seiner Gruppe waren während der vorangegangenen beiden Monate ein halbes Dutzend Neulinge zugewiesen worden. Mit einigen hatte er bisher nicht ein einziges Wort gewechselt.

Seine Stiefel dröhnten metallisch auf den Treppenstufen, während er vom stählernen Laufgang in den ausgedehnten Bereitstellungsraum hinunterrannte.

»Private Kelso!«, erklang eine Stimme. »Was zur Hölle treiben Sie?«

Sergeant Morello stand mit verschränkten Armen vor einem Block von Behältern. Die Remote Combat Stations waren in Blöcke von sechsunddreißig – sechs mal sechs – aufgeteilt, und jede Staging Area enthielt drei solcher Blöcke, jeweils einen pro Schicht. Während normalerweise nur ein Drittel der 1st Remote Infantry Division während einer Schicht im Einsatz war, gab es genügend Behälter, um alle Soldaten der Division im Fall einer Krise an die Front zu schicken. »Sorry, Sarge«, sagte Danny, während er an ihm vorbeirannte und die belustigten Blicke der Angehörigen seines Zugs ignorierte, die bereits in ihren Stahlsärgen saßen, aufrecht wie auferstandene Tote, und sich über seine Notlage amüsierten.

»Jede Minute, die Sie vergeuden, ist eine Minute, die die Cupcakes länger Dienst machen müssen«, sagte Sergeant Morello.

Die Cupcakes – Sergeant Morellos Spitzname für Platoon C. Die Babydolls waren Platoon B. Lieutenant Trang und Sergeant Morello kommandierten Platoon A, von den anderen nur die Assholes genannt. Der Sergeant trug dieses Etikett jedoch mit Stolz.

»Dafür werden sie sich nicht bei Ihnen bedanken, Soldat«, fuhr Sergeant Morello fort.

»Ich weiß, Sarge.«

Morello starrte ihn an, dunkle Augen von olivfarbener Haut umgeben, lange Nase über buschigem Schnurrbart, alles kombiniert zu einer einschüchternden Erscheinung – trotz seiner Körpergröße. Sergeant Morello maß nur eins sechzig, aber hier draußen, in der realen, greifbaren Welt aus Fleisch und Blut, könnte Morello ihn zertrümmern, wenn ihm danach wäre.

»Er weiß es, sagt er«, schnaufte Morello und verdrehte die Augen. Dann: »Bewegen Sie Ihren Arsch, Kelso!«

Eilig schlängelte sich Danny zwischen den dicht beieinanderstehenden Behältern hindurch. Mehrere von ihnen waren bereits geschlossen, und durch die transparenten Polymerdeckel konnte er die Gesichter seiner Kampfgefährten sehen. Hartschorn zeigte trotz der engen Schädelkappe und dem Okular, das nur seine Nase und seinen Mund frei ließ, eine entspannte Miene. Der Knabe sah aus, als schliefe er, obgleich dank Dannys Säumigkeit noch keiner von ihnen ruhiggestellt worden war. Den meisten Angehörigen des Zuges wurden die Kampf- und Kommunikationshelme aufgesetzt. Sie saßen aufrecht in ihren Behältern, deren Deckel aufgeklappt waren und senkrecht hochstanden. Alaina Torres hatte ihr Haar wie immer sorgfältig frisiert, auch wenn im Laufe des Tages niemand ihr wahres Selbst zu Gesicht bekäme. Die meisten weiblichen Angehörigen des USARIC trugen das Haar im Dienst zu Pferdeschwänzen zusammengerafft oder kurz geschnitten. Es optisch besonders ansprechend herzurichten erschien Danny zwar unlogisch, aber es schadete niemandem. Daher ließ noch nicht einmal Sergeant Morello Torres gegenüber eine kritische Bemerkung deswegen fallen. Wenn man acht Stunden in einem stählernen Sarg verbringen musste, sollte man sich ein paar Freiheiten erlauben dürfen.

Als er sich seiner Reihe näherte, sah er Mavrides und Hawkins auf einem Behälter Karten spielen, leise miteinander tuscheln und Naomi Birnbaum verstohlene begehrliche Blicke zuwerfen, und er musste sich auf die Zunge beißen, um nicht laut loszulachen. Obwohl bereits vierundzwanzig Jahre alt, würde die zierliche Birnbaum immer jung aussehen, aber mit ihren großen braunen Augen und den langen Wimpern war sie auch eine Schönheit. Die meiste Zeit eher still und zurückhaltend, drehte sie enorm auf, wenn das Thema Musik zur Sprache kam und sie über Musiker redete, die sie liebte, oder von Instrumenten erzählte, die sie selbst beherrschte.

Der aggressive Hawkins baggerte Birnbaum an, seit er der Einheit zugeteilt worden war. Er war ein grinsender Gorilla, der glaubte, seine Fähigkeiten als Soldat machten ihn unwiderstehlich. Er war ein Monster im Kampfeinsatz und der Typ Soldat, den man sich als Partner wünschte, wenn eine Mission einen heiklen Verlauf zu nehmen drohte. Aber im friedlichen Alltag war Hawkins ein Gockel erster Güte, der seine Hände nicht bei sich behalten konnte, ein echter Bastard mit der Gabe zur Einschüchterung als einziger sozialer Kompetenz.

Obgleich es ziemlich rückständig erschien, hatte Danny das Gefühl, Birnbaum könnte Hawkins bei einem Zweikampf vernichten. Er hatte sie einmal beim Sparring gesehen und war über ihre Nahkampffähigkeiten geradezu geschockt gewesen. Danny war überzeugt, dass Naomi, falls Hawkins noch einmal eine Hand auf ihren Hintern legen oder zufällig ihre Brust streifen sollte, ihn in der Luft zerreißen würde.

Dann war da der Kleine, der sich mit Hawkins unterhielt, der neunzehnjährige Computerfreak, Zack Mavrides. Als Mavrides vor ein paar Monaten zu dem Zug gestoßen war, hatte Danny ihm das Einleben erleichtern wollen, aber der Junge hatte sich als Mistkerl entpuppt. Hawkins hatte Mavrides unter seine Fittiche genommen, ihm bei seiner Ausbildung geholfen und sich selbst als Mustersoldat präsentiert, und der Kleine war jung genug, um Hawkins’ Gabe für effiziente Gewaltanwendung zu bewundern. Alles, was er über das Töten wusste, hatte er in Videospielen gelernt, und Hawkins ermutigte ihn, seine finstersten Träume auszuleben, wenn sich eine geeignete Situation ergab.

Danny gefiel die Art und Weise nicht, wie sie Birnbaum in diesem Moment ansahen. Während er zu seinem eigenen Behälter schlenderte, beobachtete er sie und registrierte den lüsternen Ausdruck in den Augen beider Männer. Danny war hin- und hergerissen, sie entweder selbst zur Räson zu bringen oder Birnbaum das Okay zu geben, sich die beiden vorzunehmen.

»Schnell, schnell, Kelso!«, brüllte Sergeant Morello quer durch die Staging Area 12. »Kälter wird’s in der Hölle nicht.«

Die gesamte Einheit – diejenigen, die sich noch nicht hingelegt hatten – wandte sich zu ihm um. Hawkins tippte Mavrides auf den Arm, und sie begannen, in ihre Behälter zu klettern. Birnbaum lächelte ihn an und schüttelte den Kopf, während sie einen Klimmzug machte und in dem Stahlzylinder verschwand, dessen Deckel sich bereits zu schließen begann, ehe sie es auch nur annähernd geschafft haben konnte, sich anzuschnallen. Sogar das Anlegen ihrer Ausrüstung hatte sie zu einer eigenen Wissenschaft gemacht.

Ein paar Schritte entfernt tauchte ein Kopf auf. Soldat Jim Corcoran brauchte eine Rasur, aber er fand Gefallen an Bartstoppeln, weil sie die hässliche Narbe kaschierten, die sich quer über seine bleiche, sommersprossige Wange zog.

»Ich habe Kate geholfen«, sagte Corcoran.

Danny blieb zwischen seinem und Kates Kanister stehen. Er schaute hinein und sah, dass sie bereits ihren Kampfhelm aufgesetzt hatte und einsatzbereit war. Er wünschte sich, schneller gewesen zu sein. Ihr Flirt im Fahrstuhl hatte seine Gedanken auf die Reise geschickt, und während des hastigen Frühstücks hatte er mit der Idee gespielt, sie zu einem realen Dinner einzuladen, nur sie beide. Er wusste, sie würde über die Vorstellung von einem Rendezvous spotten. Würde von alten Highschoolzeiten reden. Aber er fragte sich, ob ihr diese Idee insgeheim nicht doch gefiel.

»Vielen Dank«, sagte Danny und wandte sich zu Corcoran um. »Meine Verspätung tut mir leid.«

»Wer soll sich darüber aufregen?«, fragte Corcoran. »Die Cupcakes? Scheiß auf diese Typen.«

Lachend kletterte Danny in seinen Behälter, während eine Technikerin herbeieilte, um ihm in sein Kampfgeschirr zu helfen. Anfang zwanzig, schwarz, auf eine reizende, ihrer eigenen Schönheit nicht bewusste Art hübsch, wie Frauen sie gelegentlich hatten. Aimee Something lautete ihr Name, und er bedankte sich bei ihr dafür, als sie das Geschirr hochhielt, während er mit den Armen hineinschlüpfte. Ihren Job beherrschte sie offenbar – das würde sie weit bringen. Techniker hatten auf ihrer Karriereleiter kein feindliches Feuer zu fürchten.

»Machen Sie sich keine Sorgen wegen Sergeant Morello«, sagte Aimee Something leise. »Sie haben sich zwar verspätet, aber Sie sind zumindest hier.«

»Ist denn jemand gar nicht zum Dienst erschienen?«, fragte er.

Aimee Something lächelte verschwörerisch und schaute sich prüfend um. »North«, sagte sie. »Er ist schon angetreten, aber mit einem Riesenkater. Hat in seinen Behälter gekotzt, und Sergeant Morello hätte beinahe von ihm verlangt, die gesamte Schicht in dieser Schweinerei zu liegen. Aber dann kam Morello der Gedanke, dass er eine Last sein könnte, und hat ihn zur Krankenstation geschickt.«

Danny runzelte die Stirn. »Was passiert mit seinem Bot?«

»Der zuständige Soldat der Nachtschicht bringt ihn vor dem Übergang zur Botschaft. Wahrscheinlich hat er es bereits getan.«

»North. Was für ein Schwachkopf. Er wird Ärger kriegen, das ist sicher«, sagte Danny, während er sich hinlegte und die Finger in die silbernen, hautdünnen Handschuhe schob, die mit den Systemen des Kanisters verbunden waren.

»Bestimmt«, pflichtete ihm Aimee Something bei. »Ich bin nur froh, dass ich die Schweinerei nicht beseitigen muss.«

Er lachte, während sie die Angaben auf dem kleinen externen Touchscreen überprüfte, der Technikern gestattete, seine Körperfunktionen von außerhalb zu kontrollieren. Der gesamte Zug würde natürlich auch von den Workstations aus überwacht werden – und zwar sowohl von Technikern als auch von automatischen medizinischen Programmen –, aber Aimee dachte gar nicht daran, ihn einzuschließen, ohne sich vorher zu vergewissern, dass er vorschriftsmäßig mit seinem Geschirr verbunden war und seine Organe einwandfrei arbeiteten.

»Alles klar«, sagte sie und schlug mit der flachen Hand auf den Behälter.

Danny reckte den Daumen hoch und ließ das Visier seines Kampfhelms einrasten.

»Deckel schließen«, sagte er.

Schließt. Die elektronische Antwort erreichte ihn dank der Komm-Pads auf seinen Schläfen direkt im Kopf anstatt über die Ohren. Es war eine emotionslose, vom Computer erzeugte männliche Stimme, die die Tin Men als Abkürzung für Uncle Sam nur Uncle nannten. Verbindung zu Platoon A des Sixth Battalion, 1st Remote Infantry Division hergestellt. Passen Sie auf sich auf, PFC Kelso. Augen und Ohren stets offen, Mund geschlossen.

»Musik«, sagte Danny. »The Killers.«

An diesem Morgen hatte er oft an seinen Vater gedacht. The Killers waren in jener Zeit, als er als alleinstehender Vater zwei aufsässige Jungen großgezogen hatte, die Lieblingsband des alten Herrn gewesen. Manchmal hörte Danny ihre Musik gerne während des Dienstes; dann hatte er ein Gefühl, als sei sein Vater dicht hinter ihm und gebe ihm zusätzlichen Schutz.

Achtung, PFC Kelso. Musik ist nicht verboten, aber laut Untersuchungen der R. I. Division kann sie ablenkende Wirkung haben.

Danny hatte nie etwas Nachteiliges in der musikalischen Untermalung gesehen. Wenn sie im Einsatz waren, erklang die Musik mit geringer Lautstärke im Hintergrund und verstummte, sobald sein Komm-System aktiviert wurde – sei es durch empfangene Stimmen oder wenn er selbst sprach. Die Technologie war derart verwirrend, dass er nach den ersten paar Monaten beim Remote Infantry Corps aufhörte Fragen zu stellen. Er hatte den Fehler gemacht, einem besonders eifrigen Techniker gegenüber seine Neugier zu bekunden, so dass dieser einen fünfminütigen Vortrag darüber hielt, wie die synthetischen Ganglien der Roboter eine Eins-zu-eins-Kopie der Gehirne ihrer Piloten herstellten und den zeitlichen Abstand zwischen Gedanke und Handlung so weit reduzierten, dass sich die Reaktionszeit der Tin Men trotz der notwendigen Satellitenübertragung nicht mehr von der eines Menschen aus Fleisch und Blut unterschied.

Darüber nachzudenken verursachte ihm Kopfschmerzen, daher konzentrierte sich Danny auf die jeweilige Mission und überließ alles andere den Technikern.

»Spiel sie einfach ein«, sagte er.

Nach einer winzigen Verzögerung setzte die Musik ein. Während der ersten Takte von »When You Were Young« stach eine Nadel in seinen Oberschenkel. Danny zuckte zusammen, gab jedoch keinen Schmerzlaut von sich. Die Nadel gehörte zu einer Rohrleitung, die ihn mit Flüssigkeit und Nährstoffen versorgte, während er sich im Ruhezustand befand. Sobald der Deckel seines Behälters geschlossen war, hatte er keine andere Wahl, als sich zu ergeben. Der Schichtwechsel zwischen Platoon C und Platoon A erfolgte praktisch nahtlos, in einem fließenden Austausch der Einsatzgruppe, wobei jeweils zwölf Soldaten abberufen und durch zwölf neue ersetzt wurden. Im Fronteinsatz sicherten die anderen vierundzwanzig jene, die sich im Übergang befanden. Der gesamte Prozess dauerte nicht länger als acht Sekunden.

Ein leises blechernes Alarmsummen ertönte. Danny atmete die mit Sauerstoff angereicherte Luft im Behälter tief ein und spürte, wie er schwebend in einen schlafähnlichen Zustand hinüberglitt. Es fühlte sich an, als versinke er in einem See warmen, dunklen Wassers, in einem Ozean von Schatten …

Mit einem scharfen Atemzug schlug Danny die Augen auf und sah die im hellen, heißen Sonnenschein brütenden Straßen von Damaskus vor sich. Er zwinkerte zweimal. Hörte das leise Klicken, das das Zwinkern begleitete, und eine stumme Computeranzeige erschien in seinem Sichtfeld. Temperatur, Uhrzeit, genaue GPS-Positionen für ihn selbst und alle Mitglieder seiner Einheit, Angaben über verfügbare Waffen, Munition und weitere Daten.

»Diese Arschlöcher«, schnappte Kate.

Danny hörte ihre Stimme in seinem Kopf genauso wie die Stimme Uncles. Er blickte sich suchend um und entdeckte sie nur ein paar Schritte entfernt im fleckigen Schatten der Ruinen des Chan As’ad Pascha. Selbst ohne die Markierungen auf ihrem staubigen Korpus hätte er sie an ihrer Körperhaltung erkannt. Er stellte sich vor, dass sie sich damals, als ihre Beine noch funktionierten, genau so bewegt haben musste, wie sie es jetzt in dem Roboterkörper tat, der ihr von der 1st Remote Infantry Division zugewiesen worden war.

Wie alle anderen hatte ihr Korpus einen antik wirkenden knochenweißen Farbton, der recht gut mit den alten Stadtvierteln von Damaskus verschmolz und sich schwarz färbte, sobald die Sonne unterging. Aber Kate und die Soldaten der beiden anderen Züge, die diesen Korpus mit ihr teilten, hatten ihn mit einem Paar Teufelshörner an den Seiten des Stahlschädels und einem kleinen Dreizack auf der linken Wange verziert. Dannys eigener Korpus trug die Zahl Dreizehn auf der Stirn und stellte seinen Aberglauben hinsichtlich seiner Personalnummer offen zur Schau. Die Soldaten der beiden anderen Schichten, die sich seinen Korpus mit ihm teilten, bewunderten seine Entschlossenheit, auf diese Art und Weise sein Schicksal herauszufordern.

»Von welchen Arschlöchern genau ist die Rede?«, fragte er.

»Von den Cupcakes«, sagte Kate und deutete auf seine Brust. »Sieh nur, was sie getan haben.«

Danny blickte nach unten und bemerkte die Zielscheibe aus perfekt konzentrischen roten, weißen und blauen Kreisen auf seiner Brust.

»Das ist nicht lustig«, sagte Kate.

Er lächelte, wohl wissend, dass sie die winzige Veränderung des Ausdrucks in seinem Robotergesicht bemerken würde.

»Nun«, sagte Danny langsam, »irgendwie schon.«

Ehe sie etwas darauf erwidern konnte, bellte Sergeant Morello einige Befehle, und der Zug stellte sich in zwei Reihen auf, nahm Haltung an und wartete auf Anweisungen. Lieutenant Trang stand hinter Morello. Keiner der Offiziere trug irgendwelche Zeichen an seinem Korpus, die auf seinen Dienstrang hinwiesen, aber jeder Beobachter hätte die Kommandostruktur auf Anhieb erkannt. Trang hatte ein Ewigkeitssymbol auf der Brust, während Morellos Korpus lediglich mit schwarzen Streifen unter den Augen versehen war, wie Footballspieler sie sich ins Gesicht schmierten, um den grellen Sonnenschein zu mildern.

»Platoon C meldete keinerlei feindliche Aktivitäten während der letzten acht Stunden«, sagte der Sergeant. »Mag sein, dass ihr faulen Ärsche euch dabei geborgen und sicher fühlt, aber es sollte auch die akute Paranoia bei euch ausbrechen lassen. Keine Neuigkeiten sind gute Neuigkeiten, so heißt es doch, nicht wahr? Bullenscheiße, sage ich. Keine Neuigkeiten heißt, dass sich irgendjemand eine verdammte neue Methode ausgedacht hat, um euch zu killen. Daher solltet ihr doppelt wachsam sein. Wenn ihr irgendetwas seht, das seltsam ist oder euch auch nur so vorkommt, gebt Laut. Verstanden?«

»Jawohl, Sergeant!«, antwortete der Zug im Chor.

Er verlangte nicht von ihnen, es zu wiederholen.

»Haltet nur die Augen offen«, sagte Morello. »Abrücken!«

Platoon A verteilte sich auf der breiten Straße vor den Überresten eines der einst schönsten Bauwerke der Welt. Die Kuppeln des Chan As’ad Pascha hatten Scharen von Touristen aller Nationalitäten angelockt. Die schattige Schönheit seiner Innenräume, die damit korrespondierende Sanftheit seiner Außenarchitektur … Wie fast alles, was das syrische Volk stets in Ehren gehalten hatte, war es während eines Bürgerkriegs zerstört worden. Danny hatte mal den Ausdruck »Scheiß niemals dort, wo du isst« gehört und betrachtete ihn als eine geschmacklose, aber dennoch zutreffende Weisheit. Mochten die Syrer Amerika mittlerweile hassen, letztlich waren sie sich selbst aber ihre schlimmsten Feinde gewesen.

Die Tin Men wagten sich auf die Straßen und in die Suks hinaus, die Waffen mit hydraulischen Muskeln, die niemals ermüdeten, schussbereit im Anschlag haltend. Danny wusste, dass sich keiner von ihnen Sergeant Morellos Warnung zu Herzen nahm. Jeder verdammte Dschihadist konnte eine Atombombe auf Damaskus werfen oder ihre Roboterhüllen in Brand setzen, und das Schlimmste, was den Tin Men zustieß, wäre höchstens ein psychisches Trauma. Verglichen mit dem früheren Soldatendasein war das Ganze nicht mehr als ein netter Spaziergang. Sie konnten ohne irgendwelche Opfer auf der amerikanischen Seite Krieg führen.

Doch sie mussten wachsam bleiben, um ihren Job anständig zu erledigen, der darin bestand, Frieden und Ordnung in einer Stadt zu erhalten, in der sie als Eindringlinge betrachtet wurden, als Teufel, die nur wenig schlimmer als Schaitan waren. Sie mussten kühl bleiben – ein einziger entscheidender Fehler konnte einen internationalen Zwischenfall auslösen, und die ferngesteuerte Infanterie der US-Army war bereits umstritten genug –, aber am Ende ihrer Schicht würde jeder von ihnen sicher und gesund in seinem eigenen Körper unten im Hump aufwachen.

Danny hatte nicht gelogen. Er fand die Zielscheibe auf seiner Brust tatsächlich ein bisschen lustig. Aber er hatte nicht die ganze Wahrheit gesagt. Als er nach unten blickte und die Zielscheibe sah, war er erschauert – und das betraf nicht nur seinen Fleisch-und-Blut-Körper in Deutschland. Sein gesamter Roboterkorpus hatte leicht gezittert.

Heckenschützen und Märtyrer schossen ständig auf die Tin Men, aber bis heute hatte er sich noch nie als individuelles Zielobjekt gefühlt.

2

Corporal Kate Wade machte es nichts aus, in Damaskus Dienst zu tun. Die antiamerikanische Atmosphäre konnte giftig sein, aber das war an vielen Orten so. Und Damaskus war ein verdammt besserer Ort als die Randgebiete der atomaren Wüste, die nach der Kernschmelze des Narora-Atomkraftwerks in Nordostindien zurückgeblieben war. Goodbye, Nepal. Nett, dich kennengelernt zu haben.

Und viel besser, dachte sie, als in Bangladesch zu sein. Ihr Cousin Alonso war dort seit den Hungerkrawallen vor zwei Jahren im Einsatz. Als sie das letzte Mal mit ihm gesprochen hatte, erzählte er, dass der Dienst dort unangenehmer geworden sei, denn so hässlich es schon gewesen war zu beobachten, dass Menschen einander wegen Nahrungsmitteln umbrachten, ihnen dabei zuzuschauen, wie sie verhungerten, sei noch weitaus schlimmer.

Dann war da Korea.

Tin Men waren an einem Dutzend Orte auf dem Globus im Einsatz, wo Grenzstreitigkeiten oder religiöser Hass sich zu blutigen Kriegen ohne Aussicht auf ein baldiges Ende gesteigert hatten. In jedem dieser Fälle hatte das USARIC den Konflikt beendet und beide Seiten zu einem Waffenstillstand gezwungen. Außer in Korea, wo die Nordkoreaner und die Südkoreaner weiterhin versuchten, einander auszulöschen, während sie gleichzeitig große Teile ihres Waffenarsenals einsetzten, um die amerikanischen Eindringlinge zu vertreiben.

Aber die Amerikaner konnten es sich leisten abzuwarten. Sie verloren Hardware, keine Menschen. Solange sich die Kosten für die Erhaltung einer sicheren Welt in Dollars anstatt in Menschenleben ausdrücken ließen, würde das amerikanische Volk nicht allzu laut protestieren. Auf dem Globus für Ordnung zu sorgen war in etwa das Einzige, was die amerikanische Wirtschaft davor bewahrte, unter den gleichen Problemen zu leiden wie die restliche Welt. Einige Stränge des Netzes internationaler Wechselbeziehungen, das die Weltwirtschaft zusammenhielt, waren ausgefranst, einige waren sogar gerissen. Alte Handelsbeziehungen hielten, neue waren noch unerprobt. Viele Nationen konzentrierten sich auf sich selbst, aber die Zeiten, in denen sie sich darauf verlassen konnten, ihr Überleben in Eigenregie zu sichern, waren längst vorbei.

Amerika hingegen … Amerika hatte Roboter. Gebaut von Amerikanern. Programmiert von Amerikanern. Und überwacht von Amerikanern. Das bedeutete, dass die Vereinigten Staaten Feinde hatten, die sie mehr denn je hassten, und Verbündete, die sie mehr denn je liebten – oder zumindest brauchten. Dieses Szenario bereitete Kate verdammtes Unbehagen, aber sie war eine gute Soldatin. Sie befolgte Befehle. Und an den Abenden, wenn sie sich schlafen legte, dankte sie welchen Göttern auch immer, die sich nicht von der Menschheit abgewendet hatten, dass am nächsten Morgen ein weiterer langweiliger Tag begann, den sie damit verbrachte, einen Roboter durch die Straßen von Damaskus zu steuern.

Nicht viele der Soldaten, die sie kannte, betrachteten ihr Vaterland als besonders edel oder heldenhaft. Die Tin Men von Platoon A machten sich keine Illusionen über die Motive der US-Regierung. Wenn sie mittels Einschüchterung bestimmten Regionen den Frieden aufzwangen, dann nur, um die Welt und die Wirtschaft für die Durchsetzung amerikanischer Interessen sicherer zu machen, und nicht mit irgendeiner ehrenhaften Absicht. Aber in den Jahren seit dem massiven Einsatz der Tin Men waren weniger Bürger – weniger Kinder – durch Kollateralschäden oder gewalttätige Unterdrückung ums Leben gekommen, und das betrachtete Kate als einen Gewinn.

Dies sah der Rest der Welt meist nicht so. Frühe Versionen ferngesteuerter Infanterieeinheiten waren von Widerständlern in Auseinandersetzungen hineingezogen worden, deren einziger Zweck darin bestand, die Tin-Men-Prototypen zu verleiten, harmlose Bürger zu töten, und damit hatten sie Erfolg gehabt. Mindestens ein Dutzend kleiner Konflikte waren nur deshalb ausgebrochen, weil der jeweilige Aggressor wusste, dass die Vereinigten Staaten Tin Men schicken würden, um einzuschreiten und Frieden zu erzwingen, ehe ihre Feinde wirkungsvolle Gegenmaßnahmen ergreifen konnten. Die Invasion Kenias durch Somalia war besonders blutig verlaufen, und nun, da sich das USARIC aus Westafrika zurückgezogen hatte, war damit zu rechnen, dass der somalische Diktator es abermals tun und den kenianischen Widerstand gegen die Einflussnahme Somalias nach und nach brechen würde.

In Wahrheit war der weltweite Widerstand gegen amerikanische Intervention jedoch nicht der Angst vor menschlichen Todesopfern oder der Idee entsprungen, dass die Tin Men eingesetzt wurden, um die verbrecherischen Verhaltensweisen von Diktatoren zu kaschieren. Die Tin Men hatten Tausende Menschenleben gerettet, doch dem Aufbegehren gegen sie hatte stets die Vorstellung von Kontrolle zugrunde gelegen. Es ging immer um das Recht auf Selbstbestimmung. Die Idee, dass nationale Souveränität und einzelne Stimmen nicht mehr zählten, infizierte die Massen – ein tödliches Gift, das zuerst antiwestliche Stimmung erzeugte und schließlich in nackter Anarchie gipfelte. Terrorismus und religiöser Dschihad waren zweitrangig geworden. Sie waren seit jeher Randerscheinungen gewesen, die zwar großen Schaden anrichten konnten, aber von der Öffentlichkeit generell abgelehnt wurden.

Die Anarchisten waren da etwas anderes. Extremisten kontrollierten die anarchistischen Kerngruppierungen, aber Millionen von Menschen begrüßten insgeheim ihre Bemühungen, die Roboter lahmzulegen oder zu zerstören, als Botschaft an die Vereinigten Staaten, dass ihre Einmischung nicht erwünscht sei. Kate bedauerte, dass die Welt die Tin Men nicht genauso sah wie sie. Ihre Aufgabe bestand darin, weltweit zu schützen und zu dienen, häufig auf Einladung der einen oder anderen Landesregierung. Sie wusste, dass viele Menschen sie so betrachteten, aber viel zu viele taten es nicht.

Sie ließ den Blick über die Mitglieder des Zugs schweifen und registrierte die charakteristischen Markierungen, die die Hüllen der Roboter aufwiesen. Auf einer dieser stählernen Hüllen entdeckte sie die Darstellung einer vollbusigen jungen Frau, die rittlings auf einer Rakete saß – es war die Reproduktion eines Bildes, das einst den Rumpf eines Bomberflugzeugs aus dem Zweiten Weltkrieg geschmückt hatte –, und ging hinüber.

»Travaglini, Sie kommen mit mir«, sagte sie.

Der Roboter salutierte knapp. »Jawohl, Ma’am.«

Mit siebenunddreißig Jahren war Ernie Travaglini bei weitem der Älteste im Zug, Soldat der vierten Generation und nur deshalb zum Militär zurückgekehrt, um sich beim USARIC einzuschreiben. Ebenso wie Kate war er Corporal, hatte kein Interesse an Beförderung, sondern wollte nur normalen Dienst tun.

»Können Sie das mit North verstehen?«, fragte Travaglini. »Der Lieutenant reißt ihm den Arsch auf, wenn die Schicht vorbei ist.«

»Ich wusste schon lange, dass er ein Idiot ist«, sagte Kate. »Aber nicht, was für einer. Ich hoffe, Morello hat ihm die Kotze in seinem Behälter für morgen aufgehoben.«

Kate hatte Thomas North schon immer für einen Clown gehalten, aber seine letzte Kapriole machte sie richtig sauer. Auch andere Angehörige des Zuges waren schon mal verkatert zum Dienst erschienen, aber sie hatte noch nie erlebt, dass jemand deswegen eine Schicht versäumt hätte. North war wie ein kleines Kind, das sich beim Schuldirektor melden soll, in die Krankenstation geschickt worden. Allein schon wegen der Art und Weise, wie Sergeant Morello ihn für den Tag beurlaubt hatte, hätte er vor Scham im Boden versinken müssen. Stattdessen hatte Kate, als er sich abwendete, ein spöttisches Grinsen in seinem Gesicht erkennen können. Das Arschloch hielt das Ganze offenbar noch für spaßig.

North würde für dieses seltsame Vergnügen jedoch bezahlen. Kein Angehöriger von Platoon A würde große Lust bekunden, mit ihm zusammen auf Patrouille zu gehen. Niemand hätte den Wunsch, sich von jemandem absichern und den Rücken freihalten zu lassen, dem seine Pflichten derart gleichgültig waren.

»Scheiß auf ihn«, sagte Kate. »Unsere Arbeit wartet.«

Ringsum teilte sich der Zug in die einander zugewiesenen Paare auf, die sich auf den Weg zu den Stadtvierteln machten, die sie überwachen mussten. Dank des Tempos, mit dem sich die Tin Men bewegen konnten, brauchte jeder von ihnen, falls auf ihn geschossen wurde, nur für ein oder zwei Minuten in Deckung zu gehen, bis Hilfe zur Stelle wäre. Kate entdeckte Kelso und Torres, die auf eine Seitenstraße nach Südwesten zusteuerten, und Kelso schien sie ebenfalls zu bemerken. Halb zu ihr gewandt, deutete er ein knappes Kopfnicken an, und sie erhaschte einen weiteren Blick auf die Zielscheibe, die auf der Brust seines Korpus prangte. Der Anblick bereitete ihr Magenschmerzen.

»Corporal Wade«, krächzte Sergeant Morellos Stimme in ihrem Ohr. »Warten Sie einen Moment, bitte.«

Stirnrunzelnd suchte Kate die Straße ab und sah ihn neben Lieutenant Trang stehen. Verdammt dämlich, die beiden so dicht beieinander. Falls Bot-Killer oder einheimische Heckenschützen in der Nähe waren, konnten beide innerhalb von Sekunden ausgeschaltet werden.

»Warten Sie«, sagte sie zu Travaglini. »Der Sarge will etwas.«

Trav nickte, und sie überquerte den Platz und warf einen letzten Blick auf die Gassenmündung, in der Kelso Sekunden zuvor verschwunden war. Er wollte zum Suk Al-Buzuriyah, jener langen Marktstraße im Herzen des ihm zugewiesenen Kontrollsektors. Kelso war einer der guten Soldaten, klüger und menschlicher, als ihm selbst offenbar bewusst war, aber er war hart gegen sich selbst. Kate war sich ziemlich sicher, dass sie sich die sexuelle Spannung, die sie zwischen ihnen spürte, nicht nur einbildete. Doch aus irgendeinem Grund fiel es ihr schwer, ihr nachzugeben und sich weiter vorzuwagen. Er flirtete und lachte und sah gut aus, aber wenn das Hin und Her zu lange dauerte, machte er zu und zog sich zurück wie eine Schildkröte in ihren Panzer – als glaube er, dass er dieses Vergnügen nicht verdiene.

Sie hätte mit ihm ins Bett gehen können, aber manchmal verrutschte seine Maske, und sie entdeckte einen Hinweis auf Schmerz, Verwirrung und Einsamkeit dahinter, und sie war klug genug, sich davon fernzuhalten, da sie wusste, dass, wenn sie die physische Nähe zu ihm zuließ, ganz sicher mehr daraus würde. Menschen, die litten, zogen einander magnetisch an, und nach ihrer Erfahrung nahm so etwas nie ein gutes Ende. Daher lud sie Kelso auch nicht zu sich nach Hause ein. Aber wenn sie hier draußen in Damaskus in ihren Blechbüchsen unterwegs waren, fiel es ihr deutlich schwerer zu ignorieren, was sie empfand. Wie kam das?

Im Dienst bin ich wacher und sensibler als nach Feierabend.

Ihre Therapeutin wäre begeistert. Welche Mühe hatten sie sich gegeben, ihr zu helfen, den Verlust ihrer Beine zu verarbeiten. Dabei empfand sie sich als vollständig, als vollwertige Person, als Frau, die einen Roboterkörper fernsteuerte, während sie Tausende Meilen entfernt in einer Röhre lag.

Als sie auf Morello und Trang zuging, verdrängte sie diese Überlegungen und schwor, während ihrer restlichen Schicht nicht mehr an Danny Kelso zu denken.

»Was gibt’s, Sarge?«, fragte sie, und dann grüßte sie Trang mit einem Kopfnicken. »Lieutenant.«

Zur Kommunikation standen ihnen für persönliche Gespräche private Kanäle zur Verfügung oder offene für die Ansprache des gesamten Zuges, egal wie weit verstreut sie waren. Aber bei entsprechender Nähe zum Gesprächspartner schalteten sie Außenlautsprecher ein, so wie sie es auch taten, wenn sie mit Einheimischen kommunizierten.

»Haben Sie irgendwelche Gesichter gesehen?«, fragte Sergeant Morello.

Kate runzelte die Roboterstirn, legte den Kopf leicht schief und sah für einen kurzen Moment zum Lieutenant hinüber, dann suchte sie den Platz ab. Nur ein halbes Dutzend Angehörige des Zugs waren noch in Sicht. Aber keine Einheimischen.

»Nein.«

»Genau das, was ich sage«, erwiderte Morello.

»Ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse, Sergeant«, warnte Trang.

»Ich ziehe keine Schlüsse, Sir. Ich habe lediglich einen Sachverhalt festgestellt«, knurrte Sergeant Morello halblaut, dann wandte er sich wieder zu Kate um. »Seien Sie wachsam, Corporal Wade. Dass es ruhig ist, haben wir schon früher erlebt, aber nicht so extrem. Das gefällt mir nicht.«

»Jawohl, Sir«, erwiderte Kate.

»Wir sind im Krieg, Sergeant«, sagte Trang. »Wenn sich die Aufständischen mit uns anlegen wollen, dann nur zu. Wir haben Techniker im Zug, die Reparaturen ausführen können, und falls jemand zu stark beschädigt ist, sammeln wir die Einzelteile auf und bringen sie zur Basis.«

Die Gesichter der Roboter verfügten nicht über die gesamte Bandbreite des menschlichen Ausdrucks, aber wenn man lange genug Kontakt zu ihnen hatte, waren sie ziemlich leicht zu deuten, und Kate konnte erkennen, dass Sergeant Morello Mühe hatte, sich einen Kommentar zu verkneifen. Es passte ihm nicht, dass Trang ihn über Dinge belehrte, über die sogar der unerfahrenste Rekrut Bescheid wusste. Der Lieutenant hätte es besser wissen müssen. Wenn Sergeant Morello irgendetwas beunruhigte, dann war es nicht nur die Furcht vor einem Hinterhalt. Machte er sich Sorgen, dann gab es wirklich einen gewichtigen Grund dafür.

Kate war schon einige Dutzend Mal in einen Hinterhalt geraten, und es wären stets Leute in der Nähe gewesen. Manchmal ergriffen sie die Flucht, kurz bevor es krachte, und schickten ihr auf diese Weise eine Warnung, und manchmal nahmen sie die Kollateralschäden auch einfach hin. Aber Morello hatte recht: So ruhig hatte sie Damaskus noch nie zuvor erlebt. Birnbaum und Hartschorn waren Techs – Techniker, die Tin Men während des Einsatzes reparieren konnten –, daher hatte sie wegen ihrer eigenen Sicherheit keine allzu großen Befürchtungen. Sorgen machten ihr eher die Menschen aus Fleisch und Blut in ihrer Umgebung.

»Ich halte die Augen offen«, sagte Kate.

»Und einen Kanal«, erwiderte Sergeant Morello.

Sie salutierte und kehrte zu Travaglini zurück, der am nordöstlichen Ende der Straße auf sie wartete. Sie berichtete ihm lediglich, dass den Sarge die herrschende Ruhe störte, und nicht, dass auch sie deswegen nervös war.

»Wollen wir nicht zum Damneh-Platz?«, fragte Travaglini.

Kate nickte. »Eigentlich schon. Aber wir machen einen kleinen Umweg und gehen zuerst zur Umayyaden-Moschee. Fragen Sie nicht weshalb.«

Travaglini zuckte die Achseln. »Wie Sie wünschen.«

Als sie in das Straßenlabyrinth dieser seltsamen Stadt eindrangen, in der Altertum und Moderne heftig miteinander kollidierten, achtete sie auf Fenster und Türen. Von Zeit zu Zeit bemerkte sie Gestalten, die sich hinter Sonnenschutzrollos oder in den Spalten zwischen den Lamellen von Jalousien bewegten, aber niemand kam heraus. Keiner beobachtete sie, als sie an den Häusern vorbeigingen, fast als seien sie unsichtbar … oder als gebe es an diesem Tag auf den Straßen von Damaskus etwas, das sie nicht sehen wollten. Etwas Schlimmeres als amerikanische Roboter, die durch ihre Stadt streiften.

ENDE DER LESEPROBE